Nicht allzu lang vor jener Katastrophe wird Giuliano unserem Meister
zu der Büste gesessen haben, die eine der Zierden der Dreyfußschen
Sammlung zu Paris bildet (Abb. 16). Mit vollendeter Sicherheit ist der
Charakter getroffen, aus der kecken Haltung und Wendung des Kopfes
nach links spricht Unternehmungslust und Wagemut. Die Augen werfen
einen herausfordernden Blick zur Seite und die vollen, kräftigen Lippen
schürzt ein Zug von Überlegenheit und Verachtung der Alltagswelt. Ein
ironisches Lächeln sitzt in den Grübchen der Wangen. Kraft, Stolz und
Selbstbewußtsein lagern auf dem breiten Gesicht, das die Locken schwer
umkränzen. Ein Wunderwerk der Waffenschmiedekunst ist der Panzer,
der die breite Brust deckt. Die Halsberge umschließt einen ehernen
Nacken, das Medusenhaupt droht von der Brust herab. Hier hat wieder
der Goldschmied die feinen Finger im Spiel gehabt, während sich in
der Anlage des Ganzen und im Kopf der treffsichere Charakteristiker
offenbart.
In Lorenzos Büste (bei Mr. Shaw in Boston, Abb. 17) überwiegt der
Ausdruck großartiger Willenskraft die melancholische Grundstimmung. Die
Einzelformen, Stirn, Nase und Mund, sind von Natur hier edler gebildet
als bei Giuliano. Die in der Anlage weichen Züge spannt und strafft
eine Energie, die sich auch körperlicher Leiden zu erwehren müht. In
der Behandlung ist alles groß und schlicht. Unter den bis in den Nacken
glatt herabfallenden Haaren zeichnet sich die schön gerundete Form des
Schädels. Eine merkwürdige Mischung aktiven und passiven Seelenlebens
verleiht dem Bildnis seinen hohen psychologischen Reiz:
Der jungen Augen wilde Kraft,
Des Mundes Trotz und herbes Schweigen,
Ein Zug von Traum und Leidenschaft...
Den weniger reich gezierten Panzer schmücken auf der Brust zwei
einander zugekehrte wappenhaltende Drachen, die in ähnlicher Bildung
bereits am Lavabo beobachtet wurden, und auf den Schultergelenken zwei
Gorgonenhäupter mit demselben furienhaften Schrei, den die Meduse auf
dem Panzer des Giuliano ausstößt.
Unter allen Büsten Lorenzos ist diese die am meisten sympathische.
Später machten Lebenserfahrung und Denkarbeit die Züge hart, und
Krankheit zog ihre tiefen Furchen und Falten.
Verrocchios Gestaltungskraft wird erst in der Gegenüberstellung dieser
verwandten und doch so verschiedenen Persönlichkeiten klar und mit
Bewunderung erkannt. Auch hinsichtlich der vollkommenen Ähnlichkeit
trauen wir dem Meister ohne jedes Bedenken. Wenn wir die ein wenig
älter dreinschauenden Köpfe der Brüder auf Bertoldos Denkmünze, die
Lorenzo zur Erinnerung an die Katastrophe von 1478 schlagen ließ, für
die chronologische Fixierung unserer Büsten zu Hilfe nehmen, so dürfen
wir Verrocchios Arbeiten in den Anfang der siebziger Jahre, in die Zeit
des Medicimonumentes, setzen.
Vermutlich wird Verrocchio vom toten Giuliano die Maske genommen haben,
da er in dieser Kunst ohne gleichen dastand. Das Formen über der Natur,
bei dem der Meister sich einer eigens erfundenen Gußmasse bediente,
nützte er namentlich in Verbindung mit dem Wachsmodelleur Orsini aus.
Sie stellten zusammen lebensgroße Statuen her, in denen Gesicht und
Hände über der Natur in Wachs nachgeformt, das Knochengerüst von Holz
in Kleidern aus natürlichen Stoffen sich verbarg, die Haare durch eine
Perücke ersetzt wurden. So nahm das Bedürfnis nach Lebenswahrheit in
der Frührenaissance denselben leicht abschüssigen Weg zum Trivialen,
den unsere Panoptikumkunst aus Sensationsbedürfnis eingeschlagen hat,
mit dem schwerwiegenden Unterschiede allerdings, daß damals Künstler
am Werk waren. Man verfolgte auch ernsthaftere Zwecke. Lorenzos
Freunde und Angehörige ließen nämlich sein kostümiertes Wachsbildnis
als Weihgeschenk und Danksagung für die glückliche Errettung aus der
Pazziverschwörung aufstellen. Eine dieser Wachsfiguren kam in die
Kirche des seligen Chiarito und trug das Kostüm, das Lorenzo auf dem
Wege zu jenem verhängnisvollen Hochamt angelegt hatte; eine zweite, mit
dem bürgerlichen Lucco bekleidet, stand in der Annunziata, eine dritte
in S. Maria degli Angeli unterhalb von Assisi.
[Illustration: Abb. 36. Francesco di Simone. +Tabernakel.+ Marmor.
Perugia. Chiesa di Monteluce.
(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]
Unter den Terracottabüsten, die schon der Tracht nach dem Ende der
Frührenaissance angehören, hat man neuerdings in einer bisher dem
Antonio del Pollajuolo zugeschriebenen Jünglingsbüste das Porträt des
Sohnes Lorenzos, Piero il fiero (geb. 1471) erkennen wollen und es
Verrocchio zugeteilt. Wenn auch die Identifizierung der Persönlichkeit
stichhaltig ist, die Bestimmung auf Verrocchio erregt Bedenken. Der
Kopf, der sich mehr durch Frische der Auffassung als durch individuelle
Durchbildung der Einzelheiten auszeichnet, zeigt wohl den Stil, aber
nicht die Merkmale der eigenen Hand Verrocchios.
[Illustration: Abb. 37. +Grablegung Christi.+ Thon. Berlin. Königl.
Museen.]
[Illustration: Abb. 38. +Der Tod der Francesca Tornabuoni.+ Linke
Hälfte. Marmor.