1. _Friedel Rothe_,

geboren 17. Juli 1901, verschwand 25. September 1918.

Es war 1918 in der Elendszeit, wo wir Deutschen nichts zu essen hatten.

Der Gastwirt und Hausbesitzer Oswald Rothe stand im Felde. Seine allzu

gute Frau konnte mit dem wilden Friedel allein schlecht fertig werden.

Friedel sollte das Einjährigen-Examen machen, aber bummelte, rauchte,

naschte. Er verkaufte, um Geld zu haben, heimlich Vaters Zivilkleider.

Als der Junge „am Sonnabend vor Markt Wichse besah“, lief er fort, wurde

zwar am gleichen Tage noch gesehen, wie er Bucheckern suchte in der

Eilenriede. Aber erst nach zwei Tagen erhielt die geängstigte Mutter

eine Postkarte folgenden Inhalts: „Liebe Mutter, bin nun schon zwei Tage

fort, komme aber erst dann nach Haus, wenn Du wieder gut bist.

Herzlichen Gruß. Dein Sohn Fritz.“ Am selben Tage kam der Vater aus dem

Felde. Beide Eltern stellten sofort die eingehendsten Ermittelungen an.

Aber der Sohn, ihr einziges Kind, blieb verschwunden. Nun war aber aus

den Freunden des Siebzehnjährigen allmählich allerlei herauszuholen. Da

war der vierzehnjährige Paul Montag, ein auffallend hübscher, jüdischer

Junge mit stahlblauen Augen; da waren ferner die älteren Freunde Hellmut

Göde und Hans Bohne. Diese Freunde des Verschwundenen gestanden, daß sie

im Café einen „feinen Herrn“ kennen gelernt hatten, einen

Kriminalbeamten, der sie beschenkt, in den Wald geführt und – verführt

hatte. Friedel war diesem „feinen Herrn“ besonders nahe gekommen. Er

hatte seinen Freunden anvertraut: „Ich bin schon in seiner Wohnung

gewesen; da amüsieren wir uns und rauchen.“ Ein andermal: „Gestern wollt

ich in seine Wohnung, da lag er mit einer Frau im Bett. Er rief heraus:

Kann Dir nicht aufmachen; habe Damenbesuch.“ – Als die Polizei nun

nichts herausbekam, beschließen Göde und Bohne, auf eigene Faust

nachzuspüren, und es gelang ihnen denn auch, die Wohnung des Unbekannten

(Cellerstraße 27) aufzustöbern. Die Eltern machten Anzeige und der

Kriminal Brauns bekam den Auftrag, bei dem „feinen Herrn“ nach dem

Verschwundenen zu forschen. Der Kriminal Brauns überraschte Haarmann

nachts und fand ihn in der Tat mit einem schlanken großen Jungen (auch

einem Schulfreund des Friedel) nackend im Bette. Der Junge mußte sich

anziehen und wurde gefesselt abgeführt. Auch Haarmann wurde abgeführt.

Er bekam 9 Monate Gefängnis wegen Verführung der Knaben. Ein Mord war

nicht nachzuweisen. Eine genaue Haussuchung wurde freilich nicht

vorgenommen. Kriminal Brauns (typischer „Beamter“, energiedampfend, in

strengem Obrigkeitston) gibt dafür folgende Begründung: „Ich hatte

_dazu_ keinen Auftrag.“ Fünf Jahre später, als die große Mordepidemie

einsetzte, kam die Polizei auf den Fall zurück. Und nun gestand

Haarmann: „Damals, als der Kriminalbeamte uns verhaftete, steckte der

Kopf des ermordeten Knaben unter Zeitungspapier hinterm Ofen. Ich habe

ihn später im Stöckener Friedhof verscharrt.“

Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs · 第 5 / 34 题