La Roche. Ich hatte nicht darauf gerechnet, es ihm gerade unter die
Angen zu sagen--Er ist ein feiner Schelm, ein besonnener Spitzbube.
--Ei nun! Meinetwegen auch ins Angesicht!--Zum Henker, ich fürchte
mich nicht vor ihm.--Er mag kommen! Sie sollen sehen, daß ich mich
ganz und gar nicht vor ihm fürchte.
Narbonne. Wohl! Wohl! Das wird sich gleich zeigen. Da kommt er!
Vierter Auftritt.
Vorige. Selicour.
Narbonne. Kennen Sie diesen Herrn?
Selicour (sehr verlegen). Es ist Herr La Roche.
Narbonne. Ich habe Sie rufen lassen, sich gegen ihn zu vertheidigen.
Er kommt, Sie anzuklagen. Nun, reden Sie!
La Roche (nachdem er gehustet). Ich muß Ihnen also sagen, daß wir
Schulkameraden zusammen waren, daß er mir vielleicht einige
Dankbarkeit schuldig ist. Wir singen Beide unsern Weg zugleich an--
es sind jetzt fünfzehn Jahre--und traten Beide in dem nämlichen
Bureau als Schreiber ein. Herr Selicour aber machte einen glänzenden
Weg, ich--sitze noch da, wo ich ausgelaufen bin. Daß er den armen
Teufel, der sein Jugendfreund war, seit vielen Jahren vergessen, das
mag sein! Ich habe nichts dagegen. Aber nach einer so langen
Vergessenheit an seinen alten Jugendfreund nur darum zu denken, um
ihn unverdienter Weise aus seinem Brod zu treiben, wie er gethan hat,
das ist hart, das muß mich aufbringen! Er kann nicht das geringste
Böse wider mich sagen; ich aber sage von ihm und behaupte dreist, daß
dieser Herr Selicour, der jetzt gegen Euer Excellenz den redlichen
Mann spielt, einen rechten Spitzbuben machte, da die Zeit dazu war.
Jetzt hilft er Ihnen das Gute ausführen; Ihrem Vorgänger, weiß ich
gewiß, hat er bei seinen schlechten Stückchen redlich beigestanden.
Wie ein spitzbübischer Lakai weiß der Heuchler mit der Livree auch
jedesmal den Ton seines Herrn anzunehmen. Ein Schmeichler ist er,
ein Lügner, ein Großprahler, ein übermüthiger Gesell! Niederträchtig,
wenn er etwas sucht, und hochmüthig, unverschämt gegen Alle, die das
Unglück haben, ihn zu brauchen. Als Knabe hatte er noch etwas
Gutmüthiges; aber über diese menschliche Schwachheit ist er jetzt
weit hinaus.--Nun hat er sich in eine prächtige Stelle
eingeschlichen, und ich bin überzeugt, daß er ihr nicht gewachsen ist.
Auf sich allein zieht er die Augen seines Chefs, und Leute von
Fähigkeiten, von Genie, Männer, wie Herr Firmin, läßt er nicht
aufkommen.
Narbonne. Firmin! Wie?--Ist Herr Firmin in unsern Bureaux?
La Roche. Ein trefflicher Kopf, das können Sie mir glauben.
Narbonne. Ich weiß von ihm.--Ein ganz vorzüglicher Geschäftsmann!
La Roche. Und Vater einer Familie! Sein Sohn machte in Colmar die
Bekanntschaft Ihrer Tochter.
Narbonne. Karl Firmin! Ja, ja, ganz richtig!
La Roche. Ein talentvoller junger Mann!
Narbonne.--Fahren Sie fort!
La Roche. Nun, das wär' es! Ich habe genug gesagt, denk' ich!
Narbonne (zu Selicour). Verantworten Sie sich!
Selicour. Des Undanks zeiht man mich.--Mich des Undanks! Ich hätte
gedacht, mein Freund La Roche sollte mich besser kennen!--An meinem
Einfluß und nicht an meinem guten Willen fehlte es, wenn er so lange
in der Dunkelheit geblieben.--Welche harte Beschuldigungen gegen
einen Mann, den er seit zwanzig Jahren treu gefunden hat! Mit seinem
Verdacht so rasch zuzufahren, meine Handlungen aufs schlimmste
auszulegen und mich mit dieser Hitze, dieser Galle zu verfolgen!--
Zum Beweis, wie sehr ich sein Freund bin--
La Roche. Er mein Freund! Hält er mich für einen Dummkopf?--Und
welche Proben hat er mir davon gegeben!
Narbonne. Er hat Sie ausreden lassen!
La Roche. So werde ich Unrecht behalten.
Selicour. Man hat einem Andern seine Stelle gegeben, das ist wahr,
und Keiner verdiente diese Zurücksetzung weniger als er. Aber ich
hätte gehofft. Mein Freund La Roche, anstatt mich wie einen Feind
anzuklagen, würde als Freund zu mir aufs Zimmer kommen und eine
Erklärung von mir fordern. Darauf, ich gestehe es, hatte ich
gewartet und mich schon im Voraus der angenehmen Ueberraschung
gefreut, die ich ihm bereitete. Welche süße Freude für mich, ihn
über alle Erwartung glücklich zu machen! Eben zu jenem Chef, wovon
ich Eurer Excellenz heut sagte, hatte ich meinen alten Freund La
Roche vorzuschlagen.
La Roche. Mich zum Chef! Großen Dank, Herr Selicour!--Ein
Schreiber bin ich und kein Geschäftsmann! Meine Feder und nicht mein
Kopf muß mich empfehlen, und ich bin Keiner von Denen. Die eine Last
auf sich nehmen, der sie nicht gewachsen sind, um sie einem Andern
heimlich anfzuladen und sich selbst das Verdienst anzueignen.
Selicour. Die Stelle schickt sich für dich, Kamerad! Glaub' mir,
der dich besser kennt, als du selbst. (Zu Narbonne.)--Er ist ein
trefflicher Arbeiter, genau, unermüdlich, voll gesunden Verstands; er
verdient den Vorzug vor allen seinen Mitbewerbern.--Ich lasse Männer
von Genie nicht aufkommen, gibt er mir Schuld, und Herr Firmin ist's,
den er anführt.--Das Beispiel ist nicht gut gewählt, so trefflich
auch der Mann ist.--Erstlich ist seine jetzige Stelle nicht schlecht
--aber ihm gebührt allerdings eine bessere, und sie ist auch schon
gefunden--denn eben Herrn Firmin wollte ich Euer Excellenz zu meinem
Nachfolger empfehlen, wenn ich in jenen Posten versetzt werden sollte,
den mir mein gütiger Gönner bestimmt.--Ich sei meinem jetzigen Amte
nicht gewachsen, behauptet man.--Ich weiß wohl, daß ich nur
mittelmäßige Gaben besitze.--Aber man sollte bedenken, daß diese
Anklage mehr meinen Gönner trifft, als mich selbst!--Bin ich meinem
Amte in der That nicht gewachsen, so ist der Chef zu tadeln, der es
mir anvertraut und mit meinem schwachen Talent so oft seine
Zufriedenheit bezeugt.--Ich soll endlich der Mitschuldige des
vorigen Ministers gewesen sein!--Die Stimme der Wahrheit habe ich
ihn hören lassen; die Sprache des redlichen Mannes habe ich kühnlich
zu einer Zeit geredet, wo sich meine Ankläger vielleicht im Staube
vor ihm krümmten.--Zwanzigmal wollte ich diesem unfähigen Minister
den Dienst aufkündigen; nichts hielt mich zurück, als die Hoffnung,
meinem Vaterlande nützlich zu sein. Welche süße Belohnung für mein
Herz, wenn ich hier etwas Böses verhindern, dort etwas Gutes wirken
konnte!--Seiner Macht habe ich getrotzt; die gute Sache habe ich
gegen ihn verfochten, da er noch im Ansehen war! Er fiel, und ich
zollte seinem Unglück das herzlichste Mitleid. Ist das ein
Verbrechen, ich bin stolz darauf und rühme mich desselben.--Es ist
hart, sehr hart für mich, lieber La Roche, daß ich dich unter meinen
Feinden sehe--daß ich genöthigt bin, mich gegen einen Mann zu
verteidigen. Den ich schätze und liebe!--Aber komm! Laß uns
Frieden machen, schenke mir deine Freundschaft wieder, und alles sei
vergessen!
La Roche. Der Spitzbube!--Rührt er mich doch fast selbst!
Narbonne. Nun, was haben Sie darauf zu antworten?
La Roche. Ich?--Nichts! Der verwünschte Schelm bringt mich ganz
aus dem Concepte.
Narbonne. Herr La Roche! Es ist brav und löblich, einen Bösewicht,
wo er auch stehe, furchtlos anzugreifen und ohne Schonung zu
verfolgen--aber auf einem ungerechten Haß eigensinnig bestehen,
zeigt ein verderbtes Herz.
Selicour. Er haßt mich nicht! Ganz und gar nicht! Mein Freund La
Roche hat das beste Herz von der Welt! Ich kenne ihn--aber er ist
hitzig vor der Stirn--er lebt von seiner Stelle--das entschuldigt
ihn! Er glaubte sein Brod zu verlieren! Ich habe auch gefehlt--ich
gesteh' es--Komm! komm! Laß dich umarmen, alles sei vergessen!
La Roche. Ich ihn umarmen? In Ewigkeit nicht!--Zwar, wie er's
anstellt, weiß ich nicht, um mich selbst--um Euer Excellenz zu
betrügen--aber kurz! Ich bleibe bei meiner Anklage.--Kein Friede
zwischen uns, bis ich ihn entlarvt, ihn in seiner ganzen Blöße
dargestellt habe!
Narbonne. Ich bin von seiner Unschuld überzeugt--wenn nicht
Thatsachen, vollwichtige Beweise mich eines Andern überführen.
La Roche. Thatsachen! Beweise! Tausend für einen!
Narbonne. Heraus damit!
La Roche. Beweise genug--die Menge--aber das ist's eben--ich kann
nichts damit beweisen!--Solchen abgefeimten Schelmen läßt sich
nichts beweisen.--Vormals war er so arm, wie ich; jetzt sitzt er im
Ueberfluß! Sagt' ich Ihnen, daß er seinen vorigen Einfluß zu Geld
gemacht, daß sich sein ganzer Reichthum davon herschreibt--so kann
ich das zwar nicht, wie man sagt, mit Brief und Siegel belegen--aber
Gott weiß es, die Wahrheit ist's, ich will darauf leben und sterben.
Selicour. Diese Anklage ist von zu niedriger Art, um mich zu treffen
--übrigens unterwerf' ich mich der strengsten Untersuchung!--Was ich
besitze, ist die Frucht eines fünfzehnjährigen Fleißes; ich habe es
mit saurem Schweiß und Nachtwachen erworben, und ich glaub' es nicht
unedel zu verwenden. Es ernährt meine armen Verwandten; es fristet
das Leben meiner dürftigen Mutter!
La Roche. Erlogen! Erlogen! Ich kann es freilich nicht beweisen!
Aber gelogen! Unverschämt gelogen!
Narbonne. Mäßigen Sie sich!
Selicour. Mein Gott! Was erleb' ich! Mein Freund La Roche ist's,
der so hart mit mir umgeht!--Was für ein Wahnsinn hat dich
ergriffen? Ich weiß nicht, soll ich über diese Wuth lachen oder böse
werden.--Aber lachen auf Kosten eines Freundes, der sich für
beleidigt hält--nein, das kann ich nicht, das ist zu ernsthaft!--
Deinen alten Freund so zu verkennen!--Komm doch zu dir selbst,
lieber La Roche, und bringe dich wenigstens nicht aus übel
angebrachtem Trotz um eine so treffliche Stelle, als ich dir
zugedacht habe.
Narbonne. Die Wahrheit zu sagen, Herr La Roche, diese
Halsstarrigkeit gibt mir keine gute Meinung von Ihnen,--Muß auch ich
Sie bitten, gegen Ihren Freund gerecht zu sein?--Auf Ehre! Der arme
Herr Selicour dauert mich von Herzen!
La Roche. Ich will das wohl glauben, gnädiger Herr! Hat er mich
doch fast selbst, trotz meines gerechten Unwillens, auf einen
Augenblick irre gemacht--aber nein, nein! Ich kenne ihn zu gut--zu
gewiß bin ich meiner Sache.--Krieg, Krieg zwischen uns und keine
Versöhnung! Hier, sehe ich, würde alles weitere Reden vergeblich
sein; aber wiewohl der Spitzbube mich aufs Aeußerste treibt, lieber
tausendmal Hungers sterben, als ihm mein Brod verdanken. Ich
empfehle mich zu Gnaden! (Ab.)
Fünfter Auftritt.
Narbonne. Selicour.