Wünschen Genüge geleistet und wie die Arbeit am besten in die
Wege geleitet werden könne. Diese interne Arbeit mußte aber an
die Öffentlichkeit gebracht werden, um das Publikum und vor allem
die vielen Vereine, welche sich für die Frage interessierten,
auf dem laufenden zu erhalten. Zu dem Zweck fanden jährlich
nationale Konferenzen statt, und zwar stets in verschiedenen
Teilen Deutschlands, auf denen die Beschlüsse für die gemeinsame
Weiterarbeit gefaßt wurden. Diese Beschlüsse bildeten dann
gewissermaßen das Programm für die internationalen Kongresse,
die alle drei bis vier Jahr, ebenfalls nach Ländern wechselnd,
einberufen wurden. Durch diese systematische Zusammenarbeit ist
es erreicht, daß die von den Komiteen veröffentlichten Beschlüsse
gewissermaßen als öffentliche Meinung gelten, auf welche gestützt,
die staatlichen Behörden und die gesetzgebenden Kammern die Gesetze
geben, durch welche ein Verbrechen aus der Welt geschafft werden
kann, welches durch die Gewohnheit so tief eingenistet ist, daß
auch noch heute viele Menschen diese Aufgabe für nicht lösbar
halten. Wenn man aber die zehnjährige Arbeit und Entwicklung der
National-Komiteen überblickt, so kann man sich doch der Hoffnung
hingehen, daß wir das gesteckte Ziel erreichen werden.
Auf dem ersten Kongreß 1899 in London wurde die Prostitutionsfrage
offiziell ausgeschaltet, weil sie die Internationalität gefährdete,
und im Jahre 1910 auf dem Vierten Internationalen Kongreß in Madrid
wurde einstimmig der Beschluß angenommen, die National-Komitees
+aller+ Länder sollten intensiv an der Beseitigung der öffentlichen
Häuser arbeiten.
Welche Widerstände zu brechen waren, um einen derartigen Beschluß
herbeizuführen, kann nur der beurteilen, der die Arbeiten
mitgemacht hat. Noch im Jahre 1904 erklärte der italienische
Delegierte in einer öffentlichen Versammlung zu Zürich: „Ich
würde meiner Frau und meiner Tochter niemals erlauben, in eine
Stadt zu reisen, von der mir bekannt ist, daß sich dort keine
öffentlichen Häuser befinden.“ Man glaubte also in der Tat, daß die
öffentlichen Häuser für die anständigen Frauen und Mädchen eine Art
Sicherheitsventil bildeten und deshalb von der Sicherheitspolizei
beschützt werden müßten.
Die Arbeit der verschiedenen Komiteen ist allerdings sehr
verschieden. Einige beschränken sich darauf, einzelne gefährdete
Mädchen zu schützen und zu befreien, andere dagegen, zu denen
glücklicherweise auch das Deutsche gehört, legen neben der
vorbeugenden und rettenden Tätigkeit im einzelnen den Schwerpunkt
darauf, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und hierdurch eine
gerechte und praktische Gesetzgebung und Verwaltung zu erzielen.
Hierbei sind wir vom ersten Tage an von der Presse in der
wirksamsten und energischsten Weise unterstützt worden. Niemals
sind uns von irgendwelcher Seite Schwierigkeiten bereitet.
Die Politik hat glücklicherweise mit unserer Arbeit nichts zu
tun. Sie ist eine rein humanitäre, und die Erfolge, welche die
Nationalkomiteen erzielen, kommen der Allgemeinheit auf sozialem
und sittlichem Gebiet zugute. Die Schwierigkeit der Arbeit liegt
in dem Überwinden des Widerstandes der oberen Zehntausend und der
städtischen Behörden, die ganz im Gegensatz zu den staatlichen
Behörden der Prostitution einen Schutz gewähren, den sie nicht
verdient. Auf welche Weise es zu erreichen ist, daß der von der
Prostitution angerichtete Schaden möglichst gering ist, darüber
gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Wir können uns
deshalb auch heute noch nicht mit der ganzen Prostitutionsfrage
beschäftigen, sondern nur so weit, wie der Mädchenhandel mit ihr
zusammenhängt.
Die Aufgaben der Vereine, welche den Mädchenhandel aus der Welt
schaffen wollen, sind die folgenden: 1. Bekämpfung des Mädchenhandels
durch Bekämpfung seiner sozialen Ursachen; 2. Schutz der volljährigen
und minderjährigen weiblichen Personen gegen die Gefahren des
Mädchenhandels; 3. Sorge für Unterbringung und weiteres Fortkommen
der Geretteten; 4. Auskunftserteilung an alle im Interesse
Gefährdeter um Rat und Information bittenden Personen; 5. Verfolgung
der Mädchenhändler; 6. Bekämpfung der dem Mädchenhandel dienenden
Agenturen und solcher Einrichtungen, die den Mädchenhandel begünstigen
und veranlassen; 7. Überwachung der in- und ausländischen Presse;
8. Aufklärung der öffentlichen Meinung durch die Presse und durch
Vorträge; 9. Zusammenwirken mit deutschen Vereinen, deren Arbeit sich
mit der Bekämpfung des Mädchenhandels berührt; 10. Verständigung und
Zusammenwirken mit gleichartigen Organisationen des Auslandes.
Von diesen Aufgaben werden die meisten durch die laufenden Arbeiten
des Deutschen National-Komitees gelöst. Die beiden schwierigsten
sind: die Bekämpfung der sozialen Ursachen und die Unterbringung der
geretteten Mädchen. In der Regel wollen die Angehörigen von den Mädchen
nichts mehr wissen. Sie sollen ihr Brot selbst verdienen. Da sie aber
infolge ihres Aufenthaltes in den öffentlichen Häusern Papiere und
Zeugnisse nicht besitzen, so findet sich sehr selten eine Familie,
die ein derartiges Mädchen aufnimmt. Wohin soll sie gehen? Die drei
Stellungen, die stets offenstehen: Kellnerinnen, Aufwartemädchen im
Hotel und Fabrikarbeiterinnen sind für ein Mädchen, das an Arbeit
nicht gewöhnt ist, zu schwer und auch zu gefährlich. Eigene Heime für
sie einzurichten ist zu teuer, auch würden diese wegen der geringen
Zahl der Mädchen kaum ausgenutzt werden können. Die vorhandenen
Zufluchtshäuser nehmen sie mit Rücksicht auf die übrigen Bewohnerinnen
nicht auf. Es ist also fast unmöglich, für diese Mädchen zu sorgen.
Das sicherste Mittel ist, zu verhindern, daß die Mädchen in derartige
Häuser eintreten, und hierfür gibt es auch nur ein sicheres Mittel: die
Abschaffung der Häuser.
Man muß sich doch nur einmal in die Seele eines solchen Mädchens
hineindenken. Hört sie denn je ein anständiges Wort? Gibt es für sie
einen anderen Zweck auf der Welt, als Geld verdienen? Selbst in den
Rendez-vous-Häusern in Paris, die sogar von anständigen (??) Frauen
besucht werden sollen, gibt es nur einen Gedanken: „Geld verdienen“.
Während aber diese Frauen das Sündengeld mitnehmen können, werden
die armen Bordellmädchen von jedem, mit dem sie zusammenkommen,
ausgebeutet und betrogen. Ein pekuniärer Vorteil, eine Ersparnis für
die Zukunft gehört zu den seltensten Ausnahmen. Sie sind lediglich
Ausbeutungsobjekte für Mädchenhändler und Bordellbesitzer. Die
Gesellschaft macht es ihnen fast unmöglich, zu einem anständigen Leben
zurückzukehren. Die Belästigungen durch die Polizei, über welche
früher viel geklagt wurde, haben zum großen Teil aufgehört, weil die
Polizei sich überzeugt hat, daß dieses Nachforschen mehr Nachteile
als Vorteile hat; aber trotzdem ist die Möglichkeit, eine passende
Stellung für sie zu finden, fast ausgeschlossen. Durch die Krankheiten,
die sie durchmachen, durch die Orgien, zu denen sie gezwungen werden,
verlieren sie ihre Schönheit, ihre Gesundheit, ihren moralischen Halt,
sie sinken von Stufe zu Stufe, bis sie schließlich im Arbeiterbordell
enden. Also auch hier dasselbe Resultat: „Beseitigung dieser Häuser.“
Weshalb diese Forderung, die ja durch unsere Gesetzgebung angeordnet
ist, noch immer soviel Gegner findet, ist eigentlich unbegreiflich.
Es handelt sich doch um keinen Sprung ins Dunkle. Wir haben mehr
Länder, in denen sie verboten, als in denen sie gestattet sind. Die
Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien, Dänemark, Deutschland,
England, Holland, Norwegen, Schweden und die Schweiz haben diese
Häuser abgeschafft. Sind dadurch die Krankheiten schlimmer geworden,
die Sittlichkeitsverbrechen gestiegen, und hat die Zahl der Zuhälter
zugenommen? Allerdings kann ich die Gegenfrage: „Sind denn die
sittlichen Zustände dadurch besser geworden?“ nicht bejahen. Das
liegt daran, daß die statistischen Angaben auf sexuellem Gebiet
völlig unzuverlässig sind. Das eine steht fest, daß der Mädchenhandel
stets in die Länder geht, in denen sich diese Häuser befinden. Wenn
Amerika hierin scheinbar eine Ausnahme macht, so liegt dies an der
Bestechlichkeit der Polizei, welche das Vorhandensein der Häuser
nicht sehen will. In allen amerikanischen Städten bestehen heimliche
Bordelle, welche ebenso zum Mädchenhandel gezwungen sind wie die
konzessionierten.
Bei allen Gelegenheiten wird gegen unsere Bestrebungen der Vorwurf
erhoben, daß wir an der Oberfläche arbeiteten und die Schwierigkeit
der Frage umgingen. Der Hauptgrund des ganzen Mädchenhandels sei die
heutige Form der Eheschließung. Durch diese werde die Prostitution und
durch diese wieder der Mädchenhandel großgezogen. Glaubt man wirklich,
durch die Ehe des Zukunftsstaates gesündere Verhältnisse zu erreichen?
Möglich und denkbar ist es, daß der Mädchenhandel abnimmt; aber das
Schicksal der Frauen wird viel trauriger werden, als bei der jetzigen
Form der Eheschließung. Bei einer allgemeinen Abstimmung würden die
Frauen die ersten sein, die sich gegen diese Form der Ehe aussprächen.
Leider ist es bisher noch nicht gelungen, in allen Ländern
National-Komiteen zu begründen. Gerade in den Ländern, in denen die
schlimmsten Zustände herrschen, sind bisher alle Versuche in dieser
Beziehung gescheitert. In der Türkei, Griechenland, Rumänien,
Serbien, Bulgarien existiert nichts derartiges. In Warschau ist
allerdings ein russisches Zweig-Komitee, seine Tätigkeit ist aber
minimal. In Ungarn ist ein Komitee begründet. Dieses scheint aber
auch noch mit vielen Schwierigkeiten kämpfen zu müssen, da auch
bei ihm die praktischen Erfolge noch nicht sehr hervorgetreten
sind. Auf dem letzten Kongreß kamen diese Zustände zur Sprache, und
von seiten des Internationalen Komitees in London wurde Abhilfe
versprochen. Die Aussicht auf eine baldige Begründung dieser
Komiteen ist aber auch noch heute eine geringe.
Deutsches National-Komitee
In Deutschland, und zwar in Berlin, wurde unmittelbar nach
dem Besuch des Herrn Coote am 17. Januar 1899 das Deutsche
National-Komitee begründet, welches den Kampf gegen den
Mädchenhandel mit allen ihm zugebote stehenden Mitteln geführt
hat. Bis zum Jahre 1904 stand der Kammerherr Ihrer Majestät der
Kaiserin, Graf Keller, und von da ab der Wirkliche Geheime Rat
von Dirksen, Reichstags- und Landtagsabgeordneter, an der Spitze
des Komitees. Beide Herren haben es verstanden, sowohl Fühlung
mit den staatlichen Behörden zu behalten, als auch die vielen
Privatvereine zur Mitarbeit heranzuziehen. Unterstützt wurden sie
hierbei dadurch, daß Seine Majestät der Kaiser und Ihre Majestät
die Kaiserin wiederholt das wärmste Interesse für die Bewegung und
für die Bestrebungen des National-Komitees gezeigt haben, nicht
nur durch bedeutende pekuniäre Unterstützungen, sondern durch
warme Anteilnahme an den einzelnen Phasen der Entwicklung. Über
alle wichtigen Vorschläge hat sich Ihre Majestät Bericht erstatten
lassen, und die Aufnahme der Kongreßmitglieder im Schloß zu Homburg
(1902) ist eine beispiellose Ehrung des Komitees. Augenblicklich
sind 76 große Vereine dem Komitee angeschlossen. Dieses ist
intersozial und interreligiös und verfolgt trotz seiner nationalen
Zusammensetzung internationale Ziele. Es müßte deshalb vom großen
Publikum vielmehr unterstützt werden, als dies bisher der Fall ist.
Je größer die Zahl der Mitarbeiter ist, desto größer ist auch die
Aussicht auf Erfolg.
Durch die vielen Veröffentlichungen, die gerade in der letzten
Zeit erfolgt sind, und die den Beweis liefern, daß es sich um ein
aktuelles Thema handelt, wird hoffentlich das Interesse an der
Arbeit geweckt werden. Eine Reihe praktischer Arbeiten, z. B.
Verbreitung unseres hübschen Plakates in allen Städten Deutschlands
an möglichst auffallenden Stellen, war bisher unmöglich, weil uns
die finanziellen Mittel hierzu nicht zur Verfügung stehen. Wir
hoffen aber, dies in allernächster Zeit nachholen zu können.
Durch die oben angegebene, international gültige Definition und
die in Paris angenommenen beiden Protokolle ist die Tätigkeit der
Regierungen klar vorgezeichnet. Dadurch ist aber leider die Frage
des Mädchenhandels noch lange nicht gelöst. Ohne Mitwirkung des
großen Publikums ist an einen erfolgreichen Kampf nicht zu denken.
Dieses zur Mitarbeit heranzuziehen, ist eine unserer ersten und
schwersten Aufgaben. Dazu gehört aber eine ständige Agitation,
damit endlich die Ansicht durchdringt, daß der Mädchenhandel mit
unserer Zivilisation und mit der Stellung der einzelnen Individuen
im krassen Widerspruch steht. Hierzu ist wiederum eine genaue
Kenntnis alles dessen, was mit dem Mädchenhandel zusammenhängt,
nötig.
Ausblick
Ich komme zum Schluß. Ich habe in objektiver Weise die Verhältnisse
geschildert, die zum Mädchenhandel geführt haben, und die Mittel
angegeben, durch welche eine Einschränkung desselben möglich ist. Mir
bleibt nur noch übrig, an jeden einzelnen meiner Leser die Bitte zu
richten, diesen Kampf nicht als etwas Gleichgültiges anzusehen oder
gar zu glauben, daß die Bekämpfung lediglich Sache des Staates sei.
Der Staat ist machtlos, wenn nicht die Allgemeinheit hilft. Wir tragen
sämtlich Schuld, daß derartige entsetzliche Zustände eingerissen sind.
Der Spruch, daß die Männer polygamisch und nur die Frauen monogamisch
geschaffen seien, ist ja sehr bequem, aber er ist egoistisch, ungerecht
und grundfalsch. Daß Enthaltsamkeit zur Geisteskrankheit führt, ist
eine Behauptung, die kein Arzt der ganzen Welt unterschreiben wird.
Im Gegenteil ist gerade das berüchtigte „Ausleben“ der Grund, weshalb
wir so auffallend viele junge Greise in der Gesellschaft sehen. Daß
junge Leute sich an der Arbeit der Bekämpfung des Mädchenhandels
beteiligen, ist kaum zu hoffen. Wir sind ja schon zufrieden, wenn sie
die Berechtigung unserer Arbeit anerkennen. Daß aber die städtischen
Behörden in so vielen Städten von unserer Arbeit nichts wissen wollen,
ist mehr als traurig und wirft auf die Sittlichkeitsbestrebungen
unserer Zeit ein merkwürdiges Licht. Wir befinden uns in Deutschland
mit unserer Moral auf einer schiefen Ebene. Die Erzeugnisse der
Pornographie, sowohl auf dem Gebiet der Photographie als auch in der
Herausgabe pikanter Lektüre, ist nicht nur bei uns, sondern sogar
im Ausland zum großen Teil in deutschen Händen; die Kellnerinnen
der ganzen Welt rekrutieren sich aus deutschen Mädchen, die Achtung
vor dem Weiblichen Geschlecht ist im Sinken, das Nachtleben in den
großen Städten so überschäumend, wie nirgends in der Welt. Gibt es
wirklich keine Ideale mehr? Kann der Materialismus uns in der Tat
befriedigen? Wird der einzelne nicht stutzig, wenn er sieht, daß sein
Leben solche Erscheinungen zeitigt, wie den Mädchenhandel? Wie ist es
möglich, daß diese Mädchen, welche das denkbar traurigste Leben führen,
Freudenmädchen genannt werden können? Wie ist es erklärlich, daß
femmes entretenues hochgestellter Persönlichkeiten durch die Stellung
des Mannes gesellschaftsfähig gemacht werden können? Ist dies bloße
Gedankenlosigkeit, oder hat nicht in der Tat eine Umwertung aller
moralischen Begriffe derartige Folgen gezeitigt?
Wir sind kein eitles Volk, das sich damit brüstet, an der Spitze
der Zivilisation zu marschieren, aber wir waren doch immer ein
gesundes Volk, welches stets die Kraft in sich selbst fand, sich aus
den schwierigsten Verhältnissen und unglücklichsten Zeiten wieder
heraufzuarbeiten. Diese Kraft müssen wir uns erhalten. Dies können
wir unter allen Umständen, wenn wir der Unsittlichkeit, welche sich
überall breit zu machen versucht, entgegentreten und uns nicht von
ihr beherrschen lassen. Ich bin absichtlich nicht auf die Statistik
der Geschlechtskrankheiten eingegangen, weil sie völlig unzuverlässig
ist. Die französischen Tabellen beweisen, daß durch die öffentlichen
Häuser der Gesundheitszustand des Landes sich gebessert hat, während
die englischen Listen eine Besserung der Volksgesundheit von der
Abschaffung dieser Häuser herleiten.
Die deutschen Listen sind nur von einem Teil der befragten Ärzte
aufgestellt. Ein großer Teil der Ärzte hat auf die an sie gerichteten
Fragen nicht geantwortet, und die Naturheilkundigen, welche 50% der
Kranken behandeln, sind überhaupt nicht befragt. Wie man aus diesen
willkürlich zusammengesetzten unzuverlässigen Listen und Zahlen
irgendeinen Beweis herleiten kann, ist mir nicht erklärlich.
Der Standpunkt, den die städtischen Behörden in der Frage des
Mädchenhandels zum großen Teil einnehmen, ist ein falscher. Daß
die Prostitution nicht zu beseitigen ist, weiß jeder, der im
öffentlichen Leben steht. Das kann und darf doch aber nicht dahin
führen, die Prostituierten zu sanktionieren und aus ihnen womöglich
pensionsberechtigte Staatsbeamtinnen zu machen. Das Bordell hat
+keinen+ Vorteil, aber tausend Nachteile. Zu diesen Nachteilen gehört
in erster Linie, daß durch sie der Mädchenhandel entstanden und
großgezogen ist. Diese Ansicht muß in das große Publikum dringen, dann
wird die Zahl der Anhänger der öffentlichen Häuser sich verringern,
dann wird es möglich werden, strafrechtlich gegen die Inhaber
vorzugehen und ihre Häuser zu schließen.
Bei der Begründung der National-Komitees war dieser Kampf nicht
vorgesehen, ja, er war sogar direkt verboten. Durch die Vertiefung der
Arbeit mußte aber diese Einschränkung fallen und der Kampf aufgenommen
werden. Wenn wir hierbei sehen, wie tief bereits die Unsittlichkeit
sich eingenistet hat, dann ergibt sich, daß auch auf diesem Gebiet
energischer gearbeitet werden muß. Dies ist aber Sache der religiösen
und Sittlichkeitsvereine. Ein einzelner Verein ist nicht imstande, alle
Übelstände, die auf sittlichem Gebiet vorhanden sind, zu beseitigen,
dazu gehört in erster Linie Arbeit an sich selbst und die Erkenntnis,
daß man mit schönen Worten eine so traurige Erscheinung, wie den
Mädchenhandel, nicht beseitigen kann.
In den letzten Jahren ist in den Zeitungen, Zeitschriften und Büchern
so viel über den Mädchenhandel geschrieben, daß es kaum möglich ist,
Neues darüber zu sagen. Trotzdem gebe ich mich der Hoffnung hin, daß
die vorstehenden Zeilen dem Kampfe gegen den Mädchenhandel wenigstens
einige neue Kämpfer hinzuführen und vor allem die Leichtgläubigkeit der
jungen Mädchen und besonders ihrer Eltern erschüttern werden.
Alle Wege führen nach Rom. Es werden von anderer Seite andere Mittel
zum Kampf gegen den Mädchenhandel angegeben werden. Der sicherste und
kürzeste Weg aber ist: Beseitigung aller öffentlichen Häuser. Möge es
nicht zu lange dauern, ehe dies Ziel erreicht wird.
* * * * *
Wir glauben, unsere Ausführungen nicht wirksamer schließen zu können,
als durch die Wiedergabe nachstehender Ausführungen in der Sitzung vom
14. Februar 1911 des Preußischen Hauses der Abgeordneten (gekürzt nach
dem stenographischen Bericht):
+Abgeordneter Marx+:... Mit dieser Frage -- der Prostitution -- steht
in naher Verbindung die Frage der +Bekämpfung des Mädchenhandels+.
Das Deutsche Nationalkomitee zur internationalen Bekämpfung des
Mädchenhandels unter der bewährten Leitung unseres verehrten Mitgliedes
Exzellenz v. Dirksen hat seit Jahren in dieser Beziehung überaus
segensreich gewirkt. Ich möchte den Herrn Minister bitten, den
Bestrebungen dieses Komitees nach jeder Richtung bis an die Grenzen
jeder Möglichkeit seine hilfreiche Hand zuteil werden zu lassen.
(Bravo!) Ich möchte Sie bitten, das Bestehen des Mädchenhandels
durchaus nicht als etwas zu behandeln, was sich vielleicht in den
Köpfen einiger, besonders für diese Frage interessierter Männer
gebildet hätte. In den letzten Jahren haben sich die Verurteilungen
wegen Mädchenhandels und die Nachrichten über Verschleppungen von
Mädchen ganz ungeheuer gesteigert, und gerade in den letzten Wochen
haben Mädchenhändler die verschiedensten, auch ländliche Gegenden
aufgesucht, um unter Vorspiegelung der mannigfachsten Tatsachen dort
Mädchen zu verschleppen; es sind solche Fälle in Hangard, Sulzbach,
Saarlouis und anderen Gemeinden vorgekommen. Ich meine, auch die Herren
im Hohen Hause werden die Liebenswürdigkeit haben, in jeder Weise die
Bemühungen des Nationalkomitees zu unterstützen und der Bekämpfung des
Mädchenhandels ihre Aufmerksamkeit zu leihen.
+Minister des Innern v. Dallwitz+: Meine Herren, ich bin gern bereit,
soweit mein Ressort in Frage kommt, den Wünschen, die der Herr
Abgeordnete Marx soeben ausgesprochen hat, nachzukommen und dem Komitee
zur Bekämpfung des Mädchenhandels tunlichste Förderung angedeihen
zu lassen, um so mehr, als ich die Ehre gehabt habe, diesem Komitee
längere Jahre selbst anzugehören.
[Illustration]
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Privatdozent a. d. Universität zu Berlin
Mit zahlreichen kriminalistischen Abbildungen
Preis M. 20.--, gebunden M. 23.--.
Das vorliegende Werk will den =Juristen= und =Laienrichtern=
darlegen, was die Medizin für die Strafrechtspflege zu leisten vermag.
Verf. bringen mit reichen Beispielen vorwiegend eigene, noch nicht
veröffentlichte Forschungen und praktische Erfahrungen, die somit auch
den =Ärzten= von Wert sein werden. Über hundert kriminalistische
Aufnahmen unterstützen die Darstellung.
Inhalt der Hauptabschnitte: I. METHODIK DER GERICHTLICHEN MEDIZIN.
-- II. DIE GEWALTSAMEN TODESARTEN. Der Tod durch Erstickung (reine
Erstickung, Strangulation, Ertrinken). Mechanische Todesarten
(Schuß-, Schnitt-, Hieb-, Stichwunden, Stumpfe Gewalt). Abnorme
Temperaturen. Verhungern. III. FORENSISCHE PSYCHIATRIE. Methodik der
Untersuchung (Simulation). Die einzelnen Formen seelischer Störungen
(melancholische und manische Verrücktheitszustände, progressive
Paralyse, Altersblödsinn, Alkoholismus, Morphinismus, Kokainismus,
Epilepsie, Hysterie, Neurasthenie u. a.). Zeugnis-, Haft- und
Verhandlungsfähigkeit. IV. SEXUELLE FRAGEN. Kindesmord. Abtreibung.
Sittlichkeitsverbrechen. V. KRIMINELLE VERGIFTUNGEN.
STAATSANWALT DR. ERICH WULFFEN
PSYCHOLOGIE DES VERBRECHERS
Zwei Bände. Preis M. 25.--, in zwei Bände gebunden M. 30.--
URTEILE VON AUTORITÄTEN:
PROFESSOR DR. VON LISZT, BERLIN:
Das Werk ist eine Tat!
POLIZEIDIREKTOR DR. ROSCHER, HAMBURG:
Eine Arbeit ersten Ranges, die durch erstaunliche Beherrschung des
Stoffes, Gründlichkeit und Vollständigkeit, Objektivität, Klarheit der
Gedanken und glänzende Sprache voll befriedigt. Ich kann das Werk nur
auf das wärmste empfehlen.
PROFESSOR DR. A. FOREL, ZÜRICH:
Alle Hochachtung für den Verfasser dieses großen Werkes, das nicht
nur Juristen und Kriminalisten, Ärzten und Pädagogen, sondern allen
Gebildeten warm zu empfehlen ist.