Vorwort.
Kein Baum und kein Wald rauscht durch diese Geschichte. Keine Blume und
kein Stern blicken tröstend darein. Es handelt sich um das hoffnungslos
dunkle Gemälde einer von allen Naturgöttern ausgestoßenen
Höhlenmenschheit, welcher auch das Beglückendste und Heiligste, das im
Kosmos waltet: die schöpferische Liebesmacht der Natur zu Verbrechen und
Krankheit, Laster und Unnatur mißraten ist. Nur mit Widerwillen, ja oft
mit Ekel bin ich, ganz andersartige Lebensarbeit unterbrechend, der
Chronist dieses Stückes „Kulturgeschichte“ geworden. Aber erstens wurde
ich da hineingedrängt durch ein Gericht, das die Wahrheit zu
verschleiern drohte und mithin das ewig _gültige_ Recht zu Gunsten des
bloß zeitlich geltenden Rechtes zu beugen unternahm. Weil aber die
Wahrheit bedroht war, so wurde es fast zur Pflicht, folgerichtig
durchzugreifen und den gesamten Rechtsfall klar und sachlich vor die
Nachwelt zu bringen. Dazu aber kam ein Zweites: In Stadt und Schauplatz
gewurzelt, war ich der Einzige, der Ort, Zeit, Personen und
Zusammenhänge völlig übersehen konnte. Und so wurde es auch von dieser
Seite her zur Pflicht gegen die künftigen Geschlechter, den
merkwürdigsten Rechtsfall unserer Tage aufzubewahren. Es geschah so, daß
dem einfachen Leser alle Vorgänge bildhaft lebendig werden, daß
andererseits aber auch für die Wissenschaft: Psychologie, Psychiatrie,
Strafrecht und Rechtsethik, das Studium dieses Kriminalfalles wertvoll
bleibt. Darüber hinaus aber sehe man in dieser Schrift ein Stück
Zeitkritik und Charakterkunde; denn in dieser Hinsicht kann dies Buch
gelten als ein sinnfälliges Beispiel zu den Lehren, die ich in
„Untergang der Erde am Geist“ und „Geschichte als Sinngebung des
Sinnlosen“ über Philosophie der _Kultur_ und in der „Symbolik der
menschlichen Gestalt“ zur _Psychologie_ niedergelegt habe.
Hannover, im Januar 1925.
_Theodor Lessing_,
Dr. med. und phil. Prof. der Psychologie.
Erster Teil.
Ort und Zeit des Dramas.
Hannover, die Hauptstadt der gleichnamigen deutschen Provinz und der
Mittelpunkt der niedersächsischen Lande, liegt an den letzten Ausläufern
des deutschen Mittelgebirges, von welchem aus sich die norddeutsche
Ebene mit ihren sandigen Kiefern- und Heidebezirken bis fern zur
Nordseeküste hinabzieht. Das Flüßchen Leine, vom Eichsfelde kommend und
die zwischen Harz und Weserbergen eingesenkte hügelige Mulde Göttingens
durchfließend, erreicht unterhalb Elze, zwischen dem Hildesheimer Walde
und dem Osterwalde hervorbrechend, die kahle norddeutsche Ebene; von
Hannover ab macht der Fluß einen Bogen nach Westen und mündet hinter
Hudemühlen im Großen Moor. Das „_Hohe Ufer_“, dort wo der Fluß die
Deisterbäche Ihme und Föße aufnahm und in schnellem Laufe die Altstadt
durcheilt, hat wohl dem um 1050 zuerst erwähnten Orte den Namen gegeben:
„_Honovere_“. – Eine Stadt im Grünen! Denn ein Waldgürtel, die
Eilenriede genannt, 2500 Morgen weit, umzieht die Stadt in weitem
Halbkreis und läßt nur nach Süden die Ebene offen, in welche sich die
sogenannte Masch (oder Marsch) hineinschiebt, ein wasserreiches,
sumpfiges Flachland, an dessen Rande wiederum Waldhügel, genannt Deister
(von Dixter-Dichtwald), die Stadt umgrenzen. Wenige europäische Städte
haben zwischen 1850 und 1900 so völlig ihr Antlitz verändert. Bis 1866
war Hannover die weltfern-vornehme Residenz der alten englischen
Welfenkönige. In dem grünumbuschten Idyll der durch sechshundert Jahre
träumenden Niedersachsenstadt schlugen die ersten Lerchen der deutschen
Lyrik: Hölty und Bürger, sodann die Frühnachtigallen der Romantik: die
Brüder Schlegel; hier grübelten Lichtenberg und Leisewitz, Detmold und
Feder, und vor allem der wissensreichste deutsche Denker: Leibniz.
Moritz und Iffland sind hier geboren, sowie Hartleben und Frank
Wedekind. Als Hannover 1866 durch Bismarck für Preußen annektiert wurde,
hatte die Stadt kaum 70000 Einwohner. Aber in der Zeit nach dem
siegreichen Kriege mit Frankreich zwischen 1870 und 1873, in der
sogenannten Gründerzeit, hielt die Industrie machtvoll Einzug, so daß
die kleinen lieblichen Dörfer der Umgebung, Hainholz, Döhren, Limmer,
List bald zu rußigen Fabrikvororten sich wandelten. Eine Technische
Hochschule wurde gebaut; die Deisterkohle geschürft, und vollends
änderte sich das Stadtbild, als der schiffbare Rhein-Weser-Leine-Kanal
angelegt und in den großen „Mittellandkanal“ überführt wurde,
gleichzeitig aber die riesigen Kalischätze des Bodens rund um Hannover
abgebaut zu werden begannen. Eine einzige Fabrikanlage, die sogen.
„Continental“, welche sich mit dem Herstellen künstlichen Kautschuks
beschäftigte, machte binnen weniger Jahre aus dem kleinen Vorort
Vahrenwald ein fünfzehntausendköpfiges Proletarierviertel. Brauereien,
Spinnereien, Wollwäschereien, die Maschinenfabriken von Gebr. Körting
und Georg Egestorff und die sogen. Hanomag, eine Wagen- und Waggonfabrik
wandelten das jenseit der Ihme gelegene Dorf Linden in eine
Fabrikvorstadt von über hunderttausend Beamten- und Proletarierfamilien.
Immerhin war diese Entwicklung zu Geldherrschaft und Werkertum, darunter
die alte Adels- und Bauernkultur Niedersachsens erstickte, keineswegs
ungewöhnlich. Sie war das allgemeine Wesensgepräge des wilhelminischen
Deutschlands. Wahres Höllenchaos aber setzte ein, als dies preußische
Machtreich zerbrach, und eine an Töten und „Requirieren“ gewöhnte, im
fünfjährigen Weltkriege verwilderte Jugend, alle Zucht und Form
abschüttelnd, in die völlig armgewordene, ausgesogene Heimat
zurückkehrte. 14 Millionen Tote! Im Osten Hungersnöte, welche ganze
Länderstriche dahinrafften und schließlich dahin führten, daß Eltern
ihre Kinder, Kinder ihre Eltern fraßen. Entartung, Verarmung, Verwirrung
ohnegleichen. Das deutsche Geld auf dem Weltmarkt so entwertet, daß nur
durch das immer neue Drucken und Hinausschleudern immer neuer wertloser
Papierfetzen ein trostloses Scheinleben von Tag zu Tag gefristet wurde.
In dieser sogenannten „Inflationszeit“, anhebend mit dem Zusammenbruch
der deutschen Heere im Weltkrieg und den Stürmen der deutschen
Revolution, begann die Bedeutung der Stadt Hannover als eines
internationalen Durchgangs- und Schiebermarktes plötzlich zu wachsen.
Die Stadt beherbergte um 1918 etwa 450000 Menschen. Knapp vier
Eisenbahnstunden von Berlin, Deutschlands großem Wasserkopfe entfernt,
knapp acht Stunden entfernt von Köln (wo damals Engländer-, Franzosen-
und Belgierherrschaft begann), war Hannover der günstigste Mittelpunkt
für das Tausch-, Schieber- und Transaktions-Geschäft, welches Tausende
ernährte. Alle Welt lebte von Spekulation. Da Geld nichts mehr galt, und
nur Sachwerte das Leben fristen konnten, so wurde aufgekauft, getauscht
und gestohlen wie nie zuvor. Und zwischen Berlin, in welches der
slavische, wendische, polnische, jüdische Osten einströmte; Amsterdam,
wo viel Reichtum abfloß nach Holland und England und endlich Köln,
welches nach Belgien und Frankreich die Brücke schlug, lag Hannover aufs
günstigste in der Mitte, so daß sich hier aufzutun vermochten hundert
neue Gründungen, hundert neue Vergnügungs- und Lasterstätten, die ein
schlimmes Händler-, Schieber-, Parasiten- und Schmarotzervolk ins Land
brachten, langsam zerfressend die alte bürgerliche Tüchtigkeit und
ehrenfeste Solidität der (wie ein großer Dichter sie nannte) „_fahlsten_
unserer Städte“.
An drei Stellen der Stadt erhob sich ein Gauner-, Hehler- und
Prostitutionsmarkt ohnegleichen, dessen die Behörden nicht mehr Herr
wurden. Zunächst im Bahnhof und auf den ihn umgebenden Plätzen. Hier
wurde in der schweren Brotmarkenzeit, wo man Brot, Fleisch und Milch nur
in kleinsten Rationen gegen teures Geld und nach stundenlangem
„Schlangenstehn“ erhalten konnte, unter der Hand ein schwunghafter
Handel mit gestohlenem und heimlich geschlachtetem Nutzvieh, auch mit
Kaninchen, Ziegen, Hunden und Katzen, mit Kartoffeln, Mehl und mit
allerhand gepaschter und verschobener Ware getrieben; vor allem aber mit
Kleidern, Wäsche und Schuhen. Hier versammelten sich allnächtlich in den
Wartesälen viele Obdachlose, Arbeitslose, Hungrige und Entgleiste.
Geht man vom Bahnhof aus die breite Baumallee der Bahnhofsstraße
entlang, so gelangt man nach wenigen Minuten in die Georgstraße, die
Herzader der Stadt. Ein weiter Boulevard, lindenüberblüht, voller Beete,
Gartenanlagen, Pavillons und Denkmäler. Und dort zwischen dem alten
berühmten Hoftheater und den schönen Gartenanlagen des sogenannten Café
Kröpcke befand sich um 1918 ein _zweites_ Zentrum der Sittenlosigkeit:
der „Markt der männlichen Prostituierten“, deren 500 damals in den
Polizeilisten eingeschrieben standen, indes der Kriminaloberinspektor
die Gesamtzahl der sogenannten Homosexuellen in Hannover auf nahezu
40000 veranschlagte. Sie bildeten eine eigene kleine Welt. In einem der
schönsten Lokale der Kalenberger Vorstadt, dem sogen. Neustädter
Gesellschaftshaus veranstalteten sie Gesellschaftsabende und Bälle, bei
denen Knaben und Jünglinge in weiblicher Ballkleidung den Damenflor
vertraten. Ein zweiter minder vornehmer Treffpunkt war der alte Ballhof,
ein Barocksaal aus der Königs- und Kurfürstenzeit. Und für die
allerunterste Schicht gab es in einer der ältesten und verrufensten
Straßen der Altstadt, welche „Neue Straße“ heißt, ein kleines Tanzlokal,
genannt „Zur schwulen Guste“, wo nur auf ein bestimmtes Zeichen hin
zugelassen, lesbische Mädchen und gleichgeschlechtlich gerichtete Männer
nachts zusammenkamen. Aber das dritte Hauptzentrum alles Luder- und
Lasterlebens war die malerische Altstadt, dort wo der Fluß an dem
sogenannten Hohen-Ufer entlang eine von vielen Brücken überquerte, als
„Klein-Venedig“ bekannte, uralte Inselstadt bildet: Verfallene Winkel,
Jahrhunderte altes Gemäuer, ein trotziger altsächsischer Beguinenturm
und ein Gewirre von Giebeln, Fachwerk und baufälligen, noch ans
Mittelalter mahnenden Gassen, aus deren Mitte jene Kirche ragt, in
welcher Leibniz begraben liegt, sowie der auf dem „Berge“, einer
plangemachten Rampe, erbaute maurische Judentempel. Dieser Stadtteil,
unmittelbar benachbart dem vom Strome bespülten mächtigen Schlosse der
Welfen, war einst der _vornehmste_ Stadtteil, ist aber im Laufe der
Zeiten, ähnlich der Umgebung des Berliner Schlosses, zum ärmsten
Kaschemmen- und Verbrecherviertel herabgesunken. Gleich dem alten
Hildesheim, Braunschweig und Goslar, das Entzücken für jedes
schönheitsuchende Auge, wurde dieses älteste Hannover die Brutstätte
lichtloser, armutgelber, in Verfall und Moder atmender, zum Unglück
verfluchter Geschlechter. –
Die „Neue Straße“ mit dem einstigen Wohnhaus des Herzogs Friedrich
Wilhelm von Braunschweig, dem späteren Armenhaus, zieht sich entlang der
steilen Uferhöhe des Flusses. Die Hinterwände ihrer dreihundertjährigen
Häuser, ihre Erker und Balkone stürzen jäh hinab in den Fluß, über
dessen Ufern die grünumbuschten armen Höfe und rührend bescheidenen
Gärtchen schweben. Nicht weit davon, dem Judentempel gegenüber, liegt
die sogenannte „Rote Reihe“; eine Gruppe müder, einander kaum noch
stützender morscher Häuser, in deren einem (dem Mordhaus benachbart)
einst der Elektrotechniker Rühmkorff die Induktionselektrizität
entdeckte. In diesem schmutzigen Häusergewirre, auf den seit
Jahrhunderten ausgetretenen elenden Holzstiegen, in Verschlägen, mehr
Käfigen gleich, nur durch dünne Tapetenwände oder Bretterverschläge
voneinander abgetrennt, hausten in Deutschlands Elendszeit die Ärmsten
der Armen. Die aus dem großen Kriege übriggebliebene Jugend hatte die
Lehre begriffen, daß man um eines Rockes, um eines Paar Stiefeln willen
den Feind töten darf. Und „Feind“ ist jeder _andere_. Auf der „Insel“
war Diebesbörse und Hehlermarkt. Hier wurde (in der Sprache dieser
Hinterwelt geredet) allabendlich geküngelt und gekütchebütcht. Hier
wurde Schores geschoben (d. h. Diebesware verhandelt), wurde Rebbes
gemacht, wurde manche „heiße Sache gedreht“. Abends, wenn der Mond hing
über den morschen Dächern und grauen Schloten und den gespenstigen
schwarzen Fluß versilberte, kam die schwere, dürre, zermürbte,
zerarbeitete Leidensmenschheit aus ihren alten Kästen hervor und hing
und hockte über der stinkenden Lagune, auf der alten Brücke: arme,
sorgenschwere, kinderreiche Mütter, müdegewordene, früh verstumpfte
Männer. Und dazwischen wimmelte lebensgierig das junge Volk; die Unzahl
der Gassendirnen und ihrer Zuhälter, „Nepper“, „Strezer“,
„Schoresmacher“, die in der „Kreuzklappe“, im „Kleeblatt“, im „deutschen
Hermann“ manche Missetat baldowerten, während die rätselhaften Sterne
glitzerten im dunklen Wasser des in sich selbst versumpfenden Stromes.
Die ersten Leichenfunde.
Am 17. Mai 1924 fanden Kinder, die an der Wasserkunst nahe dem Schlosse
Herrenhausen spielten, einen Menschenschädel. Am 29. Mai wurde mitten in
der Stadt an der Brückmühle hinterm Leineschloß im Mühlengraben ein
feiner Jünglingsschädel angespült. Am 13. Juni klagten die augenlosen
Höhlen zweier neuer Schädel zum Licht. Wiederum: der eine im Osten der
Stadt bei der Wasserkunst; der andere im Westen neben der Brückmühle.
Die gerichtsärztliche Untersuchung ergab, daß es sich handelte um Köpfe
junger Menschen im Alter von 18 bis 20 Jahren. Bei dem am 13. Juni bei
der Brückmühle gefundenen um den eines 11 bis 13 Jahre alten Knaben. Bei
allen Schädeln war festzustellen, daß sie mit einem scharfen Instrument
vom Rumpfe getrennt worden waren. Fleischteile fehlten fast völlig oder
waren verwest, da die Knochen anscheinend schon lange Zeit im Wasser
gelegen hatten. An dem am 13. Juni bei der „Wasserkunst“ gefundenen
Kopfe ließ sich feststellen, daß die Kopfhaut durch einen skalpartigen
Schnitt vom Knochen abgelöst worden war. Man riet zunächst darauf, daß
die Schädel aus der Göttinger Anatomie stammten, oder daß sie in Alfeld,
wo zu jener Zeit eine Typhusepidemie herrschte, in die Leine geworfen
waren, oder endlich, daß sie ins Wasser geschleudert wurden,
gelegentlich von Gräberschändungen, die im Engesohder Friedhof entdeckt
wurden. Keine von diesen Vermutungen bestätigte sich. Dagegen fanden
Knaben, die auf einer Wiese in der Döhrener Masch spielten, einen Sack
mit menschlichen Knochen, und am 24. Juli wurde in der Feldmark Garbsen
abermals ein offenbar vom Körper getrennter skalpierter Schädel
aufgefunden, welcher wiederum von einem ganz jungen Menschen stammte.
Die vielen Knochenfunde konnten nicht verborgen bleiben. Es bemächtigte
sich weiter Volkskreise eine schon lange vorbereitete Schrecksucht.
Schon seit Jahr und Tag nämlich war im Volke ein abergläubisches Gerücht
im Schwange: „Es gibt in der Altstadt Menschenfallen. Junge Kinder
verschwinden in Kellern. Knaben werden in den Fluß versenkt.“ Man
erzählte, daß in der schweren Notzeit Menschenfleisch auf dem Markt
verkauft worden sei. In den Dörfern um Hannover weigerten sich junge
Mägde, in die Stadt einkaufen zu gehen. Und die ungewisse Angst vor
einem die Gegend unsicher machenden „Werwolf“ wuchs von Tag zu Tag. In
den Jahren 1918 bis 1924 waren außergewöhnlich viele Menschen vermißt
oder verschwunden. Im Jahre 1923 wuchs die Zahl der als vermißt
Gemeldeten auf fast 600, und wenn auch die größere Anzahl der Vermißten
sich wieder einfand, so blieb doch im Vergleich mit anderen gleichgroßen
Städten die Anzahl der Verschwundenen in Hannover ziemlich groß. Die
Nachforschung zeigte, daß es sich recht häufig handelte um Knaben und
Jünglinge zwischen 14 und 18 Jahren.
Am Pfingstsonntag des Jahres 1924 zogen Hunderte aus Hannover und
Umgebung an die „Hohen Ufer“, besetzten die kleinen Stege und
Leinebrücken der Altstadt und begannen ein fieberhaftes Suchen nach
Leichenteilen und Knochen. Am fünften Juli in der Morgenfrühe wurde,
nachdem man noch eine ganze Anzahl menschlicher Knochen gefunden hatte,
das ganze Flußbett von der Brückmühle an bis zur großen Leinebrücke am
Clevertor abgedämmt und durch Polizeibeamte und städtische Arbeiter
gründlich nach Leichenteilen durchsucht. Diese Stelle der Leine liegt
mitten in der Stadt. Sie kann von Selbstmördern wegen des dort
stattfindenden starken Verkehrs nicht aufgesucht werden. Das Ergebnis
war furchtbar. Es wurden über 500 Leichenteile gefunden, deren
Untersuchung durch den Gerichtsarzt ergab, daß es sich um die Reste von
mindestens 22 Personen handelte, von denen ungefähr ein Drittel im Alter
zwischen 15 und 20 gestanden haben mochte. Etwa die Hälfte hatte schon
längere Zeit im Wasser gelegen. – An den noch frischen Knochen aber
wiesen die Gelenke glatte Schnittflächen auf.
Inzwischen war teils durch das forsch zugreifende Vorgehen des
Kriminalkommissars Retz, eines freundlichen jungen Riesen, teils durch
eine Reihe merkwürdiger Zufälle die Aufklärung gelungen. Am 23. Juni
wurde der vermutliche Täter ins Gerichtsgefängnis eingeliefert. Es war
der am 25. Oktober 1879 zu Hannover geborene Friedrich, genannt Fritz,
Haarmann; fünfzehnmal vorbestraft; seit 1918 Spitzel im Dienste der
Kriminalpolizei; im übrigen Handel treibend mit Kleidern und Fleisch;
seit vielen Jahren auf der Sicherheits- und Kriminalpolizei bekannt als
Homosexueller. – Seine Erscheinung warf alle gewohnten Vorstellungen von
Mord und Mördern über den Haufen.
Das Signalement.
Vor uns steht eine keineswegs unsympathische Erscheinung. Äußerlich
betrachtet: ein schlichter Mann aus dem Volke. Freundlich blickend und
gefällig, zuvorkommend; auffallend gepflegt, sauber und „tipp-topp“. Er
ist gut mittelgroß, breit und wohlgebaut und hat ein zwar derbes, grobes
aber gleichsam wie blankgescheuertes, klares und offenes
Vollmondsgesicht mit frischen Farben und kleinen neugierigen und
fröhlichen Tieräuglein. Sein Schädel ist rund, zeigt breite fliehende
Stirn, schmales Mittelhaupt und eine steile Linie des Hinterhauptes. Die
Ohren sind nicht groß, liegen ein wenig unterhalb der Augenhöhe und
stehen vom Kopfe ab. Auch die Nase ist nicht groß und so wenig
auffallend wie das ganze Antlitz. Im Profil nicht unedel, sieht sie doch
von vorn betrachtet etwas knollig aus, ist an der Wurzel breit und hat
starke witternde Flügel. Der Mund ist klein, frech und dicklippig. Die
Zunge, in der Erregung vorschnellend und die Lippen netzend, ist
auffallend fleischig; die Zähne sind weiß, stark, scharf und gesund; das
Kinn tritt energisch vor. Die Oberlippe schmückt ein kleines englisches
Bärtchen, die vollen Wangen sind sauber rasiert. Sein bräunliches
Haupthaar, glatt anliegend und links gescheitelt, ist nicht eben voll.
Das zwischen braun und grau schillernde Auge ist kalt und seelenlos;
aber gerissen und verschlagen und meistens in Bewegung. Der Blick ist
suchend nach außen gekehrt; aber vergletschert zu unnahbarer
Verschlossenheit, sobald die hysterisch auf- und abflutende Stimmung auf
Peinliches festgelegt wird. Merkwürdig aber ist folgender Gegensatz:
Diese Physiognomie ist auffallend gebunden, ungelöst, und „wie
eingespunden im Fasse ihres Ich“. Zugleich aber gibt sich der Mann
unerträglich geschwätzig, mitteilungsbedürftig und überbeweglich. Er
redet fortwährend auf sein Gegenüber ein; dabei fuchtelt er mit seinen
weißen weichlichen Händen und den langen Fingern, an denen er in der
Nervosität unaufhörlich zerrt und zupft. An der linken Hand fehlt ihm
ein Fingerglied. Er gibt an, daß es bei einer Schlägerei ihm abgebissen
worden sei. Auch sein Rumpf ist gut entwickelt; der Nacken ist stark und
gemein; Brust und Rücken zeigen wie das Gesäß rundliche weibische
Fettpolster. Der Leib ist zwar derb; aber hat etwas vom Weibe. Das
Geschlechtsglied ist stark; die Schambehaarung verläuft nicht im spitzen
Winkel zum Nabel; sondern im flachen Bogen oberhalb des Schambeines. Die
plumpen Füße haben flache Sohlen. Die Stimme, breiig, schleimig und nah
am Diskant, erinnert an das Organ alter Frauen. Der ganze Habitus ist
„androgyn“. Man möchte sagen: nicht männlich, nicht weiblich, nicht
kindlich. Aber männisch, weibisch und kindisch _zugleich_. Am
auffallendsten an dem Mann (leider von den Sachverständigen nicht
studiert und nicht einmal beachtet) sind die vielen Automatismen
und Stereotypien. (Als „Automatismen“ bezeichne ich solche
Ausdrucksbewegungen, die unwillkürlich wiederkehren; als „Stereotypien“
solche, die allmählich zu Gewohnheit geworden sind.) Automatisch sind z.
B. gewisse Bewegungen: eine Art Taperigkeit oder Tatteligkeit des
Ganges, sodann (besonders wenn man ihn lobt oder in Verlegenheit bringt)
eine fast kokette Schwänzelei mit Gesäß und Unterkörper. Ferner: Sobald
er müde wird, beginnt er automatisch mit der linken Hand an eine
bestimmte Stelle des rechten Mittelhauptes zu greifen, als wenn sich
dort ein kranker Fleck befände. Wenn er den Faden verliert (denn er muß
wie Sternes Korporal Trim „alle Sachen ganz von vorn erzählen“) macht er
eine typische Leckbewegung mit der fleischigen Zunge. _Stereotyp_ ist an
ihm jenes ewige Zerren an den Fingern, das Benetzen der Lippen, das
Einkneifen der Augenlider, sobald er eine Verteidigungshaltung annimmt.
Auch sind alle seine Reden übervoll von stereotypen Redensarten. (Nüch?
nüch wahr? Och! Och ne! „Und so weiter, und so weiter!“ Ach Unsinn! ...
Er spricht übrigens auffallend hannoveranisch.) Bestimmte
Lieblingsvorstellungen kehren immer wieder. (Z. B., daß alle Jungens in
ihn verliebt seien; daß nicht er hinter Knaben, sondern daß die Knaben
alle hinter ihm her seien; daß auch die Frauen (die er im übrigen tief
verachtet und gleichsam als Nebenbuhlerinnen empfindet) gern mit ihm
„poussieren“ möchten.) Obwohl er nicht den mindesten Sinn hat für fremde
Rechte und überhaupt keine sozialen (sympathetischen, altruistischen;
aus Mitleid fließenden) Gefühle hegt, ist er doch durchaus gesellig. Die
beiden tiefsten Gefühle seiner Natur sind das Bedürfnis nach Wollust und
das Bedürfnis nach Zärtlichkeit. Und sie sind so aneinandergefesselt,
wie im Mahabharata der Menschenfresser Hidimba, der Dämon der Blutgier,
gebunden ist an seine Schwester Hidimba, die Göttin der zärtlichen
Schönheit. Er möchte geliebt, ja er möchte gerne bewundert sein und
steckt voll von Beachtungs- und Beeinträchtigungsideen, wobei er mault
und schmollt wie ein dummes, störrisches Kind, das sich immer
benachteiligt wähnt. – Er liebt weibliche Arbeiten, backt, kocht und
stopft Strümpfe, raucht aber dabei schwere Zigarren. Immerhin gehört er
zum Typus des „Weibmannes“ (der sogenannten Tante). Seine
Lieblingsgenüsse sind Bohnenkaffee, starke Zigarren und Harzkäse. Im
allgemeinen erscheint er wie ein gar nicht bösartiges, ganz im
Augenblick lebendes, völlig eigenbezügliches und durchaus triebhaftes
Tier; renommistisch, aber leicht lenkbar. Jede Vorstellung, die man ihm
eingibt, hat die Strebung für sein Bewußtsein sofort „Wirklichkeit“ zu
werden; eben darum ist er vollkommen außerstande, _abstrakte_, d. h.
unbildliche Vorstellungen festzuhalten. Man könnte in dieser Hinsicht
sagen, daß sein Verstand weit schlechter entwickelt ist, als seine
Vernunft. Dieser „Kurzschluß“ zwischen Vorstellung und Wirklichkeit ist
so unmittelbar, daß, wenn er z. B. vom Köpfen („Geköppt werden“)
spricht, er bildhaft den Gang zum Schafott und das Fallen des
Fallmessers dem Besucher vorahmt; wenn er erzählt, wie er die Leichen
zerstückelte, so ahmt er mit den Händen die Schnitte nach; steigert er
sich in Sentimentales hinein („Ich will auf dem Klagesmarkt hingerichtet
werden. Auf meinem Grabe steht der Spruch: ‚Hier ruht der Massenmörder
Haarmann.‘ An meinem Geburtstage kommt Hans und legt einen Kranz
nieder“), dann kommen ihm sogleich Tränen ins Auge; berichtet er von
Geschlechtlichem, dann greift er (selbst im Gerichtssaal) automatisch in
die Geschlechtsgegend. Er ist ein Stück Natur; ohne Logik und ohne
Moral. Aber auch ohne logische und moralische Heuchelei.
Elternhaus und Jugend.
Am 25. Dezember 1921 verstarb, 76 Jahre alt, in Hannover der „olle
Haarmann“. Manche Hannoveraner erinnern sich noch an das vermickerte,
gnitterische, zänkische, immer übellaunige und übelnehmerische Männlein,
als an das Urbild eines Krakehlers und mißwollenden Pfennigfuchsers. – –
Hinter allen „Schürzen“ war er her. Abendlich aber randalierte oder
prahlte er in den alten Pinten, Kabakken und Kabuffs der Altstadt. Schon
_sein_ Vater war Querulant und Trinker gewesen. Und in der Familie gab
es ebensoviel Erbbelastete wie in Zolas Familie Rougon-Macquart. Der
„Olle Haarmann“ war in seiner Jugend Lokomotivheizer; hatte aber den
Dienst, darin er für unzuverlässig galt, 1886 verlassen, wegen eines
angeblich im Betriebe erlittenen Unfalls, wobei sein Lokomotivführer zu
Tode kam. Er prozessierte, ein typischer Rentenhysteriker, mit der
Eisenbahndirektion, obwohl er eigentlich in ganz behaglichen
Verhältnissen leben konnte. Denn durch eine Nutzheirat mit einer sieben
Jahre älteren Frau, seiner am 5. April 1901 verstorbenen Ehefrau
Johanne, geb. Claudius, waren ihm ein paar Häuser und ein kleines
Vermögen in die Hände gekommen, so daß er in der „Gründerzeit“ zum
wohlhabenden Bürger geworden, fortan auskömmlich zu leben vermochte. –
Er war ein wüster, zänkischer, kleinlicher, verschlagener Mensch, und
sein unzufriedenes Wesen wurde unleidlicher noch, als er, in reifen
Jahren syphilitisch geworden, seinen alten Frauenzimmergeschichten –
(bald nach seiner Heirat schon nahm er mehrfach Maitressen ins Haus) –
nicht mehr nachgehen konnte ... Die Mutter des Mörders war eine
einfältige, etwas blöde Person, früh verbraucht, überaltert und seit der
Geburt des sechsten Kindes (eben des Triebverbrechers) immer bettlägerig
dahinkränkelnd. Von den sechs Kindern wurde der älteste Sohn Adolf ein
braver kleinbürgerlicher Werkmeister auf der „Continental“, ordentlicher
Philister und Familienvater. Der zweite Sohn, Wilhelm, wurde in jungen
Jahren wegen eines Sittlichkeitsdelikts bestraft, begangen an dem
12jährigen Töchterchen eines benachbarten Gastwirts, und auch die drei
Töchter, alle drei von ihren Männern früh geschieden, erwiesen sich als
leicht aufgeregte, triebbelastete Naturen. Eine der Schwestern, Frau
Rüdiger, verstarb in den Kriegsjahren. Mit der zweiten, Frau Erfurdt,
konnte der Mörder sich nie recht vertragen, und nur die Schwester Emma,
eine Frau Burschel, blieb stets mit ihm verbunden, was aber doch nicht
ausschloß, daß auch diese beiden Geschwister zwischendurch miteinander
prozessierten, ja, daß der Bruder gelegentlich in dem Zigarrenladen der
Schwester Diebstähle und sogar Einbrüche veranstaltete, die er nachher
unter Tränen ableugnete oder anderen in die Schuhe schob. – Friedrich
(genannt Fritz), Heinrich, Karl Haarmann wurde am 25. Oktober 1879 als
jüngstes Kind geboren; die Mutter war damals 41 Jahre alt. Aus der
frühesten Jugend wissen wir nur (aus Erzählungen der Geschwister), daß
dieses Kind von der immer kränklichen Mutter sehr verhätschelt wurde. –
Für den Seelenforscher ist es von Wichtigkeit, daß schon der kleine
Knabe in dem Vater eine Art Nebenbuhler sah, welchen er haßte und tot
wünschte. Durch das ganze Leben zieht sich diese Feindschaft mit dem
Vater. Die beiden beschuldigen und bedrohen einander. Der Vater droht,
den Sohn ins Irrenhaus zu bringen, der Sohn will den Vater (wegen eines
angeblichen Mordes an seinem Lokomotivführer) ins Zuchthaus setzen. Es
kommt immer wieder zu Mißhandlungen und Schlägereien. Jeder behauptet,
daß der andere ihm nach dem Leben trachte, ihn vergiften wolle, ihn
beeinträchtige. Zwischendurch verbinden sie sich aber auch mal wieder zu
gemeinsamen Betrügereien oder entlasten einander vor Gericht. Das
Verhältnis Haarmanns zur Mutter dagegen ist von immer gleicher
Schwärmerei. Sie ist die Einzige, von der er Gütiges zu erzählen weiß
und stets mit sentimentalen Gefühlen spricht. Im übrigen ist die Familie
heillos zerrüttet. Die Geschwister prozessieren unaufhörlich. Erst um
das Erbteil der am 5. April 1901 verstorbenen Mutter; späterhin auch um
das väterliche Erbe. Aus den Anekdoten, die wir aus den Kinderjahren
Haarmanns erfahren konnten, entnehmen wir zwei Züge: Erstens seine
weiblichen („transvestiten“) Neigungen. Er spielte gern mit Puppen,
machte auch weibliche Handarbeiten und wurde in Gesellschaft von Knaben
rot und verlegen. Zweitens: seine Neigung, Angst und Entsetzen in seiner
Umgebung zu erregen, indem er die Schwestern festband, ausgestopfte
Kleiderpuppen auf die Treppe legte, heimlich nachts an die Fenster
klopfte und Gespensterfurcht erweckte. Ostern 1886 kam er auf die
Bürgerschule 4 am Engelbostelerdamm. Die Lehrer schildern das hübsche
Kind als verwöhnt, verzärtelt, still, leicht lenksam, allgemein beliebt
und verträumt. Sein Betragen war „musterhaft“; aber alle Leistungen weit
unter Durchschnitt. Nachdem er zweimal (1888 und 1890) in der
siebenstufigen Schule „sitzen geblieben“ war, wurde er 1894 als Schüler
der 3. Klasse in der Christuskirche von Pastor Hardelandt konfirmiert.
Noch nach einem Menschenalter beklagte er sich bitter darüber, daß er
bei dieser Gelegenheit ein altes Gesangbuch getragen habe, während seine
Geschwister ein neues bekommen hätten. Er sollte nun Schlosserlehrling
werden, erwies sich aber als unbrauchbar, und so gab man ihn mit einem
Schub anderer Kapitulanten auf die Unteroffizier-Vorschule Neu-Breisach.
Am 4. April 1895 kam er in Neu-Breisach im Breisgau an: ein körperlich
gut entwickelter, kräftiger, etwas zu Korpulenz neigender, 16jähriger,
gesunder Junge mit hübschem, regelmäßigem aber ausdruckslosem Gesicht.
Er war ein guter Turner, ein folgsamer Soldat; aber am 3. September wird
er in das Garnison-Lazarett überführt, weil sich plötzlich „Anzeichen
von geistiger Störung“ bei ihm bemerkbar machten. Es handelte sich um
zeitweise Bewußtseinstrübungen (Absenzen) oder um eine Angstneurose. Man
führte sie auf eine Gehirnerschütterung beim Reckturnen zurück oder auf
einen während der Manöverübungen erlittenen Sonnenstich. Nach 14 Tagen
wurde er als gesund entlassen, weil nur vorübergehende Halluzinationen
hatten festgestellt werden können. Aber schon am 11. Oktober mußte er
wiederum dem Lazarett zugeführt werden, weil sich bei ihm erneut eine
Störung zeigte, die im Krankenjournal bezeichnet wurde als
„Epileptisches Aequivalent“. So wurde er denn am 3. November 1895 als
ungeheilt in die Heimat entlassen, nachdem er selbst um seine Entlassung
gebeten hatte, „weil es ihm auf der Unteroffizierschule nicht mehr
gefalle“. Sein Vater, der 1888 eine kleine Zigarrenfabrik begründet
hatte, wollte ihn in dieser beschäftigen, aber, da der Junge nicht
arbeiten mochte, so kam es nun täglich zu neuen Zänkereien zwischen
Vater und Sohn. Inzwischen hatte auch das Geschlechtsleben des
Frühentwickelten mächtig eingesetzt. Nachdem (offenbar schon im
siebenten Lebensjahre) Geschlechtsvergehen auf der Schulbank den Jungen
früh verdorben hatten und ihn zum Verderber für andere Knaben werden
ließen, scheint seine erste „Liebeserfahrung“ die gewesen zu sein, daß
eine in der Nachbarschaft wohnende 35jährige mannweibliche Frauensperson
den 16jährigen dazu verführte, nachts über ein Dach hinweg durchs
Fenster bei ihr einzusteigen; von da ab setzten dann ein: jene
fortwährenden Sittlichkeitsdelikte an kleinen und größeren Kindern, die
durch das ganze Leben Haarmanns, man könnte fast sagen Tag um Tag,
hindurch gehen (und es bedauerlich machen, daß man diesen
Triebirrsinnigen nicht nach dem neunten oder zehnten Triebvergehen ruhig
_kastriert_ hat, wodurch alle seine späteren Mordtaten wären verhindert
worden). Mitte Juli 1896 wurde ein erstes Strafverfahren gegen den
17jährigen eingeleitet, weil er in mehreren Fällen kleine Kinder in
Hauseingänge oder in Keller gelockt und mit ihnen unzüchtige Handlungen
vorgenommen hatte. Auf Entschluß der Strafkammer wurde am 6. Februar
1897 der Bursche zur Beobachtung seines Geisteszustandes in die
Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim überführt. Hier wurde bei
ihm „Geisteskrankheit“ (angeborener Schwachsinn) festgestellt. Er wurde
am 25. März 1897 in Hildesheim entlassen und nunmehr von der Polizei als
„gemeingefährlicher Geisteskranker“ dem städtischen Krankenhaus auf der
Bult in Hannover zugeführt. Das Strafverfahren wurde auf Grund des § 51
St.G.B. eingestellt. Im Bultkrankenhause verblieb der Schwerbelastete
bis zum 28. Mai 1897. An diesem Tage wurde er auf Antrag des Magistrats
Hannover wieder in die Hildesheimer Irrenanstalt gebracht, nachdem durch
das Gutachten des Stadtarztes Dr. Schmalfuß (den ich als besonnenen und
gewissenhaften Arzt kannte), _unheilbarer Schwachsinn_ festgestellt war.
In der Irrenanstalt Hildesheim nun muß der junge Mensch ein „psychisches
Trauma“, d. h. eine Seelenverängstigung erlitten haben, die für sein
ganzes weiteres Leben entscheidend blieb. Obwohl ich Haarmann als einen
Erzschauspieler gekannt habe und nie geneigt war, ihm eine Angabe mehr
als _halb_ zu glauben, so glaube ich ihm doch ohne weiteres jene immer
wiederkehrende Angst vor dem Irrenhause, die ihn immer neu ausrufen
ließ: „Köpft mich; aber bringt mich nicht wieder ins Irrenhaus.“ – Der
Kreis von Lebensschmarotzern, der in späteren Jahren den monomanen
Triebirrsinn des Unseligen ausnutzte und gleichsam auf den Spuren dieses
Werwolfs sein Leben fristete wie Hyänen auf Spuren des Panthers, hatte
unbedingt Gewalt über Haarmann, so bald man ihn nur mit der Drohung
einschüchterte: „Wir bringen dich ins _Irrenhaus_.“ Schon am 13. Oktober
gelang es ihm, gelegentlich einer Gartenarbeit aus dem Irrenhause zu
entweichen. Aber fünf Tage später wurde er in seiner elterlichen Wohnung
ergriffen und nach Hildesheim zurückgebracht. Aber von nun ab lauerte er
nur auf Gelegenheit, wieder auszubrechen. Sie bot sich, als man ihn
Weihnachten nach der Idiotenanstalt in Langenhagen versetzte; zwei Tage
später, am 25. Dezember 1897 – während der Lichterbaum brannte – war er
entwichen. Er flüchtete – anscheinend mit Hilfe der Eltern – in die
Schweiz, wo ein Verwandter der Mutter in der Nähe von Zürich als
Kunstmaler lebte. Unerklärlich freilich ist es, wie es ihm gelang, von
der Polizei ein Unbescholtenheitszeugnis zu erhalten.
Von Mai 98 bis März 99 arbeitete er erst als Handlanger auf einer
Schiffswerft, dann beim Apotheker Dürenberger in Zürich. Im April 99
kehrte er nach Hannover zurück, wo inzwischen sein Entweichen in
Vergessenheit geraten war. Er war jetzt 20 Jahre alt ...
Wieder begann das alte Lungerleben. Der Vater versuchte, ihn in seiner
Zigarrenfabrik zu beschäftigen. Der Sohn zeigte sich arbeitsscheu. Vater
und Sohn schlugen sich; die schwache, vom Manne unterdrückte Mutter trat
ohne rechten Rückhalt für den Jungen ein. In einem dem alten Haarmann
gehörigen Hause in der Burgstraße wohnte ein Arbeiter namens Loewert.
Seine Tochter Erna, ein derbes, blondes Mädchen, grob und hübsch, wurde
Haarmanns „Braut“; Weihnachten 1899 verlobten sie sich förmlich, mit
Einstimmung der beiden Familien, die von dieser festen Bindung eine
Heilung für das Herumstreichertum des jungen Mannes erhofften. Dieses
Liebesverhältnis dauerte drei Jahre. Die Erna Loewert wurde die nächste
Freundin der Schwestern Haarmann. Sie wurde im Jahre 1901 von dem
23jährigen Burschen schwanger; aber das Kind wurde durch eine Hebamme
abgetrieben. Im Oktober 1900 erhielt Haarmann einen Gestellungsbefehl.
Er unterbrach sein arbeitsscheues Herumtreiberleben, um abermals Soldat
zu werden. Am 12. Oktober 1900 wurde er als Ersatzrekrut beim
Jägerbataillon 10 in Bitsch bei Colmar eingestellt. Von dieser Zeit
sprach er stets als von der schönsten seines Lebens. Seine Vorgesetzten
waren mit ihm zufrieden. Hauptmann v. Gottberg nahm ihn zum Burschen.
Leutnant Fischer lobte ihn als „den besten Schützen in der Kompagnie“.
In diese Militärdienstzeit fiel der Tod seiner Mutter, zu deren
Beerdigung er Ostern 1901 nach Hannover in Urlaub fuhr. Der Vater wollte
jetzt den Verkehr mit der Erna Loewert nicht mehr leiden und schrieb, um
das Verhältnis zu hintertreiben, an den Bataillonskommandeur nach
Bitsch; aber man hatte keinen Anlaß, den dienstwilligen Soldaten zu
tadeln, bis im Oktober die Manöver kamen und bei einem anstrengenden
Marsch Haarmann zusammenbrach, wonach Schwindelanfälle und
Schwächezustände eintraten, infolge deren er am 4. Dezember wegen
„Neurasthenie“ ans Garnisonlazarett in Bitsch überwiesen wurde. Hier
soll ein junger Stabsarzt sich für den hübschen Jungen ungebührlich
interessiert haben. Er blieb länger als vier Monate im Lazarett. Da man
aus seinem Leiden nicht klug werden konnte, so wurde er am 14. Mai 1902
nach Straßburg ins Garnisonlazarett I auf die Station für Nervenkranke
überführt. Und dort wurde Folgendes festgestellt: „Es liegt ein schon
lange bestehender Intelligenzdefekt vor, der aber nur bei systematischer
Prüfung zu Tage tritt, da im übrigen Haarmann durchaus keinen
schwachsinnigen Eindruck macht. Mit höchster Wahrscheinlichkeit ist
anzunehmen, daß er im Jahre 1895 an Hebephrenie (Jugendirrsinn)
erkrankte, daß sich hieran ein erheblicher Schwachsinn anschloß, der
eine angeborene Idiotie vortäuschte, worauf allmählich wieder eine
gewisse Besserung eintrat. Haarmann ist wegen überstandener
Geisteskrankheit, die einen gewissen Schwachsinn hinterlassen hat, für
dienstunbrauchbar und teilweise erwerbsunfähig zu betrachten.“ – Beim
Generalkommando des 15. Armeekorps in Straßburg wurde angenommen, daß
das früher bei Haarmann bestehende Leiden durch den Militärdienst,
insbesondere durch die Anstrengungen bei den Herbstübungen 1901
erheblich verschlimmert worden sei. Durch Verfügung vom 23. Juli 1902
wurde er demgemäß „auf Grund innerer Dienstbeschädigung als dauernd
ganzinvalide, zeitig _teilweise_ erwerbsunfähig und dauernd untauglich
zur Verwendung im Zivildienst anerkannt.“ Er wurde sodann am 28. Juli
vom Jägerbataillon in Bitsch entlassen. In der Überweisungsnationale ist
seine Führung als „recht gut“ bezeichnet. – Er bezog von nun an eine
militärische Rente, die monatlich 21 Mark betrug. Er zog nunmehr zu
seiner in Hannover wohnenden Schwester, Frau Burschel. Und wieder begann
der alte Kriegszustand mit dem Vater. Er verklagte diesen (1902) auf
Gewährung von Unterhalt, da er wegen seines Nerven- und Herzleidens
außerstande sei, regelmäßig zu arbeiten und von seiner militärischen
Rente nicht leben könne. Der Vater wendete ein, daß der Sohn seine
Krankheit nur vorgetäuscht habe, um vom Militär frei kommen und sein
Verhältnis mit der Erna Loewert fortsetzen zu können. Er sei ganz gesund
und nur zu träge, um regelmäßig zu arbeiten. Haarmann wurde denn auch
mit seiner Klage auf Unterhalt abgewiesen. Aber nunmehr wurde das
Verhältnis zum Vater vollends unerträglich. Im Februar 1903 erstattete
der Vater bei der Staatsanwaltschaft Anzeige, daß Haarmann ihn und seine
Geschwister mit Totschlag bedroht, ihn der Ermordung des
Lokomotivführers Schröder bezichtigt und von seinem Bruder Adolf habe
Geld erpressen wollen. Gleichzeitig beantragte er (eigentlich im
Widerspruch zu der früheren Angabe, daß der Sohn seine Krankheit nur
_vortäusche_) den Haarmann als gemeingefährlichen Geisteskranken in eine
Irrenanstalt unterzubringen. Das Verfahren wurde eingestellt, weil die
Angehörigen bei ihrer polizeilichen Vernehmung die Behauptungen des
Vaters nicht bestätigten. Der Sohn drehte nun den Spieß um und verklagte
den Vater wegen wissentlich falscher Anschuldigung, worauf nunmehr
wieder die Geschwister bei ihrer gerichtlichen Vernehmung die Angaben
des _Vaters_ bestätigten, so daß auch dies Verfahren ergebnislos
eingestellt werden mußte. Auf Grund der in der Anzeige des Vaters
enthaltenen Angaben über die _Gemeingefährlichkeit_ des Sohnes,
veranlaßte aber nunmehr das Polizeipräsidium in Hannover eine
Untersuchung durch den Kreisarzt Dr. Andrae. Dieser erstattete am 14.
Mai 1903 sein Gutachten. Es kam darauf hinaus, daß „Haarmann zwar
moralisch minderwertig, wenig intelligent, träge, roh, leicht reizbar,
rachsüchtig und gänzlich egoistisch, nicht aber im eigentlichen Sinn
‚geisteskrank‘ sei, so daß kein Anlaß bestehe, ihn von Amtswegen in eine
Irrenanstalt unterzubringen“. Demgemäß wurde davon Abstand genommen. So
war denn der Wolf (24 Jahre alt) auf die menschliche Gesellschaft
losgelassen.
Auf der Verbrecherlaufbahn.
Zunächst versteckte sich der junge Faulpelz hinter seine „Braut“. Der
Vater leiht 1500 Mark. Damit begründet der Sohn auf den Namen seiner
Braut ein Fischgeschäft. (An der Lutherkirche 9.) Davon soll sie ihn
ernähren. Er selbst versucht sich als Versicherungsagent; arbeitet aber
gar nicht mehr, als durch Verfügung des Generalkommandos des X.
Armeekorps in Hannover vom 15. Juli 1904 er als dauernd ganzinvalide und
_größtenteils_ erwerbsunfähig anerkannt und seine Monatsrente auf 24
Mark erhöht wird. Schon zu Anfang 1904 war das vom Vater erhaltene Geld
völlig aufgezehrt, und mit dem Fischgeschäft ging es abwärts. Um diese
Zeit ging auch die Verlobung mit Erna in die Brüche. Haarmann erzählt
uns das so: „Erna war in anderen Umständen von mir; sie war lieb zu mir
und wollte weiter poussieren; aber ich konnte nicht mehr. Sie verkehrte
mit Student Heinemann. Ich sagte es zu Emma. Da wurde Erna giftig und
hat mich aus dem Geschäft ’rausgeschmissen und da es auf ihren Namen
eingetragen war, konnte ich nichts machen.“ – Die Wahrheit ist, daß
Haarmann bei seinem Luderleben um diese Zeit gonorrhoisch erkrankte und
seither, den Frauen gegenüber immer gleichgültiger werdend, sich
ausschließlich einem gleichgeschlechtlichen Triebleben dahingab. Aber
erst aus dem Frühjahr 1905 kann ein längeres Verhältnis mit einem Manne
nachgewiesen werden, in welchem Haarmann zweifellos der passive Teil
gewesen ist. Der betreffende (um 1916 verstorben) war ein gräflicher
Kammerdiener, namens Adolf Meil, damals schon ein Mann Ende vierzig (der
von seiner ehemaligen Herrin eine Rente bezog, angeblich, weil er „etwas
nachgeholfen hatte“, als der alte Graf im Bade einem Schlaganfall erlag
und die junge Gräfin zur Witwe machte). Haarmann erzählte die Anfänge
dieser Bekanntschaft uns folgendermaßen: „Ich komme vom Jahrmarkt und
denke reine gar nichts. Plötzlich redet Einer mich an. Er hat ’ne Brille
auf. Er sagt: ‚Kommen Sie auch vom Marcht?‘ Ich denke, das ist ein
Schullehrer. Er nahm mich mit zur Nelkenstraße. Bei der Kranzbinderei
von Goslar bleibt er stehen und sagt: ‚Hier wohne ich nun.‘ Ich ging mit
’rauf. Er kochte Bohnenkaffee. Er küßt mich. Ich bin schüchtern.
Mittlerweile wirds zwölf. Er sagt: ‚Es ist doch schon so spät, schlafe
bei mir.‘ Ich tat es. Er machte alles, was ich noch nicht kannte. Ich
kriegt es mit der Angst. Ich habe ihm das ganze Bett vollgemacht. Danach
lernte ich aber hundert solchene kennen.“ – Bis 1904 war Haarmann immer
der Justiz entgangen. Aber von seinem 26. Lebensjahre an rollt sich ab
eine solche Strafliste, daß in den folgenden zwanzig Jahren nahezu ein
Drittel aller Tage in Untersuchungszellen, Gefängnissen oder
Zuchthäusern verbracht wurde. Seine erste Straftat hat einen
Beigeschmack von Komik. Er liest in der Zeitung, daß in der
Ultramarinfabrik „Laux & Vaubel“ ein „Fakturist“ gesucht werde. Er weiß
nicht, was das Wort Fakturist bedeutet, aber er entsendet ein glänzend
geschriebenes Bewerbungsschreiben. Der Chef läßt ihn kommen, und er
verspricht mit der ganzen Treuherzigkeit, die er vorzutäuschen verstand,
jede nur erforderliche Leistung. Man ließ ihn nun Rechnungen ausziehen;
aber entdeckt nach einigen Tagen zahllose Unpünktlichkeiten. Er
entschuldigt sich mit Krankheit und gelobt Besserung. Auf seinem Büro
arbeitet ein kleiner Lehrling, den er durch Zigaretten und Liebkosungen
besticht, statt seiner die schwierigeren Arbeiten zu machen. Er selbst
kontrolliert lediglich die Nummern der abfahrenden Wagen. Er freundet
sich an mit der in der Fabrik reinmachenden Scheuerfrau Guhlisch. Eine
energische, vorurteilsfreie Person mit einem ebenso „vorurteilsfreien“
zehnjährigen Schlingel von Sohn. Die drei begründeten eine Art
Diebskompagnie. Nach Schluß der Büros werden große Mengen Marineblau und
andere Farbstoffe auf die Seite geschafft. Haarmann arbeitet dabei als
Angestellter der Frau Guhlisch. Zwischendurch macht man auch bei einem
Hausgenossen der Guhlisch kleinere Einbruchsdiebstähle und an freien
Abenden unternehmen Haarmann und der kleine Guhlisch methodische
Streifzüge auf die Kirchhöfe, wo sie Ketten, Metalle, Teile von
Grabdenkmälern stehlen. – Die Diebstähle in der Fabrik kamen erst
heraus, als Haarmann schon lange wegen Unbrauchbarkeit entlassen war,
und zwar wurden sie erst entdeckt, als die Kunden sich darüber
beschwerten, daß Waren, welche sie von Haarmann stets zu halben Preisen
bezogen hätten, nunmehr wieder doppelt so teuer bezahlt werden mußten.
Vom 4. Juli bis 19. Oktober 1904 wurde Haarmann nicht weniger als
viermal vom Schöffengericht und von der Strafkammer wegen schweren
Diebstahls und Unterschlagung verurteilt. Die folgenden Jahre brachten
dann eine fortlaufende Kette neuer Diebstähle, Einbrüche, Betrügereien
und Sittlichkeitsverbrechen, und es ist wohl auch für die Praxis des
Strafvollzuges im 20. Jahrhundert kennzeichnend, daß jedes Mal, wenn der
Übeltäter aus dem „Kittchen“ zurückkehrte, seine Verschlagenheit wie
sein Verbrechen größer wurde. Die Planmäßigkeit seiner Taten war
erstaunlich. Er kaufte sich z. B. einen kleinen Desinfektionsapparat und
mietete ein Hofzimmer, angeblich, um eine Desinfektionsanstalt zu
betreiben. Dann verfolgte er die Todesanzeigen in den Zeitungen und ging
in die Trauerhäuser, wo er sich als „Beamter der städtischen
Desinfektion“ vorstellte und den Leuten riet, daß sie das Totenzimmer
oder die Sachen des Verstorbenen desinfizieren lassen sollten; diese
Desinfektion nahm er dann dem Scheine nach vor und benutzte die
Gelegenheit zu Diebstählen; wenn man ihm gelegentlich eine Erquickung
anbot, so lehnte er treuherzig ab mit der Begründung: „Ich darf als
Beamter in den Häusern nichts annehmen.“ Ein andermal wurde er nahe der
Herrenhäuser Allee beim Abschrauben eines Türdrückers ertappt; er wies
nach, daß an seiner Haustüre der Drücker fehle und daß er das fehlende
eben habe ergänzen wollen. Seine Frechheit war so groß, daß er einmal
unmittelbar, ehe er in Untersuchungshaft abgeführt wurde, noch schnell
seinem Logiswirt einen Topf mit sechzig eingelegten Eiern stahl. Während
des Jahres 1905 wurde Haarmann insgesamt zu 13 Monaten Gefängnis
verurteilt; aber in den späteren Jahren scheint er seine Taten
vorsichtiger ausgeführt oder besser verborgen gehalten zu haben. Die
Feindschaft mit dem Vater, welcher ihn für kerngesund aber arbeitsscheu
hielt und als großen Simulanten bezeichnete, führte dahin, daß Haarmann
am 1. November 1906 wegen Körperverletzung des Vaters zu einem Monat
Gefängnis verurteilt wurde. Die Streitigkeiten zwischen beiden hatten
hauptsächlich zum Gegenstande, daß der Sohn die Herausgabe seines
mütterlichen Erbteils verlangte und der Vater es nicht auszahlen zu
können erklärte. In den folgenden Jahren unternahm er immer wieder mit
dem jungen Guhlisch Raubausflüge auf die Kirchhöfe (wobei vielleicht der
Grund gelegt wurde zu seiner späteren Gleichgültigkeit gegen das
Hantieren mit Leichenteilen). Zwischendurch fand er durch Vermittlung
seines Bruders Adolf Stellung auf der „Continental“, wo er gut
verdiente. – Man darf es als Glücksfall betrachten, daß Haarmann ein
Jahr vor Ausbruch des Weltkrieges eine Zuchthausstrafe von 5 Jahren
erlitt, so daß er während der Kriegsjahre in den Strafanstalten Celle,
Lüneburg, Rendsburg und Rawitsch interniert war; es wäre nicht
auszudenken, was ein solcher Mensch in einer Zeit, wo jeder
Gewaltinstinkt dem „Feinde“ gegenüber freigegeben wurde, an
Verbrechertaten hätte begehen können. Übrigens kann auch der folgende
Umstand zu denken geben: Als in den letzten Kriegsjahren Mangel an
Arbeitskräften herrschte, weil alle verfügbare Mannheit an der Front
war, da wurden die Zuchthaussträflinge als Landarbeiter auf Gütern
verwendet; auch Haarmann arbeitete in dieser Zeit auf den Ländereien
eines Rittergutsbesitzers v. Hugo bei Rendsburg; und zwar so zu
allgemeiner Zufriedenheit, daß man ihn lieb gewann und nicht wieder
ziehen lassen wollte. Die fünfjährige Zuchthausstrafe 1913 wurde unter
sehr erschwerenden Umständen verhängt. Ende 1913 fanden in dem vornehmen
Viertel „die List“ zahlreiche Kellerdiebstähle statt. Schließlich wurde
Haarmann bei dem Versuch, einen Kellereinbruch zu verüben, ertappt und
festgenommen. Man fand bei der Durchsuchung seiner Wohnung ein riesiges
Lager gestohlener Konserven, Weinflaschen, Eier und Fleischwaren. Seiner
Wohnungswirtin und seinem 17jährigen Freunde Fritz Algermissen hatte er
lange Zeit hindurch Eßwaren geschenkt oder billig verkauft, unter dem
Vorgeben, er sei Chemiker auf der Continental-Fabrik und habe eine
Agentur für Lebensmittel. Trotz einwandfreier Beweise für schwere
Diebstähle in zehn Fällen, schwur Haarmann: „Bei Gott und dem Grabe
meiner Mutter. Machen Sie mich nicht unglücklich. Ich bin unschuldig,“
verzichtete aber, als er zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, auf
Einlegung eines Rechtsmittels. Von Ende 1905 bis Ende 1912 befand er
sich nur wenige Monate in Freiheit. Merkwürdig ist es, daß, obwohl nach
Haarmanns eigenen Angaben die sittlichen Verfehlungen an Knaben und
Jünglingen, sobald er in Freiheit war, nahezu zur täglichen Gewohnheit
wurden, die Verurteilung wegen solcher Vergehen verhältnismäßig selten
erfolgte; meistens darum, weil die Betroffenen zu schamhaft waren ihn
anzuzeigen. Erst 1911 wurde eine Anzeige wegen Vergehens gegen § 175
StGB. erstattet, indem vier Väter wegen „Beleidigung“ ihrer Kinder
gemeinsam klagten, doch wurde das Verfahren eingestellt, da die Aussagen
der Knaben gar zu unbestimmt blieben. Am abscheulichsten war wohl jener
Fall, der im November 1912 ihm eine Zusatzstrafe von zwei Monaten
Zuchthaus eintrug: er hatte einen ihm gänzlich unbekannten 13jährigen
Schulknaben auf der Straße angesprochen und gegen Geldversprechen, mit
der Mahnung, er dürfe seinen Eltern nichts davon sagen, in seine Wohnung
zu verschleppen und zu homosexuellem Verkehr zu verlocken gesucht. –
Diese Vorgeschichte lag vor, als Haarmann im April 1918 aus dem
Zuchthause entlassen, nach kurzem Gastspiele in Berlin, wieder in
Hannover auftauchte. Und nun erfolgten die ersten Mordtaten. Die ersten
wenigstens, welche man (allerdings erst sechs Jahre später) ihm
_nachzuweisen_ vermochte.
Die Zeit der Revolution 1918/19.
Die Zeit der Heimkehr aus dem Zuchthause Rawitsch schilderte uns
Haarmann folgendermaßen: „Als ich aus dem Kittchen entlassen wurde, fuhr
ich nach Berlin. Aber da war nicht viel los. Da ging ich wieder nach
Hannover. Ich ging gleich zu Emma. Bertchen, Emmas Jüngste, sagte: ‚Iß
nicht so viel Brot, Onkel. Wir stehn Schlange; sind alle krank.‘ Da
sagte ich: ‚Will mal sehen, mein Kind, was sich machen läßt.‘ Ich ging
gleich zum Bahnhof. Emma gab Geld. Da sind ja die Schiebers, die
Hamsterers! Da klauten wir. Da hatten wir alles. Da wurden wir alle
wieder schöne dick. Emma verkaufte weiter. Da ging aber der olle
Haarmann zum Hauswirt. Da hat er mich verklatscht. Da sagte Emma:
‚Fritz, geh’ man wieder weg‘.“ – Haarmann war in eine Zeit
hineingeraten, in der alle seine bösen Urtriebe wild ins Kraut schießen
konnten. Sein Hauptquartier wurde die große Vorhalle des Hauptbahnhofs
in Hannover, wo ein schwunghafter Handel mit gestohlenem oder
schwarzgeschlachtetem Fleisch und mit allen, in jenen Tagen nicht mehr
aufzutreibenden, in Deutschland schwer entbehrten Gebrauchsgütern
getrieben wurde. April 1918 mietete Haarmann von der Ww. Schildt in dem
Hause Cellerstraße 27 einen Laden mit Hinterzimmer, angeblich zu
Bürozwecken. Der Laden wurde mit einigen Möbelstücken notdürftig
ausgestattet. Er wohnte zunächst noch bei seiner Schwester Burschel; zog
aber Ende August in das Hinterzimmer des Ladens. Es begann dort ein
Betrieb, der den Hausbewohnern immer rätselhafter und unheimlicher
wurde. Aus und ein flogen junge Leute. Sie brachten Rucksäcke mit
Fleisch. Nachts hörten die Nachbarn ein Hacken und Klopfen in dem
Hinterzimmer; sie nahmen an, daß Haarmann das zu seinem Schleichhandel
„gehamsterte“ Fleisch zerlege. Neben dem Haarmannschen Laden war der
Gemüseladen von Frau Seemann, einer verängstigten Frau, die in jenen
schweren Tagen mit ihrem Nachbarn wohl ein bißchen Kippe machte und
gelegentlich ebenfalls von den bei Haarmann ein- und ausgehenden jungen
Leuten einige Schleichware billig erstand. Diese bängliche Frau war wohl
die erste, der eine Ahnung davon aufstieg, daß in dem Nebenraum dunkle
Mordtaten vorgehen könnten. Einmal, als Haarmann im Nebenraum Knochen
hackte, klopfte sie an die Wand und rief hinüber: „Krieg’ ich auch was
ab?“ Haarmann rief zurück: „Ne, das nächste Mal.“ Anderen Tages brachte
er ihr einen Sack Knochen. „Ich machte Sülze daraus, aber ich dachte: I
gitte, die sehn so weiß aus; mir wird fies davor.“ Erst sechs Jahre
später klärte sich auf, daß in diesem Hinterzimmer in der Cellerstraße
mindestens zwei Personen getötet wurden: der 14jährige Sohn Hermann des
Fahrradhändlers G. Koch und der 15jährige Friedel des Gastwirts Rothe;
und wenn auch ungewiß blieb, ob Haarmann das Fleisch der getöteten
Knaben bei seinem Fleischhandel mit verwendete (vielleicht hat ein
letztes Restchen menschlicher Scham ihn abgehalten, das Gräßlichste
einzugestehen), so ist doch so viel gewiß, daß nicht erst 1923 der
Tötungszwangstrieb einsetzte, sondern daß schon in den Jahren 1918-1923
manche Mordtat geschehen sein muß. Diese Taten sind nicht ans Tageslicht
gekommen. Haarmann, der sonst ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen
hat, konnte sich an die Zahl seiner Opfer so wenig erinnern, wie an ihre
Gesichter (wie er denn überhaupt alles Quälende aus seinem Bewußtsein zu
verdrängen versucht). Nach der Zahl seiner Morde befragt, pflegte er,
unsicher und wortkarg werdend, sofort zu erwidern: „Es können dreißig,
es können vierzig sein; ich weiß das nicht“; im einzelnen aber gab er
immer nur solche Fälle zu, die ihm nachgewiesen werden konnten, und mit
einem fast gemütlichen Hohn hielt er oft dem Staatsanwalt vor: „Es sind
auch Opfer da, die Sie _nicht_ wissen. Die aber, die _Sie_ meinen, sind
es nicht.“
Stellung zur Polizei.
Das Schauergemälde der Jahre 1918-1924 wird sich uns im Laufe des
Prozesses enthüllen. Um aber das Ungeheuerliche der _äußeren_
Möglichkeit nach zu begreifen, müssen wir uns vorweg erinnern an jene
Rechts- und Polizeizustände, die gegen Ende des fünfjährigen
Völkermordens fast in ganz Europa herrschten; in jenen Tagen, wo mehr
als eine Million Menschen unter den Augen der „Kulturmenschheit“
glattweg verhungerte. Deutschland hatte kein Heer. Die proletarische
Jugend, aufgeregt, verwildert, und jahrelang aufs unverantwortlichste
irregeleitet und mißbraucht, entbehrte plötzlich der Hemmung und
Führung. Das geschlagene Volk schlug zurück. Der politische Mord wurde
zur Gewohnheit. Die durch den Vertrag von Versailles beschränkte
Polizeimacht (Schutz-, Sicherheits- und Kriminalpolizei) konnte mit den
aus langem Kriegsleben Zurückkehrenden, der bürgerlichen Seßhaftigkeit
entwöhnten verbrecherischen Elementen nicht fertig werden. Die untere
Polizeimannschaft, nach der 4. bis 7. Gehaltsklasse besoldet, Männer,
die mehrmals in der Woche die Nächte bis früh 4 Uhr auf der Straße
zubringen und dann doch schon wieder gegen 9 Uhr auf dem Büro sein
müssen, war so jämmerlich bezahlt, daß sie für jede kleinste Hilfe und
für jedes Geschenk, sogar aus Verbrecherhänden, immer empfänglicher
wurde. Man verlangte von diesen mit Recht verbitterten, nur wenig
gebildeten Subalternbeamten Übermenschliches. Das gesamte
Unzuchtsdezernat der Kriminalpolizei in Hannover bestand zu Haarmanns
Zeiten aus 12 Kriminalbeamten und einem Kommissar, welche ungefähr 4000
von Prostitution lebende Frauen (wovon nur 400 eingeschriebene Dirnen
sind) und mindestens 300 männliche Prostituenten zu überwachen hatten.
Für die Nachforschung und das Wiederermitteln von „Vermißten“ war (und
ist) vom Staat eine so lächerlich geringe Geldsumme zur Verfügung
gestellt, daß schon um der Kosten willen eine wirklich gründliche Suche
nach verschwundenen Personen nicht einsetzen konnte. Dort, wo von
Haarmanns Opfern die Spuren gefunden wurden, geschah das fast immer
durch _Privat_-Detektive oder durch die nachforschenden Angehörigen
selbst. Die Schuld lag also zweifellos am System, nicht an den einzelnen
Beamten. Es ist aber klar, daß gerade in solchen verwilderten Tagen die
Sicherheits-, Schutz- und Kriminalbehörden auf die Mithilfe des
„Publikums“ angewiesen sind und daß sie, wenn keiner ihnen hilft und
jeder nur mit sich und dem eigenen Elend beschäftigt ist, sich aus der
Verbrecherwelt selber ihre Helfer heranziehen müssen. Man bezeichnet
solche Helfer als Spitzel, Zuträger, Achtgroschenjungen, Provokateure
und Vigilanten. Sie spielen die Rolle der Spione im Kriege. Man benutzt
sie und verachtet sie. Haarmann nun wurde von der Polizei in den Jahren
1918 bis 1924 beständig zu Spitzeldiensten herangezogen und erwies sich
in vielen schwierigen Fällen – (bei der Aushebung einer Verbrecherbande,
die falsches Geld herstellte; bei der Aufdeckung eines Diebstahles von
Treibriemen; ja sogar beim Aufspüren von vermißten Personen) – als sehr
verwendbar und nützlich. Wir werden sehen, wie dieser Mann in _beiden_
Welten daheim war, bald einmal der Polizei einen seiner Buhljungen oder
Kumpane in die Hände spielte, bald einmal wieder seine Beziehungen zu
den Polizeiorganen zugunsten der Verbrecherwelt und vor allem zugunsten
seiner _eigenen_, in tiefster Heimlichkeit wuchernden Mordwollust
benutzte. Nahezu alle seine Verbrechen wurden dadurch möglich, daß er
für das naive Volk (das in Deutschland den Polizeibeamten für eine Art
_richterliche_ Person hält) und zumal für die unerfahrene Jugend
zwischen 14 und 18, die er zu verführen pflegte, eine amtliche
Vertrauensperson war. Er durchforschte fast Nacht um Nacht die Wartesäle
des Bahnhofs; die er (ganz gleich, ob nun dank eines nicht-offiziellen
oder [wie eine große Reihe von Zeugen aussagen] dank eines _offiziellen_
Polizeiausweises) jederzeit betreten konnte, obwohl sie sonst nur von
Reisenden, die eine Fahrkarte vorwiesen, zur Nachtzeit besucht werden
durften. Er konnte auch ungehindert jederzeit durch die Bahnsperren
gehen, da die Beamten ihn kannten und ihm Ehrbezeugungen erwiesen. Er
machte sich an durchreisende oder auf dem Bahnhof sich umhertreibende
junge Menschen heran, durchmusterte ihre Personalausweise, befragte sie
nach dem Ziele der Reise, machte gelegentlich die auf dem Bahnhof
eingestellte Behörde (Bahn-, Sicherheits- und Kriminalwachen) auf
Verdächtiges oder Verdächtige aufmerksam; ja, es ist vorgekommen, daß er
selber auf der Bahnhofswache Telephongespräche führte und Verhöre
aufnahm. Solchen Jungen, die ihm wohlgefielen (Obdachlosen, entlaufenen
Fürsorgezöglingen, Arbeitslosen) bot er gerne Essen, Arbeit und Wohnung
an, behielt sie eine oder auch mehrere Nächte bei sich, verführte sie zu
Geschlechtsvergehen und tötete die schönsten im nachtumgrauten
Sinnenrausch. Da er alle Bereitschaften kannte, das Fahndungsblatt las,
die Razzien vorauswußte und überhaupt wie ein Zugehöriger zur
Kriminalpolizei obwaltete, so hatte er es leicht, solche Lieblinge, die
selber irgend etwas ausgefressen hatten, in seinen Schutz zu nehmen und
vor der Polizei zu decken, während umgekehrt dort, wo er gereizt,
gehänselt oder nicht ernst genommen wurde, er die Jünglinge dem Weibel
in die Finger spielte und „verschütt gehen“ ließ. Dieser Tatbestand, daß
Haarmann die Polizei nutzte, so wie er selber zu oft recht billigen
Lorbeeren von den kleineren Beamten genutzt wurde, ist bei dem ganzen
Kriminalfall mit stillschweigender Übereinkunft _aller_ Behörden
verschleiert worden; ähnlich wie man das ungeheure Spionage-
und Lügensystem der Kriegsjahre allgemein verschleiert. Es
geschieht gar nicht selten, daß eine zum Häscherdienst benutzte
Verbrecherpersönlichkeit jedem einzelnen Mitgliede der Behörde recht gut
bekannt ist, daß aber, wenn der Mann seine Beziehungen _mißbraucht_, die
Institution von ihm abrückt und in der Öffentlichkeit erklärt: „Die
Stellung des Mannes war nicht amtsförmlich; er bezog keinen Sold; er
führte keine amtlichen Ausweise, kurz, die Behörde _kennt_ ihn gar
nicht.“ Spitzel, Aufpasser, Zuträger, Vigilanten sind eben niemals
„offiziell“. Und es gibt zahllose kleine Gefälligkeiten zwischen
Behörden und Verbrecherwelt, die viel gewagter und gefährlicher sind,
als ein ehrlicher Sold. Das Wort „Behörde“ ist eben nur ein
Gedankenwort; dahinter stehen Menschen und ihre Menschlichkeiten. – Die
Wahrheit ist, daß das Treiben Haarmanns zwischen 1918 und 1924 gerade
nur darum _möglich_ war, _weil_ er unter beständiger Polizeiaufsicht
stand und weil von einem so allvertrauten, allgemein beliebten und
täglich mit allen Polizeipersonen freundschaftlich verkehrenden Manne
man zwar alle erdenklichen sittlichen Laster, ganz sicher aber nie einen
tief verborgenen Mordwahnsinn vermutete. Wollte auch ich diesen Punkt
hier verschleiern, so wäre es mir unmöglich, den Kriminalfall
_aufzuklären_. Wir müssen gerade diesen Umstand: die Polizeifunktion des
Haarmann, scharf herausstellen.
Die Geschlechtsverbrechen.
Obwohl somit bis zum Jahre 1924 die vielen Mordtaten des Haarmann trotz
mehrerer Anzeigen aus seinem Bekannten- und Nachbarkreise und trotz
mehrfacher Verdachtsgründe unentdeckt und im Dunkel blieben, so wurde
doch bei den immer wiederkehrenden Haussuchungen und Überwachungen etwas
anderes vollkommen klargestellt: Der Gewohnheitsverbrecher, der
beständig von Schwärmen blutjunger Menschen umgeben lebte, welche er
nutzte, oder welche ihn nutzten, fröhnte jeder nur erdenklichen
Widernatürlichkeit des Geschlechtslebens. Als man wegen des
verschwundenen Rothe bei ihm forschte (Oktober 1918), fand man zwar
nicht den vermißten Knaben, wohl aber einen anderen nackten Knaben bei
ihm im Bette. Er hatte die Knaben angesprochen, bewirtet und dann mit in
die Wohnung genommen, wo sie gegen Geld Unsagbares machen mußten. Da er
auch andere Fälle dieser Art zugab, so wurde Oktober 1918 ein
Strafverfahren wegen tätlicher Beleidigung eingeleitet, welches im April
1919 mit seiner Verurteilung zu neun Monaten Gefängnis endete.
Inzwischen war ihm die Wohnung in der Cellerstraße zu „heiß“ geworden,
und er verzog Anfang Dezember 1918 nach Seydlitzstraße 15 zu einer Frau
Hederich, bei welcher er eine Wohnung mietete, angeblich als „Lagerraum
für Zigarren, Chemikalien und anderes“. Es gehörte zu Haarmanns
Gepflogenheiten, sich immer einen jungen Menschen als „Meschores“
(Faktotum) zu halten. Dieser hatte die Wohnung reinzuhalten und alle
Verrichtungen zu erfüllen, die man sonst einem Mädchen zumutet. Ein
junger Arbeiter, namens Friedrich Oswald, welchen Haarmann mittellos am
Bahnhof aufgriff, wurde in die neue Wohnung eingesetzt, bekam sein
eigenes Zimmer und hatte im Auftrage Haarmanns nebenher auch tätig zu
sein für eine der Schwester befreundete Zigarrenhändlerin, mit welcher
Haarmann lichtscheue Beziehungen unterhielt. Auch in _dieser_ Wohnung
fanden bald wieder polizeiliche Durchsuchungen statt, als Haarmann in
Verdacht geraten war, den seit September 1918 vermißten Schüler Koch
getötet zu haben, und auch in diesem Falle mußte der Mordverdacht zwar
fallen gelassen werden, dagegen wurde erwiesen, daß Haarmann neuerdings
mit ganz jungen Burschen widernatürliche Unzucht getrieben hatte,
woraufhin Haarmann vom 2. Juni bis 19. Juli in Haft behalten wurde,
sodann aber das Verfahren aus § 175 eingestellt werden mußte, weil die
beteiligten Burschen ihre ursprünglichen Angaben nicht aufrecht
erhielten. Vor der Hauptverhandlung in dieser Sache war auf Veranlassung
der Staatsanwaltschaft eine gerichtsärztliche Untersuchung des
Angeschuldigten auf seinen Geisteszustand vorgenommen worden, weil
dieser in dem vorerwähnten Verfahren, in welchem er zu neun Monaten
Gefängnis verurteilt war, behauptet hatte, daß er „nicht
zurechnungsfähig“ sei und an Fallsucht leide. Der Gerichtsmedizinalrat
Dr. Brandt gab am 12. Juni 1919 das Gutachten ab, daß Haarmann nicht
geisteskrank und für alle Delikte, insbesondere für sexuelle, voll
verantwortlich sei. Das Gutachten war im wesentlichen auf Grund der
eigenen Angaben Haarmanns erstattet, wobei dieser verschwiegen hatte,
daß er in früheren Jahren im Irrenhaus gewesen sei. – Da ihm nun auch
_diese_ Wohnung „heiß“ geworden war, so verzog Haarmann im September
1919 zu einer Frau Kroell, Nikolaistraße 13. Auch hier setzte er den
Verkehr mit jungen Leuten fort. Die Logiswirtin beobachtete, daß er mit
diesen Unsägliches trieb und bestand darauf, daß er sogleich ausziehe.
Er verzog darauf in eine _andere_ Wohnung der Nikolaistraße. Um diese
Zeit, Anfang Oktober 1919 trat aber in Haarmanns Leben jener Freund, mit
dem er fortan auf Tod und Leben zusammengeschmiedet blieb. –
Zur Seelenkunde.
Wir haben gehört, daß im Juni 1919 der hannoversche Gerichtsarzt den
Haarmann für „zurechnungsfähig“ und „verantwortlich“ erklärte. Dieses
Gutachten steht in merkwürdigem Widerspruch zu einem andern, welches der
Nervenarzt Dr. Bartsch am 18. Dezember 1922 über Haarmann an das
Versorgungsamt der Stadt Hannover erstattete. Haarmann war damals
bezüglich Fortbezugs oder Erhöhung seiner Invalidenrente vom
Versorgungsamte dem genannten Arzte zur Untersuchung zugesandt worden
und dieser stellte fest, (allerdings nach einer nur kurzen Unterredung
und Intelligenzprüfung), einen „hochgradigen Schwachsinn“; ja, regte an,
den Bruder Haarmanns zu veranlassen, den Schwachsinnigen zu entmündigen.
Die Gerichtssachverständigen im späteren Prozeß (die zwei hannoverschen
Gerichtsärzte und der Ordinarius für Psychiatrie in Göttingen) haben es
wahrscheinlich zu machen versucht, daß die Gutachten der Irrenärzte in
Hildesheim und Langenhagen von 1899, jene der Militärärzte von 1898 und
1902 und endlich auch das Gutachten des Dr. Bartsch von 1922 auf Grund
„hysterischer Simulationen“ zustande gekommen seien, indem Haarmann das
_eine_ Mal das Bestreben hatte, vom Militärdienst loszukommen, das
_andere_ Mal das Bestreben, eine möglichst hohe Rente herauszupressen. –
– Alles Gefrage nach „Zurechnungsfähigkeit“, „Verantwortlichkeit“,
„Irrsinn“ bleibe nun hier zunächst ganz dahingestellt! Der Leser sei
gewarnt, verwickelte Dinge so einfach, einfache sich so verwickelt zu
denken, wie das die auf Eingliederung und „klinische Bilder“ versessene
mit sehr schwer bestimmbaren und oft schnell wieder veraltenden
griechisch-lateinischen Orakelworten (schizophren, zyklothym,
hysterisch, hebephrenisch usw.) arbeitende medizinische Psychologie
unvermeidlich tun _muß_. Die Tatsache, daß alle Regungen des logischen
Oberbaues tadellos in Ordnung sind, schließt nicht aus, daß die gesamte
seelische Unterwelt ohne jede Zusammenhangsmöglichkeit mit Vernunft oder
Einsicht ihr eigenes vollkommen _krankes_ Leben führt. Erkrankungen sind
nicht immer von _positiver_ Natur. Sie können oft nur als
„Ausfallserscheinungen“ oder als „Vereinzelungen“ (Dissoziation) erspürt
werden. Auch die Tatsache, daß ein Mensch Irrsinn oder Schwachsinn
_simuliert_, oder sich in Krankheiten hineinflüchtet, schließt nicht
aus, daß er nicht zugleich doch _wirklich_ irrsinnig oder schwachsinnig
ist, und zwar kann ebensowohl, (wie bei Hamlet), ein gespielter Irrsinn
einen wirklichen _überdecken_, wie auch just das Spielen der Krankheit
gerade die _wirkliche_ Krankheit sein kann. Ja, die Verfilzung und
Überschneidung wirklicher und bloß gespielter Erlebnisreihen pflegt
selbst im einfältigsten Triebwesen weit verwickelter zu liegen, als wir
das ahnen. Um daher das Folgende wirklich zu _verstehen_ und so zu
verstehen, daß es auch nach hundert Jahren (wo unsere gesamte heutige
Psychiatrie und wissenschaftliche Psychologie veraltet sein wird), noch
einige Gültigkeit behält, müssen wir uns vereinbaren, bloß Seele zu
Seele, uns einzufühlen und „mitzuahmen“, aber alle vorzeitigen
Formulierungen und wissenschaftlichen Erklärungen streng zu vermeiden.
Dazu aber ist auch _dies_ erforderlich, daß wir keine „Analogien“ und
„Parallelen“ zu dem merkwürdigsten Kriminalfall unserer Tage aufsuchen.
Vor allem meide man das unerträgliche „sexualpathologische“ Geschwätz,
über „Sadismus“, „Masochismus“ und dergl. Mit dem Kriminalfall des
Marquis de Sade (welcher eine widernatürliche Lust am _Quälen_ zeigte;
von dem Blute grausam gemarterter Kinder sich heiße Bäder bereiten ließ
u. a. m.) hat der hochnotpeinliche Fall des Haarmann nicht die mindeste
Verwandtschaft, da bei Haarmann nicht die Machtwut des Andere_quälens_,
sondern schlechthin nur das Töten im Geschlechtsrausch und schließlich
die dunkle Heimlichkeit des Zerreißens und Verschlingens _überhaupt_ zur
überwertigen Triebballung geworden ist. Anderes stärkeres Leben
vernichten oder sich von anderem stärkeren Leben vernichten lassen; sich
selber hinzugeben an den Tod oder tötend das Andere sich einzuverleiben;
Fressen und Gefressenwerden, das sind die beiden polaren Achsen des
_gesamten_ kosmischen Lebensspieles, und es ist nicht viel damit
erklärt, wenn man im Schwengelspiel erotischer Willensgewalten bald den
einen, bald den andern Pol in einseitiger Übersteigerung entartet
findet. Will man aber durchaus für das auf den folgenden Blättern
Niedergelegte eine _vorläufige Formel_, so erinnere man sich an die
uralten germanischen Mythen von dem in Wolfsgestalt Menschgewordenen
„Urbösen“; an die Sagen vom Werwolf (dem roman. loupgaron, den
angelsächs. werewolfes), dem „kugelfesten“, nur gegen _heilige_ Hände
wehrlosen Unhold, der verflucht ist, Kindern die Kehle durchbeißen und
sie zerfleischen zu müssen. An vergessene Mären der Urzeit denke man,
von Elsen, Alpen, Luren, von Drachen, Sauriern, Leopardenmenschen, von
Wendehäutern, Succubi und Incubi. Man denke an den geilen Blutschink,
der noch heute haust im Paznaunertal, allnächtlich dem See entsteigend
und nach Opfern suchend, denen er das Blut aussaugt. Man denke an den
Nachtmahr unserer Wälder; die blutdürstige Ludak der Finnen und Lappen.
Lykanthropen nannte die antike Welt solche Mordwesen. Mit einem solchen
Fall von _Lykanthropie_ haben wir im folgenden uns zu befassen. Es ist
sehr merkwürdig, daß in denselben Tagen, wo der Kriminalfall Haarmann
verhandelt wurde, noch ein zweiter Fall von Anthropophagie
(Triebkannibalismus) ans Tageslicht kam. In einem von mehreren Parteien
bewohnten Wohnhause nahe der Stadt Münsterberg, an der Strecke
Breslau-Glatz in Schlesien, lebte durch lange Jahre der Landwirt Karl
Denke, ein als frömmster Kirchengänger des Sprengels bekannter und
geehrter Einsiedler, 54 Jahre alt. Am 20. Dezember 1924 sprach ein
vorübergehender Handwerksbursche, namens Vincenz Oliver, den Mann um
eine Gabe an und wurde eingeladen, ins Haus zu kommen. Als er am Tische
Platz genommen hatte, wurde er plötzlich von Denke mit einer Spitzhacke
überfallen, doch gelang es ihm, zu entkommen. Nunmehr wurde Denke in
Schutzhaft genommen, erhängte sich aber im Untersuchungsgefängnis.
Darauf nahm die Polizei eine Haussuchung im Gehöft des Denke vor. Man
fand zahlreiche Papiere von verschwundenen Handwerksburschen, sowie in
der Scheuer Töpfe mit gepökeltem Fleisch, das von den Gerichtsärzten
einwandfrei als Menschenfleisch festgestellt wurde. – Man konnte
feststellen, daß der Mann seit mindestens 20 Jahren sehr viele Menschen,
Mädchen und Jünglinge, tötete, aß, verschlang oder ihr Fleisch auf
Märkten verkaufte.
Der Freund.
Man denke sich in den Tiefen der Untersee einen zähen, klugen
Taschenkrebs, welcher nistet auf dem Höhlenhaus eines im Dunkel sich
vollsaugenden, schleimigen Quallentieres, etwa eines pflanzenhaften
Riesenpolypen, so hat man ein ungefähres _Bild_ für die merkwürdige
„Symbiose“ von Triebverbrechen und Intelligenzdrohnentum, von
Lebensirrsinn und Geistschmarotzerei, welche vom Oktober 1919 ab den
blonden zarten mädchenhaften Hans Grans (den dennoch zäheren und
wehrfähigeren) mit dem um 24 Jahre älteren weibisch rohen, schwammigen
und wüsten Haarmann untrennbar verband. Grans ist ein hübscher,
lebensgieriger, eigenbezüglicher Junge aus einem kinderreichen
Elternhaus, wo Frau Sorge wohl oft saß an Stelle der Seele. Die Eltern
haben in der dunkelsten Altstadt einen kleinen Papier- und
Buchbinderladen mit einer Leihbücherei alter Schmöker, aus denen der
ehrgeizige, liebenswürdige Schlingel sich Fernweh anlas nach großem
Leben und vornehmer Welt. Er besucht bis Quinta die Oberrealschule, wird
dann auf die Bürgerschule gesteckt, und als er sie durchlaufen hat, 1915
konfirmiert. Als Handlungslehrling in einer Metallwarenfabrik (Söhlmann)
unterschlägt er Portokassenbeträge und geht mit gefälschten Quittungen
zu Kunden der Firma, um Beträge einzukassieren, die er vernascht und
verraucht. Dann arbeitet das hoffnungsvolle Früchtchen in der Industrie
rund um Hannover, zuletzt in der Bergmann-Elektrizitäts-Gesellschaft in
Berlin. 1918 wird er Aushelfer bei der Post, scheidet aber bald wieder
aus, um beim Minenwerfer-Sturm-Detachement Heuschkel einzutreten. Am 1.
Oktober 1919 wird er auch hier wegen Unpünktlichkeit im Dienst
entlassen. Er fällt nun wieder dem Vater zur Last; dem er vorspiegelt,
daß er bei der Reichswehr eintreten wolle. In Wahrheit treibt er sich
mit Weibern herum und als der Vater nachprüft, ob der Junge sich denn
überhaupt bei der Reichswehr gemeldet habe, läuft er eines Tages von
Hause fort, nächtigt in den Spelunken der Altstadt und erwirbt seinen
Unterhalt durch Handel mit alten Kleidungsstücken auf dem Bahnhof. Damit
war er in das Bereich des Haarmann getreten. Einer der anderen jungen
Spitzbuben auf dem Bahnhof macht ihn auf „das schwule Paket“ aufmerksam.
„Du, Hans, der hat neulich einem hübschen Jungen 20 Mark gegeben“ und
der junge Grans, durchaus nur in der Absicht, Geld zu verdienen, macht
sich auf der Straße an den weit älteren Mann heran. Der nimmt ihn mit in
seine Wohnung Nikolaistraße 46 bei Kisserow. „Ich hatte zuerst einen Tik
auf Hans. Aber als ich ihn nackt sah, mochte ich ihn nicht. Er ist so
behaart wie ein Affe. Wirklich, Sie können mir es glauben; wie ein Affe
sah Hans aus. Aber später hat er sich alles abrasiert.“ Der Junge bleibt
nun bei Haarmann wohnen, und es entwickelt sich das merkwürdigste
Verhältnis. „Er war wie mein Kind. Ich habe ihn gehalten wie meinen
Sohn. Ich habe ihn aus dem Sumpfe geholt und wollte nicht, daß er wieder
unter die Räder komme.“ Vier Jahre lang blieben die beiden befreundet.
Offenbar bestritt Haarmann den Lebensunterhalt des hübschen Jungen.
Zeitweise gab er dem Grans englische Zigaretten zu verkaufen; wenn der
dafür mehr erhielt als ihm von Haarmann in Rechnung gestellt wurde, so
durfte er den Mehrerlös für sich behalten. Das Verhältnis war wohl
geschlechtlich; aber nicht _nur_ geschlechtlich. Denn alles, was an
idealen Regungen in Haarmanns völlig roher Tierseele überhaupt aufkommen
konnte, das sammelte sich um den jungen Grans, und wenn man behauptet
hat, daß es lediglich das Bewußtsein der Mitwisserschaft an schlimmen
Taten und die Angst vor Verrat war, was Haarmann in späteren Jahren
völlig unter die Hörigkeit seines kindlich rücksichtslosen Quälers und
geliebten Tyrannen brachte, so muß man doch andererseits auch bedenken,
daß Haarmann jederzeit den jungen Schnösel hätte beseitigen können, wie
er andere Mitwisser seiner Morde möglicherweise beseitigt _hat_; (wie
denn in der Tat die beiden oft einander gegenseitig mit Polizei drohten
ja, mit gezückten Messern „Mörder“ schreiend, sich gegenüberstanden;
aber zuletzt doch immer wieder zusammenkrochen.) – Gericht und
Geschworene haben sich das Verhältnis recht einfach zurechtgelegt:
„Grans wußte um den ersten Mord an Friedel Rothe. Um einen Mitwisser
stumm zu machen, _darum_ nahm Haarmann den Grans bei sich auf und wurde
sein Pflegevater.“ Wir werden sehen, daß ein ungemein verwickeltes
Gefühlsverhältnis diese zwei Entgleisten am Außenrande der menschlichen
Gesellschaft so aneinander band, daß sie weder ganz mit einander, noch
auch ohne einander zu leben vermochten. Zu der Zeit, wo Haarmann den
jungen Freund bei sich aufnahm, sollte er gerade die am 23. April 1919
erkannte Gefängnisstrafe von neun Monaten antreten. Um ihr nun zu
entgehen, wechselte er schnell die Wohnung, ohne sich polizeilich
abzumelden. Er wohnte Dezember und Januar bei einer Witwe Birnstiel in
der Füsilierstraße; Grans zog in die nah benachbarte Bronsartstraße. Es
kam aber auch mit der Birnstiel zu Zänkereien, und als Haarmann sie
mißhandelte, zeigte die alte Frau ihn an, worauf er festgenommen und
gleich zur Vollstreckung der neun Monate Gefängnis zurückgehalten wurde.
Bis 3. Dezember 1920 blieb er nun im Gefängnis. Während dieser Zeit (vom
März bis Dezember 1920) war der junge Grans wieder sich selbst
überlassen. Er trieb sich herum, wurde mehrfach wegen Diebstahls, auch
einmal wegen widernatürlicher Unzucht angezeigt; aber die Verfahren
mußten wegen nicht ausreichenden Beweises eingestellt werden. Am 27.
November wurde er endlich festgenommen, weil er ein unterschlagenes
Fahrrad auf dem Hehlermarkt am Hohen Ufer zu verkaufen suchte. Schon am
1. Dezember wurde er, da kein Fluchtverdacht bestand, wieder entlassen,
und zwei Tage später kam Haarmann aus ‚Numero Sicher‘ zurück und sie
feierten ein frohes Wiedersehen in ihrer Stammkneipe beim „dicken
Fritz“. Allerdings wurde Grans schließlich doch am 5. März 1921 wegen
Hehlerei zu drei Wochen Gefängnis verurteilt, erhielt aber bedingte
Strafaussetzung auf drei Jahre.
So folgte nun wieder eine Zeit unausgesetzten Zusammenlebens, von
Dezember 1920 bis Ende August 1921. Sie traten auf als zwei
gutgekleidete äußerlich anständige Herren. Zunächst nahmen sie Wohnung
im „Christlichen Hospiz“ und späterhin mieteten sie sich ein in einem
kleinen bürgerlichen Gasthof „Fürst zur Lippe“; in der Osterstraße,
lebten dort recht gut und scheinbar solide und führten angeblich ein
Wäschegeschäft. Es wirkte fast ergreifend, als der Besitzer dieses
Gasthofes, ein Herr Wiedemann und seine Tochter, eine Frau Koch, vor
Gericht erschienen und bekundeten, daß sie zwei so noblen und
liebenswürdigen Herren unmöglich etwas Schlechtes zutrauen konnten.
Abends, wenn die beiden von ihren Geschäftsgängen in den Gasthof
zurückkehrten, brachten sie dem dreijährigen Töchterchen der Frau Koch
ein Spielzeug oder Süßigkeiten mit, und selbst, als beim Wegzug der
beiden, alle Wäsche des Gasthauses _mit_ verschwand, kam keiner auf den
Gedanken, daß just Herr Haarmann und sein „junger Angestellter“ die
Täter sein könnten. In Wirklichkeit aber bestand ihr Geschäft damals
darin, daß Haarmann in den vornehmen Stadtteilen Wäschestücke
erbettelte, indem er den Leuten vorspielte, er sei vertriebener
Oberschlesier, sei ein notleidender Kriegsinvalide, sammele für die
„Herberge zur Heimat“, müsse für seinen 76jährigen Vater sorgen und
ähnliches mehr. Er fragte bescheiden, ob er nicht alte Wäschestücke oder
Kleider billig _kaufen_ könne; meistens erhielt er dann Allerlei zum
Geschenk, was Grans ihm abnahm und bei den Trödlern in der Burgstraße
verkaufte. Sie erzielten durch den Verschleiß der so erbettelten Sachen
einen Tagesverdienst von 30 bis 60 Mark. Zwischendurch gaben sie mal
eine Gastrolle in Hamburg oder in Berlin. Grans verbrachte das Geld mit
Weibern und im Kartenspiel. Bei solcher Streiferei wurden sie
schließlich am 10. Januar 1921 festgenommen, doch gelang es Grans, sich
freizulügen, während Haarmann zu drei Wochen Haft wegen Bettelns
verurteilt wurde. Da in den Zeitungen vor den beiden Schwindlern gewarnt
wurde, so begannen sie nunmehr ihren Wäschehandel anders aufzuziehen;
Haarmann mußte auf die Höfe gehen und die zum Trocknen aufgehängte
Wäsche stehlen; Grans entfernte die eingestickten Namenszeichen und
verkaufte sodann die Wäsche. Bei der Ausführung eines solchen
Diebstahles wurden sie am 31. August 1921 abermals abgefaßt und wieder
gelang es dem jungen Fuchs, sich herauszuwinden, während der alte Wolf
verurteilt wurde zu sechs Monaten Gefängnis, die er vom November 1921
bis März 1922 in der Gefangenenarbeitsstelle Jägerheide im Müggenburger
Moor bei Celle absaß. – Zuvor aber hatten sie die Wohnung gewechselt.
Sie zogen in das Mordhaus Neue Straße 4. Mitten ins Gespensterviertel.
Psychologische Bemerkungen.