Michel. Das eben nicht! Aber--

Selicour. Sei's, was es will! Als ein treuer Diener des würdigen

Herrn müssen Sie einen christlichen Mantel auf seine Schwachheit

werfen. Und warum könnte es nicht eine heimliche Wohlthat sein?

Warum das nicht, Herr Michel?--Ich hasse die schlechten Auslegungen

--In den Tod hasse ich, was einer übeln Nachrede gleicht.--Man muß

immer das Beste von seinen Wohlthätern denken.--Nun! Nun! Nun, wir

sehen uns wieder, Monsieur Michel!--Sie haben mir doch meinen

trockenen Empfang verziehen? Haben Sie?--Auf Ehre! Ich bin noch

ganz schamroth darüber! (Gibt ihm die Hand.)

Michel (weigert sich). O nicht doch, nicht doch, Herr Selicour! Ich

kenne meinen Platz und weiß mich zu bescheiden.

Selicour. Ohne Umstände! Zählen Sie mich unter Ihre Freunde!--Ich

bitte mir das aus, Monsieur Michel!

Michel. Das werd' ich mich nimmer unterstehen--ich bin nur ein

Bedienter.

Selicour. Mein Freund! Mein Freund! Kein Unterschied zwischen uns.

Ich bitte mir's recht aus, Monsieur Michel!

(Indem sich Beide becomplimentieren. Fällt der Vorhang.)

Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

Narbonne und Selicour sitzen.

Narbonne. Sind wir endlich allein?

Selicour (unbehaglich).--Ja.

Narbonne. Es liegt mir sehr viel an dieser Unterredung.--Ich habe

schon eine sehr gute Meinung von Ihnen, Herr Selicour, und bin gewiß,

sie wird sich um ein Großes vermehren, ehe wir auseinander gehen.

Zur Sache also, und die falsche Bescheidenheit bei Seite. Sie sollen

in der Diplomatik und im Staatsrecht sehr bewandert sein, sagt man?

Selicour. Ich habe viel darin gearbeitet, und vielleicht nicht ganz

ohne Frucht. Aber für sehr kundig möchte ich mich denn darum doch

nicht--

Narbonne. Gut! Gut! Fürs erste also lassen Sie hören--Welches

halten Sie für die ersten Erfordernisse zu einem guten Gesandten?

Selicour (stockend). Vor allen Dingen habe er eine Gewandtheit in

Geschäften.

Narbonne. Eine Gewandtheit, ja, aber die immer mit der strengsten

Redlichkeit bestehe.

Selicour. So mein' ich's.

Narbonne. Weiter.

Selicour. An dem fremden Hofe, wo er sich aufhält, suche er sich

beliebt zu machen.

Narbonne. Ja! Aber ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er

behaupte die Ehre des Staats, den er vorstellt, und erwerbe ihm

Achtung durch sein Betragen.

Selicour. Das ist's, was ich sagen wollte. Er lasse sich nichts

bieten und wisse sich ein Ansehen zu geben.--

Narbonne. Ein Ansehen, ja, aber ohne Anmaßung.

Selicour. So mein' ich's.

Der Parasit, oder, die Kunst sein Glück zu machen Ein Lustspiel nach dem Franzoesischen [des Picard] · 第 22 / 64 题