Einige Wangwana kamen nach Tura, um sich unserer heimkehrenden
Expedition anzuschliessen, da sie sich fürchteten, allein durch Ugogo
zu ziehen; andere sollten nachkommen; da man ihnen aber in Unyanyembé
ganz bestimmt gesagt hatte, dass die Karavane jedenfalls am 14. abgehen
werde, so wollte ich nicht länger warten.
Als wir Tura am 21. verliessen, wurden Susi und Hamoyda zum Doctor
zurückgeschickt, während wir unsern Marsch an den Nghwhalah-Fluss
fortsetzten.
Zwei Tage später kamen wir vor dem Dorfe Ngaraiso an, in welches die
Spitze der Karavane hineinzugehen versuchte, doch wurden sie von den
bösen Wakimbu mit Gewalt vertrieben.
Am 24. schlugen wir unser Lager auf einer sogenannten Tongoni oder
Lichtung auf. Es war ein sehr romantischer Ort, wie man aus der
allerdings nur skizzenhaften Abbildung zu Anfang dieses Kapitels
ersehen kann.
Einst befand sich diese Gegend in einem höchst blühenden Zustande. Der
Boden ist ausgezeichnet fruchtbar, das üppige Bauholz würde in der
Nähe der Küste sehr viel werth sein, und es gibt hier, was in Afrika
sehr geschätzt wird, reichlich Wasser. Wir lagerten in der Nähe eines
glatten, breiten Syenitblocks, an dessen einer Seite sich ein massiver
viereckiger Fels hoch emporhob, die verschiedenen in der Nachbarschaft
befindlichen Bäume überragend; auf dem andern Ende stand noch ein
eigenthümlicher Felsblock aufrecht, der an seinem Fusse gelockert war.
Meine Leute benutzten die grosse Felsplatte, um sich ihr Korn selbst zu
mahlen, was hier ja gewöhnlich geschieht, wenn Dörfer nicht in der Nähe
sind oder das Volk feindlich gesinnt ist.
Am 27. März gelangten wir nach Kiwyeh. Als wir mit dem Morgengrauen den
Mdaburu-Fluss verliessen, liess ich die Leute in aller Form warnend
bedeuten, dass wir im Begriff wären, in Ugogo einzutreten. Unter
lautem, trompetenartigen Blasen zogen wir aus dem Dorfe Kaniyaga und
kamen durch ausgedehnte wogende Maisfelder. Da die Aehren reif genug
zum Rösten und Dörren waren, wurden wir von einer Besorgniss befreit;
denn sehr häufig leiden Karavanen zu Anfang März Hunger, der sowol die
Eingeborenen als Fremden heimsucht.
Darauf kamen wir in die Districte der Gummibäume und wussten, dass wir
in Ugogo seien; denn die Wälder dieses Landes bestehen hauptsächlich
aus Gummi- und Dornbäumen, Mimosen und Tamarisken sowie verschiedenen
wilden Fruchtbäumen. Es gab viel Trauben, die jedoch noch nicht reif
waren; auch fanden wir eine runde röthliche Frucht von der Süsse der
Sultanatraube mit stachelbeerähnlichen Blättern. Eine andere, etwa von
der Grösse einer Aprikose, hatte sehr bittern Geschmack.
Als wir aus den dichten Dorndschungels heraustraten, erblickten wir die
ausgedehnten Ansiedelungen von Kiwyeh und fanden östlich vom Dorfe des
Häuptlings einen Lagerplatz unter dem Schatten einer Gruppe kolossaler
Baobabs.
Die Bevölkerung von Kiwyeh besteht etwa zu gleichen Theilen aus Wakimbu
und Wagogo. Der alte Kiwyeh, der in den Tagen Speke’s und Grant’s
lebte, ist todt und jetzt regiert sein junger Sohn das Gebiet. Obgleich
die Herrschaft dieses Jünglings äusserlich gut aussieht und seine
loyalen Unterthanen ihr Vieh zu Hunderten zählen, so ist seine Lage
doch eine misliche, denn seine grosse Jugend bietet den ihn umgebenden
Wagogohäuptlingen viele Versuchungen.
Kaum waren wir im Lager, als wir überall Kriegshörner laut ertönen
hörten und Boten erblickten, die nach allen Richtungen rasch
dahinflogen, um Kriegsalarm zu schlagen. Zuerst als ich erfuhr, dass
das Volk durch die Hörner zu den Waffen gerufen wurde, hatte ich halb
und halb den Verdacht, dass ein Angriff auf unsere Expedition gemacht
werden solle, doch erklärten mir die Worte „Urugu, Warugu“ (Dieb,
Diebe), die allgemein im Umlauf waren, alsbald die Ursache. Mukondoku
nämlich, der Häuptling des bevölkerten, zwei Tagemärsche nach Norden zu
liegenden Bezirkes, wo wir auf unserm frühern Zuge nach Westen etwas
in Angst gerathen waren, stand im Begriff, den jungen Mtemi, Kiwyeh,
anzugreifen, und deshalb wurden die Soldaten von Kiwyeh zum Kampf
zusammengerufen. Die Leute stürzten sich in ihre Dörfer und in kurzer
Zeit sahen wir sie im vollem Kriegskostüm heraufziehen. Strauss- und
Adlerfedern wogten auf der Stirn oder Zebra-Mähnen um den Kopf; Knie
und Knöchel waren mit kleinen Schellen besetzt. Vom Nacken flatterten
ihre Dschoho-Gewänder; Speere, Assegais, Knüttel und Bogen schwenkten
sie über den Kopf oder hielten sie in der rechten Hand, als ob sie zum
Wurf bereit seien. Zu beiden Seiten eines grossen Heereskörpers, der
im gleichmässigen, raschen Doppelschritt aus dem Hauptdorfe herauskam,
wobei die Schellen am Fuss- und Kniegelenk harmonisch erklangen,
befanden sich Trupps von Plänklern, die ganz besonders begeistert
zu sein schienen und sich auf dem Wege in Scheinkämpfen übten. Eine
Colonne nach der andern, Compagnien und Gruppen passirten eilig aus
jedem Dorfe an unserm Lager vorüber, bis etwa fast tausend Soldaten in
den Krieg gezogen waren. Diese Scene gab mir die beste Vorstellung von
der Schwäche selbst der grössten Karavanen, die zwischen Zanzibar und
Unyanyembé reisen.
Gegen Abend kehrten die Krieger aus dem Walde zurück, da der Alarm
sich als grundlos erwiesen hatte. Anfangs hiess es allgemein, die
Eindringlinge seien Wahehe oder Wadirigo, unter welchem Spottnamen
dieser Stamm wegen seiner Neigung zum Diebstahl bekannt ist. Die Wahehe
machen oft Streifzüge nach dem fetten Vieh von Ugogo. Aus ihrem eigenen
im Südwesten gelegenen Lande ziehen sie durch das Dickicht und bücken
sich bei Annäherung an die Heerden, indem sie sich den Körper mit aus
Ochsenhaut bestehenden Schilden bedecken. Wenn sie so zwischen das Vieh
und die Hirten gekommen sind, erheben sie sich plötzlich, fangen an,
das Vieh mit Gerten zu peitschen, treiben es in die Dschungels zu den
zu diesem Behuf Zurückgebliebenen, kehren dann schnell um und pflanzen
ihre Schilde vor sich hin, um mit den empörten Schäfern zu kämpfen.
Am 30. langten wir in Khonze an, das sich durch die grossen Laubkugeln
auszeichnet, welche die riesigen Sykomoren und Baobabs über die Ebene
ausbreiten. Der Häuptling von Khonze rühmt sich, vier Tembés zu
besitzen, aus denen er 50 Bewaffnete um sich sammeln könnte. Von den
Wanyamwezi-Bewohnern dazu angespornt, bereitete sich dieser Bursche
darauf vor, sich unserer Weiterreise zu widersetzen, weil ich ihm nur 3
Doti (12 Meter Tuch) als Honga geschickt hatte.
[Illustration: DIE WAGOGO ZUM KRIEG AUSZIEHEND.