Ich habe die gelegenheit, da ich Persönlich peer Auto durch die
Straße gefahren werde um zur Polizei Präsidium zu fahren, diesen
Brief der Öffentlichkeit zu geben.
Ich mögte nicht, das diese Zeilen dem Gericht oder aber der Polizei
in den Händen gelangen, da ich annähmen muß, dieses der
Oeffentlichkeit meinen Geständniß vorenthalten wird & dadurch ein
Unschuldiger Hans Grans durch das Beil des Henkers zu Tode gebracht
würde. Möge der Ehrliche Finder Gottes Segen bis in Ewigkeit der
Familie & Kinder bringen. Dieses wünscht Ihnen der zum Tode
geweihten Fritz Haarmann. Mein volles Geständniß aber werde ich
Herrn Pastor Hauptmann Gerichtsgefängnis geben. Um das auch dieses
Schriftstück durch die Oeffentlichkeit geprüft wird und nicht
verschwindet; _daher dieser Brief_. Also Herr Rechtsanwalt Dr. Lotze
muß das Schriftstück von Herrn Pastor Hauptmann fordern. Ich Fritz
Haarmann habe diesen Brief eigenhändig geschrieben, um die Wahrheit
zu Beweisen, das dieses meine Schrift ist, kennt mein Bruder Adolf
Haarmann-Fortmüller hier Asternstr. No. 16 meine Handschrift ganz
genau. _Mein Geständniß._ So war mir Gott helfe, ich sage hir die
reine Wahrheit u mögte doch so gern mein Gewissen nicht vor Gott
noch mehr Belasten ich der zum Tode verurteilte.
Hans Grans, hat mich furchtbar die langen Jahre Betrogen &
Bestohlen, aber trotzdem konnte ich nicht von Ihm lassen, da ich
keinen Menschen auf der Welt hatte. Grans sollte mir im Alter eine
Stütze sein, da ich doch immer für Grans sorgte & ich hätte ein
gutes Vermögen zusammen gebracht, wenn mir Grans nicht alles
Fortgenommen hätte. Grans war nicht schlecht, aber sehr
Leichtsinnig. Grans seine Leichtsinnigkeit ging so weit mit den
Weibern & Saufereien, so das ich für Grans nur die Melkende Kuh war.
Aus den Treiben, welches ich mit den Jungen Leuten machte, war Grans
zu arglos durch seinen liederlichen Lebenswandel. Grans hatte
überhaupt keine Ahnung das ich Mordete hat nie etwas gesehen. Grans
wußte nur das ich Pervers war und mit Jungen Leuten harmonirte. Wie
nun meine Sachen entdeckt wurde betrefs Mord, so wurde ich durch die
hiesige Polizei genötigt mit Gewalt durch Mißhandlungen Unwarheiten
zu sagen, aus Angst um das ich keine Mißhandlungen mehr haben
wollte, sagte ich nachher zu allen ja & habe dann Grans, durch
Unwahrheit belastet. Meine Schwester Emma & Bruder Adolf welche ich
um Hilfe rief da die kommen habe ich in Herrn Kommisar Rätz
gegenwart zu Ihnen gesagt, Emma, Adolf, ich werde hir mit Gewalt &
Schlägen gezwungen Unwahrheiten zu sagen. Ich habe Frau Witzel
damals gebeten zu beantragen das ich meine Aussagen vor der
Staatsanwaltschaft machen wollte, aber leider, ich wurde nicht
gehört. Dann habe ich Gelogen & habe Grans Belastet um das ich Ruh
hatte vor der Polizei. Da nun noch die Polizei sagte Grans
Belastette mich auch noch sehr, dann habe ich, mir gesagt, das
durfte Grans nicht da Grans zu viel gutes von mir gehabt hatte, je
mehr ich Schwindelte über Grans je anständiger wurde ich behandelt.
Betrefs Wiederrufen meine Aussagen vor Gericht mochte ich auch
nicht, ich dachte nur an Rache an Grans & das ist mir auch mit Hülfe
der Polizei gelungen. Ich mögte hir Erwähnen Hans Grans der wußte
von meinen Vorleben nichts. Grans wußte nicht das ich je in einer
Irrenanstalt war, hat mich betrefs auch nie bedroht, Grans wußte von
keinen Mord, hat nie etwas gesehen hatte keine Ahnung. Alle die
Aussagen die Grans machte wurden Grans nicht geglaubt, oder aber so
gedreht, das Sie Grans Belasteten. Daher Grans seine Worte vor
Gericht, Haarmann sagt Wahrheit & Dichtung so, sodas mann das nicht
Unterscheiden kann. Ich, Fr. Haarmann rufe den Himmel zum Zeugen an,
Grans ist Unschuldig verurteilt. Grans hat sich noch nicht mal der
Helerei bei mir schuld gemacht. Grans hat mir niemals einen Menschen
gebracht, welcher mir zum Opfer fiel & hätte Grans gewust das ich
Mordete dann hätte Grans es bestimmt verhütet. Ich kann diese Schuld
nicht mit ins Grab nehmen und Rufe meine Mutter zum Zeugen welche
mir heilig ist & bei Gott ist. Hans Grans ist Unschuldig verurteilt
durch die Schuld der Polizei & damals aus Rache von mir, weil Grans
der nur Gutes von mir hatte noch schwer belastete. Nehmt mein
bischen Leben ich fürchte mich nicht vor den Tod durch das Beil des
Henkers es ist für mich eine Erlösung, aber stellen Sie sich in der
Lage von Hans Grans, der muß an Gott & Gerechtigkeit verzweifeln
durch meine Schuld. Ich wurde mit meinen Lügen geglaubt Grans mit
seine Wahrheit verworfen. Möge Hans Grans mir verzeihen für meine
Rache, die Menschheit aber mir meine Morde welche ich in Krankhaften
Zustande beging. Mein Tod und Blut gebe ich gern zur Sühne in Gottes
Arme und Gerechtigkeit.
(gez.) Fritz Haarmann.
Meine erste Vermutung, daß dieses Schreiben eine Verulkung sei – (denn
ich hatte einen solchen _Beweis_ für fast alle, sogar für meine
zartesten Seelendeutungen nicht mehr erwartet) hat sich nicht bestätigt.
Gepeinigt von Gewissensqualen in der einzigen Beziehung, die ihm edlere
Gefühle wachrief; gequält von Angst vor der Polizei, die durchaus etwas
herausbringen wollte, wo doch nichts herauszubringen war als nur die
Selbsterkenntnis der eigenen Mitschuld; gemartert endlich von der Pein,
daß es zur Umkehr zu spät sei, daß man einen Widerruf keinesfalls in die
Öffentlichkeit würde gelangen lassen, um nicht die große Schlappe
unserer Rechtspflege einzugestehen, ja daß man vielleicht erklären
würde: „Jetzt ist das Verfahren abgeschlossen und das Urteil
rechtskräftig“; von allen diesen Ängsten gequält, hat der unselige
Mensch diesen Weg gewählt, _um vielleicht durch den Druck der
öffentlichen Meinung die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen den jungen
Grans doch noch zu erzwingen_.
Es entstehen nun die Fragen: Kann man ihm glauben? und: Wird man ihm
glauben? Denn natürlich ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß ein
an „pseudologia fantastica“ leidender Seelenkranker im Entlastenwollen
gerade so übertreibt wie er zuvor im Belastenwollen übertrieben _hat_.
Und auch damit ist zu rechnen, daß dieser Mann immer neue Tricks
ersinnt, nur um seine Hinrichtung hinauszuschieben. Folgendes aber
scheint mir nunmehr _bewiesen_:
1. Das Urteil des Schwurgerichts Hannover kann nicht befriedigen. Die
Behörden haben vermieden, die eigene _Mitschuld_ klar hervortreten zu
lassen.
2. Es ist bewiesen, daß Haarmann unter dem Druck bestimmter Behörden und
Personen anders ausgesagt hat, als er in einer anderen Stadt, vor einem
anderen Gericht und vor einer anderen Polizei ausgesagt hätte.
3. Das hannoversche Gericht hat ein Fehlurteil gesprochen! Es hat einen
unter den Einflüssen der Zeit verwahrlosten Jüngling zum Tode
verurteilt, einzig auf Aussagen eines Mannes hin, welchen fünf
Irrenärzte für geisteskrank befunden haben. Die den Grans belastenden
Indizien sind sämtlich auch durch In-den-Tag-hineinleben und
Nichtswissen- und Nichtssehenwollen _vollkommen erklärlich_.
Der Prozeß hatte zwei glückliche Zufälle. Erstens: Daß in meiner Person
ein Unbefangener, gegen Schuljuristerei, Schulmedizin und
Schulpsychologie Gleichgültiger zufällig zugegen war. Zweitens: Daß man
diesen nicht dulden konnte und entfernte.
Dadurch machte man mich zunächst mißtrauisch und brachte zweitens auch
in weiter Öffentlichkeit die Befangenheit oder Unangemessenheit des
Gerichtshofes _zu Bewußtsein_.
Für den Gerichtshof und zumal für den Vorsitzenden ist der Ausgang wohl
eine schwere Schlappe: aber dennoch sollen alle für sie dankbar sein.
Denn sie bewahrte unsere deutsche Rechtspflege vor einem durch einen
seelenunkundigen Richterstand und durch eine unerhört unfähige
Verteidigung verschuldeten nun völlig offenkundigen _Justizmord_.
Wenn ich bedachte: Was soll daraus werden?, dann schwebte mir vor eine
grauenhafte Möglichkeit. Haarmann und Grans werden hingerichtet. Nach
ihrem Tode findet man einen Brief. Darin steht Folgendes:
„Ich habe Rache am Leben genommen. Rache an dem Einzigen, den ich
mit Wohltat überhäufte und der doch von mir abrückte, als mein
schlimmes Geheimnis ans Licht kam. Da habe ich noch ein Mal um ihn
geworben. Ich brachte ihn unter meine Klauen und wartete ab. Weil er
mich nicht lieben konnte, darum habe ich auch ihn getötet. Zugleich
war das meine Rache an der Polizei. Sie hat mich mißbraucht, benützt
und verdorben und dabei heuchlerisch getan, als wolle man mich
‚bessern‘. Aber als die Mitschuld klar zu Tage trat, haben alle mich
fallen gelassen und wollten doch so gern noch ein Mal mit meiner
Hülfe sich billige Lorbeeren verschaffen für ihre ‚Karriere‘. Sie
haben mir das Gesäß zerschlagen. Sie haben mir die Hoden gequetscht.
(Da sieht man Mißhandlung nicht.) Sie haben mich mit dem
Gummischlauch geprügelt. (Der hinterläßt keine Striemen.) Sie gaben
mir nicht Ruh, bis ich Das gestand, was sie alle gerne hörten. Da
hab ich ihnen denn den Triumph verschafft: ‚Wir haben doch was raus
gekriegt.‘ und habe mit Hülfe der Polizei auch meine letzte
Schufterei vollendet, das Liebste verdorben, was ich hatte. So habe
ich alle an der Nase herumgeführt, gerade als sie wähnten, mich
überwunden zu haben. Meine letzten Lebenswochen habe ich mir
angenehm gemacht, indem ich mich für Euch angenehm machte. Und habe
Euch doch nur zum Werkzeug meiner Rache am Leben benützt. Und
dadurch eben Rache genommen an – _Euch_!! Rache auch am Gericht! Das
mordet ja nicht wie ich aus Naturzwang. (Denn ist nicht auch
Todesstrafe ein Morden am Menschen?), nein! das mordet aus Vernunft
und positivem Recht. Dank der Moral! O Eure Moral! An’s
Karrieremachen habt Ihr gedacht, meine Lieben. An Euer Urteil im
Maule der Literaten. An Euch selber habt Ihr gedacht mehr als an die
_Sache_. Und also war Euch jede meiner Lügen willkommen, wofern sie
nur versprach, daß der Herr Oberstaatsanwalt
Reichsgerichtspräsident, daß der Herr Landgerichtsdirektor ein Herr
_Ober_landesgerichtsdirektor werden möge. Ich nahm meine Rache auch
an seelenlosen Verteidigern, diesen Opfern ihrer Talare. Brannten
sie denn vom Willen zur Gerechtigkeit; sie bebten in Angst vor den
Meinungen der Zeit und der großen Menge. Selbst der Blödeste, sogar
ein Geschworener oder Schöffe müßte die Wahrheit fühlen, wären nicht
alle so verblendet durch die Komödie der Ämter und der Amtsröcke.
Ach und Eure Wissenschaft. Wie vermöchten Eure ‚Sachverständigen‘
wohl zuzugeben, daß Einer viel klüger sein kann als sie selber und
dennoch ein Triebverfluchter und dennoch unverantwortlich im Sinn
ungeschriebener Gesetze. Rache zuletzt am ganzen Volke! Begeistert
hätte man mich gesteinigt ohne Gefühl dafür, daß ich genau das Selbe
tat als _Einer_, was Ihr eben nur noch zu tun wagt als _Viele_. So
bereue ich denn nicht und pfeife auf Eure Pfaffen samt Christentum.
Ich kenne Euch alle zu gut und weiß wohl, wie es steht mit Eurer
‚Seele‘. Ihr bringt mich nicht um; ich kehre wieder, ja ich bin ewig
mitten unter Euch. Und Ihr selber habt nun gemordet. Mögt Ihr es
denn wissen: Hans Grans war unschuldig! Nun? Wie stehts um Euer
Gewissen?“
Dies war meine Furcht. Denn so war Haarmanns stärkster Gedanke in seiner
bösesten Stunde. Aber dieser arme Triebwüstling war ja wahrlich kein
Teufel und mithin auch kein Charakter. Er war nichts als ein im Käfig
verunzüchtetes und von der Gesellschaft mißbrauchtes primitives Tier,
das vor dem Kreuz zusammenbrach und in der Hand eines starken
Seelsorgers leicht hinzubringen wäre zu dem selbstaufhebenden
Sühnewillen, den Schopenhauer nannte ‚unsern _zweiten_ Weg ins Nirwana‘.
Wie wird das Drama nun zu Ende gehen? Im normalen Rechtsstaat müßte nach
Erscheinen dieses hier vorliegenden Buches _das Justizministerium das
Urteil des Schwurgerichts Hannover kassieren_ und den Fall zu erneuter
Behandlung an ein anderes Schwurgericht verweisen. Dieses wird zwar
voraussichtlich das Todesurteil gegen Haarmann bestätigen; sicher aber
das Todesurteil gegen Grans aufheben, falls dieser, was zu hoffen steht,
den Schwindel eines „Gnadengesuches“ (durch das das hannoversche Gericht
seine Verfehlungen zu _verschleiern_ suchen wird) kräftig abweist und
darauf besteht, daß er _nicht Gnade, sondern Recht haben will_. Möglich
aber auch, daß man mit anderen Richtern, anderen Anwälten und
Sachverständigen noch dahinter kommt, daß Haarmann (wofern er nicht dazu
zu bestimmen ist, die _Sühne_, die er sich doch _wünscht_, klar an sich
selber zu vollziehen) in eine Irrenanstalt gehört! Grans dagegen dürfte
für sein Lebensschmarotzertum mit ein, zwei Jahren Gefängnis wegen
Hehlerei hart genug bestraft sein. Er gehe ins Ausland, arbeite und
werde ein _Mann_. Dann wird er sicherlich noch eine angesehene Stütze
dieser Zeit und dieser Gesellschaft.
Hannover, den 8. Februar 1925.
Theodor Lessing.
Anmerkungen.
„Die Brut des Fenrir
Rötet mit Blut
Den Ratsaal der Götter.
Wißt Ihr’s zu deuten?“
Völu-Spâ.
Gleichwie man aus wenigen aufgefundenen Knochenresten die ganze
heute ausgestorbene Tierwelt Amerikas und Australiens wieder
vorzustellen vermocht hat, so vermag die Psychologie (aus den
dunklen Resten von Tiermenschentum, die sich erhalten haben inmitten
der durch Gesetz, Recht, Polizei, Gesellschaft, Sitte und Schule
ebenso erhöhten als verbogenen Natur) nachträglich zu erschließen
die Seelenkunde unserer frühesten Vorgeschlechter. – Es ist nun
gewiß sehr billig, angesichts der hemmungslosen Brutalität von
Hunger, Wollust und Machtwille sich schaudernd abzuwenden; aber daß
gerade die Liebesleidenschaften und das Zärtlichkeitsbedürfnis
wurzelhaft verbunden sind mit dem Drange zum Töten und Fressen
(nicht etwa zum _Quälen_, nein zum Verschlingen eines begehrten
Leibes), das läßt uns einen tiefen Blick tun in das Geheimnis der
Natur, welches man mit dem Worte Grausamkeit ebenso verfehlt wie mit
dem Worte Liebe (amor) oder Barmherzigkeit (caritas) ... In den
wenigen Sekunden berauschenden Schauers sinken bei _allen_
Geschöpfen all die lügenhaften Gewohnheiten der Kultur und alle
Entstellungen wie Edeltümer der menschlichen Ethik und Logik als
völlig wesenlos dahin und in der Ekstase wie im Tode werden alle
gleich und wird alles Eins. Tod wie Wollust sind das Wiederauflösen
in jene göttliche Sanftmut, daraus wir entstanden sind. Wir haben
somit an Wesen wie diesem Haarmann Gelegenheit, uns selber in
primitivster Rohnatur zu studieren; man mag dafür den Begriff
„Atavismus“ gebrauchen, wenn man nur festhält, daß nicht etwa nur
das Verbrechen, sondern auch das Genie, ja jegliche Art von
Begeisterung und Traum auf genau den gleichen Atavismus hinweisen.
Die Brunst mancher Tiere, die man wohl als ihren periodischen
Wahnsinn bezeichnen kann, dürfte daher nur ein letztes Überbleibsel
sein jenes Triebrausches, an welchem das domestizierte und mithin
zivilisierte Menschentum keinen Anteil mehr hat, weil es, alles
Elementarische zerlegend oder auf die Ebene: Zeit zerdehnend, die
todumlohte Bluttrunkenheit vormenschlicher Traumekstase längst
_ersetzte_ durch zahllose künstliche Nervenanregungen und tägliche
Lebensaufkitzelungen _vom Bewußtsein aus_.
Schon Kant hat in der „Naturgeschichte des Himmels“ den merkwürdigen
Gedanken geäußert, daß die Liebeskämpfe und -Brünste der
vormenschlichen Erdzeiten unvergleichlich todumdrohter und
elementarer gewesen sein müßten, „denn mit dem Erkalten des
zentralen Erdfeuers reifen auch Leidenschaften ihrer langsamen
Auskühlung entgegen“.
Noch tiefer hat Nietzsche diesem Gesetz der _fortschreitenden
Vernüchterung_ nachgespürt; für ihn wurde zur Überzeugung: „Auch die
Künste und selbst die Religionen sind heute _Narkotika_ des
überwachen Bewußtseins, durch welche wir genau wie durch Nikotin,
Alkohol, Geschlechtsrausch uns einen Traumzustand künstlich schaffen
oder erhalten, welchen das Blut _allein_ nicht mehr hergibt.“
Im „Untergang der Erde am Geist“ habe ich endgültig und für immer
klargelegt, daß die sogenannte Kultur selber mit allen ihren Werken,
Worten und Werten, daß Artefakte, Kunstwerke, Bücher nichts als ein
einziges _Rausch-Surrogat_ sind; am besten zu vergleichen den großen
Kohlenfeldern, ohne die wir erfrieren würden, die nichts sind als
Niederschlag gewesener Sonnenleben und abgeblühter Lenze, uns im
_wachen Bewußtsein_ Lebenden nunmehr aber künstliche Wärmequellen
und künstliche Blutwärme zuführen, ohne welche das bis zu abstrakter
Objektivität, bis zu logomathischer Maschinerie erkaltete
Bewußtseinstier in sich selber erstarren müßte.
So frevelhaft und paradox es klingt: ein Geschöpf wie dieser
Haarmann inmitten eines Gerichts wie dem hannoverschen, wirkte
zuweilen wie ein Stück Saurierzeitalter inmitten eines Saales voll
Berufsautomaten und Zivilisationspuppen, welche ja oft
unmenschlicher sind als jeder „Unmensch“.
Von der Art, wie in der Tagesliteratur gegen die hier vorliegende
Darstellung des Haarmannprozesses und den Verfasser Stimmung gemacht
wurde und sogar schließlich anhängig gemacht wurde ein freilich
ergebnislos verlaufenes Disziplinarverfahren von seiten der
Technischen Hochschule in Hannover (an welcher ich seit zwanzig
Jahren, ohne je Beförderung oder Besoldung erhalten zu haben, als
Privatdozent diene); davon kann vielleicht das folgende Zitat aus
der „Deutschen Zeitung“ (vom 24. Dezember 1924) einen Begriff
bewahren:
„Aus akademischen Kreisen wird uns geschrieben: Unangenehmes
Aufsehen erregte in dem Haarmannprozeß in Hannover der Ausschluß des
Prof. Dr. Lessing von der Technischen Hochschule Hannover aus dem
Gerichtssaal und die Entziehung der ihm zur Verfügung gestellten
Berichterstatterkarte durch das Gericht, weil er sich nach den
Feststellungen der Verteidigung, des Staatsanwalts und des
Vorsitzenden des Gerichtshofs schwerer Verstöße gegen das
Grundgesetz jeder Berichterstattung, nämlich der Wahrheitsliebe
hatte zuschulden kommen lassen. Die Art und Weise, wie Herr Lessing
seine Pflichten des Berichterstatters auffaßte und der allerdings
mißlungene Versuch, sich dem Gericht als Psychologe unterzuschieben,
ist eines akademischen Lehrers in jeder Hinsicht unwürdig. Sie gibt
Herrn Boelitz, derzeit preußischer Kultusminister, die Veranlassung,
sich bei seiner ‚Säuberungsaktion‘ der preußischen Hochschulen auch
dieses akademischen ‚Lehrers‘ etwas anzunehmen und entsprechende
Schritte gegen seine weitere Wirksamkeit als solcher baldigst
einzuleiten. Das vorgeschrittene Semester und die Besonnenheit der
akademischen Jugend Hannovers bewahrte Herrn Lessing vor etwaigen
‚Beifallskundgebungen‘. Dafür wird aber erwartet, daß diese
Angelegenheit baldigst bereinigt wird.“
Es ist gewiß lehrreich, neben dieses Zitat aus der „vornehmsten
vaterländischen Zeitung“ einige Sätze aus dem Bericht zu stellen,
den eine französische Zeitung von dem betreffenden Vorfall gegeben
hat.
Le Temps (vom 12. Januar 1925): „Le professeur Théodore Lessing de
Hanovre, docteur en philosophie et en médecine, un des esprits les
plus libres, une des plumes les plus alertes du Reich républicain,
s’était plongé corps et âme dans l’étude de ce cas unique; il avait
approfondi ses problèmes juridiques, psychologiques, dépouillé
l’immense dossier au point de le mieux connaître que les avocats de
la défense. Combatif et irrespectueux il a lumineusement démontré la
part de responsabilité des autorités hanovriennes, de la police,
même des experts médicaux et publié les résultats de son enquête
dans divers organes de gauche. Lessing fut demandé comme expert par
le premier avocat de Haarmann. Mais le successeur refusa les
services du spécialiste réputé: ‚Que diable saurions-nous faire
d’éclaircissements psychologiques? ...‘ M Lessing assista donc aux
audiences en qualité de journaliste. Le 11 décembre nous eûmes la
surprise de voir Lessing exclu de la salle, conformément au
paragraphe 176 de la procédure pénale. On chercha d’abord à lui
faire entendre raison. ‚Nous ne vous avons pas admis ici comme
publiciste, mais comme correspondant (Berichterstatter). Vous ne
désirons pas avoir ici des gens qui se piquent de psychologie ...
Vous allez donc nous promettre de ne reproduire que ce que nous
disons!‘ ... Sur son refus, surpris, le brave Landgerichtsdirektor
Boekelmann, un de ces juristes habitant le ‚ciel des abstractions‘,
dont se moquait si agréablement Ihering, lui demande navré; ‚Comment
vous êtes professeur? Est-ce possible? Un professeur, écrivant des
feuilletons?‘ ... Et le procureur général: ‚... Nous avons des
sentiments humains (!). Nous ne désirons pas vous priver de votre
gagne-pain ...‘ On fait venir les experts (le bon billet) pour avoir
leur avis sur l’état mental de Lessing. Il fut, cela va sans dire,
moins favorable que celui sur Haarmann, qu’ils trouvèrent malgré
tout responsable ... Et voilà comment on comprend dans la République
allemande la liberté de pensée et de parole, le rôle du publiciste,
les devoirs de la critique, le contrôle de la conscience publique.
L’autorité des ‚classes dirigeantes‘ doit être sauvegardée au prix
de toutes les hypocrisies et de toutes les injustices. ‚Perinde ac
cadaver.‘ Juger une magistrature incapable, accuser une police
notoirement au-dessous de sa tâche, dénoncer les gaffes de la
science officielle, voilà le seul crime méritant une sanction rapide
et efficace. Il fallait assister au procès de Hanovre observer le
‚traitement à la corporal‘ des cas juridiques les plus délicats,
pour saisir le mécanisme mental de centaines de ces jugements
révoltants prononcés au cours des dernières années de Fechenbach
jusqu’à Ebert (Magdebourg) par une justice irrémédiablement inféodée
à Potsdam contre tout ce qui osa représenter Weimar. Pour les deux
magistratures du Reich, la révolution de 1918 n’a point eu lieu.“
[Illustration: Haarmann]
[Illustration: Grans]
[Illustration: Eine Schriftprobe Haarmanns]
[Illustration: Eine Schriftprobe Grans]
In der Sammlung
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –
erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:
*Band 1:
ALFRED DÖBLIN
DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND
IHR GIFTMORD
*Band 2:
EGON ERWIN KISCH
DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
REDL
*Band 3:
EDUARD TRAUTNER
DER MORD AM
POLIZEIAGENTEN BLAU
*Band 4:
ERNST WEISS
DER FALL VUKOBRANKOVICS
*Band 5:
IWAN GOLL
DIE ROTE IUNGFRAU
GERMAINE BERTON
*Band 6:
THEODOR LESSING
HAARMANN, DIE GESCHICHTE
EINES WERWOLFS
*Band 7:
KARL OTTEN
DER FALL STRAUSS
*Band 8:
ARTHUR HOLITSCHER
DER FALL RAVACHOL
*Band 9/10:
P. DREYFUS – PAUL MAYER
RECHT UND POLITIK IM FALL
FECHENBACH
Band 11[1]:
L. LANIA – HERRMANN
DER HITLER-PROZESS
Band 12:
THOMAS SCHRAMEK
DER FALL EGLOFFSTEIN
Band 13:
HENRI BARBUSSE
DIE MATROSEN DES SCHWARZEN
MEERES
Band 14:
OTTO KAUS
DER FALL GROSSMANN
Band 15:
EUGEN ORTNER
DER FALL BERNOTAT
Band 16:
WALTER PETRY
DER FALL NÄGLER
Band 17:
FRIEDRICH STERNTHAL
DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
Band 18:
RENÉ SCHICKELE
DIE CAILLAUXPROZESSE
Band 19:
KARL FEDERN
DER FALL MURRI-BONMARTINI
Band 20:
KURT KERSTEN
DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER
SOZIALREVOLUTIONÄRE
Band 21:
MARTIN BERADT
DER FALL HASSELBACH
Band 22:
F. A. ANGERMAYER
DER FALL DER PARISER
AUTOMOBILBANDITEN
Band 23:
WILLY HAAS
DER FALL GROSS
Band 24:
WALTER VON HOLLANDER
DER FALL GRUPEN
Band 25:
MAX FREYHAN
DER JUWELENRAUB IN DER
KÖPENICKERSTRASSE
Band 26:
HANS REISER
DER FALL STRASSER
Band 27:
FRANZ THEODOR CSOKOR
DER FALL EISLER
Band 28:
E. I. GUMBEL
EIN POLITISCHER MORD
Band 29:
EDUARD TRAUTNER
DER FALL DES
SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH
Band 30:
ARNOLT BRONNEN
DER FALL VAQUIER
Band 31:
HERMANN UNGAR
DER FALL ANGERSTEIN
Band 32:
JOSEPH ROTH
DER FALL HOFRICHTER
Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
[1] Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält sich der
Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge usw.
ausdrücklich vor.
Ferner Bände von:
MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS
MANN, LEO MATTHIAS, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN
und vielen Anderen.