„Bist du denn von da an noch lange im Ösling geblieben, Väterchen?“
fragte Rapsi, „und wann bist du denn nach Folkendingen gekommen?“
„Da lag noch mancher Tag dazwischen, Rapsi, und viel Wasser lief seither
zum Meere.
Seit 1860 wohnte ich in der Nähe von Luxemburg. Im Ösling verschwanden
die schützenden Wälder und Lohhecken immer mehr, und damit wurden die
uns armen Räblein drohenden Gefahren von Tag zu Tag zahlreicher.
Schweren Herzens hatte ich mich deshalb mit einigen Freunden
entschlossen, jene liebgewonnenen Ardennerberge mit ihren starken,
wackern Bewohnern zu verlassen und wieder in der Fremde ein neues Heim
zu suchen. Zwar wurde mir das Herz schwer, als ich an Burscheid
vorüberfliegen sollte, – als ich drunten die Schloßruinen liegen sah und
den gegenüberliegenden Berg, wo einst das Haus der Eltern gestanden, –
aber ich machte das Auge zu und flog gedankenlos vorüber. Wieder folgte
ich von Ettelbrück aus über Mersch dem Lauf der Alzette. Hinter dem
Mansfelder Park, oberhalb Clausen, wo der alte Römerweg hoch über die
Felder nach dem Grünewald führt, machten wir Halt. Im alten Tannenwald
daselbst fanden wir eine stille und im Winter warme Unterkunft.
Auch dort verlebte Hans manch schöne Stunde. Drüben ragten noch die
Türme und Mauern der Festung trotzig in die Lüfte. Große Tore, woran Tag
und Nacht die Wachen standen, gaben allein Zutritt zur Stadt. Zwei
Minuten Flug hatte ich nur bis zum Fort Thüngen mit seinen weiten
Exerzierplätzen, wo so mancher fette Bissen für die Räblein abfiel. Auf
dem vorspringenden Berge nebenan, von der Höhe hinter Clausen aus, hatte
man die schönste Aussicht. Dort, wo die Felsen jäh hinabfallen, saß ich
oft auf der höchsten Spitze einer alten Eiche und blickte mit Verachtung
auf die niedrigen Häuser am Fuße der Felsen. Meine helle Freude hatte
ich, die Clausener Menschenbüblein auf dem freien Platz drunten zu
betrachten, die so winzig, winzig klein waren, daß sie wie Ameisen
aussahen, die im Sande krabbelten.“
„War es denn nicht gefährlich dort, Väterchen Hans?“ fragte wiederum
Rassi. „Dort gab es ja damals noch so viele Soldaten. Haben sie nicht
nach dir geschossen, um dich zu töten?“
„Da hatten wir gar nichts zu fürchten, Kleiner; nie habe ich mich über
einen Mordanschlag ihrerseits zu beklagen gehabt. Im Gegenteil, sie
waren sehr gut und lieb gegen uns. Sie hatten sogar einige Räblein
gefangen und aufgezogen. Die wohnten bei ihnen in der Festung, wo sie
frei umherfliegen durften. In Hülle und Fülle gaben sie ihnen
Nahrungsmittel und Leckerbissen. Niemand tat ihnen etwas zuleide, und
auch wir konnten ohne Furcht zu ihnen kommen und an ihrem Überflusse
teilnehmen.
So verflossen in rascher Eile die kommenden Jahre. 1866 sah ich eines
Tages mehrere Familien mit ihren ärmlichen Möbeln in unserm Walde
ankommen. Aus Reisig und Tannenzweigen errichteten sie sich eine
notdürftige Wohnung.“
„Es waren gewiß Zigeuner,“ entgegnete Rassi, „solche habe ich voriges
Jahr im Buchengebüsch drüben gesehen. Aber die haben fein musiziert!
Sogar ihre kleinen Buben strichen aus länglichen Holzkasten ganz
wunderbar schöne Töne und schlugen nachher die drolligsten Purzelbäume.“
„Da irrst du aber doch, Rassi“, verneinte Väterchen Hans. „Fahrendes
Volk, Zigeuner, die durch Musik und Vorstellungen von Ort zu Ort ihren
Lebensunterhalt verdienen, waren sie nicht. Es waren arme Leute aus der
Stadt selbst, und die Angst war es, die sie in den Wald getrieben, die
Angst vor einer unheimlichen, bösen Krankheit, welche in jenem Frühjahr
1866 das Land schwer heimsuchte. Im Walde, fern von den andern Menschen
hofften sie desto eher der Ansteckung zu entgehen und ihr Leben zu
retten.
Abends saßen sie am flackernden Feuer zusammen, und ich härte, wie sie
ernst und betrübt redeten von den Fortschritten, welche die „Cholera“
unablässig machte. Dann und wann erschien ein Fremder bei ihnen und
brachte neue, unerfreuliche Nachrichten.
Gegen Ostern wütete die schlimme Seuche am heftigsten. Bald von diesem,
bald von jenem erzählten sie: tagszuvor war er noch gesund und munter,
wenige Stunden später lag er bereits im Sarge. Ja man erzählte sogar,
daß die Totengräber es manchmal mit dem Begräbnis recht eilig nahmen,
und daß schon mancher ins Grab gegangen, der in Wirklichkeit nicht
einmal tot gewesen.
Wenn dann das Feuerlein beinahe verflackert war, knieten die
geängstigten Leute nieder, und ernstes Gebet stieg herauf durch die
Äste, so innig und flehentlich, wie ich es früher selten gehört.
Feierlich klangen wieder jeden Morgen die Glocken von Liebfrauen. Die
Oktave war gekommen, und mehr denn sonst eilten von allen Seiten die
Pilger herbei, um Hilfe gegen die furchtbare Geißel zu finden, die das
Land so hart schlug. Da hörte ich auch, wie eines Tages die Prozessionen
von Diekirch und Gilsdorf kamen und viele ihrer Pilger trugen
Trauerkleider; ihre Ortschaften waren besonders schwer heimgesucht
worden.
Anfangs Sommer hörte die heimtückische Krankheit auf. Eines Tages
verließen unsere Gäste ihren Aufenthalt im Walde und kehrten freudig
heim an den väterlichen Herd. Ich freute mich mit ihnen, daß sie nun
dieser bangen Sorgen enthoben waren und wieder froh in eine hoffentlich
bessere Zukunft blicken durften.
Auch meine Tage im Walde daselbst sollten nun bald gezählt sein. Ich
stand eingangs der Achtziger, und in diesem Alter liebt man schon die
Ruhe und wird gegen alle Aufregungen viel empfindlicher.
Die Menschen schrieben 1867. Da sah ich eines Tages ganze Regimenter mit
wehenden Fahnen aus der Festung ausziehen. Unter klingendem Spiel kamen
sie den Clausener Berg herab und schritten auf der Trierer Straße mit
wackern Schritten weiter. Ich dachte zunächst, sie würden zu einer
großen Übung ausziehen, wie in den frühern Jahren. Doch wunderte ich
mich, daß so viele Menschen ein Stück Weges mit ihnen gingen; das war
früher nie der Fall gewesen. Auf der Schloßbrücke und dem Fischmarkt
standen die Zuschauer Kopf an Kopf. Es mußte doch etwas
Außergewöhnliches vor sich gehen.
Anderntags erfuhr ich, daß die bisherige Festungsbesatzung endgültig die
Stadt verlassen habe, und daß nun wahrscheinlich die Festung
niedergerissen würde. Luxemburg sollte ein offenes Land werden. Seine
geschleifte Festung sollte seine Sicherheit noch vermehren. Ungeschützt
sollte es doch geschützt sein durch das Wohlwollen der Nationen.
Einige Zeit später fuhr ich eines Morgens jäh im Schlafe auf. Ein
furchtbarer, langanhaltender Knall dröhnte von Luxemburg herüber;
rauschend trug ihn das Echo weiter durch die Wälder. Eine mächtige,
dichte Staubwolke stieg gleich darauf im Westen der Stadt auf und senkte
sich wieder langsam gegen den Glacis. Wochenlang folgte Knall auf Knall.
Ein Stück der Festung sank nach dem andern in Trümmer; gewaltsam wurde
niedergerissen, was in jahrelanger, mühsamer Arbeit errichtet worden
war.
Diesen Lärm werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Zwar hatte ein
Rabenfreund mir gesagt, ich brauche mich nicht zu fürchten, es könnte
unmöglich ein Stein von drüben bis zu uns herüberfliegen; doch ich
konnte mich nicht beruhigen. Bei jeder neuen Explosion fuhr ich
erschreckt auf; von Tag zu Tag wurde ich mehr und mehr erregt, und bei
einem längeren Aufenthalt daselbst wäre ich gewiß krank geworden. „Was
soll ich mir meinen Lebensabend“, dachte ich, „noch hier verbittern
lassen? Reißet nieder und schießt so lange ihr wollt, der alte Hans will
lieber seine Ruhe haben.“ So entschloß ich mich denn abermal umzuziehen
und im stillen Süden des Landes meinen Wohnsitz, hoffentlich den letzten
aufzuschlagen.
Anfangs Juni war es, als ich eines frühen Morgens dem Clausenerberg und
dem Grünewald Lebewohl sagte und über Bonneweg, Hesperingen und
Peppingen hinweg den waldigen Höhen des Johannisberges bei Düdelingen
zusteuerte. Von Luxemburg aus hatte ich diesen Berg schon jahrelang Tag
um Tag gesehen; fern am blauen Horizonte schien er mir in seiner stillen
Einsamkeit ein Stätte der Ruhe und des schönsten Friedens zu sein. Was
ich auf ihm suchte, fand ich in der Tat. In den Waldungen des Berges
gegen Kayl schlug ich meinen neuen Wohnsitz auf. Welch herrliche Gegend!
Friedliches Gelände allenthalben, Felder und fruchtbare Äcker, von denen
fleißige Landleute hundertfältige Ernten jubelnd heimführten. Die hohen
Schmelzöfen mit ihren schlanken roten Ziegelschloten standen damals noch
nicht. Das Rasseln der Maschinen, das Hämmern und Surren der Fabriken
störte nirgends die friedliche Stille ländlicher Einsamkeit.
„Johannisberg. Johannisberg,“ wiederholte Rapsi, indem er nachdenklich
die Kralle an die Stirne führte, „sag’ Väterchen, liegt der nicht in der
Nähe der Dörfchen Bergem, Steinbrücken und Pissingen? Ich glaube, aus
dieser Gegend war mein Großvater.“
„Ganz recht, ganz recht,“ nickte Hans, „diese Ortschaften liegen in der
Nähe, doch mehr landeinwärts, ungefähr auf halbem Wege zwischen
Johannisberg und Zolverknapp.“
„Ist es das Dörfchen Pissingen, von dem die Menschen das törichte
Sprichwort haben?“ fragte Rapsi. „Du weißt ja: Brüderlich teilen, wie
die Pissinger mit den Raben! Wenn ich doch nur wüßte, wie man zu diesem
Spruche kommt! Verschiedentlich habe ich darnach gefragt; niemand wußte
mir eine Erklärung zu geben. Väterchen Hans, weißt du es vielleicht?“
„Wie die Pissinger die Raben teilten, müßte man eigentlich sagen,“
entgegnete Hans. „Ist es wahr oder erfunden, ich weiß es nicht, doch
mein Urgroßvater erzählte mir einst folgendermaßen:
Gingen da eines Tages in Pissingen drei Burschen auf die Rabenjagd.
Brüderlich sollten sie alle Beute teilen. Da entdeckte der eine von
ihnen ein Nest hoch auf einer Pappel. Er kletterte hinauf und brachte
die Insassen, drei junge Raben, herunter. Nun ging es ans Teilen. „Ich
verteile selbst,“ sprach er. „Ein Räblein muß ich vorwegbekommen, denn
ich habe das Nest zuerst gesehen; ich bin auch auf den Baum gestiegen,
deshalb ist auch das zweite mein und das dritte gehört mir als Anteil.“
So erhielt der eine alles, die andern nichts. Seit der Zeit sagen die
Menschen hierzulande: Brüderlich teilen, wie die Pissinger mit den
Raben.“
„Den Raben, den Raben,“ knirschte Rassi, „immer die Raben! Müssen wir
nun auch schon für dumme Witze herhalten? Es wäre wirklich besser, die
Menschen witzelten über ihre langen Ohren und ließen uns in Ruhe. Doch
Väterchen, erzähle weiter.“
„Gewiß Rassi. Auf dem Johannisberg gefiel es mir sehr wohl. Schon faßte
ich den Entschluß, immer dort zu bleiben und im Frieden des stillen
Berges meine letzten Tage zu verbringen.
Doch wandelbar wie das Wetter sind auch unsere Geschicke und Gedanken.
In den ersten Monaten 1870 war es. Wiederum reckten die Menschen die
Köpfe zusammen. Sie sprachen von Frankreich und Deutschland, und als
drittes Wort verbanden sie damit das schaurige, böse Wort Krieg. Und
wenn sie lange zusammengestanden und gesprochen hatten und dann
auseinandergingen, hörte ich verschiedentlich: „Nun, wir werden ja bald
sehen; ihr werdet mich nicht Lügner finden, in einigen Monaten sind sie
aneinander.“
Krieg! Ich wußte, was das Wort bedeute; genugsam hatte ich es schon
erfahren.
Lügner waren sie keine gewesen, die den Krieg vorherverkündet! Gegen
Ende Juli war ihre Prophezeiung zur Wirklichkeit geworden.
Vom Süden her dröhnte der Kanonendonner.
„Im Kriege ist man besser weiter von den Grenzen weg“, dachte ich, und
ohne viel nachzudenken und zu überlegen, entschloß ich mich rasch wieder
nach Norden zu ziehen. So kam ich denn schließlich hiehin und wurde
Bürger in diesem schönen Eichenbusch. Seit Juli sind es genau 50 Jahre.
Deshalb hat ja auch neulich unsere ganze Sippe mir das schöne Jubiläum
gehalten; das müßt ihr doch noch alle wissen!“
„Gewiß, gewiß, Vater Hans,“ nickte Rassi, „ich erinnere mich ganz wohl.
O, das war ein schöner Tag! Weißt du noch Väterchen, die schönen Lieder,
die wir sangen? Der alte Jack hatte sie eingeübt. Nun liegt er schon
über einen Monat in der Ernz begraben. Und dann die Wettflüge um den
Turm von Eppeldorf und die Beforter Heide! Wie schön, wie schön!“
„Und die Frösche, die du zum besten gabst, Väterchen!“ jubelte ein
anderer. „Sieben waren es, recht fette.“
Vater Hans lächelte vergnügt. „Ja, ja!“ sprach er freudig, „fürwahr!
aber Mühe hatte es gekostet, sie zu erhaschen. Wenigstens drei Stunden
hatte ich am Weiher gelauert, bis ich sie packen konnte, und viermal
mußte ich zurückfliegen, sie herüberzutragen. Doch eine Ehre ist der
andern wert,“ fügte er stolz hinzu.