XV.

„Bist du denn von da an noch lange im Ösling geblieben, Väterchen?“

fragte Rapsi, „und wann bist du denn nach Folkendingen gekommen?“

„Da lag noch mancher Tag dazwischen, Rapsi, und viel Wasser lief seither

zum Meere.

Seit 1860 wohnte ich in der Nähe von Luxemburg. Im Ösling verschwanden

die schützenden Wälder und Lohhecken immer mehr, und damit wurden die

uns armen Räblein drohenden Gefahren von Tag zu Tag zahlreicher.

Schweren Herzens hatte ich mich deshalb mit einigen Freunden

entschlossen, jene liebgewonnenen Ardennerberge mit ihren starken,

wackern Bewohnern zu verlassen und wieder in der Fremde ein neues Heim

zu suchen. Zwar wurde mir das Herz schwer, als ich an Burscheid

vorüberfliegen sollte, – als ich drunten die Schloßruinen liegen sah und

den gegenüberliegenden Berg, wo einst das Haus der Eltern gestanden, –

aber ich machte das Auge zu und flog gedankenlos vorüber. Wieder folgte

ich von Ettelbrück aus über Mersch dem Lauf der Alzette. Hinter dem

Mansfelder Park, oberhalb Clausen, wo der alte Römerweg hoch über die

Felder nach dem Grünewald führt, machten wir Halt. Im alten Tannenwald

daselbst fanden wir eine stille und im Winter warme Unterkunft.

Auch dort verlebte Hans manch schöne Stunde. Drüben ragten noch die

Türme und Mauern der Festung trotzig in die Lüfte. Große Tore, woran Tag

und Nacht die Wachen standen, gaben allein Zutritt zur Stadt. Zwei

Minuten Flug hatte ich nur bis zum Fort Thüngen mit seinen weiten

Exerzierplätzen, wo so mancher fette Bissen für die Räblein abfiel. Auf

dem vorspringenden Berge nebenan, von der Höhe hinter Clausen aus, hatte

man die schönste Aussicht. Dort, wo die Felsen jäh hinabfallen, saß ich

oft auf der höchsten Spitze einer alten Eiche und blickte mit Verachtung

auf die niedrigen Häuser am Fuße der Felsen. Meine helle Freude hatte

ich, die Clausener Menschenbüblein auf dem freien Platz drunten zu

betrachten, die so winzig, winzig klein waren, daß sie wie Ameisen

aussahen, die im Sande krabbelten.“

„War es denn nicht gefährlich dort, Väterchen Hans?“ fragte wiederum

Rassi. „Dort gab es ja damals noch so viele Soldaten. Haben sie nicht

nach dir geschossen, um dich zu töten?“

„Da hatten wir gar nichts zu fürchten, Kleiner; nie habe ich mich über

einen Mordanschlag ihrerseits zu beklagen gehabt. Im Gegenteil, sie

waren sehr gut und lieb gegen uns. Sie hatten sogar einige Räblein

gefangen und aufgezogen. Die wohnten bei ihnen in der Festung, wo sie

frei umherfliegen durften. In Hülle und Fülle gaben sie ihnen

Nahrungsmittel und Leckerbissen. Niemand tat ihnen etwas zuleide, und

auch wir konnten ohne Furcht zu ihnen kommen und an ihrem Überflusse

teilnehmen.

So verflossen in rascher Eile die kommenden Jahre. 1866 sah ich eines

Tages mehrere Familien mit ihren ärmlichen Möbeln in unserm Walde

ankommen. Aus Reisig und Tannenzweigen errichteten sie sich eine

notdürftige Wohnung.“

„Es waren gewiß Zigeuner,“ entgegnete Rassi, „solche habe ich voriges

Jahr im Buchengebüsch drüben gesehen. Aber die haben fein musiziert!

Sogar ihre kleinen Buben strichen aus länglichen Holzkasten ganz

wunderbar schöne Töne und schlugen nachher die drolligsten Purzelbäume.“

„Da irrst du aber doch, Rassi“, verneinte Väterchen Hans. „Fahrendes

Volk, Zigeuner, die durch Musik und Vorstellungen von Ort zu Ort ihren

Lebensunterhalt verdienen, waren sie nicht. Es waren arme Leute aus der

Stadt selbst, und die Angst war es, die sie in den Wald getrieben, die

Angst vor einer unheimlichen, bösen Krankheit, welche in jenem Frühjahr

1866 das Land schwer heimsuchte. Im Walde, fern von den andern Menschen

hofften sie desto eher der Ansteckung zu entgehen und ihr Leben zu

retten.

Abends saßen sie am flackernden Feuer zusammen, und ich härte, wie sie

ernst und betrübt redeten von den Fortschritten, welche die „Cholera“

unablässig machte. Dann und wann erschien ein Fremder bei ihnen und

brachte neue, unerfreuliche Nachrichten.

Gegen Ostern wütete die schlimme Seuche am heftigsten. Bald von diesem,

bald von jenem erzählten sie: tagszuvor war er noch gesund und munter,

wenige Stunden später lag er bereits im Sarge. Ja man erzählte sogar,

daß die Totengräber es manchmal mit dem Begräbnis recht eilig nahmen,

und daß schon mancher ins Grab gegangen, der in Wirklichkeit nicht

einmal tot gewesen.

Wenn dann das Feuerlein beinahe verflackert war, knieten die

geängstigten Leute nieder, und ernstes Gebet stieg herauf durch die

Äste, so innig und flehentlich, wie ich es früher selten gehört.

Feierlich klangen wieder jeden Morgen die Glocken von Liebfrauen. Die

Oktave war gekommen, und mehr denn sonst eilten von allen Seiten die

Pilger herbei, um Hilfe gegen die furchtbare Geißel zu finden, die das

Land so hart schlug. Da hörte ich auch, wie eines Tages die Prozessionen

von Diekirch und Gilsdorf kamen und viele ihrer Pilger trugen

Trauerkleider; ihre Ortschaften waren besonders schwer heimgesucht

worden.

Anfangs Sommer hörte die heimtückische Krankheit auf. Eines Tages

verließen unsere Gäste ihren Aufenthalt im Walde und kehrten freudig

heim an den väterlichen Herd. Ich freute mich mit ihnen, daß sie nun

dieser bangen Sorgen enthoben waren und wieder froh in eine hoffentlich

bessere Zukunft blicken durften.

Auch meine Tage im Walde daselbst sollten nun bald gezählt sein. Ich

stand eingangs der Achtziger, und in diesem Alter liebt man schon die

Ruhe und wird gegen alle Aufregungen viel empfindlicher.

Die Menschen schrieben 1867. Da sah ich eines Tages ganze Regimenter mit

wehenden Fahnen aus der Festung ausziehen. Unter klingendem Spiel kamen

sie den Clausener Berg herab und schritten auf der Trierer Straße mit

wackern Schritten weiter. Ich dachte zunächst, sie würden zu einer

großen Übung ausziehen, wie in den frühern Jahren. Doch wunderte ich

mich, daß so viele Menschen ein Stück Weges mit ihnen gingen; das war

früher nie der Fall gewesen. Auf der Schloßbrücke und dem Fischmarkt

standen die Zuschauer Kopf an Kopf. Es mußte doch etwas

Außergewöhnliches vor sich gehen.

Anderntags erfuhr ich, daß die bisherige Festungsbesatzung endgültig die

Stadt verlassen habe, und daß nun wahrscheinlich die Festung

niedergerissen würde. Luxemburg sollte ein offenes Land werden. Seine

geschleifte Festung sollte seine Sicherheit noch vermehren. Ungeschützt

sollte es doch geschützt sein durch das Wohlwollen der Nationen.

Einige Zeit später fuhr ich eines Morgens jäh im Schlafe auf. Ein

furchtbarer, langanhaltender Knall dröhnte von Luxemburg herüber;

rauschend trug ihn das Echo weiter durch die Wälder. Eine mächtige,

dichte Staubwolke stieg gleich darauf im Westen der Stadt auf und senkte

sich wieder langsam gegen den Glacis. Wochenlang folgte Knall auf Knall.

Ein Stück der Festung sank nach dem andern in Trümmer; gewaltsam wurde

niedergerissen, was in jahrelanger, mühsamer Arbeit errichtet worden

war.

Diesen Lärm werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Zwar hatte ein

Rabenfreund mir gesagt, ich brauche mich nicht zu fürchten, es könnte

unmöglich ein Stein von drüben bis zu uns herüberfliegen; doch ich

konnte mich nicht beruhigen. Bei jeder neuen Explosion fuhr ich

erschreckt auf; von Tag zu Tag wurde ich mehr und mehr erregt, und bei

einem längeren Aufenthalt daselbst wäre ich gewiß krank geworden. „Was

soll ich mir meinen Lebensabend“, dachte ich, „noch hier verbittern

lassen? Reißet nieder und schießt so lange ihr wollt, der alte Hans will

lieber seine Ruhe haben.“ So entschloß ich mich denn abermal umzuziehen

und im stillen Süden des Landes meinen Wohnsitz, hoffentlich den letzten

aufzuschlagen.

Anfangs Juni war es, als ich eines frühen Morgens dem Clausenerberg und

dem Grünewald Lebewohl sagte und über Bonneweg, Hesperingen und

Peppingen hinweg den waldigen Höhen des Johannisberges bei Düdelingen

zusteuerte. Von Luxemburg aus hatte ich diesen Berg schon jahrelang Tag

um Tag gesehen; fern am blauen Horizonte schien er mir in seiner stillen

Einsamkeit ein Stätte der Ruhe und des schönsten Friedens zu sein. Was

ich auf ihm suchte, fand ich in der Tat. In den Waldungen des Berges

gegen Kayl schlug ich meinen neuen Wohnsitz auf. Welch herrliche Gegend!

Friedliches Gelände allenthalben, Felder und fruchtbare Äcker, von denen

fleißige Landleute hundertfältige Ernten jubelnd heimführten. Die hohen

Schmelzöfen mit ihren schlanken roten Ziegelschloten standen damals noch

nicht. Das Rasseln der Maschinen, das Hämmern und Surren der Fabriken

störte nirgends die friedliche Stille ländlicher Einsamkeit.

„Johannisberg. Johannisberg,“ wiederholte Rapsi, indem er nachdenklich

die Kralle an die Stirne führte, „sag’ Väterchen, liegt der nicht in der

Nähe der Dörfchen Bergem, Steinbrücken und Pissingen? Ich glaube, aus

dieser Gegend war mein Großvater.“

„Ganz recht, ganz recht,“ nickte Hans, „diese Ortschaften liegen in der

Nähe, doch mehr landeinwärts, ungefähr auf halbem Wege zwischen

Johannisberg und Zolverknapp.“

„Ist es das Dörfchen Pissingen, von dem die Menschen das törichte

Sprichwort haben?“ fragte Rapsi. „Du weißt ja: Brüderlich teilen, wie

die Pissinger mit den Raben! Wenn ich doch nur wüßte, wie man zu diesem

Spruche kommt! Verschiedentlich habe ich darnach gefragt; niemand wußte

mir eine Erklärung zu geben. Väterchen Hans, weißt du es vielleicht?“

„Wie die Pissinger die Raben teilten, müßte man eigentlich sagen,“

entgegnete Hans. „Ist es wahr oder erfunden, ich weiß es nicht, doch

mein Urgroßvater erzählte mir einst folgendermaßen:

Gingen da eines Tages in Pissingen drei Burschen auf die Rabenjagd.

Brüderlich sollten sie alle Beute teilen. Da entdeckte der eine von

ihnen ein Nest hoch auf einer Pappel. Er kletterte hinauf und brachte

die Insassen, drei junge Raben, herunter. Nun ging es ans Teilen. „Ich

verteile selbst,“ sprach er. „Ein Räblein muß ich vorwegbekommen, denn

ich habe das Nest zuerst gesehen; ich bin auch auf den Baum gestiegen,

deshalb ist auch das zweite mein und das dritte gehört mir als Anteil.“

So erhielt der eine alles, die andern nichts. Seit der Zeit sagen die

Menschen hierzulande: Brüderlich teilen, wie die Pissinger mit den

Raben.“

„Den Raben, den Raben,“ knirschte Rassi, „immer die Raben! Müssen wir

nun auch schon für dumme Witze herhalten? Es wäre wirklich besser, die

Menschen witzelten über ihre langen Ohren und ließen uns in Ruhe. Doch

Väterchen, erzähle weiter.“

„Gewiß Rassi. Auf dem Johannisberg gefiel es mir sehr wohl. Schon faßte

ich den Entschluß, immer dort zu bleiben und im Frieden des stillen

Berges meine letzten Tage zu verbringen.

Doch wandelbar wie das Wetter sind auch unsere Geschicke und Gedanken.

In den ersten Monaten 1870 war es. Wiederum reckten die Menschen die

Köpfe zusammen. Sie sprachen von Frankreich und Deutschland, und als

drittes Wort verbanden sie damit das schaurige, böse Wort Krieg. Und

wenn sie lange zusammengestanden und gesprochen hatten und dann

auseinandergingen, hörte ich verschiedentlich: „Nun, wir werden ja bald

sehen; ihr werdet mich nicht Lügner finden, in einigen Monaten sind sie

aneinander.“

Krieg! Ich wußte, was das Wort bedeute; genugsam hatte ich es schon

erfahren.

Lügner waren sie keine gewesen, die den Krieg vorherverkündet! Gegen

Ende Juli war ihre Prophezeiung zur Wirklichkeit geworden.

Vom Süden her dröhnte der Kanonendonner.

„Im Kriege ist man besser weiter von den Grenzen weg“, dachte ich, und

ohne viel nachzudenken und zu überlegen, entschloß ich mich rasch wieder

nach Norden zu ziehen. So kam ich denn schließlich hiehin und wurde

Bürger in diesem schönen Eichenbusch. Seit Juli sind es genau 50 Jahre.

Deshalb hat ja auch neulich unsere ganze Sippe mir das schöne Jubiläum

gehalten; das müßt ihr doch noch alle wissen!“

„Gewiß, gewiß, Vater Hans,“ nickte Rassi, „ich erinnere mich ganz wohl.

O, das war ein schöner Tag! Weißt du noch Väterchen, die schönen Lieder,

die wir sangen? Der alte Jack hatte sie eingeübt. Nun liegt er schon

über einen Monat in der Ernz begraben. Und dann die Wettflüge um den

Turm von Eppeldorf und die Beforter Heide! Wie schön, wie schön!“

„Und die Frösche, die du zum besten gabst, Väterchen!“ jubelte ein

anderer. „Sieben waren es, recht fette.“

Vater Hans lächelte vergnügt. „Ja, ja!“ sprach er freudig, „fürwahr!

aber Mühe hatte es gekostet, sie zu erhaschen. Wenigstens drei Stunden

hatte ich am Weiher gelauert, bis ich sie packen konnte, und viermal

mußte ich zurückfliegen, sie herüberzutragen. Doch eine Ehre ist der

andern wert,“ fügte er stolz hinzu.

Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat · 第 17 / 19 题