Als Cosimo der Alte 1464 starb, scheint man zum erstenmal Verrocchios
künstlerische Hand in Anspruch genommen zu haben. Die Signorie, die ein
pomphaftes Grabmal mit Ehrenstatue erwog, konnte sich nicht schlüssig
machen, und so ist es bei dem schlichten Grabstein geblieben, den die
Familie vor dem Hauptaltar von San Lorenzo über der unterirdischen
Gruft in den Fußboden senken ließ. Entwurf und Ausführung rühren von
Verrocchio her (Abb. 3). Der Stein besteht in einer quadratischen
Platte, die ein geometrisches Muster, in buntem Marmor ausgeführt,
aufweist. Jedes christliche Zeichen oder Symbol fehlt. Die Zeichnung
ist einfach: in den viereckigen Rahmen ist ein Kreis eingeschrieben,
der seinerseits zwei sich kreuzende Ellipsen einschließt; die Ecken
füllen Wappen mit den Kugeln der Medici. Der Reiz des Ganzen beruht in
der Farbigkeit, die durch verschiedenartige Steine und durch Verwendung
der Bronze für die Wappenschilde erzielt wird. Wir werden noch an
anderen Arbeiten sehen, wie sehr Verrocchio die farbige Inkrustation,
namentlich die Verbindung von Bronze mit buntem Stein bevorzugt und
sie, wo er kann, mit feinem Geschmack verwendet. Die vertikalen
Arme der einen Ellipse enthalten auf trapezförmigen Marmorplatten
in Bronzebuchstaben die Inschrift, die als einzigen Ruhmestitel des
Verstorbenen den ihm öffentlich zuerkannten Ehrennamen des ~pater
patriae~ enthält. Von der empörten Volksmenge ist auch diesem
Grabstein trotz seiner Schlichtheit übel mitgespielt worden (1494),
und es bedurfte erst der Rehabilitierung der Familie, die Greuel der
Verwüstung zu tilgen und für die Wiederherstellung zu sorgen.
Haben wir für diese dekorative Arbeit am Sterbedatum des Medicäers
einen chronologischen Anhaltspunkt, so müssen stilistische Merkmale
herhalten, wenn wir eines der berühmtesten Werke Verrocchios, der
allgemeinen Annahme entgegen, ebenfalls in diese frühe Zeit der
künstlerischen Reife setzen. Es handelt sich um die Bronzestatue des
jugendlichen David, die im Nationalmuseum zu Florenz bewahrt wird
(Abb. 4).
Vasaris Erzählung ist diesbezüglich besonders konfus; er läßt
Verrocchio die Statue nach dem legendenhaften römischen Aufenthalt
anfertigen und während der Arbeit den Meister noch die Madonna in der
Lünette des Brunigrabes meißeln, Thatsachen, die nicht nur unrichtig
sind, sondern sich ausschließen. Die flüchtige Interpretierung eines
von Gaye publizierten Dokumentes hat das Jahr 1476 als spätesten Termin
der Vollendung des David festsetzen wollen; doch ist in jenem Dokumente
nur die Rede von dem Kaufpreis, für den die Figur aus dem Besitze der
Medici in die Hände der florentiner Signorie überging. Vermutlich haben
Lorenzo und Giuliano Ursache gehabt, der Signorie mit Überlassung der
Statue gefällig zu sein. Sie stand bis ins siebzehnte Jahrhundert auf
dem Treppenabsatz vor der ~Sala dell’ orologio~. Der Platz war nicht
ohne Absicht gewählt. Der heldenhafte Knabe wahrte mit gezücktem
Schwerte eine Thür, ~la catena~ genannt, bei der ein Gerichtsdiener
ständig die Wache hielt, um nur auf den Befehl des jeweiligen
Oberhauptes der Verwaltung zu öffnen oder zu schließen.
David als jugendlicher Volksbefreier war nicht nur ein Held nach dem
Herzen jedes ehrlichen Republikaners, vor allem auch eine Gestalt,
wie sie einem Künstler damaliger Zeit nicht gelegener sein konnte.
Erblickte doch die Frührenaissance mit ihrer Begeisterung für alles
noch in der Entwickelung Begriffene, für alles Geschmeidige und
Reifende in der Knabengestalt, die eben sich zum Jüngling aufwachsen
will, eines ihrer vornehmsten künstlerischen Ideale.
Nackt, mit gesenktem Kopfe, den Fuß auf dem ungefügen Haupt des Riesen,
die breite Tartsche in der Rechten, so stand Donatellos David seit
dem Exil Cosimos im Hof des Regierungspalastes; eine Figur von streng
geschlossenem Umriß, voll von einer schwermütigen Schönheit, über die
hinaus das Ungestüm und die Leidenschaftlichkeit jenes großen Künstlers
sich zu klären nie vermochten. Hält man Verrocchios Figur daneben, so
springt der ungeheure Unterschied in Anlage, Ausführung und Stimmung
überraschend in die Augen.
[Illustration: Abb. 15. +Der Knabe mit der Posaune.+ Thon.