Und taktvoll leitete die Base das Gespräch auf andere Dinge.
„Hast du unsere Negerstube schon gesehen?“ fragte sie mit
geheimnisvoller Stimme.
„Was soll ich gesehen haben?“ entgegnete er und sperrte den Mund weit
auf.
„Komm, komm,“ drängte Suse und eilte voraus, den Gang hinunter, um mit
einem strahlenden Ausdruck im Gesicht Frau Cimhubers Negerstube zu
öffnen, als wäre sie ihr ureigenstes Besitztum.
„Fein, gelt?“ sagte sie, den Vetter erwartungsvoll anblickend. „Sieh
mal die herrlichen Dinge an, Theobald.“
Der Vetter musterte mit Stirnrunzeln die Prunkstücke des Raums, hatte
sofort den Negergott entdeckt, der grinsend auf seinem Ständer in der
Ecke saß, und ging stracks auf ihn zu.
Suse klopfte das Herz bei dieser Vermessenheit und sie rief: „Nicht
doch, nicht doch!“
Theobald aber streichelte dem Götzen zärtlich die Wangen und sein
schwarzes, aus Holz geschnitztes Haar, als wär’s das Fell eines
Schoßhündchens, und ging dann, ein Liedchen pfeifend, von einem
Gegenstand des Raumes zum andern, als wäre er im Schatten von
Negerschwertern und -messern groß geworden.
„Ihr wißt natürlich nicht, von wem die Sachen eigentlich sind,“ begann
er schließlich.
Sie schüttelten ihre Köpfe.
„Nun, so will ich’s euch sagen. Sie sind nämlich alle von dem Edwin
Cimhuber, das ist der Sohn von eurer Pflegedame. Der ist Missionar in
Afrika bei den Negern und Hottentotten; die bekehrt er.“
„Was ist er?“ fragte Suse plötzlich lebhaft und aufgeregt, „Missionar?
In den fremden Ländern ist er Missionar? Ist er schon lange dort?
Kommt er nicht mal? Unser Herr Pfarrer hat uns auch schon von
den Missionaren erzählt, Theobald, und jedesmal hat er uns die
wunderschönsten Bilder gezeigt. Palmenwälder waren drauf und beladene
Kamele, die durch die Wüste wandern. Und das Meer und fremde Vögel und
Affen, die in die Bäume klettern, und alle waren aus Afrika und Asien.
-- Und dort lebt der Herr Missionar, Theobald, hast du gesagt?“
„Ja, und der Herr Edwin ist das Schönste und Beste und Herrlichste, das
es auf der Welt gibt. Wenigstens für die Frau Cimhuber, für mich nicht.“
Suse war noch ganz in Gedanken und meinte mit einem Male: „Es ist
doch schön, daß wir hier wohnen! Nicht wahr, Theobald? Hier haben wir
richtige ausgestopfte Affen, die der Herr Missionar geschenkt hat, und
vielleicht kommt er selbst einmal. Nicht wahr, Theobald? Möchtest du
nicht auch hier wohnen?“
„Ich hier wohnen,“ rief der Vetter und auf seinem sonst so
gleichmütigen Gesicht mit der erhabenen Miene malte sich ein ehrlicher
Schrecken...... „Brr!“
„Ach, weißt du was,“ meinte Suse voll Schonung, „wenn man immer höflich
und artig zu Frau Cimhuber ist, dann passiert einem nichts. Vielleicht
wird sie uns sogar Geschichten von ihrem Sohn aus Afrika erzählen.“
„Ein Glück, daß ich die nicht zu hören brauche,“ fiel Theobald ein.
„Gott sei Dank! Überhaupt, das will ich euch sagen, ihr braucht euch
gar nicht so gräßlich viel auf die Sachen hier einzubilden. Da sind
wir hier in der Stadt doch an ganz andere Dinge gewöhnt. Wenn wir
jetzt zum Beispiel zu unserem Onkel Gustav gehen, da werdet ihr mal
was erleben. Der hat Tiere, wie ihr sie haben wollt; die schönsten und
die wildesten, mit und ohne Gerippe, mit und ohne Haut, mit und ohne
Federn. Ganz nach Wunsch. --
Und schwarze Dienerinnen hat er, die haben Lippen, wie aufgeplatzte
Rotwürste. --
Aber hopp,“ unterbrach er seinen eigenen Redeschwall, „wir haben jetzt
keine Zeit zu verlieren, macht euch fertig.“
Suse warf Hans einen betrübten Blick zu und sagte dann ängstlich: „Wir
müssen ja hier bleiben, Theobald, und die Tür aufmachen, wenn einer
kommt.“
Der Vetter graulte sich hinter den Ohren und überlegte.
„Wißt ihr, was wir machen?“ rief er plötzlich. „Einer von euch kommt
mit, der andere bleibt hier.“
Suse fing einen wehmütig bittenden Blick ihres Bruders auf, kämpfte
einen schweren Kampf und sagte schließlich: „Hans, geh’ du nur hin, ich
bleib hier. Du möchtest dir ja so gern die Autos ansehen, ich frage
nicht soviel danach wie du.“
Des Bruders Gesicht erhellte sich, und er sagte leuchtenden Auges: „Ich
komme auch recht bald wieder, Suse! In einer Stunde bin ich wieder da.“
„Ja, tu das,“ entgegnete sie.
Und da rannten die Knaben auch schon davon.
Sie horchte hinter ihnen her, wie sie die Treppe hinuntereilten, und
wollte hierauf in ihr Stübchen gehen. Aber wie von unsichtbaren Händen
gezogen, mußte sie sich der Negerstube zuwenden.
Langsam kam sie näher und stand lange unschlüssig davor. Zögernd legte
sie die Hand auf die Türklinke und wollte sie niederdrücken. Da fuhr
die Tür von selbst weit auf, und sie befand sich mit einemmal frei und
ungeschützt dem Negergott gegenüber. Grinsend sah der Götze sie an. Wie
erstarrt schaute sie nieder. Da klirrte ein Negerschwert leise, ein
großer ausgestopfter Affe knurrte und der Negergott grunzte. --
Hm... Hm... Ho... Ho... Ha... H... klang es irgendwo.
Suse stieß einen Schrei aus und stürzte den Gang hinunter in ihr Zimmer
zurück. Dort riegelte sie sich ein. Die Tränen liefen ihr über das
Gesicht.
Suse fürchtete sich fast zu Tode.
„Ach, Hans, wärst du doch hier geblieben,“ weinte sie vor sich hin.
„Ach, lieber Gott, verlaß mich nicht. Mach doch, daß Hans kommt.“
Ängstlich, wie nach Hilfe suchend, flogen ihre Blicke durch die Stube.
Da sah sie plötzlich wie gebannt auf die Kommode, wo die Bilder ihrer
Eltern standen, sowie die Rosels, ihrer Magd, und Christines, der
alten Kinderfrau von daheim. Beruhigend und tröstend sahen die guten,
freundlichen Gesichter zu ihr herüber.
„Sei nur still, liebes Kind, sei nur still,“ schienen sie zu sagen,
„wir sind ja bei dir.“
Da drückte sie ein Bild nach dem andern zärtlich an sich und fühlte,
wie ihr’s viel leichter, viel wohler ums Herz wurde. Zu guter Letzt
fielen ihre Augen noch auf einen ganz besonderen Tröster.
Dort stand Michel, der Gefährte ihrer Jugend, ein Jagdhund, und
blickte kühn wie ein Eroberer hinter Glas und Rahmen hervor. Seine
klugen Augen blitzten auf dem Bilde, seine Schnauzbarthaare spreizten
sich keck, sein Schwanz stand wagerecht ab wie ein Lineal. Mit einem
solchen Freund im Bunde brauchte man selbst den Negergott nicht mehr zu
fürchten!
Vorsichtig trug Suse all ihre Schätze auf den Tisch und baute nun
eine Art Schutz- und Trutzburg von ihnen auf, hinter die sie sich zu
verstecken und einen Brief nach Hause zu schreiben gedachte.
Allerlei Andenken von daheim vervollständigten noch ihre Festung:
ein Briefbeschwerer, den ein Freund von Hans mit Namen Martin, ein
armer, verkrüppelter Knabe, ihnen am Tage vor ihrer Abreise mit
glückstrahlenden Augen gebracht hatte.
Das Geschenk stellte eine Kugel dar, die auf einer Alabasterplatte
ruhte, und zeigte in seinem Innern „die heilige Nacht“ in bunten
Figuren. Maria und Joseph saßen, von Schneegestöber umhüllt, vor der
Krippe und beteten das Christkind an.
Nachdem Suse das Geschenk ein Weilchen zärtlich betrachtet hatte, legte
sie es auf den Tisch nieder und reihte an seine Seite ein Andenken von
Christine, einen Wachsengel in einer Pappschachtel, der zwischen lauter
Papierblumen wie ein blankes, reingewaschenes Badepüppchen hinter
einer Glasscheibe hervorsah. -- Lange Jahre hindurch war dies ärmliche
Kunstwerk Christines Heiligtum gewesen und von ihr bewundert, gehütet
und gepflegt worden. Jetzt gehörte es Hans und Suse. Auch zwei Federn
von Babette Buntrock, dem Lieblingshuhn der Doktorskinder, wurden
zu den Andenken gelegt. Dann rückte sich das kleine Mädchen einen
Rohrstuhl an den Tisch und begann zu schreiben:
„Liebe, liebe Mutter, lieber, lieber Vater!
Ich muß immer an Euch und Michel und Christine und an alle, alle
denken. Es ist wunderschön hier. Ach, wäret ihr nur hier! Ist
Christines Ziege wieder besser? Ich bin allein hier, und der Hans
ist fort und besucht den Onkel Gustav. Oh, wie hab’ ich mich
gefürchtet heute morgen, wie ich in die Schule bin. In der Schule
lerne ich nichts. Die Kinder sind alle viel klüger als wir, und viele
Lehrerinnen gibt’s hier. Frau Cimhubers Sohn ist in Afrika, dort ist es
wunderschön. Aber ich möchte, ich wär daheim.“
Zu diesem Brief brauchte Suse vielleicht anderthalb Stunden; denn fast
nach jedem Wort machte sie lange Pausen, kaute an ihrer Feder oder
trocknete umständlich ihre Tränen ab, die immer wieder auf das Papier
tropften.
Zuletzt wußte sie nicht mehr was schreiben, schob ihr Papier zur
Seite und holte ihr Puppenunterröckchen hervor, um ein wenig daran zu
arbeiten, wie Frau Cimhuber ihr ja befohlen hatte.
Aber es wollte nicht so recht mit der Arbeit vorwärts gehen, denn das
Kind mußte immerwährend an seinen Bruder Hans denken.
Wenn er nun nicht zur rechten Zeit nach Hause käme? Was dann?
Da klingelte es. Suse flog zur Tür. „Hans, Hans!“ rief sie. Aber
als sie öffnete, stand niemand anders vor ihr als Ursel, und zwar
anscheinend in großer Aufregung.
Suse zitterte wie Espenlaub. Sie glaubte bestimmt, die Magd habe Hans
irgendwo auf der Straße mit Theobald gesehen und wolle nun nachsehen,
ob sie sich nicht getäuscht habe.
Forschend richtete die alte Magd jetzt ihre Augen auf Suse und fragte
barsch: „Warum hast du geweint. Hast du dich mit Hans gezankt?“
Suse schüttelte den Kopf. „Warum hast du geweint?“ fragte Ursel noch
einmal.
„Ich hab’ nach Hause geschrieben und da hab’ ich weinen müssen,“
flüsterte Suse.
„Dummes Zeug,“ murmelte Ursel und ging kopfschüttelnd in die Küche, um
Hans und Suse den Kaffee zu wärmen und einige Stücke Brot zu schneiden.
Sie glaubte, beide Geschwister seien zu Hause.
„Darf ich den Kaffeetisch decken?“ fragte Suse schüchtern und zitterte
für den Bruder. Die alte Magd nickte.
Das kleine Mädchen holte geschäftig Tassen, Unterschälchen, Zuckerdose
und Milchtöpfchen aus dem Schrank, stellte sie schön ordentlich auf
ein Servierbrett und wollte damit in die Stube gehen. Da klingelte es
wieder.
Hu, wie fuhren da die Tassen und Unterschälchen durcheinander und
rasselten und klirrten! Ums Haar wären sie auf dem Boden gelegen.
Schnell stellte Suse sie zur Seite, eilte zur Tür hinaus und den Gang
hinunter, während ihr die Zöpfe hinterherflogen, wie einem Kellner die
Rockschöße und die Serviette.
„Halt!“ rief Ursel. „Was läufst du so? Wo willst du hin? Halt! Halt!“
Aber das kleine Mädchen war schon an der Flurtür, öffnete, und rannte
dem Briefträger stracks in die Arme.
„Scht, scht,“ mahnte dieser, „nur nicht so stürmisch. Ich hab’ einen
Brief an Frau Cimhuber.“
Ursel sah auf das Schreiben in des Postboten Hand und erkannte die
fremde Marke und eine vertraute Schrift. „Danke, danke,“ sagte sie
zitternd.
„Er ist von Herrn Edwin,“ fuhr sie fort, das Schreiben um und um
wendend. „Da wird sich Frau Cimhuber freuen. Darauf warten wir schon
lange. Großer Gott, wir danken dir, du verläßt uns nicht. -- Gleich,
gleich will ich jetzt zu der Frau Pfarrer gehen und ihr den Brief
bringen. Sie wird so froh sein. Sie wird überglücklich sein.“
Und Suse sah mit Verwunderung, wie der alten Frau die Tränen in die
Augen traten und die Röte der Erregung die Nasenspitze leuchtend
färbte. Und wie sie dann ihre Küchenschürze hastig gegen ihre
baumwollene schwarze Staatsschürze umtauschte, indem sie eifrig sagte:
„Eßt, liebe Kinder, und trinkt euren Kaffee, und seid nicht ungeduldig,
daß wir euch allein lassen. Wartet noch ein Weilchen, wir sind bald
wieder da. Lebt wohl, lebt wohl.“
Das Kind blickte nur immer nach Ursels Augen, die so hell strahlten wie
Lichter, während sie doch noch vor kurzem so düster, so unfreundlich
dreingesehen hatten.
„Sie sind froh, gelt, Ursel?“ fragte das kleine Mädchen, als sie der
alten Magd das Geleite zur Tür gab.
„Ja, wir sind froh, Frau Cimhuber und ich sind sehr froh. Wir hatten so
Angst um das arme, arme Kind. Was hat der Herr Edwin alles in Afrika
auszustehen! Ich werde euch einmal davon erzählen, wenn ich Zeit habe.“
„Danke, danke,“ rief Suse, und ihr Herz klopfte bei der schönen
Aussicht auf die künftigen Erzählungen.
Als Ursel gegangen war, kam dem Doktorskind aber gleich wieder der
Gedanke an den abwesenden Bruder, und sie zitterte vor Angst. Wenn
Frau Cimhuber wiederkehrte, und er wäre noch nicht da, so würde es
ihm schlecht ergehen. Suse lehnte sich aus dem Fenster und spähte
die Straße hinunter, ob er noch nicht komme. Die Tür ließ sie
sperrangelweit hinter sich offen, und der Götze hätte jetzt bequem
hereinkommen und Suse ein wenig zwicken können, wenn er der Unhold
gewesen wäre, als den sie ihn erkannt hatte.
„Wenn Hans doch nur käme, wenn Hans doch nur käme, ach, wenn Hans doch
nur käme,“ sagte sie in Gedanken immer wieder vor sich hin.
Eine Stunde wollte er ja nur fortbleiben! Wenn er doch nur käme! Bald
würden Frau Cimhuber und Ursel wiederkommen, dann wär’ er nicht da, und
dann....
Da sah sie ihn am Kanal entlang laufen. Nun erblickte auch er seine
Schwester am Fenster und winkte zu ihr hinauf. Gleich darauf war er bei
ihr.
„Oh, Suse, wie schön war es! Was hab’ ich alles gesehen!“ rief er mit
fliegendem Atem.
„Da war ein großes Schloß. Und den Schuppen mit den Automobilen haben
wir uns besonders angesehen, und die schwarzen Dienerinnen hab’ ich
auch gesehen. Und einen Pfau mit wundervollen Augen im Schwanz.“
„Ach, wär’ ich doch auch mitgegangen,“ sagte Suse schmerzlich.
„Sei nicht traurig,“ tröstete er, „ein andermal gehst du auch mit.“
Und hastig fuhr er fort: „Und von den Automobilen weiß ich jetzt
noch besser Bescheid als heute morgen. Der Herr Willy, das ist der
Chauffeur, der hat Theobald alles genau erklärt, und ich habe zugehört.“
Suse zuckte ungeduldig die Achseln. Der Kraftwagen und seine
Bestandteile ließen sie kalt.
Aber gespannter hörte sie wieder zu, als er fortfuhr: „Und gefürchtet
haben wir uns, Suse, gefürchtet, einfach schrecklich.“
„Siehst du, siehst du,“ triumphierte Suse, „was ist denn wieder mal
passiert? Gelt, das Auto hat wieder einmal gebrüllt?“
„Nein, nein, ich mein’ ja was ganz anderes. Hör’, was ich dir
erzähle. Wie wir uns so das Automobil angucken, da kommt, oh, es war
schrecklich! da kommt, denke dir, da kommt...“
„So sprich doch, Hans!“
„Da kommt sie.....“
„Welche sie, Hans?“
„Ei, die Frau von Onkel Gustav.“
„Bloß die Frau von Onkel Gustav,“ sagte Suse enttäuscht. „Hast du ihr
denn guten Tag gesagt, Hans?“
„Oh, was glaubst du denn,“ wehrte er entrüstet, „das trau ich doch
nicht.“
„Aber, Hans, vor der Dame hast du noch nicht einmal den Hut abgenommen,
und weißt doch, daß wir immer guten Tag sagen sollen, wenn wir irgendwo
hinkommen. Das haben doch der Vater und die Mutter uns befohlen.“
„Das weiß ich wohl, aber der trau ich doch nicht guten Tag sagen.“
„Warum denn nicht?“
„Oh, sie ist eine gräßliche Rippe,“ hat Theobald gesagt, „und böse wie
ein Tiger.“
Suse schauderte es.
„Ist sie auch eine Negerin?“ forschte sie atemlos. „Vielleicht stammt
sie von den Menschenfressern ab, und da hat Onkel Gustav sie in den
fremden Ländern geheiratet. Es könnte schon sein. Gelt Hans?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wie sieht sie denn aus?“
„Das weiß ich auch nicht.“
„Hast du sie denn gar nicht gesehen?“
„Nein, mit einemmal hat Theobald gerufen: ‚Da kommt sie!‘ und da hab’
ich gar nichts mehr gesehen und gehört. Und da hat Theobald die Tür von
dem Automobil aufgerissen und ist mit beiden Füßen hineingesprungen,
und ich bin hinterdrein und hab’ die Tür zugeschlagen. Und da haben wir
uns beide unter die Bänke geworfen. Der Theobald ist mitten auf meinen
Kopf gelegen. Ich hab’ gemeint, ich ersticke. Und mit einemmal legt
sich eine Hand auf die Tür, und denke dir, da wollte sie reingucken.
Aber der Herr Chauffeur hat ihr schnell was vom Onkel Gustav gesagt,
und da hat sie die Tür wieder fahren lassen. -- Denke dir, wenn sie
reingekommen wäre und auf unsere Köpfe getreten hätte!“
„Die hätte euch tot getreten,“ sagte Suse, die ihre Tante sofort als
ein gräßliches Ungeheuer erkannt hatte.
„Erzähl’ mir noch mehr von der gräßlichen Frau, Hans,“ drängte sie,
„bitte, bitte.“ --
Schauerliche Dinge erleben mochte Suse beileibe nicht, aber sie
anzuhören, war ihr nicht unangenehm. „Am Ende frißt sie wirklich
Menschen,“ sagte sie, sich fester an den Bruder anschmiegend, mit dem
sie Hand in Hand auf dem Sofa in ihrem Stübchen saß. „Erzähl’ weiter.“
„Ich weiß nichts mehr von ihr. Gesehen hab’ ich sie nicht.“
„Dann erzähl’ mir noch, bitte, von dem herrlichen Schloß in dem Garten.“
„Ich hab’ einmal von der Veranda in das Zimmer geguckt und schöne
Sachen drin gesehen.“
„Und die ausgestopften Tiere? Die waren nirgends, Hans?“
„Ich hab’ sie nicht gesehen.“
„Ach, Hans, wann kommen wir mal hin?“
„Oh, bald, bald, der Onkel Gustav will, daß wir oft kommen, hat
Theobald gesagt. Er will, daß unsere guten Manieren und unser deutsches
Gemüt auf seine Kaffern abfärbe. -- Die Kaffern sind nämlich seine
Kinder.“
So fuhr Hans noch lange eifrig fort, Suse ein merkwürdiges Licht über
die neue Verwandtschaft aufzustecken. Erst als es Zeit zum Abendessen
war, beendete er seine Erzählung und ging mit Suse zu Frau Cimhuber
hinüber.
„Hans,“ ermahnte ihn seine kleine Schwester unterwegs, „wir müssen
sagen, was wir heute nachmittag gemacht haben, wo du gewesen bist; denn
wenn Frau Cimhuber erfährt, daß du fortgelaufen bist, und es ihr nicht
erzählt hast, denkt sie, wir wollen sie belügen.“
„Ja, ja,“ sagte Hans, „das will ich tun.“
Aber als sie bei Tisch saßen und er davon anfangen wollte, begann Frau
Cimhuber von der Familie zu erzählen, die sie heute nachmittag besucht
hatte, und deren artigen Kindern.
Endlich, als sie einmal eine Pause machte, sprach Suse ihrem Bruder
unter dem Tisch durch heftige Stöße Mut zu, und er begann stockend:
„Frau Pfarrer, ich bin... Frau Pfarrer, ich bin heute nachmittag...“
Da unterbrach ihn die Pfarrfrau mit den Worten: „Kinder, ihr müßt euch
daran gewöhnen, Erwachsene nicht durch eure Reden zu unterbrechen. Ihr
müßt immer erst dann reden, wenn man euch etwas fragt.“
Und diese Worte der Pfarrfrau schüchterten die Kinder so ein, daß sie
ihr gute Nacht boten, ohne ihr ein Wort von dem zu sagen, was sie heute
nachmittag erlebt hatten.
„Ich fürchte mich vor der Schule morgen,“ flüsterte Suse, als sie
allein mit ihrem Bruder war.
„Das mußt du nicht,“ meinte er, „denk nicht dran! Ich denk auch nicht
dran.“
Und in der Absicht, sie auf andere Gedanken zu bringen, fuhr er mit
geheimnisvoller Stimme fort: „Laß uns aus dem Fenster sehen, jetzt
springen vielleicht auf dem Dach wieder die herrlichen Buchstaben herum
wie gestern abend.“
„Ja, ja, du hast recht,“ sagte die Schwester und machte sich schnell
fertig, um mit ihrem Bruder an das Fenster zu treten und die nächtliche
Stadt zu betrachten. Wie Tausende von Leuchtkäfern funkelten dort die
Lichter aus dem Dunkel auf, wie schillernde Schlangen glitten die
Elektrischen am Kanal entlang, und aus den engen Straßen kamen die
Menschen als vermummte Gestalten ans Licht. Und pünktlich, wie der
Mond und die Sterne daheim über dem Nußbaum im Hofe der Doktorskinder,
erschienen auf dem Dach des hohen Hauses jenseits des Kanals die
leuchtenden Buchstaben, deren Sinn Hans und Suse nicht erkunden
konnten. Ein Buchstabe nach dem andern blitzte auf und lief über den
Dachfirst. Leuchtend standen dort ein paar Worte und erloschen wieder,
um nach einigen Sekunden in neuem Glanz zu erstehen.
„Wie schön, wie schön,“ sagte Hans leise.
Suse aber faltete die Hände und wiederholte die Worte von heute
morgen: „Ach, wenn doch daheim auf unserem Dach auch mit einemmal
solche herrliche Buchstaben herumsprängen! Der Vater und die Mutter,
die würden sich gewiß freuen, gelt Hans? Die Buchstaben sind doch das
aller-, allerschönste hier! Wenn die nicht wären, dann wär’ es so
häßlich wie nirgends sonst auf der Welt!“