An Herrn ~Henry M. Stanley~. -- Aufenthalt unbekannt.“

Einige Wangwana kamen nach Tura, um sich unserer heimkehrenden

Expedition anzuschliessen, da sie sich fürchteten, allein durch Ugogo

zu ziehen; andere sollten nachkommen; da man ihnen aber in Unyanyembé

ganz bestimmt gesagt hatte, dass die Karavane jedenfalls am 14. abgehen

werde, so wollte ich nicht länger warten.

Als wir Tura am 21. verliessen, wurden Susi und Hamoyda zum Doctor

zurückgeschickt, während wir unsern Marsch an den Nghwhalah-Fluss

fortsetzten.

Zwei Tage später kamen wir vor dem Dorfe Ngaraiso an, in welches die

Spitze der Karavane hineinzugehen versuchte, doch wurden sie von den

bösen Wakimbu mit Gewalt vertrieben.

Am 24. schlugen wir unser Lager auf einer sogenannten Tongoni oder

Lichtung auf. Es war ein sehr romantischer Ort, wie man aus der

allerdings nur skizzenhaften Abbildung zu Anfang dieses Kapitels

ersehen kann.

Einst befand sich diese Gegend in einem höchst blühenden Zustande. Der

Boden ist ausgezeichnet fruchtbar, das üppige Bauholz würde in der

Nähe der Küste sehr viel werth sein, und es gibt hier, was in Afrika

sehr geschätzt wird, reichlich Wasser. Wir lagerten in der Nähe eines

glatten, breiten Syenitblocks, an dessen einer Seite sich ein massiver

viereckiger Fels hoch emporhob, die verschiedenen in der Nachbarschaft

befindlichen Bäume überragend; auf dem andern Ende stand noch ein

eigenthümlicher Felsblock aufrecht, der an seinem Fusse gelockert war.

Meine Leute benutzten die grosse Felsplatte, um sich ihr Korn selbst zu

mahlen, was hier ja gewöhnlich geschieht, wenn Dörfer nicht in der Nähe

sind oder das Volk feindlich gesinnt ist.

Am 27. März gelangten wir nach Kiwyeh. Als wir mit dem Morgengrauen den

Mdaburu-Fluss verliessen, liess ich die Leute in aller Form warnend

bedeuten, dass wir im Begriff wären, in Ugogo einzutreten. Unter

lautem, trompetenartigen Blasen zogen wir aus dem Dorfe Kaniyaga und

kamen durch ausgedehnte wogende Maisfelder. Da die Aehren reif genug

zum Rösten und Dörren waren, wurden wir von einer Besorgniss befreit;

denn sehr häufig leiden Karavanen zu Anfang März Hunger, der sowol die

Eingeborenen als Fremden heimsucht.

Darauf kamen wir in die Districte der Gummibäume und wussten, dass wir

in Ugogo seien; denn die Wälder dieses Landes bestehen hauptsächlich

aus Gummi- und Dornbäumen, Mimosen und Tamarisken sowie verschiedenen

wilden Fruchtbäumen. Es gab viel Trauben, die jedoch noch nicht reif

waren; auch fanden wir eine runde röthliche Frucht von der Süsse der

Sultanatraube mit stachelbeerähnlichen Blättern. Eine andere, etwa von

der Grösse einer Aprikose, hatte sehr bittern Geschmack.

Als wir aus den dichten Dorndschungels heraustraten, erblickten wir die

ausgedehnten Ansiedelungen von Kiwyeh und fanden östlich vom Dorfe des

Häuptlings einen Lagerplatz unter dem Schatten einer Gruppe kolossaler

Baobabs.

Die Bevölkerung von Kiwyeh besteht etwa zu gleichen Theilen aus Wakimbu

und Wagogo. Der alte Kiwyeh, der in den Tagen Speke’s und Grant’s

lebte, ist todt und jetzt regiert sein junger Sohn das Gebiet. Obgleich

die Herrschaft dieses Jünglings äusserlich gut aussieht und seine

loyalen Unterthanen ihr Vieh zu Hunderten zählen, so ist seine Lage

doch eine misliche, denn seine grosse Jugend bietet den ihn umgebenden

Wagogohäuptlingen viele Versuchungen.

Kaum waren wir im Lager, als wir überall Kriegshörner laut ertönen

hörten und Boten erblickten, die nach allen Richtungen rasch

dahinflogen, um Kriegsalarm zu schlagen. Zuerst als ich erfuhr, dass

das Volk durch die Hörner zu den Waffen gerufen wurde, hatte ich halb

und halb den Verdacht, dass ein Angriff auf unsere Expedition gemacht

werden solle, doch erklärten mir die Worte „Urugu, Warugu“ (Dieb,

Diebe), die allgemein im Umlauf waren, alsbald die Ursache. Mukondoku

nämlich, der Häuptling des bevölkerten, zwei Tagemärsche nach Norden zu

liegenden Bezirkes, wo wir auf unserm frühern Zuge nach Westen etwas

in Angst gerathen waren, stand im Begriff, den jungen Mtemi, Kiwyeh,

anzugreifen, und deshalb wurden die Soldaten von Kiwyeh zum Kampf

zusammengerufen. Die Leute stürzten sich in ihre Dörfer und in kurzer

Zeit sahen wir sie im vollem Kriegskostüm heraufziehen. Strauss- und

Adlerfedern wogten auf der Stirn oder Zebra-Mähnen um den Kopf; Knie

und Knöchel waren mit kleinen Schellen besetzt. Vom Nacken flatterten

ihre Dschoho-Gewänder; Speere, Assegais, Knüttel und Bogen schwenkten

sie über den Kopf oder hielten sie in der rechten Hand, als ob sie zum

Wurf bereit seien. Zu beiden Seiten eines grossen Heereskörpers, der

im gleichmässigen, raschen Doppelschritt aus dem Hauptdorfe herauskam,

wobei die Schellen am Fuss- und Kniegelenk harmonisch erklangen,

befanden sich Trupps von Plänklern, die ganz besonders begeistert

zu sein schienen und sich auf dem Wege in Scheinkämpfen übten. Eine

Colonne nach der andern, Compagnien und Gruppen passirten eilig aus

jedem Dorfe an unserm Lager vorüber, bis etwa fast tausend Soldaten in

den Krieg gezogen waren. Diese Scene gab mir die beste Vorstellung von

der Schwäche selbst der grössten Karavanen, die zwischen Zanzibar und

Unyanyembé reisen.

Gegen Abend kehrten die Krieger aus dem Walde zurück, da der Alarm

sich als grundlos erwiesen hatte. Anfangs hiess es allgemein, die

Eindringlinge seien Wahehe oder Wadirigo, unter welchem Spottnamen

dieser Stamm wegen seiner Neigung zum Diebstahl bekannt ist. Die Wahehe

machen oft Streifzüge nach dem fetten Vieh von Ugogo. Aus ihrem eigenen

im Südwesten gelegenen Lande ziehen sie durch das Dickicht und bücken

sich bei Annäherung an die Heerden, indem sie sich den Körper mit aus

Ochsenhaut bestehenden Schilden bedecken. Wenn sie so zwischen das Vieh

und die Hirten gekommen sind, erheben sie sich plötzlich, fangen an,

das Vieh mit Gerten zu peitschen, treiben es in die Dschungels zu den

zu diesem Behuf Zurückgebliebenen, kehren dann schnell um und pflanzen

ihre Schilde vor sich hin, um mit den empörten Schäfern zu kämpfen.

Am 30. langten wir in Khonze an, das sich durch die grossen Laubkugeln

auszeichnet, welche die riesigen Sykomoren und Baobabs über die Ebene

ausbreiten. Der Häuptling von Khonze rühmt sich, vier Tembés zu

besitzen, aus denen er 50 Bewaffnete um sich sammeln könnte. Von den

Wanyamwezi-Bewohnern dazu angespornt, bereitete sich dieser Bursche

darauf vor, sich unserer Weiterreise zu widersetzen, weil ich ihm nur 3

Doti (12 Meter Tuch) als Honga geschickt hatte.

[Illustration: DIE WAGOGO ZUM KRIEG AUSZIEHEND.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 66 / 88 题