Hans und Suse fühlten sich nun ganz wohl bei Frau Cimhuber und lebten
sich allmählich in der Stadt ein.
Suse hatte sogar schon eine Freundin, die blonde Gretel, die in der
Schule neben ihr saß. -- Auf eine merkwürdige Weise hatte sie mit
diesem kleinen Mädchen Freundschaft geschlossen. -- Eines Morgens, da
hatte sie auf dem Platz neben ihr zwei Puppenbeine hervorschauen sehen,
und während sie sich über diese schnurrigen Gegenstände noch gewundert
hatte, da war neben ihr Gretel aufgerufen worden, um eine Frage der
Lehrerin zu beantworten.
In demselben Augenblick hatten sich unter der Bank die Puppenbeine
geregt und wie der Blitz war eine blonde leibhaftige Puppe
hervorgeschossen, auf Suse zu. Mit beiden Händen hatte sie zugegriffen
und die Abstürzende tief aufatmend auf ihren Schoß gesetzt.
Gretel aber, der vor Schreck fast das Wort im Munde stecken geblieben
war, hatte sich hernach herzlich bei dem Doktorskind für die Rettung
ihres Lieblings bedankt.
Schon am folgenden Sonntag wurde Suse bei ihrer neuen Freundin
eingeladen, und Gastgeberin und Gast waren so miteinander zufrieden,
daß Suse von nun an recht oft wiederkam, häufig sogar in Begleitung
ihrer eigenen Puppe, der Genoveva. Neben den prächtigen, feinen
Stadtpuppen nahm sich Genoveva, das blöde, ungelenke Landkind,
allerdings sehr einfach und bescheiden aus. Dafür hatte sie aber den
Vorzug, ein ereignisvolles Leben hinter sich zu haben. Stundenlang
konnte Suse davon erzählen. So war dies Puppenkind einmal von dem
Vetter Theobald an einem Bein an der Wäscheleine aufgehängt worden und
hatte seit jenem Tag einen Anflug von der Glotzkrankheit behalten, wie
man an ihren hervorquellenden Augen bemerken konnte. -- Ein andermal
hatte Suse selbst ihre Tochter eine lange, schreckliche Nacht hindurch
am Fuchskopf in den Bergen vergessen, und als sie am andern Morgen in
Schrecken und Angst zu ihr geeilt war, hatte sie das arme Kind mit
einer lebendigen Eidechse im Schoß vorgefunden, vor Entsetzen halb tot,
wie die dicken, über ihre Wangen rinnenden Schweißtropfen verrieten. --
Ja, ja, man hatte seine Not mit Genoveva gehabt!
Gretel war Feuer und Flamme für diese Geschichten und für die
Erzählerin nicht minder. Und so kam es, daß sich in Suse schon wieder
die Eingebildetheit regte und sie anfing, wieder übermütig zu werden
wie daheim eigentlich immer.
Mit Theobald, ihrem erfahrenen Lehrmeister in aller Stadtweisheit,
hatte sie sogar schon einen Streit gehabt, weil sie ihn fürwitzig und
mit erhabener Miene über wichtige Gebäude seiner Vaterstadt belehrte,
über die er ganz verkehrte Begriffe hatte, während Suse, dank einer
Unterhaltung mit Frau Cimhuber, großartig Bescheid wußte. Ärgerlich
hatte der Vetter hierauf sein Wohlwollen Hans zugewandt, der weniger
eingebildet als Suse war, sich aber reichlich so gut in der Stadt
zurecht fand wie sie. Theobald hatte ihm deshalb vor einigen Tagen
in seiner schnurrigen Manier beide Hände auf das Haupt gelegt und
gesagt: „Fahre nur so fort, teurer Freund, und du wirst uns noch alle
überstrahlen, indem daß du gar nicht so dumm bist, wie du aussiehst. Du
schickst dich sogar besser als Suse, obwohl die wunder wie gescheit tut
und nicht einmal weiß, wie man von der Elektrischen abspringt und immer
die verkehrte Hand am verkehrten Griff hat und aus lauter falscher
Sachkenntnis nächstens mitten auf der Straße sitzt.“
Natürlich waren diese Reibereien harmloser Natur und jedermann, vor
allem Frau Cimhuber und Ursel, glaubten, daß nun die Stürme vorüber
seien und daß sich Friede und Ruhe auf alle senken werde. Wie oft
pflegte nicht die Pfarrfrau in diesen Tagen zu ihrer alten Magd zu
sagen: „Sehen Sie, sehen Sie, es ist alles gut geworden, man darf nur
niemals verzagen!“
Da mit einemmal bekamen die Kinder eine Einladung zu Onkel Gustav, dem
reichen Besitzer des prächtigen Schlosses, das Hans in den ersten Tagen
seines Hierseins schon einmal mit Theobald aufgesucht hatte.
Übermütig vor Freude eilten sie zu ihren Vettern und Basen, um ihnen
die frohe Neuigkeit mitzuteilen.
Die aber machten Gesichter, als sei ihnen die Petersilie verhagelt.
„Freut ihr euch denn nicht?“ fragten Hans und Suse. „Ihr seid doch auch
geladen.“
„Freuen,“ sagte Toni im wegwerfenden Ton, „keineswegs, uns graut sogar
davor.“
„Graut?“ forschte Suse.
„Ja, es ist uns sehr unangenehm, weil die Fremdlinge -- die Tante und
ihre Kinder wollte ich sagen -- Protzen sind. Fremdlinge nennen wir sie
deshalb, weil sie aus Südamerika kommen und so großartig fremdländisch
tun. Und Protzen sagen wir, weil sie eben Protzen sind.“
„Was sind das, Protzen?“ fragte Suse erstaunt.
„Nun,“ erklärte die Cousine, „das sind Leute, die sich schrecklich viel
auf ihr Geld einbilden und auf alles, was sie haben.“
„Ach,“ meinte Suse, „nichts Schlimmeres? Das ist doch nicht schlimm!
Wenn ich ein solch schönes Haus hätte und solch prächtige Sachen und
solche ausgestopften Tiere wie sie, würde ich mir auch was einbilden.“
„Dann wärest du auch ein Protz,“ fiel Theobald scharf ein, „und das
sähe dir so recht ähnlich.“
„Das machte nichts,“ entgegnete Suse keck, „wenn ich nur einen einzigen
ausgestopften Löwen hätte, wäre ich schon froh. Eine ausgestopfte
Giraffe wäre mir eigentlich noch lieber.“
Hans war es doch nicht recht geheuer, und auf dem Nachhauseweg sagte
er nachdenklich zu seiner Schwester: „Am Ende wird’s doch nicht so
schön bei Onkel Gustav, wie wir geglaubt haben.“
Suse schwieg und zuckte die Achseln; dank ihres leichten Sinnes hatte
sie eine ganz andere Meinung und zauberte in den nächsten Tagen ihrem
Bruder die herrlichsten Bilder über ihren Besuch bei den Fremdlingen
vor Augen.
An einem großen runden Tisch sitzend, von silbernen Tellern Kuchen
essend, aus wundervollen Tassen Schokolade trinkend, würden sie den
seltsamen Abenteuern des Onkels lauschen, meinte sie. Zuckersüße
Früchte würden phantastisch geschmückte Dienerinnen zu ihnen
hereintragen.
Als der Tag des Besuches bei Onkel Gustav herangekommen war, zogen Hans
und Suse sich mit größter Sorgfalt an. Und Ursel, die Ehre mit ihnen
einlegen wollte, half ihnen dabei. Suse war’s zufrieden. Nachdem sie
ihr Sonntagskleid angezogen hatte, steckte sie ihre Lieblingsbrosche,
ein Stiefmütterchen, vor, dessen buntbemalte Blütenblätter ein kleines,
zorniges Gesicht zeigten. Auf dies, ihr schönstes Schmuckstück, bildete
sich Suse nicht wenig ein.
Vor zwei Jahren war nämlich ein hoher Herr -- ein Prinz, wie Rosel
behauptet hatte -- nach Schwarzenbrunn gekommen und durch den Ort
geschlendert. Und als die Schuljugend ihn verfolgte, hatte er plötzlich
aus der Schar der Gaffer Suse hervorgeholt, sie betrachtet und
gefragt: „Wem gehörst du, Kind? Du bist ein feines, kleines Mädchen;
wer hat dir das schöne Stiefmütterchen geschenkt?“ Und dabei hatte
er mit Begeisterung ihr Stiefmütterchen angesehen, ein Umstand, den
Suse mit Befriedigung wahrgenommen hatte. Denn erst am Tage vorher
hatte sie einen Streit mit Hans gehabt, weil er behauptet hatte, das
Stiefmütterchen sehe ganz verheult und miserabel streifig aus, seit es
eine Nacht lang im Regen im Garten liegen geblieben sei.
Darum durfte das Stiefmütterchen in Zukunft nicht mehr fehlen, wenn
Suse sich putzte.
Hans war mit Anziehen schon längst fertig, da überlegte Suse noch
immer, wo sie ihr Stiefmütterchen am vorteilhaftesten anbringen könne.
Endlich war ein Platz gefunden und nun konnten Bruder und Schwester von
dannen gehen.
Beim Abschied schärfte Frau Cimhuber den Kindern mehrmals ein, ja recht
artig zu sein und auf alles acht zu geben, was sie sähen.
„Ja, ja, das wollen wir,“ rief Suse, „und herrliche Sachen werden wir
Ihnen erzählen, Frau Pfarrer,“ und damit eilte sie voll hundert schöner
Erwartungen mit Hans die Treppe hinunter.
Bei dem Kriegerdenkmal, dem Ort der Verabredung, trafen sie mit Toni
und ihren Geschwistern zusammen. Die Aufsicht über die Kinder führte
Liselotte, ihre ältere Schwester, ein junges, feines Mädchen, das viel
auf Anstand und gutes Benehmen hielt, dafür aber leider bei ihren
Geschwistern kein Verständnis fand.
Deshalb hatte sie auch vorhin ihren Eltern seufzend erklärt, es sei ein
schweres, ein hartes Stück Arbeit, die Geschwister zu beaufsichtigen.
Man meine manchmal, der böse Geist fahre in sie und triebe sie zu immer
neuen Ungezogenheiten an. -- +Einen+ Volksauflauf gebe es sicher,
und das sei dann so peinlich für einen erwachsenen Menschen. Jedoch
die Eltern hatten die Sache nicht so ernst genommen und ihren jüngeren
Kindern eingeschärft, der älteren Schwester gut zu gehorchen.
Als die Gesellschaft vollzählig war, brach sie gemeinsam nach der
„Villa Granada“ auf, -- der Wohnung ihrer reichen Verwandten draußen
vor der Stadt.
Hans und Suse sahen auf dem Wege dorthin erwartungsvoll drein. Ganz
anders als ihre kleinen Verwandten, die gleichmütigen Stadtherrlein
und Fräulein, denen ein solcher Besuch etwas ganz Alltägliches zu sein
schien.
Besonders Suse sah man die Erregung am Gesicht an, und mit tiefem
Unbehagen nahm sie selbst wahr, daß all ihre Erwartung auf ein schönes
Fest kläglich zusammenschrumpfte und nur blasse Furcht zurückblieb.
Sie zweifelte gar nicht mehr daran, daß alles, was Theobald prophezeit
hatte, auf schreckliche Weise in Erfüllung gehen werde. Und in ihrer
Verwirrung drängte sie sich schließlich nahe am Ziel an den übermütigen
Vetter selbst heran, um bei ihm noch einmal Auskunft zu holen.
„Du, Theobald, sag’ mir,“ begann sie ängstlich, „ich wollte dich
fragen, Theobald. Sag’ mir, wie sieht die Tante aus? Gelt, die ist
nicht schwarz?“
„Nicht schwarz?“ rief der Vetter. „Ja, wie denn sonst! Vielleicht grün
wie ein Laubfrosch oder blau wie ein Schmetterling, wenn sie aussieht,
als wär’ sie in die Tinte gefallen! Und die Kinder erst! Die sind
schwarz und weiß kariert wie Schachbretter und haben Ringe durch die
Nase und Federbüsche auf dem Kopf und Bäuche wie Frösche.“
„Das glaub’ ich nicht,“ entgegnete Suse.
„Glaub’s nicht! In der nächsten halben Stunde werden wir uns wieder
sprechen!“ sagte der Vetter gleichmütig.
„Ich mein’,“ sagte Suse, „ich möchte wissen, Theobald, ob die Tante
so freundlich zu einem ist, wenn sie einem guten Tag sagt, wie andere
Damen?“
„Freundlich? freundlich?“ stotterte Theobald. Und seine Stimme zum
unheimlichsten Flüsterton dämpfend, raunte er ihr zu: „Sie ist ja eine
Art Menschenfresserin, Suse, ich hab’s dir ja schon einmal gesagt. Ihr
Leibgericht sind Menschenohren. Darum rat ich dir, nimm deine Lauscher
in acht. Sonst stürzt sie sich drauf, reißt sie ab und rauft sie an
sich. Dann hast du Ohren gehabt und kannst dich außerdem für Geld sehen
lassen, so schnurrig siehst du dann aus.“
Suse lächelte verlegen.
„So, da wären wir!“ unterbrach sich Theobald mit einemmal.
Ein großes, eisernes Parktor lag vor ihnen. In goldenen Buchstaben
stand der Name der Villa als ein leuchtender Bogen darüber geschrieben.
An einem efeuumsponnenen, von Ulmen überschatteten Pförtnerhäuschen
vorüber ging die Gesellschaft in das Innere des Parkes. Suse zitterte
das Herz bei jedem weiteren Schritt. Am liebsten wäre sie umgekehrt.
Mit einem Male sagte Toni ganz laut. „Da kommen Concha, Enrique, Sancho
und Jose.“ „Die prächtigen Granadasöhne,“ setzte Theobald hinzu.
Suse fuhr zusammen.
Aber was mußten ihre Augen sehen? Dort aus der Ferne, von der
blumenbewachsenen Terrasse herunter, auf der stolz wie ein Schloß die
Villa Granada stand, kamen ein paar Kinder, die genau aussahen wie
die Kinder anderer Sterblicher. Nichts von Federbüschen, nichts von
Nasenringen, nichts von einer karierten Haut war zu sehen, wie Theobald
angekündigt hatte. Und auch jetzt, als sie ganz in der Nähe angelangt
waren, verwandelten sie sich noch immer nicht in Kaminfeger. -- Das
kleine Mädchen sah sogar wunderhübsch aus in ihrem reichgestickten
Kleid.
„Guten Tag,“ sagten die Kinder mit fremdländischer Betonung, und
schlossen sich ihren Besuchern an.
Suse mußte sie immer wieder von der Seite ansehen. Ihre Gesichter waren
ganz weiß, und ihre Gestalten waren geschmeidig und fein, ihre Augen
dunkel und strahlend.
Der eine der Knaben, der kleinste von den dreien, öffnete einen
silbernen Zigarettenbehälter und zündete sich eine Zigarette an. Aber
sonst geschah nichts Außergewöhnliches.
Und jetzt, da ihr erster Schreck verwunden war, empfand Suse etwas
wie Bedauern über soviel Alltäglichkeit. Es wäre ihr nun gar nicht
unlieb gewesen, wenn plötzlich einer der Knaben ein paar ausländische
Purzelbäume geschlagen oder sonstige Allotria getrieben hätte. Aber
keiner tat ihr den Gefallen. Sie gingen im manierlichsten Schritt von
der Welt einher.
Da raunte Hans plötzlich seiner Schwester zu: „Sieh, dort an der
Seite des Schlosses, das niedere Haus, das ist die Garage, wo wir das
Automobil damals besehen haben.“
„Herrgöttle, Herrgöttle, haben wir dabei geschwitzt,“ ließ sich nun
auch Theobald vernehmen. -- Noch hatte er nicht ausgeredet, da horchte
Suse erschreckt auf. Ein überaus häßliches Geschrei, wie sie es in
ihrem ganzen Leben noch nicht vernommen, hatte ihr Ohr getroffen.
Und als sie in die Richtung blickte, aus der es kam, sah sie auf dem
grünen Rasenplatz, der sich bis zur Terrasse hinüber erstreckte, einen
wunderbaren Vogel spazieren gehen.
„Der Pfau,“ sagte Hans mit geheimnisvoller Stimme. -- Suse betrachtete
das Tier mit Staunen. Wie eine königliche Schleppe ließ er seinen
prächtigen Schweif am Boden hinschleifen, und ehe sie sich’s versah,
hatte er ihn wie einen Riesenfächer entfaltet, so daß all die
schillernden Kreise in seinem Gefieder wie grüngoldene Kugeln glänzten.
Und der kleine Federputz auf der Mitte seines Hauptes zitterte dazu wie
feine Perlen, die auf zierlichen Stäbchen stecken.
„Oh, wie schön,“ sagte Suse leise, „wenn der Vater und die Mutter doch
auch einen solchen Vogel hätten!“
Zögernd, mit rückwärts gewandtem Gesicht folgte Suse der übrigen
Gesellschaft.
„Komm, komm,“ drängte schließlich der Bruder, sie bei der Hand fassend,
„die andern sind ja schon fort, wir müssen hinterdrein.“
Und auch Theobald, der wieder zurückgekommen war, mahnte: „Komm
schnell, Suse, wir wollen gemeinsam in die Höhle der Löwen.“
Widerstrebend folgte sie der Aufforderung.
Da plötzlich blieb Theobald stehen, klapperte mit den Zähnen und sagte
flüsternd: „Himmel! Himmel! Da vorn steht sie und hat die Kinnladen
auseinandergeklappt wie ein Scheunentor! Himmel! Himmel! Sie schnalzt
mit der Zunge! Was wird das geben! Mein Herz! Mein Herz! In den Hosen
sitzt’s mir schon! Jetzt halt deine Ohrläppchen fest!“
Suse zitterte am ganzen Körper und schaute erbleichend geradeaus.
Dort mitten im Weg standen zwei kohlpechrabenschwarze Frauen und
musterten die Kinder. Das Weiß ihrer Augen und die blanken Zähne
leuchteten gespensterhaft aus ihren nachtschwarzen Gesichtern. Wie mit
Blutstropfen betupft, so kamen Suse ihre Augenränder vor.
Im Gebüsch des Weges hatten diese unheimlichen Gestalten sicher auf die
Kinder gelauert und wollten sie nun überfallen.
„Sag’ ihr guten Tag, und küß ihr die Hand. -- Die rechts mit dem
großen, hohlen Zahn ist’s,“ drängte Theobald. „Schnell, schnell, sonst
stürzt sie sich auf dich los und dann -- adieu Ohrläppchen.“ --
Suse war nicht imstande, einen Schritt zu tun, so lähmte ihr der
Schreck alle Glieder.
Erst ganz allmählich kam ihr die Besinnung wieder, und dann dachte sie
nur auf ihre Rettung.
Wie ein Pfeil flog sie über den Rasenplatz der Terrasse zu an dem
Pfau vorüber, der mit gellendem Geschrei aufflog und wie ein lebendig
gewordenes Heubündel neben ihr herrauschte.
Drüben auf dem Weg drängte sie sich an ihre ältere Cousine an und
flüsterte klopfenden Herzens: „Sieh, Liselotte, die gräßlichen Frauen,
die Tante Josepha geht dort, dort, guck, guck!“
Das junge Mädchen wandte sich um und erblickte die schwarzen Frauen
jenseits des Rasenplatzes; zu gleicher Zeit aber auch ihren Bruder
Theobald, der, sich die Seiten vor Lachen haltend, des Weges kam. Da
wußte das junge Mädchen Bescheid, und die Hand ihrer kleinen Verwandten
durch ihren Arm ziehend, sagte sie beruhigend: „Das sind zwei
Dienerinnen, die Kinderfrauen von Concha, Jose und den andern. Die tun
dir nichts, sei nur still.“
Suse atmete erleichtert auf. Theobald aber blieb weit zurück und zwar
um so weiter, je häufiger seine Schwester nach ihm hinsah.
Und nun währte es nicht mehr lange, da sollten die Doktorskinder
die echte, die wirkliche, die leibhaftige Tante Josepha zu Gesicht
bekommen. Im Kreise der übrigen Kinder betraten Hans und Suse die
Villa Granada. Es war ein prächtiges Gebäude mit schöngeschnitzten
Möbeln in allen Zimmern, mit kostbaren Teppichen auf den Fußböden und
farbenprächtigen Bildern an den Wänden.
Von den einzelnen Gegenständen konnten die Geschwister aber kein
genaues Bild bekommen. Nur im allgemeinen hatten sie die Empfindung,
in einem reichen glänzenden Palast zu sein, wo alles herrlich und
fremdländisch aussah. Da, als sie einen großen Saal betreten hatten,
rauschte es mit einemmal wie von seidenen Kleidern.
„Sie kommt!“ flüsterte Theobald.
Unwillkürlich faßte sich Suse mit beiden Händen an die Ohren.
Hinter einem Vorhang hervor, der zwischen zwei Türen hing, trat eine
große, stolz aussehende Dame.
Es war Tante Josepha.
Die Kinder wichen einen Schritt zurück. Die kleinen Mädchen machten
einen Knicks aus der Ferne und die Knaben ihre Verbeugung.
Eisigkalt wehte es von der fremden Dame her. Und selbst die
Dreistigkeit der Sausewinde war wie eingefroren.
Und doch war die Dame, die dort eingetreten war, keineswegs die
Wetterhexe, als die Theobald sie geschildert hatte. Im Gegenteil, sie
war eine sehr schöne Frau. Und wie sie so dastand, die großen dunklen
Augen fragend auf die Kinder geheftet, die Schleppe ihres prächtigen
Gewandes leicht nach vorn geworfen, erinnerte sie an ein schönes Bild.
Aber an der Nasenspitze konnte man dieser hochmütig blickenden Frau es
ansehen, wie von Herzen gleichgültig ihr der ganze Besuch war.
Selbst Theobald, der noch vorhin seinen Geschwistern vorgehalten hatte:
„Merkt euch, liebe Kinder, den schönen Vers: Denn wo du schlecht
wirst aufgenommen, da mußt du recht bald wiederkommen, und geniert
euch nicht,“ wünschte sich mit einemmal über alle Berge. Sein Vetter
Hans aber stand da, die Augen fest auf die fremde Dame gerichtet, als
erwarte er ein Wunder.
Da fiel Theobald seines Vetters verstörtes Gesicht auf, und er raunte
ihm zwischen den Zähnen zu: „Guck doch nicht wie ein geschlachteter
Ziegenbock, der nicht mehr meckern kann!“
Und Hans, der seines Vetters albernste Bemerkungen als köstliche Witze
empfand, konnte sich nicht mehr zusammennehmen und platzte mit einem
Male los.
Die fremde Dame sah lange verwundert nach ihm hin. Und er drückte
entsetzt beide Hände vor seinen Mund.
Aber was nützte es! Noch ärger als zum erstenmal wurde sein Lachen;
denn Theobald flüsterte ihm in die Ohren: „Du kannst mir’s glauben, die
Dame Josepha hat den Starrkrampf! Drum starrt sie so!“
Und Hans wünschte sich weit weg auf einen hohen Berg, wo er sich vor
Lachen hätte wälzen können ob dieser großartigen, dieser herrlichen,
dieser unvergleichlich schönen Witze.
Nun mußte er aber wie ein Soldat hier stehen und abwarten, was die
nächste Minute ihm brachte.
Suse war noch immer in ihrer Verzauberung befangen und sah regungslos
auf die stolze Dame vor ihr. Sie kam ja nicht auf ihre Gäste zu, wie
Susens Mutter es daheim bei Einladungen zu tun pflegte, und gab jedem
Kind freundlich die Hand. -- Sie musterte sie nur mit kaltem, leicht
spöttischem Blick.
Da wäre es schon unterhaltender gewesen, sie wäre wirklich ein
schwarzes Fabelwesen gewesen und hätte Kuchenstücke und Mohrenköpfe um
sich geworfen und sonstige lustige Faxen getrieben.
„Uff,“ sagte Theobald mit einemmal, denn seine Tante und Liselotte
hatten das Zimmer verlassen, und die Kinder waren allein.
Suse und ihre kleine, fremdländische Cousine maßen sich mit stummem
Blick noch immer aus der Ferne. Toni setzte sich ans Klavier, um ein
Lied zu spielen. Die Granadasöhne ließen sich in die tiefen, weichen
Sessel fallen, und ihre Vettern aus der Stadt folgten ihrem Beispiel
mit angenommener Nachlässigkeit.
Wie die Paschas saßen sie dort, die Beine gekreuzt, die Arme
verschränkt, und sahen einander herausfordernd an.
Nur Hans stand hinter dem Sessel Theobalds wie ein Gewächs, das einer
Stütze bedarf, denn sein Vetter hatte ihm eben zugeraunt: „Bleibt
möglichst in meiner Nähe, du und Suse. Sie wollen sich über euch lustig
machen; das will ich ihnen austreiben.“
„Fein war’s heute in der Reitbahn,“ begann einer der ‚Granadasöhne‘ die
Unterhaltung. „Ich hatte einen famosen Gaul. Nächstens darf ich in der
Quadrille mitreiten.“
„Entsetzlich! Sie fangen schon an zu protzen,“ raunte Theobald seinem
Vetter unter der vorgehaltenen Hand zu.
„Du, Hans, reitest du auch?“ wandte sich der „Granadasohn“ an den
verblüfften Knaben.
„Ja,“ rief Theobald laut.
„Fällt mir gar nicht ein,“ erwiderte Hans und begann zu lachen. „Ich
hab’ ja kein Pferd.“
„Dann reitest du also nicht?“
„Mein Gott, bist du schwerhörig?“ rief Theobald, „soll er vielleicht
auf einem Besenstiel reiten, wenn er kein Pferd hat?“
Alles lachte. Nur Toni warf ihrem Bruder einen entrüsteten Blick zu und
schüttelte ihr Haupt.
Er aber saß mit unbeweglichem Gesicht da, die Arme fest verschränkt und
rüstete sich auf weitere Angriffe.
„Dummes Zeug,“ verwies hier einer der Fremdlinge denjenigen seiner
Brüder, der Hans ausgefragt hatte. „Wie kannst du nur fragen, ob Hans
reitet. In diesen Kuhdörfern in den Bergen, wo er her ist, gibt’s doch
keine Pferde. Nichts gibt’s dort, einfach nichts. Schauderhaftes Leben.“
„Ja, selbst die größeren Hammelsbraten und Ochsen findet man hier,“
warf da Theobald herausfordernd ein.
Die Augen der Fremdlinge blitzten; sie bemeisterten sich aber noch, und
einer suchte Zigaretten hervor und bot sie im Kreise herum an.
„Du rauchst doch auch,“ wandte er sich an Hans.
„Nein,“ rief Theobald, „er darf es nicht, er ist viel zu klug dazu. Ihr
wißt doch, je klüger die Leute, je gefährlicher für sie das Rauchen.
Ich möchte an eurer Stelle gar nicht sagen, daß ich’s so gut vertragen
kann.“
In diesem Ton ging die Unterhaltung weiter. Es war nun mal so und nicht
zu ändern. Fremdlinge und Sausewinde konnten einander nicht ausstehen,
vielleicht weil einer dem andern seine Vollkommenheit im Protzen
und Aufschneiden übelnahm. Was das Aufschneiden anbetraf, gebührte
entschieden Theobald die Palme, was das Protzen anbelangte, eher den
Fremdlingen.
Im Laufe des Nachmittags gerieten die beiden Parteien häufig hart
aneinander, und es sah aus, als sollte es zu einer regelrechten
Schlacht kommen.
Da erschien aber noch zur rechten Zeit der Diener und meldete, daß
der Teetisch gedeckt sei. Die Kinder sprangen auf und drängten in das
Eßzimmer, um dort an einem einladend hergerichteten Tisch Platz zu
nehmen.
Trotzdem verging Suse die Lust auf die appetitlichen Kuchen, die sie
aus silbernen Körben anlachten; denn gerade als sie einen Mohrenkopf
zum Munde führen wollte, öffnete sich die Tür und die schwarzen Frauen
von vorhin tauchten zum zweitenmal auf.
Suse blieb der Bissen im Munde stecken. Lautlos wie Fledermäuse
strichen die Fremden hinter Susens Stuhl vorüber und kamen jenseits des
Tisches wieder zum Vorschein, beim Bedienen helfend.
Jedesmal bei ihrem herankommen lief dem kleinen Mädchen ein Gefühl über
die Haut, als fließe ihr kaltes Wasser den Rücken hinunter.
Während nun Susens Aufmerksamkeit auf die Schwarzen allein gerichtet
war, hatte ihre kleine Verwandte Concha sie die ganze Zeit mit
spöttischem Blick angesehen, vor allem aber ihr berühmtes Schmuckstück
scharf ins Auge gefaßt.
„Ist die Brosche von Gold?“ fragte sie mit einem Male laut.
Alle sahen nach Susens Talisman und lachten.
„Ist sie von Gold?“ fragte Concha noch einmal.
Suse wußte nicht, was antworten. Hans aber wurde es ungemütlich zu
Sinn, und er hätte gern die Geschichte von dem Prinzen und seiner
Bewunderung für das Stiefmütterchen erzählt. Aber er fürchtete, in der
Mitte stecken zu bleiben und die Sache noch schlimmer zu machen.
Suse wäre jetzt am liebsten mitsamt ihrem Stiefmütterchen aufgesprungen
und davongelaufen, durch die Tür in den Garten und auf die Straße.
Es war ja nichts hier, wie sie erwartet hatte; im Gegenteil, eine
Enttäuschung folgte der andern. -- Auch der Onkel war nicht da, der
doch so viele schöne Geschichten wußte, wie Toni vorhin Suse erzählt
hatte, und einem die ausgestopften Tiere zeigte. -- Er hatte unerwartet
verreisen müssen.
Da war es denn eine große Erleichterung, als Liselotte erschien und den
Kindern verkündete, sie möchten unter der Aufsicht der schwarzen Frauen
in den Zoologischen Garten gehen. -- Sie bliebe hier bei ihrer Tante.
„Wie schön,“ entfuhr es halblaut Susens Mund. Und auch Hans leuchtete
die Freude aus den Augen.
Die Löwen, Tiger, Leoparden, all die wilden Tiere im Zoologischen
Garten kamen den Kindern mit einem Male anheimelnder vor als die ganze
Einwohnerschaft der Villa Granada zusammengenommen.
Schnell fand nun der Aufbruch statt. Von der fremden Dame brauchten
sich die Kinder nicht zu verabschieden; denn sie hielt sich
eingeschlossen in einem entfernten Zimmer und wollte niemand sehen. Und
es war auch ganz gut, daß ihre kleinen Besucher ihr Gesicht nicht zu
sehen bekamen. Zuviel Widerwillen gegen ihre Gäste malte sich darin,
als daß es sie nicht hätte bitter kränken können.
Von den schwarzen Frauen geleitet, verließen die Kinder den Garten der
Villa Granada.
„Jeder lacht, wenn er uns anguckt,“ meinte Theobald, als sie das Freie
erreicht hatten. „Guck, Suse, wie die dort drüben den Mund aufsperren
und uns mit unseren schwarzen Tintenfischen angaffen!“
Und damit wies er auf einige Leute jenseits der Straße.
Suse achtete nicht auf ihn und seine Reden. In Gedanken weilte sie
bereits weit weg, und wie im Nebel verschwand die Villa Granada hinter
ihr.
Vor dem Zoologischen Garten verabschiedeten sich die beiden ältesten
Fremdlinge von der Gesellschaft, da sie die fremden Tiere nicht
interessierten, wie sie behaupteten.
Theobald zauderte einen Augenblick. Auch er wollte den feinen,
übersättigten Herrn spielen.
Aber mit aller Gewalt zog es ihn doch vorwärts in den Garten hinein.
Als die Kinder den großen, breiten Weg betreten hatten, der mitten
durch den Zoologischen Garten führte, ging Suse bescheiden in züchtiger
Haltung vorwärts, als schritte sie durch eine Kirche. Ihr Herz klopfte
erwartungsvoll. Die bunten Papageien und Kakadus, die, auf hohen
Stangen an kleinen Ketten angeschmiedet, rechts und links vom Wege
saßen, schien sie kaum zu beachten.
Ihre Gedanken weilten schon beim König der Tiere.
„Der Löwe,“ murmelte sie leise vor sich hin. „Ach, wenn ich ihn doch
nur schon sähe!“
„Sollst du, mein Herzblatt, darfst ihm auch einen Kuß geben,“ sagte
Theobald tröstend an ihrer Seite. Und er richtete es so ein, daß die
ganze Gesellschaft ihren ersten Gang auf die Raubtierkäfige zu nahm.
Hinter den Gittern hervor sahen die Doktorskinder zuerst nur die
gelben Felle der Tiere schimmern. Ihre Gestalten konnten sie noch
nicht erkennen. -- Aber jetzt, als sie näher kamen, erblickten sie
den König der Tiere und stutzten. Ruhig und majestätisch lag er da,
den mächtigen Kopf mit der schweren Mähne stolz erhoben, das Auge
regungslos ins Weite gerichtet. Suse klopfte das Herz bis zum Halse;
sie verlangsamte ihren Schritt und blieb dann zitternd stehen. -- Der
Löwe war aufgesprungen und dicht an das Gitter getreten und ging jetzt
mit lautlosen Schritten dort auf und nieder, die Stäbe mit seinem Fell
streifend. Und gleichsam einer unsichtbaren Macht gehorchend, hielt er
plötzlich im Wandern inne und wandte sein gewaltiges Haupt Suse zu.
Witternd erhob er seine Nase und richtete seine feurigen, funkelnden
Augen fest auf sie. Und mit einemmal riß er das Maul auf und brüllte
schauerlich.
Suse schrie mit und eilte in großen Sprüngen von dannen.
Ängstlich wandte sie sich schließlich um und sah die andern Kinder
lachend am Käfig des gefährlichen Raubtiers stehen. Da kehrte auch sie
wieder um, schlich langsam heran und stand lange bei ihnen, den Löwen
mit Ehrfurcht betrachtend.
Angesichts ihres weibischen Zagens wuchs Theobalds Mannesmut ganz
gewaltig, und für die nächste halbe Stunde spielte er sich in
unerträglichster Weise als der Kinder Beschützer und Berater auf. Seine
weisen Belehrungen nahmen kein Ende.
„Das ist der Königstiger, seht, meine lieben Kinder,“ begann er vor
einem Käfig, in dem ein abgemagertes Tier sich aufhielt.
„Der Königstiger ist eine aus fremden Erdteilen stammende Bestie und
keine Kuh, wie ihr euch vielleicht bei diesem Prachtexemplar einbildet.
Dies ist nämlich der Abklatsch einer Kuh. Es hat magere Beine, Krallen
wie Hufe und einen spärlichen Haarwuchs. Anstatt, daß er durch das
Dschungel schleicht und auf Beute auszieht, kann er sich jetzt mit
seinem ausgefransten Schwanzstummel die Mücken abwedeln.“
„Genau wie Onkel Fritz redest du,“ seufzte Toni, „oh, es ist ein Elend.
Alles plapperst du ihm nach! Mutter sagt auch, du bist sein ganzer
Abklatsch.“
Zum Glück hörte außer Toni niemand sonderlich auf des unverbesserlichen
Theobalds Reden, ging doch jeder seine eigenen Wege.
Hans und Suse waren bald bei den Affen, dann bei den Rehen, dann
bei den Elefanten, auch beim Wolfe zu sehen. Wie schön war dieser
Nachmittag nun doch noch geworden! Viel, viel schöner, als es sich die
Kinder noch vor kurzem hatten träumen lassen.
Wie sie so durch den Garten schritten, kam es, daß ihre Wege sich
trennten. Hans interessierte sich für die Tiere im Aquarium mehr als
Suse, und so lief sie denn allein weiter.
Nach geraumer Zeit traf sie mit Theobald zusammen, der sich eine halbe
Stunde lang mit dem Wärter eines Schimpansen unterhalten hatte und der
nun, durch diese Auszeichnung geschmeichelt, wie auf Stelzen ging.
Natürlich zögerte er nicht, seine eben erworbenen Kenntnisse der
Cousine brühwarm zu unterbreiten. Und über Schimpansen, Gorillas und
Orang-Utans redend wie ein berühmter Zoologieprofessor, schlenderte er
mit ihr weiter und hörte erst mit Reden auf, als er mit ihr vor dem
Vogelkäfig stand und an ihren begeisterten Ausrufen hörte, daß sie
seine ganze Affenweisheit kalt ließ.
„Ach, wie schön,“ rief sie, „ach, wie schön! hätten wir doch nur
zwanzig von diesen Vögeln. Mit zehn wäre ich auch zufrieden. Ach, am
schönsten wäre es doch, die Türe plötzlich zu öffnen und alle Vögel
herauszulassen,“ meinte sie. „Sicher würde Hans das auch sagen.“
Aber wo war ihr Bruder? Mit einem Male fiel ihr ein, daß sie ihn schon
eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte.
„Wo ist Hans wohl?“ wandte sie sich an Theobald.
„Ach, der gafft sicher irgendwo durch ein Gitter und sammelt
Kenntnisse.“
Noch hatte der Knabe nicht ausgeredet, da bekam sein Gesicht einen
gespannten Ausdruck.
In der Ferne hatte er lautes Schelten gehört. Er lauschte
angestrengter. Die Stimmen wurden lauter. „Scht,“ mahnte er, „ist das
nicht Hans?“
Nun horchte Suse auch hin. Und im nächsten Augenblick eilten beide auf
die Richtung zu, aus der der Lärm kam. -- Sie glaubten, Hans rufen
gehört zu haben.
Nach einigen Sekunden sahen sie einen seltsamen Aufzug um die Ecke
biegen: die beiden schwarzen Frauen kamen in großer Aufregung daher.
Christoph und Henner hefteten sich gestikulierend wie Volksaufwiegler
an ihre Fersen. Toni und die Fremdlinge redeten aufeinander ein, und
mitten zwischen ihnen ging stolz wie ein Leu der Wärter und schleppte
Hans am Rockkragen neben sich her.
Mit verstörten Augen blickte der kleine Knabe um sich und schwebte alle
paar Schritte, durch einen Ruck seines Führers aufgehoben, über den
Erdboden dahin.
Suse glaubte bei diesem Anblick, die Erde tue sich auf, und stand
einige Augenblicke wie versteinert. Dann lief sie schnell auf ihren
Bruder zu, packte ihn bei der Hand und rief: „Was ist denn? Was ist
denn? Ach, Hans! Ach, Hans!“
„Ach, bitte, bitte,“ wandte sie sich an den Wärter, „lassen Sie Hans
los. Weshalb halten Sie ihn so fest?“
„Ja, Sie reißen ihm ja den Arm ab,“ rief nun Theobald, und schon war
er mitten im Gewühl drin und fragte unerschrocken, was sein Vetter
eigentlich verbrochen habe, daß er wie ein wildes Tier durch den
Zoologischen Garten geschleift würde.
Da rief der Mann, dem die Galle anscheinend überlief, Hans habe dem
schönsten und teuersten Kamel des Zoologischen Gartens Sand in die
Augen geworfen. Das Tier werde sicher blind. -- Es sei eine unerhörte
Frechheit. -- Und mit einem Blick auf Theobald, der herausfordernd
dastand, erklärte er, Theobald sähe übrigens aus, als brächte er auch
so was fertig.
Der Knabe wich ein paar Schritte zurück und murmelte: „Unverschämtheit
sondersgleichen!“
Suse aber weinte bitterlich und sagte: „Hans hat noch keinem Tier was
zuleid getan. Nie, nie hat er einem Tier was Böses getan.“
Jedoch die Fremdlinge und ihre schwarzen Begleiter nickten fortwährend
und sagten: „Ja, ja, er hat’s getan.“
„Bist du’s gewesen?“ fragte da Theobald in wohlabgemessener Entfernung
von dem Wärter seinen Vetter.
Hans antwortete nicht.
Da faßte der Frager kurz entschlossen seines fremden Vetters Jose
Hand und streckte sie dem Wärter mit den Worten hin: „Sehen Sie, Herr
Wärter, dem seine Hand ist ganz voll Sand. Der Lügner hat’s getan,
nicht der andere.“
„Mach, daß du fortkommst, stoppelhaariger Dickkopf!“ fuhr ihn der
Wärter an, „oder du gehst auch mit.“
In ein paar Sprüngen war Theobald um die nächste Ecke. Der wütende Mann
aber verschwand mit Hans und seinen Zeugen, den Fremdlingen, auf der
Direktion.
Lange, bange Augenblicke verstrichen für die Zurückbleibenden. Toni und
der wiederkehrende Theobald hatten Mühe, Suse zu hindern, ihrem Bruder
zu folgen.
„Es geschieht Hans doch nichts, kein Mensch rührt ihn an,“
beschwichtigte Toni immer wieder. Theobald hingegen machte seinen
Gefühlen in lauten Worten Luft.
„So eine Gemeinheit wie heute hab’ ich doch noch nie gesehen,“ rief
er. „Pfui! Pfui! -- Unser Vater sagt immer, wir sind das furchtbarste
Unkraut, das es gibt. Wir färbten auf alle ab. -- Aber so was brächten
meines Vaters Kinder doch nicht fertig! Nein, gemein wären wir nie!“
„Weißt du, Henner, mit meinem Eichhörnchen hat Jose dasselbe Experiment
gemacht,“ wandte er sich an seinen Bruder. „Seit dem Tage, als er es
mit Sand geworfen, hat’s kranke Augen.“
„Ja, ja,“ riefen seine Brüder und brachen in ein wildes Rachegeschrei
aus.
Während die Kinder nun so in einer sich immer steigernden Aufregung
durcheinander redeten, war drüben an der Einzäunung, hinter der das
Rehwild stand, schon eine Weile ein junger Mann zu sehen gewesen, der
aufmerksam nach dem erregten Häuflein herübergeschaut hatte. Seiner
Tracht und seiner sehnigen Gestalt nach zu urteilen, gehörte er den
Gebirgsbewohnern an.
Jetzt, als Suse auf wenige Sekunden die Hände von den Augen ließ, so
daß ihr Gesicht voll zu erkennen war, nickte er mehrmals befriedigt vor
sich hin und ging dann geradewegs auf sie zu.
„Guten Tag,“ sagte er, vor ihr stehen bleibend. „Gelt, du bist doch
Doktors Suse? Ich hab’ mir doch gleich gedacht, das ist Doktors Suse.“
Das kleine Mädchen sah den fremden Mann groß an und wußte einige
Augenblicke lang nicht, wen sie vor sich hatte.
Aber mit einemmal ging es wie ein Erwachen über ihre Züge; ihre Augen
strahlten, und sie rief glückselig: „Ach, das ist ja Philipp. Wo kommst
du her, Philipp? Ach, wie freu’ ich mich! -- Das ist Martins Bruder,“
sagte sie zu den andern, „sein ältester Bruder Philipp, der ihm die
schönen Geschenke macht. -- Weißt du, Theobald? du kennst Martin ja
auch. -- Wie schön, daß du da bist, Philipp,“ rief sie jetzt dem Freund
aus der Heimat zu.
Der junge Mann hielt etwas verlegen des kleinen Mädchens Hand noch
immer in der seinen, wußte nicht recht, was damit anfangen und sagte in
einem fort: „Wie geht’s denn, Suse, geht’s gut? Geht’s gut?“
Das kleine Mädchen antwortete nicht. Sie sah mit immer leuchtenderen
Augen in sein Gesicht. -- Er war ja von daheim, von zu Hause, wo er
alles kannte, die Eltern und Michel und Rosel und Christine und den
Wald und die Berge und das Doktorshaus und den Garten, alles, alles.
Sie meinte im Augenblick, er sei ihr Bruder. -- Sie wollte ihn nicht
mehr los lassen.
„Wie geht’s dir denn, Philipp?“ fragte sie schließlich, als sie sich
wieder gefaßt hatte. „Und wie geht’s deiner Mutter? und was macht
Martin? hat er uns nicht grüßen lassen?“
Verwundert sah der junge Mann sie an und fragte dann: „Ei, hör’ mal,
Suse, weißt du denn nicht, daß ich schon viel länger von zu Hause fort
bin, als ihr zwei? Bald zwei Jahre?“
-- „Ach ja, ach ja!“
Suse hatte es in ihrer Aufregung nur ganz vergessen. Jetzt fiel ihr
wieder ein, daß Philipp als Holzflößer hinunter in das Tal gezogen war
und auf einem Lastkahn auf dem Kanal Beschäftigung gefunden haben
sollte, wie Martin ihr und Hans erzählt hatte. -- Wie hatte sie nur so
dumm sein können, es zu vergessen! Hans pflegte ja stets mit Martin die
Wochen und Monate auf dem Kalender anzustreichen, die der Bruder des
armen Krüppels noch in der Fremde zu verbringen hatte.
„Schon zwei Jahre bist du fort von daheim?“ fragte Suse nun mit
Bedauern in der Stimme. -- „Oh, wie lang! Konntest du es so lange
aushalten, Philipp? Das könnte ich nicht aushalten. Hast du denn kein
Heimweh gehabt?“
„Das schon,“ meinte Philipp, „aber man hat halt viel zu tun, und da
vergißt man das Heimweh. Und dann denkt man auch immer, die Zeit geht
herum. -- Jetzt noch zwei bis drei Wochen, dann bin ich wieder zu
Hause.“
„Vor Pfingsten schon?“ fragte Suse.
Er nickte.
„Wie schade!“ rief das kleine Mädchen, „wenn du doch noch ein wenig
warten würdest, könnten wir die Reise zusammen machen. Pfingsten gehen
wir auch nach Hause. Denke dir, wie schön es wäre, wenn wir alle drei
zusammen ankämen. -- Martin will uns abholen. Weißt du dort auf dem
Rain, wo der Weg aus dem Walde kommt, dort wartet er schon am Mittag,
wenn wir auch erst um fünf Uhr kommen. Er hat’s gesagt, und das letzte
Stück fährt er in der Postkutsche mit uns.“
Hier sah sich Philipp forschend um und fragte ganz erstaunt: „Wo ist
denn Hans? Er ist doch nicht krank? Fehlt ihm was? Er ist doch auch mit
dir hier zum Lernen?“
Da verdunkelte sich Susens Gesicht aufs neue, und sie erzählte
bitterlich weinend alles, was sich zugetragen hatte. Und plötzlich
kam Leben in den stillen, zurückhaltenden Gebirgsbewohner, und er
rief blitzenden Auges: „Ist der Bursch, der mit Sand geworfen hat,
vielleicht so ein kleiner Knirps, dünn wie ein Wollfaden, der mit den
beiden schwarzen Weibsgestellen da herumläuft? Himmelsapperment, den
hab’ ich vorhin gesehen, wie er einem Affen einen kleinen Stein an den
Kopf geworfen hat. Da hab’ ich mir gesagt, jetzt noch ein Wurf, und du
langst ihm eine, daß ihm der Hut vom Kopfe fliegt. -- Wo ist er?“
„Da drin,“ rief Theobald, auf das Gebäude der Direktion deutend. Und
Philipp sprang in großen Sätzen geradeswegs auf die Eingangstüre des
Hauses zu.
Theobald eilte in gleichen Schritten hinterdrein, kehrte aber wie der
Wind wieder um, als er im Vorraum des Gebäudes plötzlich die Stimme des
Wärters hörte. --
Nun währte es nicht mehr lange, da kam auch die übrige Gesellschaft
wieder zum Vorschein. Allen voran schritt Philipp, Hans an der Hand
haltend. Des jungen Mannes Augen blitzten wie die eines Siegers.
Trotzdem hatte er wenig ausrichten können. Der Wärter und die
Fremdlinge hatten eben zu fest auf ihrer Behauptung bestanden, Hans sei
der Missetäter, als daß er etwas dagegen hätte tun können. -- Aber die
Sache sollte noch einmal untersucht werden, hatte ihm einer der Beamten
versichert. -- Inzwischen sollte erst mal abgewartet werden, ob das
Kamel überhaupt erblinde. -- In diesem Falle werde es Hans zugesprochen
werden, und der müsse fünftausend Mark dafür bezahlen. -- Natürlich
gehöre das Tier dann ihm.
Nachdem Suse und ihre kleinen Verwandten das Urteil vernommen hatten,
trennten sie sich voneinander, Toni, um mit ihren jüngeren Brüdern in
die Villa Granada zu gehen und Liselotte abzuholen, Theobald, um mit
Philipp und den Doktorskindern ihre Wohnung aufzusuchen.
Suse wich auf dem ganzen Weg dorthin nicht von Philipps Seite. -- Die
Aussichten, die Hans auf Freisprechung hatte, mußten mit dem Freund
aus der Heimat eingehend beredet werden. -- „Es wird schon alles gut
werden, es wird schon alles gut,“ tröstete jener immer wieder. -- Dann
sprachen die beiden zusammen über Martin und sein Leiden. Von einem
künstlichen Bein, das Hans und sie dem armen, verkrüppelten Freund
dermaleinst schenken wollten, wenn sie genügend Geld zusammen hätten,
plauderte Suse. Auch von Martins Fertigkeit im Schnitzen. -- Einen
wunderschönen Nähkasten habe er neulich ihrer Mutter geschnitzt, und
jetzt gedenke er ein Kreuz für die Kirche anzufertigen, erzählte sie.
Mit stillem Stolz hörte Philipp ihren Lobpreisungen zu.
Theobald aber spielte derweil Erzieher bei Hans und rief, ihn am Arm
schüttelnd: „Ich hab’ gemeint, ihr seid schon daheim hier und wißt,
wie ihr euch zu benehmen habt. Aber läßt man euch mal aus den Augen,
wupp, da habt ihr auch schon ein Kamel am Bein und sollt noch außerdem
fünftausend Mark dafür auf den Tisch des Hauses legen! Wie auf die
Wickelkinder muß man auf euch aufpassen! Gräßlich! Man läßt sich doch
nicht so einfach von jedem Lügenbold sagen, daß man was getan hat, wenn
es nicht wahr ist. Wozu hat man denn seine männliche Faust? Doch nicht
dazu, daß man sie in die Tasche steckt, sondern daß man damit um sich
boxt. Verstanden?“
„Ja!“ sagte Hans kleinlaut.
Vor dem Haus der Frau Cimhuber bat Suse ihren Landsmann eindringlich,
doch ein wenig mit hinauf zu gehen und Frau Cimhubers Wohnung
anzusehen, damit er allen Freunden und Bekannten daheim erzählen könne,
wie fein sie wohnten. -- Sie hätten nämlich auch eine Negerstube.
Doch Philipp drückte den Hut tiefer in die Stirn und meinte verlegen,
der Pfarrfrau sei es sicher nicht angenehm, wenn ihr ein fremder Mann
die Stuben voll Schmutz trage. -- Drum wolle er sich mit ihnen lieber
an einem dritten Ort noch einmal treffen. -- Einen Tag bliebe er
voraussichtlich noch hier. So verabredeten die drei aus Schwarzenbrunn
denn eine Zusammenkunft für den andern Morgen bei der roten Brücke, wo
Philipps Kahn lag, nicht weit von Frau Cimhubers Wohnung.
Nachdem diese Verabredung getroffen war, verabschiedete sich die
Gesellschaft voneinander.
Und nun wurde es den Geschwistern mit einemmal wieder recht beklommen
zu Sinn.
Jetzt hieß es ja, Frau Cimhuber beichten, was sich zugetragen hatte.
Zurzeit saß die Pfarrfrau gerade strickend in der Negerstube und sagte
so recht voll Behagen zu Ursel: „Nun müssen die Kinder bald kommen.
Ich freu’ mich schon. Es ist so schön, wenn ihre Augen blitzen und sie
erzählen. -- Die Jugendzeit kehrt mir wieder ins Gedächtnis zurück.
-- Sie haben solch eine lebendige Auffassungsgabe für alles und ein
wirkliches Erzählertalent. Nicht wahr?“
-- Da klingelte es schüchtern.
Die alte Magd ging zur Tür, öffnete, sah zwei kreideweiße Nasen,
stutzte und schob die beiden Pechvögel stracks vor das Antlitz ihrer
Herrin. „Ich will gar nichts hören, ich seh’ schon genug,“ sagte sie.
Frau Cimhuber nahm langsam ihre Brille ab und schaute die Kinder
erwartungsvoll an. -- Da standen sie nun. --
Und Suse begann zu erzählen, und je mehr sie erzählte, um so
jämmerlicher wurde ihr Ton, und um so größer wurden ihrer Pflegmutter
Augen; schwer sanken ihre Hände in den Schoß, und zuletzt stieß Suse
schluchzend hervor: „Und der Herr Direktor hat gesagt, Hans bekommt das
Kamel. Es kostet fünftausend Mark. Es kommt hierher. Morgen vielleicht
schon. Wir dürfen’s behalten.“
„Was sagst du da? Ich versteh’ nicht recht!“ sagte Frau Cimhuber und
ließ vor Schreck ihr Strickzeug samt dem Garnknäuel auf die Erde fallen.
Da wiederholte Suse jämmerlicher als vorher: „Und da hat der
‚Granadasohn‘ Jose ein Kamel mit Sand geworfen, Frau Pfarrer, und hat
gesagt, Hans hat’s getan, und da hat der Direktor gesagt: Hans soll
fünftausend Mark bezahlen und das Kamel gehört dann uns. Ganz bestimmt,
das hat er gesagt, Frau Pfarrer. Das Kamel ist dann unser!“
„Das ist zuviel,“ sagte Frau Cimhuber.
Suse aber sah unentwegt nach Ursel hin, die wie verwandelt war. Sie saß
da, die Schürze vors Gesicht gedrückt und weinte. „Ein Kamel, Frau
Pfarrer,“ rief sie. „Lieber Gott in deinem gerechten, großen Himmel,
ein Kamel! Wer denkt denn so was! Alles andere hätt’ ich mir eher
träumen lassen, nur kein Kamel! Wenn das so fortgeht, weiß ich nicht,
was noch wird. -- Anständige Leute haben überhaupt kein Kamel!“
„Vielleicht hat der Herr Edwin in Afrika eins,“ warf Suse kaum hörbar
ein und hoffte durch diesen gescheiten Einfall Ursel umzustimmen.
Aber nichts dergleichen traf ein.
Vielmehr jammerte sie ärger als bislang weiter: „Frau Cimhuber, haben
Sie jemals daran gedacht, daß wir noch einmal in unserem Leben ein
Kamel bekommen werden? Ich nicht. Nur Bärenführer ziehen damit herum.“
„Aber Ursel, beruhigen Sie sich doch!“ rief Frau Cimhuber. „Das Kamel
ist ja überhaupt noch nicht da. Wir wissen ja noch gar nicht, ob es
kommt.“
„Es kommt, haben Sie keine Angst, es kommt!“ rief Ursel. „Das sag’ ich
Ihnen aber, ich verreise, wenn es kommt. Ich will nicht sehen, wie die
Leute die Fenster und Türen aufreißen und lachen, wenn sie’s da unten
vor unserer Haustür stehen sehen und warten.“
Hansens Verstörtheit nahm angesichts dieser Verzweiflung zu. Und es
war ihm zu Sinn, als habe sich das gräßliche Tier bereits zur Tür
hereingedrängelt und wolle nicht mehr weichen.
Mit Suse schlich er hinaus.
„Du brauchst keine Angst zu haben,“ sagte die Schwester, den Arm um
ihren Bruder schlingend. „Du hast das Kamel nicht geworfen, und deshalb
darf dir auch keiner was tun.“
„Wenn sie’s aber doch glauben, daß ich es gewesen bin.“
„Aber sag’ mal, Hans,“ meinte hier Suse vorwurfsvoll. „Weshalb hast du
denn nicht gleich gesagt, daß du’s nicht gewesen bist?“
„Ich hab’ mich so geschämt,“ sagte er leise, „wie sie so gelogen haben.
-- Ich habe kein Wort sagen können vor Schreck, Suse. -- Die lügen ja,
Suse! Die lügen!“
„Aber Hans, wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen,“ mahnte die
Schwester. „Das hat auch Theobald gesagt. Wenn wir recht haben, dürfen
wir auch sagen, daß wir recht haben.
Du hättest überhaupt nicht bei dem gräßlichen Jose stehen bleiben und
zugucken dürfen, daß er geworfen hat. Du hättest weitergehen sollen.“
„Ich bin gar nicht stehen geblieben. Sieh, Suse, ich bin gerade dazu
gekommen, wie er das Kamel geworfen hat. Und wie es vor Schreck mit den
Augen gezwinkert hat, hat er gelacht. Da hab’ ich ihm gesagt: Laß das
sein, das tut ihm weh!
Da sind alle miteinander wütend geworden, am wütendsten die schwarzen
Frauen, und haben gesagt: Geh fort, du hast uns hier nichts zu sagen.
Du und Suse, ihr seid beide schmutzig und arm.“
„Was?“ rief Suse blitzenden Auges und kirschrot vor Zorn. „Das haben
sie gesagt? Oh, wie häßlich!
Das sind die gräßlichsten Menschen auf der ganzen Welt. Und wir sind
viel sauberer als sie. Und wir baden uns jeden Tag. Und das schreib’
ich jetzt alles dem Vater und der Mutter hin, und der Vater soll ihnen
die Wahrheit sagen. Und sie sollen so Angst bekommen, so Angst, daß sie
sich gar nicht mehr aus ihrem Garten ’raus trauen.“ Und die Rede der
Fremdlinge wurmte Suse so, daß sie heute abend an nichts anderes mehr
denken konnte, sondern mit dem Gedanken daran ihr Lager aufsuchte.
Hans drehte und wendete sich des Nachts unter Stöhnen hin und her. Suse
merkte nichts davon.
Am andern Morgen ganz früh waren die beiden schon wach und rüsteten
sich für ihren Gang zu Philipp. Frau Cimhuber und Ursel waren mit
dem Vorhaben der Kinder einverstanden, denn alle Schritte, die Hans
in seinem Abenteuer mit dem Kamel von Vorteil sein konnten, sollten
gefördert werden.
Besonders Ursel drängte zum Aufbruch.
„Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, gerad’ zusammengeschlagen
bin ich,“ jammerte sie. „Kein Auge hab’ ich zutun können. Leibhaftig
hab’ ich das Kamel vor mir gesehen.“
Die Kinder waren derartig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, daß
sie Ursels Klagen kaum verstanden! Schnell packten sie ein schönes
Notizbuch sowie einen Bleistift für Martin zusammen und traten schon
um halb sieben Uhr vor die Haustür. Quer liefen sie über die Straße
hinüber zum Ufer des Kanals, um an ihm entlang den Weg auf die rote
Brücke zu nehmen.
Suse war so ausgelassen und froh heute, wie sonst nur auf ihren
Schulwegen daheim. Sie warf den Kopf in den Nacken und rief dem
strahlenden Himmelsgestirn über sich voll Übermut zu: „Brenn’ mich ins
Gesicht, liebe Sonne, brenn’ mich, es macht mir nichts. Heute macht’s
mir nichts. --
Gedörrte Zwetschgen und Apfelschnitzen will Philipp uns schenken,“
fuhr sie dann eifrig zu ihrem Bruder fort. „Er hat’s mir gestern
versprochen. Er hat noch welche von zu Hause. Gestern hat er gesagt, er
will uns heute welche geben.“
„Oh, wie freu’ ich mich,“ rief Hans, „die mag ich ja so gern.“
Die beiden eilten schneller als bislang vorwärts. Nur zehn Minuten
hatten sie noch bis zum Ziel ihrer Wanderung. Je näher sie ihm kamen,
desto aufgeregter wurden sie. Zuletzt sprachen sie kaum noch ein Wort.
Ihre Blicke richteten sich gespannt geradeaus. Jetzt tauchte das
Gemäuer der roten Brücke auf und die eisernen Lichterträger an ihren
Enden. Jeden Augenblick mußte jetzt ihres Freundes Philipp hohe Gestalt
dort zu sehen sein. Sicher wartete auch er schon voll Ungeduld auf
seine Landsleute. Nur noch ein paar Schritte, dann standen sie am Ziel.
Doch enttäuscht sahen sie sich um. -- Kein Philipp war zu sehen, und
am Ufer lag sein Kahn nicht mehr. Weithin auf und nieder konnten sie
über das Wasser des Kanals sehen, aber kein Lastkahn schwamm auf seinen
toten Fluten. Nur der Sonnenschein spielte darauf, und der Strahlen
Blinken traf zuweilen wie spitze Nadeln die Augen der Kinder.
Keines von den Geschwistern sprach ein Wort. Traurig sah Suse auf
Martins Geschenk und dachte bei sich, daß Philipp wohl im Morgengrauen,
als alle noch schliefen, an Frau Cimhubers Haus vorübergefahren sei und
keinen Gruß in die Heimat mitgenommen habe.
Minutenlang verharrten die beiden so in gedrücktem Schweigen, bis Hans
schließlich leise sagte: „Er ist fort.“
Suse nickte mit Tränen im Auge. Wieder verfielen die beiden in
Stillschweigen. Dann zupfte Hans plötzlich seine Schwester am Ärmel
und zeigte auf ein paar Arbeiter, die am Rande des Kanals standen und
Steine aufschichteten.
„Wollen wir die nicht fragen, ob sie nicht wissen, wann Philipp fort
ist?“ meinte er schüchtern.
Suse stimmte ihm zu.
Und er ging langsam von der Kanalbrücke herab auf eine Treppe zu, die
von dem hochaufgebauten Straßendamm hinunter zum Kanal führte. Suse
folgte ihrem Bruder herzklopfend und hörte, wie er den Arbeitern, die
hemdsärmelig und sich laut unterhaltend, am Ufer verweilten, seinen
Morgengruß bot.
Jene hielten mit Arbeiten inne und hörten dem Anliegen zu, das er
ihnen vorbrachte. Der eine von den Leuten, ein stämmiger und verwegen
aussehender Geselle, nickte mehrmals zu Hansens Reden. Und plötzlich
spie er einen Mund voll ausgekauten Priemtabaks scharf über Hansens
Kopf weg, mitten in die Steine hinein, worauf er, auf Suse deutend,
fragte: „Gehört die zu dir?“
Das kleine Mädchen fuhr erschreckt zusammen und nickte mehrmals aus der
Ferne.
„Dann stimmt’s mit euch,“ meinte der Riese da vor ihnen in
versöhnlichem Ton. -- „Dann gehört ihr dem Doktor aus Schwarzenbrunn?
So ist’s doch? Gelt?“
„Ja,“ riefen beide.
„Dann kommt mal her. -- Einer von denen, die heute morgen mit dem Kahn
fort sind, hat gesagt, es kommt ein Bub und ein Mädchen, die gehören
dem Doktor aus Schwarzenbrunn. -- Das seid ihr doch, gelt? Denen soll
ich ein Säckchen voll Apfelschnitzen und Zwetschgen geben.“ -- Damit
griff er in eine Höhlung zwischen den Steinen und holte einen karierten
Beutel hervor. Über Susens Gesicht ging ein Leuchten, als sie des
Säckchens ansichtig wurde. Solche karierten Beutel hatten ja alle Leute
von daheim. Christine und die Eltern von Susens Freundin und Rosel,
alle, alle. Darin nahmen sie ihr Vesperbrot mit, wenn sie zur Arbeit
aufs Feld gingen.
„Da nehmt,“ sagte jetzt der Mann, indem er ihnen das Säckchen
reichte und abermals einen Strahl Tabaksbrühe pfeilgerade zwischen
Hans und Suse durchschickte. -- „Ich soll euch von dem Philipp aus
Schwarzenbrunn sagen,“ fuhr er fort, „daß er eure Grüße daheim
ausrichtet. Er mußte schon früher fort, als er gemeint hat.“
„Danke, danke vielmals,“ rief Suse, und griff nach dem Beutel, in
dessen straffgespannter Leinwand die Form der getrockneten Früchte
deutlich zu erkennen war.
„Und wann ist der Kahn fortgefahren? Wissen Sie es noch?“ fragte sie,
„bitte, bitte.“
„Oh, so eine Stunde,“ meinte einer von den Männern.
„Dann holen wir ihn noch ein,“ jubelte Suse. „Komm, Hans, komm. Martins
Geschenk soll er ja auch noch mitnehmen.“
Und nachdem die Kinder die Richtung erfahren hatten, die der Kahn
eingeschlagen hatte, liefen sie davon. Die rote Brücke lag an den
Grenzen der Stadt, und so kam es, daß sie das Häusermeer bald hinter
sich hatten. Nur vereinzelte Villen trafen sie noch auf ihrem Wege.
Doch auch die blieben binnen kurzem hinter ihnen zurück, und sie waren
im Freien.
Nachdem sie eine halbe Stunde, mehr laufend als gehend, zurückgelegt
hatten, blieb Hans plötzlich stehen und erklärte, er sei zu müde, um
weiter zu rennen. Auch Suse hielt erschöpft im Laufen inne. --
Drei Kähne hätten sie schon angetroffen, meinte Hans, und auf keinem
wäre Philipp gewesen. -- Wer wisse, ob er vielleicht nicht doch auf
einem gewesen sei und sie hätten ihn nur nicht erkannt. --
„Wir kennen seinen Kahn ja gar nicht,“ erklärte er. „Und wir können
doch nicht nach jedem Kahn hinüberrufen, ist der Philipp dort?“
Eine Weile blieb Suse nachdenklich stehen, und dann kam auch ihr
die Einsicht, daß es Torheit sei, weiter zu laufen. So schlug sie
denn ihrem Bruder vor, eine kleine Rast am Wege zu nehmen. Er war’s
zufrieden, und beide setzten sich unter einem Pappelbaum auf der
grünen Böschung nieder, die zum Kanal hinabführte, und sie fanden es
sehr schön hier. Niemand störte sie. Tiefe Stille herrschte ringsumher.
Nur die Blätter der Pappel über ihnen schüttelte leise der Wind, und es
hörte sich an wie Regenrauschen. Doch nur das helle Sonnengold rieselte
durch die Zweige zur Erde nieder, wo die Kinder saßen.
Drüben auf der andern Seite des Kanals war eine hohe Parkmauer zu
sehen. Schwere Buchenzweige hingen darüber. Eine kleine Tür führte aus
der Mauer zum Wasser hinab. Sicher wohnten dort auch Leute, die ein
so schönes Haus hatten wie die Granadakinder, durchschoß es Suse. Und
vielleicht, vielleicht waren auch sie so lieblos und unfreundlich.
Doch sie hatte keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen, denn Hans
hatte bereits den karierten Beutel geöffnet und ihr den ganzen Inhalt
in den Schoß geschüttet. -- Apfelschnitze und Birnen lagen kunterbunt
vor ihren Augen und lachten sie verführerisch an.
„Viel, viel schöner sind sie als die, die uns Ursel kocht,“ meinten
beide und langten tüchtig zu. Dann teilten sie den Rest in zwei gleiche
Hälften, eine für Hans, die andere für Suse. -- Gretel und Peter in der
Schule sollten auch ihr Teil davon bekommen.
Als sich die Kinder nun eine gute Weile ausgeruht hatten, dachten sie
endlich daran, daß es Zeit sei, in die Stadt zurückzuwandern. Zuvor
aber faltete Suse schnell noch einmal das Papier auseinander, das
Martins Geschenke enthielt, betrachtete sie mit seitlicher Kopfhaltung
zärtlich und sagte leise, indem sie vorsichtig darüber streichelte:
„Wunderschön.“ --
„Wir bringen es Martin mit, wenn wir nach Hause gehen,“ meinte sie halb
zu Hans gewandt, halb sich selbst zum Trost.
Der Bruder stand auf und steckte seinen karierten Beutel in den Ranzen.
Dann setzte sich das Geschwisterpaar in Bewegung der Stadt zu.
In der Schule, wo Hans mit Theobald und seinen Geschwistern
zusammentraf, wurden die Ereignisse des gestrigen Tages mit größter
Erbitterung durchgesprochen. Unternehmungslustig und rachelüstern
glänzten die Augen der Vettern wie die von Banditen. Sie hatten
sich einen Plan zu Hansens Rettung ausgesonnen. Wie das Licht des
Tages sollte seine Unschuld glänzen, erklärten sie und forderten den
Pechvogel deshalb auf, sich um drei Uhr mit Suse am Kriegerdenkmal
einzustellen. Dort sollte er alles erfahren.
„Die Fremdlinge sollen vor uns zittern wie die Hasen,“ riefen sie, „die
Kinnbacken sollen ihnen schlottern, die Knie sollen ihnen einknicken,
das Herz soll ihnen in die Hosen rutschen, alles durch unsere tipp
toppe Umsicht.“
[Illustration]
Daheim trafen die kühnen Rettungsengel dann emsig Vorbereitungen zu den
Taten des Nachmittags. In einer Geheimsprache klärten sie zuerst die
Schwester und Vertraute Toni über ihre Absichten auf, und nach Tisch
verschwanden sie in wilder Flucht im Garten.
Wieserl, der kleine, kugelrunde Knirps, ihr jüngstes Schwesterchen,
das Mühe hatte, auf seinen dicken, kurzen Beinen zu stehen, stolperte
hinterdrein, um auch ihr Teil an der allgemeinen Aufregung zu haben.
Sie fiel der Länge nach mitten auf dem Kiesweg hin und lag schreiend
und zappelnd dort. Dann raffte sie sich wieder auf und setzte die
Verfolgung fort.
Schließlich, als sie einsah, daß all ihr Laufen nichts nützte, kehrte
sie wieder um.
„Mutter, Vater,“ sprudelte sie hastig heraus, „der Jockel... und der
Jockel... und in den Korb gesetzt, und Stroh und Heu... und alle fort,
aus der Gartentür... der Jockel in dem Korb, und der Jockel und alle
haben sie einen Stock. -- Und ade, Wieserl, haben sie gesagt, und Toni
hat geweint.“
Der Vater schüttelte seinen Kopf. Er hätte ihn aber noch viel mehr
geschüttelt, hätte er jetzt schnell mal einen Blick auf seine
Sprößlinge werfen können.
Beim Kriegerdenkmal standen sie, Hans und Suse in ihrer Mitte, und
sahen begeistert zu ihrem Führer Theobald auf, der wie ein Held auf
der zweiten Stufe des Denkmals stand und einen Korb im Arm hielt.
Er redete: „Geliebte Freunde, ihr wißt, hier drin im Korb sitzt der
Jockel, unser Eichhörnchen. Der soll uns heute aus Not und Gefahr
erretten. Ihr wißt, zweimal hat diesen armen Jockel der miserable
Granadasohn Jose mit Sand geworfen. -- Also hat er auch das Kamel
geworfen. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. -- Wer
das Eichhörnchen mit Sand wirft, wirft auch das Kamel, darum schreiten
wir jetzt zur Rache. Wir lassen uns zuerst bei dem Onkel Gustav in der
Villa Granada melden. Ihr haltet euch höflich im Hintergrund. Ich rede.
Erst kommt die Geschichte von dem Kamel daran, darauf die mit unserem
Jockel. Auf ein Zeichen von mir trittst du, Henner, vor, öffnest den
Deckel von dem Korb und hebst das kranke Eichhörnchen ihm entgegen.
Das wird ihn an die Wand werfen. Er wird blaß werden bis in die Lippen
und an die Schuld seiner nichtsnutzigen Söhne glauben.
Dies wäre Fall Nummer eins.
Nun kommt Fall Nummer zwei. Das wäre, wenn der Onkel nicht da wäre.
Also ist er nicht da, so müssen wir die Granadasöhne in das große
Billardzimmer bitten, dort haben wir Platz und können uns umdrehen.
Zuerst verlangen wir kurz und bündig, daß Jose seine Schuld bekennt.
Ganz gemäßigt werde ich sein. Sagt er die Wahrheit nicht, so öffnest
du, Henner, auf ein Zeichen meiner Hand den Korb. Schweigend gehen
meine Blicke zwischen dem Eichhörnchen und den Granadasöhnen hin und
her. Kein Wort fällt. Macht dies alles nun noch keinen Eindruck, so tut
ihr das Eichhörnchen hübsch in seinen Korb zurück. Und nun beginnt der
Kampf. Auf ein Zeichen von mir schreiet ihr alle: „Hurra, hurra, Rache,
Verderben den Lügnern, den Feiglingen!“ Und dann fallen wir über sie
her und klopfen sie windelweich, bis sie die Wahrheit bekennen. Dann
ziehen wir uns befriedigt zurück.
Es wird ein harter Kampf werden. Wir sind vier gegen drei. Die zwei von
ihnen sind aber viel älter als wir und glatt wie die Aale. -- Ich habe
mir aber schon gestern und heute die japanische Boxermethode angesehen.
-- Feines Buch. -- Kostet zehn Pfennig. -- Ich werde mich bewähren.
Es kann auch sein, daß sich das ganze Haus dazwischen wirft. Aber
aushalten! Verstanden!“
Die Knaben nickten.
Toni und Suse standen zitternd daneben.
„Theobald,“ flehte die erstere, „laß uns doch auch mitgehen, wie die
Feiglinge können wir doch unmöglich draußen stehen bleiben.“
„Ausgeschlossen,“ erklärte Theobald streng. „Der Vater will nicht mehr,
daß ihr die Raufereien mitmacht. Auch die Großmutter hat geweint,
als sie uns das letztemal besucht hat und gesehen hat, wie dir der
Henner ein Stück vom Zopf geschnitten hat und damit die Friedenspfeife
geraucht hat. Und obendrein ist es Onkel Rudolf seine gute, geschnitzte
Pfeife gewesen, und er sagt, man riecht’s noch jetzt zehn Schritt gegen
den Wind. Es sei eine Barbarei.“ --
„Hier habt ihr zehn Pfennig,“ setzte er milder hinzu. „Kauft
Verbandstoffe und wartet hinter dem Gitter der Villa auf den Gang der
Ereignisse. Kommen wir in wilder Flucht aus der Villa, so rennt ihr mit
uns was ihr könnet. Verstanden? Nicht umsehen. Nur rennen, rennen --
rennen. --“
Seufzend nickte Toni und schloß sich mit Suse dem Zug der
Rachedurstigen an. Alle Knaben, bis auf Hans, trugen einen Stock in der
Hand; und damit auch er bewaffnet sei, holte ihm Theobald unterwegs aus
der Wohnung eines seiner Freunde einen derben Eichenknüppel.
Fünfzig Jahre wäre dieser Stock schon in der Familie gewesen und hätte
bereits dem Urgroßvater gute Dienste getan, hatte der Freund zur
Empfehlung des Steckens gesagt.
Hans nahm ihn dankend an.
Vor dem Eingangstor der Villa Granada verabschiedeten sich die Knaben
von den Mädchen. Die bewaffnete Schar drang nun in den Garten ein,
vorüber an dem kleinen efeubesponnenen Pförtnerhäuschen, dessen
Bewohner ihnen mit Erstaunen nachsahen.
Hansens Gesichtsfarbe wurde jetzt blässer. Die Augen saßen tief in
ihren Höhlen. Seine Nase schien spitz geworden. Nur die Lippen hielt
er fest zusammengepreßt mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck.
Theobald, der Leiter der Bewaffneten, räusperte sich zuweilen und warf
seinen Kopf herausfordernd in den Nacken, als stehe er bereits an der
Anklagestätte. Christoph schritt am kecksten einher. Sein spanisches
Rohr flitzte zuweilen pfeifend durch die Luft, als wittere es bereits
die Granadasöhne.
Ein gutes Stück hinterher trottete Henner. Ihm war die hohe Aufgabe
zuteil geworden, den Korb mit dem Jockel zu tragen. Zärtlich schmiegte
er sein Ohr an das Geflecht des Korbes und flüsterte mit sanfter
Stimme: „Jockerl, sei still, gutes Tier, sei still. Unser aller
Rettungsengel bist du. Unser lieber, guter Jockerl. Denen wollen wir
mal Mores lehren, gelt? Ich werde dich herausnehmen, wenn’s Zeit ist.“
Und als sei der Knabe bereits bei dem Onkel angelangt und walte seines
Amtes, so begann er jetzt an dem Verschluß des Korbes zu zerren, zu
rütteln und zu heben. Der Deckel sperrte sich. --
„Das verflixte Ding,“ grollte er, zerrte heftiger und riß plötzlich den
ganzen Deckel weit auf. -- Es rührte sich im Korb. Heraus sprang der
Jockerl und jagte davon.
„Er ist fort,“ schrie da gellend sein Wächter, „er ist fort!“
Die vier Helden vor ihm fuhren wie von der Kugel getroffen herum.
Hans fiel vor Schreck der Eichenknüppel aus der Hand.
Theobald, der in Gedanken gerade zu seinem Onkel gesagt hatte:
„Angesichts des Eichhörnchens ist Hansens Unschuld erwiesen, so rein,
so sonnenklar, so hell wie der Tag,“ stürzte laut schreiend auf
seinen Bruder los. „Unglücklicher, was hast du gemacht!“ rief er. „O
du jämmerliches Trampeltier, einfältiger Eselskinnbacken! Käsweiser
Rabenvater! Was jetzt? Was jetzt?“
Der Bruder war leichenblaß, er hatte ein Gefühl, als hätte er einen
Schlag auf den Kopf bekommen. Seinen Händen entglitt der Korb.
Jockerl jagte derweil auf den nächsten Baum zu, kletterte daran in
die Höhe und hüpfte bald als ein braunes, kleines Etwas im Gewirr der
Äste herum. Mit Geschrei verfolgten ihn die Kinder. Auch Toni und Suse
kamen von draußen herein und schlossen sich der Verfolgung an. Jockerl
kletterte vom Baum herab, rannte dreimal um das große Blumenbeet und
verschwand in den Ziersträuchern am Wege. Auf das gräßliche Geschrei
der Kinder hin kam nun der Gärtner der Villa herbei, und, sie für
Eindringlinge von der Straße haltend, warf er ihnen seine Schaufel und
Hände voll Erdklumpen hintendrein. Der Sand prasselte und stob ihnen um
die Ohren.
Sie kümmerten sich nicht darum. Sie schlugen mit den Knüppeln an die
Bäume und schrien: „Jockerl, Jockerl, komm herunter! Jockerl, Jockerl!“
Der Jockerl aber schwang sich immer weiter fort. Noch einmal jagte
er um die schönsten Blumenbeete herum und in die Ziersträucher
hinein. Dann verließ er den Garten auf Nimmerwiedersehen. Im Park der
gegenüberliegenden Villa verschwand er.
Voll dumpfen Grolls auf ihren Bruder Henner traten sie darauf den
Heimweg an.
In dem Haus der Frau Cimhuber aber wuchs die Angst vor dem Kamel von
Stunde zu Stunde. Vor allen Dingen Ursel zweifelte nicht mehr daran,
daß es komme. Erschallte unten auf der Straße Lärm, oder ließen sich
aufgeregte Stimmen vernehmen, so beugte sie sich ängstlich über die
Fensterbrüstung und spähte in die Tiefe.
„Es kommt, es kommt,“ rief sie an einem Morgen so laut, daß auch
Frau Cimhuber herzklopfend herbeieilte und sich weit über die
Fensterbrüstung beugte. Ihre Brille fiel dabei in die Tiefe.
Die ganze Aufregung war einem Reklamewagen zu verdanken, der mit bunten
Tierbildern bemalt, am Kanal entlang fuhr.
„Ich sehe Gespenster am hellen Tag,“ erklärte Ursel seufzend, „das
endet nicht gut.“
An demselben Morgen, an dem sich dieser Zwischenfall ereignete,
erschien ein Beamter des Zoologischen Gartens, um nach der Adresse von
Hansens Vater zu fragen. --