2. _Fritz Franke, der Berliner_,

geboren 31. Oktober 1906, verschwand 12. Februar 1923.

Fünf Jahre vergingen. Während ihrer soll (angeblich) keiner getötet

sein. (Den Mord an dem jungen Schüler Koch I [er hat _drei_ Kochs

getötet] hat man nicht mit auf die Anklageliste gesetzt.) Bei der

Kriminalpolizei am Waterlooplatz erscheinen zwei Dirnen aus der

Altstadt. Es sind Haarmanns Freundinnen: Elli Schulz, ein dickes,

rosiges Schweinchen und Dörchen Mrutzek, eine dünne, lange Stange (die

Geliebten des Grans). Sie erzählen eine konfuse Geschichte und bringen

zwei Stücke Fleisch mit der Anfrage, ob das wohl Menschenfleisch sein

könne. Dörchen berichtet etwa dies: „Vor zwei Tagen haben Elli und ich

einen hübschen jungen Mann bei Herrn Haarmann in der Neuen Straße kennen

gelernt. Er kam aus Berlin und konnte schön Klavier spielen. Wir waren

alle bei Haarmann. Auch ein Herr Hans Grans war dabei. Da sagt Haarmann:

‚Geht man wieder weg. Ich kriege Besuch. Herr Kriminalkommissar

Olfermann kommt. Wir haben wichtige Konferenz.‘ Da gingen Grans, Elli

und ich hinüber ins „Schützenheim“. Da machte der junge Mann aus Berlin

Musik. Elli und ich tanzten danach mit Herrn Grans. Als wir dann wieder

nach Hause wollen und den jungen Mann bis zu Haarmanns Wohnung

begleiten, sagt Herr Grans Elli ins Ohr: „(in Beziehung auf den fremden

jungen Mann) Du, der wird heute _getrampelt_!“ Daran haben wir uns

später wieder erinnert. Dann am anderen Morgen geh ich wie gewöhnlich zu

Haarmanns Wohnung, Neue Straße 8, das Zimmer reinigen. Haarmann öffnet.

Der hübsche, dunkelblonde junge Mann liegt im Bett mit halbentblößtem

Oberkörper. Ganz weiß. Ich, zu Tode erschrocken, trete herzu und frage:

‚Was isser mit?‘ Haarmann, den jungen Mann zudeckend, flüstert: ‚Pst, er

will schlafen. Geh ’raus. Komm nachmittags, das Zimmer aufnehmen.‘ Ich

gehe also wieder und sage noch zu Elli: ‚Da is was nich richtig.‘

Nachmittags geh ich denn wieder zu Haarmann. Da hat er sich

eingeschlossen und ruft durch die Ritze: „Jetzt bin ich beschäftigt,

komm abends, gegen sieben.“ Als ich am Abend komme, stehn alle Fenster

weit offen. Das Zimmer hat er schon aufgescheuert und reingemacht.

Haarmann, in Hemdsärmeln, ist sehr aufgeregt. Er schwitzt und fragt

mich: „Dörchen, riecht es hier woll schlecht?“ Ich sehe: Auf dem Bette

liegen die Kleider von dem Berliner. Ich schreie laut los: „Was is mit

dem Berliner?“ Haarmann sagt ruhig: „Der hat nach Hamburg weitergemacht.

Er wollte _andere_ Montur haben. Hat woll was ausgefressen. Ich hab sie

ihm umgetauscht und noch was zuzahlen müssen.“ Dann kamen auch Herr

Grans und Elli. Elli und ich waren sehr mißtrauisch und fragten immer

wieder: „Was is mit dem _Berliner_?“ Haarmann lachte uns aus, und Grans

beruhigte uns. Zwei Tage später machten Elli und ich Haarmanns Zimmer

rein. Haarmann ward gerade von Wegehenkel abberufen. Da benutzten wir

die Gelegenheit und durchwühlten alle Schubladen. In der Schublade des

Tisches lagen die Zigarrenspitze und die Brieftasche des Berliners. Wir

erbrachen auch die Butzenklappe unter der Treppe. Da fanden wir eine

blutige Schürze und einen ganz großen Topf voller Fleischstücke. (Er

gehört Frau Wegehenkel. Er faßt 25 Liter.) Wir versteckten zwei Stücke,

ganz voller Haare. Hier sind sie.“ Dörchen und Elli gerieten nun aber

zufällig an denselben Kriminalkommissar Müller, welcher den Haarmann als

Spitzel _beschäftigte_. Der hörte sie ungläubig an und führte sie dann

zum Gerichtsarzt Alex Schackwitz. Dieser unterließ es (leider), das

Fleisch zu mikroskopieren. Fröhlich lachend hielt er es an die Nase und

sagte: „Riechen kann ich es heute nicht, denn ich habe den Schnupfen.

Aber das sieht ja ein Blinder: Es sind Schweineschwarten.“ Man ließ nun

bei Haarmann eine Haussuchung halten; fand aber nichts Verdächtiges. – –

Wie aber war die Wirklichkeit gewesen? Der 18jährige Sohn des Gastwirts

Franke in der Markgrafenstraße in Berlin, eines braven, stillen Mannes,

war ein blitzsauberes Flitchenjuchhe und hatte mit seinem Freunde Paul

Schmidt, einem störrischen Burschen von 16 Jahren, „Sachen von zu Hause“

im Bahnhof Friedrichstraße verkauft. Mit dem Erlös waren die beiden

Tunichtgute nach Hannover gefahren. Dort hatte Haarmann beim Revidieren

der Wartesäle morgens gegen sechs sie „sistiert“, hatte den minder

hübschen mit etwas Geld in die „Herberge zur Heimat“ geschickt und den

anderen mit sich nach Hause genommen. Als der junge Schmidt den

vermeintlichen Kriminalbeamten endlich nach drei Tagen wieder nachts auf

dem Bahnhof traf, versicherte dieser, der andere sei weitergefahren nach

Hamburg. Das hinterlassene Zeug hat Grans geschenkt erhalten. Die beiden

Dirnen aber hatten recht gesehen. – Haarmann gibt an, daß Grans

unversehens dazu gekommen sei, als die Leiche im Zimmer lag. Er habe

Haarmann ganz erschrocken und bleich angestarrt, habe aber kein Wort

_gesagt_, sondern sich umgekehrt und gefragt: „Um welche Zeit soll ich

wiederkommen?“ –

Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs · 第 6 / 34 题