Keiner zweifelte mehr daran.
Hans war wie verstört. Er sah Kamele an allen Ecken und Enden. Sie
schauten über seine Schulter, wenn er Diktate schrieb, sie gingen
vor dem Pult auf und nieder, wo der Lehrer saß; sie warteten an
der Haustreppe, wenn er aus der Schule kam. Fünf schreckliche Tage
vergingen.
Da -- am sechsten, als Hans und Suse aus der Schule heimkehrten und
zur Tür hereintraten, flüsterte ihnen Ursel zu: „Er ist da in der
Negerstube.“ --
„Wer?“ fragten die Kinder erschreckt, „der Direktor? Der Wärter?“
Da erschien Frau Cimhuber und forderte sie auf, in die Negerstube zu
treten und ihren dort wartenden Onkel Gustav zu begrüßen.
Schnell brachten sie ihr Haar und ihre Kleider ein wenig in Ordnung und
schritten dann erwartungsvoll dem hohen Besucher entgegen.
„Schau den Onkel fest an, Hans, und guck nicht auf die Erde,“ ermahnte
Suse den Bruder, „sonst denkt er, du hast das Kamel geworfen. -- Sieh
so, Hans,“ und Suse trat mit kühner Miene in die Negerstube und erhob
ihre Stupsnase so keck, als wollte sie den Onkel damit aufspießen.
Hans versuchte es seiner Schwester gleich zu tun. Aber das war gar
nicht nötig; denn der Besucher hatte eine so herzlich gewinnende Art
und sah einen mit seinen hellen Augen so gütig an, daß man gleich
Zutrauen zu ihm haben mußte. Freundlich forderte er die beiden Kinder
auf, sich auf einen Stuhl neben ihn zu setzen und begann dann allerlei
mit ihnen zu reden, das sie interessieren konnte. -- Von ihrer Heimat
sprach er, von ihren Eltern, von den Bergen. Man konnte meinen, er sei
schon einmal auf Besuch dort gewesen. Am liebsten hätte Suse ihm gleich
allerlei von Rosel, Christine, Minnette und dem Käterle von Michel und
Genoveva anvertraut.
Doch der Onkel leitete das Gespräch geschickt auf den Besuch über, den
die Kinder vor einigen Tagen in seinem Hause gemacht hatten. Dann mußte
Hans erzählen, wie es ihm im Zoologischen Garten gefallen habe, welches
Tier für seinen Geschmack das schönste sei. Und so allmählich kamen die
drei auch auf das Abenteuer mit dem Kamel zu sprechen.
Durch Suses lebhafte Zeichensprache ermuntert, erzählte Hans frei und
offen alles, was sich gestern zugetragen hatte.
„Hast du nicht vielleicht auch Lust gehabt, ein ganz klein wenig mit
Sand zu werfen, wie du sahst, daß die andern es taten?“ forschte sein
Onkel.
Hans sagte ganz erschreckt: „Das tut man doch nicht, das tut den Tieren
ja weh.“
Da trat ein bekümmerter Zug in das Gesicht seines Onkels und wich
nur ganz langsam wieder. Dann leitete der Besucher das Gespräch auf
harmlosere Dinge über und fragte schließlich die beiden, ob sie nicht
Lust hätten, ihn und seine Kinder bald einmal wieder zu besuchen. Er
werde ihnen dann Geschichten erzählen, und seine Sammlung von wilden
Tieren zeigen.
Da wurden Bruder und Schwester sehr verlegen, bekamen rote Köpfe und
drucksten an einer Antwort herum. Endlich stotterte Hans: „Ihre Kinder
und die schwarzen Frauen haben gesagt, wir sind schmutzig und arm, und
jetzt dürfen wir niemals mehr zu ihnen auf Besuch kommen. Unsere Eltern
wollen’s nicht.“
Und Suse setzte verlegen hinzu: „Unsere Mutter hat noch geschrieben,
sie möchte nicht, daß wir immerzu daran denken, daß wir auch so
wunderschöne Dinge haben möchten wie Sie, einen so schönen Pfau und
solch einen schönen Garten und solche ausgestopften Tiere und Schlangen
in Spiritus. Dann würde sie sich für uns schämen. Wir sollen nicht
neidisch sein. Wenn wir älter sind, dürfen wir sie einmal wieder
besuchen, jetzt nicht.“
Wieder kam der bekümmerte Ausdruck in das Gesicht des Onkels. Er sah
nach seiner Uhr und sagte: „Es ist Zeit, daß ich gehe. Ich habe mich
schon etwas verspätet. -- Dann also, adieu. -- Das mit dem Kamel wird
sich machen. -- Wo ist Frau Cimhuber?“ fragte er Suse.
Darauf holte das kleine Mädchen die Pfarrfrau, und als er sich
freundlich von ihr und den Kindern verabschiedet hatte, ging er die
Treppe hinunter...
Zwei Stunden mochten seit seinem Weggang verstrichen sein, da klingelte
es, und als Ursel die Tür aufmachte, befand sie sich dem Briefträger
gegenüber, der einen großen Brief in der Hand hielt. „Von der Direktion
des Zoologischen Gartens,“ murmelte sie erschreckt. -- „Also doch, es
kommt!“
Und mit diesen Worten trug sie den Brief zu ihrer Herrin in die
Negerstube.
„Lesen Sie, lesen Sie,“ sagte sie bestürzt, „ich will nicht hören, was
in dem Unglücksbrief steht. -- Ich bin wie geschlagen. Ich fühle es in
allen Gliedern, es kommt.“
So sprechend hielt sie sich die Ohren zu und lief in die Küche, um hier
die Tür fest hinter sich abzuschließen.
Hans und Suse, die auf Ursels aufgeregten Ruf von vorhin in die
Negerstube geeilt waren, standen mit großen Augen neben Frau Cimhuber
und fühlten ihr Herz klopfen. Ihre Pflegemutter setzte die Brille auf,
öffnete den Brief mit einem Falzbein und begann langsam zu lesen. Mit
einemmal seufzte sie tief, tief aus Herzensgrund.
Gleich darauf hörte Ursel in der Küche einen lauten Schrei der Kinder
und schrie aus Entsetzen mit. -- Jetzt mußte die Nachricht verlesen
worden sein.
Aber was war das? Das waren ja Jubelrufe!
„Das Kamel ist gesund, das gräßliche Kamel ist gesund,“ tönte es
draußen, und als Ursel durch eine Türritze spähte, sah sie Hans und
Suse wie die verzückten Derwische im Gang auf- und niederwirbeln, laut
jubelnd: „Es ist gesund, das schauderhafte Kamel ist gesund.“
Hans schlug einen Purzelbaum mitten im Gang.
Da liefen Ursel die Tränen über die Backen und sie rief, die Küchentür
weit öffnend: „Lacht und singt, Kinder, lacht und singt! Heute soll’s
nicht darauf ankommen! Fünftausend Mark! Eure Eltern wären bankerott
gewesen. -- Und was für eine Schande für uns, wenn es hier angekommen
wäre. Lacht und singt!“
Und als etwas später Gretel und Peter kamen, um wie gewöhnlich in den
letzten Tagen des Nachmittags nach einer Nachricht von dem Kamel zu
fragen, kochte sie den Gästen Schokolade und setzte ihnen kleine Kuchen
vor. Alles aus reiner, seliger Freude über das genesene Kamel.
Als Hans am andern Morgen seinen Vettern in der Schule die frohe
Nachricht von dem glücklichen Wechsel der Dinge überbringen wollte,
ließen sie ihn erst gar nicht zu Worte kommen, so brannte sie eine
eigene, wichtige Nachricht auf der Zunge. --
„Die Täter sind entlarvt,“ rief Theobald seinem Vetter von weitem zu.
„Unser Vater war gestern bei den Fremdlingen. Fein hat er’s
gedeichselt. Und sie haben alles gestanden, diese miserablen
Granadasöhne, und die schwarzen Ungeheuer auch...“
An demselben Tag traf der Doktorssohn zufällig auf seinem Heimweg
mit seiner Schwester Suse zusammen, und die beiden gingen die letzte
Strecke Weges miteinander. Hans lachte und summte fortwährend vor sich
hin und sprang alle paar Schritte eine Elle hoch vor Freude.
„Nicht wahr, wie schön, daß wir nicht mehr an das Kamel zu denken
brauchen?“ fragte er.
Seine Schwester nickte beifällig.
Aber trotzdem blieb sie nachdenklich, und mit einemmal seufzte sie tief
vor sich hin.
„Was hast du?“ fragte der Bruder besorgt.
Eine Weile blieb sie die Antwort schuldig, dann stotterte sie etwas
verlegen: „Weißt du, Hans, wenn wir recht viel Geld hätten, wäre es
doch wunderschön, wenn wir ein Kamel für uns ganz alleine hätten. Denke
dir wie herrlich wäre es, wenn es jetzt bei Frau Cimhuber auf uns
wartete. Ich möchte wohl eins haben.“
Doch Hans entgegnete: „Nein, weißt du, Suse, früher hab’ ich Kamele
sehr gern gehabt, aber jetzt wird’s mir ganz schlecht, wenn ich nur
an eines denke. Noch nicht einmal in Bilderbüchern mag ich sie mehr
besehen.“
Doch Hans änderte seine Meinung mit der Zeit, als Onkel Fritz ihn und
Suse des öfteren mit in den Zoologischen Garten nahm, und er das Tier
in seiner ganzen Harmlosigkeit betrachten konnte. Nur in die Villa
Granada ging keines von den Kindern mehr. Auch Onkel Sepp hatte nach
dem Vorfall mit dem Kamel seinen Kindern verboten, ihren Besuch dort
zu wiederholen. -- Wie an fremder Erde gingen sie nun an der Villa der
Fremdlinge vorüber. Zuweilen sahen Hans und Suse wohl den Pfau mit
seinem prunkenden Gefieder durch die Gitterstäbe leuchten und blieben
ein Weilchen stehen, um ihn zu betrachten. Aber zu ihm hinein verlangte
es sie nicht mehr. Und so erfuhren sie auch nie, wie sehr sich Onkel
Gustav grämte darüber, daß seine Kinder von allen gemieden wurden.