Berlin, Königl. Museen.]

Mit Credi und mit Perugino weilt endlich auch der in Verrocchios

Werkstatt, für den das Wort Dantes von Homer gilt „~sovra gili

altri com’ aquila vola~“: Leonardo da Vinci. Vasari wußte wohl, was

er that, als er mit der Einführung dieses unbestreitbar größten

italienischen Künstlers einen neuen Abschnitt seines biographischen

Werkes begann. Das Proömium, mit dem Vasari diesen neuen dritten Teil

einleitet, schildert in raschem Rückblick noch einmal das mühevolle

Hinauf; dann öffnet sich die weite Gipfelschau über das gelobte Land

der Hochrenaissance. Und als erste Gestalt eines voll entwickelten

Hochrenaissancemeisters tritt Leonardo auf. Seine Verdienste werden

ins hellste Licht gesetzt: die überirdische Anmut, die Beseelung der

Gestalten, die reiche Fülle der Formen, der zarte Schmelz des Kolorits.

Kein Hinweis auf Verrocchio, bei dem das alles wie in Keimzellen

vorgebildet liegt. Kein Lob dieses Meisters, dessen größter Ruhm es

fortan bleibt, einen solchen Schüler herangebildet zu haben. Mit

einem Hochgefühl, als habe er thätig mit eingegriffen, rühmt Vasari

die Überwindung „jener trockenen, scharfen und harten Methode“ der

Quattrocentokünstler mit ihrem fast eigensinnigen Hang für das schwer

Ausführbare und noch dazu oft Ungefällige. Dieser künstlerisch

einseitige Standpunkt allein macht Vasaris Urteil über Verrocchio

begreiflich: hier habe Studium und Fleiß, wie bei keinem anderen

Künstler, die Mängel natürlicher Begabung ausgeglichen.

[Illustration: Abb. 79. Werkstatt des Verrocchio. +Engel mit dem+

(ausgebrochenen) +Wappen der Stadt Pistoja+. Marmor. Im großen Saal des

Stadthauses zu Pistoja.]

Dem Historiker erscheint der eine, Verrocchio, nur die unbedingte

Vorstufe zum anderen, Leonardo, weil die Natur keine Sprünge macht.

Was bei dem Lehrer Ansatz war, entwickelt sich zu voller Blüte

beim Schüler. Oft ist es, als sei Verrocchios ganze Kunstwelt ein

Mikrokosmus von Leonardos künstlerischem Weltall. Wir haben von den

wissenschaftlichen Studien Andreas gehört, von seiner Beschäftigung

mit der Musik, seinen genauen technischen Kenntnissen auf allen

Gebieten künstlerischen Schaffens, und wir begreifen, daß nur in seiner

Werkstatt Leonardos Genie den rechten Nährboden finden konnte.

Für einen so regen, unruhig suchenden Geist wie Leonardo boten indessen

auch diese Werkstatt und dieser Lehrer Gefahren. Die Mannigfaltigkeit

der einlaufenden Aufträge lockten die Wißbegier von einem technischen

Gebiet aufs andere hinüber. Verrocchios in allen Angelegenheiten des

Handwerks pedantische Gründlichkeit vererbte sich wohl auf Leonardo,

zugleich aber auch eine launenhafte Zersplitterung der Arbeitskraft,

ein Hang zu theoretischen Grübeleien, zu technischen Spekulationen.

Von einem persönlich innigeren Verhältnis der Künstler untereinander

verlautet nichts. Wenn aber Leonardo noch als in die Zunft

eingeschriebener Meister Jahre hindurch bei Verrocchio bleibt, so

darf, auch in Anbetracht der liebenswürdigen Umgangsformen Leonardos,

auf ein gutes Einvernehmen geschlossen werden, das Vasari umsonst mit

der Eifersucht des Älteren zu trüben versucht hat. Die künstlerische

Verbindung der beiden ist so eng gewesen, daß die Kritik noch heute oft

im unklaren ist, wem von ihnen gewisse kaum zu unterscheidende Werke

angehören müssen.

Für unseren Zweck tritt indessen die Frage nach der Abhängigkeit

Leonardos von Verrocchio zurück gegen die nach der Rückwirkung des

genialen Schülers auf seine Umgebung.

Für die jungen Leute, die mit Leonardo bei Verrocchio thätig waren,

steht eine solche künstlerische Rückwirkung fest. Ohne Leonardos

Vorbild wären trotz Verrocchio weder Credi noch Perugino die Künstler

geworden, als welche wir sie kennen. Nun aber der Meister selbst?

Seltsam locken die Thatsachen. Vor Leonardos Eintritt in die Werkstatt

können wir kein einziges Werk Verrocchios datieren, mit Ausnahme

vielleicht des David. Dann mit dem Ausgang der sechziger Jahre setzt

die stolze Reihe ein in kaum unterbrochener Folge, mit steigender

künstlerischer Freiheit, vom Zarten zum Anmutigen, vom Anmutigen

zum Großartigen. Eine von Stufe zu Stufe aufsteigende Überwindung

der ~maniera alquanto dura e crudetta~ läßt sich feststellen,

immer zahlreicher werden die Parallelen mit Leonardo. Sollte diese

von Werk zu Werk freier und vertiefter sich entfaltende Kunst des

vielbeschäftigten Meisters mit dem überraschend andauernden Aufenthalt

Leonardos in der Werkstatt bis 1480 ohne ursächlichen Zusammenhang sein?

Immer wieder, namentlich von französischer Seite, ist ein derartiger

Zusammenhang, will sagen eine ständig wachsende Abhängigkeit

Verrocchios von den künstlerischen Idealen Leonardos behauptet worden.

Wie sehr mit Unrecht, haben hoffentlich die vorhergehenden Kapitel

dargethan. Die Entwickelung Verrocchios vollzieht sich so naturgemäß,

so zwingend logisch allein aus seiner künstlerischen Veranlagung, daß

ein Eingriff des höheren Genies Leonardos unnötig, ja zweckwidrig

erscheint. Wer ohne einen solchen nicht auszukommen vermeint, hat

wie ein schlechter dramatischer Dichter den Charakter seines Helden

geknickt, statt ihn in ansteigender Linie folgerichtig zu entwickeln.

Was in Verrocchios Kunst ringt und sich befreien möchte, ohne die

Fesseln ganz abstreifen zu können, dieser ungemeine Geist, der „nach

einer strengeren und tieferen Begründung“ strebte -- das gerade

macht ihn uns Deutschen verständlich und liebenswert. Ist doch diese

Verkettung starken Talentes mit fast wissenschaftlicher Grübelei das

Merkmal deutschen Kunstschaffens von jeher gewesen. Solche Talente,

suchende Arbeiter, schaffen nicht in erster Linie für den Genießenden,

wie sie selbst in der bloßen schönen Erscheinung nicht Befriedigung

finden. Sie schleppen schwer an ihren Gedanken. Auch im besten Falle

sind sie ein Übergang, eine Brücke, ~un ponte sopra del quale se

passa cum destrezza~, wie der alte Giovanni Santi gedichtet hat. Sie

sind Pflüger und Säemann, deren Aussaat von dem Boden abhängt, auf

den sie fällt. War dieser Boden fruchtbar Ackerland, so ist ihr Los

zurückzutreten wie der Landmann, den von dem wohlbestellten Felde die

Stunde des Aveläutens heimruft.

Verrocchio · 第 68 / 68 题