2000 Stück Jocelyn- und Starr-Patronen.
1500 Henry’sche Gewehrpatronen.
Ausserdem Kochgeräthschaften, ein Arzneikasten, Bücher, ein Sextant,
Segeltuch-Beutel u. s. w. u. s. w.
Dies machte eine Gesammtsumme von ungefähr 40 Lasten. Manche der in
dieser Liste enthaltenen Dinge, namentlich die Karabiner und die
Munition, die Säge, Zimmermannswerkzeuge, Perlen und der Draht würden
in Unyanyembé zu beliebig hohen Preisen zu verkaufen gewesen sein. Von
den 33 Lasten, welche für Livingstone in meinem Tembé aufgespeichert
lagen (den Vorräthen nämlich, die ihm am 1. November 1870 zugeschickt
worden), waren nur wenige für seine Rückkehr nach Rua und Manyuema
zu brauchen. Die 697 Doti Tuch, die ich ihm überliess, bildeten
die einzigen verkäuflichen Werthgegenstände, die er besass, und in
Manyuema, wo die Eingeborenen ihr eigenes Tuch fabriciren, wären sie
völlig unverkäuflich gewesen; meine Perlen und der Draht dagegen
konnten, ökonomisch gehandhabt, ausreichen, ihn und seine Leute mehr
als zwei Jahre in jenen Gegenden zu erhalten. Sein eigenes Tuch und
das, was ich ihm gab, machte zusammen 1393 Doti aus; rechnet man den
Lebensunterhalt für den Tag zu zwei Doti, so genügte dies, ihn und
sechzig Leute 696 Tage zu erhalten. So hatte er Vorräthe für vier
Jahre und die einzigen Gegenstände, die ihm fehlten, um wieder eine
vollständig ausgerüstete Expedition zu haben, waren die, welche er und
ich in folgender Liste verzeichnet haben:
Einige Zinnbüchsen mit amerikanischem Weizenmehl.
„ „ „ Schiffszwieback.
„ „ „ eingemachten Früchten.
„ „ „ Sardinen.
„ „ „ Lachs.
10 Pfd. Hyson-Thee.
Etwas Zwirn und Nähnadeln.
Ein Dutzend officielle Couverts.
Ein Nautical-Almanach für 1872 und 1873.
Ein neues Tagebuch.
Ein Chronometer.
Eine Kette für widerspenstige Leute.
Mit den eben aufgezählten Artikeln würde er alles in allem 70 Lasten
gehabt haben, die ihm jedoch ohne Lastträger nur beschwerlich gewesen
wären, denn er konnte mit den neun Leuten, die er jetzt nur hatte, mit
einem so prächtigen Sortiment von Waaren nirgends hingehen. Deshalb
erhielt ich den Auftrag, sobald ich Zanzibar erreicht hätte, 50 Freie
anzuwerben, jeden von ihnen mit einem Gewehr, einem Beil und sonstigem
Zubehör auszurüsten, sowie 2000 Kugeln, 1000 Feuersteine und 10
Fässchen Pulver zu kaufen. Die Leute sollten Livingstone als Lastträger
überall hin begleiten, wo er es verlangte. Denn ohne solche Begleiter
dienten ihm die auf seine reichlichen Mittel basirten Hoffnungen nur
zur Qual, da die Sachen ohne Lastträger sich gar nicht verwerthen
liessen. Alle Reichthümer Londons und New Yorks wären ihm vollständig
unnütz gewesen, wenn er nicht die Mittel zur Beförderung hatte. Nun
vermiethet sich aber kein Mnyamwezi während der Kriegszeit als Träger.
Wer mein Tagebuch über das Leben in Unyanyembé gelesen hat, weiss,
wie hartnäckig conservativ die Wanyamwezi sind. Mir lag also, meinem
berühmten Gefährten gegenüber, noch die Pflicht ob, mich mit der
grössten Eile, als ob es sich um Leben und Tod handle, an die Küste zu
begeben, dort für ihn Leute anzuwerben, als ob er selbst da sei, für
ihn mit ebenso grossem Eifer wie für mich selbst zu arbeiten und nicht
zu ruhen, bis seine Wünsche erfüllt seien. Dieses gelobte ich mir zu
thun; aber freilich war das der Todesstreich für mein Project, den Nil
hinunterzugehen und Nachrichten über Sir S. Baker einzuziehen.
Livingstone’s Briefe waren beendet. Er übergab mir zwanzig nach
Grossbritannien, sechs nach Bombay, zwei nach New York und einen nach
Zanzibar. Die beiden nach New York gerichteten waren für James Gordon
Bennett jun.; nur dieser und nicht sein Vater hatte meine Expedition
veranlasst. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, dass ich einen
dieser Briefe hier wieder veröffentliche, da er nach Inhalt und
Stil den Mann charakterisirt, für den es sich lohnte, eine kostbare
Expedition auszurüsten, um sichere Nachrichten über sein Leben oder
seinen Tod zu erhalten.
Udschidschi am Tanganika, Ostafrika. November 1871.
Herrn James Gordon Bennett jun.
Verehrter Herr! Für gewöhnlich ist es etwas schwer, an jemand zu
schreiben, den man nie gesehen hat. Es ist fast so, als ob man sich
an eine Abstraction wendet; doch benimmt mir die Anwesenheit Ihres
Repräsentanten, des Herrn H. M. Stanley, in diesen fernen Gegenden
das Gefühl des Fremdseins, das ich sonst empfinden würde, und ich
fühle mich ganz heimisch, wenn ich Ihnen schreibe, um Ihnen für die
grosse Güte zu danken, die Sie dazu veranlasst hat, ihn herzusenden.
Wenn ich Ihnen den verzweifelten Zustand darstelle, in welchem
er mich aufgefunden hat, so werden Sie leicht einsehen, dass ich
allen Grund habe, mich sehr starker Ausdrücke der Dankbarkeit zu
bedienen. Ich erreichte Udschidschi nach einer Fussreise von 400–500
Meilen Länge, die ich unter einer glühenden Sonne zurückgelegt
hatte, enttäuscht, abgemattet und, fast am Ende des geographischen
Theils meiner Mission, zur Rückkehr gezwungen durch eine Anzahl
mohammedanischer Halbblutsklaven, die mir statt freier Männer aus
Zanzibar zugeschickt waren. Die Leiden meines Gemüths wurden durch
den traurigen Anblick der Inhumanität der Menschen gegeneinander
noch gesteigert und hatten einen höchst nachtheiligen Einfluss auf
meine Constitution ausgeübt und sie über alle Massen geschwächt. Ich
glaubte, an Ort und Stelle sterben zu müssen. Es ist nicht zu viel
gesagt, dass fast jeder Schritt auf dem peinigenden, durchglühten
Wege mir schmerzhaft wurde und ich in Udschidschi als ein blosses
Knochenskelet anlangte.
Hier fand ich, dass Waaren im Werthe von etwa 500 Pfd. Sterling, die
ich aus Zanzibar herbestellt hatte, unverantwortlicherweise einem
Trunkenbold, einem Schneider, mohammedanisches Halbblut, anvertraut
worden waren, der, nachdem er sie theilweise 16 Monate lang auf dem
Wege nach Udschidschi verschwendet, damit endete, den Rest zu seinen
eigenen Gunsten gegen Sklaven und Elfenbein zu verkaufen. Er hatte
aus dem Koran prophezeit und gefunden, dass ich todt sei; hatte auch
dem Gouverneur von Unyanyembé geschrieben, dass er mir Sklaven nach
Manyuema nachgeschickt habe, die bei ihrer Rückkehr mich für todt
ausgegeben, und um die Erlaubniss nachgesucht, die wenigen Waaren,
die seine Trunksucht noch übrig gelassen hatte, zu verkaufen.
Er wusste jedoch ganz genau von Leuten, die mich gesehen hatten,
dass ich am Leben sei und auf meine Güter und Leute warte; er ist
aber, was die Moralität betrifft, offenbar ein Idiot, und da es hier
kein Gesetz als das des Dolches und der Muskete gibt, musste ich
hier äusserst entkräftet und von allem entblösst, ausser ein paar
Tauschtuchen und Perlen, die ich vorsichtigerweise für den Fall der
äussersten Noth hier gelassen, sitzen bleiben.
Die nahe Aussicht auf Bettlerarmuth unter den Udschidschianern machte
mich ganz elend.
Zwar konnte ich nicht verzweifeln, da ich einmal so sehr über einen
Freund gelacht, welcher bei seiner Ankunft an der Mündung des
Zambezi behauptete, er fühle sich versucht zu verzweifeln, weil er
die Photographie seiner Frau zerbrochen hatte, denn hiernach könnten
wir durchaus kein Glück mehr haben. Seit der Zeit hat der Gedanke an
Verzweiflung für mich einen so starken Beigeschmack des Lächerlichen
bekommen, dass bei mir daran nicht mehr zu denken ist.
Als ich nun ungefähr auf die niedrigste Stufe herabgesunken war,
verbreiteten sich unbestimmte Gerüchte, dass ein Engländer mich
besuchen werde. Zwar hatte ich mich in Gedanken mit dem Manne
verglichen, der von Jerusalem nach Jericho ging, doch konnte wol
kaum weder ein Priester, noch Levite, noch Samariter auf meinen
Weg gerathen. Dennoch war der gute Samariter nahe bei der Hand und
einer meiner Leute stürzte in grösster Eile auf mich zu und rief in
grosser Aufregung: „Da kommt ein Engländer, ich sehe ihn!“ worauf er
fortschnellte, um ihm entgegenzugehen.
An der zum ersten male in diesem Theile der Welt gesehenen
amerikanischen Flagge, welche sich an der Spitze der Karavane befand,
erkannte ich die Nationalität des Fremden.
Ich bin kalt und zugeknöpft, wie wir Insulaner es gewöhnlich
sein sollen; aber Ihre Güte drang mir durch Mark und Bein. Sie
überwältigte mich geradezu und ich rief in meinem Innern: „Möge der
Höchste Ihnen und den Ihrigen seinen reichsten Segen zutheil werden
lassen!“
Auch die Nachrichten, die mir Herr Stanley mitzutheilen hatte,
waren erschütternd. Die mächtigen politischen Veränderungen auf dem
Continent; der Erfolg der atlantischen Kabel; die Wahl des General
Grant und viele andere Dinge fesselten meine Aufmerksamkeit tagelang
und hatten einen unmittelbaren und höchst wohlthätigen Einfluss auf
meine Gesundheit. Ich war jahrelang völlig ohne Nachrichten von Hause
gewesen, ausser den spärlichen, die ich aus einigen Nummern der
„Saturday Review“ und des „Punch“ vom Jahre 1868 erhalten hatte. Mein
Appetit kam wieder und in einer Woche fühlte ich mich sehr gekräftigt.
Herr Stanley brachte mir auch eine sehr gütige, ermuthigende Depesche
von Lord Clarendon (dessen Tod ich aufrichtig betrauere), welche
die erste ist, die ich seit dem Jahre 1866 vom Auswärtigen Amte
erhalten, und zugleich die Nachricht, dass die britische Regierung
gütigerweise 1000 Pfd. Sterling zu meinem Beistande abgeschickt
habe. Bis Herr Stanley zu mir kam, wusste ich gar nichts von dieser
Geldunterstützung. Ich bin ohne Besoldung hergekommen; jetzt ist
aber dieser Mangel glücklich gehoben und ich wünsche dringend, dass
Sie und alle meine Freunde es erfahren, dass ich, obwol nicht durch
Briefe ermuthigt, doch mit der John Bull eigenen Zähigkeit und immer
im Glauben an ein glückliches Ende der Aufgabe treu nachgegangen bin,
die mir mein Freund Sir Roderick Murchison gesetzt hat.
Die Wasserscheide des südlichen Central-Afrika ist mehr als 700
Meilen lang. Die daselbst befindlichen Quellen sind fast unzählbar,
d. h. es würde ein Menschenleben dazu gehören, sie zu zählen. Von
der Wasserscheide aus laufen sie in vier grosse Flüsse zusammen und
diese vereinigen sich wiederum zu zwei mächtigen Strömen im grossen
Nilthal, welches zwischen 10 und 12° südl. Br. anfängt. Es dauerte
lange, ehe mir ein Licht über dieses alte Problem zu dämmern anfing
und bis ich einen klaren Begriff von dem Wassersystem erhielt. Ich
musste mir selbst den Weg Schritt für Schritt erkunden und tappte
meist im Dunkeln, denn wer kümmerte sich darum, wie die Flüsse
verliefen? „Wir tranken unser Theil und liessen das Uebrige weiter
laufen.“
Die Portugiesen, welche Cazembe besucht haben, fragten nur nach
Sklaven und Elfenbein und nach weiter nichts. Ich hingegen erkundigte
mich nach den Gewässern in Kreuz- und Querfragen, bis ich beinahe
fürchten musste, dass man mich selbst für einen Wasserkopf halten
werde.
Meine letzte Aufgabe, in der ich aus Mangel an geeigneter Begleitung
so behindert worden bin, bestand darin, das centrale Wassersystem,
durch das Manyuema oder kürzer Manyema genannte Land der Kannibalen
zu verfolgen. Dieses Wassersystem enthält vier grosse Seen. Dem
vierten war ich nahe, als ich zur Rückkehr gezwungen wurde. Derselbe
ist 1–3 Meilen breit und an allen Punkten und zu jeder Jahreszeit
unzugänglich. Zwei nach Westen ziehende Wasserläufe, der Lufira
oder Bartle Frere’s-Fluss fliessen in denselben beim See Kamolondo.
Ferner fliesst auch der grosse Fluss Lomame durch den Lincoln-See in
denselben und scheint den westlichen Arm des Nils, auf dem Petherick
Handel getrieben hat, zu bilden.
Nun habe ich zwar 600 Meilen der Wasserscheide kennen gelernt, aber
leider ist gerade das nächste hundert Meilen das Interessanteste von
allem, denn in demselben entstehen, wenn ich nicht irre, vier Quellen
aus einem Erdhügel, von denen die letztere in nicht sehr grosser
Entfernung zu einem grossen Flusse wird.
Zwei derselben, der Lufira und Lomame, laufen nördlich nach Aegypten,
und zwei, der Leambaye oder Obere Zambezi und der Kaful fliessen
südlich ins innere Aethiopien.
Sind das nicht die Quellen des Nils, deren der Schreiber der
„Minerva“ in der Stadt Saïs Herodot gegenüber Erwähnung gethan?
So häufig und an so entfernten Orten habe ich von denselben gehört,
dass ich ihr Dasein nicht bezweifeln kann, und trotz des schweren
Heimwehs, das mich jedes mal ergreift, wenn ich an meine Familie
denke, wünsche ich doch meine Aufgabe durch ihre Wiederentdeckung zu
Ende zu führen.
Abermals sind Waaren im Werthe von 500 Pfd. Sterl. in
unverantwortlicher Weise Sklaven anvertraut worden und, anstatt vier
Monate, mehr als ein Jahr unterwegs gewesen. Auf Ihre Kosten muss
ich an den Ort gehen, wo sie sich befinden, ehe ich meine Arbeiten
naturgemäss vollenden kann.
Wenn meine Enthüllungen in Bezug auf die schreckliche Sklaverei von
Udschidschi dazu führen sollten, dass der Sklavenhandel auf der
Ostküste unterdrückt würde, so werde ich das als einen noch grössern
Erfolg ansehen als die Entdeckung der sämmtlichen Nilquellen. Jetzt,
wo Sie die Sklaverei zu Hause abgethan haben, leihen Sie uns doch
Ihre mächtige Beihülfe zu diesem grossen Zwecke. Das herrliche Land
hier ist wie von einem Fluch des Himmels heimgesucht, damit die
sklavenhändlerischen Privilegien des kleinen Sultans von Zanzibar
nur nicht beeinträchtigt werden und die Krone Portugal sich eine
Anwartschaft auf Rechte, die mythisch sind, bis auf eine spätere Zeit
bewahre, wo Afrika für die portugiesischen Sklavenhändler zu einem
zweiten Indien werden soll.
Ich schliesse, indem ich Ihnen noch einmal für Ihren grossen Edelmuth
danke und bin dankbarlich