VON HANS STEGMANN.

Als ich mit freud in uberflues

Den spruch, mein valete, peschlues,

Des tags kam eben zu mir gleich

Der weit perüembt und künstenreich

Maler, der in Nürnberg, der stat

Den rumb, wie Albrecht Dürer hat,

Der im vergleichet mit der hant,

Mit sinreichikeit und verstand[1].

Wer heute die obenstehenden auf Andreas Herneisen[2] sich beziehenden

Verse des biederen Hans Sachs liest, wird sich, wenn er die

Kunstverhältnisse Nürnbergs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

sich vergegenwärtigt, kaum eines Lächelns erwehren können, auch wenn

ihm der hier an Dürers Seite gestellte Andreas Herneisen zunächst

noch gänzlich unbekannt sein sollte. Es gehört ein tiefes Eindringen

in die Geschichte Nürnbergs in allen ihren Äußerungen politischer,

wirtschaftlicher, geistiger und künstlerischer Natur dazu, um den

Tiefstand begreifen zu können, den die Nürnberger Malerei noch nicht

fünfzig Jahre nach dem Tode Albrecht Dürers, des Mannes, der ihr den

ersten Platz in ganz Deutschland erworben, erreichte. Es können hier

die Faktoren nicht aufgezählt werden, die den außergewöhnlich raschen,

wenn auch nach außen noch verschleierten Verfall der in jeder Richtung

so hoch bedeutenden Reichsstadt herbeiführten. Die bildenden Künste,

vor allem die Malerei, zeigt denselben am augenscheinlichsten, nur

das Kunst~handwerk~ blüht, weil eben allein das Bürgertum, d. i.

in diesem Falle das Handwerk, sich ernste Tüchtigkeit bewahrt hatte,

während die oberen Kreise, politisch, wirtschaftlich und geistig mit

dem Vergessen und der Vernachlässigung der Momente, welche Nürnberg

groß gemacht hatten, dem unausbleiblichen Bankerott langsam aber sicher

zusteuerten.

Die Künstler, die in Nürnberg Dürers Erbe übernahmen, heißen, wenn

auch zunächst wegen des kleinen Formats ihrer graphischen Werke die

Kleinmeister, klein war aber auch der geistige Horizont und Inhalt

ihrer Thätigkeit. Das war, wie bereits angedeutet, nicht allein

ihre eigene Schuld, sondern mehr noch die ihrer Umgebung, die ja

schon einem Dürer nur ein dürftiges Einkommen gewährt hatte. Die

Kirche, die Jahrhunderte lang die nährende Mutter der Künste auch

in Nürnberg gewesen, hörte auf, der Mittelpunkt des künstlerischen

Schaffens zu sein, die vornehmen Leute, das Patriziat, waren aus

klugen, weitsichtigen, unternehmenden Bürgern äußerlich Edelleute

geworden, innerlich aber Spießbürger geblieben, der dritte Stand

war in seiner geistigen Entwicklung noch zu weit zurück, um in die

Entwicklung der hohen Kunst fördernd einzugreifen. Doch aber war

mit dem Anbruch der modernen Zeit die Freude an der Persönlichkeit

so weit gestiegen, daß die Darstellung derselben, die Bildniskunst,

reiche Nahrung, quantitativ wenigstens, fand. Denn die Zunahme der

Porträts aus bürgerlichen Kreisen führte ihre Verbilligung und damit

ihre Handwerksmäßigkeit herbei. Georg Pencz war der letzte Vertreter

der eigentlichen Nürnberger Bildnismalerschule, und als einen, wenn

auch vielleicht nur mittelbaren Nachfolger dürfen wir den bescheidenen

Meister, dessen unbescheidenes Lob aus Hans Sachs Munde wir an die

Spitze stellten, ansehen, Andreas Herneisen, über dessen Leben und

Wirken die an sich vielleicht nicht übermäßig interessanten, aber doch

manche kultur- und kunstgeschichtliche Aufschlüsse bietenden, bis jetzt

auffindbaren Notizen im Folgenden zusammengestellt werden sollen.

In weiteren Kreisen war eigentlich von ihm nicht viel mehr bekannt,

als daß Jost Amman nach einem Bild von ihm 1576 das Porträt des Hans

Sachs radierte. Und doch werden wir sehen, daß die launische Klio

über ihn mehr der Nachwelt erhalten hat, als über viel bedeutendere

Kunstgenossen; dafür ist von dem wichtigsten Teile seiner Thätigkeit,

seinen dekorativen Malereien, so gut wie nichts auf unsere Zeit

überkommen.

Andreas Herneisen[3] ist am 28. Juli 1538 als der Sohn von Hans und

Barbara Herneisen zu Nürnberg geboren. 1562 dürfte er das Meisterrecht

errungen haben, da er in diesem Jahre heiratet und ebenso zuerst als

Meister erwähnt wird. Über seine Lehr- und Wanderjahre, sowie seine

Lehrmeister sind wir nicht im mindesten unterrichtet[4]. Sein erstes

Vorkommen ist indes kein rühmliches. Am 27. Juni heißt es »Enndresen

Herneysen im loch auff das schmehelich gemeldt vnd wers Im also

angeben guetlich zured halten sein sag wiederpringen[5].« Der Maler

war also wegen eines dem Rat anstößig erschienenen Gemäldes gefänglich

eingezogen worden. Auf die Dauer scheint ihm dies aber die Gunst des

Rates nicht entzogen zu haben; in demselben Jahre wird er vom Rat

für die Triumphpforte für Maximilian II. im August und September in

Gemeinschaft mit den übrigen Nürnberger Meistern dreiundeinhalb Wochen

beschäftigt und erhält 7 fl. Lohn[6].

Bald muß er sich auf dem Gebiet großer dekorativer Malereien einen

guten Namen gemacht haben, denn das in seinem Anfang oben zitierte

Gedicht des Hans Sachs spricht in ausführlichster Weise von seinen

Arbeiten in Aldersbach[7] wie folgt:

Saget mir, wie er kumen wer

Von Allerspach dem gefuersten abt;

Pey dem het er ein pstallung ghabt,

Am cor zu malen künstlich fleißig

Umb hundert guelden, darzu dreyssig,

Sambt als unkost und zerung frey,

Farb und was man sunst dorft darpey,

Sambt einen leitkauf seiner frawen.

Das »Valete« des Hans Sachs ist 1567 (s. Götze a. a. O. S. 321) der

hier angezogene Spruch am 28. August 1568 gedichtet, also muß die

Arbeit in Aldersbach in den vorgenannten beiden Jahren vor sich

gegangen sein.

In die sechziger und siebziger Jahre fallen auch eine Anzahl von

Bildern des Meisters, die von seiner Kunst fast allein mehr Zeugnis

geben und die sich in dem Vorstandszimmer der Hauptschützengesellschaft

Nürnberg befinden.

[Illustration: Abb. 1. Die ältesten Porträts der Nürnberger

Schützenmeister im Schießhaus zu Forsthof in Nürnberg. Erste bis dritte

Reihe.]

[Illustration: Abb. 2. Die ältesten Porträts der Nürnberger

Schützenmeister im Schießhaus zu Forsthof in Nürnberg. Vierte bis

sechste Reihe.]

Dort sind die Schützenmeisterbilder seit den sechziger Jahren des 16.

Jahrhunderts bis zum heutigen Tag aufbewahrt. Unter den sechs ältesten

Reihen nun, auf die zum erstenmal in der Festzeitung zum XII. deutschen

Bundesschießen in Nürnberg im Jahre 1897 von Dr. Reicke[8] hingewiesen

wurde, befinden sich eine größere Anzahl Herneisen’scher Bilder.

Die sechs Reihen, die im Laufe der Jahrhunderte und insbesondere

wohl bei der Übertragung vom alten Schießhaus in St. Johannis in das

jetzige zu Forsthof in Unordnung gekommen sind, vielleicht auch das

eine oder andere Stück verloren haben mögen, enthalten vierzehn mit

dem Monogramm bezeichnete Porträts von Andreas Herneisen unter einer

Gesamtzahl von 42 Stück. Die beiden beigegebenen Abbildungen 1 und

2[9] geben dieselben wieder, ohne freilich eine genauere kritische

Würdigung zuzulassen. Die monogrammirten Stücke sind in Abbildung 1:

das vierte der ersten Reihe (immer von links nach rechts gerechnet)

Endres Deucher, 2) das dritte (Albrecht Welcker), 3) das vierte (Hans

Trebing, Bader zu Wöhrd), 4) das fünfte (Martin Pfeiffer Sporer), der

zweiten Reihe, 5) das erste (Hans Koch), 6) das dritte (Joerg Lang),

7) das vierte (Peter Frischeisen), 8) das sechste (Hanns Ziegler) der

dritten Reihe, in Abbildung 2: 9) das zweite (Steffan Bon), 10) das

dritte (Franz Reder); 11) das vierte (Jacob Koch), der ersten, 12) das

zweite (Johan Ettwiller), 13) das vierte (Hans Wynderlin), 14) das

fünfte (Mertty Hoffmann) der zweiten Reihe. Mit diesen bezeichneten

Bildern dürfte aber die Thätigkeit Herneisens für diesen Zweck nicht

erschöpft sein; ja es ist nicht einmal der Gedanke ganz von der Hand zu

weisen, daß von den 42 Bildern 41 (das letzte von 1615 kann natürlich

nicht von ihm sein) von Herneisen gemalt sind, wiewohl es nicht ganz

wahrscheinlich ist. Mit Rücksicht auf Manier, Auffassung und Technik

möchte ich noch das zweite Bild (Jörg Schwertfeger) der ersten Reihe,

die vier übrigen der zweiten Reihe (Hans Schneider, Büchsenfasser,

Bernhard Hainla, Sebastian Seufferbelt, Martin Lang), das fünfte und

siebente der dritten Reihe (Niclas Mengel und Hans Lutz) in Abbildung

1, das sechste und siebente der ersten Reihe (Istrom Lindelbach und

Martin Baumgartner), das sechste der zweiten (Sewald Wissenhauer)

und das zweite und dritte der dritten Reihe in Abbildung 2 (Madeis

Flaischer und Baltasser Rinder) ihm zuweisen.

Der Umstand, daß er in der urkundlich beglaubigten Zeit seines

Würzburger Aufenthalts (1578-87) einige bezeichnete Bilder hierher

malte, erlaubt, ihm auch andere nicht bezeichnete aus dieser Zeit

zuzuschreiben. In Anbetracht der kleinbürgerlichen Verhältnisse, in

welchen wir uns die hier Dargestellten ausschließlich lebend zu denken

haben, und welche schwerlich zu besonders hohen Aufwendungen für ein

Porträt verleiten und daher auch den Künstler kaum zur Anwendung

seines höchsten Könnens anstacheln mochten, können wir uns aus den

kleinen Bildern (sie sind gleichmäßig 29 cm. hoch und 26,5 cm. breit

und auf Tannen- oder Fichtenholz gemalt), immerhin eine Vorstellung

von Herneisens künstlerischen Qualitäten machen. Darin, daß er seine

Halbfiguren stets vor eine hell gehaltene, ideale Landschaft setzt,

bewährt er sich als konservativen Nachfolger der Sitten der ersten

Hälfte des Jahrhunderts. Seine Malweise ist eine flotte, freie und

sichere; kräftige Farbenkontraste, wie sie ja das dargestellte Kostüm

mit sich brachte, liebt er; das Ganze ist stets hell gestimmt. Ob die

steife und etwas eintönige Haltung der Dargestellten mehr auf Rechnung

derselben, oder des Malers kommt, mag dahingestellt sein; immerhin

geben sie ein sehr anschauliches Bild des zu höherem Selbstbewußtsein

erwachenden Bürger- und Handwerkertums. Die landschaftlichen

Hintergründe sind ziemlich schematisch gehalten, und flüchtig gemalt.

Überraschend wirkt die Sicherheit, mit der die recht plastisch

durchmodellierten Figuren vor die Luftperspektive gesetzt sind. Die

Figuren selbst verraten flotte, rasche Ausführung, leichte und sichere

Pinselführung. Der Porträtähnlichkeit ist offenbar große Sorgfalt

zugewendet, und das Charakteristische in allen Äußerlichkeiten

trefflich erfaßt; geistige Vertiefung kann man bei dem Vorwurf ja

kaum erwarten. So viel kann man ruhig behaupten, der Mann hatte eine

recht achtbare Routine; daß sie gar zu sehr nach Handwerk schmeckt,

lag vielleicht mehr an den umgebenden Verhältnissen als an ihm selbst.

Eines läßt sich auch beobachten, daß Herneisen mit den Jahren zu immer

größerer Sicherheit sich durcharbeitete. Ein Vergleich der früheren und

späteren Arbeiten läßt dies erkennen. Von den datierten Arbeiten ist

das früheste von 1565, das späteste von 1582.

Von einigen weiteren Arbeiten berichtet Nagler in den Monogrammisten.

Daß das mit dem Monogramm 672[10] bezeichnete radierte Blatt, das

mir nicht vorliegt und eine weibliche Büste mit groteskem Kopfputze

darstellen soll, ein Herneisen’sches Werk ist, muß mindestens als recht

zweifelhaft angesehen werden. Auch über die andere Notiz Naglers[11]

ein bezeichnetes Bild von 1571 betreffend, kann hier bloß referiert

werden. Es soll die Leidensgeschichte Christi behandelt und darin noch

ein Nachklang der Dürer’schen Schule ersichtlich, die Färbung aber

nicht angenehm, ins Dunkle gehend, sein.

[Illustration: Abb. 3. Bildnis des Hans Sachs von Andreas Herneisen. In

der Galerie Weber zu Hamburg.]

Am bekanntesten sind von Herneisen jedoch die verschiedenen Hans

Sachs-Porträts geworden. Das eine derselben, von dem wir vorstehend

eine Nachbildung, und zwar zum erstenmale geben, befindet sich in

der bekannten Sammlung Weber in Hamburg, deren Besitzer, Herr Konsul

Weber, uns in liebenswürdiger Weise eine vortreffliche Photographie

zur Verfügung stellte. Es ist ein Brustbild des einundachtzigjährigen

Hans Sachs ohne Hände, nach rechts gewandt, auf rotem Grunde[12]. Der

greise Dichter mit graublauen Augen, spärlichem, weißem Haupthaar und

Vollbart, und weißen Augenbrauen, trägt eine graue, mit schwarzem Pelz

besetzte Schaube über rotem Rock mit weißer kurzer Halskrause. Die

Bezeichnung oben in der Mitte befindet sich innerhalb der Jahrzahl

1576. Das Bild ist auf Tannenholz gemalt, 49,5 cm. hoch und 38 cm.

breit. In die Sammlung Weber gelangte es aus der Auktion Arnstein in

Berlin 1890, nachdem es sich um die Mitte des Jahrhunderts im Besitz

des Ministers von Nagler befunden hatte. Es ist das Vorbild der meisten

uns bekannten Hans Sachsbildnisse gewesen. Ohne die künstlerische

Bedeutung des Bildes zu überschätzen, darf man wohl behaupten, daß es

mit einfachen Mitteln eine starke, naturalistische Wirkung erreicht.

Die Greisenhaftigkeit des Dargestellten ist mit außerordentlicher

Wahrheit wiedergegeben. Der Einzeldruck mit dem oben des öfteren

angezogenen Gedicht »Ein gesprech, darin der dichter dem gefeierten

abt zu allerspach etc.«, enthält die Radierung (Stich) des Jost Aman

(?)[13] und an den 1568 gemachten Spruch anschließend, beziehungsweise

ihn verwendend, die Danksagung des Herneisen für das geschenkte Valete

für den Abt, sowie die genauen Daten über das Bild in den unten

stehenden Versen. Daß sie von Hans Sachs selbst kurz vor seinem Tode

noch verfaßt, ist wohl nicht anzunehmen, vielleicht hat einer der

Freunde aus der Nürnberger Singschule dem Maler ausgeholfen, wenn

dieser nicht gar selbst in diesem Fall den etwas flügellahmen Pegasus

bestiegen hat. Der Maler schreibt:

Und ich, Endres Herneisen, hab

Mit danckbarm gmüt für solche gab

Obgmelten Herrn Hans Sachsen alt,

So vil mir müglich, sein gestalt

Abconterfeit, da er alt war

Zwey monat vnd 81. Jar

Bracht jms zum newen Jar zur schenck

Weil ich aber war ingedenck,

Das vil leut auch in nah vnd ferrn

Verlangt zu sehen diesen Herrn

Vnd nit zu jm können kommen

Hab ich zu ehrn disem frommen

Mein willig dienst auch darzu than

Vnd in im Truck lassen ausgan,

~Weil er selbst sagt an seim Siechbet,

Das jm das Bild gleich sehen thet.~

* * * * *

Später sagt er:

Vnd dises Gmehl vollendet wurdt

Nach vnsers Herrn Christi geburt

Da man zelt tausend fünff hundert Jar

Vnd sechs vnd sibentzig fürwar,

Am newen Jars abent genendt.

Gott verleih jm ein seligs end

Vnd ein freudenreiche vrstend.

Es mag bemerkt werden, daß von den anläßlich des Todes nach Herneisens

Gemälde angefertigten, gestochenen und geschnittenen Nachbildungen,

so weit mir das Material vorliegt, sich gerade diejenige Ammans am

wenigsten treu an das Vorbild hält, obwohl dasselbe angeführt wird. Die

betreffenden Verse lauten:

Zwei monat ein vnd achzig jar alt

War ich Hans Sachs in der gestalt

Von Endres Herneisen abgemalt u. s. w.

Es ist nach genauer Kenntnis des vorbeschriebenen Bildes jetzt auch

sicher anzunehmen, daß Herneisens Bild das Vorbild für die anläßlich

der Vierhundertjahresfeier bekannt gewordenen Hans Sachsmedaille in

München ist.

Herneisen hat den greisen Dichter und sich selbst nur noch in einem

Genrebild verewigt, das ebenfalls seit längerer Zeit bekannt, doch erst

in den letzten Jahren bei dem Hans Sachsjubiläum die Aufmerksamkeit

weiterer Kreise auf sich zog und bei dieser Gelegenheit auch abgebildet

wurde[14]. Die genaue Beschreibung des Bildes mag hier im Wesentlichen

nach O. v. Heinemann[15] folgen: Das Bild, schon seit längerer,

aber nicht näher zu bestimmender Zeit im Besitz der Wolfenbütteler

Bibliothek, ist auf Holz gemalt, 54 cm. breit und 47 cm. hoch. Der

Maler hat sich darauf selbst dargestellt, wie er beschäftigt ist, den

ihm gegenübersitzenden Dichter möglichst naturgetreu auf die Tafel

zu bringen. Hans Sachs sitzt links von dem Beschauer, in grauem,

pelzverbrämten Hausrock, mit weißen Ärmeln und weißer Halskrause, an

einem Schreibtische, die Feder in der Hand, aber er schreibt nicht,

sondern er wendet das nach vorn gehaltene Gesicht mit dem spärlichen

weißen Haupthaar, und dem langen, weißen, unten spitz zulaufenden Bart

zu zwei Dritteln dem Beschauer zu. Auf dem Tische, der das Schreibpult

trägt, steht ein Tintenfaß mit eingetauchter Feder, links davon liegt

ein aufgeschlagenes Buch, rechts ein Papierblatt, auf dem geschrieben

steht: »Zway monat 81 iar wardt ich Hans Sachs in diser Gestalt Von

Endres Herneisen abgemalt.« An dem Pult aber, an dem sich der Dichter

anschickt zu schreiben, spaziert mit erhobenem Schwanz ein graues

Kätzchen einher. Die Schrifttafel unterhalb des Tisches bezieht sich

auf dieses Kätzlein, und dieses hat wohl auch teilweise den Anlaß zur

Fertigung gegeben. Die anziehende Erläuterung des Spruches gibt O. von

Heinemann in dem erwähnten Aufsatz.

Da mir nur eine nicht genügende Photographie des Bildes vorliegt, ist

die künstlerische Qualität desselben schwer zu beurteilen. Mit Ausnahme

vielleicht des Kopfes von Herneisen ist sie aber entschieden schwächer

als das Webersche Hans Sachsbild und die Bildnisse der Schützenmeister.

Bedenken, die wegen des Kostüms des Malers aufgetaucht sind, als ob

es mehr der Mode des beginnenden 17. Jahrhunderts angehöre, und hier

eine spätere Fälschung vorliege, vermag ich nicht zu teilen. Ein

Vergleich mit den Kostümen der Schützenmeister ergibt die Echtheit.

Trotzdem wäre es möglich, daß die nicht durch ihre Ausführung, aber

ihrem Inhalt nach verschiedenen Seiten hochinteressante Genrescene

erst beträchtliche Zeit nach dem Tod des Hans Sachs entstanden wäre,

und zwar aus Eitelkeit des Künstlers, der sein nahes Verhältnis zum

Dichter seinen Zeitgenossen gewiß recht eindringlich vor Augen führen

wollte, oder aus wirklicher Anhänglichkeit an den Verstorbenen. Für

die spätere Anfertigung spricht die offenbar aus dem Gedächtnis nur

ganz andeutungsweise gegebene Lokalität. Bezüglich der Jahrzahl ist zu

bemerken, daß Heinemann wohl sicher irrt, wenn er 1574 liest. Auf der

Photographie ist die Zahl nicht zu erkennen.

1578 siedelte Herneisen nach Würzburg über, wie schon oben kurz erwähnt

wurde. Über seinen dortigen Aufenthalt berichtet Becker einmal aus dem

seit dieser Zeit in den Besitz des Germanischen Museums übergegangenen

Würzburger Malerverzeichnis, daß er 1578 in die dortige Lucasgilde

aufgenommen worden sei[16], dann, daß ihm im Jahr 1580 vom Domkapitel

zu Würzburg die Ausmalung der Decken des dortigen Doms um 700 fl.,

5 Malter Korn und drei Eimer Wein verdungen worden sei[17]. Seine

Arbeiten haben im vorigen Jahrhundert der jetzigen Dekoration weichen

müssen.

Aus den Ratsverlässen geht hervor, daß er ursprünglich nur auf zwei

Jahre nach Würzburg gehen wollte, unaufgesagt seines Bürgerrechts. Er

scheint aber bald einen günstigen Boden für seine Thätigkeit gefunden

zu haben, denn 1579, am 22. Mai, gibt er das Nürnberger Bürgerrecht

auf, um erst 1587 nach Nürnberg zurückzukehren.

Ob seine Thätigkeit dort keine Aufgaben mehr fand, oder ob nur der ihm

in Aussicht gestellte Auftrag, ihm die Neubemalung und Vergoldung des

schönen Brunnens, der damals einer gründlichen Erneuerung unterzogen

wurde[18], zu übertragen, seine Rückkehr, die eine definitive sein

sollte, bewirkten, wissen wir nicht. Über diesen Auftrag sind wir in

der Lage, aus der Literatur, den Ratsverlässen, und vor allem aus

einer Anzahl Briefe Herneisens, die diese Angelegenheit betreffen,

und bei einem Akt mit Rechnungen etc., über die Instandsetzung des

schönen Brunnens, im gedachten Jahr im Nürnberger Stadtarchiv sich

erhalten haben, ganz genauen Bericht geben zu können. Mögen die

künstlerischen Qualitäten Herneisens auch keine übermäßigen sein, so

daß seine Gestalt nur durch die Personen und Denkmale, an die seine

Thätigkeit sich knüpft, in erster Linie interessiert, so glauben

wir doch, die sechs Schreiben Herneisens hier in extenso und in

diplomatischer Treue[19] folgen lassen zu sollen. Einmal, weil sie

in das deutsche künstlerisch-handwerkliche Treiben, den Ton und die

Bildungsstufe der damaligen Handwerker-Künstler, über das ganze Milieu

von Auftraggeber und Künstler, über technische und wirtschaftliche

Fragen des Künstlerlebens erwünschten Aufschluß geben, dann, weil sie

uns das Denken und Fühlen eines biederen, warmherzigen Menschen von

kerndeutscher Art kennen lernen lassen, also als kulturgeschichtliche

und menschliche Dokumente Wert und Anziehendes genug haben. Die Briefe

sind nicht datiert und bis auf einen von der Hand des Malers selbst.

Der erste ist an den Rat von Nürnberg gerichtet und lautet:

Erveste Erbare wolweiße günstige herrn. Dieweil mir von einem

erbarn Rath alhie fürkomen, so ich meiner gelegenheitt nach möchte

mich wiederumb hieher in nürmberg Begeben, so woltten ir ernvest

mir den schonen Brunen zu mallen vnd vergülden verleihen; darin dan

der Ernvest Herr Jeronimus Holzschuher vertraulich mitt mir davon

gehandeltt vnd an mich begertt meinen vberschlag zu thon, welches

ich mich dan ganz vnderthenig Erbern (?) nach meinem geringen

verstandt dasselbig E. Ernvest hiermitt vermelde vnd ist gewiss

so ich es bei einem gülden konndte erraten oder treffen damitt

E. E. vest nit vbernomen vnd ich Bei gebürlicher besoldung bleiben

kondte, warlichen thun wolte, die weil aber dises ein gefehrliche

arweitt, sonderlich dass golt aufs sich tregt, habe ich Erstlich

Bey mir weniger nicht vberschlagen konden[20], dan 1500 fl., die

weil aber es gemelter herr Holtzschuher Baumeister mir angezeigt,

es werde ein rath nitt gesinett so vill goltes wie zuvor[21] daran

zu hengen, welchs dan meiner meinung auch nicht zu wider vnd etwass

zirlicher sthen würde, dass ander mit allerley merllen[22] von

schönem glantz aussgefasst[23]; damit da der staub sich darauss

gesamelt durch den regen mo(c)ht wider abschissen vnd abgewaschen

werden. vnd damitt E. Ervest wissen mogen, wass er auf das negst

Costen würdt allen vncosten dazu zu legen von goltt vnd oll farben,

wills auch mit gott bezeugen der sachen so vil mir muglich recht zu

thun, so wird es Bei den dreizehen hundert gulden bleiben muessen

ausserhalben des gegitters, so diser zeitt noch nitt gantz fertig,

auch nicht davon zu fodern ist. daneben denutig[24] gebetten, da

ich E. E. vest solches werck gantz verfertigett, auch gefallen

davon hette, ich aber dessen Schadens oder mer dan ich verhofft,

darauff lauffen würdt vnd bei verstendigen solches gespürtt, meine

heren würden mich desshalben ergotzen[25]. welches ich andrer

meinung nitt melde dan darumb, dass solche arweitt nitt wie ander

gemeldt[26] zu schetzen ist. wil mich hiemit E. Ervest sampt meinen

gantzen von Gott gegebenen wenigen angebotten vnd bevolhen haben.

E. Ernverst williger v. gehorsamer diener

Endres Hernneisen maller.

Zur Sache selbst mag hier das nicht uninteressante Faktum mitgeteilt

werden, daß der Rat offenbar für die Bemalung und Vergoldung des

schönen Brunnen eine Art engere Submission ausgeschrieben hatte.

In dem beregten Aktenfascikel findet sich nämlich auch die (nicht

eigenhändige) Eingabe eines sonst nicht bekannten, aber wie es aus

seinen eigenen Worten scheint, angesehenen Malers Barthl Brechtl,

der ebenfalls vom Rat um Angabe seiner Forderung für diese Arbeit am

schönen Brunnen befragt wurde. Es sei hier auszugsweise nur so viel

gesagt, daß er für unmöglich erklärt, im Voraus einen Kostenvoranschlag

zu machen, vielmehr die schlaue Idee hat, den Rat aufzufordern, ihm

erst mitzuteilen, was die farbige Fassung im Jahre 1541 gekostet habe.

Er betont dabei, wie wir dies gleich auch bei Herneisen sehen werden,

die bedeutende Preissteigerung der Materialien. Er selbst würde die

Arbeit leiten, an der Spitze der Gehilfen würde sein Sohn stehen,

er würde des Weiteren aber auch noch eine Anzahl Nürnberger Meister

beiziehen. Jedenfalls würden die Kosten (ohne Gitter) nicht unter 1800

fl. betragen. Der Rat, der sparen wollte, wird weder auf das erstere

Verlangen die früheren Kosten anzugeben, noch auf das um 500 fl.

höhere Angebot weiter reagiert haben. Dies geht schon aus dem zweiten

Schreiben Herneisens an den Baumeister (patricischen Referenten über

das Nürnbergische Bauwesen) Hieronymus Holzschuher hervor:

Ernvester Wolweisser günstiger her Holtzschuer. Nachdem mir von Eur

Ernvest vnd auch dem Ernvesten herrn Jullius geuder ist befelch

geben, dass ich eine Visierung zu dem schonen Brunen nitt allein

auff Bapier, sondern auch an dem Brunnen selbst von ollifarben

machen vnd mallen solte; wie ich dan vermeint dasselbig auffs

Bestendigste zu verrichten. Welches dan nun geschehen vnd ane

Zweiffel ein Erbar rath Besichtigett vnd dieweil mir[27] nun

abermals des verdings oder foderung halben handeln sollen, ist

darauff meine entliche meinung, nach dem ich die zeitt vber den

Brunen Besichtigt, Bei meiner Ersten foderung zu Bleiben vnd wie

die selbige lautett, keineswegs davon zu wei(c)hen. ich mochte

aber wol leiden, dass ein E. E. weiser Rath den zeug alss oll vnd

farben, goldt vnd zu sohen[28] gehorig selbsten schaffen vnd leghen

vnd ich allein die gesellen vnd gesindt, so mir dazu duglich[29],

herbei brechte, dieselbigen in der cost halten; für solches ales

wolte ich 500 fl. nemen vnd denselbigen nach meinem Besten vermügen

mallen vnd machen. da aber eur Weisheit wolten der wochen nach

Besolden oder arweiten lassen, so kondt man mitt dem gesindt der

Cost vnd lohn halben abermals weg finden. Was meine Berson Belangt

will ich in allen sachen nach meinem besten vermügen darzu rethlich

sein vnd meine Besoldung ist einen tag ein gulden. vnd ferner weiss

ich E. E. vnd Weisheitt keinen fürschlag oder andern Bericht zu

geben. Bleib also bei dem Ersten Meinen Bericht. dan ich auch die

Bedencken hab wie alle ding zum deuersten alss öll, steinöll vnd

farben, das man vor wenig zeitten baldt vmb halb geldt gekaufft

hett. zu dem so ist mit dem goldtschlager[30] abgehandelt, das

er das buch goltt eines gulden dicker vnd steiffer machen soll,

welches sich dan auch gewaltig mer in das gelt legt. so ist das

gesindt schwer zu halten mit Cost vnd lohn. müsst auch noch wol

was verzeeren, Biss ich ettwass von gesindt zusamen Bring, die mir

taugen. wil geschweigen, was einem vol öll vnd zeug, goltt vnd

andern verschütt oder in ander weg verwüst wirtt. dass vnmuglich

ist solte ich dan stetig mit Beschwertem hertzen arweiten vnd etwa,

da gott vor sey, mit meiner armutt noch Buessen. vnd kem dise meine

Reis von Würtzburg dar zu[31], so würdte es mir zu Wahrhafftigem

verderben gereichen. vnd kan E. Ervest für mein Berson keinen

andern fürschlag thon, dan den Ersten vnd so ferrn ich E. Ernvest

auch Einen E. Erbarn Weissen Rath dazu gefallen mo(c)ht, so wil

ichs in gotes Namen wagen vnd frisch mit Ehstem angreiffen in alle

weg des Bürgerre(c)hts mit gemeint.

E. Ervest W. diener

Endres Herneisen

maler.

Der treuherzige Ton mit dem der Meister hier den weiteren Versuch,

den ohnehin niederen Preis herunterzudrücken, zurückweist wird bei

jedem Leser für den Schreiber einnehmen. Die Folge sollte dem Künstler

Recht geben, daß er um den Preis von 1300 fl. die Arbeit nicht in

gewünschter Weise zu Ende führen konnte. Die am Eingang des Schreibens

erwähnte Visierung glaubte Wallraff[32] in einer der beiden im

Germanischen Museum[33] aufbewahrten farbigen Zeichnungen des schönen

Brunnens wiederkennen zu sollen, nachdem Bergau die eine derselben

schon als Arbeit des J. Pencz nach einem modernen Monogramm desselben

beschrieben hatte[34]. Indessen sind meiner Ansicht nach die beiden

nach ~einem~ Vorbild, eben der Pencz’schen Zeichnung von 1541[35],

gefertigt, und zwar nach der rohen und sehr ungeschickten Ausführung

sicher von Dilettanten und nicht von einem Berufskünstler. Die am

Schluß stehende Erwähnung des Bürgerrechts soll soviel heißen, dass er

außer der ausbedungenen Summe die unentgeltliche Wiederverleihung des

Bürgerrechts erwarte. Diese erfolgte denn auch in dem Ratsverlaß, in

dem ihm weitere 200 fl. bewilligt werden[36].

Im nächsten Brief an Holzschuher ist der Meister in voller Arbeit, aber

ohne Geld:

Ervester wolweiser günstiger Herr Holzschuher. E. E. seindt meine

willige dinst ider zeitt zum Besten. Mein Begern vnd anzeigung

ist dieses an eur E. vest. die weil der costen nun mer grosser

wurtt und lefft, nemlich auff dem schonen Brunnen vnd sonderlich

den goltschlager Betreffendte, der mir dan zu sol(c)her arweitt

60 Buch goltts dass Buch vmb 4 fl. zugestellt vnd geliffert hatt

daran er 100 fl. von eur ernvest empfangen auff mein verdinge,

so Begertt er gleichwol jetz wiederumb; vnd damitt ich meiner

auch nit vergess, kann ich dem herrn nit verhalten solchs geltz

halben, welches mir dan teglich vnd alle stundt auffgeth, das mir

ein merers muss gereicht werden vndt vnder handen haben, ~es wil

jetz nitt geschertzt sein~[37], dan so ich wil fernnis[38] oder

Bleiweiss oder anderes haben, muss ich das gelt schir for hinaus

zallen, one wass mir auff das gesindt wechentlich geth. do aber

das würtzbergische gelt konte den schonen Brunnnen ausstauern vnd

verlegen[39], wolt ich es gar gern mitt einander von E. E. zur

entschafft[40] empfangen. die weil dan aber lautt meines zusagungs

vnd der hilffe gottes das werck schleunig vnd vleissig sol fortt

gehen, so wil mir gebüren die mengel, so solches verhinderten, E.

E. an zu zeigen, die mügen mich zu solcher sa(c)he nitt verstehen,

alss dass ich es Boss meinte vnd ettwa zu vill soltt herauss nemen.

das dan mein gebrauch nit gewest vnd noch nitt sein soll, dan

allein das ich haben muss. Mein Bfflug (?)[41] ist ietz allein zu

nurmberg vnd stetth die müll zu würtzberg, Euer E. E. soliches in

vntherthenigkeitt nit verhalten wellen vnd sollen.

Was das goltt anlangt Bin ich nie aus unserem verding vnd abredt

geschritten; will auch also demselbigen obliegen, vnd nach meiner

zusagung vleissig verrichten, den es ist ausfürlich also von dem

golt, wie ich es dan gebrauch, geredt worden vnd gantz vnd gar nitt

von anderem oder halb geschlagenem den da es wer fürgelauffen[42],

so wolte ich es damals widerrathen haben, den mir dieses golt,

so es auff steinöll in die krummen lilgen vnd rosen zu dick vnd

Brüchig ist. vnd wie wol ich weiss, dass Ein E. Erbar weiser Rath,

meine Herrn mir solchen costen des halb geschlagen golts da es

von notten[43], wol würden erstatten, so hatt es doch mir nitt

gepüren wollen dar zu zu rathen, dieweil es mir nitt zu brauchen

geschmeidig genug ist; ach nit lenger[44], wie den noht[45] ein

gantzer Ducaten am wetter bame[46] der farbe halben. Ist also bei

meiner warheitt weder nettig noch nütz, ein E. E. weisen Rath

in vnnötige vncosten zu führen. was aber mich vnd mein gemeldt

antrifft erbiete ich mich noch vnd darff anders nitt wiederholens,

wie meine vbergebne schrifften (vnd) das verding lautten, alles wo

mengel zu verbessern. Vnd sonsten E. E. vest mit Bestem vermügen zu

dienen, vnthertänig gebeten mir mein Begern, welches doch mündlich

geschehen könen, in solche vnzierlichen schrifften zu vermelden vnd

gegen E. E. auszuschicken nitt verargen. Befielh E. E. dem Ewigen

gott. E. E. W. Diner

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 14 / 80 题