an seinem siebenzigsten Geburtstag der Bürgermeister und die Vertreter
der Behörde ihm Ehrenanschriften überreicht und ihre Ansprachen gehalten
hatten, der Gefeierte seine Danksagung folgendermaßen begann: „Ich danke
Ihnen, meine Herren, für alle Ehren, die Sie mir erwiesen haben. Sie
haben Recht; ich lebe nun vierzig Jahre unter Ihnen und man kann mir
nichts beweisen.“ Solches Urbild einer Kulturgesellschaft, welche
durchweg mit Leben wuchert, dabei aber „Vogel Strauß“ spielt und nach
außen hin durchaus schuldlos und ehrenfest bleibt und dasteht, ein
solcher, nur dem Selbst und der Selbsterhaltung dienender Intellekt ohne
Seele ist der junge Grans, der im Grunde gar nichts anderes trieb, als
was eine untergangsreife Bildungsmenschheit _überhaupt_ treibt: mit nur
halbbewußter Heuchelei vom Mark der _Erde_ zehren, ohne genau
hinzusehen. Ganze Pflanzen- und Tierwelten, Millionen Menschen werden
geopfert, Kinder verkümmern an Webstühlen, in Bergwerken, an Maschinen,
überall zehrt die „Kultur“ vom fremden Leben; wir aber spielen Vogel
Strauß und tun, als ginge es uns nichts an. Grans hatte die kranken oder
wüsten Triebe Haarmanns irgendwie durchschaut und auch dies durchschaut,
daß diese Triebe ihm die Macht und Herrschaft über den weit älteren
Gefährten sicherten. Er hatte freilich seinen „dummen August“ recht
gern. Er fühlte auch etwas Dankbarkeit; denn er besaß an Haarmann so
etwas wie Bleibe und Heimat. Vor allem: einen ausgekochten, auf dem Weg
zu Abenteuer und Hochstapelei erfahrenen Lehrmeister. Ja, er verspürte
zuweilen etwas wie Mitleid mit dem alternden Manne, der sich in die Hand
dieser skrupellosen jungen Lebensgier begab, weil er im Frost der
Hölleneinsamkeit wenigstens _Einen_ haben wollte, den er liebhaben
könnte. „Ich mußte einen Menschen haben, dem ich alles galt. Hans lachte
mich oft aus. Dann wurde ich wütend und wies ihm die Tür. Aber ich ging
ihm doch immer gleich wieder nach und holte ihn mir wieder. Ich hatte
nun mal an ihm den Narren gefressen.“ Haarmann liebte den Grans und das
wußte dieser zu nutzen. Wenn der Alte tobte, so pflegte der Junge ihn um
die Hüfte zu nehmen und seine Zunge ihm in den Mund zu stecken; dies
erregte den Haarmann so, daß er wachsweich und dem hübschen Jungen zu
willen wurde. Hans ließ sich wohl auch von Haarmann küssen, wobei er ihm
aber vorsichtig die Arme festhielt, weil der andere die Eigenheit hatte,
in wachsender Erregung ihm an den Hals zu springen, sich daran
festzusaugen und ihn zu würgen. Grans war der weitaus Klügere; zäh und
zart zugleich, mädchenhaft aber von eherner Schweigsamkeit. Daher
bedurfte er auch, um sich zu gewagten Fahrten aufzupeitschen, des
Alkohols und betrank sich oft sinnlos; während Haarmann den Alkohol, der
ihn müde machte und für den er überempfindlich war, ängstlich mied. –
Zur Charakteristik des Grans seien zwei kleine Züge herausgegriffen. Als
typische Zuhälternatur hatte er immer eine Anzahl Mädchen an der Hand,
die in ihn verliebt waren und für ihn Geld schaffen mußten. So
veranlaßte er eine hübsche junge Person gelegentlich eines Stelldicheins
einem Ingenieur die Brieftasche fortzunehmen und sie ihm, dem Hans
Grans, zuzustecken. Als der Diebstahl herauskam, konnte nur das Mädchen
bestraft werden, da er schwor, die Tasche von ihr zum Geschenk erhalten
zu haben. – In der Inflationszeit, als auf der Insel am hohen Ufer der
Stehler- und Hehlermarkt blühte, wurden dort an der Verbrecherbörse
viele gestohlene Gold- und Silberwaren verkauft; diese Gelegenheit
nutzte Grans, um von zwei großen Firmen unechte Gold- und Silbersachen,
sogenannte Neppware, zu beziehen, mit der er sich dann unter die Diebe
mischte; kam es nun zu Verhaftungen, so konnten alle bestraft werden,
nur Grans nicht, da er ja nachzuweisen vermochte, daß seine Waren
ehrlich erworben seien. Daß man ihm dafür mehr zahlte, als sie wert
waren, das fügte die Dummheit der Welt; die anderen verkauften echtes
Gold; aber es war gestohlen; er bot unechtes feil, aber es war „ehrlich
erworben“.
Hugo.
Gelegentlich der dunklen Handelsgeschäfte auf dem Bahnhof trat in das
Leben des jungen Grans noch ein zweiter Freund: Ein gleichaltriger,
auffallend begabter Bursche, welcher sich ebenfalls auf den
Straßenhandel verlegt hatte: Hugo Wittkowski, ein graziöser,
schwarzhaariger Junge, schlank, beweglich, mit lebendigen und doch etwas
verträumten Augen, sinnlichem Mund und kluger Stirn. Besseres
Naturmaterial als so mancher, der „niemals aß von des Schierlings
betäubenden Körnern“. Dieser Wittkowski, viel gewandter und
nachdenklicher als Haarmann, wurde Haarmanns _großer Haß_. Aus vielerlei
Gründen! Zunächst aus Eifersucht, da Wittkowski den Grans dem Haarmann
„entfremdete“. Sodann, weil Wittkowski mit Grans gemeinsam den Haarmann
mehrfach ausnutzte, ihm Geld entlieh und nachher gar nicht oder nur
tropfenweise zurückzahlte. Vor allem aber darum, weil mit Wittkowski,
der keine Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe zeigte, eine tolle
Weiberwirtschaft in Haarmanns Behausung einzog. Als der Alte und die
zwei Jungen zwei Jahre später vor Gericht standen und in Haarmann ein
(vom Gericht viel zu spät durchschauter) teuflischer Plan gereift war,
die _beiden_ Jungen (den geliebtesten seiner Buhljungen, wie den
verhaßtesten) _mit_ sich in den Tod zu reißen, da zischte Haarmann den
Wittkowski an: „Du bist ja immer hinter mir her gewesen! Du hast dich
mir hundertmal zur Liebe _angeboten_! Aber ich wollte dich nicht. Du
warst zu schlecht für mich.“ Und der andere erwidert ruhig höhnend: „Ich
liebe nur Frauen.“ –
Mordidyll: Neue Straße 8.
Von einem Bekannten dieses Wittkowski mit Namen Alwin Köhler, hörte
Haarmann eines Tages, daß Köhler ein alleinliegendes Zimmer, welches ihm
als Lagerraum diente, gern anderweitig abgeben wolle. Die Wirtin des
Hauses, ein älteres Fräulein namens Rehbock, welches bald darauf einen
Herrn Daniels heiratete, hatte keine Bedenken, das Zimmer zum 1. Juli
1921 an Haarmann zu überlassen, welcher angab, daß er ebenfalls ein
Warenlager dort deponieren wolle, zu dessen Bewachung aber „sein junger
Mann“ (eben Grans) in dem Zimmer schlafen müsse. – Das uralte Haus am
Flusse hat eine breite Durchfahrt, welche zu dem dahinterliegenden
gemeinsamen Hofe und den Hintergebäuden der Nachbargrundstücke führt.
Das von Haarmann gemietete Zimmer liegt gleich rechts vom Hauseingang an
dieser Durchfahrt. Neben dem Zimmer führt eine Treppe zu den oberen
Stockwerken. Der Raum hat zwei hohe durch einen schmalen Pfeiler
getrennte Fenster nach der Straße zu. An der den Fenstern
gegenüberliegenden Seite in der Wand, die das Zimmer vom Treppenhause
trennt, befindet sich ein in den Hohlraum unter der Treppe
hineingebauter Wandschrank. Eine sogenannte Butzenklappe, 1,90 m breit,
1,25 m hoch und 1 m tief; durch zwei Klappen vom Zimmer aus
verschließbar. Dies war der Ort, wo die Leichen aufbewahrt wurden. Auf
einem, diesem Wandschrank entnommenen Brette sind bei der späteren
chemischen Untersuchung reichliche Spuren von Menschenblut festgestellt.
Oberhalb des Wandschranks befindet sich dicht unter der Decke des 3 m
hohen Zimmers ein 30 cm hohes und 60 cm breites Fenster, durch das man
vom Treppenabsatz in den Raum hineinsehen kann. An der Wand zum Hausflur
neben der Tür steht ein Gasofen. Dahinter in der Ecke am Fenster die
Gasuhr. Auf der anderen Seite der Durchfahrt wohnt eine Arbeiterfamilie
namens Bertram. Das Haus ist dichtbevölkert; in der rechten Ecke des
Hofes liegen die Klosetts, vor denen an der Rückwand des Hauses eine
Pumpe steht. Der Leinestrom fließt an der Hinterseite des Hauses, war
also von Haarmanns Zimmer aus nicht erreichbar. Bei seinem Einzuge am 1.
Juli 1923 brachte Haarmann nur ein armseliges Bett und einen
Waschständer mit; im übrigen blieben in dem Zimmer nur einige
Möbelstücke, die der Wirtin Fräulein Rehbock gehörten. Haarmann und
Grans benutzten das Zimmer zusammen als Wohnraum, was sogleich die
Unzufriedenheit der wenig entgegenkommenden Hauswirtin erregte; aber am
31. August verschwand Haarmann und ließ den jungen Grans allein zurück;
dieser erzählte der Wirtin zunächst, sein „Chef“ sei auf einer
Geschäftsreise und sodann: „Der Chef weilt zu seiner Erholung im
Luftkurort Jägerheide.“ In Wahrheit hatte Haarmann die wegen der
Wäschediebstähle über ihn verhängte halbjährige Gefängnisstrafe in
Jägerheide angetreten. In diesem halben Jahr begann nun Grans (dessen
Elternhaus wenige Schritte von Haarmanns Wohnung entfernt liegt), in dem
verrufenen Raum ein tolles Leben. Der Raum wurde zum Absteigequartier
für die das Kaschemmenviertel abstreifenden jungen Dirnen: Dörchen, Elli
und Anni, welche dem Grans dafür gerne „Zimmergeld“ abgaben.
Heruntergekommene Burschen und dunkles „Gesoks“ verkehrte in dem Raum.
Es gab Trinkgelage und Messerstechereien, so daß es zu scharfen
Streitigkeiten mit der Wirtin kam, welche an Haarmann ins „Sanatorium
Jägerheide“ schrieb, worauf dann hochmoralisch und entrüstet, Haarmann
zurückschrieb, die Wirtin möge nur auf seinen „jungen Mann“ bis zu
seiner Rückkehr gut aufpassen und streng auf Ordnung halten; wenn er
zurückkomme, dann werde er den jungen Mann für seine „Schweinereien“
fortjagen. Gleichzeitig aber unterhielt Haarmann mit Grans einen
zärtlichen Briefwechsel. Der Wirtin Rehbock wurde das Treiben
schließlich doch zu toll, so daß sie eines Tages Ende Februar 1922 das
Zimmer sperrte und den Grans hinauswies. Am 1. März 1922 kam Haarmann
zurück. Er brach das Sperrschloß auf und fand sein Zimmer – leer. Grans
und Wittkowski hatten alle Sachen verkauft, ja, hatten sogar Haarmanns
Militärrente abgehoben und verjubelt. Die Wirtin Rehbock aber hatte die
ihr gehörenden Möbelstücke herausgeholt und in Sicherheit gebracht.
Haarmann tobte und fluchte über das leere Zimmer. Die Rehbock forderte,
daß Haarmann das Zimmer sogleich räume und wendete sich, da der andere
sich weigerte, an das Mieteinigungsamt. Aber dieses stellte sich, als
der Obdachlose mit großer Gewandtheit und Sachkunde mehrere Eingaben
gemacht hatte, auf Haarmanns Seite, so daß es dem Hallunken gelang, bis
zum Juni 1923 gegen den Willen der Vermieterin dennoch das Zimmer zu
behalten. Er mußte sich nun zunächst wieder Möbel beschaffen. Sein
Bruder Adolf zahlte ihm eine kleine Summe als seinen Anteil am
mütterlichen Erbe und davon richtete Haarmann sich neuerdings ein,
wonach auch Grans alsbald wieder erschien und trotz der früheren
Ausräuberung der Wohnung liebend aufgenommen wurde. Bis zum 9. April
blieb er bei Haarmann wohnen. Vom 9. April bis zum 30. Juli kam Grans
ins Gefängnis ...
Man darf sich das Leben in dem Mordhause keineswegs düster vorstellen.
Es war ein heiter bewegtes Idyll. Fortwährend kamen und gingen Knaben
und Jünglinge. Schüler, Obdachlose, Arbeitslose, entlaufene
Fürsorgezöglinge, Gäste aus der Herberge zur Heimat. Es wurde getauscht,
gehandelt, getrunken, gesungen, geschmaust. Haarmann galt ihnen allen
als guter Beschützer und Herbergsvater. In der großen Butzenklappe unter
der Treppe, wo er die Toten verbarg, standen neben der Leiche Töpfe mit
Fleisch, lagen Näschereien, Käse, Wurst, Schokolade für die hübschen
Jungen. Man schlief oft zu dreien und vieren; wechselweise
Geschlechtliches treibend. Auch Elli, Dörchen und Anni kamen oft zu
Gast. Dörchen, eine energische resolute Person, trotz Lues und
Luderleben immer noch schön und wohlansehnlich, besorgte Haarmanns
kleinen Haushalt; nahm das Zimmer auf, kochte für die ganze Gesellschaft
Schokolade oder Kaffee und saß wohl auch an langen Nachmittagen bei
Haarmann auf dem Bett. „Herr Haarmann konnte alles. Wir stopften
zusammen Strümpfe, besserten die Kleider aus. Auch Sülze machen und
Wurst bereiten konnte Herr Haarmann. Wenn wir nähten oder flickten, dann
rauchten wir Zigarren; dann nahm mich Herr Haarmann fest um die Taille
und sagte: ‚Dörchen, du bist die Beste. Ich heirate dich doch noch.‘
Aber Herr Haarmann machte doch nur Spaß. Denn er wollte mich ja nicht;
er war ja man immer bloß für Jungens.“ – Freilich gab es dann auch immer
wieder ganze Tage und Nächte, wo Haarmann niemanden in sein Zimmer
einließ und die Besucher wegschickte. Dann waren die zwei Fenster nach
der Straße und das Fenster am Treppenabsatz sorglich verhängt, und das
Schlüsselloch der Türe war verstopft. Er zerlegte dann eine Leiche. Es
ist freilich rätselhaft genug, daß in dem dichtbevölkerten Hause in der
engen Gasse niemand davon merkte, ja daß sogar die drei Dirnen und die
ab- und zulaufenden Jungen zunächst keinen Verdacht faßten. Aber der
Leser bedenke auch dies: Man dachte an vielerlei _Anderes_. Man brauchte
nicht gleich an Mord zu denken. Die unzüchtigen Gewohnheiten und
Diebereien des Herrn Kriminal waren ja auf der „Insel“ so allgemein
bekannt, daß die Gassenbuben, die hannoverschen „Buttjers“ und „Binken“,
ihm unanständige Worte nachriefen, ihn „Pittenwieser“ hänselten oder
sich für Geld ihm anboten: „Fritze, wollen wir mal! Fritze, nimm auch
_mich_ mal. Fritze, was gibste mir dafür?“ – Vom 1. März 1922 bis Juni
1924 blieb Haarmann in Freiheit; (vielleicht nur dank seiner Tätigkeit
im Dienst der Polizei). Seine Einnahmen wurden in diesen zwei Jahren
sehr gut. Zunächst erhöhte das Fürsorgeamt auf das Attest des Dr.
Bartsch hin (welches ihn für _ganz_ invalide und arbeitsunfähig
erklärte), die Militärrente. Mit seiner Invalidenkarte ging er nun in
die Häuser und stellte sich, bescheiden und freundlich, vor, als
„Aufkäufer alter Kleider“. Er bekam viel geschenkt, an einer Stelle
einmal fünf Paar Stiefel. Das Erbettelte wurde durch die „Puppenjungens“
(Pupen = Buhljungen), besonders aber durch Hans Grans an die „Juden“
(Althändler) verkauft. Sodann blühte in den Jahren 1922 bis 1924 (wo ihm
auch das mütterliche Erbteil ausgezahlt wurde) seine emsige Tätigkeit
als „Kriminal“. Einer der tüchtigsten Beamten der hannoverschen
Kriminalpolizei, der Kommissar Müller, wurde Haarmanns besonderer Gönner
und Auftraggeber. Müller hat nachmals ausgesagt, daß er Haarmann für
eine taktvolle und feinere Natur gehalten habe und daß er den
Zuchthausentlassenen wieder auf bessere Wege habe bringen wollen, ja oft
väterlich auf ihn eingewirkt habe, wobei der Haarmann (die Heuchelei
unserer Gesellschaft noch überheuchelnd) das reuige Lamm und gebesserte
Schäfchen spielte. Die Zutreiberdienste für Müller nahm Haarmann in
folgender Weise vor: Wenn ein Diebstahl im Verbrecherviertel dank seiner
zahllosen Verbindungen mit allen zweifelhaften Elementen ihm bekannt
geworden war, dann ließ er die Diebe auffordern, nachts in seine Höhle
an der Neuen Straße zu kommen, wo er die Diebsware verstecken oder
aufkaufen wolle; zugleich aber gab er heimlich dem Polizeikommissar
einen Wink, welcher zur selben Stunde, wo die Diebe in der Wohnung
waren, ein paar Wachen losschickte, die das ganze Nest aushoben und
gefesselt aufs Polizeipräsidium brachten; Haarmann wurde zum Schein
mitgefesselt und mitverhaftet, so daß seine Verrätereien an die Polizei
sogar in der Verbrecherwelt streng verborgen blieben. Umgekehrt pflegte
er natürlich auch seine Polizeikenntnisse zu Gunsten seiner nachts auf
dem Bahnhof oder in den Herbergen aufgegriffenen „Lieblinge“ zu
verwerten. Denen sagte er oft: „Wenn Ihr mal was ausgefressen habt, dann
haltet Euch an _mich_.“ Er pflegte auch der Hehler- und Diebeswelt in
der Altstadt manche nützliche Winke zu geben, ja war eine Art
Ordnungsstifter und Auskunftsbüro in allen Kriminalsachen. Er
unterschied sich von den kleineren Kriminalbeamten wohl nur dadurch, daß
er – intelligenter war ...
Nicht weit von Haarmanns Wohnung befand sich der Friseurladen von
Fridolin Wegehenkel, wo das ganze Viertel sich rasieren und verschönern
ließ, zugleich aber auch allerlei kleine Schiebergeschäfte gern im
Vorübergehen verabredete. Fridolin Wegehenkel, ein blonder, langer,
schmächtiger Mann, besorgt und ernst blickend, und seine Gattin Josefine
geborene Gerke, 48 Jahre alt, sowie deren verheiratete Tochter, Frau
Stille, bildeten den Mittelpunkt von Haarmanns „Familienverkehr“. Bei
Wegehenkels feierte man Weihnachten und Neujahr. Bei Wegehenkels sangen
Haarmann, Hans und Hugo „Stille Nacht, heilige Nacht“ und zündeten den
Lichterbaum an. Bei Wegehenkels im Laden gab man sich gerne
Stelldicheins und machte mittags ein frohes Schwätzchen. Madame
Wegehenkel, immer etwas süßlich, leidend, und kränklich, wurde
allmählich Haarmanns Vertraute. Sie diente als Kommissionärin für einen
schwunghaften Handel mit älteren und neueren Knaben- und
Jünglingskleidern. So wurden die Kleider der Toten sofort aus dem Hause
geschafft. Haarmann verschenkte wohl auch die Kleider des ersten sofort
an einen nächsten und verwischte damit die Spur. Das ganze Viertel hielt
ihn für einen Wohltäter der Obdachlosen, wußte auch allgemein von seinen
homosexuellen Neigungen, fragte also gar nicht nach der _Herkunft_ der
Mäntel, Jackettes, Hosen und Wäschestücke, die er täglich brachte. Denn
daß sie aus immer neuen Morden herrührten, konnte man in der Tat nicht
gut annehmen. Wir wollen also immerhin glauben, daß keiner in dieser
notigen kellerfarbenen Hinterwelt merkte, was Haarmann in seiner
Mordhöhle trieb. Sicher aber ist jedenfalls auch, daß man das gar nicht
wissen _wollte_, und daß Jedermann ein Interesse daran hatte, _nicht
allzu genau hinzusehen_. So half die ganze Umgebung eben doch auch an
den Mordtaten mit. Aber zu ihren Gunsten möge man stets bedenken, daß
sie alle in Haarmann einen „besseren Herrn“ sahen, der in schwerer
Notzeit ihnen Geld zu verdienen gab, mit ihnen bei zahllosen kleinen
Gaunereien und Mistfinkeleien durchsteckte (und jeder hat ja schließlich
irgendetwas zu verbergen) und der, wie alle wußten, auf dem
„Polizeipräsidium“ aus- und einging, ja, zuweilen sogar Besuch erhielt
von einflußreichen und bedeutenden Herren, wie den Kriminalkommissaren
Müller und Olfermann. Einmal bot ein Bursche in Wegehenkels Laden einen
Schinken aus, der offenbar nicht ehrlich erworben war. Die blonde,
schmachtende Madame Wegehenkel schickte sofort heimlich zu „Kriminal
Haarmann“ hinüber, der denn auch erschien, den jungen Dieb verhörte und
den Schinken beschlagnahmte, welchen Wegehenkels vergnügt anschnitten
„zu Pfingsten, als der Kuckuck schrie“. Haarmann schimpfte sehr, als er
nichts davon abbekam. Ein andermal wurden Hunderte von Säckchen mit
Blumensamen zum Verkauf angeboten und wieder erschien „Kriminal
Haarmann“ im richtigen Augenblick und beschlagnahmte die Säcke, worauf
die jungen Diebe schleunigst die Flucht ergriffen. War es also zu
verwundern, daß das Ehepaar Wegehenkel, welches gelegentlich übrigens
auch mal den Herrn Kriminal „übers Ohr balbierte“, seinerseits gern die
Augen zudrückte, falls in Haarmanns Staate wirklich etwas faul war? Aber
die wahre Blütezeit für den Kriminal setzte doch erst ein, als er
_selber_ Chef eines Detektivinstituts und somit eine Art selbständige
Polizeimacht geworden war.
Das kam so: In der großen Geschäftsbücherfabrik von Edler & Krische
wurde in der Inflationszeit im Auftrage der deutschen Reichsbank
Papiergeld gedruckt. Dabei kam Druckpapier abhanden, aus welchem falsche
50-Mark-Scheine hergestellt wurden, die im Betriebe der Firma plötzlich
auftauchten. Die Firma wendete sich zur Aufklärung des Falles an die
„Detektivzentrale ehemaliger Polizeikommissare“, welche von einem
Grenzpolizeikommissarius Olfermann geleitet wurde. Dieser erhielt
Auftrag, die Fälscher zu ermitteln und ihm wurde empfohlen, sich mit
Haarmann in Verbindung zu setzen, der in früheren Fällen so gute
Spitzeldienste geleistet habe. Olfermann erhielt nun in der Tat von
Haarmann einige günstige Fingerzeige, so daß er die Verbindung mit
Haarmann fortan auch fernerhin aufrecht erhielt. –
Kaum eine zweite Gestalt in dem großen Kriminalprozesse ätzt sich so
ehern in die Erinnerung ein, wie dieser „Kriminalkommissarius a. D.
Olfermann“, Beamter eines Herrn v. Willms, welcher vorsteht dem vom
„Niedersächsischen Adelsbund“ begründeten Detektivinstitut „Heimschutz“.
Ein stocksteifer, langer, dürrer, von moralischer Entrüstung
geschwellter Würdeherr, in schwarzem Gehrock mit dunklen
Glacéhandschuhen; die Augen hinter einer goldenen Brille verborgen; in
jeder Bewegung der untadelige, honorige, gestrenge Beamte, mit sonorem
Pathos unter Eid jede nähere Bekanntschaft mit Haarmann entrüstet
ableugnend und weit von dem Verbrecher abrückend, bis ihm Schritt um
Schritt nachgewiesen wird, daß er mehrfach von Haarmann Geld und
Geschenke angenommen hat, daß er mit Haarmann in vielen Fällen zusammen
arbeitete und schließlich, als er am 1. April 1923 aus seiner
Detektivzentrale ausschied, dem Haarmann gemütlich den Vorschlag machte,
gemeinsam ein _eigenes_ Detektivgeschäft zu gründen, denn Haarmann hatte
es verstanden, ganz in das Vertrauen des wohlhabenden aber immer auf
neue Verdienstmöglichkeiten erpichten, nicht allzu wählerischen aber
doch hochbürgerlich korrekten Herrn sich einzuschleichen. Er erzählte
bei gemeinsamen Beratungen im Café, im Restaurant, in seiner oder in
Olfermanns Wohnung von seinen guten Beziehungen zu Verbrechern und
Polizei, von neuen „Methoden“ in der Entdeckung von Verbrechen, nach
denen er „arbeitete“ und hatte den Olfermann schließlich so weit, daß
sie gemeinsam begründeten das „Amerikanische Detektivinstitut Lasso“.
(In der Tat _das_ Lasso, welches Haarmann fortan zum Einfangen seiner
Mordopfer auszuwerfen pflegte.) – Haarmann ließ einen Stempel
verfertigen, Olfermann stempelte in Haarmanns Wohnung verschiedene
Ausweise, welche mit einem Lichtbild versehen wurden und folgendermaßen
lauteten: „Inhaber dieser Karte ist Detektiv der „Lasso“ und arbeitet
für das Hannoversche Polizeipräsidium. Er bittet alle in Ausführung
seines Berufes um Beistand. Lasso Detektive.“ – Von diesem Ausweis
machte fortan Haarmann bei seinen Streifzügen im Bahnhof den
ausgiebigsten Gebrauch, auch noch, nachdem im Juni 1923 die Freundschaft
mit Olfermann in die Brüche ging. Nachmals, während des Prozesses
spielte diese Ausweiskarte eine willkommene Rolle zur Entlastung der
Polizeibehörde, weil mittels ihrer leicht zu erweisen war, daß Haarmann
als „Privatdetektiv“ und nicht mit _offizieller_ Unterstützung auf dem
Bahnhof seine Mordzüge unternommen hat.
Zu allen diesen dunklen Erwerbs- und Einnahmequellen des Haarmann in den
Jahren 1922 bis 1924 kommt nun noch eine dunkelste, denn wenn es uns
auch gelingen sollte, den ganzen wunderlichen Komplex nach allen Seiten
hin zu durchleuchten, so bleiben doch zwei Punkte tief im Dunkel:
Erstens: der unmittelbare Mordakt, von welchem Haarmann, der sonst mit
breiter Geschwätzigkeit alles aufklärt, immer nur störrisch und
widerwillig Beschreibungen gibt, und zweitens: der mystische
Fleischhandel, den er stets abschob auf einen Unbekannten namens
„Schlachterkarl“, von welchem er bald aus Ricklingen, bald aus
Ronnenberg, bald aus der Markthalle das Fleisch bezogen haben will,
welches er zur Hälfte des _sonst_ für Pferdefleisch üblichen Preises in
kleinen knochenlosen Stücken oder als Hackfleisch auszubieten pflegte.
Er belieferte damit die Familie des Friseurs Wegehenkel und deren
Bekannte und bezahlte auch die Waschfrau Johanne Alsdorf, bei der er
seine Wäsche reinigen ließ, und durch die er gelegentlich auch
Wäschestücke verkaufte (eine arme verkümmerte, fast leichenhaft
aussehende Frau), statt mit Geld immer nur mit frischem Fleisch. –
Vollends als er zu der Familie Engel in die „Rote Reihe“ zog, wurde das
von Haarmann gelieferte Fleisch in der Speisewirtschaft des Vater Engel
verwendet.
War denn nun aber in dem ganzen Neuen-Straßen-Viertel niemand, der an
diesem offensichtlich lichtscheuen Treiben Anstoß nahm, niemand der sich
gelegentlich Gedanken darüber machte? Doch! Es wurden in der Tat
verschiedene Male Anzeigen erstattet und Haussuchungen abgehalten; aber
es war, wie wenn alle Dämonen der Finsternis mit Haarmann im Bunde
stünden.
Schräg gegenüber der Haarmannschen Wohnung liegt ein Zigarrenladen, in
dem er sich täglich Zigarren und Zigaretten kaufte. Der Zigarrenhändler
Christian Klobes, ein zweifellos cholerischer und eitler, aber
scharfsichtiger Mann, fand das Getriebe in der Nachbarschaft stets
verdächtig und sagte seinem Nachbar, dem Klempner Lammers, wenn sie
abends vor der Tür ihr Schwätzchen hielten: „Karl, dat geiht nich tau
mit rechten Dingen! Dat vele Jungensvolk. Ik glöbe, hei let se rinn,
aber sei komet nüch wedder rute“; und Lammers antwortete: „Wat ik glöve,
hei verköft Jungens nach Afrika, an de Fremdenlegion.“ Daraufhin
beruhigte man sich zunächst. Aber Klobes beschloß, den merkwürdigen
Nachbarn gelegentlich mal „hoch zu nehmen“. Als Haarmann eines Mittags
wieder Zigarren kaufte, begann der dicke Klobes: „Sagen Se mal Herr
Nachbar, bei Sie kommen die vielen jungen Leute; Sie haben gewiß ’ne
Stellenvermittlung?“ Haarmann blickte mißtrauisch auf, dann rief er,
plötzlich auf eine am Laden vorübergehende Frau zeigend: „Dunnerslag,
_die_ muß ich sprechen; das is ’ne Bekannte“; und fort war er. Aber der
Zigarrenhändler beobachtete, daß er die Frau nicht anredete, sondern um
die nächste Ecke bog. Seither ließ Haarmann sich in dem Zigarrenladen
nicht mehr sehen. Denn von solchen kleinen Schlauheiten saß der Mann
voll. Als ihm die Hauswirtin Rehbock nach einem Zank das Zimmer sperren
wollte, stieg er von außen durchs Fenster. Aber um die Glasscheibe nicht
bezahlen zu müssen, lief er zum Schein auf der Straße hinter einem
Jungen her, stieß _selber_ im Vorbeilaufen das Fenster ein und brüllte
dabei über die Gasse: „Haltet den Jungen. Er hat das Fenster
eingeschmissen.“ Dann erst kletterte er durch die zertrümmerte Scheibe.
– Der Zigarrenhändler, der Klempner und noch eine Nachbarsfrau
verabredeten, sie wollten aufpassen, was mit „dem Kriminal los is“. –
Kam man nachts durch die alte Gasse, so sah man hinter den Fensterläden
Schatten auf- und abwogen und mehrmals bemerkten die Beobachter, daß in
dem Zimmer Personen sich bewegten, die völlig nackt schienen. In anderen
Nächten brannte ein gedämpftes Gaslicht. Alles war dicht verhängt, und
man hörte bis zum frühen Morgen dumpfes Hämmern, Klopfen und Sägen, als
wenn in dem Raume, in dem übrigens auch ein sogen. „Fleischwolf“ stand,
Knochen gehackt oder Fleisch bereitet würde. Da die dort einströmenden
Jungen manchmal Geflügel oder Kaninchen brachten, einige Male auch
eingefangene Hunde in dem Raume geschlachtet wurden (wobei Haarmann sich
benahm, als ob er das Schlachten nicht mitansehen könne), so hatte man
auch aus diesen Geräuschen lange keinen Arg. Immerhin verabredeten die
Nachbarn, als in den Zeitungen so viele Anzeigen von vermißten Knaben zu
lesen waren, sie wollten sich die Gesichter der jungen Leute merken, die
in Haarmanns Gesellschaft auf der „Insel“ gesehen wurden. Als nun wieder
einmal ein junger Mensch, Sohn eines höheren Beamten aus Darmstadt, der
auf der Durchreise sich in Hannover aufhielt, verschwunden war, da ging
der brave Zigarrenhändler aufs Polizeipräsidium und ließ sich die
Photographie des Vermißten zeigen, und richtig! es war einer von den
jungen Leuten, die er in Haarmanns Gesellschaft gesehen hatte. Es wurde
denn auch sofort eine Haussuchung bei Haarmann angeordnet, aber es war,
als ob auch in diesem Falle die Dämonen der Unterwelt schützend vor dem
Verbrechen ständen; man fand zwar Kleider von dem Jungen, Haarmann gab
auch sogleich zu, daß er mit dem jungen Manne widernatürlichen Verkehr
gehabt habe, bestritt aber, den Verbleib des jungen Mannes zu kennen,
und wirklich stellte sich einige Tage später der Verschwundene bei
seinen Eltern in Darmstadt wieder ein, und als nun abermals der biedere
Klobes auf dem Polizeipräsidium erschien, um Verdächtiges anzuzeigen,
wurde er als ein lästiger Quengler grob angelassen und verlor nun die
Lust, noch weiterhin als privater Späher tätig zu sein. Und doch
beobachteten er und seine Frau gerade um diese Zeit einen Vorgang, der
leicht zu einer Entdeckung hätte führen können. Sie hatten bemerkt, daß
Haarmann oft gegen Abend mit Paketen oder mit Säcken seine Wohnung
verließ und schlichen ihm an einem Maiabend in der Dämmerung nach, als
er mit einem schweren Sack die Leine entlang in die „Masch“ ging; hinter
einem Busch versteckt sahen sie, daß er den Sack in den Fluß warf. Bei
solchen Beobachtungen wäre wohl im Laufe der Zeit der Mordbetrieb ans
Licht gekommen, wenn nicht Haarmann am 9. Juni aus der Neuen Straße
fort- und nach Rote Reihe 4 verzogen wäre, wo er eine im 3. Stockwerk
belegene unmöblierte kleine Bodenkammer von einer Frau Engel gemietet
hatte. – Grans machte den Umzug nicht mit. Er saß vom April bis Juli im
Gefängnis, weil er eine aus einer Kaserne gestohlene wertvolle Stoppuhr
unterschlagen hatte. Als er wieder herauskam, trieb er sich zunächst
herum, nächtigte auch gelegentlich wieder bei „Onkel Haarmann“, zog dann
aber schließlich mit seinem Freunde Hugo Wittkowski zusammen nach
Burgstraße 14, wo sie von einer Arbeiterfamilie namens Krohne ein Zimmer
mieteten. Sie lösten sich einen Gewerbeschein und begannen auf
Jahrmärkten und in Wirtschaften mit unechten Ketten, Ringen und Uhren zu
handeln; führten im übrigen ein rechtes Luderleben und bekamen auch Geld
von ihren „Bräuten“. Das Verhältnis zu Haarmann aber wurde fremder und
feindlicher.
In der „Roten Reihe“.
Das Haus, an 250 Jahre alt, ist ein altes Fachwerkhaus mit zwei Fronten,
und zwar mit der einen nach der „Roten Reihe“, dem Judentempel
gegenüber, und mit der anderen nach der Bäckerstraße zu belegen. Im
Parterre befand sich ehemals eine von der Familie Engel geführte kleine
Schankwirtschaft. Durch einen sehr engen Hausflur über eine schmale,
winkelige, steile Treppe gelangt man in das Dachgeschoß, das nach der
Bäckerstraße zu das _dritte_, nach der Roten Reihe zu das _vierte_
Stockwerk bildet. Oben führt eine schräge Rampe auf den engen Gang, in
dem rechts hinten die Eingangstür zu dem Mordraum liegt. Es ist eine nur
etwa 7 qm große Kammer. Der Fußboden wie die Wand zeigten sich bei der
späteren Untersuchung mit Menschenblut durchtränkt. In der Kammer
befindet sich linker Hand von der Eingangstür ein kleiner, aus dem Dache
hervorgebauter Erker mit einem Fenster nach der Roten Reihe zu. Daneben
fällt das schräge Dach zurück. In dem dadurch gebildeten Winkel an der
der Tür gegenüberliegenden Wand stand ein Bört; neben diesem das
blutdurchtränkte, seegrasgepolsterte Feldbett. An den Wänden rechts und
links von der Tür standen kleine Tische. Ein Waschständer und zwei
Stühle vervollständigten die Einrichtung. In der Tapete steckten
Postkartenbilder unzüchtigen oder sentimentalen Geschmacks. An der
Zimmerdecke, zwischen dem Tische rechts und dem Bette hatte Haarmann an
Ketten einen Kochtopf aufgehängt, so daß er von unten erhitzt werden
konnte. Ein Ofen ist nicht vorhanden. Unter dem Fenster im Erker
befindet sich ein kleiner Verschlag. In demselben Geschoß liegen die
Wohnräume der Eheleute Lindner, deren Küche unmittelbar an Haarmanns
Zimmer stößt (von ihm nur durch eine dünne Wand getrennt), sowie mehrere
zu den anderen Wohnungen des Hauses gehörige Bodenkammern. Auf dem Flur
ist eine Wasserleitung. Die Klosetts liegen auf dem engen Hofe, auf den
zahlreiche Fenster münden ...
Vergegenwärtigen wir uns die Hausbewohner: Vor uns steht ein kleiner,
mit allen Hunden gehetzter, in allen Wassern gewaschener Zwergteufel,
ein Weib von der Physiognomie jener Gesche Margarete Gottfried, die man
in Kriminalwerken oft abgebildet findet. Das ist Elisabeth Engel,
geborene Bräutigam, eine Frauensperson von 50 Jahren, klein, dürr,
überintelligent, war dreimal verheiratet, hatte acht Kinder, von denen
nur eins am Leben blieb: (nämlich, der Arbeiter auf der „Continental“
Theodor Hartmann, ein 18jähriges, sehr verschlagenes, etwas geckenhaftes
Bürschchen). Gegenwärtig ist Mutter Elisabeth verheiratet mit dem
Arbeiter Wilhelm Engel, Ordner in der sozialdemokratischen Partei
(verschwiemelt und roh, aber gutmütig-phlegmatisch, wenn er nicht
getrunken hat). – Wie hatten Haarmann und seine Getreueste sich kennen
gelernt? Im Frühling 1923 wollte die Engel beim Roßschlächter auf der
Insel Fleisch einholen, aber es war ausverkauft, da traf sie nahe dem
Laden den Kriminalbeamten Haarmann, den sie von Ansehn kannte (denn sie
ist Scheuerfrau auf der Kriminalpolizei), und Haarmann bot ihr ein Pfund
Pferdefleisch, welches damals 60 Pfennig kostete, schon für 35 Pfennig
an. Daraus entwickelte sich eine Fleisch-Freundschaft. Sie kamen bald
auf Du und Du; gingen miteinander ins Kino, „küngelten“,
„kütchebütchten“, „tusterten“, „trampelten“, „hamsterten“ und „drehten
manche schwule Sache“! Haarmann schenkte der Frau manch abgetragenes
Kleidungsstück (er war ja Kleiderhändler und hatte Gewerbeschein); dafür
übernahm sie es, die anderen Kleidungsstücke für ihn zu verkaufen (sie
stammten ausnahmslos von Knaben und jungen Leuten). Im Radfahr- und
Turnverein „All Heil“, in welchem Vater Engel und sein Stiefsohn, der
junge Theodor Hartmann große Nummern waren, fand sich mancher, der bald
einen Selbstbinder, bald einen Hut, bald eine Breecheshose gern billig
erwarb. „Eine Hand wäscht die andere.“ Haarmann überließ der Familie für
ihren Ausschank billiges Fleisch, und als er sich im April mit seiner
Hauswirtin Rehbock herumschlug, fragte er die Engel: „Können Sie mir
nicht ein anderes Zimmer schaffen?“ Die Engel erwiderte: „In unserem
Hause ist eine leere Dachkammer; die können Sie haben.“ So kam er denn
am 9. Juni in die alte Baracke am Judentempel, wo wenigstens 20 Morde
mitten in einer menschenvollen, aller Wohlfahrt spottenden
Mansardenhöhle ausgeübt wurden. (Man stelle sich einmal vor, Haarmann
wäre ein Jude gewesen, welche Ritualmordmären und Pogrome hätten dann im
Volke entstehen müssen.) – Nur durch eine dünne Tapetenwand von
Haarmanns Dachzimmer getrennt, liegt die Küche der Frau Lindner. Frau
Lindner ist eine junge, schlanke, blonde Frau, sehr fürs Feine. Als
Haarmann in das Haus einzog, erzählte er sogleich allen Mitbewohnern,
daß er für Sauberkeit sorge und sehr „apart sei“; daher das Klosett, das
man zu fünf Parteien gemeinsam benutzte, nicht besuchen, sondern seinen
Eimer dorthin tragen werde, und sein Stoffwechsel mußte außerordentlich
sein, denn man sah ihn nun alle Viertelstunde mit einem verdeckten Eimer
zu dem ewig verstopften Klosett und dann zu der im Flur liegenden
Wasserleitung gehen, wie er denn unaufhörlich in seinem Zimmer, das die
Engel (angeblich!) nie betrat, wischte und schrubbte. Der Mann von Frau
Lindner ist Glasarbeiter; ein kleiner, gutartiger, schwarzer Stiesel.
Außerdem wohnte bei ihnen ein besseres Fräulein, das zuweilen
Herrenbesuch empfängt. Und dann war da auch ein kleiner Hund namens
Fuchsie. Dem brachte Haarmann zuweilen Knochen. Aber Frau Lindner konnte
Haarmann nicht leiden und ärgerte sich über die vielen Besuche von
Jungen, die auf der engen Stiege trampelten. Es gab in dem Hause vielen
Zank. Das Ehepaar Lindner schlug sich. Er sagte: „Du Hure.“ Sie
vermöbelte ihn mit dem Besen. Auch das Ehepaar Engel zankte sich im
Parterre; wenn er „knülle“ war. Grans hatte vor Frau Lindner auf der
Straße ausgespuckt; darauf hatten sich Haarmann und die Lindner auf der
Treppe angeschrien; dann hat „Herr Haarmann“ um Entschuldigung gebeten
und hat gesagt: „Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen?
Meine Nachbarin Frau Lindner – mein langjähriger treuer Mitarbeiter Herr
Grans.“ Seit der Zeit haben sie sich wieder gegrüßt. – Aber wenn die
vielen Jungens zu Herrn Haarmann kamen, dann haben Frau Lindner, das
Fräulein, das bei Lindners wohnte und ein unbekannter aber feiner Herr,
der gerade zum Besuch war, durch die Türritze zugesehen. So sind sie
bald dahinter gekommen, daß bei Haarmanns Verkehr mit den jungen Leuten
dunkle Dinge im Spiele waren. Sonst aber war das Leben lustig! Große
Platten Fleisch wurden in Engels Küche gebraten. Auf Haarmanns Zimmer
wurde gesungen und getrunken. Die Eheleute Lindner haben wiederholt
„Schupo“ und „Sipo“ herbeigeholt. Einmal hat sogar die junge Frau
zusammen mit einem Kriminalassistenten eine ganze Nacht drüben am
Judentempel gestanden und Haarmanns Licht belauert. Aber der Zufall
fügte es, daß gerade immer dann, wenn die Polizei eingriff, nichts
besonderes zu entdecken war. Auch war Haarmann von großer Frechheit.
Einmal kam nach wiederholtem Ansuchen der Nachbarn die Polizei in der
Nacht, um bei Haarmann Haussuchung zu halten. Haarmann schloß die Türe
nicht auf. Er machte die Beamten ruhig darauf aufmerksam, daß, wenn kein
Befehl zur Verhaftung vorliegt, nach § 106 keine Haussuchung zwischen 10
Uhr abends und 6 Uhr morgens stattfinden darf. „Kommen Sie also um 6 Uhr
wieder.“ Als die Polizei dann wiederkam, war nichts Verdächtiges zu
finden. Die Nachbarn aber sagten: „Es hat doch keinen Zweck, das Treiben
anzuzeigen. Haarmann behält immer Recht. Er ist mit allen Beamten auf Du
und Du.“ – Im zweiten Stock wohnt Frau Fobbe, eine große, kräftige,
energische und brave Frau, Spiritistin, Gesundbeterin und Todfeindin der
Engel im Parterre. Im dritten Stock wohnt Frau Mühlhan. Sie sieht aus
wie eine gute, alte Eule und legt den Mädchen die Karten. Diese beiden
braven Seelen waren überzeugt: „Herr Haarmann ist bei der
Mitternachtsmission. Er tut Gutes an die Obdachlosen. Er führt sie zum
Arbeitsnachweis und gibt die armen Jungens zu essen.“ – In der Küche der
Mutter Engel im Parterre wurde Sülze bereitet. Haarmann brachte in einer
Schüssel, die er mit einem Tuche verdeckt hatte, in kleine Würfel
geschnittenes Fleisch und schüttete es in kochendes Wasser. Von dem
gekochten Fleisch, das blaß aussah und nach seinen Angaben
Schweinefleisch sein sollte, füllte er das Fett ab, glühte dieses Fett
dann noch einmal aus und füllte es in Flaschen. Das Fleisch wurde durch
eine Fleischmaschine gedreht und dann in die Schale gefüllt. Vor
Weihnachten 1923 machte Haarmann in der Engelschen Küche auch einmal
Wurst in Därmen, die angeblich Hammeldärme sein sollten. Haarmann, der
regelmäßig bei Engels aß, verzehrte diese Wurst gemeinschaftlich mit
seinen Wirtsleuten; sie war gut gewürzt und schmeckte wie Brägenwurst.
Auch von der Sülze und dem ausgeglühten Fett bekam die Familie Engel
jedesmal ihren Teil. Aber seit Mitte April 1924 bezogen sie kein Fleisch
mehr von Haarmann, weil ihnen danach übel wurde und sie es nicht mehr
mochten. Über die Herkunft dieses Fleisches ließ sich gar nichts
feststellen. Die Hausgenossen geben an, es sei ihnen aufgefallen, daß
Haarmann oft mit Fleischpaketen das Haus verließ, aber nur selten mit
Paketen ankam. – Haarmann führte im übrigen ein gutes Leben und ließ
viel Geld springen. Er verkehrte mit seinem Liebling Grans in guten
Wirtschaften und machte dort manchmal Zechen von 50 bis 60 Mark an einem
Tage. Gelegentlich wurden auch Dörchen und Elli mitgenommen. Dann trank
man Kognak und Sekt.
Die Entdeckung.
In den Monaten Mai und Juni 1924 hatten sich die Schädel- und
Leichenfunde so gemehrt, daß eine Volkspanik auszubrechen drohte. Es
wurden Ausschreiben in der Presse mit einer Beschreibung der
aufgefundenen Schädel veröffentlicht, um Anhaltspunkte aus der
Bevölkerung zu gewinnen. Zugleich erinnerte man sich nun endlich der
vielen Anzeigen, die im Laufe der Jahre gegen Haarmann eingelaufen waren
und des Verschwindens der beiden Schüler im Jahre 1908, wobei schon
einmal Haarmann in Mordverdacht geraten war. Man beschloß nun
folgendermaßen vorzugehen. Da Haarmann alle Polizeipersonen der Stadt
kannte, so ließ man zwei junge Kriminalbeamte aus Berlin kommen, die
sich als scheinbar Obdachlose am Bahnhof herumtreiben und an Haarmann
heranmachen sollten, um sein Treiben ständig zu beobachten und ihn
womöglich auf frischer Tat zu ertappen. Aber wieder machte der Zufall
einen Strich durch diese Rechnung. Der letzte Junge, den Haarmann
aufgegriffen, in seine Wohnung verschleppt und dort mißbraucht hatte,
war ein 15jähriger Fürsorgezögling namens Kurt Fromm, ein dumpfer,
schwerfälliger und begriffsstutziger Mensch, den er am 18. Juni am
Bahnhof angesprochen und dann mehrere Tage bei sich in der Wohnung
behalten hatte. In der Nacht des 22. Juni traf Haarmann mit dem jungen
Fromm abermals in der Nähe des Bahnhofs zusammen, wobei die beiden in
Streit gerieten und Fromm den Haarmann frech und überlegen zu behandeln
begann. Um den Jungen zu ducken, um seinem Ärger Luft zu machen, oder
aus einem gleich zu erwähnenden _anderen_ Beweggrund hatte Haarmann die
ungeheure Keckheit, auf die Bahnhofswache zu gehen und zu fordern, daß
man den jungen Fromm verhaften möge; Fromm, so gab er an, habe ihm
anvertraut, daß er auf falsche Papiere reise. In der Tat erfolgte nun
sofort die Verhaftung des Jungen. Es war zwei Uhr nachts. Auf der Wache
aber bezichtigte der Junge nun auch den Haarmann, daß dieser ihn mehrere
Tage und Nächte bei sich behalten, ins Zimmer eingeschlossen und zu
widernatürlicher Unzucht verleitet habe. Morgens beim Erwachen habe
Haarmann ihm ein scharfes Brotmesser an die Kehle gesetzt und gefragt,
ob er sich wohl vor dem Tode fürchte. Als er sehr erschrocken gewesen
sei, da habe Haarmann gelacht und gesagt, das sei nur Spaß; wenn ihm
jemand etwas tun wolle, so möge er nur kräftig schreien. – Da zufällig
ein Beamter des Unzuchtsdezernats auf der Wache war, welcher wußte, daß
man ohnehin den Haarmann zu verhaften wünschte, so beschloß dieser, den
gefährlichen Vigilanten nun doch gleich mitzunehmen, bevor er
möglicherweise Verdacht schöpfen und sich in Sicherheit bringen könne.
So wurde Haarmann am 23. Juni morgens ins Gefängnis eingeliefert. Er
selber hat in späterer Zeit erklärt, daß er die Verhaftung des jungen
Fromm nur darum veranlaßt habe, weil er gewußt habe, daß er auch diesen
Jungen töten werde und von einer dunklen Angst erfaßt worden sei, daß er
diesem Mordwollusttriebe nicht lange mehr widerstehen werde. Könnte man
dem Haarmann das glauben (und wer sein Wesen beobachtete, dürfte geneigt
sein, dies zu glauben), so wäre die erste Gelegenheit, bei welcher eine
Art „moralischer“ Hemmung ihn ergriff, auch sein Untergang geworden. –
Dies war am 22. Juni. Erst am 29. Juni erlangte man ein dämmerndes
Geständnis.
Das Geständnis.
Nachdem man die Wirtinnen und Hausbewohner des Haarmann vernommen, eine
Fülle von Zeugen verhört, vor allem aber unter den in Haarmanns Wohnung
aufgefundenen, oder in seinem Bekanntenkreis beschlagnahmten, oder auch
von diesem freiwillig herbeigebrachten Kleidern und Wäschestücken
mehrere hundert Asservate zusammengebracht hatte, die im
Kriminalpräsidium ausgestellt und von den Angehörigen vermißter Personen
besichtigt, als Eigentum verschwundener Knaben und Jünglinge erkannt
worden waren, da waren die Belastungsmale so gehäuft, daß man sicher
war, in Haarmann den gesuchten Massenmörder eingefangen zu haben, aber
dennoch vermochte man in keinem einzigen Falle ihm eine Tat einwandfrei
zu _beweisen_. Daß die Kleider und Eigentumsstücke so vieler vermißter
Personen in seiner Umgebung gefunden wurden, oder durch seine Hände
gegangen waren, erklärte er mit seinem Tausch- und Ramschhandel, gab
auch zu, die meisten Verschwundenen gekannt und mit ihnen geschlechtlich
verkehrt zu haben, behauptete aber, von ihrem Verbleib nichts zu wissen
und gab für die Blutspuren in Wäsche, Betten und Kleidern harmlose
Erklärungen, ja, verstand es, mit eherner Geschicklichkeit sich durch
alle Torturen des Inquisitionsverfahrens hindurch zu winden. Wieder
mußte ein Zufall die volle Überführung ermöglichen. Unter den von
Haarmann Getöteten befand sich ein junger Mann namens Robert Witzel,
dessen Eltern seit nahezu einem Jahr siebenzehnmal das Polizeipräsidium
nach dem verschwundenen Sohn bestürmt hatten. (Zwischen der ersten
Anzeige, die diese Familie gegen Haarmann erstattete, bis zu dessen
_Verhaftung_, geschahen noch fünf Morde.) Als die ersten Schädel im
Lustgarten des Königsschlosses angespült wurden, ließ ein Ingenieur der
„Excelsior“, in welcher der Vater des Witzel als Werkmeister arbeitet,
diesen Vater kommen, um ihn nach der Lebensweise des Verschwundenen zu
befragen. Und dieser Ingenieur Heinrich Meldau, der sich aus Liebhaberei
gern mit sexualpathologischen Fragen beschäftigte, veranlaßte auch den
Vater, die Schädelfunde zu besichtigen, um etwa den Schädel des Sohnes,
der ein sog. Sägegebiß hatte, daraus zu ermitteln. Man wußte von dem
Vermißten nur, daß er am letzten Abend vor seinem Verschwinden einen
Zirkus besuchte. (Daher die Polizei angenommen hatte, daß der Junge
abenteuerlustig mit dem Zirkus auf- und davongegangen sei.) Es bestand
aber bei den Eltern dauernd der Verdacht, daß der nächste Freund ihres
verschwundenen Sohnes, ein 14jähriger überaus frühentwickelter Jüngling
namens Fritz Kahlmeyer, sehr kräftig, mit auffallend hübschem
Mädchengesicht, ein verstockter und verschlagener Bursche, von dem
Zirkusbesuch etwas wissen müsse, was er aus Angst oder Scham
vorenthielt. Nachdem alles Einreden aus dem jungen Kahlmeyer nichts
herausgebracht hatte, machte der Vater noch einen letzten Versuch, als
der trotzige Junge von dem älteren Bruder des Entschwundenen ein Fahrrad
entleihen wollte, um zu dringlichem Geschäft über Land zu fahren. Es
wurde ihm direkt gesagt: „Du bekommst das Rad nur dann, wenn du sagst,
mit wem Robert am 26. April im Zirkus gewesen ist.“ Nun endlich kam die
Antwort: „Es war ein Kriminalbeamter vom Bahnhof.“ Der Junge hatte ehern
geschwiegen, weil auch er selber von Haarmann angesprochen,
geschlechtlich mißbraucht und später sogar an homosexuelle „Herren der
Gesellschaft“ verkuppelt worden war. So war denn nun zu dem Schädelfund
das _zweite_ Indizium hinzugekommen und das _dritte_ war da, als auch
Kleidungsstücke des Vermißten unter Haarmanns Sachen gefunden wurden.
Dennoch wollte Haarmann sich zu keinem Geständnis bequemen. Da aber
geschah folgendes. Die Eltern Witzel sitzen wartend, zusammen mit dem
jungen Kahlmeyer, vor einer Türe im Polizeivorsteheramt, um noch einmal
ihre Vermutungen dem Polizeikommissar Retz vorzutragen, plötzlich geht
an ihnen eine kleine spitzmausige Frauensperson mit einem jungen etwa
18jährigen Mann vorüber und die Mutter, erschrocken nach dem Arm des
Vaters greifend, ruft: „Der junge Mann trägt den Rock unseres Robert.“
Die Frauensperson und der Jüngling verschwinden, als sie merken, daß man
auf sie aufmerksam ist. Aber die Eltern eilen mit einem Kriminalbeamten
hinterher, holen sie ein und fragen nach der Herkunft der Kleider. Statt
einer Antwort fragt der junge Mann zurück: „Heißen Sie etwa Witzel?“
Eine Ausweiskarte auf diesen Namen hat in der zu seinem Rock zugehörigen
Hose gesteckt, der Anzug kam von Haarmann. Die Frauensperson ist die
Engel, die Wirtin Haarmanns, die sich zufällig gerade auf dem Präsidium
nach Haarmanns Militärrente erkundigen wollte. Die sämtlichen Indizien
wurden nun sofort dem Haarmann vor Augen gestellt: Die Eltern, der
Schädel, die Kleidungsstücke, der junge Kahlmeyer, die wiedererkannten
Kleider, in denen der an Haarmann zurückgegebene und von ihm vernichtete
Personalausweis gesteckt hat. Und da nun ein Tatbestand von so viel
Seiten belichtet ist, gibt er zum erstenmal, auf Zureden seiner
Schwester, die _Möglichkeit_ zu, in Geschlechtstollwut junge Leute
gewürgt, gebissen und erdrosselt zu haben. Von nun an setzte jene
Befragungsmarter ein, die der modernen Strafrechtspflege so wenig ferne
steht wie der mittelalterlichen, indem man durch unaufhörliche Verhöre,
Entziehen des Schlafes, Schwächung des Organismus durch Abführmittel,
oder durch eine „strenge Therapie“ auch den Zähesten und Verstocktesten
so mürbe machen kann, daß er schließlich zusammenbricht, wonach man dann
ihm Erleichterung, Stärkung, Zuspruch, Ermutigung zuteil werden läßt, im
selben Maße, als er „sein Gewissen entlastet“. Nach sieben Tagen brach
Haarmann, nachdem er abwechselnd in Tobsucht oder in Weinkrampf
verfallen war, endlich verstumpft zusammen und bat, daß man den Pastor
Hardelandt, der ihn eingesegnet hatte, herbeiholen möge, damit er diesem
eine Beichte mache. Der Geistliche aber konnte in Hinsicht auf seine
Amtsschweigepflicht solche Beichte nicht annehmen und so bequemte sich
Haarmann schließlich dazu, dem Kriminalkommissar und dem
Untersuchungsrichter Schritt für Schritt immer weitere Taten
einzugestehen, doch blieb er dabei, daß die im Flusse gefundenen Schädel
nicht die seiner Opfer sein könnten, weil er stets seine Schädel ganz
klein geschlagen habe; dagegen führte er die Beamten und den
Gerichtsarzt zu Stellen des Georgengartens bei Herrenhausen, wo er
Leichenteile ins Gebüsch geworfen und Knochen in einen Teich versenkt
hatte, zeigte dort auch das Skelett eines jungen Mannes von 16 Jahren,
dessen Gelenkflächen noch fettig und schlüpfrig waren, so daß es als
Überrest des _letzten_ Opfers, des am 15. Juni getöteten Erich de Vries
anerkannt werden konnte. Von nun an meldeten sich immer neue Personen,
welche Kleidungsstücke oder Fleisch von Haarmann, Grans, der Engel oder
der Wegehenkel bezogen hatten, und so konnten immer weitere Mordtaten,
die noch uneingestanden waren, dem Mörder sehr _wahrscheinlich_ gemacht
werden, bis er gar nicht mehr versuchte zu leugnen, sondern seine
gewöhnliche Redensart gebrauchte: „Schreiben Sie man dazu.“
Von nun an veränderte sich auch sein Wesen. Der zu Anfang bei all seiner
Geschwätzigkeit voller „Verhaltungen“ (Retentionen) sitzende dumpfe
Mensch, schloß gleichsam Klappe nach Klappe seines Gemütes auf, begann
zutunlich, kindlich, ganz aufgetan zu werden, und nur, wenn die Eltern
der Gemordeten vor ihm standen, oder sonst etwas Bedrohliches vor ihm
aufstieg, oder die Rede kam auf das unmittelbare Durchbeißen der Kehle,
oder den dunklen Fleischverkauf, so vereisten sofort wieder die kleinen
giftigen Lichter und dummtrotzig, wie maulend oder schmollend, zog er
sich wieder in sich zurück. Im allgemeinen aber hatte jedermann das
Gefühl, daß dieser Mensch sich wie erlöst fühlte, weil er über die
Dunkelheiten und die große Angst seines wirren Trieblebens nun endlich
sprechen durfte; ja, es kam etwas wie kindliches Sichaufspielen in seine
Berichte, wenn er erzählte, wie er durch so lange Jahre die „Menschheit“
(über die er stets böse sprach) zu täuschen verstanden habe. Bis zum 16.
August 1924 hielt man ihn im Gerichtsgefängnis. Dann kam er zur
Untersuchung seines Geisteszustandes in die Provinzial-Heil- und
Pflegeanstalt nach Göttingen. Die Untersuchung durch den Geheimrat Prof.
Schultze wurde abgeschlossen am 25. September 1924. Er kam dann ins
Gerichtsgefängnis zurück, um auch dort noch längere Zeit beobachtet zu
werden. Am 4. Dezember begann die Verhandlung vor dem Schwurgericht in
Hannover. Die Akten umfaßten 60 Bände. Auf die aus Haarmann
herausgenötigten Angaben hin war inzwischen auch Hans Grans am 8. Juli
verhaftet worden. Die beiden hatten einige Male Gelegenheit, sich vor
der Verhandlung zu sehen, wobei Haarmann beunruhigt, Grans dagegen ruhig
ablehnend und sehr kalt erschien. Grans wurde beschuldigt, nicht nur um
die Morde des anderen gewußt zu haben, sondern in mindestens zwei Fällen
ihm die Opfer zugeführt oder zu ihrer Tötung suggestiv angetrieben zu
haben, weil er die Kleider der Gemordeten für sich selber begehrte.
Zweiter Teil.
Der Prozeß.
Das Gericht.
Das Gerichtsgebäude in Hannover, um 1880 im schlechten Geschmack einer
falschen Renaissance gebaut, hat einen altmodischen, etwa hundertfünfzig
Personen fassenden Saal. Er ist überdeckt mit einem Glasdach, das die
Gesichter in mattes Geisterlicht taucht. Am Nordende sitzt das Publikum,
an jedem Tage achtzig Personen, zumeist Angehörige der Gerichtsherren
oder Neugierige, die ihre Zutrittskarten mühsam nach stundenlangem
Stehen erbeten oder sich teuer gekauft haben. Vor der Schranke, die das
Publikum abscheidet, stehen einige Bänke für die Zeugen und bevorzugte
Sitze für Vertreter der Behörden; den Oberpräsidenten Noske, den
Regierungspräsidenten v. Velsen, den Polizeipräsidenten v. Beckerath,
den Vertreter des Justizministeriums Dr. Weiß, einige Vertreter der
Jugendfürsorge, der Ärzteschaft, der Polizei. Am Südende des Saales auf
erhöhter Empore thront das Gericht. In der Mitte des langen Tisches der
Präsident, Landgerichtsdirektor Dr. Bökelmann, am rechten Ende des
langen Tisches der Oberstaatsanwalt Dr. Wilde. Daneben der zweite
Staatsanwalt Robert Wagenschieffer. Dann zwei beisitzende Richter,
Landgerichtsräte Harten und Kleineberg. Am linken Ende sitzt der
Ersatzstaatsanwalt Jasching und der Protokollführer Hoßfeld. Eingerahmt
von diesen Justizpersonen sitzen hinter dem grünen Tische sechs
Geschworene und zwei Ergänzungsgeschworene. Die Geschworenen sind:
Landwirt Wesche aus Hüpede, Zimmermann Harse aus Bodenwerder, Schneider
Untorf aus Pyrmont, Schmied Heise aus Engelbostel, Postassistent Ahrens
aus Holzhausen, Korbmacher Ackmann aus Kreiensen. Links an der
Fensterseite des Saales ist die Anklagebank. Neben und zwischen den
beiden Angeklagten sitzen zwei Sicherheitspolizisten und ein
Kriminalassistent. Vor der Anklagebank haben ihren Platz die zwei
Offizial-Verteidiger: Justizrat Benfey für Haarmann, Rechtsanwalt Lotze
für Grans. Neben ihnen fünf Sachverständige: zwei Gerichtschemiker
namens Lochte und Feise aus Göttingen, sowie als psychologische
Gutachter: Geheimrat Schultze aus Göttingen, Gerichtsmedizinalrat und
Polizeiarzt Schackwitz und der Gefängnisarzt: Gerichtsmedizinalrat
Brandt. Gegenüber an der Türseite des Saales sitzen 21 „Herren von der
Presse“, neun als Vertreter der in Hannover erscheinenden Lokalblätter,
fünf als Vertreter von Telegraphenbüros, ferner drei Berichterstatter
von außerhannoverschen Zeitungen, ein amerikanischer und ein
französischer Berichterstatter, dazu vier Zeichner.
Es ist ein Provinzgericht, darin weder hervorragende Strafrechtler, noch
tiefblickende Seelenforscher, noch auch bedeutende Schriftsteller
vertreten sind. Der Gerichtshof hat die Aufgabe, einen für ganz Europa
beunruhigenden Kriminalfall „_ohne öffentliches Ärgernis gemäß § 263 der
Reichsstrafprozeßordnung unter Vermeidung der Bloßstellung von Ämtern
und Behörden innerhalb 12-14 Verhandlungstagen rasch zu erledigen_.“ Für
diese Aufgabe erscheint der Vorsitzende als der rechte Mann:
kurzangebunden, gradlinig, grobdrähtig, eng und bestimmt. Man könnte ihn
mit Fritz Reuter etwa so charakterisieren: „Hei was so en lütten smuken
korten aewer bostigen Staemling, wat _bölken_ daut as en Feldweiwel un
forsch die Justiz exerziert; aewer von dat lise Sinieren und dat
Sick-inwenig-bekieken, dadervon deiht hei nichts verstahn so’n priken
Kirl.“ – Besinnlicher, durchgeistigter, auch „besser im Bilde“ erschien
der Oberstaatsanwalt, ein müder Aristokratentyp; vielleicht von
menschlicher Feinheit, aber so frei von der schönen Fähigkeit des
fanatischen Rechtsethos, daß man aufstöhnen mochte mit Zarathustra: „O,
ich wollte doch, Ihr hättet einen _Wahnsinn_, womit Ihr geimpft wäret.
Und ich wollte _Euer_ Wahnsinn hieße: die Wahrheit oder die
Gerechtigkeit!“ – Minder bedeutsam: der zweite Staatsanwalt, ein
kulörbrüderlicher sympathischer, ehrenfester Mann, der schlechtes
Juristendeutsch redet. Die Beisitzenden würdig-ernst; aber ohne die
Möglichkeit, während der ganzen Verhandlungen auch nur ein
Sterbenswörtchen zu entäußern. Vollends nur Tapetenfiguren: die
Geschworenen. Unglücklich in ihren Stühlen dahindämmernd und vollkommen
unfähig, auch nur einen einzigen Fall klar zu durchdringen oder bewußt
vor der Fantasie aufzubauen. Immerhin war dieser Gerichtshof bedeutend
zu nennen im Vergleich zu der völlig unfähigen Verteidigung, mit welcher
die beiden Angeklagten eigentlich vorweg _bestraft_ wurden. Da sie
nämlich kein Geld hatten, um sich ernsthafte Verteidiger kommen zu
lassen, so mußte von Amts wegen jedem ein Offizialverteidiger bestellt
werden. Zwar hatte ein bedeutender Berliner Kriminalist sich zur
kostenlosen Verteidigung des Werwolfs erboten, aber es war dem Haarmann,
der eine beständige Angst vor „Kommunisten“ hat, eingeredet, sein
Berliner Anwalt stünde mit den „Kommunisten“ in Verbindung. (Die
Reichstagsabgeordneten Katz und Gohr behaupteten, daß Haarmann auch als
_politischer Spitzel_ gegen ihre Partei in den Revolutionstagen
verwendet worden sei. Sollte das wahr sein, so wäre seine ewige Angst
vor „Kommunisten“ psychologisch erklärlicher.) Er hatte im letzten
Augenblick darum gebeten, man möge ihm statt des „Berliner Kommunisten“
doch einen beliebigen Offizial-Verteidiger stellen. Nachdem zwei jüngere
Anwälte die schwere, heikle Aufgabe abgelehnt hatten, war die Wahl auf
einen Rechtsanwalt und Notar gefallen, der in zahllosen kleinen,
provinziellen Mikkerprozessen alt und grau geworden, nicht die mindeste
Möglichkeit besaß, eine der schwierigsten Aufgaben des Strafrechts (das
dankbare Sprungbrett für ein starkes kriminalistisches Talent) auch nur
zu sehen, geschweige denn sachlich auszuwerten. Eine „Verteidigung“
Haarmanns war eben nur möglich, wenn sein Anwalt entweder mit
durchdringender Menschenkenntnis die Notwendigkeit und Unentrinnbarkeit
eines zwangssüchtigen Triebirrsinns klar machte, oder wenn er die
„Schuld“ auf Umwelt, Zeit, Verrottung der Zustände abwälzend, zum
flammenden _Ankläger_ von Polizei und Sittlichkeit der Stadt Hannover,
ja, zum Richter einer ganzen Kultur wurde. Beides war bei diesem Anwalt
unmöglich: Ethos wie Psychologie! Da der zu Anfang vorgesehene Berliner
Strafrechtler als Gegengewicht gegen die Gerichtsexpertise, auch für die
Verteidigung einen Psychologen hinzuziehen wollte und mich selber zum
Begutachter gewünscht hatte, so regte ich auch bei Haarmanns
Offizialverteidiger die Möglichkeit an, psychoanalytische,
charakterologische, phänomenologische Aufklärungen zu versuchen und um
nicht selber bemüht zu scheinen, schlug ich, während ich es vorzog, als
Vertreter einiger führender Zeitungen der Verhandlung beizuwohnen, die
folgenden Männer vor: Ludwig Klages (als bedeutendsten Sohn der Stadt),
Alfred Döblin, Sigmund Freud, Alfred Adler, Hans v. Hattingberg; worauf
die allessagende schriftliche Antwort kam: „Ich wüßte nicht, was man
Psychologisches fragen sollte.“ – War somit für seelenkundliche
Durchdringung des Falles keinerlei Hoffnung gegeben, so hätte vielleicht
doch ein starkes sachliches Ethos manches klären können. Aber Haarmanns
Anwalt (alter Verbindungsstudent, Vertrauensmann der Nationalliberalen
und Anwärter auf einen Bürgervorstehersitz) nutzte kleinstädtisch die
Gelegenheit, um gleichsam als der dritte Staatsanwalt seinen Klienten
_anzuklagen_, vor den lokalen Behörden sich nützlich zu erweisen, ja in
kirchturmpolitischen Tiraden das „wilhelminische und bismarckische
Zeitalter“ auszuspielen gegen „die Republik, die solche Unholde wie den
Haarmann gebar“. Vor solcher geschmacklosen Kleinstadt-Optik schützte
den Verteidiger des Grans, einen Enkel des Philosophen Lotze, eine
gewisse juristische Nüchternheit; doch fehlte auch ihm jede forensische
Begabung, jedes psychologische Interesse und jede logische Schärfe; ein
lieber Mensch am Stammtisch, war er in diesem mächtigsten Kriminalfall
unserer Tage hilflos und zugleich doch anmaßlich.
Trostloser noch als dieser Mangel an Größe und Weitsichtigkeit auf
Seiten der Juristen war das fast vollständige Fehlen selbständiger und
starker Köpfe unter den Hörern und Berichterstattern. Man war mit der
Zulassung von „Schriftstellern“ sehr vorsichtig gewesen, denn man
wünschte vieles zu _verhüllen_; vor allem wurde von der ersten Stunde an
aufs kräftigste betont, daß das Hereinziehen von Verfehlungen der
Polizei und der Behörde gemäß § 263 verboten sei; daher wurde jedem
Zeugen und auch den Eltern der Getöteten sofort das Wort entzogen,
sobald sie auf _dieses_ Thema zu sprechen kamen; man fürchtete eben den
„öffentlichen Skandal“, und wünschte keine Störung durch die
Menschenmassen, die durch ein Polizeiaufgebot vom Gerichtsgebäude
abgehalten, ohnehin durch die mit dem Prozeß zusammenfallenden
Reichstagswahlkämpfe aufgeregt, draußen in den Straßen lungerten. So
hatte man denn eigentlich nur die unverfänglichen Zeilenschreiber der
kleinen Lokalpresse oder die Telephonreporter der großen Agenturen im
Saal. Von unabhängigen Schriftstellern war nur zweien der Zutritt
gelungen, weil man einem Wunsche des Justizministeriums sich fügen
_mußte_: dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld und dem Kriminalforscher
Hans Hyan. – Unter den Gutachtern ragte der Göttinger Professor der
Psychiatrie, Schultze, hervor, ein väterlich wohlwollendes, unendlich
gütiges Gesicht; ein Mann, der mit Bienenfleiß jedes Wort des Haarmann
in einem riesigen Aktenberge aufbewahrt hatte, welcher Aktenberg dann
schließlich folgendes Mäuslein gebar: 1. der Angeklagte ist abnorm und
minderwertig, 2. der § 51 (welcher Unzurechnungsfähigkeit bei Begehung
der Tat voraussetzt) trifft nicht zu. – Hier zeigte sich einmal klar die
ganze Hilflosigkeit unserer auf „Bewußtseinstatsachen“ ausgehenden
Medizinerpsychologie angesichts des vorbewußt flutenden Elements
atavistischer Triebuntergründe, denn „abnorm“ nennt diese Art
Psychologie den Goethe so gut wie den Haarmann, den Strindberg so gut
wie den Frauenmörder Großmann; „minderwertig“ aber ist der Mensch vom
Standpunkt des Affen ebensowohl, wie der Affe vom Standpunkt des
Menschen. Bezüglich des § 51 aber (welcher vorsintflutliche Begriffe
über Willensfreiheit, Verantwortlichkeit, Zurechnungsfähigkeit
voraussetzt), hätte im Falle Haarmann jeder ehrliche Psychologe eben
erklären müssen: Uns zu fragen, ob § 51 anwendbar sei oder nicht, hat
genau so viel Sinn, als wenn man uns fragt: „Soll Wasser nach Metern
oder nach Quadratruten gemessen werden?“ Hier ist uns eine _Norm_
vorgeschrieben, _die auf diesen Fall nicht anwendbar ist_. – Eine Ahnung
davon mochte den zweiten Sachverständigen Alex Schackwitz anwandeln,
einen jungenhaft frischen, anstelligen, aufnahmefähigen, offenen und
prächtigen Menschen; „smart matter of fact man“; „Forscher
Wirklichkeitsmann“, aber eben darum ohne jede Ehrfurcht, nein, ohne jede
_Ahnung_ für jenes Stückchen Träumer- oder Dichtertum, ohne welches man
die Wahrheit hinter aller Wirklichkeit doch niemals zu erfühlen vermag.
(Denn Wirklichkeitstatsachen als solche sind _gar nichts_! Der
Psychologe muß den Menschen besser kennen als dieser sich selber zu
kennen vermöchte.) – Vollends der _dritte_ Sachverständige war nichts,
als Seelenergründer nach dem Herzen von: „Hofmann: Wie ermittelt der
Kriminalpsychologe Blutflecken?“ – War nun aber weder die _Psychologie_
noch auch das _Ethos_ der eigentliche _Sinn_ dieses Kriminalverfahrens,
so konnte man fragen: „Wozu überhaupt der ganze weitläufige Aufwand?“ –
Er kostete dem Staate mehrere hunderttausend Mark. Der Ausgang:
Todesstrafe war ohnehin sicher. Ob ein Mörder zwanzigmal oder zehnmal
zum Tode verurteilt wird, kann gleichgültig sein. Man mußte sich von
vornherein eingestehen, daß eine gleichsam das Weltgewissen
befriedigende Auflösung des ungeheuren Falles nicht möglich war. Nur
Zweierlei konnte versöhnen: das Sittlichste oder das Natürlichste:
_Selbstmord_ (als Selbstrichtertum eines Sühnewilligen, der an
menschlicher Gemeinschaft Ungeheuerliches frevelte), oder – schnelle
Lynchjustiz von seiten des beleidigten Lebens.
... „Hoffnungslos! Auch der Weiseste _muß_ ein Fehlurteil fällen
im Gerichtssaal, das heißt eingesperrt in einen Ring aus
Gefriersitzfleisch. Draußen im Leben kann man sich richtig oder falsch
entscheiden, einmal so, einmal so, aber das ganze Jus besteht doch eben
darin, die ganze Frage so zu formulieren, daß es gar keine richtige
Entscheidung geben _kann_.
Wie ich handeln würde?
Den dreißig Müttern der zerfleischten Knaben die Möglichkeit geben,
durch die Schranken zu brechen und den Haarmann zu zerfleischen. Das
wäre lebendige Gerechtigkeit. Von Flammen verzehrt, in den Flammen
vergehen, die man nicht zu beherrschen vermocht. Denn das Leben schlägt
zurück, wenn man hineinschlägt, ganz gleich ob man dabei
zurechnungsfähig war, oder etwa sich selber gebessert hat. Und das ist
schön. Und das ist wahr. Und darum nichts für Wehleidige. Aber der
ekelhafte Mumpitz des Todes_urteils_ in der feigen Anonymität der
beleidigten Gesellschaft ist ein trostloser Unfug“ ...
Mit diesen Worten ermutigte mich in den schweren Tagen des Prozesses
einer der besten Seelenerforscher unserer Tage.
Die Anklage.
Der Eröffnungsbeschluß ward verlesen. Dem Händler Fritz Haarmann wird
zur Last gelegt, die folgenden Personen vorsätzlich und mit Überlegung
getötet zu haben:
1. Etwa September 1918 den Schüler Fritz Rothe.
2. Etwa Februar 1923 den Lehrling Fritz Franke.
3. Etwa März 1923 den Lehrling Wilhelm Schulze.
4. Etwa Mai 1923 den Schüler Roland Huch.
5. Etwa Mai 1923 den Arbeiter Hans Sonnenfeld.
6. Etwa Juni 1923 den Schüler Ernst Ehrenberg.
7. Etwa August 1923 den Bürogehilfen Heinrich Struß.
8. Etwa September 1923 den Lehrling Paul Bronischewski.
9. Etwa Oktober 1923 den Arbeiter Richard Gräf.
10. Etwa Oktober 1923 den Lehrling Wilhelm Erdner.
11. Etwa Oktober 1923 den Arbeiter Hermann Wolf.
12. Etwa Oktober 1923 den Schüler Heinz Brinkmann.
13. Etwa November 1923 den Zimmermann Adolf Hannappel.
14. Etwa Dezember 1923 den Arbeiter Adolf Hennies.
15. Etwa Januar 1924 den Schlosser Ernst Spicker.
16. Etwa Januar 1924 den Arbeiter Heinrich Koch.
17. Etwa Februar 1924 den Arbeiter Willi Senger.
18. Etwa Februar 1924 den Lehrling Hermann Speichert.
19. Etwa April 1924 den Lehrling Alfred Hogrefe.
20. Etwa April 1924 den Arbeiter Hermann Bock.
21. April 1924 den Lehrling Wilhelm Apel.
22. Ende April 1924 den Lehrling Robert Witzel.
23. Mai 1924 den Lehrling Heinz Martin.
24. Etwa Mai 1924 den Reisenden Fritz Wittig.
25. Etwa Mai 1924 den. Schüler Friedrich Abeling.
26. Etwa Juni 1924 den Lehrling Friedrich Koch.
27. Juni 1924 den Bäckergesellen Erich de Vries.
Es sind 147 Anzeigen eingelaufen. In 38 Fällen ist nachgewiesen, daß die
Vermißten noch leben. In 114, daß Haarmann nicht als Täter in Betracht
kommt. Es bleiben also: 30 Fälle. Davon können 27 Morde _bewiesen_ und
drei weitere (nicht mit zur Anklage gestellte) Fälle überführt werden.
Gegen Hans Grans, geboren am 7. Juli 1901 in Hannover, wird die Anklage
erhoben, wegen Anstiftung zum Morde in zwei Fällen und eine zweite
(später fallengelassene) Anklage wegen gewerbsmäßiger Hehlerei.
Die beiden Angeklagten.
„Ein schwanzloser Raubaffe, welcher auf Hinterfüßen geht, in Rudeln
lebt, alles frißt, ein ruheloses Herz hat, aber durch seinen Geist
verlogen ist. Diebisch, geil und händelsüchtig, dabei fähig zu vielen
Fertigkeiten. Der Feind aller übrigen Erdgeschöpfe und doch der
schlimmste Feind seiner selbst.“ („Simia homo sine cauda, pedibus
posticis ambulans, gregarius, omnivorus, inquietus cordis, mendax
mentis. Furax, salex, pugnax at artium variarum capax. Animalium
reliquorum terrae hostis, sui ipsius inimicus teterrimus.“) – Dies ist
die älteste Beschreibung des Urmenschen. – Eigenbezüglich und hörig,
feige und wildverwegen, brutal und sentimentalisch, vor allem eitel und
geil – so stellte sich Haarmann uns dar: Ein _fließendes_ Element, darin
gespielte und wirkliche Kindischkeit, gespielter und wirklicher
Schwachsinn wunderlich einander überdeckten. Ganz auf Hunger und Wollust
gestellt, „ausgeschämt“ in jedem Sinn, ist er doch ein Stück
unmittelbare auch noch in seiner Schauspielerei völlig naive Urnatur, an
keinerlei _Rechenschaft_ über sich selber gewöhnt. Wenn das
Paragraphen-Deutsch der Juristen, die verwickelte Heuchelei der Ämter
und die hinter Wissenschaft, Moral oder Amtspflicht versteckte Eitelkeit
der „bürgerlichen Gesellschaft“, wenn alle diese vielen Lebenslügen all
der „Bildungs- und Kulturmenschen“ sich selbstgerecht-ahnungslos
ausgesprochen hatten, dann wirkte es fast erquickend und befreiend,
diesen Haarmann naiv flunkern und Dichtung und Wirklichkeit untermischen
zu hören. Und man empfand: die Wahrheitsmenschen _lügen_. Dieser
Erzschauspieler ist wahr! Er hat keinerlei Grauen vor dem, wovor jedem
dieser Kulturmenschen graut, vor Tod, Leichen, Moder. Aber bei einem
Gewitter verkriecht er sich doch wie das Tier, zittert und beginnt ohne
Glauben Gott anzubetteln. Zuweilen brachen kindliche Züge von Sympathie
hervor. Als mitten im Tage die Lichter im Saale angezündet werden, sagt
er ganz wie ein Kind leise zu sich selber: „Grad wie der Tannenbaum“;
als der alte Geheimrat Schultze, der ihn unausgesetzt beobachtet, müde
gähnt, sagt er, (grade wie wenn er auf den Professor, und nicht dieser
auf ihn acht zu geben hätte): „Na, können Sie auch noch Herr Professor?“
und zum Gerichtshof gewandt, fügt er entschuldigend hinzu: „Er is
nämlich grad krank gewesen.“ Zu den Journalisten sagt er mahnend: „Ihr
müßt aber nicht lügen, Ihr lügt ja _doch_ alles,“ und zu den
Geschworenen: „Machts kurz, Weihnachten will ich im Himmel sein bei
Muttern.“ – Als meine Berichte, die die Schuld der Polizei und die
Mängel der Expertise aufklären, dem Gerichtshof unbequem zu werden
beginnen und der immer nervöser werdende Vorsitzende (wie man denn
überhaupt den Haarmann stets zur Entlastung der Polizeibehörde aussagen
ließ) ihm meine Behauptungen vorhält und fragt, ob sie _richtig_ seien,
da ruft er laut: „Das lügt der Kerl alles,“ fügt aber leise zu mir
gewandt hinzu: „Nächstens wirst du noch sagen, die Leute auf der Polizei
seien meine besten Freunde“; dabei zwinkert er schlau mit den Äuglein,
als ob er sich über alles lustig mache. – Ganz entgegengesetzt zeigt
sich der junge Hans Grans, so zäh wie zart, so unzerbrechlich wie
mädchenhaft; immer gleichmäßig überlegen und überlegend, zuvorkommend,
liebenswürdig, in der Lage eines Fuchses, der in äußerster Todesnot alle
Aufmerksamkeit überwach sammelt und jede Lücke erspäht, durch die er der
teuflischen Falle entschlüpfen kann. Mit einem langen Bleistift oder mit
dem dozierenden Zeigefinger der Rechten zeichnet er Konturen von
Beweisen in die Luft, beantragt scharf advokatorisch sehr zarte
Fragestellungen, deren Zweck im Sinne seines fest aufgebauten
Verteidigungssystems er nur selber kennt. Er friert weit mehr als
Haarmann in einer ungeheuren Einsamkeit. Er ist schuldlos und dennoch
gefährlicher. Denn er ist, obwohl viel sensitiver, nicht wie Haarmann
eine Angst- und Defensivnatur. Auf Haarmanns Natur spielen in jedem
Augenblick unbezwingliche dämonische Mächte: Das Minderwertigkeitsgefühl
eines lang Unterdrückten, Besudelten, Entgleisten, oft Gehänselten hält
sich schadlos an dunklen Triebräuschen. Und er treibt gern auch sein
diabolisches Spiel mit den Zeugen (seinen Hehlern und Hehlerinnen) von
denen er etwas weiß und die von ihm etwas wissen. Er zeigt allen die
Pranken: „Ich lasse euch vor dem Tode hopps gehen. Der Zeuge ist frech.
Er muß noch eins auf den Detz kriegen.“ – Dagegen Grans ist zu
egoistisch selbst für Liebe und Rache. Er kennt keinen Affekt. Nur:
kluge Selbsterhaltung. „Was ich getan habe, ist gleich, was Ihr
_beweisen_ könnt, steht hier in Frage.“ Ich hätte nicht geglaubt, daß
grauses Fehlurteil ihn zum Tode verurteilen könne. Als ich den Eltern
sagte: „Lassen Sie Ihr Kind im Zuchthaus nicht im Stich,“ da erwiderte
der Vater: „Wüßt ich, daß er Das getan hat, was man ihm schuld gibt, so
ginge ich selber hin und zeigte ihn an“ und die Mutter: „Kommt er ins
Gefängnis, so nehmen wir ihn wieder auf, kommt er ins Zuchthaus, so
müssen wir uns lossagen, denn dann fällt Schmach auf die Familie.“ – Wie
ist das Gefühlsverhältnis der beiden? Sie sind zwei, Rücken an Rücken
geschmiedete Galeerensträflinge, wobei der Junge nicht einmal Haß und
Ekel aufbringt, sondern nur dieses Zusammengeschmiedetsein überwinden
möchte, indem er gegen jede Berührung des anderen Leibes
empfindungsstarr vereist. Darum war es ihm auch gar nicht möglich, sein
Verteidigungssystem auf „Gefühl“ aufzubauen, was ihm _sicher das Leben
gerettet hätte_. Denn der andere lauert auf jedes freundliche Wort und
wirbt auch noch mit seiner Rachsucht. Ja, er würde alles, womit er den
ehemals Geliebten schlau belastet im Nu widerrufen, falls dieser es nur
_vermöchte_, Worte des Mitleids oder auch nur der Dankbarkeit für ihn zu
finden. Grade aber weil in dem Jungen nur der _eine_ Trieb lebt,
loszukommen vom Festgeschmiedetsein an dieser schon halb erkalteten
Leiche, ist in Haarmann nur noch der _eine_ Wunsch: den gehaßtesten,
weil liebsten _mit_ hinabzureißen ins dunkle Land. Das legt er aber so
verschlagen an, daß außer Grans keiner das fühlt. Er spricht immer mit
Zuneigung. Er redet Tage lang nur von „Hans“ (während dieser immer sagt
„Herr Haarmann“ oder „der Angeklagte Haarmann“), droht dabei aber
unterirdisch, bettelt wieder um Gemeinschaft und bricht schließlich aus
in folgende scheinbar erst durch die kalte Verachtung des anderen
heraufbeschworene, in Wahrheit lang vorbereitete _Beschuldigung_: „Grans
hat mir nicht nur die Knaben zugetrieben, damit ich sie töte. Grans hat
nicht nur durch alle möglichen Künste mich geil gemacht und die Knaben
angelernt, wie sie mich wild machen konnten. Grans hat nicht nur
berechnend meine Raserei ausgebeutet und mich tagelang bearbeitet,
Knaben zu töten, deren _Hose_ er gern haben wollte. Grans hat _selber_
gemordet! Schlimmer als ich. Grans und sein Freund Wittkowski haben den
17jährigen Adolf Hennies, mit dem sie Zank wegen Weibergeschichten
hatten, in mein Zimmer gelockt und ihn dort ermeuchelt. Dann haben sie
die Kleider genommen und hohnlachend, als ich nach Hause kam, mir die
Leiche gewiesen: Das ist einer von den _deinen_. – Ich habe geweint und
gebettelt: Nehmt die Leiche fort. Sie hat am Halse keine Saugflecken,
das _kann_ nicht einer von den _meinen_ sein. Aber sie haben mir den
Toten unterschoben, sind auf und davon und ich mußte den Körper zerlegen
und fortschaffen.“ – Auf diese ungeheuerliche Anschuldigung (das Gericht
_glaubte_ sie) hatte Haarmanns Teufelsrachsucht Tage lang hingearbeitet.
Mit treuherzigster Überzeugtheit, mit naiver Eindringlichkeit. Als sie
heraus war und das Ziel, nicht einsam in den Tod zu müssen, erreicht
war, da wurden die Aussagen gegen Grans schon bedenklich flauer, und er
zockte wieder zurück, sobald es dem anderen gelang, auch nur _ein_
freundlicher klingendes Wort sich abzunötigen. (Der mitbeschuldigte
Wittkowski stellte, sowie er von dieser Beschuldigung hörte, sich sofort
freiwillig dem Gericht.) So flutete tagelang die kaum noch empfindbare,
ganz dumpf vorbewußte Gefühlsunterströmung, von Haarmanns verdrängter
Sexualrache ausgehend, an den starren Eispanzer des qualvoll
wachbewußten Grans. Und doch wurde auch dies klar: Die arme Undine war
nicht _nur_ Lebensschmarotzer, nicht _nur_ Gefühlsparasit auf fremdem
Irrsinn ... Gesetzt, ich weiß von dem einzigen Menschen, der mir so
etwas wie Väterlichkeit, Zuflucht, Liebe bot, oder wie man dies _Dumpfe_
nennen will, etwas Schreckliches, ahne das _Aller_schrecklichste und ich
schweige ehern und liefere ihn nicht dem Staate ans Messer, muß das
_nur_ eine Niedertracht sein? Hier steckte etwas von Ethik und
Charakter, ja, hier lag „Größe“. Wenn die Gemeinschaft und ihre Behörden
blind sind, wenn sie Armut, Laster, Selbstfeilbietung, Verbrechen nicht
bewältigen können, oft vielleicht selber fördern helfen, soll dann ich,
der Zwanzigjährige, Ausgestoßene und Abgedrängte, der einzige sein,
welcher alles sieht und alles _sagt_, was er sieht? Grans ging im
Bahnhof unter den Augen von drei Polizeibehörden dem Handel nach mit den
Kleidern Ermordeter. Er trug dabei auf seinem eigenen Leibe: den Mantel
des gemordeten Hennies, den Rock des gemordeten Wittig, die Breecheshose
des gemordeten Hannappel, das Hemd des gemordeten Spiecker. – Hat die
Polizei nichts davon gesehen, so muß man auch diesem Indentaglebenden
glauben, daß er sich „nichts dabei gedacht“ hat. Sein Gefühl zu Haarmann
war keineswegs so einfach, daß er _nur_ Fuchs war, der auf Beutespuren
des Wolfes lebt. Ja, es ist möglich, daß selbst der Schlechteste seine
Scham zeigt gerade darin, daß er sich noch schlechter stellt, als er
_ist_. Wenn die Dirnen kamen, die der junge Grans für sich „arbeiten“
ließ und denen er zu imponieren wünschte, so kehrte er stets hervor, wie
Haarmann unter seiner „Geschlechtshörigkeit“ stünde, schlang etwa die
Arme um den Rabiaten, der dann sofort gefügig wurde und tuschelte dabei
heimlich dem schönen Dörchen ins Ohr: „Den Haarmann treck ik blot ute.“
Und doch war ganz gewiß nicht nur der 45jährige der Geschobene, sondern
auch der 20jährige nahm die Verderbtheit des anderen auf in _seinen_
Willen, und wenn den Haarmann an Grans band die Liebe des alten Wolfes
zum jungen Fuchs, so band den Grans an Haarmann nicht nur die
Dankbarkeit des Schmarotzertieres zu seinem Wirt, sondern auch
mitleidiges Gewährenlassen: „Er liebt mich ja. Was wäre er _ohne_ mich?“
Die Zeugen.
Ungefähr 200 Zeugen traten in diesem Prozesse auf. Versuchen wir, sie
grob zu klassifizieren. Da erscheint zunächst das wimmelnde Jungvolk von
Buhljungen, Hehlern, Zuhältern und Dirnen; aus der Fürsorge entlaufen,
aus liebeleeren oder allzu elenden Elternhäusern gestoßen, bald
_duldend_ verkommen, bald _aktiv_ verkommen. Unter ihnen ist am
stärksten vertreten: die Gruppe der _Phantasiezeugen_. Junge Leute, die
Zeitungen gelesen haben und deren Nik-Carter-Phantasie erfüllt ist von
Mordbeilen, Leichenteilen und verzehrtem Menschenfleisch. Zweie kommen
und sagen aus von komplizierten Fesselungen, sadistischen Geißelungen
und Martern, die Haarmann an ihnen vorgenommen hat. Ein Arbeiter ist von
Grans zum Wein eingeladen und behauptet, er sei fast davon gestorben,
weil Grans ihm heimlich ein Pulver in den Wein geschüttet habe. Ein
vierter hat fabelhafte Gespräche über afrikanisches Pfeilgift (curare)
belauscht, ein fünfter irrsinnige Akte der Wollust mit angesehen ...
Dieser schlimmen Gruppe verwandt sind die _Eitelkeitszeugen_. Eigentlich
ist das, was sie wissen, ein Nichts. Aber sie wollen „auch dabei gewesen
sein,“ sich herausstellen, ihren Scharfblick, ihre Erfahrenheit, ihre
Menschenkunde und Gerissenheit leuchten lassen und so bauschen sie auf
und verwirren statt zu klären. Kommen zu dritt: die _schwierigen
Zeugen_: Dummlich-begriffstutzige Jungen, verstockte, stockige Seelen,
meistens Lumpen im kleinsten Stil, neben denen Haarmann wie ein Riese
dasteht. Sie lassen alle Aussagen tropfenweis aus sich herausziehen,
gänzlich einer Richtung ermangelnd und nicht erfassend, was sie sind,
wissen und sollen. Daneben dann wieder: _die Ängstlichen_:
kleinbürgerliches, notiges Volk, benommen, verprügelt, benaut, weil
jeder aus dem wimmelnden Lumpengesindel irgendeine Schmutzerei kleinsten
Formates zu verbergen trachtet und sich zu belasten fürchtet (denn dies
Pack begaunert sich gegenseitig und steckt dann doch der _Macht_
gegenüber miteinander durch). Sie sind noch jetzt voller Demut vor
„Herrn Haarmann“, der für sie ein „besserer Herr“ und ein „Beamter“ ist.
Auch viele Gestalten aus vornehmer guter Gesellschaft haften in der
Erinnerung. Herren im Gehrock, korrekt und sachlich, gewandt,
geschmeidig, einer mit dem anderen vertauschbar. Sie rücken (Mitglieder
der „guten Gesellschaft“) weit ab von dem wimmelnden Sumpf, denn wenn
sie selber etwa mitbelastet scheinen, so rückt Justiz und Gesellschaft
sofort von _ihnen_ ab. Oberpräsident, Regierungspräsident,
Polizeipräsident, die Kommissare – – das sitzt alles da in ledernen
Stühlen und sieht dem Schauspiel zuckender Todesnot zu; weit davon
entfernt, im Herzen zu sprechen: _mea_ culpa! ...
Kommt ein feines allerliebstes Herrchen in Stiefelettchen und
Chemisettchen, macht eine anmutige Verbeugung vor der Bank der Presse
und beginnt: „Ich bitte die Herren, meinen Namen nicht ausgeschrieben in
die Zeitungen zu bringen, da ich in meiner gegenwärtigen Stellung sonst
Schaden haben würde.“ (Er handelt mit Neppwaren.) Kommt ein anderes
Jüngelchen, zerschmettert, zerdrückt, in Sträflingskleidung, denn er
sitzt wegen irgendeines Einbruchdiebstahls und beginnt: „Herr Präsident,
ich muß mich weigern, einen Eid zu leisten. Ich bin Anhänger von Darwin
und glaube nicht an Gott. Darum kann ich bei _diesem Herrn_ nicht
schwören.“ Eine rührende Episode schafft die Vernehmung der „Verlobten“
des Grans, Elfriede Zwingmann, eines armen Küchenmädchens in der
„Erlanger Bierstube“. Sie entlastet unter ihrem Eide, so gut sie es kann
ihren blonden Tunichtgut; jedes Wort weint um Gnade und sie ist so
einfältig, daß man wirklich fühlt: diese Apachenbraut hat nie etwas
_Böses_ gedacht. Haarmann war für sie ein „Kriminalbeamter“. Wenn ein
solcher Geld nötig hat, dann geht er auf den Bahnhof, wo die Reisenden
ankommen und fragt: „Was haben Sie in Ihrem Koffer?“ Kann der Reisende
darauf keine gescheite Antwort geben, dann konfisziert der Herr Beamte
den Koffer. Die Wäsche und Kleider verkauft er. Davon lebt er. Daher
hatte Haarmann immer Geld. Und wenn er dem Hans nichts abgeben wollte,
dann hat _sie_ ihre armen sieben Mark Wochenlohn dem Hans gegeben; er
war ja wohl untreu, aber immer lieb und gut, und als klar nachgewiesen
wird, daß er sie prügelte, da sagt sie bescheiden: „Nur _ein Mal_; aber
das tat nicht weh.“ Das Gegenstück dazu ist eine _andere_ Geliebte des
Grans: Dora Mrutzek. Es ist eigentlich nicht zu begreifen, warum sie
ihren alten Geliebten geflissentlich belastet – vielleicht dem
eifersüchtigen Ehemann zuliebe? –; freilich ist sie die einzige aus der
von Haarmann eifersüchtig gehaßten Weiberwirtschaft, die mit dem Mörder
sich gut verstand. „Herr Haarmann küßte sich mit die Jungens und lebte
als Kriminal von seinen Zinsen. Wenn es schwere Arbeit gab, dann ging
ich damit zu Herrn Haarmann, und mein Mann (Dörchen hatte außer vielen
Liebhabern auch einen Mann) wurde eifersüchtig und wollte mich schlagen.
Dann lachte Herr Haarmann und sagte: ‚Dörchen ich heirate dich‘; aber er
küßte sich ja doch nur mit die Jungens.“ Haarmann erwidert das Lob, das
sie ihm spendet, indem er erzählt: „Und Sie glauben nicht, was Dörchen
_vertragen_ kann. Eine Flasche Kognak soff sie in der Teediele ganz
allein. Und ward nich dune.“
Die Art der Tötung.
Der Mörder sagt aus: „Ich habe nicht die Absicht gehabt, die jungen
Leute umzubringen. Es ist vorgekommen, daß Knaben immer wiederkamen. Ich
habe sie dann vor mir schützen wollen. Ich wußte: Wenn ich wieder meine
Tour habe, dann passiert was. Ich habe geweint: „Macht mich nur nicht
immer wild.“ Wenn ich wild wurde, dann biß ich und sog mich fest. Es
gibt auch unter den Jungens am Café Kröpcke einige, die gern „dämpfen“
und „Luft abstellen“. Wir balgten uns manche Stunde lang. Ich bin nur
schwer erregbar. In der letzten Zeit wurden es immer mehr. Und ich
dachte oft: „Gott o Gott, wo soll das hin?“ Ich habe mich mit ganzem
Leibe auf die jungen Leute geworfen. Sie waren durch das Herumtreiben
und die Ausschweifungen ermattet. Ich habe ihren Adamsapfel durchbissen,
zugleich wohl auch mit den Händen gewürgt und gedrosselt. An der Leiche
brach ich zusammen. Ich machte mir dann schwarzen Kaffee. Den Toten
legte ich auf den Boden und tat ein Tuch übers Gesicht. Dann sieht er
einen nicht so an. Ich öffnete die Bauchhöhle mit zwei Schnitten und tat
die Eingeweide in einen Eimer. Ich tunkte ein Tuch in das Blut, das sich
in der Bauchhöhle gesammelt hatte und tat dies solange, bis alles Blut
aufgetunkt war. Dann erst schnitt ich mit drei Schnitten die Rippen auf
nach der Schulter zu, faßte unter die losgetrennten Rippen und drückte
solange hoch, bis sie in der Schultergegend knackten. An _der_ Stelle
schnitt ich dann durch und tat sie weg. Nun konnte ich Herz, Lunge,
Nieren fassen, zerschneiden und in den Eimer tun. Zum Schluß wurden die
Beine abgetrennt; dann die Arme. Ich löste das Fleisch von den Knochen
und tat es in meine Wachstuchtasche. Das übrige Fleisch kam unters Bett
oder in den Verschlag. Um nun alles hinauszubringen, und es ins Klosett
oder in die Leine zu werfen, gebrauchte ich fünf oder sechs Gänge. Das
Glied schnitt ich ab, nachdem ich Brust und Bauchhöhle gereinigt hatte.
Ich zerschnitt es in viele kleine Teile. Ich bin immer mit Grauen an
diese Arbeit gegangen und doch war meine Leidenschaft stärker als das
Grauen vor der Zerstückelung. Die Köpfe nahm ich zuletzt vor. Mit dem
kleinen Küchenmesser schnitt ich die behaarte Kopfhaut ringsherum vom
Schädel und zerlegte sie in ganz kleine Streifen und Würfel. Den Schädel
legte ich mit der Wangenfläche auf eine Bastmatte und deckte Lumpen
darüber, um die Klopftöne abzuschwächen. Ich schlug mit der scharfen
Seite eines Beiles, den Schädel immer herumdrehend, die Nähte
auseinander. Das Gehirn kam in den Eimer; die kleingeschlagenen Knochen
warf ich in die Leine; gegenüber dem Schloß. Oder ich ging in die
Eilenriede, dort wo es sumpfig ist, warf die Stücke heimlich vor mich
hin und trat sie in den Sumpf. Nur wenn ich eine Leiche sehr eilig
beseitigen mußte, kann möglicherweise einmal ein Schädel unzerklopft in
das Wasser geraten sein. Die Kleider hab ich verschenkt; das meiste an
Grans. Aus Liebe. Anderes verkaufte ich an Frau Engel oder an Frau
Wegehenkel. Oder ließ es verkaufen.“ – –
Die Anatomen sagen: Es ist möglich, daß Haarmann an jugendlichen
Personen durch Druck gegen den Kehlkopf oder durch Biß die über den
Kehlkopf und über das obere Ende der Luftröhre verlaufenden Zweige des
Vagus und Glossopharyngeus gepreßt und dadurch eine Atem- und
Herzlähmung und somit auch Wehrlosigkeit herbeigeführt hat. Daß durch
Zusammenpressen der Nervenstämme oberhalb des Kehlkopfs der Mensch
leicht wehrlos zu machen ist, gilt als eine Hauptregel des japanischen
Jiu-Jitsu. Man hat ihn leider nicht das Experiment an einem Tiere
vormachen lassen. Es besteht auch die entfernte Möglichkeit, daß er
gelegentlich die Halsschlagader (Carotis) ansog und das warme Blut
eintrank, wodurch das Fehlen von Blutflecken erklärt wäre. Es gehörte
übrigens auch zu seinen perversen Leidenschaften, das Geschlechtsglied
in den Mund zu nehmen und daran zu beißen. Im allgemeinen dürfte er die
ermattet Schlafenden erdrosselt haben. Es ist möglich, daß er das
Fleisch des einen einem anderen vorgesetzt hat. Obwohl feststeht, daß
er, einmal ans Töten gewöhnt, nicht immer nur im Liebesrausch, sondern
auch aus _anderen_ Motiven als aus geschlechtlichen getötet hat, so ist
doch im allgemeinen richtig, daß er _nicht_ nach Zweck und Nutzen
fragte, sondern von Schönheit und Sinnlichkeit getrieben wurde. Als ihm
(seinen zweifellos unwahren Angaben nach) Grans um der Kleider willen
den jungen Wittig zuführte, den er seinerseits nicht sinnlich begehrte,
soll Grans geäußert haben: „Das kann man doch leichter bei Einem, den
man _nicht_ liebt“; – Haarmann sagt belehrend: „Das ist nicht richtig.
Man macht das leichter, wenn man _liebt_.“ Haarmann lügt wo er Grans
belastet. Aber er war vielleicht nicht _nur_ Schauspieler, als er vor
Gericht seine Angstqual herausschrie: „Ich habe Tage, wo jeder Vagabund
mich zu jeder Schlechtigkeit leicht bringen kann. Ich sagte nach dem
Töten oft: Steckten sie mich doch nur in ein Militärasyl. Aber nur nicht
unter Irre. Nur das nicht. Hätte Grans mich geliebt, so hätte er mich
auch retten können. Ach, glauben Sie, ich bin gesund. Ich habe nur
zuweilen meine Tour. Es ist kein Vergnügen, einen Menschen zu töten. Ich
will geköpft werden. Das ist ein Augenblick, dann hab ich Ruh.“