Die gefährliche Stadt

Es war noch früh am Morgen, gegen ein halb sieben ungefähr, da waren

Hans und Suse, die beiden Doktorskinder, die bei Frau Cimhuber, der

Pfarrwitwe, in dem hohen weißen Haus am Kanal wohnten, schon wach. Voll

Unruhe hatten sie ihr Lager verlassen, sich angezogen und saßen nun fix

und fertig am Tisch in Susens Zimmer, bereit zur Schule zu gehen.

Dabei waren es ganze anderthalb Stunden vor Schulanfang. Aber die

beiden hatten nun mal keine Ruh und Rast, seit sie hier in der Stadt

weilten, und ihre Aufregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen und

Aussehen. Wie Schatten ihrer selbst sahen sie aus.

Suse, die kecke, übermütige Suse, die sonst ihren Kopf mit der

fürwitzigen Nase so hoch zu tragen pflegte, hielt ihn trübselig

gesenkt. Und ihr Bruder Hans sah aus seinen großen, dunklen Augen

verängstigt um sich. Die beiden fühlten sich ebenso verlassen und

ausgestoßen hier in dieser fremden Stadt, in der sie gerade einen Tag

verbracht hatten und in der sie doch eine lange Zeit bleiben sollten,

um die höheren Schulen zu besuchen. -- Weit weg, an das andere Ende

der Welt, schien ihnen ihr Elternhaus, das freundliche Arzthäuschen,

gerückt; und dabei war es doch nur eine Tagereise entfernt und lag in

den Bergen, deren Umrisse man an hellen Tagen wie eine feine Linie am

Horizont wahrnehmen konnte.

„Hans,“ sagte das kleine Mädchen plötzlich, „was meinst du, sind Frau

Cimhuber und Ursel schon wach?“

„Ich glaub’, mir ist’s, als hätt’ ich jemand auf Pantoffeln gehen

hören,“ erwiderte der Bruder... „vielleicht war’s Ursel.“

Suse nickte.

Und halb zu Hans gewandt, halb wie im Selbstgespräch fuhr sie fort:

„Gräßlich alt ist Ursel schon. Über sechzig Jahre. Und vierzig Jahre

ist sie schon bei Frau Cimhuber gewesen. Das ist viel länger als unsere

Rosel. Rosel ist gerade neun Jahre bei uns. Das ist einunddreißig Jahre

weniger als Ursel.“

„Du Suse,“ fragte Hans mit einem Male, „was hat eigentlich gestern

abend Frau Cimhuber über Ursel gesagt, als sie vor uns auf dem Sofa

gesessen ist und deine Hand gehalten hat und uns so lange angesehen

hat?“

„Das weißt du schon nicht mehr!“ rügte Suse, die so gern dem jüngeren

Bruder gegenüber die Überlegene, Belehrende spielte. „Wirklich, das

weißt du nicht mehr? -- Sie hat gesagt: ihr sollt Ursel stets mit

Rücksichtnahme und Respekt begegnen; denn sie ist über vierzig Jahre in

meinem Dienst und ist mir eine getreue Beraterin und bewährte Freundin

gewesen, eine Stütze meines Hauses in Not und Gefahr. Nicht nur in

fröhlichen Zeiten, sondern auch in trüben Zeiten voller Aufopferung und

Liebe und echt christlichen Sinnes. Gehorcht ihr wie mir!“

„Aber, Suse, so viel hat sie nicht gesagt,“ fiel Hans ein.

„Doch, Hans, ganz bestimmt!“

Und Suse wiederholte noch einmal: „Nicht nur in fröhlichen Zeiten,

sondern auch in trüben Zeiten, voller Aufopferung und Liebe. Gehorcht

ihr wie mir!“ -- Liebte sie es doch über die Maßen, feierliche Worte

mit schöner Betonung aufzusagen, vor allem Gesangbuchverse oder Stellen

aus Predigten, die sie Sonntags in der Kirche daheim auffing und nicht

immer dem Sinn nach verstand. -- Und mit großer Genugtuung bemerkte

sie bei diesen Gelegenheiten jedesmal, wie Hans, der schwerfälliger

beim Auswendiglernen war als sie, bewundernd zu der begabten Schwester

aufsah.

Wieder war es nun still in dem Zimmer, bis Hans plötzlich leise fragte:

„Magst du eigentlich Frau Cimhuber gern?“

Das kleine Mädchen wurde feuerrot, sah verlegen vor sich hin und

schüttelte dann ihr Haupt.

Da stieg auch dem Bruder die Verlegenheitsröte in die Wangen, und er

gestand der Schwester, daß er die Pfarrfrau ebensowenig leiden möge.

„Aber, Hans, wir müssen sie lieb haben,“ rügte da Suse, sich flugs

ihres Amtes als Lehrmeisterin in allen Tugenden dem Bruder gegenüber

entsinnend, „wir müssen sie lieb haben, das haben der Vater und die

Mutter uns ausdrücklich befohlen.“

„Wenn ich aber nicht kann,“ meinte Hans gedrückt, „was soll ich da

machen?“ Und als die Schwester schwieg, forschte er halblaut weiter:

„magst du Ursel gern, Suse?“

„Ja,“ wollte die Schwester sagen, aber ihr fiel ein, daß dies gelogen

wäre, und so verweigerte sie dem Bruder lieber jede Auskunft.

Er wartete noch ein Weilchen und fuhr dann mehr flüsternd als redend

fort: „Eine gräßlich große Nase hat Ursel. Gelt? -- Und eine solch’

dicke Warze mit einem langen Haare drauf.“

„Ja, ja,“ fiel Suse mit einem Male lebhaft ein, „ein ganz stacheliges

Haar ist’s. -- Weißt du, Hans, genau so wie die Hexe in dem

Märchenbuch, das uns Tante Anna geschenkt hat.“

„Ja, daran hab’ ich auch schon gedacht,“ meinte der Bruder ebenso

lebhaft wie sie.

„Hans, Hans, jetzt haben wir schon wieder was Schlechtes gesprochen,“

meinte Suse schuldbewußt. „Immer fangen wir wieder von der Nase an.

Diesmal hast du angefangen. Das dürfen wir doch nicht. Der Vater und

die Mutter haben uns doch befohlen, daß wir nicht von den Fehlern und

Gebrechen anderer Leute reden.“

„Aber von großen Nasen haben sie nichts gesagt. Und große Nasen sind

auch nichts Schlimmes. Die von dem Großvater von unserem Pfarrer,

der vorigen Herbst zu Besuch bei ihm war, die war noch viel größer.

Weißt du denn nicht mehr? Weißt du denn nicht mehr, wie viel wir davon

gesprochen haben? Und du hast am meisten davon gesprochen. Und wie hast

du gelacht, als Theobald gesagt hat, seine Nase ist so groß wie die von

einem Nußknacker!“

„Da waren wir auch noch viel jünger, Hans.“

„Jünger, Suse? Ein halbes Jahr ist’s her.“

Hier achtete die Schwester nicht weiter auf des Bruders Reden, sondern

sah mit gespanntem Ausdruck nach der Tür, vor der schlürfende Schritte

und Stimmen zu hören waren. -- Sicher gingen Frau Cimhuber und ihre

Magd vorüber. Ganz still verhielten sich nun die Kinder, bis die

Geräusche draußen verklungen waren, dann stand Hans leise auf, ging auf

den Zehenspitzen zur Türe und spähte über den langen Gang.

„Du, Suse,“ flüsterte er im nächsten Augenblick zurück, „sie sind jetzt

in der Küche. Ich höre sie. Und hör’ mal, Suse, die Negerstube ist

offen. Komm’ mal, wenn du sie sehen willst.“

„Wo, wo? Wirklich, laß’ mich mal sehen,“ rief Suse und war in zwei

Sprüngen an der Seite des Bruders. Ganz aufgeregt sah sie über den Gang

nach Frau Cimhubers Staatsgemach, der „Negerstube“, hin. -- So hatten

die Kinder das Zimmer der Pfarrfrau getauft, weil es die merkwürdigsten

Dinge aus fremden Ländern enthielt: Löwen- und Tigerfelle, ausgestopfte

Affen, Vögel, Waffen und Bilder von Negern, Gefäße aus Holz und Stein

und einen großen Götzen.

„Dort hinten, guck, dort hinten sitzt der Gott,“ flüsterte Suse, ihren

Bruder am Arm packend. „Dort sitzt er.“

Und die beiden sahen wie gebannt auf das seltsamste Stück des ganzen

Raumes, einen schwarz angestrichenen Negergott, der mit seinem

bienenkorbdicken Leib und runden Schädel vergnügt von einer Säule in

der Ecke herüber grinste.

„Man meint, er lebt,“ flüsterte Suse „Für hundert Tafeln Schokolade

möchte ich ihn nicht anfassen. Und du, Hans?“

In diesem Augenblicke hörten die beiden wieder Schritte und flohen in

ihr Zimmer zurück. Irgend jemand kam -- Ursel oder die Pfarrfrau.

Gleich darauf wurde die Klinke ihrer Tür niedergedrückt, und Frau

Cimhuber stand auf der Schwelle.

Sie war gekommen, die Kinder zu wecken.

Langsamen Schrittes wich sie zurück, als sie der beiden ansichtig wurde.

„Aber Kinder,“ sagte sie dann vorwurfsvoll, „ihr solltet ja noch

schlafen! Ich wollte euch jetzt erst wecken. Was soll das heißen?“

„Wir sind schon aufgewacht, und dann sind wir aufgestanden,“ stotterte

Suse, „entschuldigen Sie, Frau Pfarrer, wir sind schon aufgestanden.“

Dann schluckte das Kind dreimal trocken runter vor Schrecken und

fuhr noch verwirrter als bislang fort: „Entschuldigen Sie, wir haben

gemeint, Sie haben keine Kinder. Und da verschlafen Sie, weil Sie keine

Kinder haben, haben wir gemeint. Und da hat auch Hans gesagt, es ist

der Frau Cimhuber sicher sehr angenehm, wenn wir aufstehen. Und da sind

wir aufgestanden.“

Der Bruder, der daneben stand, biß sich auf die Lippen, aus Beschämung

über all das krause Zeug, das seine Schwester daherredete.

Frau Cimhuber aber schüttelte ihren Kopf und sagte: „Aber Kinder, ich

habe euch gestern abend doch ausdrücklich gesagt, ihr sollt liegen

bleiben, bis wir euch wecken. Ich habe es zweimal gesagt. Ihr müßt euch

besser an das Gehorchen gewöhnen.“

Die Kinder fuhren zusammen und sahen sich erschrocken an. Sie aber

merkte nichts davon und fuhr mit vorwurfsvoller Stimme fort: „Vor einer

halben Stunde ist der Kaffee überhaupt nicht fertig. Wir trinken immer

erst zehn Minuten vor ein halb acht Uhr Kaffee. So lange müßt ihr euch

gedulden.“

Und nach diesen Worten ging sie wiederum zur Türe hinaus.

„Jetzt ist sie böse auf uns,“ sagte Suse, als sie gegangen war, und

Hans nickte.

„Wenn sie uns aber den Kaffee zu spät gibt?“ sagte er schließlich. „Was

dann?“

„Dann laufen wir ohne Kaffee fort!“ erklärte Suse. Inzwischen war Frau

Cimhuber wieder langsam zur Küche zurückgegangen, um mit Ursel, ihrer

alten Magd und Vertrauten, über die Kinder zu reden. Vor der Tür von

Ursels Reich stieß sie einen schmerzlichen Seufzer aus, den die alte

Magd sicher gehört hätte, wenn sie nicht gerade dabei gewesen wäre, der

alten abgeleierten Kaffeemühle einen Klaps zu geben, damit die paar

letzten Bohnen, die widerspenstig über dem Mahlwerk herumhüpften, den

schon zerriebenen nachpolterten.

Gleich darauf trat nun die Pfarrfrau dicht vor Ursel, und diese mußte

aufsehen. Und in dem Augenblick, in dem sie ihr Haupt hob, konnte

man den Schrecken verstehen, den ihr Anblick den Kindern einflößte.

Von ihrem dichtvermummten Haupt waren nur eine lange Nase und ein

entrüstetes Auge zu sehen, denn alles andere war durch Wolltücher

verhüllt, deren Wärme der alten Magd heftige Zahnschmerzen vertreiben

sollte.

„Ursel, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber, indem sie ihre gefalteten Hände

auf ihre schwarze Schürze sinken ließ. „Die Kinder sind schon wach. Sie

sitzen schon angezogen in der Stube.“

„Was, schon wach?“ fragte Ursel fast triumphierend, „da haben wir’s!

Das hab’ ich ja gleich gesagt. Die beiden bringen alles zuwege.

Merkwürdige Kinder sind’s. Solche Kinder hab’ ich hier herum noch gar

nicht gesehen. Sehen Sie einmal den Buben an, wie dem die Augen im Kopf

herumfahren. Und das Mädchen, das geht ja auf der Straße gar nicht wie

andere Leute. Die ist gestern mitten im Weg stehen geblieben und hat

die Leute angesehen wie Meerwunder. Und wie ich sie gefragt habe, was

sie denn sieht, hat sie gestottert und keine Antwort gegeben. -- Die

rechten Hinterwäldler. Eine Elektrische haben sie hier zum erstenmal

gesehen, ein Auto ist ihnen auch was ganz Neues. -- Nur einmal haben

sie zwei ganz weit weg im Tal gesehen, hat der Bub gesagt. -- Und

denken Sie sich an, Frau Pfarrer, gestern fährt da ein Auto an uns

vorbei, da fällt das Mädchen gleich auf mich drauf vor Schrecken und

jammert: ‚Oh, wie hat der Wagen geschrien, wie eine Kuh! haben Sie

nicht gehört, Ursel?‘ Ich habe noch blaue Flecke am Arm. Wie ein Krebs

ist’s an mir gehängt.“

„Ja, Ursel, wir müssen Geduld haben,“ fiel Frau Cimhuber ein, „wir

müssen Geduld haben. Bedenken Sie doch, die Kinder waren noch nie

aus ihrem Gebirgsdorf fort und nun kommen sie zum erstenmal hierher.

Recht ist es ja nicht von den Eltern gewesen, daß sie noch nie vorher

eine Reise mit ihnen gemacht haben. Eine kleine Reise hätten sie

wohl schon machen können. Jetzt ist’s zu spät. Jetzt ist ihnen alles

fremd, und alles verwirrt sie. Und dann... und dann... das muß ich ja

selbst zugeben, ein bißchen unerzogen sind sie, auch ein klein wenig

verwildert. Das sind solche Landkinder immer. Jetzt müssen wir sie eben

zu Gehorsam und Pünktlichkeit erziehen, und alles andere wird sich

finden.“

„Gewiß, Frau Pfarrer, aber wir werden uns noch verwundern,“ meinte

Ursel. „Ich hab’ ja immer gesagt, lassen Sie es sein, nehmen Sie keine

Kinder, wir sind zu alt dazu.“

„Ja, aber Edwin wollte es doch. Sie wissen es doch auch, Ursel. Er

hat immer gesagt: nimm dir ein paar Kinder ins Haus, Mutter, damit du

Zerstreuung hast und nicht auf traurige Gedanken kommst. Mit Kindern

bleibt man jung. Erst in seinem letzten Brief hat er mir wieder davon

geschrieben. Und wie da bei mir angefragt wurde, ob ich die beiden

Kinder von dem Doktor aus Schwarzenbrunn nehmen wollte, da hab’ ich ja

gesagt. Denn es ist mir vorgekommen wie ein Wink des Himmels.“

„Na, wir wollen sehen, wie noch alles wird,“ meinte Ursel. „An viel

Gutes glaub’ ich nicht.“

Inzwischen warteten die Kinder sehnsüchtig auf den Kaffee, und als er

nach einer halben Stunde immer noch nicht da war, konnten sie ihre

Unruhe nicht mehr bemeistern. Suse schnallte ihren Ranzen auf, ging

unruhig im Zimmer hin und her und blieb schließlich an der Tür stehen,

die Klinke in der Hand.

„Sie rufen immer noch nicht, Hans,“ meinte sie ungeduldig. „Sie rufen

immer noch nicht. -- Weißt du was, wir laufen ohne Kaffee fort.“

„Das dürfen wir nicht, da wird Frau Cimhuber böse,“ entgegnete er.

„Aber wir kommen ja zu spät,“ sagte sie, hin und her trippelnd, „wir

kommen zu spät. Und wir dürfen doch nicht zu spät kommen, Hans; ich

will nicht zu spät kommen. Ich traue mich sowieso schon nicht in die

Schule. Dann traue ich mich erst recht nicht. Lieber will ich keinen

Kaffee.“

„Hopp, wir gehen,“ ermunterte das kleine Mädchen den Bruder, öffnete

im selben Augenblick die Tür und eilte auf den Vorplatz. Gerade wollte

sie mit dem Bruder in das Treppenhaus huschen und ein Stückchen von

seinem Ranzen schwebte noch um die Ecke, da schaute Ursel verwundert

zur Küche hinaus und hörte auf den Lärm. Mit einem Sprung war sie auf

dem Vorplatz und von dort auf der Treppe, holte die beiden Flüchtlinge

ein und führte sie in die Wohnung zurück.

„Nicht übel, nicht übel,“ sagte sie. „Wenn ich’s mir nicht gedacht

hätte! Wollt ihr schon durchbrennen? Jetzt mal hier herein ins Eßzimmer

und trinkt euern Kaffee.“

Und gleich darauf saßen die beiden mit erhitzten Gesichtern der

Pfarrfrau gegenüber am Kaffeetisch und sahen, wie ihre Pflegemutter

traurig den Kopf schüttelte, wobei sich die Perlenschnüre ihres

Häubchens verwirrten und sie mit anklagender Stimme sagte: „Ihr müßt

euch mehr an das Gehorchen gewöhnen. Ihr wißt doch, daß wir euer

Bestes, euer Allerbestes wollen.“

„Ja, das haben Vater und Mutter auch gesagt, daß Sie so gut zu uns

sind,“ stotterte Suse, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Aber

wir haben so Angst, daß wir zu spät zur Schule kommen. Wir möchten

lieber keinen Kaffee.“

„Wir sorgen dafür, daß ihr nicht zu spät kommt,“ sagte die Pfarrfrau.

„Ich habe es schon einmal gesagt, ihr müßt Vertrauen zu uns haben.

Ursel und ich wollen euer Allerbestes.“

Die Kinder aßen und tranken verschüchtert und ängstlich, fast mit

Widerstreben und waren froh, als sie endlich aufstehen und sich

entfernen durften.

In großer Eile liefen sie die Treppe hinunter auf die Straße. Jetzt

waren sie ja frei. Frau Cimhubers Haus gegenüber führte eine Brücke

über den Kanal, und dort hinüber ging ihr Weg. Gerade als sie die

Brücke überschritten, kam ein mit Steinen beladenes Schiff daher.

Düster aussehende Männer, die an die Holzhauer in der Doktorskinder

Heimatsort erinnerten, standen auf dem Kahn und stießen ihn mit langen

Stangen vorwärts. Langsam zog er unter der Brücke durch, dumpf hallten

die Stimmen der Männer herauf, und langsam kam er auf der andern Seite

wieder zum Vorschein.

Eine Weile folgten ihm die Kinder mit ihren Blicken, dann gingen sie

weiter. Und während sie so dahinschlenderten, fiel Suse mit einemmal

eine Reihe hoher, freischwebender Buchstaben ins Auge, die auf dem

Dachfirst eines Hauses jenseits des Kanals standen. Sie machte ihren

Bruder darauf aufmerksam.

„Hans, dort oben, guck, dort,“ rief sie, „war es nicht dort, wo gestern

die hellen Buchstaben herumgehüpft sind, als die Lichter angezündet

wurden und wir aus dem Fenster gesehen haben? Weißt du nicht mehr?

Herrlich war das, gelt, wie immer einer hinter dem andern hergesprungen

ist. Und wupp, waren sie alle miteinander weg und ausgelöscht. Und

dann kamen sie wieder und sind wieder hintereinander hergesprungen.

Das ist das Allerschönste hier. Am liebsten möchte ich eigentlich, daß

wir auch daheim auf unserem Haus solche große Buchstaben hätten. Das

wäre herrlich. Dann kämen alle Leute des Abends herbei und guckten sich

unser Haus an. Und der Vater und die Mutter und wir ständen am Fenster

und freuten uns über unser schönes Haus. Nicht wahr?“

Der Bruder nickte, hatte aber wenig acht auf der Schwester Rede,

sondern mehr auf den Weg; denn er hatte die Führung übernommen und Suse

versprochen, sie an ihrer Schule abzuliefern.

So war es ja immer. In gewöhnlichen Zeiten leitete die Schwester den

Bruder gern, aber in schweren Tagen, wenn Not an den Mann trat, war er

der leicht eingeschüchterten Suse treuster Führer. Wie ein geschickter

Steuermann führte er sie jetzt, mit den Augen scharf nach allen Seiten

spähend, und sie benutzte die Zeit derweil, um ihren Gefühlen in den

merkwürdigsten Stoßseufzern Luft zu machen.

„Ach, ich möcht’, ich wäre schon in der Schule,“ sagte sie einmal. Dann

wieder: „Ach, ich möcht’, ich wäre schon wieder aus der Schule heraus.

-- Ach, ich möcht’, ich wäre bei den Eltern..., ach, ich möchte, Frau

Cimhuber wäre nicht so alt und Ursel sähe nicht so böse aus.“

Und plötzlich packte sie den erschreckten Bruder am Arm und raunte ihm

zu: „Jetzt, Hans, jetzt paß auf, jetzt darfst du nicht auf die rechte

Seite gucken. Da kommt das Haus, von dem ich dir gesagt habe, vor dem

die toten Rehe auf der Straße liegen. Und alle haben sie ihre Köpfe

herumgedreht, und ihre Hälse sind wie gebrochen. Und blutig sind sie,

lauter Blut ist um sie herum, große Blutlachen schwimmen um sie herum.

Mir ist’s ganz schlecht geworden. Und du glaubst gar nicht, wie traurig

sie mich angesehen haben. Und Hasen hängen dort, sicher hundert, an den

Beinen.“

„Wo hängen die Hasen an den Beinen?“ fragte Hans aufgeregt.

„Guck nicht hin, Hans,“ wehrte Suse, „ich bitte dich, guck nicht hin,

Hans!“ Und dann flüsterte sie ihm mit erschrecktem Gesichte zu: „Ein

Mörder wohnt dort, ganz gewiß, Hans. Ich habe darüber nachgedacht, es

ist ein Mörder.“

Es stimmte. Suse hatte gestern darüber nachgesonnen und dank ihrer

lebhaften Phantasie eine wahre Schauergeschichte zusammengestellt,

wonach ein Zauberer viel hundert Prinzessinnen in Rehe verwandelt und

getötet hatte, weil sie ihm nicht gehorcht hatten.

Um den Bruder nun möglichst schnell aus dem Bereich des gefährlichen

Zauberers zu bringen, packte sie Hans am Arm und zog ihn mit sich. Er

aber widersetzte sich und fragte hastiger als vorher: „Wo sind die Rehe

und Hasen, die an den Beinen hängen, Suse; wo hast du sie gesehen? Ich

möchte sie auch sehen.“

„Nein, nein,“ wehrte sie.

Es währte aber nicht lange, so entdeckte er selbst die Tiere, die vor

einem Verkaufsladen am Wege lagen, und blieb davor stehen.

„Brr, blutig,“ sagte er und begann dann von einem Firmenschild über dem

Eingang die Inschrift abzulesen: Wildbret- und Geflügelhändler Moormann.

„Der verkauft die Rehe,“ erklärte er seiner Schwester.

„Nein, das tut er nicht,“ widersprach sie, packte ihn fester am Ärmel

und bat: „Lieber, lieber Hans, komm doch mit. Du sollst hier nicht

stehen bleiben und dir das gräßliche Blut ansehen und alles ablesen.

Wir müssen uns ja schämen.“

„Warum müssen wir uns schämen?“ fragte er verwundert. „Und warum soll

ich nicht alles ablesen? Der Vater und die Mutter haben doch selbst

gesagt, wir sollen auf alles aufpassen!“

Die beiden maßen sich mit feindlichen Blicken. Und es wäre zwischen

ihnen sicher zum Streit gekommen, wenn sie nicht daran gedacht hätten,

daß sie in dieser gefährlichen Zeit ja treu zueinander halten müßten.

Drum folgte der Bruder der Schwester willig.

„Der halbe Weg ist jetzt um,“ sagte Suse mit einem Seufzer. „Aber das

Allerärgste kommt noch. Jetzt müssen wir noch über den großen Platz

’rüber. -- Wenn wir über den ’rüber sind, dann ist alles gut!“

„Warum fürchtest du dich?“ fragte Hans. „Der ist doch nicht schlimm!“

„Nicht schlimm, Hans? Am aller-, allerschlimmsten in der ganzen Stadt!

Denke doch, da fahren die Elektrischen und die Wagen und die Radfahrer

und die Autos, das sind die allergräßlichsten Dinger, die es gibt. --

Hans, hab’ ich dir denn schon gesagt, daß ich gestern mit Ursel eins

gesehen habe, das hat gebrüllt wie eine wilde Kuh.“

„Was hat’s gemacht?“ fragte Hans und blieb wie angewurzelt stehen. „Was

hast du gesagt, wie eine wilde Kuh hat’s gebrüllt? So was hab’ ich aber

doch noch nicht gehört. Ein Automobil brüllt doch nicht, es tutet. Die

Kühe brüllen und die Automobile tuten.“

„Nein, Hans, es gibt Autos, die brüllen wie Kühe, so wahr und gewiß,

wie ich hier stehe. Sie fangen ganz leise an, und dann schreien sie

laut auf, daß du meinst, die Ohren wackeln dir, und dann weinen sie

leise wie der Michel, wenn er an die Kette gelegt wird, und dann sind

sie ganz still.“

„Das möcht ich aber gern mal hören,“ sagte Hans begeistert. „Wann hast

du das gehört? Wo hast du das gehört?“

„Nein, Hans, wünsch’ dir das nicht; dann muß ich so laut an zu weinen

fangen, wie du noch niemals von mir gehört hast. Da sollst du mal

sehen!“

Hans ging in Gedanken weiter und achtete lange nicht seines Weges,

bis er mit einem Male einen Knaben mit einem Ranzen anrannte und sich

erinnerte, daß ihre Zeit knapper wurde.

Auch Suse fuhr aus Träumen auf. Denn ihre Gedanken waren weit

ab gewandert, der fernen Heimat zu, und sie hatte den Schulweg

ihres Dörfleins verlockend vor sich liegen sehen. Dort war sie

stets in größter Seelenruhe und im gemütlichen Schritt die Straße

hinuntergeschlendert und hatte im Übermut auch wohl mal die Augen

geschlossen gehalten, wenn es ihr gerade beliebt hatte. Was konnte ihr

dort auch Gefährliches in den Weg kommen! Ein Hühnchen, ein Hund, eine

Katze vielleicht; was lag denn dran? Stolperte sie auch drüber und fiel

auf die Nase, so bedeutete das doch kein Unglück.

Aber hier!

Suse schaute sich erschreckt um. Sie waren ja schon in der Straße

angekommen, die auf den gefährlichen Platz führte. -- Gewiß, dort zur

rechten Seite nah’ ihrer Mündung auf den Platz, lag das Schilderhaus,

an dem sie gestern mit Ursel vorübergegangen war, und das sie sich

gemerkt hatte, weil dort ein gefährlich aussehender, brummiger,

grimmiger Soldat gestanden war.

„Dort hinten steht der Soldat!“ flüsterte sie jetzt ihrem Bruder zu.

„Dort möchte ich nicht gern vorbei, Hans. Denn er hat mich gestern so

zornig angesehen, als ich vorbeiging, als wollte er mich erschießen.“

„Das meinst du nur so,“ beruhigte Hans. „Er schießt nicht. Er tut

keinem Menschen etwas. Der steht Wache. Komm nur mit und guck ihn dir

ruhig an.“

Langsam und zögernd setzte das kleine Mädchen einen Fuß vor den andern.

Noch einige Schritte fehlten, dann mußten sie bei der Wache sein -- da

sah sie ihr entgegen auf demselben Bürgersteig einen Offizier kommen.

Sein Säbel rasselte hinter ihm her.

Und nun horchte Suse plötzlich erschreckt auf und blieb wie angewurzelt

stehen. Hinter sich hatte sie einen Ton vernommen, der ihr Blut

erstarren ließ. -- Ach, sich umzusehen hätte sie nicht gewagt, um alle

Schätze der Welt nicht. -- Ein Huschen, Sausen und Gleiten war zu

hören -- und sie wußte jetzt, jetzt kam’s hinter ihr her, ihr Feind,

das Automobil. Eines von den Ungeheuern, die wie auf Filzpantoffeln

heranglitten, einen mit ihren Augen, groß wie Messingkübel, frech

anstarrten und dann aufschrien wie wilde Kühe.

Das kleine Mädchen zitterte und bebte am ganzen Körper und zog den Kopf

aus Schrecken über den ersten fürchterlichen Ton, der kommen müsse,

leicht zwischen die Schultern.

Und jetzt war sie mit Hans bei dem Soldaten angelangt, und auch der

Offizier war ganz nahe.

Da -- hui -- flog das Automobil daher und mitten vor dem Schilderhaus

gellte und schrie es laut auf, als wollte es zerspringen. Schauerlich

war’s.

Da sprang der Soldat vor sein Schilderhaus, scharrte mit den Füßen, riß

sein Gewehr von der Schulter und streckte es dem Offizier hin.

Und in demselben Augenblick erklang in dem Automobil ein Krachen, als

wolle es in hundert Stücke zerbersten.

Da schrie Suse laut um Hilfe, ließ ihre Butterbrotbüchse fallen und

stürmte in verkehrter Richtung davon.

„Ach, Mutter,“ jammerte sie, „ach, Mutter.“

Sie hatte bestimmt gesehen, wie der Offizier, der Soldat und das

Automobil aufeinander drauf geflogen waren und geborsten waren.

Sie hatte ganz und gar den Kopf verloren, die arme Suse.

„Suse,“ rief der Bruder und eilte so schnell er konnte, hinter ihr her.

„Bleib doch stehen, wart doch!“

In einer entlegenen Straße holte er sie endlich ein.

„Sie sind alle tot,“ rief sie ihm zu, „gelt, und das Schilderhaus ist

auch kaput?“

„Nein, sie sind alle lebendig,“ rief er.

„Ach, wär’ ich doch daheim, ach, wär’ ich doch daheim,“ jammerte Suse

da.

Hans war kreidebleich. Der Schrecken über Suses Flucht und der

Spektakel am Schilderhaus hatten ihm auch etwas die Fassung geraubt.

Und nun sagte er sich, daß sie sich verlaufen hätten und wohl zu spät

zur Schule kämen.

Wie die beiden noch so rat- und hilflos dastanden, nahte mit einem Male

ein Retter.

Ein Knabe kam des Wegs, der die beiden Dorfkinder schon aus der Ferne

musterte.

Unter seinem Arm schleppte er ein Paket Bücher, die Nase mit den

Sommersprossen trug er keck in der Luft, die Mütze hatte er tief in die

Stirn gezogen, und seine blitzenden blauen Augen richteten sich dreist

jedem Vorübergehenden in das Gesicht.

„Servus,“ rief er plötzlich, daß es über die Straße schallte, „da

schlag doch einer lang hin! Seh’ ich recht?“

Hans und Suse horchten auf, folgten der Richtung des Rufes, erkannten

den Rufer und jubelten laut: „Theobald, Theobald!“

Ja, er war’s! Theobald, einer ihrer zahlreichen Vettern. Die Krone

ihrer Vettern sozusagen.

Dieser Knabe hatte sie nämlich schon einige Male mit seinen Besuchen

in ihrem einsamen Gebirgsdorfe beehrt und auch seine letzten Ferien

dort verbracht. Damals war zwar viel öfters als sonst in der Hand ihres

Vaters, des Doktors, eine geschmeidige Haselgerte zu sehen gewesen, die

dann auf Theobalds Rücken lustige Tänze ausgeführt hatte.

Aber schöne Zeiten waren’s doch gewesen.

„Na, seh’ ich recht, das seid ihr,“ rief er noch einmal. „Ihr seht gut

aus. Was ist denn los mit euch? Der Hans schaut aus wie der schönste

Rahmkäse, und die Suse weint Tränen, als hätte sie eine Schüssel mit

gehackten Zwiebeln zum Frühstück bekommen.

Was tut ihr eigentlich hier in dieser Straße, die euch gar nichts

angeht? Hat eure Pflegedame euch schon vor die Türe gesetzt? Seid ihr

eurer Cimhuberin schon ausgekniffen?“

„Frau Cimhuber heißt’s,“ verbesserte Suse.

„Wir haben uns verlaufen,“ erklärte Hans.

„Und deshalb dies Lamento und die verheulten Gesichter?“ meinte der

Vetter wegwerfend. „Ihr gehört wirklich noch ins Wickelkissen! Heftet

euch von nun an an meine Fersen! Ich werde euch sicher führen.“

Suse zog ihr Taschentuch hervor, trocknete ihre Tränen und sah

zuversichtlich auf Theobald, der ihr sicher und großartig vorkam, wie

die feinen Stadtherren, die sich nicht fürchteten, und wenn ihnen die

Automobile wie ein Rudel Wölfe hinterher kamen.

„Hört, meine Kleinen,“ fuhr der Vetter mit wichtiger Miene fort. „Erst

bringen wir den geknickten Lilienstengel, die Suse in ihre Schule, dann

gehen Hans und ich weiter und schreiten stolz erhabenen Hauptes durch

die Pforten unseres Pennals...“

Hier unterbrach der Vetter seine eigene Rede, runzelte die Brauen

und betrachtete in Nachdenken versunken die Haltestelle der Trambahn

jenseits der Straße.

„Hm! Hm!“

Er hatte einen Gedanken.

Wenn er jetzt aber seinen Vetter und seine Cousine auf eigene Kosten

zur Schule fahren ließe! Das wäre fein! Da hätte er ja Gelegenheit,

sich wie der herrlichste Millionär diesen Dorfkindlein gegenüber

aufzuspielen, so recht von oben herab wohltätig. Vorgestern waren

die beiden Hinterwäldler ja zum ersten Male in ihrem Leben in einer

Eisenbahn gefahren und gestern in einer Elektrischen.

Und da hatte seine Cousine voll Begeisterung zu ihm gesagt, man

meine, man fahre mit der Elektrischen in den Himmel hinein. Eine

solche Himmelfahrt konnte man ihnen ja leicht verschaffen. Noch einen

Augenblick überlegte der Vetter, dann faßte er in seine Westentasche,

zog drei Zehnpfennigstücke hervor und sagte: „Hört, unsere Zeit ist

knapp. Wir fahren jetzt zur Schule. Ich stifte euch die Fahrscheine.“

In den Augen der Kinder leuchtete es hell auf, ein Umstand, den

Theobald mit Befriedigung wahrnahm.

„Die nächste Elektrische, die kommt,“ belehrte er sie, „müssen wir

nehmen! Verstanden? Und zwar im Sturm. Sonst kommen wir zu spät.

Verstanden? Ihr habt also keine Zeit, die sämtlichen Reklameschilder

und Aufschriften daran zu studieren, bevor ihr einsteigt. Merkt’s

euch! Und dann laßt euch nicht etwa einfallen, andere Leute vor euch

einsteigen zu lassen und um sie herum zu scharwenzeln und zu sagen:

bitte, bitte, gehen Sie zuerst hinein und treten Sie uns ruhig auf die

Hühneraugen; das ist uns eine ganz besondere Freude. -- Nein, sobald

ihr den Wagen seht, rennt ihr drauf los wie die Wilden, schiebt alle

Leute zur Seite und schreit: Verzeihung, Verzeihung, und klettert auf

die Plattform wie die Affen.“

„Sie kommt,“ rief Theobald, „jetzt drauf los.“

Und er stürmte vor ihnen her wie ein Held zur Schlacht. „Verzeihung,

Verzeihung,“ schrie er und drängte die Leute zur Seite.

„Verzeihung,“ rief Hans hinter ihm.

„Verzeihung,“ sagte Suse kleinlaut.

Und den Kopf ein wenig geneigt eilte sie vorwärts, sich an Hansens

Ranzen festhaltend.

Theobald schob eine Frau zur Seite, einen alten Herrn, ein Kind. --

Jetzt hatte er den Griff der Elektrischen gefaßt und schwang sich

hinauf. Da stauten sich die Menschen. Hans und Suse konnten ihren

Vetter nicht mehr sehen. Auf der Plattform aber entstand jetzt ein

fürchterliches Gedränge, ein Schieben und Stoßen, ein Reißen und

Wühlen. Und eine zornige Stimme übertönte alle: „Wer schreit mir da

fortwährend Verzeihung in die Ohren? Wart’ einmal!“

Und im nächsten Augenblick sahen Hans und Suse, wie ein Mann ihren

Vetter, das feine Stadtherrlein Theobald, am Kragen gepackt hielt und

heftig hin und her schüttelte, als wär’s eine Pflanze, deren Erdreich

gelockert werden müsse. Und mit einem Schwung wollte er ihn auf die

Straße setzen. Aber da wandte Theobald sich um, hielt sich an dem Herrn

fest und nahm ihn gleich zwei Stufen die Elektrische mit hinunter. Ums

Haar wären beide am Boden gelegen.

Da klingelte die Elektrische und fuhr davon. Im letzten Augenblick

konnte der Herr noch aufspringen.

Theobald aber, der seinen Hut verloren hatte, mußte diesen erst mal

suchen. In der Mitte der Straße erblickte ihn da sein Vetter Hans, hob

ihn auf und übergab ihn dem Raufbold Theobald, indem er vor peinlicher

Verlegenheit über und über rot wurde, denn Theobalds rechte Wange

glühte wie ein Rosenbusch, und fünf schneeweiße Finger kamen allmählich

darauf zum Vorschein.

Der kaltblütige Theobald aber hatte sich schnell wieder gefaßt und

murmelte entrüstet: „Feige Gesellschaft! Sobald einer nur etwas forsch

auftritt, bekommen sie alle gleich Angst für ihr Leben. Ich hätte nur

meine rechte Hand frei haben sollen, da hätten mich keine zehn Pferde

da oben runter gebracht.“

Und diese Worte brachten flugs der Doktorskinder Bewunderung für den

herrlichen Vetter wieder zum Blühen. Erwartungsvoll sahen sie jetzt zu

ihm auf und beobachteten, wie er mit gerunzelten Brauen seine silberne

Uhr aus der Tasche zog und wichtig drauf nieder sah.

„Jetzt aber vorwärts,“ rief er mit scharfer Stimme. „Noch fünf Minuten,

dann beginnt die Schule.“

Im nächsten Augenblick flogen die Kinder dahin wie die Windspiele. Vor

der Tür von Susens Schule ließen die Knaben das kleine Mädchen zurück.

„Ich hol dich ab, Suse,“ waren des Bruders letzte Worte; dann war er

fort. Suse war allein.

Sie ging zögernden Schrittes durch ein großes, eisernes Gittertor in

den Hof, der vor ihr lag, und von dort in das hohe rote Schulgebäude,

über dessen Eingang in großen schwarzen Buchstaben: höhere

Mädchenschule zu lesen war.

Im ersten Stock befand sich ihre Klasse. Sie hatte es gestern erfahren,

als sie zur Aufnahme in die Schule geprüft wurde, und ging nun dorthin.

Lautes Sprechen, Lachen und Lärmen drang aus dem Innern der Schulstube

heraus und verkündete ihr, daß ihre Mitschülerinnen wohl schon

vollzählig versammelt seien.

Das Herz klopfte ihr. Langsam nahm sie ihren Hut und ihre Jacke ab und

hängte sie an einem Hakenbrett im Gange auf. Ängstlich schielte sie

nach der Klassentüre. -- Eine Weile zögerte sie noch; dann faßte sie

mit schnellem Entschluß den Griff der Tür, drückte ihn nieder und trat

ein.

Totenstille empfing sie. Wie auf einen Schlag waren Lachen und Lärmen

verstummt, und die Augen sämtlicher kleinen Mädchen richteten sich auf

Suse. Sie glaubte in den Boden sinken zu müssen vor Verwirrung, und

ihre Füße waren schwer wie Blei. Endlich konnte sie sich wieder regen

und ging nun langsam vorwärts, der letzten Bank zu, in der sie einen

freien Platz entdeckt hatte. Leise sagte sie zu den kleinen Mädchen an

ihrer Seite guten Tag, erhielt aber keine Antwort, da ihr Gruß nicht

gehört worden war. Und nun begann auch plötzlich wieder das Kichern,

das Lärmen und Reden und verstummte erst, als es punkt acht Uhr war und

die Lehrerin eintrat.

An dem Pult ganz vorne nahm sie Platz. Das kleine Mädchen hob

schüchtern seine Augen, konnte aber nur ein Stückchen ihres rechten

Ohres erkennen; alles übrige war durch zwei kleine vor Suse sitzende

Mädchen verdeckt, die ihre Köpfe zusammensteckten.

Und dann hörte sie mit einem Male die laute, tiefe Stimme der Lehrerin,

die jedes Wort deutlich und scharf aussprach. Aber den Sinn ihrer Rede

vermochte sie nicht zu verstehen; denn alles um sie her verwirrte sie

noch zu viel, als daß sie einen klaren Gedanken hätte fassen können. --

Wie fremd, wie kalt war doch alles hier, kein bißchen gemütlich, wie

daheim. Daheim, da war es viel tausendmal schöner -- da kannte Suse

jedes Kind, und den Lehrer gar! Den kannte sie seit dem ersten Tag,

da sie zur Schule gegangen war. -- Dort gab es ja nur einen einzigen

Lehrer, der kam jeden Morgen behaglich in die Schule geschlendert und

brachte einen großen Kaffeetopf mit, aus dem er trank, wenn es ihm

gerade paßte. Und vor Beginn des Unterrichts pflegte er sich jedesmal

dreimal feierlich in ein rot kariertes Taschentuch zu schneuzen, die

Kinder über die Brille zu mustern und dann zu beten.

Manchmal freilich konnte er auch böse werden, der gute Mann; dann,

wenn die Kinder zu viel Unfug trieben und ihn reizten. Dann sprang er

plötzlich wie der Blitz mit seinem Stöckchen von dem Pult herunter,

packte die Bösewichter und bestrafte sie hart. Unter den ertappten

Sündern war zuweilen auch Hans; denn er steckte voll Übermut. So hatte

er die üble Angewohnheit, sich beim Melden der Länge nach über die Bank

zu werfen, und beide Hände mit den ausgestreckten Zeigefingern dem

vor ihm sitzenden Knaben auf die abstehenden Ohren zu legen, wobei es

diesem heiß wurde wie in einem Backofen.

Dann kam der Lehrer dahergesprungen, fragte, was das für eine Frechheit

sei, befreite den Gefangenen aus seiner üblen Lage und lehrte den

übermütigen Hans ein schönes gesittetes Melden. Ach -- fein und lustig

war das gewesen!

„Susanna,“ rief da die Lehrerin, „willst du wiederholen, was ich eben

gesagt habe?“

Das kleine Mädchen errötete bis in die Haarwurzeln, stand auf,

stotterte, konnte kein Wort herausbringen und wußte überhaupt nicht

mehr, was sie gefragt worden war. Aller Blicke richteten sich auf sie.

Zum Glück machte die Lehrerin ihr ein Zeichen, sich zu setzen, und

beschämt ließ sie sich auf ihren Platz nieder. Nun saß sie noch scheuer

dort als vorher.

Schließlich klingelte es, und die Pause begann. Die kleinen Mädchen

sprangen in die Höhe und eilten wie erlöst zur Tür hinaus. Suse

folgte ihnen langsam nach. Am liebsten wäre sie hier im Schulzimmer

geblieben; aber das war ja nicht erlaubt! So ging sie denn auch in

den Hof hinunter, stand mutterseelenallein an einem Baum und sah den

Spielen der Kinder zu, die lachten und hüpften und tollten. -- Aber

keines forderte sie auf, doch mitzuspielen. -- Da endlich rief eine

fröhliche Stimme: „Guten Morgen, Suse.“ Und vor ihr stand ein Mädchen

mit roten, frischen Wangen und freundlichen, lachenden Augen. Es war

Toni, Theobalds Schwester, die einige Jahre älter als Suse war.

„Na, seid ihr gut in die Schule gekommen?“ fragte sie freundlich. --

„Theobald wollte euch eigentlich heute morgen abholen. Aber er hat die

Zeit verschlafen, das Murmeltier. Weißt du, er hat gesagt, er muß sich

eurer annehmen und euch beschützen, als Dank für die Gastfreundschaft,

die er bei euch genossen hat. Der Hanswurst! Das gehört sich so, hat er

gesagt. -- Ach, Suse, du glaubst gar nicht, wie er sich daheim mit euch

aufspielt. Es ist einfach gräßlich! Er hat gesagt, euer Vater hat euch

ihm ganz besonders ans Herz gelegt, und wenn er nicht ganz genau auf

euch aufpaßte, kämt ihr sicher unter die Räder.“

Suse errötete und hütete sich wohl zu sagen, wie nah sie heute morgen

schon an den Rädern gewesen waren, dank des Vetters gütiger Führung.

„Komm, Suse,“ rief hier ihre kleine Cousine und führte sie hin zu den

Mädchen, die in Susens Klasse gingen.

„Spielt mit meiner kleinen Cousine,“ rief sie den muntern Dingern zu.

„Suse ist gar nicht so still, wie sie aussieht. Die ist sogar sehr

lustig, viel lustiger, als ihr alle miteinander. Und rennen kann sie,

famos, tadellos! Mein Bruder Theobald sagt auch, da kann keiner mit.“

Hier griff eines der vorüberlaufenden Mädchen nach Tonis Arm und zog

sie in der Hast mit sich fort.

So war Suse denn wieder allein. Eines und das andere der Mädchen

begannen nun mit ihr zu reden, aber Suse war so schüchtern, daß sie

nur leise ja und nein zu antworten wagte. Auch das Laufen schien sie

verlernt zu haben. Da war es denn ganz gut, daß die Klingel bald

erschallte und die Kinder in die Klasse zurückrief.

An dem Pult saß jetzt eine ganz andere Lehrerin als vorher. Aber obwohl

sie viel munterer und lebhafter sprach als jene, konnte Suse ihr doch

nicht folgen. Des Doktorkindes Aufmerksamkeit war außerdem von etwas

ganz anderem in Anspruch genommen. Auf dem Pult vor der Lehrerin sah

sie mit einem Male eine große Kugel stehen, die auf einem schwarzen

Stengel steckte.

Wie war sie dorthin gekommen? Was bedeutete sie? War sie zum Schmuck

da? Liebte die Lehrerin solche Kugeln?

Diese und andere Fragen quälten Suse. Und plötzlich entsann sie

sich, daheim in des Pfarrers Garten eine ähnliche gesehen zu haben.

Allerdings eine viel größere, leuchtendere, eine gar närrische Kugel.

-- Kam man ihr nahe, so warf sie einem das Spiegelbild schrecklich

verzerrt zurück, die Nase zur Kartoffel angeschwollen, die Ohren weit

abstehend, wie bei einer Springmaus. Laut jubelnd hatten Hans und

Suse stets ihren verschandelten Anblick in dem Zauberspiegel begrüßt.

Dann hatte auch ihr Freund, der Michel, ein feiner Jagdhund mit einem

schmalen, vornehmen Kopf, hineinsehen und es dulden müssen, daß sich

sein Kopf in der Zauberkugel zu einem auseinanderfließenden Pudding

wandelte. An dieses lustige Spiel in des Pfarrers Garten mußte Suse

nun immerfort denken und erwachte erst aus ihren Träumereien, als

ein kleines Mädchen aufgerufen wurde, an das Pult trat und mit dem

Finger auf der Kugel herumzeigte. Oh, wie sehr beneidete Suse ihre

Mitschülerin um dies Vergnügen, und wie brannte sie darauf, ihrem

Bruder von dieser aufregenden Sache zu erzählen! Jener hatte ihr ja

versprochen, sie von der Schule abzuholen. Da sollte er gleich mal

Wunderdinge vernehmen. --

Nach Schluß des Unterrichts, da stand der Bruder Hans wirklich draußen

vor dem eisernen Gitter des Schulhofs und wartete auf die Schwester.

Als letzte sah er sie aus dem Hofe kommen, ein ganzes Stück hinter den

andern Mädchen her.

Jetzt erkannte sie ihn, eilte auf ihn zu und sah erstaunt in sein

Gesicht. Denn er sah so froh aus, als wären die Lobsprüche seines

Lehrers nur so dutzendweise auf ihn herabgekommen.

„Hans, hast du alles verstanden? Hast du viel gelernt, hast du auch

schon viel geantwortet?“ fragte sie ängstlich.

„Nein“, sagte er da gedehnt, mit ganz langem Gesicht. „Nein, gar

nicht, Suse. Ich habe nichts verstanden, nichts gelernt und nichts

geantwortet!“

„Na, das ist nur gut,“ entgegnete sie erleichtert. „Das ist doch

viel besser, als daß der eine was lernt und der andere nichts.

Meinst du nicht auch? Ich glaub’ wirklich, dies ist den Eltern so am

angenehmsten.“

Hans zuckte die Achseln und ging mit gerunzelter Stirn schweigend

weiter. So einleuchtend schien ihm der Schwester Bemerkung denn doch

nicht zu sein.

Aber langsam, wie die Sonne durch Wolken bricht, erschien das Lächeln

wieder auf seinem Gesicht, und er kam endlich mit dem zutage, was ihn

so froh stimmte.

„Suse, ich weiß jetzt, warum die Autos so brüllen; daran sind die Tuten

schuld, die Trompeten, die Sirenen, die Lärm machen, damit die Leute

aus dem Weg gehen. Hör’, ich weiß jetzt alles, wie es zugeht. Da wird

durch einen Gummiball die Luft hineingedrückt, dann dreht sich eine

Scheibe drin herum mit Löchern, und durch die fährt die Luft wieder

heraus und bläst so fürchterlich.“

„Aber Hans, so was glaub’ ich nicht,“ fiel Suse erschreckt ein. „So was

hab’ ich noch nie gehört. Das ist sicher nicht wahr. Das glaubt doch

kein Mensch, daß eine Scheibe herumfährt und so laut bläst, als würde

sie schreien.“

„Doch, Theobald hat’s gesagt,“ entgegnete der Bruder ganz beleidigt.

Er nahm es sehr übel, daß seines Vetters Reden angezweifelt wurden,

stammte seine Weisheit doch von niemand anderem als von dem erfahrenen

Theobald, der ihn in einer Pause zur Seite genommen und über die Wunder

und Merkwürdigkeiten der Stadt aufgeklärt hatte.

„Ja, Suse, gräßliche Unglücke passieren manchmal mit den Autos,“ fuhr

er hastig fort.

„Das glaub’ ich gern,“ fiel Suse ein, „das ist schon möglich.“

„Höre, höre,“ fuhr er fort. „Da ist ein Rad, das Steuer. -- Das hat der

Chauffeur in der Hand und lenkt damit den Wagen. Und wenn er ihn nicht

zur rechten Zeit zum Stehen bringt, dann fahren die Autos womöglich

rückwärts den Berg runter und überschlagen sich und werfen alles, was

drin ist, raus, und die Leute brechen sich dabei den Hals.“

„Das glaub’ ich gern,“ fiel Suse ein. „Aber das, was du von den Sirenen

gesagt hast, das glaub’ ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt

werde. Das ist nicht wahr. Das hat uns Theobald nur so aufgebunden.

Glaub’ mir, Hans. Und es ist frech von Theobald, daß er so was zu sagen

traut und uns so belügt.“

„Aber nein, Suse, er belügt uns nicht,“ wehrte Hans. „Theobald lügt

uns hier in der Stadt doch nicht an. Nur zu Hause. Und du sollst

selbst sehen, daß alles wahr ist, was er gesagt hat. Hör’ doch, Suse,

das will ich dir ja noch sagen, wir wollen heute nachmittag den Onkel

Gustav besuchen und seine Autos ansehen. -- Der Onkel Gustav, der

wohnt draußen vor der Stadt und hat ein wundervolles Schloß und ist in

fremden Ländern gewesen, wo es Löwen und Tiger und Elefanten gibt, und

seine Frau ist auch von dort. -- Fein, gelt? Und Kinder hat er, schwarz

wie die Neger. Fein, gelt?“

„Aber, Hans, da können wir doch nicht hingehen, wenn wir nicht

eingeladen sind,“ meinte die Schwester.

„Doch, Suse, -- Theobald hat gemeint, es geht schon. Wir wollen ja

nicht zu dem Onkel und zu der Tante und zu ihren albernen Kindern. Wir

wollen ganz einfach zu den Autos gehen und sie uns in einem Schuppen

ansehen...“

Unter diesen Gesprächen waren die beiden allmählich vor Frau Cimhubers

Haus angelangt, das schmal und hoch in einer Häuserreihe eingeklemmt

lag.

Scheu sahen sie zum vierten Stock hinauf.

„Ich glaub’, Ursel guckt schon,“ sagte Suse halblaut.

Die beiden sahen sich an, als empfänden sie Furcht, gingen dann ins

Haus, erstiegen schnell die Treppe, legten droben Hut, Jacke und Ranzen

ab und standen einige Minuten später in dem Eßzimmer der Pfarrfrau.

Bescheiden und schüchtern nahmen sie hier Platz und zeigten wieder

ganz ihr gedrücktes Wesen von heute morgen. Dahin war Hansens stolzes

Siegergefühl, eine Frucht seines Unterrichts bei Theobald, und der

Stolz auf seine Automobilkenntnisse schwand wie Butter an der Sonne

angesichts der forschenden Blicke seiner Pflegemutter, die nicht von

ihm und Suse ließen.

Und mit einem Male hob sie an: „Na, Kinder, ihr habt doch sicher recht

aufgepaßt in der Schule und allerlei behalten. Denn ihr wollt ja was

lernen hier; dazu seid ihr ja hierhergekommen, nicht wahr? Und dazu

haben eure Eltern euch hierhergeschickt. Und ihr wollt euern Eltern

doch Freude machen. Nicht wahr? Was für Stunden habt ihr heute schon

gehabt, erzählt mal!“

Da saßen sie da wie die ertappten Sünder, stießen sich unter dem Tisch

an und wußten nicht, was antworten.

Hans sah errötend und hilfesuchend nach Suse hin. Aber auch sie

stotterte hin und her und erklärte schließlich, auf dem Pult sei eine

blaue Kugel gestanden, und die Kinder hätten mit dem Finger darauf

herumfahren dürfen.

„Das ist alles, was du gesehen hast, Kind?“ fragte die Pfarrfrau und

legte vor Überraschung Messer und Gabel hin. „Das ist alles, Suse? Mehr

hast du nicht gesehen, Kind?“

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf.

„Aber, Suse, wo hast du denn die Augen gehabt,“ fuhr ihre Pflegemutter

vorwurfsvoll fort. „Hast du denn nicht aufgepaßt? Weshalb gehst du denn

überhaupt in die Schule, wenn du nicht aufpassen willst. Ihr geht doch

hier in die Schule, um etwas zu lernen.“

Suse sah die Pfarrfrau hilflos an; ihre Augen füllten sich mit Tränen;

mit einem Male sagte sie kaum hörbar: „Ich hab’ immer hingehört und

aufpassen wollen, aber da hab’ ich immer an unseren Michel daheim und

den Lehrer denken müssen, und da hab’ ich nicht aufgepaßt.“

„Und ich hab’ auch nicht aufgepaßt,“ sagte Hans und saß wie das

verkörperte schlechte Gewissen da.

Frau Cimhuber schaute lange vorwurfsvoll von einem Kind zum andern und

fuhr dann mit ernster Stimme fort: „Aber ihr müßt aufpassen, Kinder.

Das ist eure Pflicht. Das wünschen eure Eltern. Daran müßt ihr immer

denken; und wenn der Unterricht auch schwer fällt, müßt ihr eben

doppelt aufpassen.“

Ursel aber, die bei Tisch bediente, schlug einmal übers anderemal

die Augen zur Decke empor, und nach dem Essen begann sie: „Ich hab’

grad gemeint, ich hab’ einen Schlag an den Kopf bekommen, wie ich das

Gestammel und Gestotter gehört hab’. -- Auf einer blauen Kugel haben

sie herumfahren dürfen! Ist das nicht fürchterlich? Das hab’ ich doch

jetzt all mein Lebtag noch nicht gehört, daß in der Schule Kugeln sind,

auf denen man herumfährt. Bei den Kindern stimmt’s nicht. Irgendwo

stimmt’s nicht.“

Der Pfarrfrau wurde es angst und bange angesichts von Ursels

Aufgeregtheit, und sie sann darüber nach, wie sie die alte Magd

besänftigen könne. Denn es läßt sich nun mal nicht leugnen, daß Ursel

in den langen Jahren, in denen sie bei Frau Cimhuber Magd gewesen war,

sich zur Gewalthaberin im Hause ausgebildet hatte, die oft selbst ihre

eigene Herrin einzuschüchtern verstand.

„Es hilft nichts, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber jetzt in beruhigendem

Ton, „wir müssen Geduld haben.“

„Wenn ich da an unseren Edwin denke,“ fuhr Ursel unbeirrt fort,

„wenn der aus der Schule kam, der wußte immer alles, der saß nie so

verdattert da. Das war eine Freude, den anzusehen, bei dem konnte man

noch was lernen.“

„Ja, ja, unser Edwin,“ sagte Frau Cimhuber, und ein glückliches Lächeln

ging über ihr Gesicht, „der machte uns stets nur Freude.“

Auch Ursels Gedanken wanderten auf dem eingeschlagenen Weg fort, und

sie sagte nachdenklich: „Wann er wohl schreibt, der Herr Edwin? -- Er

hat so lange nicht geschrieben. Aber man braucht ja nicht in Sorge zu

sein. Das dauert ja immer lange, bis die Briefe die weite Reise gemacht

haben.“

„Mir ist gerade, als schriebe er heute,“ sagte Frau Cimhuber, versonnen

vor sich hinblickend. „Ich habe so ein Gefühl, als müßte ich heute noch

einen Brief von ihm in Händen halten.“

Während dieser Unterredung hatten Hans und Suse sich in ihr Zimmer

zurückgezogen und begannen wieder froh zu werden.

Sie wollten heute nachmittag ja den Onkel Gustav besuchen.

Keinem von beiden kam der Gedanke, ein Gang zu ihrem Onkel könnte

ihnen verwehrt werden, waren sie doch von Hause aus gewöhnt, in ihrer

freien Zeit zu tun und zu treiben, was ihnen beliebte. Hans putzte

sich und kämmte sich und richtete sich säuberlich her, gerade als

sei ein Auto eine hochgestellte Persönlichkeit, der man durch ein

geschniegeltes Äußeres Achtung abzwingen könne. Dazu erzählte er in

einemfort von den Plänen, die er mit Theobald gefaßt hatte.

„Um drei Uhr will er uns abholen,“ erklärte er, „ich hab’ ihm gesagt,

er soll doch zu uns herauskommen, aber er will nicht. -- Er will nicht

vor Frau Cimhuber dienern und scharwenzeln, weil sie ihm nicht ganz

grün ist.“

Lange vor der festgesetzten Zeit standen die beiden Kinder am Fenster

und sahen erwartungsvoll nach dem Vetter aus. Endlich, endlich tauchte

er in der Ferne auf, dicht am Geländer des Kanals entlang schlendernd.

Jetzt war er fast dem Haus der Frau Cimhuber gegenüber. Jetzt sah er

auf und entdeckte die beiden am Fenster. Sie machten ihm ein Zeichen,

zu warten und beschlossen dann, ihrer Pflegemutter zu sagen, was sie

vorhätten, um sich von ihr zu verabschieden.

Da ging die Tür auf und sie selbst trat ein, und zwar zum Ausgehen

bereit. Auf ihrem Kopf trug sie einen kleinen Kapothut, der mit langen

Bändern unter dem Kinn gebunden war, und über ihre Schultern hing ein

langer Spitzenüberwurf. „Ich wollte sehen, was ihr treibt,“ begann sie

eintretend. „Ihr müßt nämlich ein paar Stunden allein hier bleiben;

denn Ursel und ich gehen in die Stadt und wollen das Haus von Bekannten

ausschmücken, die von einer Reise zurückkommen. Ihr macht derweil

eure Aufgaben oder schreibt Briefe nach Hause. -- Das scheint mir das

Richtigste. -- Du, Suse, arbeitest vielleicht auch an einer Handarbeit.

Du hast sicher ein Strickzeug?“

„Ja, ein Puppenunterröckchen hab’ ich mitgebracht,“ sagte Suse kaum

hörbar.

„Du nimmst also dein Strickzeug und strickst. Kleine Mädchen dürfen nie

unbeschäftigt dasitzen.“

Suse nickte.

„Halt, noch etwas wollte ich sagen,“ meinte die Pfarrfrau, „wenn

es klingelt, so geht ihr hin und macht auf. Es kann sein, daß der

Briefträger kommt.“

Die beiden konnten fast nicht atmen, so fuhr ihnen der Schreck in die

Glieder. -- Nun konnten sie ja gar nicht fort. -- Wie verwundete Rehe,

so traurig sahen sie Frau Cimhuber an. Sie aber merkte nichts von ihrer

Niedergeschlagenheit und sagte ganz freundlich: „Lebt wohl, Kinder!

Ihr habt doch verstanden, daß ihr auf das Klingeln achten sollt? Nicht

wahr?“

Und damit hatte sie auch schon das Zimmer verlassen.

Das Geschwisterpaar hörte die Flurtür schlagen, und Frau Cimhuber samt

Ursel von dannen gehen. -- Nun war alles aus.

Suse ließ sich mit gefalteten Händen auf einen Stuhl nieder. Hans

schlich sich zum Fenster und blickte wehmütig hinter den beiden her.

Er sah sie aus dem Hause treten und die Straße kreuzen. In demselben

Augenblick gewahrte er, wie der Vetter, der am Kanal lustwandelte, auch

der Pfarrfrau und ihrer Begleiterin ansichtig wurde und kehrt machte,

als sei ihm ein Schuß in die Glieder gefahren. Weit beugte er sich

über das Geländer des Kanals und stierte lange in das trübe Gewässer.

Endlich, als er annahm, daß sie außer Sicht seien, drehte er sich um,

machte einen Luftsprung und eilte auf das Haus, aus dem sein Vetter

sah, zu, nahm die Treppen im Sturm und klingelte im vierten Stock, daß

es nur so durch die Stuben hallte.

„Fein, daß ihr da seid,“ meinte er zu seinen kleinen Verwandten. „Jetzt

kann man doch mal mit Muße in eurem Wigwam herumäugen. Wißt ihr, wenn

Frau Cimhuber und ihre Hofdame, der Igel Ursel, da sind, ist’s mir

nicht recht geheuer. Da ist so ein dunkler Punkt zwischen uns. Übel,

übel, sag’ ich euch.“

Suse errötete tief, denn ihr war plötzlich eine Erzählung von Theobald

eingefallen, wonach ihn Frau Cimhuber einmal mit ihren „spitzen

Krallen“ gepackt und mit „pöbelhaftem Ungestüm“ vor die Tür gesetzt

hatte, weil er ihren Hund, den Karo, auf die linke Hinterpfote getreten

hatte. --

Hans und Suse in der Stadt · 第 14 / 38 题