Selicour. Von meiner Mutter!--Ja--ich--ich habe eben einen Brief
von ihr erhalten--einen Brief, worin sie mir meldet, daß sie
endlich--
Mad. Belmont. Daß sie die tausend Thaler erhalten--nun, das freut
mich--
Selicour. Hätte ich sonst die Fassung haben können?--Aber, dem
Himmel sei Dank!--jetzt ist mir dieser Stein vom Herzen, und in der
ersten Freude setzte ich diese Strophen auf, die ich die Ehre gehabt,
Ihnen zu überreichen.
Mad. Belmont (zu Charlotten). Er hätte dich gejammert, wenn du ihn
gesehen hättest--Da war's, wo ich sein ganzes treffliches Herz
kennen lernte.--Herr Selicour, ich liebe Ihre Romanze, noch eh' ich
sie gelesen.
Dritter Auftritt.
Vorige. Narbonne.
Narbonne. Selicour hier bei Ihnen! Ei, ei, liebe Mutter! Sie
ziehen mir ihn von nöthigeren Dingen ab.--Er hat so dringend zu thun,
und Sie beladen ihn noch mit unnützen Aufträgen.
Mad. Belmont. Sieh, sieh, mein Sohn!--Will er nicht gar böse
werden!
Narbonne. Was soll aus dem Aufsatz werden, der doch so wichtig und
so dringend ist?
Selicour. Der Aufsatz ist fertig. Hier ist er!
Narbonne. Was, schon fertig?
Selicour. Und ich bitte Sie, zu glauben. Daß ich weder Zeit noch
Mühe dabei gespart habe.
Narbonne. Aber wie ist das möglich?
Selicour. Die Mißbräuche der vorigen Verwaltung haben mir nur zu oft
das Herz schwer gemacht--Ich konnte es nicht dabei bewenden lassen,
sie bloß müßig zu beklagen--dem Papiere vertraute ich meinen
Unwillen, meinen Tadel, meine Verbesserungsplane an, und so trifft es
sich, daß die Arbeit, die Sie mir auftrugen, schon seit lange im
Stillen von mir gemacht ist--Es sollte mir wahrlich auch nicht an
Muth gefehlt haben, öffentlich damit hervorzutreten, wenn die
Regierung nicht endlich von selbst zur Einsicht gekommen wäre und in
Ihrer Person einen Mann abgestellt hätte, der alles wieder in Ordnung
bringt.--Jetzt ist der Zeitpunkt da, von diesen Papieren
öffentlichen Gebrauch zu machen--Es fehlte nichts, als die Blätter
zurecht zu legen, und das war in wenig Augenblicken geschehen.
Mad. Belmont. Nun, mein Sohn! Du kannst zufrieden sein, denk' ich
--Herr Selicour hat deinen Wunsch erfüllt, eh' er ihn wußte; hat dir
in die Hand gearbeitet, und ihr kommt einander durch den
glücklichsten Zufall entgegen--
Narbonne. Mit Freuden seh' ich, daß wir einverstanden sind.--Geben
Sie, Herr Selicour, noch heute Abend sende ich den Aufsatz an die
Behörde.
Selicour (für sich). Alles geht gut--Jetzt diesen Firmin
weggeschafft, der mir im Weg ist. (Laut.) Werden Sie mir verzeihen,
Herr von Narbonne?--Es thut mir leid. Es zu sagen--aber ich muß
fürchten, daß die Anklage des Herrn La Roche diesen Morgen doch
einigen Eindruck gemacht haben könnte.
Narbonne. Nicht den mindesten.
Selicour. Ich habe es befürchtet.--Nach allem, was ich sehe, hat
dieser La Roche meine Stelle schon an Jemanden vergeben.--
Narbonne. Wie?
Selicour. Ich habe immer sehr gut gedacht von Herrn Firmin. Aber,
ich gesteh' es--ich fange doch endlich an, an ihm irre zu werden.
Narbonne. Wie? Sie haben mir ja noch heute seine Gutmütigkeit
gerühmt.
Selicour. Ist auch den Gutmütigsten bis auf einen gewissen Punkt zu
trauen?--Ich sehe mich von Feinden umgeben. Man legt mir
Fallstricke.
Narbonne. Sie thun Herrn Firmin Unrecht. Ich kenne ihn besser, und
ich stehe für ihn.
Selicour. Ich wünschte, daß ich eben so von ihm denken könnte.
Narbonne. Der schändliche Undank dieses La Roche muß Sie
natürlicherweise mißtrauisch machen. Aber wenn Sie auch nur den
Schatten eines Zweifels gegen Herrn Firmin haben, so werden Sie
sogleich Gelegenheit haben, von Ihrem Irrthum zurück zu kommen.
Selicour. Wie das?
Narbonne. Er wird im Augenblick selbst hier sein.
Selicour. Herr Firmin--hier?
Narbonne. Hier--Ich konnte mir's nicht versagen. Ich hab' ihn
gesehen!
Selicour. Gesehen! Vortrefflich!
Narbonne. Er und sein Sohn speisen diesen Abend mit uns.
Selicour. Speisen--Sein Sohn! Vortrefflich!
Mad. Belmont und Charlotte. Karl Firmin?
Narbonne. Der junge Officier, dessen Verdienste Sie mir so oft
gerühmt haben--Ich habe Vater und Sohn zum Nachtessen eingeladen.
Mad. Belmont. Ich werde sie mit Vergnügen willkommen heißen.
Narbonne (zu Selicour). Sie haben doch nichts dawider?
Selicour. Ich bitte sehr--ganz im Gegentheil!
Mad. Belmont. Ich bin dem Vater schon im Voraus gut um des Sohnes
willen. Und was sagt unsere Charlotte dazu?
Charlotte. Ich, Mama--ich bin ganz Ihrer Meinung!
Narbonne. Sie können sich also ganz offenherzig gegen einander
erklären.
Selicour. O das bedarf's nicht--im geringsten nicht--Wenn ich's
gestehen soll, ich habe Herrn Firmin immer für den redlichsten Mann
gehalten--und that ich ihm einen Augenblick Unrecht, so bekenne ich
mit Freuden meinen Irrthum--Ich für meinen Theil bin überzeugt, daß
er mein Freund ist.
Narbonne. Er hat es bewiesen! Er spricht mit großer Achtung von
Ihnen--Zwar kenne ich ihn nur erst von heute, aber gewiß verdient
er--
Selicour (einfallend). Alle die Lobsprüche, die ich ihm, wie Sie
wissen, noch vor kurzem ertheilt habe--So bin ich einmal! Mein Herz
weiß nichts von Mißgunst.
Narbonne. Er verbindet einen gesunden Kopf mit einem vortrefflichen
Herzen, und kein Mensch kann von Ruhmsucht freier sein, als er. Was
gilt's, er wär' im Stande, einem Andern das ganze Verdienst von dem
zu lassen, was er geleistet hat!
Selicour. Meinen Sie?
Narbonne. Er wäre der Mann dazu!
Mad. Belmont. Sein Sohn möchte in diesem Stück nicht ganz so denken.
Charlotte. Jawohl, der ist ein junger feuriger Dichterkopf, der
keinen Scherz versteht.
Selicour. Würde der wohl einem Andern den Ruhm seines Werks abtreten?
Charlotte. O daran zweifle ich sehr.
Narbonne. Ich liebe dieses Feuer an einem jungen Kriegsmann.
Selicour. O allerdings, das verspricht!
Narbonne. Jeder an seinen rechten Platz gestellt, werden sie Beide
vortrefflich zu brauchen sein.
Selicour. Es ist doch gar schön, wie Sie die fähigen Leute so
aufsuchen!