Das Brüderpaar, in dessen Dienst Verrocchio die Vielseitigkeit seines
Talentes am häufigsten zu erproben hatte, ist in zwei trefflichen
Thonbüsten aus des Meisters Hand auf die Nachwelt gekommen. Diese
Büsten, leider in zwei Privatsammlungen der öffentlichen Aufmerksamkeit
entrückt, bedeuten um so mehr, als sie die Männer in ihren
kraftvollsten und glücklichsten Lebensjahren darstellen.
Die Temperamente kontrastierten so stark wie die Charaktere. In
Lorenzo, dem älteren Bruder (geb. 1449), lebte das etwas schwermütige
und nicht recht gesunde Blut des Vaters auf, in Giuliano (geb.
1453) die Kraft und die Lebensfreudigkeit des Großvaters. Beide
als glückliche Erben fanden einen reichen Familienbesitz vor, über
den sie mit jener Freigebigkeit verfügten, wie sie den im Überfluß
Geborenen wohl ansteht. Die Ruhmsucht des Jahrhunderts loderte in
beiden gleich hoch und hell. Die Macht und das Ansehen des Hauses zu
mehren, war ihr einziger Gedanke. Aber bei Lorenzo, dem melancholischen
Temperamente, der schon in jungen Jahren an kleineren und größeren
Leiden kränkelte, richtete sich der Ehrgeiz mehr auf die Ausbildung des
Verstandes und des Gemütes, Giuliano, der Sanguiniker, wetteiferte mit
den Gleichstehenden in der Übung und Beherrschung aller körperlichen
Kräfte und Fähigkeiten, in der Vornehmheit des äußeren Auftretens. Das
Ideal der vollentwickelten Renaissance, der vollendete Hofmann, der
Cortegiano, meldet sich, allerdings in diese beiden Persönlichkeiten
gespalten, bereits an.
[Illustration: Abb. 34. Lorenzo di Credi. +Fliegender Engel.+ Studie
zum Forteguerri-Grabmal.