(Er zieht ab, und in dem Funkenregen fliegt ein kleines, weißes
Paketchen in die Ferne.)
_Sandmännchen_
(starrt in die Luft)
Nun ist auch das Kleinste glücklich da oben;
Hab' gut gezielt und muß mich loben!
(mit einem Seufzer.)
Man erlebt auf dem Monde so selten was,
Und dies war doch mal ein besonderer Spaß!
Zwei schöne Äpfelchen gaben sie mir,
Schick' ihnen nun schöne Träume dafür.
Sie waren wirklich sehr lieb und gut,
Und mir ist ganz weinerlich zu Mut.
(Er wischt sich mit vieler Umständlichkeit die Augen und starrt dann
wieder in die Luft. Plötzlich reckt er die Faust gen Himmel.)
Wenn der Mondmann ihnen ein Leid antut,
Soll er das Sandmännchen kennen lernen;
Ich schwör' es bei allen meinen Sternen!
Den ganzen Himmel ruf' ich herbei
Und reiß' ihm die schwarze Seele entzwei,
Daß die Fetzen nur so durch die Lüfte fliegen
Und an allen Enden des Mondes liegen!
(Er fuchtelt mit den Fäusten zum Berge hinauf.)
Ich schwör' dir's, Mondmann, bei allen Sternen,
Dann sollst du das Sandmännchen kennen lernen!
(Während das Sandmännchen mit den Fäusten in der Luft herumfuchtelt,
fällt der Vorhang.)
_Verwandlung._
Auf der Höhe des Mondberges.
(Unregelmäßig gerundete, mit seltsamen, silbergrauen Bäumen bestandene
Bergterrasse. Im Hintergrunde scheint es ins Bodenlose zu gehen. Völlig
schwarzer Himmel. Gespenstig fahl blaues Licht. An einem der Bäume hängt
ein Maikäferbeinchen. Der Mondmann, ein schwarzer, wüst aussehender
Riese, läuft mit einer Axt in der Hand und einem Bündel Knüppeln auf dem
Rücken umher.)
_Mondmann_
Verflucht sei die Welt, verflucht sei die Zeit,
Verflucht meine ewige Einsamkeit!
(läuft zum Rand des Berges.)
Dort, in der Tiefe, dort liegt die Erde,
Die ich nie wieder betreten werde;
Verdammt sollen alle Menschen sein,
Pest, Hunger und Tod in ihr blasses Gebein!
(schwingt wütend die Axt.)
Ich hasse dieses Menschengezücht,
Das da glücklich im Lichte der Sonne kriecht!
(wendet sich und droht mit der Axt.)
Oh, käm' mir mal einer hier herauf,
Mit Haut und Haaren fräß' ich ihn auf!
Schlachten würd' ich ihn, langsam braten
Am Spieß, er sollte mir wohl geraten!
Ich ließe ihn backen hundert Stunden,
Dann sollten mir seine Gliederlein munden.
Schon tausend Jahr' hab' ich nichts gegessen,
Tausend Menschen könnte ich fressen
Mit Haut und Haar, mit Hut und Schuh; --
Ach, käm' es doch nur einmal dazu!
(Vor dem Maikäferbeinchen.)
Du, Beinchen, an dem Birkenbaum,
Du bist mein letzter Hoffnungstraum;
Denn findet der Käfer ein Kinderpaar,
So kommen sie her, und dann wird's wahr,
Dann kann ich all mein Leid vergessen,
Dann kann ich sie fressen, fressen, fressen!
(Man hört den dumpfen Ton eines fernen Kanonenschusses.)
_Mondmann_
Ha, was war das? -- ein Kanonenschuß?
Das klingt mir wie ein Hoffnungsgruß! --
Will mich zunächst einmal verstecken.
(Er kriecht hinter einen Baum und duckt sich dort. Auf den Rand der
Terrasse wird aus dem Hintergrunde herauf plötzlich der Maikäfer
geworfen. Er sitzt mit seltsamer Possierlichkeit, wie ein plötzlich
durch Schreck Geweckter, und reibt sich die Augen.)
_Maikäfer_
Du lieber Himmel, das war ein Schrecken!
(Ein zweiter Schuß ertönt. Peterchen fliegt neben den Maikäfer auf den
Rand und reibt sich die Augen.)
_Peterchen_
Bauz, pardauz, das war ein Vergnügen,
So puff, hoch durch die Luft zu fliegen!
Es sumst einem ordentlich in den Ohren ...
(Ein dritter Schuß ertönt. Anneliese fliegt neben Peterchen auf den Rand
und reibt sich die Augen.)
_Anneliese_
Beinahe hätt' ich mein Püppchen verloren,
So bin ich durch die Luft gebrummt,
So toll hat die Kanone gebummt!
(Alle drei gucken sich an und lachen.)
_Alle drei_
Das war mal lustig, ha ha ha!
_Peterchen_
(sieht sich um)
Ich glaube, jetzt sind wir endlich da
Und können das Beinchen suchen gehn! --
_Maikäfer_
Da hängt es, da hängt es, ich hab's gesehn!
(Alle drei laufen zu dem Baum, an dem das Beinchen hängt. Der Mondmann
stürzt mit Gebrüll aus seinem Versteck hervor und vertritt ihnen den
Weg. Der Maikäfer fällt sofort auf den Rücken und stellt sich tot. Die
Kinder bleiben stehn.)
_Peterchen_
(unverzagt)
Bist du der Mondmann?
_Mondmann_
Der Mondmann? Ja!
Was wollt ihr winzigen Würmer da?
Was wollt ihr in meinem Waldrevier?
_Peterchen_
Hast du nicht ein Maikäferbeinchen hier?
_Mondmann_
(lacht wild)
Ein Maikäferbein, ein Maikäferbein?
Das soll hier auf dem Mondberg sein?
_Peterchen_
Die Nachtfee sagt, es wäre da,
Und ich seh' es schon hängen, da ist es ja!
_Mondmann_
Was siehst du hängen, du winziger Wicht? --
Was an dem Baum hängt, das kümmert dich nicht!
Hierher gehört das Maikäferbein,
Und ich geb' es nicht her, denn es ist mein!
_Peterchen_
Das ist nicht wahr, es gehört nicht dir,
Es gehört einem armen, kleinen Tier!
_Mondmann_
So? Was du Kröte nicht alles weißt!
Da sag' mir doch erst einmal, wie du heißt?
_Peterchen_
Ich heiße Peterchen und bitte dich sehr,
Gib jetzt dem Maikäfer sein Beinchen her!
_Mondmann_
Du bittest mich sehr? Was gibst du mir,
Wenn ich es dir gebe, denn wieder dafür?
_Anneliese_
Du kannst einen schönen Apfel haben!
(reicht ihm ihren letzten Apfel. Der Mondmann reißt ihn aus ihrer Hand
und verschlingt ihn.)
_Mondmann_
Schmeckt gut! -- (Zu Peterchen.)
Hast du auch solche Gaben?
_Peterchen_
(gibt seinen letzten Apfel, den der Mondmann ebenso verschlingt)
Hier hast du den letzten. -- Nun gib es uns her!
_Mondmann_
(zu Anneliese)
Da in dem Körbchen ist ja noch mehr!
_Anneliese_
(nimmt zögernd das Paketchen mit Pfefferkuchen heraus.)
Pfefferkuchen -- vom Weihnachtsmann!
_Mondmann_
(reißt es ihr aus der Hand)
Her damit, wenn man's fressen kann!
(Er verschlingt es. Anneliese bekommt dicke Tränen in die Augen.)
_Mondmann_
(zu Peterchen)
Und du, da ist auch noch was drin! --
Siehst du nicht, daß ich hungrig bin?
_Peterchen_
(gibt ihm sein Päckchen)
Da hast du, -- hungrig sollst du nicht sein;
Aber gib uns nun, bitte, das Maikäferbein!
_Mondmann_
(fressend und kauend)
Ist noch nicht genug, habt ihr gehört?
Das Beinchen ist mir noch viel mehr wert!
_Peterchen_
Wir haben nichts mehr ...
_Mondmann_
Ihr habt nichts mehr?
Dann gib mir mal den Hampelmann her!
_Peterchen_
(entsetzt)
_Meinen_ Hampelmann?...
_Mondmann_
Ja, gib ihn her!
Der bunte Kerl gefällt mir sehr! --
_Peterchen_
Und bekommen wir dann ...
_Mondmann_
Das will ich mal sehn!
Erst gib ihn her! --
_Peterchen_
(reicht ihn zögernd)
Hier, bitte schön!
_Mondmann_
(besieht den Hampelmann von vorn und hinten und verschlingt ihn mit
einem gewaltigen Biß.)
_Peterchen_
(entsetzt)
Er frißt ihn auf!
(Anneliese fängt an zu weinen.)
_Mondmann_
Schmeckt wunderschön!
(schnüffelt nach Annelieses Puppe.)
Und da hab' ich noch so ein Püppchen gesehn!
Immer her, immer her mit dem Puppenkind;
Sonst geb' ich das Beinchen nicht raus -- geschwind!
_Anneliese_
(weint laut und kriecht hinter Peterchen.)
Nein nein, mein Püppchen soll er nicht kriegen!
Komm, Peterchen, komm, nach Hause fliegen!
_Peterchen_
Anneliese, nicht weinen -- laß nur sein,
Wir kriegen ja gleich das Maikäferbein,
Und wenn wir zu Hause sind, ja, dann
Schreiben wir gleich an den Weihnachtsmann;
Er soll was schicken.
_Anneliese_
Das mußt du tun,
Ich kann noch nicht schreiben ... und nun ... und nun ...
(Sie hält dem Mondmann das Püppchen mit entsetzt aufgerissenen Augen
hin. Der Mondmann reißt es aus dem Händchen und frißt es auf.)
_Anneliese_
(schreiend)
Nicht essen, mein Püppchen, ach nein, ach nein!
_Peterchen_
(legt die Ärmchen um sie)
Laß, Anneliese, das muß so sein.
Jetzt hat er alles, was er will
Und gibt uns das Beinchen. (streichelt sie.)
Sei still, sei still!
(Anneliese beruhigt sich wieder.)
_Peterchen_
(energisch)
So, Mondmann, jetzt haben wir garnichts mehr,
Jetzt gibst du uns aber das Beinchen her!
_Mondmann_
(wischt sich das Maul)