VIII.

Das Brüderpaar, in dessen Dienst Verrocchio die Vielseitigkeit seines

Talentes am häufigsten zu erproben hatte, ist in zwei trefflichen

Thonbüsten aus des Meisters Hand auf die Nachwelt gekommen. Diese

Büsten, leider in zwei Privatsammlungen der öffentlichen Aufmerksamkeit

entrückt, bedeuten um so mehr, als sie die Männer in ihren

kraftvollsten und glücklichsten Lebensjahren darstellen.

Die Temperamente kontrastierten so stark wie die Charaktere. In

Lorenzo, dem älteren Bruder (geb. 1449), lebte das etwas schwermütige

und nicht recht gesunde Blut des Vaters auf, in Giuliano (geb.

1453) die Kraft und die Lebensfreudigkeit des Großvaters. Beide

als glückliche Erben fanden einen reichen Familienbesitz vor, über

den sie mit jener Freigebigkeit verfügten, wie sie den im Überfluß

Geborenen wohl ansteht. Die Ruhmsucht des Jahrhunderts loderte in

beiden gleich hoch und hell. Die Macht und das Ansehen des Hauses zu

mehren, war ihr einziger Gedanke. Aber bei Lorenzo, dem melancholischen

Temperamente, der schon in jungen Jahren an kleineren und größeren

Leiden kränkelte, richtete sich der Ehrgeiz mehr auf die Ausbildung des

Verstandes und des Gemütes, Giuliano, der Sanguiniker, wetteiferte mit

den Gleichstehenden in der Übung und Beherrschung aller körperlichen

Kräfte und Fähigkeiten, in der Vornehmheit des äußeren Auftretens. Das

Ideal der vollentwickelten Renaissance, der vollendete Hofmann, der

Cortegiano, meldet sich, allerdings in diese beiden Persönlichkeiten

gespalten, bereits an.

[Illustration: Abb. 34. Lorenzo di Credi. +Fliegender Engel.+ Studie

zum Forteguerri-Grabmal.

Verrocchio · 第 47 / 68 题