16. November 1871.

„Ich bedauere es sehr, dass ich gezwungen bin, Ihnen den vorstehenden

sehr unliebsamen Gegenstand vorzutragen; ich habe aber soeben

Nachrichten und Briefe erhalten, welche die Sache doppelt ernst

erscheinen lassen. Herr Churchill hat mich durch einen Brief vom

September 1870 benachrichtigt, dass Ihrer Majestät Regierung mir

gütigst eine Unterstützung von 1000 Pfd. Sterl. geschickt hat.

Zuerst seien Schwierigkeiten entstanden, Sachen im Werthe von 500

Pfd. Sterl. abzusenden; zu Anfang November jedoch sei dies möglich

geworden. Wiederum aber haben Sie Sklaven gemiethet und einer

derselben erzählt mir jetzt, dass sie vier Monate oder bis zum

Ende des Februar 1871 in Bagamoyo liegen geblieben sind. Niemand

hat sich während der ganzen Zeit um sie bekümmert. Als aber ein

Gerücht zu ihnen drang, dass der Consul käme, beeilten sie sich

abzureisen, zwei Tage vor Ihrer Ankunft, welche gar nicht mit ihren

Angelegenheiten zusammenhing, sondern durch eine Reise in Ihrem

eigenen Privatinteresse bedingt gewesen sei. Diese Sklaven kamen im

vorigen Mai nach Unyanyembé, dort sei, nach ihrem Berichte, der Krieg

im Juli ausgebrochen, und dies gab ihnen einen guten Vorwand, dort

zu bleiben. Damit ist ein ganzes Jahr verstrichen, in welchem 500

Pfd. Sterl., welche die Regierung mir zugeschickt hat, dazu verwendet

worden, Sklaven ein gutes Leben zu bereiten. Wie der Mann, der in

Versuchung gerieth, zu verzweifeln, als er die Photographie seiner

Frau zerbrochen hatte, möchte ich fast die Hoffnung aufgeben, jemals

aus Zanzibar Hülfe zu bekommen, um den noch übrigen kleinen Rest

meiner Aufgabe zu lösen. Ich brauche freie Menschen, nicht Sklaven,

und solche sind in Zanzibar in Masse zu haben. Wenn aber die Sache

dem Ludha, anstatt einem energischen, von Ihrem Dragoman oder andern

Beamten überwachten Araber anvertraut wird, so kann ich noch zwanzig

Jahre warten und Ihre Sklaven können sich lustig machen ohne ihre

Pflicht zu thun.“

~Dr. Livingstone an Dr. Kirk.~

„Unyanyembé, 20. Februar 1872.

Mein lieber Kirk!

Da ich mir durch Herrn Stanley 50 Freie aus Zanzibar kommen lasse, um

im Stande zu sein, meine Aufgabe zu Ende zu führen, so bitte ich Sie,

Ihren Einfluss beim Sultan zu meinen Gunsten zu verwerthen, damit

dieser mir einen tüchtigen Führer verschaffe, der sie rasch herbringt

und bei mir bleibt, bis ich meine Arbeit zu Ende geführt; und zwar

muss es ein Mann von gutem Charakter sein, der gern für mich arbeitet

und auf keinen Fall meine Expedition mit seinen Privatspeculationen

heimsucht. Diesen Punkt muss man ihm deutlich auseinandersetzen.

Wenn er aber ein guter energischer Führer ist, so werde ich ihm,

sobald wir in das Land kommen, wo es viel Elfenbein gibt, dafür eine

reichliche Belohnung zutheil werden lassen, obwol er die Reise auf

meine Kosten gemacht hat. Wenn derselbe früher mit einer Karavane

gereist ist, so wird er die Pflichten kennen, die er dem Haupte

derselben schuldet. Bei seiner Ankunft hier werden wir aus der Weise,

in welcher er Herrn Stanley’s Befehlen in Bezug auf die Leute und

Esel nachgekommen ist, ersehen, ob er sich dazu eignet, mich weiter

zu begleiten. Seine Pflicht ist, wie Sie andern sehr richtig gesagt

haben, die ihm ertheilten Befehle auszuführen und darauf zu sehen,

dass die andern dasselbe thun, ohne Rücksicht auf die Sitten oder

Gewohnheiten anderer Karavanen. Ich wünsche, dass Sie Herrn Henry

M. Stanley die Summe von 500 Pfd. Sterl. von dem Gelde geben, das

Ihnen zu meinem Nutzen von Ihrer Majestät Regierung übermittelt

worden, damit er dasselbe für mich verwende, und Sie werden seine

Empfangsbescheinigung als ausreichendes Anerkenntniss meinerseits

annehmen. Er weiss, was ich an Leuten und Waaren nöthig habe, und

ich bin überzeugt, dass Sie Ihren ganzen consularischen Einfluss

darauf verwenden werden, ihm das zu verschaffen, was ich brauche und

die Expedition möglichst rasch ins Innere zu befördern. Wenn Sie

zwei Briefe, die hastig am 28. October 1871, gleich nachdem ich in

Udschidschi angekommen, geschrieben wurden, nämlich einen an Sie,

den zweiten an Lord Clarendon gerichteten, nicht erhalten haben, so

haben Sie sich vielleicht dazu verleiten lassen, wieder banyanische

oder andere Sklaven statt freier Leute zu miethen. Zaudern Sie jetzt

aber nicht, sondern seien Sie so gut, sie sofort wieder zu entlassen,

mag es kosten, was es wolle. Ich habe Herrn Stanley einen Wechsel

auf Bombay mitgegeben für den Fall, dass Sie alles Geld, das Ihnen

von der Regierung übersandt worden, verausgabt haben. Sklaven sollen

mir durchaus nicht geschickt werden, denn alle, die ich bisher

gehabt, kamen hier von der Idee erfüllt an, dass sie mich nicht

begleiten, sondern zur Rückkehr zwingen sollten und sie beschworen

es (fälschlicherweise natürlich), dass Sie, der Consul, ihnen

diese Instruction ertheilt hätten. Ich schliesse eine Quittung für

einen Taschenchronometer ein, den mir vielleicht der Kapitän eines

Kriegsschiffes leihen kann, ohne dass er ihn für sein eigenes Schiff

entbehrt. Ehe ich hiervon und von Geldangelegenheiten zu sprechen

aufhöre, möchte ich nur noch hinzufügen, dass Eile von grösster

Wichtigkeit ist und dass, wenn Ihnen irgendeine andere Methode, rasch

Geld zu bekommen, einfällt, z. B. von Herrn Young oder von meinen

Bankiers Coutts und Comp., so bitte ich Sie, dieselbe einzuschlagen.

Ich verpflichte mich hierdurch, das Ganze sofort durch einen Wechsel

zu berichtigen, wenn Herrn Stanley’s Leute Unyanyembé erreichen. Aus

einigen von Herrn Webb an Herrn Stanley gesandten Zeitungen ersehe

ich, dass Sie der Meinung sind, dass Waaren und Packete, die Sie

Banyanen mitgeben, in etwa einem Monat Udschidschi erreichen können.

Der Kasten aber, den Sie verpackt haben, war ungefähr vier Jahre

unterwegs. Waaren und wahrscheinlich auch Briefe, die mir durch einen

gewissen Hassain hergeschickt worden, sind ganz und gar verschwunden.

Durch Scherif mir übersandte Briefe waren vierzehn Monate unterwegs

nach Udschidschi und ein Packet davon war vernichtet. Alle Güter

sind für Sklaven und Elfenbein verkauft worden. Irrthümlicherweise

haben Sie Earl Granville veranlasst, im Hause der Lords zu sagen,

dass alle meine Bedürfnisse befriedigt seien. Ich brauche mich nicht

weitläufiger darauf einzulassen, sondern es genügt wol, wenn ich

Ihnen einen kurzen Ueberblick der Schicksale der durch Ludha und

seine Sklaven mir zugekommenen Vorräthe gebe. Die Briefe befanden

sich vierzehn Monate unterwegs nach Udschidschi und sind überhaupt

nur dadurch hergekommen, dass Herr Stanley sie zufälligerweise zu

sehen bekam und mir mitbrachte. Die von Ihnen gesandten Sklaven

wollten ihn nicht nach Udschidschi begleiten. Warum hat man sie alle

so instruirt, dass sie mir nicht folgen? Sie haben mir erzählt, dass

sie sich vier Monate in Bagamoyo aufgehalten haben. Dort verschwanden

drei Beutel Perlen und ein Ballen Tuch; dann verprassten die beiden

Führer meine Güter hier. Der eine ist an den Pocken gestorben und der

noch am Leben befindliche Athman hat am hellen Tage die Riegel und

Schlüssel von Herrn Stanley’s Vorrathshaus zerbrochen und ihm Güter

gestohlen. Er ist entlassen.

Ich bin u. s. w.

~David Livingstone~,

Ihrer Majestät Consul in Inner-Afrika.“

~Dr. Kirk an Earl Granville.~

„Zanzibar, 9. Mai 1872.

Ich habe die Ehre zu melden, dass gestern Herr Stanley, dessen

bevorstehende Ankunft ich bereits angekündigt habe, nach Zanzibar

gekommen und mir Briefe von Dr. Livingstone übergeben hat, von denen

ich hierbei Copien übersende. Da Dr. Livingstone es geflissentlich

vermeidet, auch nur Andeutungen von seinen während der letzten drei

Jahre, wo er nichts von sich hat hören lassen, ausgeführten Arbeiten

zu geben und ebensowenig etwas von den neuen Forschungen mittheilt,

die er vor hat und für welche er durch Herrn Stanley 50 Bewaffnete

verlangt und eine Ausgabe von 500 Pfd. Sterl. veranlasst, so muss ich

es Herrn Stanley überlassen, dem das Geheimniss anvertraut worden, es

in der Weise, wie es den Interessen seines Auftraggebers am besten

passt, bekannt zu machen. Herrn Stanley sind Dr. Livingstone’s

Tagebuch und seine sämmtlichen Notizen anvertraut worden mit dem

speciellen Befehle, nichts über seine Route oder seine Pläne hier

kund werden zu lassen; und Briefe, die früher geschrieben wurden und

einige Nachrichten enthielten, sind entweder unterdrückt worden oder

verloren gegangen. Der Rest von den durch die Regierung bewilligten

1000 Pfd. Sterl., welche Eure Lordschaft Herrn Churchill übergeben

hat, ist schon auf Ihren Befehl der Expedition zur Aufsuchung und

Unterstützung von Livingstone übergeben worden und befindet sich in

den Händen des Herrn W. O. Livingstone, der jetzt diese Expedition

repräsentirt, nachdem sich die andern Mitglieder vernünftigerweise

zurückgezogen haben, da sie erfahren, dass sich Dr. Livingstone

ungefährdet in Unyanyembé befindet, wo er leicht zu erreichen ist

und reichliche Vorräthe für die Jahre hat, die er sich noch im Lande

aufzuhalten gedenkt. Herr Stanley hat mir die Liste von Sachen

gezeigt, die jetzt von ihm bestellt worden, von denen sich fast alle

bereits unter den für die Expedition beschafften Gegenständen und

in den Händen von Herrn W. 0. Livingstone befinden. Daher werden

wol die kostbaren Baumwollenwaaren und Perlen, die schon für die

Reise angeschafft worden, verkauft werden, da Dr. Livingstone sie,

wie wir wissen, nicht mehr nöthig hat. In den Händen der Expedition

befinden sich auch funfzig gezogene Karabiner, sodass es überflüssig

sein wird, noch neue Auslagen in dieser Beziehung zur Bewaffnung

der funfzig Mann zu machen, die Herr Stanley aussuchen wird.

Jetzt erübrigt es fast nur noch, Sklavenketten zu kaufen, die Dr.

Livingstone für die Begleitmannschaft bestellt hat, um sie für den

Fall zu brauchen, dass die Leute sich weigern, ihre Pflicht zu thun,

wie es die vorigen gethan haben. Doch ist die Leitung der ganzen

Angelegenheit, soweit sie sich auf diese Expedition bezieht, in den

Händen von Dr. Livingstone’s Sohn, und die Auswahl der Leute wird

ausschliesslich von Herrn Stanley besorgt. Die Expedition wird,

auf die ausdrückliche Bitte Dr. Livingstone’s, sofort in leichter

Marschordnung abziehen. Die weitläufige Correspondenz, die ich

einschliesse, zeigt deutlich, dass der Agent Scherif Bascha, dem

der Transport der Vorräthe nach Udschidschi anvertraut worden,

dies in der nachlässigsten und unehrlichsten Weise besorgt hat. Es

scheint jedoch, dass die Handelsspeculationen, die auf dem ersten

Theile der Reise unternommen wurden, hauptsächlich mit Gütern

bewerkstelligt worden sind, die er sich an der Küste geliehen und

mit den Regierungsvorräthen zusammengethan hat, um sich die Kosten

des Transports zu ersparen. In Udschidschi ist er mit einem grossen

Vorrath von Regierungswaaren angekommen, welche, wenn er sie ehrlich

abgegeben hätte, noch lange für Dr. Livingstone’s Bedürfnisse

ausgereicht haben würden. Hier erst brachte er im Glauben, dass Dr.

Livingstone nicht aus Manyema zurückkehren werde, die werthvollsten

Sachen bei Seite und schickte nur wenig davon an den Doctor.

Die zum zweiten mal abgesandten Vorräthe, genau dieselben, wie das

erste mal, sind in Unyanyembé angekommen. Diese Expedition wurde

zuerst von Herrn Churchill organisirt und abgeschickt; die Leute

hielten sich aber noch nach der Abreise des Herrn Churchill von

Zanzibar an der Küste auf. Da ich Ursache hatte zu argwöhnen, dass

dies der Fall sei, schickte ich zuerst einen Consulardiener hin und

folgte dann selbst. Als sie von meiner bevorstehenden Ankunft hörten,

machten sie sich schleunigst auf den Weg. Es blieben aber noch

einige Lasten übrig, die ich persönlich aus Bagamoyo abzuschicken

hatte. Diese Güter sind jetzt in Dr. Livingstone’s Händen und in

Bezug auf sie habe ich den damals in Unyanyembé anwesenden Herrn

Stanley, als ich erfuhr, dass dort der Krieg ausgebrochen sei,

gebeten, für mich zu handeln und sie Dr. Livingstone zu übermitteln.

Zu der Zeit war es hier noch nicht bekannt, dass Herr Stanley

ausgezogen war, um Dr. Livingstone aufzusuchen, denn dies hatte er

bei seiner Abreise sorgfältig verheimlicht; da ich aber wusste,

dass ein Weisser sich an Ort und Stelle befände, so bat ich ihn,

alles Mögliche zu thun, um die für einen Reisecollegen bestimmten

Güter weiter zu befördern. Ein grosser Theil der Livingstone’schen

Correspondenz mit unserm Consulat bezieht sich auf förmliche Anklagen

des Sklavenhaltens, die gegen mehrere der bedeutendsten Mitglieder

der britisch-indischen Gemeinde gerichtet sind. Ich stehe dafür

ein, dass ein jeder der Leute vollständig jedes Wort des Contractes

verstanden hat, und ferner dass sich diese Leute, die angeblich

Sklaven von Banyanen sind, für Freie ausgegeben haben. Dass sie

sich sehr schlecht bewährt haben, unterliegt keinem Zweifel. Doch

erzählt mir Herr Stanley, er sei gezwungen gewesen, obwol er selbst

seine Expedition führte, seine Leute in Sklavenketten marschiren zu

lassen, um ähnliches Unglück zu vermeiden, und Dr. Livingstone gibt

in einer eigenhändigen Zuschrift den Befehl, Ketten für die Leute,

die ihm jetzt zugeschickt werden, zu kaufen. In Bezug auf die alte

Angelegenheit der Johannesen und Dr. Livingstone’s Geldforderungen

an sie, erwarte ich Eurer Lordschaft Befehle; da aber Johanna nicht

innerhalb meines Jurisdictionsbezirks liegt, so schliesse ich das

darauf bezügliche Schriftstück im Original bei. Ich enthalte mich

aller Bemerkungen über den unhöflichen Ton dieser officiellen Briefe,

sowie über die schimpflichen persönlichen Insinuationen, die sich auf

mein und Herrn Churchill’s Betragen beziehen. Ich bin aber bereit,

wenn es nöthig ist, auf jeden Punkt, über den Eure Lordschaft eine

Erklärung wünscht, Rede und Antwort zu stehen. Ich bin ganz ausser

Stande, es mir zu erklären, warum Dr. Livingstone, der als Consul

Ihrer Majestät accreditirt ist, nicht selbst sofort die stärksten

Massregeln ergriffen hat, um dem Sklaven- und sonstigem Raube

Einhalt zu thun, von dem er sagt, dass er durch junge Nassicks,

britische Schutzbefohlene, begangen worden, welche, wenn sie jetzt

nicht zu seiner Eskorte gehören, wenigstens durch ihn in das Land

gebracht wurden und sich zur Zeit in demselben Lager befanden.

Wenn er an Ort und Stelle, mit der ganzen Autorität eines Consuls

versehen, nicht Macht genug hat, das zu unterdrücken, was er als

Augenzeuge schildert, wie kann er erwarten, dass die Gerechtigkeit

die Schuldigen aus einer solchen Entfernung erreiche, zumal sie sich

in einer Gegend befinden, die durchaus nicht unter der Gewalt des

Sultans von Zanzibar steht.“

[Auszug.]

~Dr. Kirk an Earl Granville.~

(Erhalten am 22. Juli.)

„Zanzibar, 18. Mai 1872.

Ich habe die Ehre mitzutheilen, dass, nachdem wir die sichere

Kunde erhalten, Dr. Livingstone befinde sich bei guter Gesundheit

und im Besitz reichlicher Vorräthe, aber ohne die Absicht, jetzt

Afrika zu verlassen, in dem dreissig Tagereisen von der Küste

entfernten Unyanyembé, der Führer der zu seiner Aufsuchung und

Unterstützung bestimmten Expedition, Lieutenant Dawson, zu der

Ueberzeugung gekommen ist, dass seine Dienste als Hydrograph und

gewandter Landvermesser unnütz geworden seien. Da Dr. Livingstone’s

Sohn noch darauf besteht, sich zu seinem Vater zu begeben, und

Lieutenant Henn unter diesen Umständen es kaum für rathsam hielt,

ihn allein ziehen zu lassen, übernahm dieser das Commando, nachdem

Lieutenant Dawson zurückgetreten war. Der Missionär Herr New, der

sich der Expedition als Dolmetscher angeschlossen, erbot sich auch,

mitzugehen, und die neue Expedition war zum Aufbruch bereit, als

auch Herr New aus dem Grunde ablehnte, er könne bei reiflicherer

Ueberlegung die zweite Stelle nicht annehmen. Seine Entlassung wurde

sofort angenommen. Darauf begaben sich Lieutenant Henn, Herr W.

O. Livingstone und die aus Eingeborenen bestehende Wachmannschaft

auf das Festland von Afrika, wo die Güter schon unter Lieutenant

Dawson zusammengebracht worden waren. Die Expedition war bereit

aufzubrechen und unter Auspicien, wie sie wol nie besser gewesen,

als Herr Stanley, der amerikanische Zeitungscorrespondent, der vor

einem Jahre abgereist war, in Bagamoyo ankam. Herr Stanley verlor

keine Zeit, Herrn Lieutenant Henn davon zu benachrichtigen, dass

er Befehle von Dr. Livingstone habe, jede Expedition, die zu ihm

stossen wolle, zurückzuschicken, und dass er und seine Expedition

durchaus nicht willkommen, sondern Livingstone nur zur Last fallen

würde, da er (Herr Stanley) eigenhändige Befehle des Doctors habe,

die Leute und Vorräthe, deren er noch bedürfe, zu besorgen. Da es

bei Lieutenant Henn’s Rückkehr in Zanzibar aus der ganzen Haltung

von Dr. Livingstone’s offizieller Correspondenz ersichtlich war,

dass ihm keine Hülfe, die nicht von Herrn Stanley, dem Agenten, dem

er Vertrauen schenke, käme, willkommen sei, zog sich Lieutenant

Henn natürlich zurück; Herr W. O. Livingstone aber bestand noch

darauf, seinen Vater unter allen Umständen in Gesellschaft von

Herrn Stanley’s Leuten aufzusuchen und es wurden ihm daher die

Vorräthe anvertraut. Herr Stanley beeilte sich auch, die 500 Pfd.

Sterl., wegen deren ihn Dr. Livingstone in einem Briefe, dessen

Abschrift ich beilege, an mich gewiesen hatte, mir abzuverlangen.

Ich theilte ihm darauf mit, dass ich derartige Fonds nicht besässe,

da infolge Befehls von Euer Lordschaft alles der letzten Expedition

übergeben worden und dass Herr W. O. Livingstone die ganze

Verantwortlichkeit für dieselben habe. Herr Stanley vernichtete

darauf einen Livingstone’schen Wechsel über die Summe von 500 Pfd.

Sterl., der auf Bombay ausgestellt war. Herr W. O. Livingstone

hat es nach Durchlesung der Briefe seines Vaters abgelehnt, Herrn

Stanley’s Expedition zu seinem Vater zu begleiten, dagegen Herrn

Stanley alles, was er an Vorräthen und Geld brauchte, übergeben und

die amerikanische Expedition ist gestern nach der Küste abgereist.

Ich füge hier noch hinzu, da sonst vielleicht mein Betragen falsch

dargestellt werden könnte, dass sich Herr Stanley, um Vorwürfen

zu entgehen, die daraus entstehen könnten, dass seine Leute nicht

rechtzeitig in Unyanyembé ankämen, an mich mit der Bitte gewandt

hat, für ihren Abgang zu sorgen, nachdem er Zanzibar verlassen.

Dieses habe ich sofort aufs bestimmteste abgelehnt und ihm gesagt,

es sei mir unmöglich, mit Dr. Livingstone nach dem, was er gethan

und gesagt habe, noch anders als in meiner officiellen Eigenschaft

zu verhandeln. Herr W. O. Livingstone hat hier die überschüssigen

Vorräthe der Expedition verkauft und wird seine Rechnung der Königl.

Geographischen Gesellschaft einreichen.“

Aus dem Obigen ersieht man, dass Dr. Livingstone eine förmliche Klage

bei Herrn Kirk einreicht und natürlich auch genöthigt ist, seinen

Freund in der formellen Weise „Mein Herr!“ anzureden. Er fährt dann

fort die Erfolge der verschiedenen von Zanzibar an ihn abgesandten

Karavanen zu schildern und gesteht es in einer Nachschrift ein, dass

er es sehr bedauere gezwungen zu sein, über so unangenehme Dinge zu

schreiben.

In den Briefen Dr. Kirk’s, die es offenbar bekunden, dass er diese

Klage übel aufnimmt, findet man, dass dieser darauf durch folgende

gegen Dr. Livingstone und mich vorgebrachte Beschuldigungen erwidert:

1) Dr. Livingstone hat es „geflissentlich“ vermieden, die geringste

Andeutung über seine Arbeiten während der letzten drei Jahre, wo

er nichts von sich hat hören lassen, und in Bezug auf seine neuen

Forschungen zu machen.

2) Herr Stanley hat besondere Instructionen, ja nichts über seine

(zukünftige) Route oder Pläne bekannt werden zu lassen.

3) Früher geschriebene Briefe, in denen sich hierüber einige

Nachrichten befanden, sind unterdrückt worden oder verloren gegangen.

4) Herr Stanley ist gezwungen gewesen, seine Leute in Sklavenketten

marschiren zu lassen, um ähnliches Unglück zu vermeiden, wie das von

Livingstone erduldete.

5) Dr. Livingstone verlangt in einem eigenhändigen Schriftstücke Ketten

zu diesem Zweck (um Unglücksfälle zu vermeiden), für die Leute, die

jetzt zu ihm ziehen.

6) Der Ton der officiellen Briefe Dr. Livingstone’s ist unhöflich und

die persönlichen Insinuationen in Bezug auf mein und Herrn Churchill’s

Betragen sind schimpflich.

7) Ich wundere mich, dass Dr. Livingstone ausgerüstet mit der

Consularautorität nicht die Macht hat, dem Morden, dem Sklaven- und

sonstigem Raube, der öffentlich von jungen Nassicks, britischen

Schutzbefohlenen, verübt worden, ein Ziel zu setzen.

8) Herr Stanley hat keine Zeit verloren, Lieutenant Henn zu versichern,

dass ein schriftlicher Befehl Dr. Livingstone’s ihn ermächtige, eine

jede Expedition, die zu ihm stossen will, wieder zurückzuschicken.

9) Es geht deutlich aus der Haltung von Dr. Livingstone’s officieller

Correspondenz hervor, dass er nur Hülfe, welche durch seinen vertrauten

Agenten, Herrn Stanley, ihm zukommt, willkommen heissen werde.

10) Herr W. O. Livingstone hat, nachdem er seines Vaters Briefe

durchlesen, es abgelehnt, Herrn Stanley’s Expedition zu seinem Vater zu

begleiten.

Da Dr. Livingstone nicht hier ist und ich die obigen Beschuldigungen

ebenso widerlegen kann, als ob er selbst in England wäre, und da ich

an einigen der Beschuldigungen auch betheiligt bin, so ist es meine

Pflicht, sie so deutlich wie möglich auseinanderzusetzen. Ich erwidere

also in derselben Reihenfolge, wie oben die Behauptungen aufgeführt

sind, Folgendes:

1) Dr. Livingstone hat es nicht geflissentlich vermieden, Aufschlüsse

über seine zukünftigen Pläne oder frühern Arbeiten zu geben. Vielmehr

hat er wiederholt Briefe geschrieben, von welchen ich Abschriften in

seinem Tagebuche gesehen, welche Einzelheiten über seine Entdeckungen

enthalten.

2) Ich habe nie besondere Instructionen erhalten, nichts über Dr.

Livingstone’s zukünftige Route oder Pläne bekannt zu machen und

zwar weder von Dr. Livingstone, noch von Herrn Bennett, was dadurch

bewiesen wird, dass ich dem Correspondenten des „Daily Telegraph“, als

er mich in Marseille besuchte, um Nachrichten zu bekommen, dieselben

bereitwillig gegeben habe.

3) Briefe mit Nachrichten von Dr. Livingstone an Dr. Kirk und Lord

Clarendon, die bald nach seiner Ankunft in Udschidschi geschrieben,

wurden durch Kuriere nach Unyanyembé geschickt und von Sayd bin Salim

in Empfang genommen. Sie sind also später „unterdrückt worden oder

verloren gegangen“, nämlich auf dem Wege zwischen Sayd bin Salim in

Unyanyembé und dem britischen Consulat in Zanzibar in der Zeit, wo ich

mit Dr. Livingstone von Udschidschi nach Unyanyembé reiste.

4) Ich war nur dazu gezwungen, die wenigen widerspenstigen Leute und

Deserteure in Ketten marschiren zu lassen, Leute, die beständig meine

Expedition dadurch gefährdeten, dass sie unser Eigenthum auf dem Wege

liegen liessen oder meutern wollten.

5) Dr. Livingstone hat mir, auf meinen Rath hin, versprochen, den

moralischen Einfluss einer Kette auf Widerspenstige und Deserteure zu

versuchen, wie ich es auch gethan; denn irgendein Strafmittel ist in

Central-Afrika für die Unverbesserlichen ebenso nothwendig, wie die

Gefängnisse in civilisirten Ländern.

6) Der Ton von Dr. Livingstone’s Briefen ist nicht unhöflich.

Unhöflichkeit lag durchaus nicht in seiner Absicht; es sind nur

formelle Beschwerden.

7) Wäre Dr. Livingstone selbst mit despotischer und königlicher

Autorität versehen gewesen, so wäre er doch ebenso machtlos wie bei

Consularautorität, wenn er nicht die Mittel hatte, sie mit Gewalt zur

Geltung zu bringen. In den Wildnissen von Central-Afrika hätte er nicht

britische Schützlinge mit der Todes- oder Gefängnissstrafe belegen

können, wenn er auch die Autorität aller civilisirten Völker, aber

nicht die Mittel besässe, dieselbe mit Gewalt zur Geltung zu bringen.

Er konnte Uebelthäter eben nur entlassen.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 79 / 88 题