Der hansisch-englische Seekrieg. Der Friede zu Utrecht.
Seit dem Abschluß des englisch-burgundischen Bündnisses hatte sich, wie
wir sahen, die Stellung der hansischen Kaufleute in England erheblich
verschlechtert. Schon mehrten sich die Anzeichen, daß neue Angriffe
auf die hansischen Privilegien bevorstanden, und daß die englischen
Kaufleute einer weiteren Verlängerung der Freiheiten Schwierigkeiten
machen würden, als im Sommer 1468 ein Ereignis eintrat, welches den
leise sich anbahnenden Konflikt zwischen der Hanse und England rasch
zum vollständigen Bruch erweiterte.
Im Jahr zuvor waren Lynner Kaufleute trotz des im englisch-dänischen
Vertrage von 1465 erneuerten Verbotes nach Island gefahren und hatten
auf der Insel aufs furchtbarste gehaust. Zur Vergeltung ließ König
Christian im Juni 1468 im Sunde sieben englische Schiffe, die sich
zumeist mit Tuch auf der Fahrt nach Preußen befanden, aufgreifen und
ihre Ladung beschlagnahmen[1].
Da die geschädigten englischen Kaufleute sich an dänischem Gut in
England nicht schadlos halten konnten, stellten sie die Wegnahme der
Schiffe als eine Tat der Hansen hin. Es läßt sich denken, daß sie
erfreut die Gelegenheit ergriffen, den verhaßten Gegnern etwas am Zeuge
flicken zu können. Sie streuten aus, daß Danziger und andere Hansen den
Überfall ausgeführt und Kaufleute vom Stalhof dem dänischen Könige die
Ankunft der Schiffe verraten hätten. Es half den Hansen nichts, daß
sie diese Verdächtigungen als unwahr zurückwiesen und sich auf ihre
Privilegien beriefen. Der Geheime Rat setzte alle Kaufleute, deren er
in London und den anderen Hafenstädten habhaft werden konnte, bis zur
endgültigen Entscheidung der Klagen ins Gefängnis, obwohl jene sich
bereit erklärt hatten, die geforderte Bürgschaft in der Höhe von 20 000
£ zu stellen[2].
Trotz des großen Lärms und Geschreies, mit dem die Engländer die
Behauptung vortrugen, daß die Hansen den Überfall veranlaßt und
ausgeführt hätten, ist kein Zweifel, daß von einer Teilnahme der Hansen
an der Tat nicht die Rede sein kann. Denn für das Tun und Lassen seiner
früheren Auslieger, die damals im Solde König Christians standen, konnte
Danzig nicht verantwortlich gemacht werden[3]. Das wußte man in England
auch sehr wohl, wie der Briefwechsel zwischen Eduard und Christian
zeigt[4]. Aber an dänischem Gut konnte man keine Vergeltung üben.
Diesmal scheinen besonders einige Mitglieder des königlichen Rats,
welche durch die Wegnahme der Schiffe Verluste erlitten hatten[5], den
König zum Vorgehen gegen die Hansen gedrängt zu haben. Ihr Eigennutz
mehr als die Klagen der Kaufleute hat über alle Gründe politischer
Klugheit den Sieg davongetragen. Besonnene Erwägung hätte damals den
Engländern gebieten müssen, mit der Hanse nicht zu brechen, sondern ihre
günstige Stellung, in der sie sich durch das burgundische Bündnis
befanden, zu benutzen, um durch Verhandlungen die Städte einzeln zu
schlagen. Durch den unklugen Friedensbruch bewirkten sie im Gegenteil,
daß sich die Städte eng zusammenschlossen und Lübeck wieder mehr denn je
die Leitung gewann. Man scheint in England diese Entwicklung vorausgesehen
und deshalb versucht zu haben, die Hansen zu spalten. Am 1. August gab
Eduard die Kaufleute aus Köln wieder frei, angeblich weil ihre Stadt mit
Dänemark im Streit stand, und trennte dadurch auf fast ein Jahrzehnt
Köln von der übrigen Hanse[6].
Das gewalttätige Vorgehen der Engländer kam den Städten so überraschend,
daß sie nicht einmal Zeit hatten, ihre Schiffe, die sich schon auf der
Fahrt nach England befanden, zu warnen. Ahnungslos liefen noch nach der
Gefangensetzung der Kaufleute zahlreiche preußische und süderseeische
Schiffe in die englischen Häfen ein, um dort demselben Schicksal der
Beschlagnahme zu verfallen[7].
Um das Äußerste zu verhindern, riefen die Städte die Unterstützung ihrer
Herren an. Der Kaiser, der polnische König und viele andere Fürsten
verwandten sich auf ihre Bitten für die widerrechtlich gefangen gesetzten
deutschen Kaufleute[8], und auch König Christian von Dänemark bescheinigte
den Hansen nochmals, daß sie an der Wegnahme der Schiffe unschuldig
seien[9]. In England selbst erhoben sich Stimmen für die bedrängten
Hansen. Die Tuchmacher, die in scharfem Gegensatz zu der Handelspolitik
der großen Städte, besonders Londons, standen[10], traten für sie ein.
Es ist uns die Bittschrift der Lakenmacher aus Gloucestershire erhalten,
welche auf die Verluste hinwies, die sie durch das Fehlen der hansischen
Abnehmer auf ihren Märkten gehabt hätten[11]. Aber alle diese Einwendungen
und Fürsprachen fanden in den führenden Kreisen keine Beachtung. Am 21.
November verurteilte der königliche Rat die hansischen Kaufleute zum
Schadenersatz. Ihre Güter sollten abgeschätzt und dann an die geschädigten
Engländer verteilt werden. Die Entscheidung des Königs rief in London
eine Volksbewegung gegen die Hansen hervor. Der Stalhof wurde gestürmt
und teilweise zerstört; der Bote, der die Briefe des Kaisers überbracht
hatte, wurde in den Straßen der Stadt ergriffen und blutig
geschlagen[12].
Noch vor der Verurteilung des Kaufmanns hatte Köln die Sache der Hansen
endgültig verlassen. Am 17. Oktober wies es seine Kaufleute an, die
Gemeinschaft mit den andern Hansen nach Möglichkeit zu meiden. "Laßt
die, welche mit England in Zwietracht stehen, ihre Lasten allein tragen,"
schrieb es ihnen. Das Ziel der kölnischen Politik war, den Zustand, der
vor etwa 250 Jahren gewesen war, wiederherzustellen und die Privilegien,
die es damals besessen hatte, wieder für sich allein zu erwerben. Wir
haben eine interessante Denkschrift über die von Köln einzuschlagende
Politik in der flandrischen und englischen Frage, welche wahrscheinlich
um die Wende des Jahres von dem Kaufmann Hermann von Wesel, dem Führer
der Stadt und Vater des in England eine wichtige Rolle spielenden Gerhard
von Wesel, verfaßt ist. Sie kommt nach der Aufzählung der Untaten der
anderen Städte, durch die in den letzten dreißig Jahren Köln, obwohl
unschuldig, im Ausland schweren Schaden erlitten hat, zum Schluß, daß es
für Köln das Beste sei, sich auf sich selbst zu stellen und mit den
übrigen Städten keinen Bund einzugehen[13].
In London begründeten die Kölner Kaufleute, nachdem sie im November
ihre vollständige Freilassung gegen den heftigen Widerstand Londons
durchgesetzt hatten[14], nach den Anordnungen ihrer Stadt eine eigne
Gesellschaft und erwarben, nachdem am 31. August 1469 die Genußzeit der
hansischen Privilegien abgelaufen war, vom Könige ein Patent, das ihnen
die Freiheiten bis nächsten Ostern verlängerte[15]. Köln wünschte, daß
ihm die Privilegien auf ewige Zeiten bestätigt würden, doch konnte es
dieses Zugeständnis vom König nicht erlangen. Eduard verlängerte den
Kölner Kaufleuten die Privilegien immer nur auf kürzere Zeit. Die Kölner
suchten sorgfältig die übrigen Hansen von sich fernzuhalten. Jeder
Kaufmann, der in ihre Gesellschaft aufgenommen werden wollte, mußte
Zertifikate beibringen, daß er aus Köln gebürtig sei und nur mit Waren
Kölner Bürger handele. Um den Schein zu vermeiden, daß die Kölner Hanse
nur die Stelle der alten gemeinsamen vertrete, solange diese mit England
im Kampfe stand, wies Gerhard von Wesel, der Leiter der Kölner Kaufleute
in England, alle Briefe, die an den Ältermann und den gemeinen Kaufmann
der deutschen Hanse in England adressiert waren, zurück[16].
Im Laufe des Winters änderte sich die Lage der hansischen Kaufleute
erheblich zu ihren Gunsten. Von allen Seiten liefen Verwendungsschreiben
für die Gefangenen ein. Sogar William Caxton, der Gouverneur der
Merchant Adventurers in Antwerpen, der von diesem Brennpunkt des
Verkehrs aus die politische Kurzsichtigkeit des gewalttätigen Vorgehens
seiner Landsleute am besten überschauen konnte, sprach sich für die
Freilassung der hansischen Kaufleute aus. Ebenso trat auch Eduards
Verbündeter, Karl von Burgund, für die Hansen ein und erklärte sich
bereit, zwischen England und der Hanse zu vermitteln[17]. Ihm mußte ein
Konflikt zwischen den beiden Mächten besonders unangenehm sein, da er
seine gegen Frankreich gerichtete Politik störte. Für Eduard gab es
damals aber noch andere Gründe zum Einlenken. In England flammten an
mehreren Stellen wieder lancastrische Aufstände empor, und außerdem
verschlechterte sich sein Verhältnis zu Warwick, der ein Gegner des
burgundischen Bündnisses war, immer mehr. Schon im Dezember hatte das
Londoner Kontor erkannt, welcher Vorteil der hansischen Sache aus der
gefahrvollen Lage des Königs erwuchs[18].
Im Frühjahr 1469 nahm Eduard IV. die Vermittlung Karls des Kühnen an und
verschob die Vollstreckung des Urteils bis Ende August. Die hansischen
Kaufleute wurden aus der Haft, in der sie fast neun Monate gesessen
hatten, entlassen und ihnen ihre Privilegien verlängert. Für diese
Zugeständnisse preßte ihnen der geldbedürftige König 4000 Nobel ab[19].
Die Hansestädte hatten sich bisher begnügt, für ihre Kaufleute
Fürschreiben an Eduard zu richten. Ein Hansetag, der im August 1468
tagte, hatte wegen zu geringen Besuchs keine Entschlüsse fassen
können[20]. Als dann im April 1469 die Städte wieder zusammenkamen,
zeigte sich die Wirkung der englischen Politik. 23 Städte aus allen
Teilen der Hanse waren der Einladung Lübecks gefolgt. Die Hanse war bis
auf Köln wieder einig, und Lübeck, dem die letzten Ereignisse recht
gegeben hatten, hatte wieder die Führung. Ganz im Sinne der bisherigen
lübischen Politik waren die Beschlüsse der Versammlung. Die Vermittlung
des Herzogs von Burgund nahmen die Städte an und beauftragten mit der
Vertretung der Hanse bei den Verhandlungen das Brügger Kontor und den
Klerk des Londoner Kaufmanns. Doch nur unter gewissen Bedingungen waren
sie bereit, den sofortigen Abbruch der Beziehungen zurückzustellen; ihre
gefangen gesetzten Kaufleute sollten volle Entschädigung erhalten, oder
wenigstens sollte England die noch beschlagnahmten hansischen Güter
herausgeben. Wollte der König dies gewähren, so sollte innerhalb eines
Jahres diesseits der See eine Tagfahrt angesetzt werden, die über die
Erstattung des alten und neuen Schadens verhandeln sollte. Die Städte
scheinen aber als ziemlich sicher angenommen zu haben, daß die
Verhandlungen keinen Erfolg haben würden. Deshalb einigten sie sich
gleich darüber, wie sie nach ihrem Scheitern gegen England vorgehen
wollten. Die Kaufleute sollten abberufen werden und nach dem 24. Juni
kein Hanse mehr England aufsuchen. Als weitere Maßregeln, über die
jedoch ein neuer Hansetag endgültig beschließen sollte, nahmen die
Städte in Aussicht, die Einfuhr von englischen und aus englischer Wolle
gemachten Tuchen in die hansischen Gebiete und die Ausfuhr hansischer
Waren nach England zu verbieten und England die Fehde anzusagen[21].
Wie die Städte vorausgesehen hatten, verlief die burgundische
Vermittlungsaktion im Sande[22]. Karl dem Kühnen selbst war nach
dem letzten Umschwung, der in England eingetreten war, mit einer
hansisch-englischen Einigung nicht mehr gedient. Ende Juli hatte Karls
Gegner Warwick die königlichen Truppen geschlagen und Eduard gefangen
genommen. Warwick hatte nun beide Könige in seiner Gewalt und war für
mehrere Monate der tatsächliche Herr Englands[23]. Mit diesem Umschwung
verlor aber für Karl das englische Bündnis seinen Wert, und er hatte
deshalb jetzt nichts mehr dagegen, daß die Hanse Gewaltmaßregeln gegen
England anwendete. Ein Verbot der Einfuhr englischer Tuche billigte er
durchaus. Dagegen riet er im Interesse des neutralen Handels ab, Kaper
in See zu schicken[24].
Nachdem der Versuch, auf friedlichem Wege mit England zur Einigung
zu gelangen, gescheitert war, blieb nur übrig, es durch Gewalt zum
Nachgeben zu zwingen. Das Brügger Kontor eröffnete im Herbst 1469, ohne
die Zustimmung der Städte abzuwarten, den Kaperkrieg. Es sandte zwei
bekannte Danziger Schiffsführer, Paul Beneke und Martin Bardewik, gegen
die Engländer und Franzosen aus. Anfänglich fanden die hansischen
Auslieger die Unterstützung des Herzogs. Er stellte ihnen Geleitsurkunden
aus und gestattete ihnen, ihre Beute in seinen Ländern zu verkaufen. Als
sich aber Eduard IV. von Warwick wieder freimachte, entzog auch Karl den
hansischen Kapern seinen Schutz und verbot seinen Untertanen, auf den
Schiffen der Hanse Dienste zu nehmen[25].
Unter den Städten folgte vor allem Danzig dem vom Brügger Kontor
gegebenen Beispiel. Es drang energisch darauf, daß das auf der letzten
Versammlung in Aussicht genommene Einfuhrverbot des englischen Tuchs
sofort in Kraft gesetzt werde. Einen neuen Hansetag erklärte es für
überflüssig und hielt es für besser, die Kosten eines solchen für
Seerüstungen zu verwenden. Beim Beginn der Schiffahrt stellte es selbst
Kaperbriefe aus und schickte seine Auslieger in die Nordsee. Lübeck
dagegen hielt sich noch vorsichtig zurück, wenn es auch gegen die
Eröffnung des Krieges durch die andern Städte nichts einwandte[26]. Der
lübische Rat hoffte vielleicht, daß bei den englischen Wirren der Hanse
der Sieg ohne das gefährliche Mittel des Kaperkrieges zufallen werde.
Im Frühjahr 1470 war die Stellung der Hanse so günstig wie selten.
Von allen Mächten wurde ihre Freundschaft gesucht. In dem Ringen
der beiden Mächtegruppen, der lancastrisch-französischen und der
yorkisch-burgundischen, war sie mit ihren gefürchteten Kapern ein
wertvoller Faktor. Eduard IV., dessen Herrschaft neuen Stürmen
entgegenging, ließ wie im Jahr zuvor durch seinen Schwager den Städten
einen Stillstand anbieten, um unter burgundischer Vermittlung ihre
gegenseitigen Beschwerden friedlich zu entscheiden und beizulegen.
Ebenso warb auch die lancastrisch-französische Partei um die
Bundesgenossenschaft der Hanse. Königin Margarete bot ihr ein Bündnis
gegen ihren gemeinsamen Feind Eduard an und versprach, nach der
Niederwerfung der Yorks die hansischen Freiheiten uneingeschränkt zu
bestätigen. Auch Margaretens Beschützer, Ludwig XI. von Frankreich,
knüpfte damals mit den Städten Verhandlungen über den Abschluß eines
Vertrages an. Er gab sogar den hansischen Ausliegern Geleit und
gestattete ihnen, die französischen Häfen aufzusuchen[27].
Erst im September wurden von der Hanse die Anträge der Westmächte
beraten, da die Maiversammlung wegen ihres schwachen Besuchs nicht
gewagt hatte, in diesen heiklen Fragen Entscheidungen zu treffen[28].
Der Hansetag, zu dem die Städte in selten erreichter Zahl erschienen,
setzte, wie seine Beschlüsse zeigen, die begonnene Politik in England
und Flandern fort und war nicht bereit, dem Liebeswerben der Fürsten
ohne greifbare Vorteile nachzugeben. Die Vermittlung des burgundischen
Herzogs wollten die Städte nur annehmen, wenn Karl ihnen vorher das
bindende Versprechen gab, daß er ihnen von England für ihren vielfachen
Schaden Genugtuung und die Bestätigung ihrer Privilegien verschaffen
werde. Ohne den Erfolg dieser neuen Vermittlung abzuwarten, machten die
Städte mit den im vorigen Jahre in Aussicht genommenen Kampfmaßregeln
Ernst. Der hansische Kaufmann wurde aus England abberufen. Die Ausfuhr
dorthin sollte eingestellt werden und vom 11. November ab der Import des
englischen Tuchs in die Hansestädte aufhören. Die Versammlung beschloß,
ein ähnliches Einfuhrverbot vom dänischen und polnischen Könige und von
den Fürsten des Reichs zu erwirken[29]. Außerdem erneuerten die Städte
ihre früheren Beschlüsse über Stapel- und Schoßzwang in den Niederlanden
und teilten Köln, dessen bundbrüchiges Verhalten in England und Flandern
große Erbitterung hervorgerufen hatte, mit, daß es aus der Hanse
ausgestoßen werden würde, falls es nicht bis zum 22. Februar 1471 den
Beschlüssen des Hansetages Folge leiste[30].
Den Sommer über wurde der Kaperkrieg vor den burgundischen Küsten von
den Städten mit Energie geführt. Die hansischen Auslieger, deren Zahl
ständig wuchs, kämpften nicht ohne Erfolg. Mehrere englische Schiffe
konnten sie als gute Prisen in die Nordseehäfen führen; einmal hören wir
auch von einem größeren Seegefecht, das zwei Danziger Kaper gegen eine
überlegene englische Flotte zu bestehen hatten[31]. Besonders hatten es
die hansischen Auslieger auf die Kölner Kaufleute, die ihren Verkehr mit
England fortsetzten, abgesehen. Wiederholt beklagte sich Köln bitter
beim Herzog von Burgund und den Städten über die großen Verluste, die
seine Kaufleute durch das Treiben der hansischen Kaper erlitten[32].
Gegen Ende des Sommers wurden diese aber auch für den neutralen Handel
zu einer solchen Plage, daß das Brügger Kontor aus Furcht vor den
Repressalien der geschädigten niederländischen Kaufleute die Städte bat,
ihnen Einhalt zu gebieten. Um es mit dem burgundischen Herzog nicht zu
verderben, versprachen die Städte, bis zum nächsten Februar keine neuen
Auslieger auszurüsten. Für die in See befindlichen lehnten sie aber jede
Verantwortung ab. Diese setzten bis in den Winter hinein den Seekrieg
fort und brachten den Engländern und Kölnern noch manchen Verlust
bei[33].
Im nächsten Frühjahr griffen die hansischen Auslieger zugunsten Karls
und Eduards entscheidend in den Kampf der Westmächte ein, wohl in der
Hoffnung, dadurch ihren Städten einen vorteilhaften Frieden mit England
verschaffen zu können. Bekanntlich hatte im September 1470 Eduard IV.
vor Warwick aus England weichen müssen und war, hart von hansischen
Ausliegern verfolgt, mit einem kleinen Geschwader in Holland gelandet[34].
Hier bereitete er den Winter über seine Rückkehr nach England vor. Sein
Schwager Karl, der an der Niederwerfung Warwicks stark interessiert
war, weil jener mit Ludwig XI. ein enges Bündnis gegen ihn geschlossen
hatte[35], unterstützte ihn mit Geld und Truppen und gewann ihm auch die
Hilfe der hansischen Auslieger, die durch feindliches Verhalten Eduards
Pläne hätten in Frage stellen können. Er bot der Hanse ein Bündnis an
und begehrte, daß sie den Handel mit England und Frankreich einstellte.
Eduard selbst versprach, wie uns der Sekretär des Kontors zu Bergen,
Christian van Geren, mitteilt, den Hansestädten für ihre Unterstützung
die Privilegien bestätigen zu wollen[36]. Wir wissen nicht, ob und wie
die Hanse zu den Anträgen Stellung genommen hat. Das Brügger Kontor
hielt nicht viel von einem Bündnis mit dem Herzog; es meinte, daß er
seine Haltung doch wieder ändern werde, wenn Eduard in England siegreich
sei. Danzig dagegen war damit einverstanden, daß seine Auslieger in
burgundische Dienste traten. Danziger Schiffe waren es dann auch vor
allem, die Eduard IV. nach England zurückführten[37].
Allein die Hoffnungen, die man in den Hansestädten auf eine mit
hansischer Hilfe herbeigeführte Wiedereinsetzung des englischen Königs
gesetzt haben mochte, erfüllten sich nicht. Eduard nahm, nachdem er
durch die Schlachten bei Barnet und Tewkesbury Warwick und Margarete
niedergeworfen hatte, seine alte Politik, die sich auf Burgund und Köln
stützte, wieder auf. Im Juli bestätigte er den Kölner Kaufleuten ihre
Privilegien wieder auf ein Jahr[38].
Demgegenüber bemühte sich die Hanse, die strenge Durchführung des
Tucheinfuhrverbots zu erreichen. In den meisten westlichen Hansestädten
trat das Verbot Martini 1470 in Kraft, Lübeck und Hamburg verkündeten es
bei sich zur selben Zeit und forderten die livländischen und sächsischen
Städte auf, es zu befolgen. Von auswärtigen Fürsten traten die Könige
von Polen und Dänemark dem hansischen Vorgehen bei und verschlossen dem
englischen Tuch ihre Länder[39]. Aber wie bei den früheren Verkehrsverboten
war auch diesmal eine vollständige und längere Zeit dauernde Sperrung
des hansischen Gebiets wegen der Eifersucht der Städte untereinander
nicht zu erreichen. Im September 1471 wurde vom Brügger Kontor darüber
geklagt, daß die Danziger von Seeland aus englische Laken in Fässern
nach dem Osten verfrachteten. Jene dagegen erhoben Beschwerde, daß der
Westen das Verkehrsverbot wenig beachte, und daß englisches Tuch in
Mengen nach Frankfurt, Nürnberg und Breslau komme[40].
Die Danziger traten nach wie vor für eine energische Führung des
Seekrieges ein und drängten unaufhörlich die andern Städte, sich an
den Rüstungen zu beteiligen[41]. Als Lübeck immer noch zögerte,
gingen sie wieder allein vor. Im Sommer 1471 setzten sie das große
französische Krawel, das ihnen den Konflikt mit Ludwig XI. eingebracht
hatte[42], instand und sandten das Schiff mit einigen anderen nach den
Niederlanden[43]. Doch entsprach das Krawel den Erwartungen nicht.
Nachdem es im Januar und Februar eine erfolglose Kreuzfahrt durch den
Kanal unternommen hatte, lag es lange Zeit untätig im Swin[44]. Die
andern hansischen Auslieger dagegen setzten den Kaperkrieg fort,
und es gelang ihnen manch guter Fang. Im ganzen war aber 1471 der Krieg
nicht so lebhaft wie im Jahr zuvor. Auf die Kriegführung mag hemmend
eingewirkt haben, daß Karl von Burgund den hansischen Ausliegern das im
Sommer erteilte Geleit bald wieder entzog und ihnen seine Häfen, die für
sie die einzig mögliche Operationsbasis bildeten, verschloß[45].
1472 begannen die kriegerischen Aktionen mit frischen Kräften von neuem.
Lübeck trat zu Anfang des Jahres in den Kampf ein. Im Verein mit
Hamburg schickte es eine stattliche Anzahl von Kriegsschiffen in die
Nordsee[46]. Aber auch die Gegner der Städte rüsteten starke Seewehren.
Die Franzosen erschienen im Sommer mit achtzehn Schiffen in See. Sechs
hansische, die gegen sie ausgefahren waren, mußten nach rühmlichem
Gefecht vor der Übermacht in die Wielinge zurückweichen. Eine Zeitlang
beherrschten die Franzosen das Meer und gefährdeten die Verbindung
zwischen England und dem Festlande[47]. Doch bald erschienen die
Engländer mit großer Macht in See. Nachdem sie die Franzosen in die
normannischen Häfen zurückgescheucht hatten, wandten sie sich gegen
ihren andern Gegner. Sie überfielen die in den Wielingen ungeschützt vor
Anker liegenden lübischen Schiffe und nahmen sie fort[48]. Ebensowenig
Erfolg hatten die Bremer Auslieger. Sie erlitten Schiffbruch, wurden an
die holländische Küste getrieben und dann im Haag mit Genehmigung des
Herzogs hingerichtet[49].
Noch während sich diese Kämpfe in den niederländischen Gewässern
abspielten, knüpfte Eduard ganz insgeheim durch seine Gesandten, welche
sich im Frühjahr 1472 am burgundischen Hofe aufhielten, Verhandlungen
mit dem Brügger Kontor an. Weite Kreise in England wünschten dringend
die Wiederherstellung des Friedens. Gegen London, das jeglichem
Entgegenkommen immer noch abgeneigt war, hatte sich unter den Großen und
auch unter den Kaufleuten eine Partei gebildet, die den König drängte,
die Verhandlungen zu eröffnen[50]. Auch gewichtige Gründe der äußeren
Politik sprachen für die Beilegung des Zwistes. Die Grundlage der
englischen Politik war nach Eduards Rückkehr noch mehr als vorher das
Bündnis mit Burgund. Karl der Kühne forderte aber nach wie vor die
Einstellung der Feindseligkeiten, die seinen Plänen hinderlich waren.
Denn der englische Bundesgenosse mußte, sollte er für ihn von Wert sein,
die Hände frei haben. Andrerseits wollte er auch mit der Hanse Frieden
halten und wünschte im Interesse des Handels seines Landes, daß die
hansischen Auslieger möglichst bald wieder von der See verschwänden.
Deshalb hatte er schon vor Ausbruch des Krieges beiden Parteien
angeboten, durch seinen Schiedsspruch ihren Streit zu entscheiden, und
hatte im Winter 1471 nochmals den Versuch gemacht zu vermitteln[51].
Die Versammlung der wendischen Städte, die im Juli zu Lübeck tagte,
erklärte sich bereit, die englischen Anträge anzunehmen und am 1. Mai
1473 eine Tagfahrt abzuhalten. Die Städte wollten aber vor Beginn
der Verhandlungen mit England keinen Stillstand schließen[52]. Der
Kriegszustand dauerte noch bis in den Sommer 1473. Danzig und Lübeck
beteiligten sich zwar nicht mehr an den kriegerischen Aktionen, aber
die hamburgischen Auslieger und das große Krawel, das Danzig an einige
seiner Bürger verkauft hatte, und das jetzt unter dem Befehl des
bekannten und gefürchteten Seehelden Paul Beneke stand[53], hielten den
englischen und neutralen Handel in der Nordsee und im Kanal noch fast
ein ganzes Jahr in Atem. Erst der Abschluß des Waffenstillstandes,
der am 25. Juni 1473 erfolgte, setzte ihrer erfolgreichen Tätigkeit
ein Ziel. Die hansischen Auslieger, welche den Ruhm der deutschen
Seetüchtigkeit herrlich bewährt und den deutschen Namen noch einmal bei
allen Völkern des Westens gefürchtet gemacht hatten, wurden von ihren
Städten zurückgerufen[54].
Nach kurzen Vorverhandlungen, die vom Brügger Kontor geführt worden
waren, begannen im Juli 1473 in Utrecht die bedeutungsvollen Beratungen
zwischen der Hanse und England. Als Vertreter der Städte waren nach
den Festsetzungen der lübischen Märzversammlung Lübeck, Hamburg,
Danzig, Dortmund, Münster, Deventer, Bremen und außerdem noch Kampen
erschienen[55]. Auch die drei hansischen Kontore zu Brügge, London und
Bergen waren vertreten. Von der Gegenseite hatten sich Gesandte des
englischen Königs, der Herzöge von Burgund und Bretagne, des Herrn von
Bergen op Zoom, der Lande Holland, Seeland und Friesland, der Städte
Antwerpen, Mecheln, Dinant und Köln eingefunden[56]. Sie alle wünschten,
mit der Hanse wieder in ein gutes Einvernehmen zu kommen. Die Hanse
stand durchaus im Mittelpunkt des Kongresses, welcher beinahe ein Jahr
hindurch in der alten Bischofsstadt Utrecht tagte. Sie war sich ihrer
glänzenden Stellung wohl bewußt und wollte nicht ohne Entschädigung für
die langen Kriegsmühen Frieden schließen. Mit einer bewundernswerten
Zähigkeit verfochten die städtischen Ratssendeboten ihre Forderungen,
so daß die englischen Gesandten am Schluß erklärten, sie wollten lieber
mit allen Fürsten der Welt verhandeln als mit hansischen Vertretern[57].
Da Eduard IV. von vornherein gewillt war, Frieden zu schließen[58],
konnte es sich bei den Beratungen nur darum handeln, die hansischen
Bedingungen in eine für England annehmbare Form zu fassen. Dazu waren
dreimalige wochenlange Verhandlungen nötig. Die Hansen setzten die drei
Hauptforderungen, die sie beim Beginn der Tagfahrt aufgestellt hatten,
Schadenersatz, Aufhebung des Urteils und Bestätigung der Privilegien[59],
wenn auch nicht in der zuerst von ihnen verlangten Form, so doch in der
Sache durch. Schritt für Schritt wichen die englischen Unterhändler
zurück. Zuerst willigten sie in die Wiederverleihung der ihrer Meinung
nach durch den Krieg verwirkten Privilegien. Dann gestanden sie anstatt
des vollen Ersatzes des Schadens eine angemessene Entschädigung zu, und
schließlich erklärten sie sich auch bereit, wenigstens die Rechtskraft
des 1468 gegen die hansischen Kaufleute gefällten Urteils aufzuheben und
alle Prozesse gegen die Hansen niederzuschlagen[60].
Hatten sich beide Parteien hierüber verhältnismäßig schnell geeinigt, so
machte es der Hanse einige Schwierigkeiten, ihre andern Forderungen,
von denen die Preisgabe der Kölner für England die härteste war[61],
durchzusetzen. Die englischen Gesandten wollten nach der Bewilligung
jener drei genannten Punkte zu weiteren Zugeständnissen nicht
bevollmächtigt sein; die Verhandlungen mußten, zumal auch die Hansen die
Bestätigung aller Abmachungen durch das Parlament forderten, Ende Juli
abgebrochen werden[62]. Als sie im September wiederaufgenommen wurden,
suchten die Engländer die Hansen durch Ausflüchte hinzuhalten. Aber
die Drohung dieser, sofort abzureisen, und die Nachricht von der
hansisch-französischen Einigung, von der die Engländer eine ungünstige
Einwirkung auf den Fortgang ihrer Verhandlungen befürchteten[63], ließen
es ihnen ratsam erscheinen, ihren Widerspruch gegen die Wiederaufnahme
der Beratungen fallen zu lassen. Am 19. September wurde zwischen den
hansischen und englischen Vertretern ein Vertrag abgeschlossen, der den
Waffenstillstand bis zum 1. März 1474 verlängerte. In der Zwischenzeit
sollte die Übereinkunft, die in der Hauptsache die hansischen
Forderungen bewilligte, vom Parlament bestätigt werden[64].
Die Kölner bemühten sich vergeblich, die Einigung zwischen der Hanse und
England, die auf ihre Kosten geschehen sollte, zu hintertreiben. Ihre
Versuche, sich in England unter den Tuchmachern eine Partei zu bilden,
die ihre Sache im Parlament führte, mißglückten. Die große Mehrheit des
Landes und auch Londons zog den Frieden mit der Hanse vor. Das Parlament
trat der Politik seines Königs bei und bestätigte in einer Akte die
Abmachungen vom September[65]. Ebenso bewilligte auch Eduard alle
hansischen Forderungen. Nur in einem Punkte wollte er den Vertrag nicht
ratifizieren. Wenn er schon die Kölner preisgab, so sträubte er sich
doch dagegen, seine Niederlage in dem Vertrage einzugestehen. Er gab
seinen Gesandten den strikten Befehl, die Änderung des die Kölner
betreffenden Artikels zu verlangen, da die ausdrückliche Nennung der
befreundeten Stadt seine Ehre verletze[66].
Die Hanse war klug genug, diesem Wunsche des Königs Rechnung zu tragen.
Der Vertrag, der aus den Beratungen im Februar hervorging, enthielt nur
die allgemeine Bestimmung, daß der Ausschluß aus der Hanse auch den aus
den hansischen Privilegien in England nach sich ziehen sollte. Aber in
einem Nebenvertrage, der über die Anwendung einzelner Artikel nähere
Erklärungen gab, wurde bestimmt, daß vom 1. August ab den Kölnern die
hansischen Freiheiten entzogen werden sollten[67].
Am 24. Februar 1474 erreichten die langwierigen Verhandlungen ihr Ende.
Vier Tage später wurden die Originale des Friedensvertrages verlesen und
von den Gesandten unterschrieben[68]. Die Übereinkunft brachte der Hanse
die Aufhebung der Rechtskraft des Urteils, die Niederschlagung aller
Prozesse wegen der Wegnahme von englischen Schiffen und Gütern und vor
allem die uneingeschränkte Anerkennung ihrer Privilegien. Mit Recht
konnte Lübeck sagen, daß der Bestand der Freiheiten gefestigter sei als
je zuvor[69]. Deren Bestätigung durch eine Parlamentsakte war ein großer
Erfolg der hansischen Politik. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung
für die Stellung der hansischen Kaufleute war ferner die Überlassung der
Stalhöfe zu London und Boston und eines für den Handel bequem gelegenen
Hauses in Lynn zu dauerndem Eigentum an die Hanse. Sie selbst hielt
dieses Zugeständnis für so wertvoll, daß sie um seinetwillen ihre
Schadenersatzansprüche von 25 000 £ auf 10 000 £ heruntersetzte. Diese
Summe sollte durch den Erlaß gewisser Zölle, welche die Kaufleute bei
der Ein- und Ausfuhr bezahlen mußten, in den nächsten Jahren gedeckt
werden. Außerdem machten die Engländer noch eine Reihe wichtiger
Zugeständnisse, darunter die Anerkennung der Abmachungen durch London,
die Erneuerung der alten zwischen London und den hansischen Kaufleuten
geschlossenen Verträge, die Wiedereinsetzung der Kaufleute in die
Bewachung des Bischofstors, die Abstellung der hansischen Klagen über
saumselige Rechtspflege, über falsches Wiegen, über Bedrückungen durch
Zollbeamte.
Der vollständige Sieg und der glänzende Erfolg, den die lübische Politik
in Utrecht errang[70], wird durch eine Betrachtung der Gegenleistungen,
zu denen sich die Hanse bequemte, noch klarer. Von den großen Forderungen
der englischen Kaufleute, die in den vierziger Jahren den eigentlichen
Anlaß zu dem jahrzehntelangen Ringen zwischen der Hanse und England
gebildet hatten, war nichts übrig geblieben. Die Engländer mußten sich
damit begnügen, daß ihnen von der Hanse die Freiheiten zugesichert
wurden, die sie vor dem Kriege besessen hatten[71], und daß dieses
Zugeständnis in dem Friedensinstrument durch die Aufnahme der den
englischen Handel in Preußen und den übrigen Hansestädten betreffenden
Bestimmungen aus dem Vertrage von 1437 festgelegt wurde[72].
Obwohl diese Artikel, wie die Vergangenheit gezeigt hatte, wegen ihrer
unklaren Fassung ziemlich wertlos waren, so drohte doch an ihnen beinahe
der ganze Friede zu scheitern. Die englischen Gesandten bestanden
nämlich hartnäckig auf ihrer Aufnahme und wollten nur unter dieser
Bedingung den Abschluß vollziehen[73]. Ebenso bestimmt lehnte aber
Danzig die Annahme dieser Paragraphen ab, auf Grund deren, wie es
meinte, die englischen Kaufleute den Handel mit Russen, Polen und
Litauern verlangen könnten[74]. Die Städte bemühten sich vergeblich,
diese Einwendungen durch den Hinweis auf die früheren Verträge und durch
die Hinzufügung einer Klausel, die besagte, daß der Kaufmann an einem
fremden Orte an Rechten hinter dem Bürger zurückstehen solle[75], zu
entkräften. Auch die Erklärungen der englischen Gesandten, daß Danzig
die Artikel nach seiner alten Gewohnheit interpretieren könne[76], und
daß sie für ihre Kaufleute nur die Freiheiten verlangten, die diese in
Preußen vor Beginn der Fehde besessen hätten[77], vermochten Danzig
nicht umzustimmen. Es hielt seinen Protest aufrecht und lehnte die
geforderte Besiegelung des Vertrages ab[78].
Infolgedessen sah sich Lübeck genötigt, die Auswechselung der
Bestätigungsurkunden, die vertragsmäßig am 1. August erfolgen sollte,
zu verschieben[79]. Da dadurch auch die Freigabe der Fahrt nach England
nicht möglich wurde, mochte Lübeck hoffen, daß Danzig, dem an der
Eröffnung des Handelsverkehrs so viel lag, daß es schon vor dem 1.
August Schiffe nach England abgeschickt hatte[80], diesem Druck bald
nachgeben werde. Aber es vergingen noch fast zwei Jahre, ehe Danzig den
Vertrag annahm. Es machte den Vorbehalt, daß die Engländer nur dieselben
Handelsfreiheiten wie die nichtpreußischen Hansen genießen und die Zölle
und Abgaben wie die auswärtigen Kaufleute bezahlen sollten[81].
Außer Danzig zögerte noch eine ganze Reihe anderer Städte mit dem
Beitritt zum Vertrage. Während von den süderseeischen, westfälischen und
wendischen Städten die Zustimmungserklärungen im Laufe des Sommers 1474
einliefen, konnten die sächsischen und pommerschen Städte nur schwer
zur Anerkennung der Übereinkunft bewogen werden[82]. Die livländischen
Städte trugen Bedenken, weil sie den Engländern den Zutritt zu ihren
Gebieten nicht gestatten wollten[83]. Auch Kolberg lehnte den Frieden
ab wegen der Verluste, welche die Engländer seinen Bürgern zugefügt, und
für die es eine genügende Entschädigung nicht hatte erlangen können[84].
Die Städte, die dem Vertrage nicht beitraten, traf nach den Abmachungen
der Ausschluß aus den hansischen Privilegien in England.
Die Langsamkeit der Anerkennung des Vertrages durch die Städte hatte zur
Folge, daß in England die Vertragsbestimmungen nicht ausgeführt werden
konnten. Erst im Herbst 1474 fanden sich die hansischen Vertreter, die
von den Städten mit der Übernahme der Stalhöfe beauftragt waren, in
London ein und begannen mit dem königlichen Rat die Verhandlungen[85].
Im Frühjahr 1475 waren diese so weit gediehen, daß der König und London
den hansischen Kaufleuten die Stalhöfe zu London, Boston und Lynn zu
dauerndem Eigentum übergeben konnten[86]. Ebenso wurden die anderen
Bestimmungen des Friedens in Kraft gesetzt. London erkannte die
hansischen Freiheiten an und erneuerte die alten Urkunden, welche es
1282, 1369, 1418 und 1427 den Kaufleuten von der Gildhalle gegeben
hatte. Eduard IV. bestätigte den Hansen das Privileg Richards II. von
1377 und ließ am 31. Oktober den Frieden in London feierlich bekannt
machen. Ferner gestattete er den Kaufleuten, die Kustumen und Subsidien
bis zum Betrage von 10 000 £ als Entschädigung zurückzubehalten[87].
Im Sommer 1475 wurde das Kontor zu London wiederhergestellt und von den
Kaufleuten ein neuer Vorstand gewählt[88]. Die Statuten des Kontors
wurden von den Städten in Utrecht 1474 und auf den beiden großen
Hansetagen des Jahres 1476 zu Lübeck und Bremen sorgfältig durchgesehen
und einige wichtige neue Verfügungen getroffen. Der Vorstand sollte in
Zukunft aus den drei Dritteln gleichmäßig genommen werden[89]. Die
Kaufleute, welche in den letzten Jahren gegen die Gebote der Städte
verstoßen hatten, wurden für immer von der Wahl in den Rat ausgeschlossen.
Bei Verlust der Hanse wurde verboten, gegen einen Hansen vor einer
anderen Instanz als vor den Städten Klage zu erheben[90]. Andere
Bestimmungen betrafen die Schoßzahlung, das Verhältnis des Londoner
Kontors zu den anderen Niederlassungen, das Wohnen auf dem Stalhof, das
Vermieten der Kammern, die Führung eines eignen Siegels durch das
Kontor[91]. Die Bitte der Kaufleute, ihnen ein Wasserrecht zu geben,
damit sie die Streitigkeiten der Schiffer und des Schiffsvolks
entscheiden könnten, konnten die Städte nicht erfüllen, da es kein
allgemein anerkanntes Wasserrecht gab. Sie wiesen die Kaufleute an das
Brügger Kontor, welches ihnen seine Bestimmungen mitteilen sollte[92].
Die Hansetage zu Lübeck und Bremen brachten die Wiederaufnahme Kölns in
die Hanse. Nachdem seine Sonderpolitik in England und Flandern zu keinem
Ergebnis geführt hatte, blieb ihm nichts anderes übrig als den Anschluß
an die Hanse wieder zu suchen und sich ihren Forderungen zu unterwerfen.
Wir wollen hier nur die Vertragsbestimmungen erwähnen, die Kölns
Verhältnis zum Londoner Kontor betrafen. Die Kölner mußten sich
verpflichten, dem Kontor die Privilegien, Register, Rechnungsbücher und
Kleinodien, die sie 1468 an sich genommen hatten, zurückzugeben. Ihre
Kaufleute sollten in England bis zu einer Summe von 250 £ an das Kontor
doppelten Schoß zahlen und Gehorsam gegen die Älterleute und die
Satzungen des Kaufmanns versprechen. Dafür wurden sie in die Rechte und
Freiheiten der Hanse wiederaufgenommen und dem Kontor befohlen, ihnen
den Zutritt zum Stalhof nicht mehr zu verwehren[93].
Das Londoner Kontor widersetzte sich der Ausführung der Übereinkunft
und verweigerte den Kölner Kaufleuten nach wie vor die Aufnahme[94].
Die Städte versuchten nochmals zu vermitteln. Auf ihre Veranlassung
verhandelten 1477 auf dem Antwerpener Pfingstmarkt Vertreter des Kontors
und Kölns über die Beilegung des Zwistes. Die Verhandlungen führten aber
zu keinem Resultat[95]. Um die Zulassung seiner Kaufleute zum Kontor zu
erlangen, mußte Köln schließlich allen Forderungen nachgeben. Am 11.
November 1478 wurde zwischen ihm und dem Kontor Frieden geschlossen.
Für die Aufnahme seiner Kaufleute mußte es dem Kontor noch eine
Entschädigung von 150 £ zahlen[96]. Von einer Aussöhnung mit Gerhard
von Wesel, dem Führer Kölns in der Zeit der Trennung, wollten aber die
hansischen Kaufleute auch jetzt nichts wissen. Er blieb vom Genuß der
Privilegien in England ausgeschlossen. Erst im nächsten Jahre brachten
die Städte hier eine Einigung zustande[97].
Das letzte Jahrzehnt der Regierung Eduards IV. verlief ohne wesentliche
Störungen der hansisch-englischen Beziehungen. Eduard IV. schützte
Handel und Schiffahrt vor den Übergriffen und Gewalttaten der englischen
Piraten und sorgte für die Beobachtung des Vertrages und der hansischen
Privilegien[98].
Den englischen Kaufleuten war es nicht gelungen, ihre hansischen
Konkurrenten vom heimischen Markte zu verdrängen; die Hanse konnte
vielmehr 1474 ihre kommerzielle Stellung in England neu befestigen. Nach
dem Abschluß des Friedens erholte sich ihr Handel bald von den Wunden,
welche ihm die lange Kriegszeit geschlagen hatte. Wenn wir auch über
seine Größe im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts wenig unterrichtet
sind, so ist doch unverkennbar, daß diese Jahre des Friedens für den
hansischen Handel in England eine Zeit des Aufschwungs waren. Im Sommer
1475 zahlten die hansischen Kaufleute in London für ihre Ein- und
Ausfuhr nur 130 £ Zoll, vom Juli 1478 bis zum September 1479 aber von
der Ausfuhr allein schon 782 £ und vier Jahre später sogar 957 £ Zoll.
Ihre Tuchausfuhr, welche 1422 4464 Stück und 1461 6159 Stück betragen
hatte, stieg bis 1500 auf 21 389 Stück[99].
Die Hansen besorgten ferner wieder fast ausschließlich die Einfuhr der
wichtigen Rohstoffe aus dem östlichen Europa. Der englische Aktivhandel
nach Preußen war lange nicht mehr so umfangreich wie vor fünfzig
Jahren[100]. Sein Rückgang war vor allem eine Folge der häufigen
Streitigkeiten mit Dänemark, welche den englischen Kaufleuten in der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Zugang zur Ostsee fast dauernd
verschlossen[101]. Auch die Loslösung Danzigs vom Orden war nicht ohne
Einfluß auf den englischen Handel. Während früher der Hochmeister
wiederholt zugunsten der auswärtigen Kaufleute eingegriffen hatte,
unterwarf seit dem Ordenskrieg Danzig, das 1457 vom polnischen König
die vollkommene Landeshoheit in allen Verkehrs-, Schiffahrts- und
Handelsangelegenheiten erhalten hatte[102], die fremden Kaufleute ohne
Ausnahme einer strengen Gästepolitik Die Vergünstigungen, welche den
Engländern früher zuweilen zugestanden waren, wurden beseitigt und ihnen
nur die Freiheiten gelassen, welche die nichtpreußischen Hansen besaßen.
Danzig verbot den englischen Kaufleuten den Handel untereinander und
mit den anderen Gästen; nur der Verkehr mit den Bürgern preußischer
Städte blieb ihnen gestattet. Ihr Handel war aber nicht bloß auf
den Ankunftshafen beschränkt, sie durften mit ihren Waren auch die
preußischen Landstädte aufsuchen. Thorn und Elbing wachten streng
darüber, daß jenen dieses Recht nicht verkürzt und sie an dem freien
Umherziehen im Lande von Danzig nicht gehindert würden[103].
Die englischen Kaufleute versuchten im 15. Jahrhundert in Livland
festen Fuß zu fassen, um von dort mit den Russen in unmittelbaren
Handelsverkehr treten zu können. Sie erhoben wiederholt die Forderung,
daß die Städte ihnen in Riga, Dorpat, Pernau und Reval Privilegien
gewähren sollten. Doch gelang es den Hansen, jene aus diesen Gebieten
fast vollständig fernzuhalten und ihr Handelsmonopol zu behaupten. Die
Engländer durften nur die Städte an der Küste als Schiffer aufsuchen,
aber weder mit den Deutschen noch mit den Russen Handel treiben. Ins
Innere des Landes vorzudringen, war ihnen streng verboten. Die Einfuhr
des englischen Tuchs suchten die Städte gleichfalls zu hindern. Sie
untersagten, das Tuch nach Nowgorod zu bringen oder an Russen zu
verkaufen. Auch nach dem Frieden von 1474 blieb den Engländern der
Besuch Livlands verboten, obwohl ihre Gesandten in Utrecht die Forderung,
den Verkehr freizugeben, erneuert hatten. Die livländischen Städte
lehnten, wie wir sahen, sogar die Besiegelung des Vertrages ab, um die
Engländer nicht zulassen zu müssen[104].
Der Warenaustausch zwischen England und den nordischen Reichen wurde
nach wie vor hauptsächlich von den Hansen vermittelt. Der Handel der
Engländer nach Bergen kam trotz wiederholter Anstrengungen nicht wieder
in Aufschwung. Als sich nach dem Ausbruch des Krieges der Städte mit
Erich von Dänemark die englischen Kaufleute in Bergen, das von den
Deutschen geräumt war, wieder festzusetzen suchten, überfiel der
Kaperführer Bartholomäus Voet die Stadt und versetzte dem englischen
Handel einen vernichtenden Schlag. Seitdem hören wir für lange Zeit
nichts mehr von einem englischen Verkehr in Bergen[105]. Die Engländer
begannen nun in die Gebiete selbst einzudringen, aus denen die Produkte
des Nordens kamen; besonders fuhren sie nach Island. Die dänischen
Könige waren nicht imstande, diese Fahrten, die ihre Stapelpolitik
durchbrachen, zu verhindern. Der englische Verkehr nach Island,
teils erlaubter, teils Schleichhandel, war recht lebhaft. Aber die
Kaufleute waren wegen der zahlreichen Gewalttaten und Plünderungen,
die sie verübten, bei den Isländern nicht gern gesehene Gäste. Ihre
Ausschreitungen waren, wie wir sahen, der vornehmste Grund für die
wiederholten dänisch-englischen Fehden[106]. Seit den siebziger Jahren
treffen wir auch deutsche Händler, besonders aus Hamburg und Danzig, auf
Island. Die Engländer, über die Konkurrenz wenig erbaut, gerieten mit
ihnen wiederholt zusammen; es gelang ihnen aber nicht, die Hansen aus
dem Islandhandel zu verdrängen[107].