Die Regierungsvertreter gaben sofort an, in welcher Weise diesen

Wünschen Genüge geleistet und wie die Arbeit am besten in die

Wege geleitet werden könne. Diese interne Arbeit mußte aber an

die Öffentlichkeit gebracht werden, um das Publikum und vor allem

die vielen Vereine, welche sich für die Frage interessierten,

auf dem laufenden zu erhalten. Zu dem Zweck fanden jährlich

nationale Konferenzen statt, und zwar stets in verschiedenen

Teilen Deutschlands, auf denen die Beschlüsse für die gemeinsame

Weiterarbeit gefaßt wurden. Diese Beschlüsse bildeten dann

gewissermaßen das Programm für die internationalen Kongresse,

die alle drei bis vier Jahr, ebenfalls nach Ländern wechselnd,

einberufen wurden. Durch diese systematische Zusammenarbeit ist

es erreicht, daß die von den Komiteen veröffentlichten Beschlüsse

gewissermaßen als öffentliche Meinung gelten, auf welche gestützt,

die staatlichen Behörden und die gesetzgebenden Kammern die Gesetze

geben, durch welche ein Verbrechen aus der Welt geschafft werden

kann, welches durch die Gewohnheit so tief eingenistet ist, daß

auch noch heute viele Menschen diese Aufgabe für nicht lösbar

halten. Wenn man aber die zehnjährige Arbeit und Entwicklung der

National-Komiteen überblickt, so kann man sich doch der Hoffnung

hingehen, daß wir das gesteckte Ziel erreichen werden.

Auf dem ersten Kongreß 1899 in London wurde die Prostitutionsfrage

offiziell ausgeschaltet, weil sie die Internationalität gefährdete,

und im Jahre 1910 auf dem Vierten Internationalen Kongreß in Madrid

wurde einstimmig der Beschluß angenommen, die National-Komitees

+aller+ Länder sollten intensiv an der Beseitigung der öffentlichen

Häuser arbeiten.

Welche Widerstände zu brechen waren, um einen derartigen Beschluß

herbeizuführen, kann nur der beurteilen, der die Arbeiten

mitgemacht hat. Noch im Jahre 1904 erklärte der italienische

Delegierte in einer öffentlichen Versammlung zu Zürich: „Ich

würde meiner Frau und meiner Tochter niemals erlauben, in eine

Stadt zu reisen, von der mir bekannt ist, daß sich dort keine

öffentlichen Häuser befinden.“ Man glaubte also in der Tat, daß die

öffentlichen Häuser für die anständigen Frauen und Mädchen eine Art

Sicherheitsventil bildeten und deshalb von der Sicherheitspolizei

beschützt werden müßten.

Die Arbeit der verschiedenen Komiteen ist allerdings sehr

verschieden. Einige beschränken sich darauf, einzelne gefährdete

Mädchen zu schützen und zu befreien, andere dagegen, zu denen

glücklicherweise auch das Deutsche gehört, legen neben der

vorbeugenden und rettenden Tätigkeit im einzelnen den Schwerpunkt

darauf, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und hierdurch eine

gerechte und praktische Gesetzgebung und Verwaltung zu erzielen.

Hierbei sind wir vom ersten Tage an von der Presse in der

wirksamsten und energischsten Weise unterstützt worden. Niemals

sind uns von irgendwelcher Seite Schwierigkeiten bereitet.

Die Politik hat glücklicherweise mit unserer Arbeit nichts zu

tun. Sie ist eine rein humanitäre, und die Erfolge, welche die

Nationalkomiteen erzielen, kommen der Allgemeinheit auf sozialem

und sittlichem Gebiet zugute. Die Schwierigkeit der Arbeit liegt

in dem Überwinden des Widerstandes der oberen Zehntausend und der

städtischen Behörden, die ganz im Gegensatz zu den staatlichen

Behörden der Prostitution einen Schutz gewähren, den sie nicht

verdient. Auf welche Weise es zu erreichen ist, daß der von der

Prostitution angerichtete Schaden möglichst gering ist, darüber

gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Wir können uns

deshalb auch heute noch nicht mit der ganzen Prostitutionsfrage

beschäftigen, sondern nur so weit, wie der Mädchenhandel mit ihr

zusammenhängt.

Die Aufgaben der Vereine, welche den Mädchenhandel aus der Welt

schaffen wollen, sind die folgenden: 1. Bekämpfung des Mädchenhandels

durch Bekämpfung seiner sozialen Ursachen; 2. Schutz der volljährigen

und minderjährigen weiblichen Personen gegen die Gefahren des

Mädchenhandels; 3. Sorge für Unterbringung und weiteres Fortkommen

der Geretteten; 4. Auskunftserteilung an alle im Interesse

Gefährdeter um Rat und Information bittenden Personen; 5. Verfolgung

der Mädchenhändler; 6. Bekämpfung der dem Mädchenhandel dienenden

Agenturen und solcher Einrichtungen, die den Mädchenhandel begünstigen

und veranlassen; 7. Überwachung der in- und ausländischen Presse;

8. Aufklärung der öffentlichen Meinung durch die Presse und durch

Vorträge; 9. Zusammenwirken mit deutschen Vereinen, deren Arbeit sich

mit der Bekämpfung des Mädchenhandels berührt; 10. Verständigung und

Zusammenwirken mit gleichartigen Organisationen des Auslandes.

Von diesen Aufgaben werden die meisten durch die laufenden Arbeiten

des Deutschen National-Komitees gelöst. Die beiden schwierigsten

sind: die Bekämpfung der sozialen Ursachen und die Unterbringung der

geretteten Mädchen. In der Regel wollen die Angehörigen von den Mädchen

nichts mehr wissen. Sie sollen ihr Brot selbst verdienen. Da sie aber

infolge ihres Aufenthaltes in den öffentlichen Häusern Papiere und

Zeugnisse nicht besitzen, so findet sich sehr selten eine Familie,

die ein derartiges Mädchen aufnimmt. Wohin soll sie gehen? Die drei

Stellungen, die stets offenstehen: Kellnerinnen, Aufwartemädchen im

Hotel und Fabrikarbeiterinnen sind für ein Mädchen, das an Arbeit

nicht gewöhnt ist, zu schwer und auch zu gefährlich. Eigene Heime für

sie einzurichten ist zu teuer, auch würden diese wegen der geringen

Zahl der Mädchen kaum ausgenutzt werden können. Die vorhandenen

Zufluchtshäuser nehmen sie mit Rücksicht auf die übrigen Bewohnerinnen

nicht auf. Es ist also fast unmöglich, für diese Mädchen zu sorgen.

Das sicherste Mittel ist, zu verhindern, daß die Mädchen in derartige

Häuser eintreten, und hierfür gibt es auch nur ein sicheres Mittel: die

Abschaffung der Häuser.

Man muß sich doch nur einmal in die Seele eines solchen Mädchens

hineindenken. Hört sie denn je ein anständiges Wort? Gibt es für sie

einen anderen Zweck auf der Welt, als Geld verdienen? Selbst in den

Rendez-vous-Häusern in Paris, die sogar von anständigen (??) Frauen

besucht werden sollen, gibt es nur einen Gedanken: „Geld verdienen“.

Während aber diese Frauen das Sündengeld mitnehmen können, werden

die armen Bordellmädchen von jedem, mit dem sie zusammenkommen,

ausgebeutet und betrogen. Ein pekuniärer Vorteil, eine Ersparnis für

die Zukunft gehört zu den seltensten Ausnahmen. Sie sind lediglich

Ausbeutungsobjekte für Mädchenhändler und Bordellbesitzer. Die

Gesellschaft macht es ihnen fast unmöglich, zu einem anständigen Leben

zurückzukehren. Die Belästigungen durch die Polizei, über welche

früher viel geklagt wurde, haben zum großen Teil aufgehört, weil die

Polizei sich überzeugt hat, daß dieses Nachforschen mehr Nachteile

als Vorteile hat; aber trotzdem ist die Möglichkeit, eine passende

Stellung für sie zu finden, fast ausgeschlossen. Durch die Krankheiten,

die sie durchmachen, durch die Orgien, zu denen sie gezwungen werden,

verlieren sie ihre Schönheit, ihre Gesundheit, ihren moralischen Halt,

sie sinken von Stufe zu Stufe, bis sie schließlich im Arbeiterbordell

enden. Also auch hier dasselbe Resultat: „Beseitigung dieser Häuser.“

Weshalb diese Forderung, die ja durch unsere Gesetzgebung angeordnet

ist, noch immer soviel Gegner findet, ist eigentlich unbegreiflich.

Es handelt sich doch um keinen Sprung ins Dunkle. Wir haben mehr

Länder, in denen sie verboten, als in denen sie gestattet sind. Die

Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien, Dänemark, Deutschland,

England, Holland, Norwegen, Schweden und die Schweiz haben diese

Häuser abgeschafft. Sind dadurch die Krankheiten schlimmer geworden,

die Sittlichkeitsverbrechen gestiegen, und hat die Zahl der Zuhälter

zugenommen? Allerdings kann ich die Gegenfrage: „Sind denn die

sittlichen Zustände dadurch besser geworden?“ nicht bejahen. Das

liegt daran, daß die statistischen Angaben auf sexuellem Gebiet

völlig unzuverlässig sind. Das eine steht fest, daß der Mädchenhandel

stets in die Länder geht, in denen sich diese Häuser befinden. Wenn

Amerika hierin scheinbar eine Ausnahme macht, so liegt dies an der

Bestechlichkeit der Polizei, welche das Vorhandensein der Häuser

nicht sehen will. In allen amerikanischen Städten bestehen heimliche

Bordelle, welche ebenso zum Mädchenhandel gezwungen sind wie die

konzessionierten.

Bei allen Gelegenheiten wird gegen unsere Bestrebungen der Vorwurf

erhoben, daß wir an der Oberfläche arbeiteten und die Schwierigkeit

der Frage umgingen. Der Hauptgrund des ganzen Mädchenhandels sei die

heutige Form der Eheschließung. Durch diese werde die Prostitution und

durch diese wieder der Mädchenhandel großgezogen. Glaubt man wirklich,

durch die Ehe des Zukunftsstaates gesündere Verhältnisse zu erreichen?

Möglich und denkbar ist es, daß der Mädchenhandel abnimmt; aber das

Schicksal der Frauen wird viel trauriger werden, als bei der jetzigen

Form der Eheschließung. Bei einer allgemeinen Abstimmung würden die

Frauen die ersten sein, die sich gegen diese Form der Ehe aussprächen.

Leider ist es bisher noch nicht gelungen, in allen Ländern

National-Komiteen zu begründen. Gerade in den Ländern, in denen die

schlimmsten Zustände herrschen, sind bisher alle Versuche in dieser

Beziehung gescheitert. In der Türkei, Griechenland, Rumänien,

Serbien, Bulgarien existiert nichts derartiges. In Warschau ist

allerdings ein russisches Zweig-Komitee, seine Tätigkeit ist aber

minimal. In Ungarn ist ein Komitee begründet. Dieses scheint aber

auch noch mit vielen Schwierigkeiten kämpfen zu müssen, da auch

bei ihm die praktischen Erfolge noch nicht sehr hervorgetreten

sind. Auf dem letzten Kongreß kamen diese Zustände zur Sprache, und

von seiten des Internationalen Komitees in London wurde Abhilfe

versprochen. Die Aussicht auf eine baldige Begründung dieser

Komiteen ist aber auch noch heute eine geringe.

Deutsches National-Komitee

In Deutschland, und zwar in Berlin, wurde unmittelbar nach

dem Besuch des Herrn Coote am 17. Januar 1899 das Deutsche

National-Komitee begründet, welches den Kampf gegen den

Mädchenhandel mit allen ihm zugebote stehenden Mitteln geführt

hat. Bis zum Jahre 1904 stand der Kammerherr Ihrer Majestät der

Kaiserin, Graf Keller, und von da ab der Wirkliche Geheime Rat

von Dirksen, Reichstags- und Landtagsabgeordneter, an der Spitze

des Komitees. Beide Herren haben es verstanden, sowohl Fühlung

mit den staatlichen Behörden zu behalten, als auch die vielen

Privatvereine zur Mitarbeit heranzuziehen. Unterstützt wurden sie

hierbei dadurch, daß Seine Majestät der Kaiser und Ihre Majestät

die Kaiserin wiederholt das wärmste Interesse für die Bewegung und

für die Bestrebungen des National-Komitees gezeigt haben, nicht

nur durch bedeutende pekuniäre Unterstützungen, sondern durch

warme Anteilnahme an den einzelnen Phasen der Entwicklung. Über

alle wichtigen Vorschläge hat sich Ihre Majestät Bericht erstatten

lassen, und die Aufnahme der Kongreßmitglieder im Schloß zu Homburg

(1902) ist eine beispiellose Ehrung des Komitees. Augenblicklich

sind 76 große Vereine dem Komitee angeschlossen. Dieses ist

intersozial und interreligiös und verfolgt trotz seiner nationalen

Zusammensetzung internationale Ziele. Es müßte deshalb vom großen

Publikum vielmehr unterstützt werden, als dies bisher der Fall ist.

Je größer die Zahl der Mitarbeiter ist, desto größer ist auch die

Aussicht auf Erfolg.

Durch die vielen Veröffentlichungen, die gerade in der letzten

Zeit erfolgt sind, und die den Beweis liefern, daß es sich um ein

aktuelles Thema handelt, wird hoffentlich das Interesse an der

Arbeit geweckt werden. Eine Reihe praktischer Arbeiten, z. B.

Verbreitung unseres hübschen Plakates in allen Städten Deutschlands

an möglichst auffallenden Stellen, war bisher unmöglich, weil uns

die finanziellen Mittel hierzu nicht zur Verfügung stehen. Wir

hoffen aber, dies in allernächster Zeit nachholen zu können.

Durch die oben angegebene, international gültige Definition und

die in Paris angenommenen beiden Protokolle ist die Tätigkeit der

Regierungen klar vorgezeichnet. Dadurch ist aber leider die Frage

des Mädchenhandels noch lange nicht gelöst. Ohne Mitwirkung des

großen Publikums ist an einen erfolgreichen Kampf nicht zu denken.

Dieses zur Mitarbeit heranzuziehen, ist eine unserer ersten und

schwersten Aufgaben. Dazu gehört aber eine ständige Agitation,

damit endlich die Ansicht durchdringt, daß der Mädchenhandel mit

unserer Zivilisation und mit der Stellung der einzelnen Individuen

im krassen Widerspruch steht. Hierzu ist wiederum eine genaue

Kenntnis alles dessen, was mit dem Mädchenhandel zusammenhängt,

nötig.

Ausblick

Ich komme zum Schluß. Ich habe in objektiver Weise die Verhältnisse

geschildert, die zum Mädchenhandel geführt haben, und die Mittel

angegeben, durch welche eine Einschränkung desselben möglich ist. Mir

bleibt nur noch übrig, an jeden einzelnen meiner Leser die Bitte zu

richten, diesen Kampf nicht als etwas Gleichgültiges anzusehen oder

gar zu glauben, daß die Bekämpfung lediglich Sache des Staates sei.

Der Staat ist machtlos, wenn nicht die Allgemeinheit hilft. Wir tragen

sämtlich Schuld, daß derartige entsetzliche Zustände eingerissen sind.

Der Spruch, daß die Männer polygamisch und nur die Frauen monogamisch

geschaffen seien, ist ja sehr bequem, aber er ist egoistisch, ungerecht

und grundfalsch. Daß Enthaltsamkeit zur Geisteskrankheit führt, ist

eine Behauptung, die kein Arzt der ganzen Welt unterschreiben wird.

Im Gegenteil ist gerade das berüchtigte „Ausleben“ der Grund, weshalb

wir so auffallend viele junge Greise in der Gesellschaft sehen. Daß

junge Leute sich an der Arbeit der Bekämpfung des Mädchenhandels

beteiligen, ist kaum zu hoffen. Wir sind ja schon zufrieden, wenn sie

die Berechtigung unserer Arbeit anerkennen. Daß aber die städtischen

Behörden in so vielen Städten von unserer Arbeit nichts wissen wollen,

ist mehr als traurig und wirft auf die Sittlichkeitsbestrebungen

unserer Zeit ein merkwürdiges Licht. Wir befinden uns in Deutschland

mit unserer Moral auf einer schiefen Ebene. Die Erzeugnisse der

Pornographie, sowohl auf dem Gebiet der Photographie als auch in der

Herausgabe pikanter Lektüre, ist nicht nur bei uns, sondern sogar

im Ausland zum großen Teil in deutschen Händen; die Kellnerinnen

der ganzen Welt rekrutieren sich aus deutschen Mädchen, die Achtung

vor dem Weiblichen Geschlecht ist im Sinken, das Nachtleben in den

großen Städten so überschäumend, wie nirgends in der Welt. Gibt es

wirklich keine Ideale mehr? Kann der Materialismus uns in der Tat

befriedigen? Wird der einzelne nicht stutzig, wenn er sieht, daß sein

Leben solche Erscheinungen zeitigt, wie den Mädchenhandel? Wie ist es

möglich, daß diese Mädchen, welche das denkbar traurigste Leben führen,

Freudenmädchen genannt werden können? Wie ist es erklärlich, daß

femmes entretenues hochgestellter Persönlichkeiten durch die Stellung

des Mannes gesellschaftsfähig gemacht werden können? Ist dies bloße

Gedankenlosigkeit, oder hat nicht in der Tat eine Umwertung aller

moralischen Begriffe derartige Folgen gezeitigt?

Wir sind kein eitles Volk, das sich damit brüstet, an der Spitze

der Zivilisation zu marschieren, aber wir waren doch immer ein

gesundes Volk, welches stets die Kraft in sich selbst fand, sich aus

den schwierigsten Verhältnissen und unglücklichsten Zeiten wieder

heraufzuarbeiten. Diese Kraft müssen wir uns erhalten. Dies können

wir unter allen Umständen, wenn wir der Unsittlichkeit, welche sich

überall breit zu machen versucht, entgegentreten und uns nicht von

ihr beherrschen lassen. Ich bin absichtlich nicht auf die Statistik

der Geschlechtskrankheiten eingegangen, weil sie völlig unzuverlässig

ist. Die französischen Tabellen beweisen, daß durch die öffentlichen

Häuser der Gesundheitszustand des Landes sich gebessert hat, während

die englischen Listen eine Besserung der Volksgesundheit von der

Abschaffung dieser Häuser herleiten.

Die deutschen Listen sind nur von einem Teil der befragten Ärzte

aufgestellt. Ein großer Teil der Ärzte hat auf die an sie gerichteten

Fragen nicht geantwortet, und die Naturheilkundigen, welche 50% der

Kranken behandeln, sind überhaupt nicht befragt. Wie man aus diesen

willkürlich zusammengesetzten unzuverlässigen Listen und Zahlen

irgendeinen Beweis herleiten kann, ist mir nicht erklärlich.

Der Standpunkt, den die städtischen Behörden in der Frage des

Mädchenhandels zum großen Teil einnehmen, ist ein falscher. Daß

die Prostitution nicht zu beseitigen ist, weiß jeder, der im

öffentlichen Leben steht. Das kann und darf doch aber nicht dahin

führen, die Prostituierten zu sanktionieren und aus ihnen womöglich

pensionsberechtigte Staatsbeamtinnen zu machen. Das Bordell hat

+keinen+ Vorteil, aber tausend Nachteile. Zu diesen Nachteilen gehört

in erster Linie, daß durch sie der Mädchenhandel entstanden und

großgezogen ist. Diese Ansicht muß in das große Publikum dringen, dann

wird die Zahl der Anhänger der öffentlichen Häuser sich verringern,

dann wird es möglich werden, strafrechtlich gegen die Inhaber

vorzugehen und ihre Häuser zu schließen.

Bei der Begründung der National-Komitees war dieser Kampf nicht

vorgesehen, ja, er war sogar direkt verboten. Durch die Vertiefung der

Arbeit mußte aber diese Einschränkung fallen und der Kampf aufgenommen

werden. Wenn wir hierbei sehen, wie tief bereits die Unsittlichkeit

sich eingenistet hat, dann ergibt sich, daß auch auf diesem Gebiet

energischer gearbeitet werden muß. Dies ist aber Sache der religiösen

und Sittlichkeitsvereine. Ein einzelner Verein ist nicht imstande, alle

Übelstände, die auf sittlichem Gebiet vorhanden sind, zu beseitigen,

dazu gehört in erster Linie Arbeit an sich selbst und die Erkenntnis,

daß man mit schönen Worten eine so traurige Erscheinung, wie den

Mädchenhandel, nicht beseitigen kann.

In den letzten Jahren ist in den Zeitungen, Zeitschriften und Büchern

so viel über den Mädchenhandel geschrieben, daß es kaum möglich ist,

Neues darüber zu sagen. Trotzdem gebe ich mich der Hoffnung hin, daß

die vorstehenden Zeilen dem Kampfe gegen den Mädchenhandel wenigstens

einige neue Kämpfer hinzuführen und vor allem die Leichtgläubigkeit der

jungen Mädchen und besonders ihrer Eltern erschüttern werden.

Alle Wege führen nach Rom. Es werden von anderer Seite andere Mittel

zum Kampf gegen den Mädchenhandel angegeben werden. Der sicherste und

kürzeste Weg aber ist: Beseitigung aller öffentlichen Häuser. Möge es

nicht zu lange dauern, ehe dies Ziel erreicht wird.

* * * * *

Wir glauben, unsere Ausführungen nicht wirksamer schließen zu können,

als durch die Wiedergabe nachstehender Ausführungen in der Sitzung vom

14. Februar 1911 des Preußischen Hauses der Abgeordneten (gekürzt nach

dem stenographischen Bericht):

+Abgeordneter Marx+:... Mit dieser Frage -- der Prostitution -- steht

in naher Verbindung die Frage der +Bekämpfung des Mädchenhandels+.

Das Deutsche Nationalkomitee zur internationalen Bekämpfung des

Mädchenhandels unter der bewährten Leitung unseres verehrten Mitgliedes

Exzellenz v. Dirksen hat seit Jahren in dieser Beziehung überaus

segensreich gewirkt. Ich möchte den Herrn Minister bitten, den

Bestrebungen dieses Komitees nach jeder Richtung bis an die Grenzen

jeder Möglichkeit seine hilfreiche Hand zuteil werden zu lassen.

(Bravo!) Ich möchte Sie bitten, das Bestehen des Mädchenhandels

durchaus nicht als etwas zu behandeln, was sich vielleicht in den

Köpfen einiger, besonders für diese Frage interessierter Männer

gebildet hätte. In den letzten Jahren haben sich die Verurteilungen

wegen Mädchenhandels und die Nachrichten über Verschleppungen von

Mädchen ganz ungeheuer gesteigert, und gerade in den letzten Wochen

haben Mädchenhändler die verschiedensten, auch ländliche Gegenden

aufgesucht, um unter Vorspiegelung der mannigfachsten Tatsachen dort

Mädchen zu verschleppen; es sind solche Fälle in Hangard, Sulzbach,

Saarlouis und anderen Gemeinden vorgekommen. Ich meine, auch die Herren

im Hohen Hause werden die Liebenswürdigkeit haben, in jeder Weise die

Bemühungen des Nationalkomitees zu unterstützen und der Bekämpfung des

Mädchenhandels ihre Aufmerksamkeit zu leihen.

+Minister des Innern v. Dallwitz+: Meine Herren, ich bin gern bereit,

soweit mein Ressort in Frage kommt, den Wünschen, die der Herr

Abgeordnete Marx soeben ausgesprochen hat, nachzukommen und dem Komitee

zur Bekämpfung des Mädchenhandels tunlichste Förderung angedeihen

zu lassen, um so mehr, als ich die Ehre gehabt habe, diesem Komitee

längere Jahre selbst anzugehören.

[Illustration]

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Inhalt der Hauptabschnitte: I. METHODIK DER GERICHTLICHEN MEDIZIN.

-- II. DIE GEWALTSAMEN TODESARTEN. Der Tod durch Erstickung (reine

Erstickung, Strangulation, Ertrinken). Mechanische Todesarten

(Schuß-, Schnitt-, Hieb-, Stichwunden, Stumpfe Gewalt). Abnorme

Temperaturen. Verhungern. III. FORENSISCHE PSYCHIATRIE. Methodik der

Untersuchung (Simulation). Die einzelnen Formen seelischer Störungen

(melancholische und manische Verrücktheitszustände, progressive

Paralyse, Altersblödsinn, Alkoholismus, Morphinismus, Kokainismus,

Epilepsie, Hysterie, Neurasthenie u. a.). Zeugnis-, Haft- und

Verhandlungsfähigkeit. IV. SEXUELLE FRAGEN. Kindesmord. Abtreibung.

Sittlichkeitsverbrechen. V. KRIMINELLE VERGIFTUNGEN.

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Eine Arbeit ersten Ranges, die durch erstaunliche Beherrschung des

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PROFESSOR DR. A. FOREL, ZÜRICH:

Alle Hochachtung für den Verfasser dieses großen Werkes, das nicht

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Gebildeten warm zu empfehlen ist.

Der Mädchenhandel · 第 7 / 8 段