Zehista 27.
Zeisig 77.
Zinnwald 34.
Zettlitz 124.
=Zöblitz= 86.
=Zschopau= 88.
=Zwickau= 115.
Zwittermühl 123.
Zwönitz 114.
Die Landschaftsform des Erzgebirgs.
Seit geologisch festgestellt worden, dass die Bergzüge im
Granulitgebiet zwischen den unteren Mulden nicht Ausläufer, sondern
neue Gebirgserhebungen sind, fallen auch die wissenschaftlichen
Grenzen im Norden des Erzgebirgs mit den Grenzen zusammen, wie sie
seit Langem in der Volksanschauung leben; sie laufen mit der grossen
Verkehrsstrasse Reichenbach-Zwickau-Chemnitz-Freiberg-Dresden parallel.
Bei Freiberg freilich erstrecken sich die erzgebirgischen Gneiszüge
noch weit über diese Linie hinaus, doch ist ihre Bodenplastik eine
wenig ausgeprägte, so dass sie bei Betrachtung des Gesammtgebirges
nicht von Belang sein können.
Genau in der Richtung dieser Linie (O. O. N.) verläuft auch der Kamm
des Gebirgs und zeigt dieselbe Längenausdehnung von circa 130 km. Bei
solcher Structur kann die Entfernung des Kammes von der Nordgrenze
nur wenig variiren, sie beträgt im Durchschnitt 38 km. Dieselbe
Regelmässigkeit zeigt auch die Südgrenze; sie wird gebildet durch
den Fuss eines Steilhanges der im Durchschnitt nur 7 km vom Kamm
entfernt liegt und der sehr schroff mit halb alpinen Character nach
dem böhmischen Tiefland zu abfällt. Die Höhe (nicht Seehöhe) dieser
imposanten Bergkegel von Grasslitz ab bis zum Nollendorfer Pass
schwankt zwischen 550 und 800 m vom Fuss aus gerechnet. Etwas höher
ist die Steigung vom nördlichen Fuss bis zum Kamm, doch vertheilt sich
dieselbe auf jene Durchschnittsentfernung von 38 km und kann darum
landschaftlich nicht so unmittelbar zur Geltung kommen. Im Osten stösst
das Gebirge an das Elbsandsteingebirge, das an der Grenze von der
Grundform des Erzgebirges nicht abweicht und im Westen grenzt es an das
Elstergebirge, das gleichfalls verwandte Formen aufweist.
Wir haben kein Haufengebirge vor uns, wohl aber eine gewaltige
Gesammterhebung, der nach Höhe und Ausdehnung unter den deutschen
Mittelgebirgen nur das Riesengebirge, der Böhmerwald, der Schwarzwald
und Wasgenwald vorangehen. Ein Modell des Gebirges würde einem
Festungswall nicht unähnlich sein, dessen Front gegen den Süden
gerichtet ist. Auf der Höhe des Kammes stehen wie Bastionen der
Mückenthürmchenberg (815 m), der Wieselstein und Schwarzeberg (930
m), der Bernsteinberg (919 m), der Hassberg (991 m), der Spitzberg
bei Orpus (920 m), Keil- und Fichtelberg (1238 und 1213 m), der
Spitzberg bei Gottesgabe (1107 m), der Queesberg (1021 m), der
Rammelsberg (965 m) und der Aschberg (925 m). Das Fundament dieser
Berge, das Kammplateau, schwankt zwischen 700 und 1000 m. Doch leidet
dieses Plateau keineswegs an einer langweiligen Regelmässigkeit;
so ist es in der Nähe der beiden Hünen Keil- und Fichtelberg fast
aufgehoben, am Pass bei Gebirgsneudorf über Olbernhau fehlt es gänzlich
und es gleicht dieser kürzeste Pass des ganzen Gebirgs in seiner
hausdachförmigen Schroffheit sehr dem Loibelpass in den Karawanken,
auch am Mückenthürmchen ist von einem Plateau in strengerem Sinne wenig
zu spüren. In den Steilhang des Südens schneiden sich fjordartige
Thäler oft dicht unter den Bastionen ein mit Thalgehängen bis zu 400 m
Höhe -- also colossale Thalschluchten von grossartigem landschaftlichem
Character. Den Nordabhang durchfurchen zahlreiche Bergflüsse,
die ihr Bett bis 200 m tief eingruben. Zu nennen sind hier die
Zschopau, das Schwarzwasser, die beiden Mulden, die Flöha, die beiden
Weisseritzflüsschen, die Müglitz, die Gottleuba und der Seidewitzbach.
Ueberragt wird dieser Nordhang von einer grossen Zahl isolirter
Bergkegel, die durch ihre Menge schon Protest dagegen erheben, dass
das Gebirge hier einförmig sei. Besonders reich und energisch ist die
Bodenplastik in der Annaberger Gegend, sodann folgt Altenberg im Osten
und die Eibenstocker Granitregion im Westen. Sehr zu Gute kommen der
Landschaftsform die vielen dominirenden Basaltdurchbrüche durch den
Gneis im Osten und den Glimmerschiefer im Centralerzgebirge. Im Osten
ragen auf der Wilisch, der Luchberg, der Sattelberg, der Geising, im
Centralgebirge der Hass-, Pöhl- und Scheibenberg und der Bärenstein;
ferner beleben die weitzerstreuten Granit-, Porphir-, Gneis- und
Glimmerschieferkuppen, die fast alle, mehr oder weniger isolirt, weite
Landstriche beherrschen, die Landschaftsform des Erzgebirgs.
Die Structur der Haufengebirge ist zwar landschaftlich im Allgemeinen
malerischer, touristisch sind sie indes selten dankbarer, man geht in
ihnen oft tagelang ohne einen freien Blick, während wir im Erzgebirge
auf bequemen Strassen weite Strecken wandern können, ohne dass der
Blick dauernd beschränkt würde, dazu dominiren die einzelnen Bergkegel
viel mehr, als in den Haufengebirgen und gewähren, wenn auch nicht an
allen Orten malerische, so doch stets sehr umfassende Rundsichten.
Grossartig und unvergleichlich schön sind die Ausblicke von den
Bastionen auf dem Kamin oder auch von den meisten der Strassen der 14
Hauptpässe des Gebirgs hinab ins Böhmerland und auf das nachbarliche
bizarr-pittoreske, vulkanisch-wilde Mittelgebirge in Böhmen. Mit diesen
landschaftlichen Reizen kann kein zweites deutsches Mittelgebirge
rivalisiren. -- Die eigenartige, höchst überraschende Landschaftsform
dieser eruptiven Schuttmassen kehrt eben nirgends in Deutschland
wieder. Am grossartigsten sind die Blicke vom östlichen, wie vom
Centralgebirgskamm; relativ am wenigsten dankbar sind die Pässe von
Kallich und Sebastiansberg, weil hier statt des grotesken Hintergrundes
ein, allerdings lachendes Gefild, die Saazer Ebene sich ausbreitet und
weil hier der Steilhang des Erzgebirgs selbst am wenigsten ausgeprägt
erscheint und durch Vorberge etwas verwischt wird.
Einen besonderen Reiz bilden auch die frischen, tiefgrünen Stromthäler
und die unabsehbaren Hochwälder, die den ganzen Kamm bedecken.
Die Kronen dieser Wälder sind die Olbernhauer und die Eisenberger
Buchenforsten, die ersteren zwischen Töltzsch- und Flöhathal, die
letzteren am Pass von Gebirgsneudorf hinab nach Obergeorgenthal und
Eisenberg. Ein grosses Verdienst hat sich die sächsische Regierung
erworben durch die Wiederbeforstung der vielen kahlen Bergkegel, die
während der Blüthezeit des Bergbaues zum Schaden der allgemeinen
Wohlfahrt wie der Naturästhetik abgeholzt worden waren; selbst am
Fichtelberg auf einer Höhe von über 1200 m ist es, wenn auch nach
unendlichen Mühsalen, gelungen, die offene Wunde verharschen zu machen
durch eine neue grüne Walddecke, die dem Berg schon jetzt recht
anmuthig zu Gesicht steht.
Die Landschaftsform des +Granulitgebietes+ zwischen und an den unteren
Mulden gleicht dem niederen Erzgebirge, nur sind die Stromthäler noch
mannigfaltiger. Die höchsten Erhebungen sind der Rochlitzer Berg (352
m) und der Kapellenberg bei Hohnstein (479 m). Die hauptsächlichsten
landschaftlichen Reize bestehen in den waldigen burgengeschmückten
Thälern, durch welche sich die nunmehr wasserreicheren Bergströme
winden.
Das +Voigtland+, das, wie das Erzgebirge allmählig zu dem 765 m
hohen Kapellenberg ansteigt und sich an das fränkische Gebirge,
wie an die Thüringer Vorberge anlehnt, zeigt mit seinem Elsterthal
ganz die Landschaftsform des nachbarlichen Erzgebirges, dessen
westlicher Grenzwall überall sichtbar ist. Auch hier sehen wir ein
thälerdurchfurchtes Hochland mit zerstreuten aber dominirenden
Bergkuppen, das gegen den Süden ansteigt und wie das Erzgebirge gegen
das Egerland abfällt, das freilich selbst 400 m über See liegt. Die
höchsten landschaftlichen Reize hat das Voigtland am erzgebirgischen
Grenzwall (Schöneck und Goldene Höhe) und im unteren Elsterthal
(Steinicht) aufzuweisen.
Das Klima des Erzgebirges.
Der lange Abhang des Gebirges wendet seine Front gegen den
kalten Norden, dementsprechend zeigt sich auch das Klima. Die
Durchschnittswärme der Norddeutschen Tiefebene von 9 bis 10° C. wird
im ganzen Erzgebirge nicht erreicht. Im mittleren Gebirge schwankt
die Durchschnittswärme zwischen 6 und 8° C., das obere Gebirge muss
sich mit 4 bis 6° C. begnügen. Der Temperaturausgleich zwischen Nord
und Süd erhält eine höchst lebhafte Verkehrsstrasse über den 130 km
langen Kamm offen; die Folge davon sind schwere Winterstürme mit
Schneetreiben, die den Eisenbahnlinien und den Wegemachern viel Noth
bereiten; von der armen Bevölkerung jedoch werden sie als ein Segen
betrachtet, weil sie durch Schneeschaufeln Verdienst ins Land bringen.
Die Linie Annaberg-Weipert-Domina-Schönlind hat, was winterliche
Verkehrsstockungen anlangt kaum ihres Gleichen in ganz Mitteleuropa.
Die Regenmenge wächst rapid mit der Höhe des Gebirgs. 1878 hatte
Leipzig 536, Chemnitz 727, Annaberg 830 und Oberwiesenthal 1228 mm
Regenhöhe. 1879 stellte sich diese auf 643, 863, 945 und 1026 mm. Es
ist zu beklagen, dass auf dem Fichtelberg nicht wie auf dem Brocken
eine menschliche Ansiedlung mit meteorologischer Station existirt. Die
Resultate würden sicher manches Ueberraschende und wissenschaftlich
Werthvolle zu Tage fördern.
Die vorzüglichsten landwirthschaftlichen Producte von durchschnittlich
ausgezeichneter Güte sind Kartoffeln, Hafer, Flachs und Wiesenheu, dem
die erzgebirgische Butter ihren bekannten Wohlgeschmack zu danken hat.
Getreide wird zwar bis auf den Kamm hinauf gesäet, rentirt jedoch wegen
starker Einfuhr aus den für Getreidebau günstiger gelegenen Tiefländern
von Jahr zu Jahr schlechter. In der Gegend von Gottesgabe (1027 m)
hört die Agricultur auf und wenn wir hier einem Haferfeld begegnen,
so will es mehr scheinen als speculire es nur auf das Mitleid der
Vorübergehenden.
Die Winter mit ihren Schneetreiben, Rauhfrösten, Eisduft, Stürmen und
haushohen Verwehungen tragen echt nordischen Character. Der Frühling
ist kurz, die Maiblume (Löwenzahn) spriesst oft schon hervor, wenn
daneben der Schnee noch die Wiesengräben füllt. Der Sommer zeigt sich
heiss und feucht mit starken Gewittern und leider empfindlich kühlen
Abenden, die den Mangel an öffentlichen Sommergärten in den oberen
Städten völlig erklären. Die schönste Jahreszeit ist der Herbst mit
seiner erstaunlich klaren Luft und seinem allzeit frischen Grün. Einen
todten Herbst, wie ihn das Tiefland besäufzt, kennt das Erzgebirge
nicht. Die Einwinterung geschieht meist rasch und vollständig.
Ausgedehntes Sumpfland findet sich mit Ausnahme des Kranichsees bei
Karlsfeld nirgend und auch dieser bleibt bei dem frischen Gebirgsklima
ohne schädlichen Einfluss. Der waldbedeckte Kamm ist in seiner
ganzen Länge für Gebirgsluftkuren ausserordentlich geeignet. In
Aufnahme als Luftkurorte sind besonders Reiboldsgrün, Reitzenhain
und die Bäder Wolkenstein, Wiesenbad und Einsiedel. Der östliche
Kamm ist von Leidenden bis jetzt wenig beachtet worden, obwohl hier
wirksamere Kurorte aufzufinden wären, wie im tieferen Sandsteingebiet
der Sächsischen Schweiz, die neuerdings von Sommerfrischlern und
Erholungsbedürftigten überlaufen wird. Sehr milde Gebirgslüfte wehen
über den südlichen Thalgehängen bei Graupen, Eichwald, Ossegg,
Oberleitensdorf und Eisenberg. Eichwald ist im besten Zuge, ein
fashionables Luxusbad zu werden und der Ort, am Südhang und inmitten
der grossen dichten Wälder der Fürsten Clary und Lobkowitz gelegen,
verdient diese Bevorzugung vollauf.
Die Bewohner des Erzgebirges.
Es muss gelehrten Forschern überlassen bleiben, ob nicht schon Kelten
im Erzgebirge angesiedelt waren; ich will hier nur darauf aufmerksam
machen, dass so mancher Name in unserem Gebiet auffällig treffend sich
den keltischen Theorien des Dr. Riecke und anderer Keltenforscher
anfügt. Es sind hier zu nennen: Thum, Dorf Elend, die Elenswiesen bei
Thum, die sicher nicht erst wie die Sage will, nach dem 30jährigen
Krieg im Volksmund einen Namen erhielten, ferner Afalter, Mehltheuer,
Klaffenbach und vor Allem die vielen Glasberge, Haarthen, die der
irischen Bezeichnung analog stets lange Bergrücken darstellen; es
finden sich solche bei Einsiedel, bei Hohenofen in Böhmen und der lange
Serpentinrücken bei Zöblitz heisst gleichfalls die Haarth. Auch die
vielen Leithen (einseitige Berghänge) stimmen zu jenen Forschungen.
Dass die Sorben im Besitz des +ganzen+ Gebirges waren, ist zweifellos.
Sie mögen auf dem Kamm nur sehr dünn oder auf Strecken gar nicht
angesiedelt gewesen sein, sie haben aber sicher die Pässe schon
benutzt. Ueber Eibenstock haben alle Bergbäche auf dem Kamm slavische
Namen, auch bei Wiesenthal fliesst, wie bei Raschau, eine Biela
(Weisswasser, jetzt Pöhla), ein »Kretscham« steht zwischen Neudorf
und Unterwiesenthal, auf der Kammhöhe liegt Pressnitz, Saydowa
(Saida) liegt an einer uralten Heerstrasse zwischen Prag und Leipzig,
Purschenstein dürfte eine Tautologie und mit dem Böhmischen Borzen
(spr. Borschen) verwandt sein, und so liessen sich noch eine Menge
solcher natürlicher Urkunden und Beweisstücke aufzählen, welche die
bekannte Annahme hinfällig machen, die Sorben seien erst, durch die
Deutschen bedrängt, bis höchstens in die Gegend von Zöblitz und
Eibenstock verschlagen worden.
Mit der Gründung der Mark Meissen (928) begann die gewaltsame
Germanisirung der Slaven auch im Erzgebirge und mit ihr jedenfalls
eine grössere germanische Einwanderung, um aber den unwirthlichen
Miriquidiwald dicht zu bevölkern, brauchte es noch eines gewaltigen
Anstosses und das war das Fündigwerden des Erzreichthums im grossen
Massstabe. Zwar hatten die Sorben schon Bergbau getrieben, wie aus
vielen technisch-bergmännischen Ausdrücken, die dem Slavischen
entstammen, hervorgeht, aber die Deutschen bemächtigten sich der für
die damalige Zeit ungeheuren Bodenschätze mit ganz anderer Energie.
Die Sage erzählt, ein Halle'scher Salzfuhrmann habe eine Erzstufe in
den Gleisen in der Gegend, wo jetzt Freiberg steht, gefunden, habe
sie in Goslar untersuchen lassen und darauf hin habe sich denn eine
ganze Völkerwanderung nach dem Erzgebirge vollzogen. Wie noch heut bei
ähnlichen Auffindungen im Westen mag die Sage von Erzschätzen mit allen
den Uebertreibungen, wie sie noch immer im Schwange sind, in die Welt
hinausgegangen sein. Intelligente Abenteurer (wohl auch Proletariat)
strömten aus weiten Ländern herbei; den grössten Antheil an der
Einwanderung scheinen die Niedersachsen, die Franken und die Böhmen zu
haben. Actiengesellschaften traten ins Leben, grossartige Wasserbauten
wurden ausgeführt, so bei Freiberg und bei Schneeberg, Städte schossen
auf wie die Pilze, imposante Bergkirchen wuchsen über die Dachfirsten
empor, zahllose Kauen und Berghütten belebten die sonst so stillen
Gehänge, in den Wäldern fiel Stamm um Stamm dem Bergbau zum Opfer,
die Erzhütten qualmten und die Bergglöcklein schallten allerorts,
kurz, es mag ein Leben gewesen sein, wie es heut zu Tage nur noch die
Minenregionen Amerikas überbieten. Diese überaus rührigen Miners sind
die Urväter der heutigen Bevölkerung und sie haben ihren Fleiss, ihre
Verträglichheit, ihren vergnügten Sinn ungeschmälert hinterlassen,
während der Drang nach reichem Erwerb in eine oft rührende Genügsamkeit
umgeschlagen scheint.
Die Tiefländer, die auf reicheren Ackergründen sitzen, sind stets
abgeschlossener, unzugänglicher und stolzer während eine kargere und
rauhere Gebirgsnatur die Menschen enger zusammendrängt und darauf
ist die ausgeprägte Geselligkeit der Gebirgler wohl zurückzuführen.
Freilich, so gemüthlich und gesellig, wie das Erzgebirgische ist selten
ein Bergvolk und dabei ist es von einer tiefen Liebe zu seiner Scholle
durchwärmt. Man muss die Herzenstöne selbst hören, die ein Erzgebirger
in die Worte legt »Mei Arzgebirg, mei Haemeth.«
Mit dem Zurückgehen der Erzwerthe und der Erschöpfung vieler Gruben
kehrte auch die Nahrungssorge im Erzgebirge ein. Die Landwirthschaft
war nicht sehr ausgiebig und so griff die Bergbevölkerung zur
Industrie, welche heut in unserem Gebirge die grossartigsten Formen
angenommen. Eine statistische Zusammenstellung vom Reg.-Rath Dr. Victor
Böhnert wirft die glänzendsten Schlaglichter auf den Sächsischen
Gewerbfleiss, an dem das Erzgebirge am stärksten participirt.
Sachsens Bevölkerung beträgt dem Reich gegenüber 6,46%. Zu den 925457
Personen, welche 1875 in Deutschland in der Textilbranche beschäftigt
waren, stellte Sachsen 203780 Personen, also 22,02%. In einzelnen
der Textilindustrien beschäftigt Sachsen allein mehr Personen als
das übrige Deutsche Reich. In der Strumpf- und Strickwaarenindustrie
waren im Reich 60620 Personen thätig, davon gehörten 35166, also 58%
dem Königreich Sachsen an. In der Spitzen- und Weisszeugfabrikation
arbeiteten im Reich 12904 Personen, in Sachsen davon 7696, mithin
59,6%, in den Webereien von gemischten Waaren sind im Reich thätig
11055 Personen, in Sachsen davon 10709, mithin 96,9%. In den
Appreturanstalten für Strumpfwaaren im Reich: 3701 Person, davon in
Sachsen 3632, also 98,1%.
Auch in anderen Gewerbzweigen liefert Sachsen einen auffällig grossen
Procentsatz, so z. B. im Metallbergbau, wenn wir Eisen und Stahl
ausschliessen, 15%, in der Fabrikation von Musikinstrumenten 31,7%,
in der Papier- und Pappenfabrikation 18,5%, in der Wachstuch- und
Lederfabrikation 49,2%. In Preussen leben auf den Quadratkilometer nur
10,4 Erwerbstätige, in Sachsen dagegen 42. Nur Reuss ä. L. reicht mit
37,2 in Deutschland an diese Ziffer heran.
Nach einigen Schriftstellern soll die erzgebirgische Gemüthlichkeit
die Thatkraft lähmen -- nun, die vorstehenden Zahlen geben die
beste Antwort darauf. Im Gegentheil, ein permanent fröhlicher, nie
übermüthiger Gemüthszustand hat die Unverdrossenheit im Gefolge
und diese ist eine Grundbedingung des Gewerbfleisses. Stünde das
Gebirge +allein+ dem Reich gegenüber, dann würden die Procentsätze
noch überraschender ausgefallen sein und jene Schriftsteller würden
die Mütze noch tiefer ziehen müssen, vor der »durch das Gemüth
lahmgelegten Thatkraft« und der »Energielosigkeit«, die auf den
verlassenen Bergzechen so colossale Blüthen emportrieb. Landschaftlich
hat das Erzgebirge bedeutende Rivalen, für industrielle Excursionen
aber steht es ausser Concurrenz. Wer sich nicht nur über Berg und
Thal, wer sich auch über fleissige Menschen in ihren mannigfaltigen
Werkstätten freuen kann, dem sei die »Industrielle Excursion« in ihrer
Zusammenstellung angelegentlichst empfohlen. Siehe dieses Register.
Der Menschenschlag ist keineswegs degenerirt wie im Ausland oft
behauptet wird, wir finden unter den Hammerschmieden, Bauern und
Holzknechten sogar herculische Gestalten, nur in den Weber-,
Posamenten- und Strumpfwirkerdistricten haben die Stubenluft und die
zeitweilig geringe Nahrung in verdienstlosen Zeiten ihre Wirkungen
unverkennbar hinterlassen. Auffällig sind die durchgängig intelligenten
Gesichtszüge; selbst unter dem landwirthschaftlichen Gesinde begegnen
wir nur selten einem stumpfen, nichtssagenden Gesicht. Die Frauen
sind meist geschmeidige Gestalten, zierlich, gazellenartig und selbst
bei der Arbeit nicht ungefällig gekleidet. Befremdlich für einen
germanischen Stamm sind die vielen braungrauen, braunen und schwarzen
Augen. Leider heirathen die Frauen sehr früh und altern früh. Der
Tanz ist äusserst beliebt und wird meist ohne Tanzlehrer in höchst
vollendeter Weise geübt.
Practische Winke für den Umgang.
Der Erzgebirger aus dem Volke erwartet bei seiner offenen, munteren
Gemüthsart, dass der Fremde sich auch so zeige und dieser kann sich
ohne alle Gefahr in vertraulicher Weise nähern, er bleibt trotzdem
stets eine Respectsperson. Ueberaus freut sich der Erzgebirger, wenn
sich der Fremde für seine Heimath und vor Allem für seine Arbeit und
Erwerbsverhältnisse interessirt, er lässt ihn mit vieler Treuherzigkeit
in seine innersten Angelegenheiten blicken. Mit kalter Vornehmthuerei
imponirt dem Erzgebirger Niemand, der Hochmuth ist ihm etwas
Lächerliches. Neidlos blickt er auf den besseren Rock, lernend blickt
er zu der höheren Intelligenz auf, der Standesunterschied ist ihm
anerkannte Thatsache, nur will er diesen am Liebsten selbst markiren.
Es darf nicht auffallen, wenn sich der Fremde schon nach einer einzigen
Frage an den Wirth mit allen übrigen Gästen in ein Gespräch verwickelt
sieht. Man drängt sich ein, man überbietet sich, um dem Fremden zu
dienen. Die Neugier spielt dabei eine sehr untergeordnete Rolle.
Für Scherzworte ist der Erzgebirger äusserst empfänglich und meist
reagirt er sofort. Man kann in erzgebirgischen Schenken scherzhafte,
schlagkräftige Wortgefechte sehr oft zu Gehör bekommen. Die Frauen
und Mädchen singen gern. Leider sind sie schwer zu bewegen, ihre
Volksgesänge vor dem Fremden anzustimmen, sie lachen der Aufforderung
und achten ihre Kunst wirklich für zu gering.
Aus den oft sehr ungenirten Scherz-Reden zwischen beiden Geschlechtern
wolle der Fremde ja nicht auf sittliche Missstände schliessen, er würde
irren, wenigstens stellt sich der anzügliche Procentsatz nicht höher,
als anderswo. Gefälligkeiten erweist der Erzgebirger sehr gern und er
kennt dabei keinen egoistischen Hintergrund; Trinkgelder werden zwar
nicht verschmäht, doch nimmt er sie selten ohne einige Verlegenheit.
Knaben, die uns stundenweit begleiten, freuen sich über wenige Groschen
von Herzen, Erwachsene übernehmen Führungen mit Vergnügen für 2 bis 3
Mark per Tag.
Desselben Stammes ist die Bevölkerung auf böhmischer Seite, sie lebt
unter gleichen Verhältnissen, treibt vielfach dieselben Gewerbe, nur
bekennt sie sich zu einer anderen Kirche. Doch herrscht an der Grenze
der tiefste Religionsfriede unter den Gebirglern; gegen Fremde ist der
Böhme neuerdings etwas misstrauischer. Der Grund hiervon mag sein,
dass viele Reisende über den Kamm herüber kommen und ohne bösliche
Absichten, nur aufgeregt durch Freiheit, Natur und Wanderlust in
übermüthiger Stimmung den alten Spruch nicht beachten:
Landesbrauch ist Landesehr'. --
Fall nicht grob darüber her.
Noch sei hier erwähnt, dass in stillen Thälern, auf einsamen Höhen,
in Gehöften und Mühlen oft seltsame Käuze zu finden sind, die mit
gutem Erzähltalent haarsträubende Geschichten zum Besten geben. Die
Einsamkeit, die Wildheit der Natur, die Unbill des stürmischen
Winters, die Waldgeheimnisse der unabsehbaren Forsten haben die
Phantasie dieser schlichten Leute angeregt und eigenthümliche
Blüthen gezeitigt. Man kann sich durch treuherzige Annäherung einen
unerschöpflichen Sagenborn erschliessen, freilich sind diese Sagen
zuweilen wild und unheimlich, oft aber auch von frischer Anmuth, sie
gleichen ganz der erzgebirgischen Natur -- sie sind ja selbst ein
Product der Natur.
Wie bereist man am Besten das Erzgebirge.
Grosse touristische Heerstrassen hat das Gebirge nicht; aber ein
dichtes Strassennetz, sechs grosse Eisenbahnen und zwei Sekundärbahnen
ermöglichen immer neue Varianten. Auch eine Menge Passrouten
durchziehen das Gebirge, ja, man kann es in allen seinen Theilen
bereisen, ohne auch nur eine Meile Weges gehen zu müssen. Doch
das Buch soll dem Touristen dienen und darum ist auf diese Art zu
reisen, weniger Rücksicht genommen, es schmiegt sich vielmehr der
natürlichen Entwicklung der erzgebirgischen Touristik völlig an. Die
meisten Touristen gehen (von der Nordgrenze her) in den Stromthälern
den Eisenbahnen nach oder fahren mit denselben bis unter den Kamm,
geniessen vom Kamm aus einen oder mehrere Aussichtspunkte und wandern
dann dem böhmischen Tiefland zu, um in einem der grossen böhmischen
Bäder Rasttag zu halten. Die Rückkehr geschieht zumeist wieder durch
Fusswanderung auf einem anderen Gebirgspass und später per Bahn.
Passionirtere Touristen verlassen den Kamm nicht sobald, sie geniessen
die jungfräuliche Berg- und Waldnatur längere Zeit. Merkwürdiger Weise
hat die natürliche Entwickelung der Touristik zwei der herrlichsten
Touren, wie sie am Schluss des Buches in Anregung gebracht werden,
bisher vollständig ignorirt. Die erstere führt von Osten her, von der
Nollendorfer Höhe auf den 130 km langen Kamm hin bis in die Gegend, wo
sich das Gebirge nach dem Voigtland hinabsenkt; sie ist nur zu Fuss
zu machen, dafür ist es eine echte und gerechte Gebirgspartie mit
einer Kette herrlicher Aussichtspunkte inmitten der grossartigsten
Forsten. Zur Rechten hat man die Sächsische Abdachung, zur Linken
erst das Teplitzer Mittelgebirge, dann die Saazer Ebene und zuletzt
das Karlsbader Gebirge und das Egerland. Die zweite Tour führt auf
böhmischer Seite am Abhang oder am Fuss des Gebirgs hin, sie beginnt
bei Kulm und endigt bei Grasslitz. Eisenbahnen laufen mit ihr parallel,
so dass man mit Fahrt und Fusswanderung nach Belieben wechseln kann.
Die Aussicht, welche diese Partie ununterbrochen gewährt, gleicht einem
Wandelpanorama von überaus fesselnder Schönheit. Dabei liegen die
grossen böhmischen Bäder nur wenige km abseits, lassen sich also bequem
in die Tour hereinziehen.
Der Sommerfrischler wird sich in einem der kleinen Badeorte unter dem
Kamme niederlassen und wird von hier aus das Gebirg durchkreuzen.
Empfehlenswerth sind Gottleuba, Berggiesshübel, Kreischa, Tharandt,
Bad Einsiedel, Georgenthal mit Georgensdorf, Erdmannsdorf, Olbernhau,
Reitzenhain, Warmbad Wolkenstein, Wiesenbad, Schwarzenberg, Wildenthal,
Reiboldsgrün und vor Allem Bad Elster.
Soviel über die erzgebirgische Touristik im Allgemeinen; einen
persönlichen zusagenden Reiseplan wird Jeder unter der reichen Auswahl
leicht ausfindig machen können. Zur Empfehlung der Touren sei hier
bemerkt, dass sie nicht willkürlich, sondern mit Sorgfalt und mancher
Mühe zusammengestellt sind.
Wann bereist man am Besten das Erzgebirge.
Es soll hier der Leser nicht mit der Neuigkeit überrascht werden,
dass die Sommermonate am geeignetsten zum Reisen sind, ich möchte
hier nur eine Lanze für Winterpartien brechen. Zum Ersten sind sie
sehr gesund und wohlthuend für Geist und Körper, vorausgesetzt,
dass wirklicher Winter herrscht, sodann zeigen sie uns die Natur
in unvergleichlichen Reizen. Die winterlichen Herrlichkeiten mit
ihren Rauhfrösten, Eisduft, lustigen Schneetreiben, Schneewehen,
Schlittenbahnen und krystallisirten Wäldern treten in Mitteldeutschland
nirgends mit so echt nordischem Charakter auf, wie auf dem Erzgebirge.
Wer Winterscenerien liebt, dem kann ich dieses Gebirge aus reicher
Erfahrung dringend anempfehlen. Uebrigens erstrecken sich die
Schlittenpartien in neuerer Zeit von Dresden, Freiberg, Chemnitz und
Zwickau aus öfter bis auf den Kamm. Von besonderem Interesse sind auch
die winterlichen Wildfütterungen auf dem Nassauer und Fleyer Revier.
Bei Fley finden sich bis zu 300 Stück Hochwild bei der täglichen
Fütterung zusammen. Wer übrigens Land und Leute studieren will, der
muss das +Land+ im Sommer und die +Leute+ im Winter nehmen, nur im
Winter drängen sich diese eng zusammen.
Um eine practische Tageseintheilung zu ermöglichen, sei auf
nachstehende Tabelle verwiesen.
Sonnen- Sonnen-
Aufg. Unterg. Aufg. Unterg.
+----+--------+--------+ +----+--------+--------+
Juni 1. | 3. 53. | 8. Juli 1. | 3. 53. | 8. 13.
16. | 3. 49. | 8. 11. 16. | 4. 6. | 8. 5.
26. | 3. 51. | 8. 14. 26. | 4. 18. | 7. 53.
Sonnen- Sonnen-
Aufg. Unterg. Aufg. Unterg.
+----+--------+--------+ +----+--------+--------+
August 1. | 4. 27. | 7. 45. Septbr. 1. | 5. 16. | 6. 45.
16. | 4. 49. | 7. 18. 16. | 5. 37. | 6. 12.
26. | 5. 5. | 6. 58. 26. | 5. 53. | 5. 50.
Einiges über Reisemärsche.
Der Tourist marschirt zwar unter günstigeren Verhältnissen, wie der
Soldat, doch als Massstab dürfte ein kleiner Auszug aus einem Aufsatz
des Ober-Stabsarztes Dr. Leo über Militärmärsche dem Touristen nicht
unwillkommen sein. Das deutsche Exercirreglement schreibt 8--10 m
Schrittgrösse und eine Schrittzahl von 112 per Minute vor. Dabei
wird 1 km in 12 Minuten und die Meile in 1½ Stunde zurückgelegt. Ein
bequemer Reiseschritt veranlasst eine Schrittzahl von 90 per Minute.
Die gewöhnliche Marschlänge beträgt für den Tag 23 bis 30 km. Der
vierte Tag ist stets ein Rasttag. 1 Stunde nach Abmarsch wird ein
kürzerer Halt empfohlen, sodann jede zweite Stunde. Der Haupthalt
wird nach Zurücklegung der grösseren Hälfte des Marschzieles gemacht
und ist auf ½ bis ¾ Stunde auszudehnen. Im Krieg steigern sich diese
Marschleistungen um ein Bedeutendes, doch könnte mit näheren Angaben
der Touristik wenig gedient sein.
Bei grosser Hitze empfiehlt die Erfahrung weisse Tücher um Haupt und
Nacken, auch soll ein Stück angefeuchtetes Papier in die Kopfbedeckung
gelegt, Hitzschlag und Sonnenstich hintanhalten, Trinken von kalten
Wasser wird empfohlen, nur darf keine Ruhe nach dem Trinken eintreten.
Essig und Wasser mit Zuckerzusatz wird als besonders erfrischend
gerühmt. Bei nicht zu heisser Temperatur ist mässiger Branntweingenuss
nicht nur gestattet, sondern empfohlen. Bei grosser Hitze ist
Branntwein zu meiden. Die Füsse sind am Abend in kühlem Wasser zu
waschen und mit Talg und Sprit einzureihen. Bei 20° R. im Schatten soll
der Soldat mit Marschieren um die Mittagszeit verschont werden. Sind
die Märsche unumgänglich, soll er reichlich Wasser zu sich nehmen. Der
Gebrauch der Soldaten, grüne Blätter und Zweige in die Kopfbedeckung zu
legen oder auf derselben zu befestigen, wird als nützlich anerkannt.
Hieran sei noch folgendes geknüpft: Aerzte und Apotheker sind allerorts
im Erzgebirge nicht weit. Die Taschenapotheke kann sich auf etwas
engl. Pflaster für wunde Füsse und ein wenig Talg beschränken. Sind
Fusswaschungen am Abend mit Schwierigkeiten verknüpft, so befreie
man wenigstens den Fuss zeitig vom Schuhwerk. Zu warnen ist vor dem
programmmässigen Abhetzen einer Tour, wie es namentlich unter den
jüngeren Touristen gebräuchlich; es beeinträchtigt den Reisegenuss,
hinterlässt nur dürftige Eindrücke und ist nicht ohne Gefahren. Im
Ganzen sollte der Marschetat 8 Stunden oder 30 km nicht überschreiten.
Am ersten Tag genügen oft schon 5 Stunden die Kräfte zu erschöpfen.
In der Kleidung richtet sich Jeder am Besten nach seiner Gewohnheit.
Der Schuh sei vor Allem bequem, hohe Absätze taugen nicht zum Wandern,
sie drängen den Fuss nach vorn und verursachen Schmerzen in den Zehen.
Wer an Rindlederschuhe nicht gewöhnt ist, wird im Anfang bittere
Erfahrungen damit machen. Drei- und vierfache Sohlen sind ebenfalls
nicht zu empfehlen, sie treten sich nur schwer nach dem Fuss und
schmiegen sich zu wenig seinen Bewegungen an. Vorzüglich wandert sichs
auf einer einzigen Kernledersohle. Für Winterpartien empfehlen sich
Stiefel mit Korkeinlage, sie halten den Fuss warm und gewähren vor
Nässe Schutz.
Gastronomisches.
Die Hotels der grösseren Gebirgsstädte unterscheiden sich nicht von
denen des Niederlandes. Die ehemals sehr kleinen Betten verschwinden
mehr und mehr. In Böhmen sind diese meist luxuriöser, wie auf
sächsischer Seite, selbst in oft unansehnlichen Gasthäusern. Sehr zu
wünschen ist, dass die Wirthe im Sommer statt für Federbetten für
überzogene Wattdecken Sorge tragen.
In kleineren Städten und Dörfern hüte man sich im Allgemeinen vor
Rindfleischgerichten; die besseren erzgebirgischen Mastrinder kommen
hier selten zum Schlachten, anders ist es im Voigtland und in Böhmen.
In kleineren Gasthöfen, wo hie und da die alte erzgebirgische herzlich
schlechte Küche noch nicht aufgegeben ist, wird das Fleisch leider oft
nur angebraten (damit die Portionen nicht zu klein erscheinen) und mit
einer geschmacklosen, hellgelben Sauce aufgetragen, wenn man nicht
extra auf scharfgebratenes Fleisch dringt. Erzgebirgische Butter ist
meist vorzüglich, der erzgebirgische Käse dagegen häufig ungeniessbar.
In neuerer Zeit haben die Rittergüter bessere Käsereien angelegt.
Nur der Aberthamer Ziegenkäse genoss früher Ruf und ging selbst nach
Dresden in die Hofküche. Eigenartige Speisen, wie Böhmen und Bayern,
kennt das Erzgebirge nicht.
Die einheimischen Biere sind zumeist trefflich und bekommen gut. Auf
böhmischer Seite trifft man zuweilen selbst in unansehnlichen Schenken
einen köstlichen Trank, auch in den kleinen Weinschenken verzapft
man sehr oft treffliche böhmische, österreichische und ungarische
Weine für billiges Geld. Man wird immer wohl thun, nach jener Sorte
zu greifen, welche von den Einheimischen am Meisten begehrt ist. Der
ehemals gefürchtete Kaffee ist auf sächsischer Seite besser geworden,
in Böhmen herrscht die Unsitte, denselben durch Feigenwurzel »seimig«,
d. h. schlechter zu machen; auch reicht man oft schlecht raffinirten
Runkelrübenzucker dazu, oder verdickt ihn gleich zu einer Art von
braunen Zuckerschleim.
Pass und Zoll.
Passkarte oder Reisepass wird weder an der Grenze noch in den
Gasthäusern gefordert. Indess sind sie keineswegs überflüssig. Wer
Gelder von der Post zu beheben hat oder die Behörden in Anspruch nehmen
muss, wird ohne sie lästige Scheerereien haben.
Die Zollvisitation wird seit den jüngsten Zollerhöhungen weit strenger
gehandhabt. Frei sind Kleidungsstücke, Wäsche, 10 Stück Cigarren, 2
Loth Rauchtabak. Cigarren kosten das Pfund 3 fl., Tabak 1 fl. Steuer.
Streng verpönt sind Lotterieloose und Spielkarten.
Reisekosten.
Die Reisekosten stellen sich für den Fusswanderer auf 4 bis 6 M.
täglich; Das Zimmer berechnet man in kleineren Orten zumeist mit 1 M.,
auf Dörfern wohl auch nur mit 50 Pf., in comfortable eingerichteten
Gasthöfen steigt der Preis bis 2 M., in den böhmischen Bädern bis zu 3
fl., doch sind auch hier in guten Mittelgasthäusern Zimmer für 1 fl. zu
haben. Uebervortheilungen hat man im ganzen Gebirge nicht zu fürchten.
Selbst ein anspruchsvoller Reisender wird Mühe haben, täglich 20 M. an
den Mann zu bringen, wenn er sich nicht gerade in den Bädern befindet
oder exclusiven Dingen nachgeht.
Geldvaluta.
An der sächsischen Grenze, die ja zugleich Reichsgrenze ist, raint
auch die deutsche Reichswährung mit der österreichischen Währung, doch
sind beide Währungen im Volke populär, namentlich ist der böhmische
Gastwirth an beide gewöhnt und er berechnet auf Verlangen bald in
dieser bald in jener. Der Cours findet sich in allen Grenzblättern,
wie in jeder grösseren Zeitung. Sind z. B. in Sachsen österreichische
Banknoten mit 177 notirt, so bedeutet das einen Werth per fl. von 1
Mk. 77 Pf. In Oestreich findet sich dagegen das Reichsgeld in den
Coursnotizen. Ist derselbe z. B. mit 55 verzeichnet, dann hat der Wirth
die Mark mit 55 kr. zu berechnen. Reisende, die nur Böhmen flüchtig an
der Grenze berühren, erhalten auf Verlangen im Wechsel auf Reichsgeld
auch Reichsgeld zurück.
Touren ab Dresden.
1. =Dresden-Pirna= (17 km, Bahn). =Berggiesshübel= (15 km,
Sekundärbahn). =Nollendorf= (15 km). =Kulm= (6 km). =Teplitz= (11 km,
auch Bahn).
Nach Pirna benutzt man am Besten Eisenbahn oder Dampfschiff.
Die Fahrt zeigt rechts die letzten Ausläufer des Erzgebirges,
links den villenbedeckten Höhenzug, an dessen Fuss
Loschwitz-Wachwitz-Pillnitz liegen. Die Dampfschifffahrt ist
landschaftlich weit dankbarer.
=Pirna.= Gasthöfe: Schwarzer Adler. Forsthaus. Schwan am Markt.
Sächs. Hof. Goldner Stern am Bahnhof. Beliebte Rest.: Stadtrest. und
Dampfschiffwartehalle an der Elbe. Grundig und Rathskeller am Markt.
Schlossrest. am Sonnenstein mit umfassender Aussicht auf das Elbthal
gegen Dresden. Café Schilling an der Promenade.
Pirna liegt 114 m hoch an der Elbe. Unfern der Stadt rainen Erz- und
Sandsteingebirge. 12000 Einw.
+Geschichtliches.+ Die sehr alte Stadt gehörte im frühesten Mittelalter
zur böhmischen Krone. 1249 fiel sie als ein Heirathsgut der böhm.
Königstochter Agnes an Heinrich den Erlauchten, Markgrafen von Meissen.
Aus dem ehemaligen Dominikanerkloster zu Pirna ging der berüchtigte
Ablasskrämer Tetzel hervor, auch lebte hier der für die Sächs.
Geschichte so wichtige Paul Lindner, bekannt als der »Pirnaische
Mönch.« Im 30jährigen Krieg stürmte Banner die Stadt und überliess
sie der Beutegier seiner wilden Soldateska. Friedrich II. befahl im
7jährigen Krieg die Schleifung der Stadtwälle. 1811 errichtete man im
prächtig gelegenen, mit altdeutschen Erkern versehenen Schloss eine
Heilanstalt für Geisteskranke, die hygienisch einen guten Ruf geniesst
und gegenwärtig etwa 500 Insassen zählt. Napoleon I. liess 1813 die
Unglücklichen herausjagen und befestigte den Sonnenstein.
Die =goth. Hauptkirche=, 1546 vollendet, schmücken Deckengemälde und
Glasmalereien. Zwölf Pfeiler tragen die Decke mit ihren Gewölbrippen
von beachtenswerther Mannigfaltigkeit. Schönes Masswerk in den
Fenstern. Die neugothische =kath. Kirche= enthält ein gutes Altarbild.
In den Promenaden steht das =Ottodenkmal= mit Medaillonportrait, dem
Sänger Julius Otto gewidmet.
+Spaziergänge.+ 1. Ueber die =Elbbrücke=. (Unter dem ersten
Brückenpfeiler merkwürdiges Echo.) Man geht in der Regel durch das am
rechten Ufer liegende =Copitz= und auf das Bergrestaurant »=Zur schönen
Aussicht=,« das seinen Namen in vollem Maasse rechtfertigt (1 km). 2.
Nach der schon genannten =Schlossschenke= dicht über der Stadt. 3. Nach
dem =Kohlberg=, 202 m hoch, Entfernung 2 km, Gartenrest. mit herrlichen
Blicken auf den Borsberg, den langen Höhenzug gegen Dresden und auf
die dörferbedeckte Elbniederung. Um den Kohlberg kämpften 1813 Russen,
Preussen und Oestreicher gegen Vandamme, und diese Kämpfe bildeten das
Vorspiel zur Schlacht bei Kulm.
Nach Berggiesshübel führt Sekundärbahn an der Gottleuba entlang.
Zu Fuss geht man nicht die Strasse, sondern am Schiesshaus
vorüber die sogenannte =Viehleithe=, ein schattiger Promenadenweg
bis =Rottwerndorf= (5 km). Gefälliges Schlösschen vom Kurfürst
Vater August erbaut. Grosser Gasthof. Bahnhof. Das Dorf ist der
Centralpunkt der sog. =Cottaer Sandsteinbrüche=, welche den
härtesten und feinkörnigsten Sandstein im Elbsandsteingebiet
liefern und der zu den meisten Skulpturen in Dresden verwendet
wurde. Von Rottwerndorf geht man entweder mit der Bahn parallel
im Thale fort am =Langhennersdorfer Wasserfall= vorüber nach
Berggiesshübel (9 km) oder über den =Cottaer Spitzberg=
(6½ km). Der erstere Weg bietet anmuthige Thalbilder und die
imposante Felsgrotte des Wasserfalls, der nach Gewittern einen
fesselnden, bei trockner Zeit jedoch einen mehr kläglichen
Eindruck hervorbringt. Nach dem Cottaer Spitzberg folgen wir
einen Wegweiser in der Nähe des Rottwerndorfer Bahnhofs, der nach
Cotta hinaufweist. Wir lassen das Dorf rechts und gehen bei drei
uralten Kreuzen vorüber direct auf den Basaltgipfel des Berges,
387 m. Die Aussicht ist für die geringe Mühe lohnend; sie umfasst
viele Tafelberge der Sächs. Schweiz und die Basaltkuppen des
Erzgebirges: Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch. Unter dem
Gipfel Basaltbruch. Von hier erreicht man auf Feldwegen leicht die
sichtbare Pirna-Berggiesshübler Strasse.
=Berggiesshübel.= Zum Sächs. Haus. Zum gold. Stern. Freundliches
Bergstädtchen im anmuthigen Thalzug der Gottleuba. 1600 Einw. 294 m.
Das Johann-Georgenbad ist eines der ältesten Bäder Sachsens. Beliebte
Sommerfrische. Schon Gellert und Rabener suchten hier Erholung. Um die
touristische Aufschliessung der Gegend machte sich Gewerbschuldirector
Clauss aus Dresden besonders verdient. Hinter dem Bad Anlagen. In der
Umgebung viele sehr lohnende Spaziergänge. Hervorzuheben sind der
=Poetengang= gegen Gottleuba hin mit Bänken und einer Inschrift von Th.
Hell, welche sich auf den Aufenthalt Rabeners und Gellerts bezieht.
Sodann sind zu nennen der sog. =Napoleonstein=, welchen der Eroberer
während der Kämpfe in jener Gegend zu wiederholten Malen erstieg
und =Gersdorf= mit künstlicher Ruine. Die Wege sind durch Wegweiser
markirt, auch viele der Echos.
In der Nähe der Stadt baut man ein vorzügliches Eisenerz ab, das sich
besonders zur Herstellung von Gussstahl eignet und weithin verfrachtet
wird. Leider ist das grosse Eisenwerk am Berghang zum Erliegen gekommen.
_+Anmerkung.+ Dankbar ist auch die Tour am Bach (3 km) auf nach
+Gottleuba+. 338 m. 1200 Einw. Schön im Thal gelegenes sauberes
Städtchen. Grosse Waldungen in der Nähe. Sommerfrische. Goth. Kirche
mit beachtenswertem Portal. Die sogenannte +Ueberraschung+ gewährt
prächtige Thalblicke. Am Schiesshaus-Wegweiser nach dem +Augustusberg+
mit Umschauthurm (2 km). Schöne Aussicht auf das Gebirge und die
Elbniederung. Entweder geht man vom Städtchen aus hinauf auf die
Hauptstrasse nach Peterswalde oder im Thalzug fort, bis ein Wegweiser
hinauf nach +Oelsen+ zeigt (Erbgericht) und von hier auf den
+Sattelberg+ (10 km). Der 721 m hohe Basaltberg gewährt gegen Böhmen
nur beschränkte Aussicht, dafür liegt ein grosser Theil der Sächs.
Schweiz, des östl. Erzgebirgs und der Elbniederung mit Dresden und den
Prinzenschlössern frei vor dem Beschauer. Nollendorf (über Schönwald)
ist von hier 6 km entfernt._
Bei Berggiesshübel verlässt die Strasse das Gottleubathal, gewinnt
aussichtsreiche Höhen und überschreitet bei =Hellendorf= die
Grenze. Im Hellendorfer Gasthof nächtigte Vandamme vom 28. zum 29.
August 1813 -- in der Nacht vor den Kulmer Schlachttagen. Das erste
böhmische Dorf ist =Peterswalde=, 2500 Einw. Zum Felsenkeller. Das
Dorf ist fast 5 km lang. Um die Peterswalder Höhen kämpften Russen
und Franzosen sehr hartnäckig. Die Russen stürmten von Jungferndorf
her, wurden aber, zu ihrem Glück, darf man hier sagen, von den
Franzosen zurückgeschlagen. In verhängnissvollem Siegesjubel
verfolgte Vandamme die Russen bis über den Kamm des Gebirgs hinab.
Der preuss. General von Kleist hatte in der Nacht zum 30. August
mit seinen Truppen rechts des Nollendorfer Passes in Fürstenwalde
gelagert und zog, als er den Kanonendonner in der Tiefe des
Teplitzer Thalkessels vernahm, in Eilmarsch über die Höhen gegen
Nollendorf und schnitt damit den Franzosen den Rückzug ab, die
sich bei Kulm erfolglos mit den Russen und den hinzugekommenen
Oesterreichern herumschlugen. Kleist griff sie im Rücken an und
entschied damit das Schicksal des Vandamme'schen Corps. Sein
Kriegsherr ehrte ihn mit dem Namen Kleist von Nollendorf.
Die =Nollendorfer Höhe= gehört zu den besten Aussichtspunkten
des Erzgebirgs. Ueberraschend sind die Blicke auf das bizarre
Mittelgebirge mit dem Millischauer. In der Tiefe bei Kulm sind
sämmtliche Schlachtdenkmäler sichtbar. Im fernen Hintergrund gegen
Osten taucht der Isarkamm auf mit dem Jeschken. Ferner sehen wir
den Tannenberg, Kaltenberg, Rosenberg, den nahen Schneeberg, die
Tyssaer Wände und viele Höhen des Elbsandsteingebirges. Aussig mit
dem Schreckenstein im Hintergrund und viele Basaltkegel dieser
Gegend schliessen malerisch das Bild ab. Gegen West und Südwest ist
der Punkt beschränkter.
Die Strasse führt nun in starken Windungen hinab nach dem böhm.
Kessel. =Tellnitz= ist Station der Dux-Bodenbacher Bahn. =Kulm= ist
ein Pfarrdorf am Kapellenberg (Horkaberg). Hier entschied sich die
Schlacht, die schon am Kohlberg bei Pirna begonnen. Das franz. Corps
ward aufgerieben und Vandamme selbst mit 11000 Mann gefangen genommen.
Unter der Kriegsbeute befanden sich 82 Geschütze. Das =Preussische
Denkmal= steht rechts der Strasse unweit des Posthauses in Arbesau; es
ist eine 10 m hohe Spitzsäule mit der Inschrift: Die gefallenen Helden
ehrt dankbar König und Vaterland. Sie ruhen in Frieden. Das =Oestr.
Denkmal= steht links der Strasse, es ist dem gefallenen östr. General
Collorado-Mannsfeld gewidmet, der am 17. Sept. 1813 die Franzosen bei
Arbesau zum zweiten Male schlug. Die 30 m hohe eiserne Pyramide trägt
Brustbild und Wappen des Generals. Bekrönt wird dasselbe vom öster.
Doppeladler. Am Fuss der böhm. Löwe. Das =Russische Denkmal=, das
prunkvollste, steht hinter Kulm bei Pristen, unfern der Stelle, wo
General von Ostermann verwundet wurde. Die 5 m hohe Victoria ist eine
Nachbildung der griech. Antike zu Brescia. Die Errichtung ordnete
Kaiser Franz I. an. Die Einweihung geschah jedoch erst am 28. Sept.
1835 in Gegenwart des Kaisers Nicolaus von Russland, des Kaisers
Ferdinand von Oestreich und des Königs Friedrich Wilhelm III. von
Preussen.
Eine gerade Strasse führt uns über Sobochleben nach =Turn= (zur
Ritterburg, Turner Bier) mit vielbesuchten fürstl. Clary'schen
Park. Uralte Baumgruppen mit überraschenden Lichtungen, welche
fesselnde Landschaftsbilder im Hintergrund zeigen. Auf dem Platz an
der Försterei öfter Concerte von Teplitzer Kapellen. Im erhöhten
Strohtempel herrliche Ausblicke auf den Teplitzer Thalkessel.
=Teplitz= (Teplice-Warmbach). Stadt London. Posthotel. König von
Preussen. Altes Rathhaus. Schwarzes Ross. Kronprinz Rudolph. Adler.
Lamm (billig). Blauer Stern. Am Weg nach Schönau: Haus Oestreich.
Neptun. Rest.: Kursalon am Stephansplatz. Gartensalon im Schlosspark.
Drei Rosen. Goldnes Fassel. Schönpriessner und Leitmeritzer Bierhalle.
Teplitz zählt mit Schönau 16000 Einw. Die Lage der Stadt im weiten
Thalbecken, unfern des isolirten Teplitzer Schlossberges, gehört zu den
anmuthigsten im landschaftlich reichen Böhmerland und die natürlichen
Vorzüge unterstützen herrliche Parkanlagen, wohlgebaute Dorfschaften,
inter. Klöster, historisch merkwürdige Stätten, schattige Wälder, viele
und bequeme Verkehrsmittel und a. m., und wenn auch der industrielle
Habitus der nahen Kohlenfelder den landschaftlichen Reizen nicht gerade
zu Gute kommt, so beweisen doch an 20000 Passanten jährlich, dass diese
trotzdem unwiderstehlich sind. Die Badefrequenz betrug 1880 gegen 10000
Badegäste.
Die Heilkraft der =Teplitz-Schönauer Thermen= gegen Gicht, Rheumatismus
und Lähmung ist weltberühmt; auch nach schweren Verwundungen leisten
die Quellen vorzügliche Dienste. Preussen, Oestreich und Sachsen
besitzen eigene Militärbäder zu Teplitz. Der Wärmegrad der Wässer
variirt zwischen 21 und 39° R.; sie enthalten Alkalien und salinische
Bestandtheile, darunter kohlensaures Natron. Trinkbar sind sie ihres
widerlichen Geschmackes wegen nicht, man benutzt sie zum Baden. (Im
Januar 1881 entquoll der Erde eine neue Therme bei Teplitz.)
Am 13. Febr. 1879 brach über Teplitz die weltbekannte
Quellenkatastrophe herein. In den 8 km entfernten Ossegger
Kohlenschächten hatte man einen Porphirgang angehauen, aus welchem sich
ganz plötzlich eine ungeheure Menge auf 20° R. erwärmtes Thermalwasser
in die Baue ergoss und bald darauf versiegte die Teplitzer Urquelle im
Stadtbad. Am 3. März fand man dieselbe in einem rasch niedergeteuften
Schacht 27 m tief wieder auf, doch ist der Quell damit noch nicht
gesichert und hat man neuerdings eine tiefere Ausschachtung angeordnet.
In Teplitz selbst liegen die Bäder: =Fürstenbad=, =Herrenhausbad=,
=Stadtbad=, =Judenbad=, =Steinbad= und =Stephansbad=. Das
=Schlangenbad= und das =Neubad= liegen auf Schönauer Gebiet. Die
Hauptbadezeit ist Morgens. Nachmittags baden die ärmeren Klassen
zur Hälfte der Taxen. Die =Badeconcerte= finden früh 6 bis 8 Uhr
im =Kurgarten= und von 11 bis 1 Uhr im =Schlosspark= statt. In den
=Anlagen= am =Schlangenbad= in Schönau spielt Mittwochs und Sonnabends
von 5 bis 7 Uhr und Sonntags von 10 bis 11 Uhr eine Militärkapelle.
Sämmtliche Concerte sind für Passanten frei. Das Badeleben culminirt
von 11 bis 1 Uhr im Schlosspark; eine Tanzreunion wird Sonnabends im
Gartensalon dieses Parks abgehalten.
+Geschichtliches.+ Der Sage nach trieben am 29. Aug. 762 die Hirten des
Vladiken Kostolug von Settenz Schweine in den Wald, von denen eines
die heisse Urquelle aufwühlte. Zweifellos ist, dass sehr frühzeitig
eine Burg an dem Heilquell entstand, welche als die Vorläuferin des
jetzigen fürstl. Clary'schen Schlosses anzusehen ist. Urkundlich
wird berichtet, dass die Gemahlin des Böhmerkönigs Wladislav II. ein
Nonnenkloster an den warmen Quellen errichtete, welche 1278 Rudolph
I. zerstörte. 1420 plünderten es die Hussiten und 1424 äscherten sie
es ganz ein. Im 30jähr. Krieg litt die blühende Badestadt durch Raub
und Plünderung, auch verödeten die Bäder durch Mangel an Badenden. Im
7jähr. Krieg wurde die Stadt von beiden Heeren als neutral respectirt.
Nach der Schlacht bei Kulm (30. Aug. 1813) glich die Stadt einem
grossen Lazareth. Als Curiosum sei mitgetheilt, dass Napoleon I.
mehrfach verdriessliche Aeusserungen über den Namen »Teplitz« fallen
liess, weil er ihn nicht richtig auszusprechen vermochte, er nannte
die Stadt consequent Telpsich. Im Jahre 1878 fand Kaiser Wilhelm nach
dem Nobiling'schen Attentat im Herrenbade zu Teplitz völlige Genesung.
An =Gebäuden= sind erwähnenswerth das =Neue Theater= von Schreiber in
Dresden mit Skulpturen von Henze, die =Evang. Kirche=, ein romanischer
und die neue =Kath. Kirche= in Schönau ein gothischer Ziegelrohbau. Im
Clary'schen Schloss =goth. Schlosskapelle=.
=Spaziergänge.= Vor Allem sind hier =Kurgarten= und =Schlosspark=
zu nennen, besonders der letztere mit seinen uralten Bäumen und
seinen idyllischen Weihern ladet zu längerem Verweilen ein. Unfern
des Theaters liegt der =Seumepark=, ein umgewandelter alter Kirchhof
mit dem wohlgepflegten Grabe des »Spaziergängers nach Syrakus.« Auch
die Kirchhofkapelle ist erhalten. Ein reizender Spaziergang ist der
nach der =Königshöhe= mit einem Denkmal des Königs Friedrich Wilhelm
III. von Preussen, der 22 Jahre lang die Teplitzer Thermen brauchte.
Die Stadt liegt hier in ihrer ganzen Ausdehnung dem Beschauer zu
Füssen. In der Nähe der Königshöhe liegt auch die =Schlackenburg= mit
Camera obscura (10 Kr. Eintritt), ein origineller Bau aus Schlacken,
Ziegelstücken und Scherben. Im =Belvedere= Mineraliensammlung. Café
Bella vista. Die ganze Königshöhe hat herrliche Anlagen und gewährt
schöne Thalbilder, wie auch Fernsichten auf Erz- und Mittelgebirge.
Der =Mont de Ligne=, ein Porphirfelsen liegt über der Stadt gegen
Schönau hin. Das Restaurant nennt der Volksmund seiner Form wegen die
Pfefferbüchse. Nach dem =Turner-Park=, 1 km. Siehe Seite 21.
Ausflüge von Teplitz.
Nach dem =Schlossberg=. Reitesel 75 Kr. Entfernung 3 km. 393 m hoher
Klingsteinberg mit schönen Ruinen und unvergleichlich schöner Aussicht.
Die alte Veste Dobrowska hora gehörte einst dem Grafen Kinsky, der zu
Eger mit Wallenstein ermordet wurde. Die Kaiserlichen stritten mit
den Schweden hart um die Burg. 1655 wurde sie auf Befehl aus Wien
geschleift, weil die verwilderte Soldateska von hier aus die Gegend
brandschatzte. Ferdinand II. verschenkte nach Kinskys Tod Schloss
mit Herrschaft an den Feldmarschall Aldringer. Durch Heirath fiel
sie an die Fürstenfamilie Clary-Aldringer. In die Schlosstrümmer
ist ein empfehlenswerthes Restaurant eingebaut. Die Aussicht von
den Ringmauern mit den zum Theil erhaltenen Thürmen ist, wie schon
erwähnt, unvergleichlich schön. Das weite, reichbebaute Teplitzer
Thal, der colossale Steinwall des Erzgebirges, das reichgeformte
malerische Mittelgebirge und an den Gehängen und in der Ebene Teiche,
Wälder, stolze Schlösser und Klöster, tiefgrüne Thaleinschnitte geben
ein herrliches Landschaftsbild, das sich im Westen bis Rothenhaus
und im Osten bis zum Elbgebirge erstreckt, in welches Aussig
malerisch eingebettet erscheint. Der Wirth zeigt auf Verlangen die
noch erhaltenen Kerker und Kasematten. Einzelne Fensterhöhlen geben
originelle Umrahmungen für schöngruppirte Landschaften.
Nach dem =Wachholderberg=. 3 km. Man geht die Strasse nach Bilin,
bis rechts ein Stein nach dem 380 m hohen Gipfel zeigt. Die obere
Bergschenke gewährt ähnliche Landschaftsbilder wie der Schlossberg
nur nicht so umfassend, der Gipfel des Berges beherrscht dagegen das
Bielathal vollständig, auch nimmt sich das Mittelgebirge, weil näher,
noch imposanter aus.
Nach dem =Millischauer=. Bis Pilkau, am Fuss des Berges gelegen, 12 km.
Von hier bei starker Steigung auf den Gipfel 1 Stunde. In Pilkau
Reitpferde 2 fl. Tragsessel 2 fl. 50 kr. Fahrt von Teplitz bis Pilkau
mit Einspänner 5, mit Zweispänner 7 fl. (Auch billige Stellwagen.) Der
isolirte Klingsteinkegel, Millischauer oder Donnersberg genannt, erhebt
sich 836 m über Meer, bildet die höchste Erhebung des vulkanischen
Mittelgebirges und ist eine touristische Notabilität ersten Ranges.
Die Rundsicht, uneingeschränkt nach allen Richtungen, zählte Humboldt,
der doch so manches Gebirge durchfahren, zu den grossartigsten des
Erdballs; sie umfasst so ziemlich den ganzen böhmischen Kessel mit den
Einfassungsgebirgen. Rings um den Berg lagern sich die vulkanischen
Kegel des Mittelgebirges und belebt wird die Landschaft durch Hunderte
von Städten, Dörfern, Schlössern, Ruinen, Klöstern, aufblitzenden Seen
und Flüssen. Beim Wirth sind Panoramen käuflich, die über 99 Punkte
Aufschluss geben. Nachtlager auf Moosbetten 80 bis 1,50 kr. Unterkunft
für circa 60 Personen. (Auch Federbetten.)
Für den Rückweg nach Teplitz empfiehlt sich der Abwechselung wegen
die Tour über =Kostenblatt=. Im Dorf das vom Grafen Czerin 1864 in
ital. Styl erbaute Schloss. 2 km vom Dorfe liegt die malerische =Ruine
Kostenblatt=. 508 m hoch, mit Sommerrestaurant. Der Wartthurm gewährt
herrliche Aussicht auf das Bielathal und Teplitz. Der Wirth verwahrt
hier gefundene Alterthümer.
Von Kostenblatt über =Krzmusch= nach Teplitz 10 km. In Krzmusch Schloss
des Grafen Ledebour mit prächtigem Park über dem engen Bielathal. Den
schönsten Blick gewährt ein Kiosk auf der sogenannten Teufelsmauer.
Von =Teplitz= nach =Dux=. 8 km. Eisenbahnfahrt zu empfehlen. Die
Strasse führt am Dorfe Janegg vorüber, wo das Becken der jetzt
versiegten =Riesenquelle= mit der =Riesenmühle= liegt. In der Nähe
sanken während der Teplitz-Ossegger Katastrophe Erdtrichter ein.
=Stadt Dux.= Union. Weisses Ross. Goldene Krone. 6000 Einw. Dux ist
Mittelpunkt des teplitzer Braunkohlenbeckens und liefert die beste
Braunkohle in Böhmen. Zuckerfabrik. Glashütte. Merkwürdig sind die
überaus zahlreichen heiligen Bildwerke unter Glas in kleinen Nischen
über den Hausthüren. Das =Duxer Schloss= gehört einem Grafen Waldstein,
der einer Nebenlinie des Friedländer Geschlechts entsprossen. Man
meldet sich beim Schlossverwalter. Auf dem Schlosshof ein Bassin von
schwed. Kanonenmetall, das der Friedländer eroberte. Die =Bibliothek=
zählt 24000 Bände. Der Abenteurer Casanova verlebte hier seine letzten
Lebensjahre als Bibliothekar, und diese Räume sahen seine berüchtigten
Memoiren entstehen; auch gab er sich mit dem damaligen Besitzer,
einem Grafen von Dux alchymistischen Experimenten hin († 1798). Die
Bibliothek verwahrt auch Wallensteins Himmelsglobus. Im =Familiensaal=
Ahnenbilder unter denen ein Portrait Wallensteins von der Hand van
Dyk's. Die =Rüstkammer= besitzt Reliquien des grossen Feldherrn. Im
=physikalischen Kabinet= hat auch eine Venus von Tizian und eine
Marmorstatue von Fischer Aufstellung gefunden. Im =Naturalienkabinet=
ist ein Stück Braunkohle mit eiserner Kugel, 6 m tief unter der
Erdoberfläche gefunden, bemerkenswerth. Die =Holzsammlung= ist in
Bücherform aufgespeichert. Die Rinde bildet den Rücken, das Innere
enthält Blätter, Blüthen und Früchte.
Der =Schlosspark= ist freigegeben. Die Durchhaue zeigen im Hintergrund
wie Theaterprospecte, schöne Landschaftsbilder. Beim Schlossgärtner
Erfrischungen. Die =Stadtkirche= besitzt ein gutes Altarbild von Rainer.
Unfern von Dux an der Strasse nach Ossegg liegen die fünf, im
Februar 1879 ersoffenen Kohlenschächte, an deren Entwässerung man
gegenwärtig mit grosser Energie arbeitet.
Von =Teplitz= nach =Bilin= und dem =Borcen=. Von Teplitz bis zum Fuss
des Borcen 16 km. (Eisenbahn.) Wer auf Bilin verzichtet, fährt direct
bis Station Bilin-Sauerbrunnen.
=Bilin.= Weisser Löwe. Hohes Haus. Schwarzer Adler. 5000 Einw. Grosse
Zuckerfabrik. Fürstl. Lobkowitz'sches Schloss mit einer Bildersammlung.
Die ehemals berühmte Mineraliensammlung wurde nach Ungarn verkauft.
Bilin an der Biela gehört zu den ältesten Städten Böhmens und wird
schon im 11. Jahrhundert mehrfach urkundlich erwähnt.
Der =Sauerbrunnen=, 1 km entfernt gegen dem Borcen hin gelegen, ist
ein Natronsäuerling, der mit leichtem Wein oder Milch vermischt
getrunken wird und höchst erfrischend wirkt. Man gebraucht ihn
besonders gegen chronische Hals- und Brustleiden und Steinbeschwerden.
600000 Krüge kommen etwa im Jahre zur Versendung. Aus dem abgedampften
Wasser gewinnt man die bekannten Biliner Bastillen. Neues fürstl.
Lobkowitzsches Kurhaus.
Der =Borcen=, der seiner seltsamen Form wegen jedem Besucher des
Teplitzer Thalkessels sofort auffällt, ist ein vielfach zerklüfteter
Klingsteinkegel von 535 m Höhe. (Böhmisch Boren, sprich Borschen.) Der
Aufstieg vom Sauerbrunnen aus nimmt circa 1 Stunde in Anspruch und ist
nicht ohne Beschwer. Weisse Kalkstriche machen eine Führung unnöthig.
(Führer 1 fl.) Die bedeutendste Klüftung ist die Michaelishöhle; vor
ihrem Eingang liegt eine sehr grosse Basaltsäule. Der schmalgratige
Gipfel gewährt einen herrlichen Ausblick auf den Teplitzer Thalkessel,
seinen freundlichen, ziegelbedachten Ortschaften und auf die
einrahmenden Gebirge. Zu Füssen liegt das Bilathal mit Bilin und
Sauerbrunnen.
Der =Radelstein= ist 8 km von Bilin entfernt. 749 m ü. M. Kann auch zu
Wagen erreicht werden. Die mächtigen Steinwälle auf dem breiten Gipfel
sollen heidnischen Ursprungs sein. (Altslavische Cultusstätte.) Von
der Zufluchtshütte an der Südseite beste Aussicht. Das Auge beherrscht
die Eger- und Elbniederung bei Theresienstadt und das Land bis gegen
Prag hin. Ferner ist der Blick überaus fesselnd auf die Berggruppen des
Mittelgebirges selbst und auf das Erzgebirge.
Von =Teplitz= nach dem =Probstauer Park=. Von Teplitz 4 km, im Norden
gelegen. Försterei mit Rest. Schöne Baumgruppen. Der Park gehört, wie
auch der Turner, dem Fürsten Clary. Man geht dahin in der Regel über
Turn und kehrt über Weisskirchlitz zurück. Bei diesem Dorf erhebt sich
der =Louisenfelsen=. Vom Pavillon prächtige Aussicht auf das Teplitzer
Thal.
_+Anmerkung.+ Die herrlichen Partien von Teplitz ins Erzgebirge liegen
an Haupttouren und haben an anderen Stellen Beschreibung gefunden. Es
sei daher auf das Register verwiesen. Graupen ist 7, die Geyersburg 10,
Eichwald 7, Klostergrab 8 und Ossegg 9 km von Teplitz entfernt._
2. =Dresden-Pirna= (17 km, Bahn). =Liebstadt= (12 km). =Börnersdorf=
(bis zur Kirche 4 km). =Breitenau= (3 km). =Fürstenwalde= (6 km).
=Voigtsdorf=, =Mückenthürmchen= (6 km). =Graupen= (3 km). =Mariaschein=
(2 km). =Probstau= (3 km). =Teplitz= (4 km).
Bis Pirna siehe Tour 1. Seite 17.
Wir berühren von Pirna aus zunächst =Zehista=. Hübsches Dorf.
Schloss mit Park, dem Grafen Rex gehörig. Nun im anmuthigen
Seydewitzthal aufwärts. Bei Nenntmannsdorf Kalkbrüche, in denen
1813 viele Franzosen während der Kämpfe mit den Russen ihren Tod
fanden. =Liebstadt.= Gasthof zum schwarzen Kleeblatt. (Ueber
dieses Gasthaus existirt ein humoristisches Gedicht von drei
Schornsteinfegern, die nach demselben dem Gasthaus den Namen
gegeben.) 329 m ü. M. 900 Einw. Dicht über der Stadt das malerische
Schlösschen =Kuckuckstein=. In der Bibliothek ein Portrait
Moreaus, dem Widersacher Napoleons, dem in der Schlacht bei
Dresden die Beine zerschmettert wurden. Dem Hut ist die Kokarde
ausgeschnitten. Napoleon soll dies selbst gethan haben als er
hier während der Kämpfe 1813 um die Pässe des östl. Erzgebirges
nächtigte. Die beistehenden franz. Worte, zu deutsch: »Er war ihrer
unwürdig, der Verräther«, sollen gleichfalls von Napoleons Hand
herrühren.
Von hier führt der Weg über etwas eintönige, oft aber auch
aussichtsreiche Höhen nach Börnersdorf, Breitenau und Fürstenwalde
auf den Mückenberg, der das Mückenthürmchen trägt.
=Mückenthürmchen.= 815 m ü. M. Gasthaus. Gute Unterkunft. Stallungen.
Etwas billiger ist der nur wenige Minuten entfernte Gasthof an der
Strasse nach Graupen. Die Rundschau ist grossartig und wird von vielen
Kennern selbst der Aussicht von der Schneekoppe und dem Brocken
vorgezogen. Thatsache ist, dass jenen Landschaftsbildern ein böhmisches
Mittelgebirge fehlt, so grossartig sie auch sein mögen. Die Aussicht
erstreckt sich über einen Umkreis von 600 km. Es gewährt eine ganz
ausserordentliche Ueberraschung plötzlich das gebirgige nordböhm. Land
mit dem Teplitzer Thalkessel und dem vulkanischen Kegeln bis zum Borcen
bei Bilin auftauchen zu sehen. Links liegen das Elbsandsteingebirge,
dahinter das Lausitzer Gebirge, der Isarkamm und das Riesengebirge.
Rechts sehen wir den Kamm des Erzgebirges bis zum Keil- und Fichtelberg
und Theile vom Karlsbader Gebirge. Von Dresden sieht man die
Antonsstadt, die Prinzenschlösser und ferner den Loschwitz-Pillnitzer
Höhenzug mit dem Borsberg. Gegen die norddeutsche Tiefebene ist die
Aussicht nur durch die Sehkraft beschränkt.
Bei der Kapelle zu St. Wolfgang betreten wir die Teplitzer Strasse
und gelangen hinab nach Graupen. Der Fall bis zu dieser Stadt
beträgt 497 m, wir sind also nachzu 5 Dresdner Schlossthürme
abwärts gestiegen.
=Graupen.= Stadt Dresden. Kronprinz Rudolph. Wein und Bier bei Herm.
Kohlschütter. Alte intr. Bergstadt, die ihren Namen von den hier
abgebauten Zinngraupen entlehnte. 2500 Einw. In der Stadtkirche die
heilige Stiege mit 28 Marmorstufen, die von den Gläubigen nur knieend
erklommen wird. Zwei Figurengruppen »Gericht über Jesu« und das
»Fegefeuer.« Die erstere ist nicht ohne Kunstwerth, die letztere wird
durch rothes Glas noch schauerlicher, als sie der »Künstler« gemacht.
Die =Rosenburg= über der Stadt steht an der Stelle, wo sich die Veste
Graupen oder Hundsstein erhob, die 1429 von den Hussiten zerstört
wurde. Die alten Ruinen sind geschickt für die neueren Bauten
ausgenützt. Schöne Gartenanlagen. Rosenzucht. Beliebter Ausflug
der Teplitzer. Die Aussicht auf den Teplitzer Thalkessel und das
Mittelgebirge ist umfassend und anmuthig.
Die =Wilhelmshöhe= liegt gleichfalls auf einem aussichtsreichen
Felsvorsprung. Vielbesuchtes Rest. mit Fremdenbetten. Sommerfrische.
Das Rest. hat seinen Namen von Friedrich Wilhelm III. König von
Preussen, der hier besonders gern weilte.
Die =Geyersburg= liegt 3½ km gegen Osten von Graupen entfernt.
Aussichtsreicher Weg am Berghang. Intr. Ruinenstätte über welche viele
Sagen im Volk lebendig sind. Aussicht oben verwachsen, doch thuen sich
öfter Blicke auf historische Stätten auf. 1040 schlugen hier Kaiser
Heinrichs Mannen den Herzog Bretislav von Böhmen. Am 11. Febr. 1126
kämpften Lothar I. und Sobeslav I. von Böhmen gegen einander. Nach
Aussig zu liegen die blutgetränkten Felder, auf denen am 14. Juni
1426 die Hussiten die Meissner schlugen. Das Schlachtfeld bedeckten
23000 Leichname. Gegen Kulm hin sind die Denkmäler der Kulmer Schlacht
sichtbar. Siehe Seite 20.
=Mariaschein.= 2 km von Graupen. 1240 Einw. Anker. Zum Bleileben.
Grosses Jesuitenkloster mit weithin leuchtenden Dächern. 22 Patres
mit über 200 Zöglingen. Grössere wissenschaftliche Sammlungen
für Lehrzwecke, auf Ersuchen zugänglich. In der =Klosterkirche=,
die zugleich berühmte Wallfahrtskirche ist, ein wunderthätiges
Marienbild, zu welchem aus Schlesien und Böhmen, aber besonders aus
der Sächs. und Preuss. Lausitz viele Gläubige (zahlreiche Wenden)
Wallfahrten veranstalten. Zu Pfingsten, Mariageburt und an einigen
Heiligentagen gleicht der Ort einem Messplatz. Im Kreuzgang viele
kunstlose Wandgemälde, doch intr. durch seltsame Geschichtsauffassung.
Das Mariabild ist von Thon. Man erzählt von ihm eine merkwürdige
Fluchtgeschichte zwischen Graupen und Mariaschein. Ein Mädchen, von
einer Schlange gebissen, soll um Hilfe gerufen haben und diese erschien
in Form eines Muttergottesbildes, das eine Nonne vor den Hussiten in
einer nahen Linde verborgen hatte. Die Bürger von Graupen trugen das
Bild im Triumph nach ihrer Stadtkirche, aber dreimal kehrte dasselbe
bei nächtlicher Weile nach der Linde zurück. Hierauf sei nun eine
Kapelle erbaut worden, welche endlich dem Bild als dauernde Wohnung
convenirte. Das heutige Jesuitenkloster hat das Gut Sobochleben im
Besitz.
Man fährt von Graupen mit Dampf oder geht über Probstau (S. 27) und
Weisskirchlitz (S. 27) nach Teplitz. Den Bahnhof Graupen-Rosenthal
erreicht man von Graupen aus auf dem Ave-Mariasteig.
Teplitz siehe Seite 21.
3. =Dresden-Mügeln= (12 km). =Dohna= (3 km). =Weesenstein= (3 km).
=Glashütte= (12 km). =Bärenstein= (8 km). =Lauenstein= (3 km).
=Mückenthürmchen= (9 km). =Teplitz= (12 km).
Nach Mügeln mit Dampf. Von hier bis Glashütte Post oder auch billigen
Stellwagen. Mügeln liegt am Einfluss der rothen Müglitz in die
Elbe, deren rothgefärbte Gewässer (durch die Zinnwäschen bei
Altenberg) noch lange in der Elbe sichtbar sind. Auf der Höhe
über Mügeln liegt Grosssedlitz mit seinem grossen altfranz. Park.
Kolossale Schnitthecken. Erotische Skulpturen. Bassins. Der Umweg
dahin beträgt 2 km. Man geht dann nicht die Strasse sondern über
die Höhe nach Köttewitz und trifft in Weesenstein wieder mit der
Strasse zusammen.
=Dohna= lassen flüchtige Wanderer links oben am Thalhang liegen. 2000
Einw. Das Schiesshaus steht inmitten der alten berüchtigten Veste
Dohna, von der nur noch karge Ueberreste vorhanden. 1402 lag Burggraf
Jeschke von Dohna fast mit der ganzen Ritterschaft der Umgebung in
hartem Zwist, bis ihn Markgraf Wilhelm von Meissen vertrieb und seine
Burg einäscherte. In der Stadtkirche sehenswerter goth. Altar mit
Figuren von Semper restaurirt.
Wir gehen im schönen Müglitzthale aufwärts nach =Wesenstein=. Ein
Fusspfad, vom Gebirgsverein angelegt, geht auch ab Dohna über die
Höhen dahin. Weigand's Gasthof dicht am Schloss mit schattigem
Garten. Das merkwürdig gruppirte, malerische Schloss mit mancherlei
Sehenswürdigkeiten ist Eigenthum des Prinzen Georg, Herzogs zu
Sachsen. Meldung beim Schlossverwalter. Die Gebäude sind in einer
Weise übereinander gesetzt, dass sie im Innern wie ein einziger Bau
von 8 Stockwerken erscheinen. In die Belletage steigt man hinab,
in die Keller hinauf. Die Pferdeställe liegen im dritten Geschoss.
Viele Andenken an König Johann, der hier öfter literarischen
Arbeiten oblag. Ueber 800 fürstliche Portraits, darunter solche von
Meisterhänden. Uralte Gewölbe aus romanischer Zeit. Folterkammer,
in Sachsen einzig in ihrer Art. Schöner Schlosspark. König Albert
verlebte hier zumeist seine Knabenjahre. Zum =Pavillon= 1 km stark
bergauf. Beliebter Aussichtspunkt auf das stille Oertchen mit dem
Schloss und auf das Elbthal. Näheres siehe Gampe's Weesenstein.
Dresden, Bleyl und Kaemmerer.
_+Anmerkung.+ 5 km oberhalb Weesenstein liegt rechts an der Strasse
der +Rabenhorst+, eine imposante Felspartie. Pfade führen hinauf nach
+Maxen+. Rittergut mit Schlosspark. Am 17. Nov. 1759 trug sich hier
der Finkenfang zu. General Fink wurde mit seinen 13000 Preussen vom
östr. General Daun gefangen genommen. In der Nähe Kalkbrüche. (Maxener
Marmor.) Der Umweg beträgt 4 km._
Bei weiterem Vordringen im Thal berühren wir Schlottwitz. Links
der Todtenstein. (An der Neumühle Achate, Amethyste, Jaspis,
Hornblende.) Vor Glashütte bei der Krugmühle eine Felspartie,
Wittichs Schloss genannt, wo im 15. Jahrh. ein Wegelagerer Namens
Wittich gehaust haben soll.
=Glashütte.= Post. Stadt Dresden. 2000 Einw. In einem Seitenthale der
Müglitz gelegen. Eine Glashütte war nie hier, der Name entstammt den
Glaserzen (Eisenerze), die hier gefunden wurden. Glashütte ist der Sitz
einer hochberühmten Uhrenindustrie. Die Uhrmacherschule zählt gegen
40 Schüler. Das Hauptverdienst fällt dem Uhrmacher Adolph Lange zu (†
1875). Derselbe errang im Ausland mehrfach erste Preise und auf dessen
eisern-solide Geschäftsprinzipien stützt sich die ganze Glashütter
Uhrenindustrie. Auch andere inventiöse Apparate, Rechenmaschinen,
Telegraphen, Instrumente etc. werden hier gebaut. Der Ort hat ein
freundliches, gefälliges Aussehen. Die Kirche, 1535 erbaut, enthält
vier gute Oelgemälde und einige ältere Glasmalereien.
Die gewundene Strasse führt uns zwischen herrlichen Thalgehängen
aufwärts nach =Bärenstein=, der kleinsten Stadt Sachsens. 660 Einw.
Das Schloss mit dicken runden Thürmen und hübschen Parkanlagen
gehört dem Major von Lüttichau. Zwischen Bärenstein und Lauenstein
kommt das Altenberger Wasser herab, das die Müglitz roth färbt.
=Lauenstein.= Stadt Teplitz. Gold. Löwe. 470 m. 860 Einw. Das ältere
Lauensteiner Schloss liegt in Ruinen. Am neueren gefällige altdeutsche
Giebel. Die Kirche besuche man um eines figurenreichen Denkmals willen,
das einem Günther von Bünau gewidmet ist. Die Sandsteinarbeiten, von
Lorenz Hornung in Pirna gefertigt, sind vorzüglich ausgeführt. Mehrere
Hundert Figuren. Der Altaraufsatz ist gleichfalls bemerkenswerth.
Man bleibt nun entweder im Thal und geht über Gottgetreu und
Müglitz zum Mückenthürmchen, oder man wählt den Weg über
Löwenhain und =Fürstenwalde=. Weit verstreutes Gebirgsdorf mit
600 Einw. Die Kirche enthält ein altes Marienbild, zu welchem,
obgleich die Kirche protestantisch ist, viele Katholiken am
Feste Maria Heimsuchung wallfahrten und dort nach Beendigung
des protestantischen Gottesdienstes unbehelligt ihre Gebete
verrichten. Am Altar ausserdem Statuen der Heiligen Christoph,
Nicolaus und Donatus.
Mückenthürmchen und weiter nach Teplitz siehe Tour 2, Seite 28.
4. =Dresden-Niedersedlitz= (9 km). =Lockwitz= (2 km). =Bad Kreischa=
(6 km). =Reinhardsgrimma= (7 km). =Luchau= (4 km). =Johnsbach= bis zur
Kirche (4 km). =Hirschsprung= (6 km). =Altenberg= (2 km). =Geising=
(2 km). =Fürstenau-Mückenthürmchen= (7 km).
Diese Tour empfiehlt sich für Wanderer, welche freie, aussichtsreiche
Höhen den Thalwanderungen an der Müglitz oder Weisseritz vorziehen.
Man benutzt bis Niedersedlitz die Bahn. =Lockwitz=, stattliches
Dorf am Eingang der Strasse in den Lockwitzgrund. Adams Gartenrest.
1460 Einw. Schloss der Familie Kap-herr.
_+Anmerkung.+ 2 km von hier gegen Wölkau zu liegt der schöne neue
Sandsteinbau, der +Lugthurm+, inmitten hübscher Anlagen, errichtet von
der Section des Gebirgsvereins der Sächs.-Böhm. Schweiz Niedersedlitz.
Sommerrest. Panorama käuflich. Sehr schöne Aussicht auf das weite
Elbthal, wie auf die Tafelberge der Sächs. Schweiz._
Im Thalzug aufwärts gelangen wir nach =Bad Kreischa= im gleichnamigen
Kirchdorfe. 2000 Einw. Das Bad ist in eine Heilanstalt für
Nervenleidende umgewandelt worden. Ein Gasthof ist damit verbunden.
Im Süden 3½ km entfernt liegt rechts unserer Tour der basaltische
=Wilisch=. 476 m. Ein Aussichtsthurm ist projectirt, ohne welchen
der Berg touristisch werthlos bleiben würde, weil der Gipfel völlig
verwachsen. Der Basaltkegel gewährte sonst eine grosse Fernsicht
über das Elbthal, die Sächs. Schweiz und das Erzgebirge.
In =Lungwitz= Rittergut mit Park, das dem Bennemann'schen Stift für
Predigerswittwen zugehört. Sodann folgt =Reinhardsgrimma=, 356 m.
Hübsches Rococcoschloss mit Park. Strohflechterei. =Luchau= am
Luchberg (ein spitzer Basaltkegel, 581 m hoch, der die nördliche
Abdachung des östlichen Erzgebirges völlig beherrscht). Das Dorf
ist schon ein echtes Gebirgsdorf. Die Strasse senkt sich nun in ein
tiefes Seitenthal der Müglitz, führt wieder hinauf über das grosse
Kirchdorf Johnsbach nach Hirschsprung und Altenberg.
=Altenberg.= Altes Amthaus. Stadt Teplitz. Stadt Dresden. Rathskeller.
2016 Einw. Die Stadt liegt am basaltischem Geising 750 m hoch in stark
bewegtem Terrain. 1458 wurde hier das Zinn fündig. Ein Köhler fand es
unter seinem Meiler in geschmolzenem Zustand. Ein Denkmal unfern der
grossen Binge bezeichnet den Fundort. Den Fuss des Denkmals bildet
eine ganze Sammlung von Altenberger Zinnerzen. Der sog. Zinnzwitter
ist ein Quarzporphir. Zinngraupen kommen seltener vor. Die jährliche
Ausbeute beträgt noch immer 2200 Ctr. Zinn, 815 Ctr. Arsen, 10 Ctr.
Wismuth. Die Erze streichen in mächtigen Lagern aus und müssen
stockwerkartig abgebaut werden. Die Säulen, die man stehen lässt, sind
jedoch nicht immer im Stand, die überhängenden Lasten zu tragen und
so sind öfter Bergbrüche vorgekommen, deren grösster die schauerliche
+Binge+ dicht an der Stadt verursachte. Die Chronik erzählt, dass schon
1545 ein grosser Tagebruch stattfand, durch welchen 10 verschiedene
Zechen verschüttet wurden. Darauf folgten 1578 zwei andere Zechen
nach, 1624 aber, an dem für Altenberg ewig denkwürdigen 24. Januar
stürzte durch einen ungeheuren Tagebruch das ganze unmittelbar vor der
Stadt liegende, grosse Zinnbergwerk zusammen. Es war eine stürmische
Nacht, der Schnee lag in Massen auf den unwirthlichen Gebirgen. Ruhig
arbeitete der Bergmann in der Tiefe. Plötzlich, als eben die Glocke
4 Uhr schlug, krachte es wie Donner, die Erde bebte, und in einem
einzigen Augenblicke stürzten mit entsetzlichem Getöse 4 Göpel mit
ihren Zechen, als: Rietzschelzeche, Schellenzeche, Graupner-Zeche,
Rathsschacht und noch verschiedene andere in den Abgrund. Alle Häuser
der Stadt erzitterten; in den Gruben befanden sich zum Glück nur 24
Bergleute, vier davon waren todt, 19 wurden gerettet, einer jedoch gar
nicht wieder aufgefunden. Wo einst ein 60 Fuss hoher Hügel gewesen,
zeigt sich nun eine 120 bis 200 Fuss tiefe Binge, deren Wände aus
Zechstein und Zinnzwitter bestehen. In einer der Weitungen, die hier
unter der Erde geschaffen sind, könnte man den Münster zu Strassburg
unterbringen. Die Höhe beträgt 160 m. Eine Cementquelle, welche
eingelegtes Eisen überkupfert, entspringt in einer Tiefe von 283 m.
Altenberg ist auch Hauptort des +Strohflechterbezirks+, der das ganze
östl. Erzgebirge umfasst. 25000 Personen mögen mit Strohflechten
beschäftigt sein, die für 6 Millionen Mark Strohgeflechte liefern.
In der Hauptsache kommt Weizenstroh zur Verwendung. Die Halme werden
so zerschnitten, dass die Knoten ausfallen, sodann bleicht man sie
mit Schwefel und reisst sie, d. h. man zieht sie unter einem kleinen
Stahlkamm hindurch, der sie in schmale Streifen theilt. Hierauf werden
sie angefeuchtet, um sie mürber zu machen und das Flechten beginnt,
eine Arbeit, die dem Strumpfstricken täuschend ähnlich sieht. Die
Kinder beginnen schon mit 6 Jahren und überholen oft Erwachsene in
ihren Tagesleistungen. Die fertigen Bündel gehen in die deutschen
Strohhutfabriken oder nach England, Skandinavien und Russland.
1876 brannte die Kirche mit 30 Häusern nieder.
Der nahe =Geising= ist 823 m hoch und gleicht einem riesigen
Heuschober. Oben ein Ahornbaum mit Wendeltreppe, doch warnt eine Tafel
vor Betretung derselben, und es ist ihre Besteigung wirklich nicht ohne
Gefahr. Die Aussicht auf den Kamm, auf die nördliche Abdachung des
Erzgebirges und auf die Tafelberge der Sächs. Schweiz verdiente, dass
man sie durch Erneuerung des Ausschaugerüstes der Touristik erhielt,
gerade um Altenberg ist auch die nahe Landschaft sehr formenreich. Der
Berg zählt zu den 9 grossen Basaltdurchbrüchen des Erzgebirges.
Der =Kahleberg=, ein langgezogener Bergrücken 3 km von Altenberg
im Südwest unfern der Strasse nach Rehefeld. 901 m ü. M. Thurm mit
Gradmessungsstation. Gegen Böhmen ist die Aussicht beschränkt, dafür
beherrscht das Auge einen Halbkreis vom Fichtelberg bis zum Colmberg
bei Oschatz und zum Riesengebirge. Aus den grossen Teichen gegen
Altenberg hin geht sowohl Wasser nach den Pochwerken der Zinnwäschen
und nach der Müglitz als nach der anderen Seite, wo es die rothe
Weisseritz bildet. Die Aussicht gehört, wie die vom Geising, zu den
lohnendsten am Nordabhang des Gebirges.
_+Anmerkung.+ Wer die in Altenberg einmal gewonnene Höhe nicht wieder
aufgeben, d. h. nicht erst nach dem Städtchen Geising hinabsteigen
will, geht an Georgenfeld vorüber nach Zinnwald (4½ km) und durch die
grossen fürstl. Clary'schen Wälder nach dem Mückenthürmchen. (7½ km)
Schöne Strasse. Bei Neugeorgenfeld, das durch böhm. Exulanten begründet
wurde, liegen die +Lugsteine+ auf einem Plateau (Knieholz), 893 m, sie
werden selten besucht, doch gewährt der höhere die herrlichsten Blicke
nach Böhmen hinab. +Zinnwald+ ist halb Sächs., halb Böhm. Zum Sächs.
Reiter. Auf böhm. Seite Biliner Bierhalle. (Zugleich Gasthof.) 1 km von
der sogenannten Ausspannung (höchste Stelle der Strasse nach Teplitz,
wo der Wald beginnt) liegt links ein umfassender Aussichtspunkt nach
Böhmen. Das vielerwähnte Häuschen in Zinnwald mit der Inschrift:_
_»Ich bin nun auf Sachsens Boden, Gottlob,
Weil mich mein Wirth, Hans Hirsch
Aus Böhmen rüber schob«_
_steht dicht an der Grenze und ist erneuert worden. Ein
protestantischer Bergmann, Hans Hirsch, wollte seinem Glauben treu
bleiben und so schob er mit Hilfe seiner nachbarlichen Glaubensgenossen
sein Häuschen über die Grenze. Im Dorf selbst freie Ausblicke bis zur
Lausche. Eine herrliche Waldstrasse führt direct hinab nach Eichwald
(9 km). Eine andere gleich schöne Waldstrasse dahin über Vorderzinnwald
nach Forsthaus Siebengiebel und hinab nach Eichwald ist 2 km länger,
sie führt durch den Thiergarten._
_+Eichwald.+ Villencolonie. Sommerfrische, in neuerer Zeit stark
in Aufnahme. Geschützte Lage, grossartige Forsten, herrliche
aussichtsreiche Spaziergänge. Theresienbad. Kaltwasserheilanstalt.
Diana. Waldschlösschen. Gasthof zur Dankbarkeit (eignet sich besonders
zum Uebernachten). 1880 900 Kurgäste. Kurmusik Dienstags und Sonnabends
Nachmittags ½4 Uhr. Die schönsten Spaziergänge sind im sogenannten
+Gesundheitswald+; am +Soldatenberg+ herrliche Aussicht auf den
Teplitzer Thalkessel. Der +Schweissjäger+ mit Rest. ist ein idyllisches
Forsthaus. Vielbesucht ist das nahe Jagdschloss +Tuppelburg+ (offiz.
Schreibweise) mit zahmem Hochwild. (Winterfütterung.) Stark besucht
von Teplitzer Badegästen. Das achteckige Jagdschloss ist der Kernpunkt
sternförmig auslaufender Waldschneussen mit Durchsichten auf den
Borcen, den Milleschauer etc. Im Forsthaus Erfrischungen. Die
+Kaiserhöhe+ liegt ausserhalb des Thiergartens._
_Auch die Strasse von Eichwald nach Teplitz, an Zuckmantel (grosses
Eisenwerk) vorüber bietet herrliche Blicke (5½ km). Einfache Fahrt 35,
doppelte 50 kr. Teplitz siehe Seite 21._
Der Tour treu gehen wir von Altenberg an den Zinnwäschen vorüber
hinab nach
=Geising=. Stadt Dresden. Zinnbergbau. Strohflechterei. 1320 Einw.
Anmuthige Thallage. 590 m. Schöne Waldpromenaden. Geschützte
Sommerfrische.
Die Strasse steigt nun wieder aus dem Thal empor. Links der 738 m
hohe Huthberg. Fürstenwalde mit seiner protestantisch-katholischen
Wallfahrtskirche, siehe Seite 31.
Mückenthürmchen und weiter siehe Seite 28.
5. =Dresden-Goldene Höhe= (8 km). =Dippoldiswalde= (11 km).
=Schmiedeberg= (7 km), über die =Tellkoppe= und =Friedrichshöhe= nach
=Altenberg= (13 km).
Weiter nach Mückenthürmchen-Teplitz oder Zinnwald-Eichwald-Teplitz
siehe Routennetz.
Von Dresden nach Dippoldiswalde zwei Mal Post täglich. Hinter
dem ersten Dorf Räcknitz links 3 Eichen mit dem Moreaudenkmal,
welches an der Stelle errichtet ist, wo dem General Moreau an der
Seite des Kaisers Alexander die Beine zerschossen worden. Die
=Goldene Höhe= nennt sich ein 350 m hoch gelegenes Wirthshaus mit
Umschauthurm. Herrliche Blicke nach dem Elbthal mit Dresden und
den Prinzenschlössern, der Dresdner Haide und auf die Tafelberge
der Sächs. Schweiz. Panorama käuflich. Eintritt zum Thurm 10 Pf.
Bei Börnichen auf der Höhe hinter Possendorf liegt 1½ km rechts
abseits der Strasse der =Lerchenberg= mit umfassenden Ausblicken
auf das Erzgebirge, auf die nahe Dippoldiswaldaer Haide, durch die
man von hier direct nach Dippoldiswalde gehen kann und auf die
Berge der Sächs. Schweiz. Doch auch schon die Strassenhöhe nach
Wendischcarsdorf zu, gewährt sehr anmuthige Landschaftsbilder.
Links der Strasse liegt die 449 m hohe =Quohrener Kipse=, eine
aussichtsreiche Bergkuppe auf demselben Höhenzug, von welchem
sich auch der Wilisch abhebt. Weiterhin gewährt die Strasse noch
öfter Blicke auf diesen, wie auf den langen waldigen Höhenzug
Tellkoppe-Friedrichshöhe etc.
_+Anmerkung.+ Beliebter, wenn auch nicht so aussichtsreich, ist die
Tour nach Dippoldiswalde über Hainsberg. Bis dahin mit Dampf, dann
nach Cosmannsdorf und von hier neben oder mit der neuen Sekundärbahn
parallel durch den herrlichen Rabenauer Grund, den die rothe Weisseritz
durchströmt. Die Höhle, die wir am Anfang des Grundes passiren
müssen, heisst das Nadelöhr. Bis zur +Rabenauer Mühle+ (Rest.), 5 km,
über den Berg dahin nur 3 km. Wer über den Berg geht, besuche die
aussichtsreiche +Albertshöhe+, ein Rest., das schon von Heinsberg
aus sichtbar ist. +Rabenau+ 1800 Einw. Uralte Stuhlbauerei. Grosse
renommirte Möbelfabrik, einer Actiengesellschaft gehörig. Intr.
Holzbearbeitungsmaschienen. Die Fabrik setzt eine Ehre darein, nur
stylvolle und dauerhafte Arbeiten zu fertigen._
_Eine Waldstrasse führt uns von Rabenau nach Dippoldiswalde.
Mit einigen Umwegen kann man leicht drei intr. Punkte, die
+Barbarakapelle+, den +Einsiedlerstein+ und den +Wolfsstein+ besuchen.
Wegweiser und weisse B, E und W führen an die betreffenden Punkte.
Die Barbarakapelle ist die Ruine eines Wallfahrtskirchleins, die
nach der Reformation zerstört wurde. Der Einsiedlerstein soll der
Ueberrest einer Wohnung des Einsiedlers Dippold sein, der den neueren
Forschungen nach freilich nie existirt hat. Dippoldiswalde hat seinen
Namen von einem slav. Vladiken aus dem Geschlechte Dippoldicz. Die
Wolfssäule erinnert an einen 1802 erlegten 203 Pfd. schweren Wolf. In
den Sandsteinbrüchen am Ende des Waldes Petrefecten (Rest.). (In der
Nähe herrliche Aussicht, Umschaugerüst projectirt.) Zwischen Stadt und
Wald auf freiem Feld das +Tartarengrab+, eine Spitzsäule mit Stern
und Halbmond geziert. Die Inschriften besagen, dass hier ein Tartar
Mustapha Sulkowicz, Premier-Leutenant bei den Poln.-Sächs. Ulanen
begraben liegt, der bei Reichsstadt während einer Attaque gefallen._
=Dippoldiswalde.= Stadt Dresden. Gold. Stern. Rest. Rathskeller.
3175 Einw. 357 m im anmuthigen Thalkessel an der rothen Weisseritz.
Früher starker Bergbau mit nahe 100 Zechen und 3 Schmelzhütten.
Viel Strohflechterei. Strohhutfabrikation. Schöner Marktplatz mit
altem, sehenswerten =Rathhaus=, an welchem das Wappen der Maltitz
und die Statuen der Maria und des Laurentius. =Goth. Hauptkirche=
mit bemerkenswerthem Portal. Die =Nicolaikirche= auf dem Gottesacker
entstammt dem 13. Jahrh. und zeigt byzant. Stylformen. (Wird
gegenwärtig von Möckel restaurirt.) Das =Schloss= enthält das
Gerichtsamt. Die Stadt ist Sitz einer sehr rührigen Section des
Erzgebirgsvereins. Sommerfrische, billige Wohnungen. Vom Thal aus, wie
von den Höhen über der Weisseritz drüben nach Edle Krone zu prächtige
Blicke auf das malerische Städtchen.
Die Strasse führt im Thalzug weiter nach =Schmiedeberg=. Hohofen.
Eisenhammer. Hinter dem Ort zeigen weisse T, links der Strasse,
nach der =Tellkoppe= hinauf, dieselbe ist jedoch jetzt so
verwachsen, dass sich eine Ersteigung erst dann wieder lohnt, wenn
das projektirte Ausschaugerüst fertig gestellt sein wird. Die 754
m hohe Kuppe auf langem, waldigen Bergrücken gewährte umfassende
Blicke ins Centralerzgebirge hinauf und auf die Höhenzüge bei
Freiberg, wie auf das Meissner Tiefland. Wir gehen besser direct
nach der =Friedrichshöhe= bei Bärenburg. 739 m. An einer grösseren
Tanne ist die Aussicht am schönsten. Wir sehen Dresden mit den
neuen Kasernen, die Prinzenschlösser, Theile der Sächs. Schweiz,
die Berge bei Altenberg, die Lausitzer Berge und die nördliche
Abdachung des östl. Erzgebirges selbst. König Friedrich August
nächtigte auf seinen botanischen Wanderzügen öfter hier und gab
Raketensignale hinab nach Pillnitz, wo seine Gemahlin dieselben
erwidern liess. In der Försterei intr. Königszimmer mit Fremdenbuch
für fürstl. Personen. Die Strasse führt von hier über Hirschsprung
nach Altenberg. Siehe Seite 32.
6. =Dresden-Dippoldiswalde-Schmiedeberg= (26 km). =Rehefeld-Zaunhaus=
(über Dorf Sayda 14 km, über Bärenfels und Schellerhau 13 km, doch mehr
Berg). =Neustadt= (6 km). =Niclasberg= (3 km). =Klostergrab= (5 km).
=Ossegg= (4 km). =Teplitz= (10 km).
Bis Schmiedeberg siehe Tour 5. Hier verlassen wir die rothe
Weisseritz und gehen im =Pöbelbachthal= aufwärts die Strasse, die
bei Ober-Pöbel einen Bergrücken überschreitet und das Thal der
=Wilden Weisseritz= gewinnt. In =Sayda= Gasthof. Die Strasse folgt
in der Hauptsache der Weisseritz bis Rehefeld-Zaunhaus.
_+Anmerkung.+ Wer von Schmiedeberg aus den Weg über Bärenfels und
Schellerhau wählt, kann bei letzterem einsamen Gebirgsdorf den 842
m hohen +Pöbelknochen+ ersteigen. Umfassender Blick in die einsame
Waldregion des Kammes und auf dem Nordabhang des Gebirges. Die Strasse
führt dicht daran vorüber._
=Rehefeld-Zaunhaus.= Jetzt +eine+ Gemeinde. Zerstreutes Gebirgsdorf
mit einem königl. Jagdhaus, ein Lieblingsort König Alberts und seiner
Gemahlin. Liegt inmitten herrlicher Waldberge an der Wilden Weisseritz,
dicht an der böhmischen Grenze. Primitiver Landgasthof. Wenn der Hof
anwesend, ist oft schwer Unterkommen zu finden, so dass sich selbst
Cavaliere mit Strohlagern in Bauerhütten begnügen müssen. Zeichnung und
Bauproject zu dem hölzernen, doch höchst malerischen Jagdschlösschen
bescheerte die Königin Carola ihrem erlauchten Gemahl als ein
Weihnachtsgeschenk. Schöne Kapelle in norwegischer Holzarchitektur.
Glasgemälde. Gutes Altarbild. Die Einrichtung des Schlösschens ist von
einer fast rührenden Einfachheit. In der Umgebung unter sehr alten
Bäumen schöne Waldprommenaden. Der =Hemmschuhberg= mit sehr hohem
Holzgerüst zwischen drei Fichten gestattet umfassende Blicke in die
Waldregion des Kammes (815 m). Wegweiser markiren die herrlichen
Waldwege nach dem Thurm (4 km).
Ein directer Weg (6 km) führt über das =Forsthaus Kalkofen= nach
=Niclasberg= hinab. Auf der Höhe (an einem Kreuz) überraschende
Aussicht durch den Niclasberger Thalzug hindurch auf das
Mittelgebirge und den Teplitzer Thalkessel. Wer den =Stürmer= nicht
ersteigen will, gehe diesen directen Weg. Andernfalls berühren wir
=Neustadt=. Städtchen auf der Kammhöhe. Schütz' Gasthaus. Biliner
Bierhalle. Von hier liegt der Stürmer nur 1½ km und ist leicht zu
ersteigen, doch wird man ohne Führer die aussichtsreiche Kuppe nur
schwer finden. Der 825 m hohe, weitvorgeschobene Berg gehört zu
den grossartigsten Aussichtspunkten des Erzgeb. Die Ausschau auf
den Teplitzer Thalkessel wie auf das bizarre Mittelgebirge ist
ausserordentlich umfassend, auch die Ebene gegen Saaz hin liegt
frei vor dem Beschauer.
Von Neustadt führt die aussichtsreiche Strasse, vom Stürmer
führen directe Waldpfade steil hinab nach =Niclasberg= oder
auch direct nach Klostergrab. Fall bis dahin nahezu 500 m. Das
kleine Bergstädtchen liegt höchst anmuthig im engen Thalzuge.
Rathskeller am Markt (Gut). Das Städtchen eignet sich sehr wohl zur
Sommerfrische.
_+Anmerkung.+ Am Weg von Niclasberg nach Eichwald (6 km) liegt
rechts der Strasse der +Wolfsstein+, ein prächtiger Aussichtspunkt,
nicht hoch, aber äusserst günstig für Ausblicke auf Teplitz und das
Mittelgebirge._
Die Strasse von Niclasberg hinab nach Klostergrab führt durch eine
enge romantische Waldschlucht.
=Klostergrab.= Zum Rathskeller. 1400 Einw. 353 m. Die Stadt ist
geschichtlich merkwürdig wegen einer protestantischen Kirche, die der
Prager Erzbischof von Prag Lohelius 1616 niederreissen liess. Dadurch
kam der Zündstoff, der sich im religiösen Leben Deutschlands seit der
Reformation aufgehäuft, zum Brennen. Die protest. Landstände Böhmens,
darunter ein Lobkowitz, ein Schick und ein Kinsky, forderten in Prag
Rechenschaft, was bekanntlich Veranlassung ward, zwei Kaiserl. Räthe
aus dem Fenster zu stürzen, worauf der 30-jähr. Krieg entbrannte. Die
Ruinen dieser Kirche, die am Rathhaus stand, sind völlig beseitigt. 60
m über der Stadt liegt der =Königshügel= mit Rest. Herrliche Aussicht
auf den Teplitzer Thalkessel und das Mittelgebirge.
Nach Ossegg führt Eisenbahn; links sitzen. Ununterbrochen schöne
Aussicht. Zu Fuss geht man über =Haan=. Unterwegs ein auffälliger,
sehr grosser Eichbaum.
=Ossegg.= Marktflecken mit 2000 Einw. Kaiser v. Oesterreich. Sonne.
Villencolonie. Der malerische Ort liegt mit seinem grossartigen Kloster
am Fusse des imposanten Strobnitzberges. Das =Kloster= gehört dem
Cisterzienserorden; 1196 unter dem Schutze der Riesenburg gegründet,
ward es in den Hussitenkriegen mehrmals völlig ausgeraubt. Rudolph II.
hob es im 16. Jahrh. ganz auf, doch gelangte es nach Unterdrückung der
Reformation im 17. Jahrh. wieder zu Reichthum und Blüthe. Es leben im
Kloster etwa 20 Mönche. (Schwarz-weisse Ordenstracht.) Der Abt ist auch
Prälat der Sächs. Nonnenklöster Marienthal und Marienstern.
Der =Klostergarten= ist im Versailler Styl mit Schnitthecken,
Orangerien, Treibhäusern und Bassins angelegt. Sehr schöne
Aussichtspunkte von den Galerien. Zutritt frei.
Die =Stiftskirche=, ein Renaissancebau mit sehr reicher Ausstattung.
Grosse herrliche Orgel. Trefflich stylisirter Altar, schön geschnitzte
Chorstühle, reich ornamentirte Leuchter, Gemälde, Stukkaturarbeiten.
Die anstossende Todtenkapelle wird magisch von oben beleuchtet. Der
Kreuzgang, aus den besten Zeiten der Gothik liegt innerhalb der
Clausur und ist daher für Damen nicht zugänglich, dasselbe gilt auch
vom Conventsgebäude mit dem Capitelsaal. Im +Refectorium+ (30 kr.
Trinkgeld) hat man herrliche Aussicht auf das Dux-Teplitzer Thal und
das Mittelgebirge. Kunstvoll geschnitzte Eckschränke, alte Kamine. In
den nahen Gasträumen Bildergalerie, darunter zwei treffliche Portraits
von Ossegger Aebten. Viele Copien von Meisterwerken.
Die =Bibliothek=, über deren Eingang die Worte stehen: »_=Non pro
spectaculo, sed pro usu=_«, enthält seltene Werke und Manuscripte.
Die =Salesiushöhe= 2 km vom Kloster, ist ein zugänglich gemachtes
Gewirr von Felsblöcken mit herrlicher Aussicht auf den Thalkessel
und das Mittelgebirge, doch finden sich gleich schöne Punkte auf den
näheren Bergen im Hintergrunde von Ossegg.
Die =Riesenburg= erhebt sich 3½ km entfernt im Thalzug hinter Ossegg.
Siehe Seite 45.
Die Stadt Dux liegt 4½ km von Ossegg. Die Strasse führt durch die
bekannten inundirten Ossegger Schächte (Dux s. S. 25). Direct nach
Teplitz geht man von Ossegg über das intr. Dorf Janegg (s. S. 25).
Auch führen zwei Bahnlinien dahin. Vom Bahnhof der Dux-Bodenbacher
Bahn (Waldthorbahnhof) hat man freilich noch 3 km nach Teplitz zu
gehen. Teplitz siehe Seite 21.
7. =Dresden-Tharandt= (15 km). =Edle Krone= (4 km). =Höckendorf=
(2½ km). =Beerwalder Mühle= (6½ km). =Frauenstein= (9½ km).
=Georgensdorf= (13 km). =Fley= (7 km). =Langewiese= (5½ km). =Ossegg=
(über Riesenburg 5 km). =Teplitz= (10 km).
Man benutzt am Besten bis Tharandt die Eisenbahn, die sich durch den
industriereichen Plauenschen Grund und später ab Heinsberg durch
ein schönes Waldthal hinzieht.
=Tharandt.= Deutsch. Haus. Erblehngericht. Albertsalon und Bad,
beide innerhalb schöner Gärten. Burgkeller unter der Ruine. 2600
Einw. Tharandt ist ein liebliches kleinstädtisches Idyll an einem
Punkt gelegen, an dem zwei Thäler zusammenstossen. Auf einer
Bergnase, die sich vom Forstgartenberg abhebt, liegt die Ruine
eines alten Jagdschlosses und das anmuthige Kirchlein. Tharandt war
ein Lieblingsaufenthalt Albrecht des Beherzten, dem Erbauer der
Albrechtsburg. 1668 ward das Jagdschloss vom Blitz eingeäschert und
liegt seitdem in Trümmern. Die =Forstakademie=, unter den Ruinen
gelegen, ward 1816 durch Cotta, den berühmten Forstwirth, begründet
(im Durchschnitt 130 Studirende, ⅔ Ausländer). Die Akademie besitzt
fachwissenschaftliche Sammlungen, die auf Ersuchen zugänglich sind. Von
besonderem Interesse sind die Querdurchschnitte zweier Riesenfichten,
aus erzgeb. Forsten herrührend (lagern im Hausflur). Ueber künstliche
Fischzucht wird alljährlich im November von Prof. Krutzsch ein
practischer Cursus unentgeltlich abgehalten. Der =Forstgarten= ist
eine sehr ausgedehnte Pflanzung für Lehrzwecke mit allen Laub- und
Nadelhölzern, die in unseren Gegenden gedeihen. Der =Königsplatz= mit
herrlichen Thalblicken und das =Cottagrab=, beide im Forstgarten,
verdienen besucht zu werden. 80 Eichen symbolisiren die 80 Lebensjahre
Cotta's. Bemerkt sei, dass der Forstgarten nicht immer offen steht.
Einem Schmuckkästchen gleicht das gräfl. Sumynsky'sche Schlösschen mit
einem geschmackvoll angelegten und peinlich gepflegten Garten. Im Bad
jährlich gegen 400 Kurgäste. Oefter Concerte. Starker Fremdenbesuch.
Tharandt mit seinen Buchenbeständen an imposanten Berghängen ist im
Frühjahr und Herbst unvergleichlich schön.
Die =Thalmühle=, 3 km vom Städtchen entfernt, ist eine vielbesuchte
idyllisch-primitive Bauernschenke. Schöne Promenaden führen auch an
beiden Thalhängen abwärts nach Hainsberg. Die =Heiligen Hallen= (ein
schöner Buchenforst) liegen aufwärts nach Edle Krone zu rechts.
Wir wandern nun im schönen Thalzug neben Bahn und Weisseritzfluss
oder durch die Heiligen Hallen aufwärts nach =Edle Krone=.
Bahnstation. Gasthof. Hier wenden wir uns links in das romantische
Höckenbachthal. Inschriften, darunter eine solche an der
sogenannten Wunderbuche folgenden Wortlautes:
Aus der Wunderbuche schallt Vögleins Klage laut erhoben:
Wer hat dich, du schöner Wald, abgeholzt so hoch dort oben?
=Höckendorf.= 1100 Einw. Weckbrods Wein- und Bierschank. Die Kirche
enthält einen geschnitzten Altarschrein, den Kenner künstlerisch sehr
hoch stellen. Zwischen dem alten und dem neuen Friedhof steht eine von
den drei uralten Martersäulen, welche ein Ritter Conrad von Theeler
setzen liess, nachdem er im Zorn seinen Pfarrer erstochen. Höckendorf
trieb früher starken Bergbau, dieser wurde aber am 25. Aug. 1557 durch
einen Wolkenbruch plötzlich vernichtet.
In Höckendorf geht die »Butterstrasse« direct nach der Beerwalder
Mühle ab, doch ist die Strasse, die ihren Namen von den erzgeb.
Buttertransporten nach Dresden erhielt, ohne Specialkarte nicht
zu finden, auch ist der Umweg über Ruppendorf nur unbedeutend. In
=Ruppendorf= steht neben dem Gasthof flach auf einer Wiese eine
Thurmruine, die der Volkssage nach ein Raubschloss war, davon soll
das Dorf (Raubdorf) seinen Namen haben. Hinter Beerwalde senkt
sich die Strasse hinab ins romantische Thal der wilden Weisseritz,
das hier noch gar nicht durch Strassen aufgeschlossen ist und dem
sicher eine touristische Zukunft bevorsteht (=Beerwalder Mühle=
Gasthof). Eine directe Strasse führt aus dem Thal empor nach
Oberröthenbach, eine andere, etwas längere, durchläuft das ganze
Dorf. Der Oberröthenbacher Thurmberg (602 m) bleibt links und bald
zeigt sich in der Ferne die malerische Ruine von Frauenstein.
Vom =Hartmannsdorfer= Gasthof ab führt ein naher Fussweg (3½ km)
nach Frauenstein. Die Strasse berührt =Kleinbobritzsch=, wo der
berühmte Orgelbauer Gottfried Silbermann 1683 geboren wurde. Sein
Geburtshaus schmückt eine Marmortafel. Silbermann erlernte seine
Kunst in Strassburg bei einem Onkel und er brachte sie zu hoher
Vollendung. In Sachsen allein sind über 30 Orgeln von seiner Hand,
die berühmtesten stehen in der kath. Hofkirche zu Dresden und im
Dom zu Freiberg.
=Frauenstein.= Rohland's Gasthaus zum Strauss. Gold. Stern. Gold.
Löwe. Das Parkschlösschen in reizender Lage an der Ruine ist z. Z.
ohne Wirth. 660 m. 1453 Einw. Das freundliche Städtchen wurde nach dem
Brande am 3. Oct. 1869 fast neuerbaut. Die =Frauensteiner Schlossruine=
ist zweifellos die imposanteste Ruine des Erzgebirges auf Sächsischem
Gebiet, sie lehnt sich dicht an das neuere Schloss an und ihre isolirte
Lage wie ihr Umfang machen sie zu einer touristischen Notabilität.
(Man meldet sich beim Schlosshausmann.) Das interessanteste aus ihrer
Geschichte ist eine Belagerung durch Friedrich den Sanftmüthigen, der
Heinrich II. von Plauen seiner böhmischen Sympathien wegen daraus
vertrieb. Das neuere Schloss erbaute ein Heinrich von Schönberg.
Vom Hause Schönberg fiel die Burg mit ausgedehnter Herrschaft 1647
dauernd an das Kurhaus. Den höchsten guterhaltenen Thurm nennt
man die Lärmstange, er wurde im 7jähr. Kriege von den Preussen zu
Lärmsignalen benutzt. Von seinen Zinnen hat man eine grossartige
Rundsicht; sie erstreckt sich gegen Norden bis ins Tiefland, davor
liegen die Thäler der Mulde, Bobritzsch und Weisseritz, sowie der
Tharandter Wald. Gegen Osten tauchen die Berge der Lausitz hinter den
Tafelbergen der Sächs. Schweiz auf, davor liegt die Dresdner Gegend
mit dem Borsberg, weiter herauf zeigen sich die Berge um Altenberg und
näher heran die Massenerhebung der Tellkuppe mit ihrem Schwarzwald.
Im Süden streicht der finster bewaldete Kamm gegen die höchsten
Berge des Gebirges, den Hassberg, Fichtel- und Keilberg hin. Direct
im Süden, der höchste Bergrücken mit einer grossen Waldblösse trägt
das einsame Lichtenwaldsteiner Jagdschloss, seine Gipfel nennen sich
Wieselstein und Schwarzeberg. Im Nordwest schliessen die Augustusburg
und der Rochlitzer Berg den Umschaukreis ab. In der Nähe interessiren
die imposanten Trümmer. Der »dicke Märten«, etwas abgelegen, diente
als Burgverliess, doch ist er keineswegs ein »dicker«, sondern eher
ein schlanker Thurm. An einer Thurmruine sind 4 grosse Steinkugeln
eingemauert, wie sie ehedem zu Vertheidigungszwecken verwendet wurden.
Schöne Anlagen zu Füssen der Burg.
Der =Sandberg= im Süden der Stadt mit Anlagen auf dem Gipfel gewährt
dieselbe Ausschau wie die Lärmstange. Empfehlenswerth ist auch ein
Spaziergang auf der aussichtsreichen Strasse nach Freiberg bis zum
=Buttertöpfchen= und dem =Weissen Stein= (1½ km). Es sind das isolirte
Quarzfelsen von seltsamer Gestaltung.
Die Wanderung geht nun bald durch Thalzüge oder auch über
aussichtsreiche Höhen nach Obernassau, Rechenberg (Liebschers
Gasthaus) und in die Rechenberger Waldregion durch den Fischerwald
nach böhm. =Georgensdorf=. Der sächs. Antheil mit grossem Gasthaus
heisst =Georgenthal= und hat nur 21 Einw. Auf böhm. Seite Lohse's
Gasthaus. Schön an der Flöha im weiten Thalkessel gelegenes Dorf.
Sommerfrische. 600 m. Herrliche Wälder. Bewegtes Terrain.
_+Anmerkung.+ Die Wanderung nach dem +Lichtenwaldsteiner Jagdschloss+
und die unendlich lange Waldschneusse nach dem Wieselstein und der in
der Nähe gelegenen Försterei +Georgenhöhe+ ist landschaftlich nicht
sonderlich lohnend; auch ist der Wieselstein völlig verwachsen, nur
der rechts abgelegene Schwarzeberg hat seine grossartige Aussicht auf
Böhmen noch nicht eingebüsst, doch ist derselbe ohne Führer schwer zu
finden. Das Lichtenwaldsteiner Jagdschloss mit seiner Geweihsammlung
hat in seiner sehr einsamen Lage allerdings touristischen Reiz. Ueber
die Höhe der beiden Gipfel des langen Bergrückens ist etwas Sicheres
nicht zu erfahren gewesen. Georgenhöhe, die Försterei, liegt 871 m
hoch, doch ist auch diese Zahl unter Reserve gegeben. Der Rücken dürfte
930 m nahekommen. Wer diese Partie unternimmt, sorge für Proviant._
Der Tour treu gehen wir im schönen Waldthal an der Flöha aufwärts.
Gleich im Anfang links imposante Felspartien. =Fley= liegt unfern des
Ursprungs der Flöha. Das Kirchdorf scheint seinen Namen dem Fluss
entliehen zu haben. Im Winter Nachm. 3 Uhr Wildfütterung, zu der sich
circa 350 Stück Hochwild einstellen. Die Strasse führt nun durch
einsamen Hochwald nach
=Langenwiese=. Langes Dorf, frei auf dem Kamm gelegen mit einer
herrlichen Aussicht auf Eger- und Bielathal, wie auf das böhm.
Mittelgebirge. Der Wieselstein, wenn ein Aussichtsthurm errichtet
wäre, würde freilich eine volle Rundschau darbieten, er beherrscht die
ganze nördl. Abdachung bis Augustusburg hin und den Kamm des Gebirgs
selbst. Vom Erzgebirge selbst sind die höchsten Erhebungen Keil- und
Fichtelberg sichtbar. In der Ferne taucht das Karlsbader- und dahinter
das fränkische Fichtelgebirge auf. Zu Füssen dominirt besonders das
imposante Schloss Eisenberg.
Auf steilem Pfad steigen wir in das Ossegger Thal, an dessen Gehängen
die Ruinen der Riesenburg sich erheben und an dessen Mündung das stolze
Ossegger Kloster sichtbar wird. Die =Riesenburg=, welche im 14. Jahrh.
von den Hussiten zerstört wurde, ist die Geburtsstätte des Apostels
der Preussen, des hl. Adalbert. Vom Wartthurm herab überaus anmuthige
Thalbilder sowie Fernblicke auf das Mittelgebirge und den Dux-Teplitzer
Thalkessel.
=Ossegg= und weiter nach =Teplitz= siehe Routennetz.
8. =Dresden-Tharandt= (15 km). =Klingenberg= (11 km). =Freiberg=
(14 km).
Man fährt wie bei Tour 7 durch den industriereichen Plauenschen Grund
nach Tharandt. (Siehe Seite 41.) Von hier steigt die Bahn 1 zu 40
an der Weisseritz, später am Serrenbach aufwärts nach Klingenberg
(432 m) und auf die Freiberger Hochebene. Bei Passirung der
Freiberger Mulde links die grossartigen =Muldenhütten=, fiscalische
Silberschmelzwerke. Die hohe Esse auf der Anhöhe ohne Gebäude
daneben ist die Giftesse, welche die Arsendämpfe ableitet. Wer die
Hütten besuchen will, steigt am Besten hier aus und geht dann die
3½ km nach Freiberg zu Fuss. (Muldenhütten siehe Seite 48.)
=Freiberg.= Hotel de Saxe, Hirsch, Stern, Adler, Goldne Pforte, Preuss.
Hof, Stadt Altenburg. Zu besuchtesten Wirthschaften gehört Debus, Otto,
Reichel. Gartenwirthschaften: Schillerschlösschen, Schützengarten,
Union, Feldschlösschen, Tivoli. Bäder: Actienbad, Stadtbad, Hedrichs
Bad. Droschken: Einfache Fahrt 50 Pf.
Freiberg am Münzbach, unfern der Freiberger Mulde, liegt 414 m hoch in
einer Gegend, wo die Bodenplastik des Erzgebirges nicht sehr energisch
ist, doch gehört die Stadt selbst zu den sehenswerthetesten in
deutschen Landen; sie ist das Centrum des erzgeb. Bergbaus, der nicht
nur die starke Besiedlung Sachsens verursacht, sondern den Grundstock
der eminenten Gewerbthätigkeit des ganzen Landes bildet. Freiberg ist
noch heute der Stolz des Sächs. Fürstenhauses, wie der des ganzen
Landes. 25431 Einw.
+Geschichtliches.+ Wenn man den vielen slav. Worten, die noch heut
im Sächs. Bergbau gebräuchlich sind, historische Bedeutung beilegen
darf, so haben die Sorben bereits Bergbau getrieben und wohl auch die
Schätze der Freiberger Gegend, die ja zum Theil von Slaven besiedelt
war, gekannt, doch der Aufschwung, der Betrieb im grossen Styl ist
den germanischen Elementen zu verdanken. Slavische Bezeichnungen sind:
Zscherper, Zeche, Stollen, Schwaden, Rösche, Kux, Kobalt, Flötz, Druse
u. a. m.
Die Sage berichtet, Fuhrleute aus Halle oder Goslar, die Salz und Blei
geladen hatten, fanden im Fahrgleis eine Erzstufe, die sie in Goslar
untersuchen liessen. (Siehe auch Geschichtliches.) Darauf hin seien
denn Harzer Bergleute in Schaaren in das rauhe Waldgebirg gezogen.
Thatsache ist, dass der Freiberger Stadttheil, die Sächsstadt, von
niedersächsischen Bergleuten ihren Namen erhielt. Aber zur Besiedlung
hat wohl ganz Deutschland und vor Allem das nahe Böhmen beigesteuert.
Otto der Reiche, der seinen Beinamen den Freiberger Erzreichthum
verdankt, erhob die Ansiedlung 1175 zu einer Bergstadt mit vielen
Vorrechten, wie auch der Name +Frei+berg darthut. Der Glanz und der
Ruhm der jungen Ansiedlung machte den Hohenstaufenkaiser Heinrich VI.
lüstern auf die Stadt; schwäbisches Kriegsvolk besetzte sie, dieses
wurde aber von der, dem Landesherrn treu ergebenen Bürgerschaft
vertrieben. Dem Kaiser Adolph von Nassau gelang es wirklich, den
Landesfürsten, Friedrich mit der gebissenen Wange, zu vertreiben,
doch nach wenigen Jahren schüttelten die Bürger die kaiserliche
Herrschaft für immer ab. Im Anfang des 16. Jahrh. gelangte Freiberg
auf den Zenith seines Ruhmes, die Stadt zählte damals 70000 Einw.,
war also eine der volkreichsten Städte deutscher Zunge in damaliger
Zeit. Während des 30jähr. Krieges sank sie zu einem Schatten ihrer
ehemaligen Grösse herab. Zwar belagerte Banner und Torstensohn die
Mauern vergeblich, aber die meisten Häuser gingen in Flammen auf, die
Vorstädte lagen verwüstet, die Bergwerke ausgeraubt und verödet oder
gar ersoffen, die Bevölkerung war bis auf 6000 zusammengeschmolzen. Im
7jähr. Kriege wurde das Gemeinwesen, das immer als reich galt, mehrfach
gebrandschatzt und Prinz Heinrich, der Bruder Friedrich II., schlug
eine bedeutende Schlacht bei Freiberg zu Friedrichs Gunsten. Auch in
den Franzosenkriegen litt die Bergstadt durch Einquartirung.
War es früher der Hofhalt der reichen meissnischen Fürsten, der ausser
den metallischen Schätzen, Glanz und Ansehen über die Stadt gebreitet,
so waren es später hochberühmte Männer, die hier gelebt und gewirkt.
Genannt seien Werner, der grosse Geologe, Alexander von Humboldt,
Lampadius, der Erfinder des Leuchtgases, der Geologe Breithaupt,
Silbermann, der Orgelbauer, Theodor Körner als Bergstudent und der
jugendliche Carl Maria von Weber. In den Wissenschaften des Bergbaus
und der Hüttenkunde steht Freibergs Name noch immer obenan, im Bergbau
selber hat es die Priorität an die colossalen Minen Nevadas abtreten
müssen. Der Grubenbau erweist sich zwar ergiebiger denn je, allein es
ist nicht der Erzreichthum die Ursache, es ist das ein Triumph der
Hüttenkunde, die jetzt die ärmsten Erze mit besseren Hilfsmitteln
auszunützen versteht.
Neben dem Bergbau blüht auch eine bedeutende Industrie in Freiberg,
so die Superphosphatfabrikation, die sich auf den Bergbau stützt,
ferner bestehen Cigarrenfabriken, eine grosse Portefeuillefabrik, eine
Flachsspinnerei und eine Goldtressenfabrik, die für die deutsche wie
für fremde Armeen die Tressen liefert.
+Bergmännisches.+ Zur völligen Kenntniss der Bergstadt gehört
eine Einfahrt in einen der Schächte, die zwar nicht mühelos, aber
hochinteressant ist. Erlaubnisskarte auf Himmelfahrt 2 Mk., 2 Personen
3½ Mk. Auch Damen fahren zuweilen an, doch müssen auch sie ein
männliches Berghabit anlegen. Grösste Tiefe 520 m. Man denke ja nicht,
dass man in den engen feuchten Stollen glänzende Silberadern zu sehen
bekommt. Das gediegene Erz ist sehr selten. Auf 200 Ctr. gesprengte
Gangmassen kommt erst 1 Ctr. Erz und dieses führt im Durchschnitt nur 1
bis 2% Silber bei sich. (Die Silberbergwerke sind weit gefahrloser wie
die Kohlenbergwerke.)
Der Bergmannsstand hat durch seine genossenschaftliche Organisation,
seinen conservativen Sinn und seinen Berufsgeist vieles aus alter Zeit
herübergerettet, so dass sich der Bergmann von seinen »überirdischen«
Standesgenossen, den Fabrikarbeitern unterscheidet. Schon seine Sprache
hat Eigenartiges, so sind Kux, Zeche, Zubusse, Wetter, Hund, Teufe etc.
ihm ureigene Begriffe. Als Scheidejunge tritt der jugendliche Bergmann
seinen Beruf an, er sortirt zunächst die ausgebrachten Erze nach ihren
Gehalt, sodann steigt er zum Grubenjungen empor oder vielmehr, er
steigt hinab und vermittelt den Verkehr zwischen den Abbauörtern und
den Förderschächten, indem er die Hunde (Fahrzeuge) mit den Erzen hin-
und hertreibt, oder er räumt Gesteinstrümmer bei Seite. Als Lehrhäuer
hat er sieben lange Jahre zu dienen, ehe er zum Probegeding zugelassen
wird; ist dieses gemacht, dann erst gilt er als ein vollbürtiger
Bergknappe. Eine ähnliche Stufenleiter haben die Zimmerlinge zu
durchlaufen. Obersteiger müssen eine Bergschule absolvirt haben. Die
Kleidung besteht in einem Grubenkittel, einem Bergleder und einem
Berghut ohne Krämpe mit einer Kokarde von gekreuzten Fäusteln gebildet.
Bergaufzüge mit Fackeln und Grubenlichtern sind leider seltener
geworden. Der grösste neuere Bergaufzug dürfte der 1878 zu Dresden
gewesen sein, der zu Ehren der Silbernen Hochzeit des Königspaares
stattfand. Die hohen Bergbeamten tragen glänzende Uniformen. Alt wird
der Bergmann selten, nahe den Fünfzigen siegt er an der sogenannten
Bergkatze, einer Art Schwindsucht dahin, den Hüttenleuten ergehts
fast schlimmer, sie erliegen meist noch früher der Hüttenkatze,
einer ähnlichen Krankheit. Am gefährlichsten ist die Arbeit in den
Arsenhütten. Die Silberbrenner leiden häufig an der Bleikolik. Die
reichste Grube ist gegenwärtig Himmelfahrt, sodann folgt Himmelsfürst.
Neuerdings werden auch von mehreren andern Schächten reiche Anbrüche
gemeldet.
Die =Muldenhütten= (3½ km) an der Mulde sind hochintressant. Eintritt
1 Mk. Die gepochten Erze werden zunächst in Röstöfen geröstet, d.
h. vom Schwefelgehalt befreit, sodann geschmolzen, wobei sich das
Werkblei ausscheidet. Dieses geht nun durch viele Oefen, ehe es zum
Silberbrenner gelangt, der mit Feuer und glühenden Sauerstoffströmen
den Bleigehalt zum Oxidiren zwingt, bis der Rückstand den sogenannten
Silberblick zeigt und damit sich als reines Silber ausweisst. (Näheres
siehe des Verfassers Aufsatz Gartenlaube 1879 No. 34.) Nebenher sind
Bleirohrfabriken, Arsenhütten, Schwefelsäurefabriken, Zinköfen,
Goldscheidewerkstätten zu besichtigen. Auch 2 kleine Platinkessel sind
intressant, sie kosten zusammen 36000 Thlr.
_+Anmerkung.+ Wer die Grabentour machen will, besucht anstatt der
Muldenhütten die am Wege gelegenen Halsbrücker Hütten, die ganz ähnlich
eingerichtet sind._
Die =Bergacademie= geniesst Weltruf. 15 acad. Lehrer unterrichten
gegen 150 Bergstudenten unter denen alle Welttheile vertreten sind.
Grossartige Mineraliensammlung. Fachbibliothek von circa 40000 Bänden.
Alexander von Humboldt und Theodor Körner studirten hier. (Neben
der Bergacademie sei das Gymnasium genannt, das schon seit 4 Jahrh.
besteht und neuerdings in einen stattlichen Neubau übergesiedelt ist.)
=Alterthumsmuseum= im Kaufhaus. Sonn- und Feiertags von früh 11 bis
12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 5 Uhr, 10 Pf. Eintritt, Mittwoch und
Sonnabend Nachmittag 20 Pf. Ausser der Zeit Führung 1 bis 4 Personen 1
Mk. Katalog 20 Pf. 1861 gegründet. Von localem Interesse sind besonders
alte Berggeräthe, die man in verlassenen Bauen aufgefunden. Ferner
kirchliche Alterthümer, Innungsladen, Trinkgefässe etc.
Interessante =Gebäude= sind das alte Rathhaus, in dem auch ein Stück
der Strickleiter aufbewahrt wird, auf welcher Kunz von Kauffungen den
Prinzenraub ausführte, ferner das Kaufhaus, das alte Gymnasium, sonst
Domherrenwohnung, und viele hochgegiebelte alte Bürgerhäuser.
Der =Freiberger Dom= ist weniger berühmt geworden durch seinen
Gesammteindruck, wie durch seine =Goldene Pforte= und seine
=Grabmäler=. 1484 abgebrannt, wurde er bald darauf in spätgoth. Styl
wieder errichtet, doch hat man den kostbarsten Ueberrest von dem alten
romanischen Bau wohlerhalten. Diese goldene Pforte ist von den älteren
Werken der Steinplastik zweifellos das hervorragendste in sächs. Landen
und überhaupt einzig in ihrer Art. Figurenreiche Gruppen, darunter die
Dreieinigkeit, die Anbetung der heil. drei Könige, Madonna, Engel,
Apostel, Abraham, Josua, David, auferstehende Todte etc. beleben das
geniale Bildwerk, dessen Schöpfer eine hohe künstlerische Anmuth bei
reicher Phantasie und strenger Anordnung bekundet. Bemerkenswerth sind
noch der Kreuzgang in edler Gothik. Im Innern des Domes eine ältere
Kanzel, die eine Riesentulpe darstellt; im Kelch befindet sich der
Predigtstuhl. Die zweite Kanzel, gestützt durch zwei bergmännische
Statuen, liess der Freiberger Bürgermeister Schönleben 1638 errichten;
man schätzt sie als eines der besten Werke altdeutscher Renaissance. In
der anstossenden =Begräbnisscapelle= liegen die Fürsten Sachsens von
Heinrich dem Frommen bis auf Johann Georg IV. Das künstl. bedeutendste
Grabmal ist das des Kurfürsten Moritz, der bei Sievershausen gefallen.
Die Zeichnung stammt von zwei Italienern, den Gebrüdern Tola, die
Ausführung in Marmor geschah durch den Antwerpener Bildhauer van Zerun.
Die Orgel zählt zu Silbermanns Meisterwerken. Auf dem eingezogenen
Domkirchhof ist das Grab des grossen Geologen Werner erhalten worden.
=Spaziergänge.= In der Stadt besichtige man den blauen Stein auf
dem Obermarkt, der die Stelle bezeichnet, wo Kunz von Kauffungen,
der Prinzenräuber, seinen Putsch mit dem Leben büsste. An einer
Ecke des Rathhauses ist ein Kreuz von besonders reichen Silbererzen
eingemauert. Ein Rundgang um die in Promenaden verwandelten Ringwälle
ist höchst empfehlenswerth. Wir berühren dabei am Kreuzthor das
=Denkmal= des =Mineralogen Werner=, vor dem Petersthor steht das
renovirte =Schwedendenkmal=. An den Bürgermeister =Horn= erinnert
vor dem Erbischen Thor ein =goth. Brunnen=. Zwischen dem =Schloss
Freudenstein=, wo einst Heinrich der Fromme fröhlichen Hof hielt, und
den idyllischen Kreuzteichen steht das =Kriegerdenkmal= auf einer alten
Schanze.
Wer eine echt bergmännische Landschaft mit Zechenhäusern und
grossen Berghalten sehen will, gehe nach der Sächsstadt und in das
Schachtrevier von Himmelfahrt. Ein Besuch von =Herders Ruhe=, ein
Denkmal unfern der Strasse nach Halsbrücke kann damit verbunden werden.
Schöner Blick auf die alte Bergstadt, der in Deutschland wohl einzig
in seiner Art sein dürfte. Grössere beliebte Spaziergänge sind die
nach =Fernesiehen=, ein Gasthaus an der Chemnitzer Strasse, nach dem
=Rosinenhäuschen= an der Frauensteiner Strasse und nach =Heedens Rest.=
an der Meissner Strasse.
Touren ab Freiberg.
9. =Freiberg-Halsbrücke= (5 km). =Krummhennersdorfer Mühle= (4 km).
=Oberreinsberg= (4 km). =Zollhaus= (1½ km). =Bergwerk Kurprinz= (über
Burkersdorf 4 km). Ueber Altväterwasserleitung nach =Freiberg= (8 km).
Wir wandern, Herders Ruhe und später Tuttendorf zur Rechten,
hinab ins Muldenthal nach =Halsbrücke=. Grossartige fiscalische
Hüttenwerke, Silberschmelzen, ganzähnlich eingerichtet, wie
die Muldenhütten. Führung 1 Mk. Bei Halsbrücke befinden sich
auch grosse Bingen. Die Einbrüche geschahen 1662 und 1691. Das
Muldenthal wieder verlassend, wandern wir über die Höhe, dann
durch =Krummhennersdorf=, wo einst Markgraf Albrecht der Stolze an
Gift starb, hinab nach der stattlichen Mühle an der Bobritzsch.
Dieser Fluss ist der stärkste Nebenfluss der Mulde und hat
prächtige Thalpartien. Bei der Mühle beginnt die =Grabentour=, so
nennt sich der schöne Prommenadenweg im romantischen Thalzug, der
allen Krümmungen des Berggrabens folgt. Hier stossen wir auch auf
Lichtlöcher des =Rothschönberger Stollens=, einer der grössten
Bergstollen. Sein Bau begann 1840, seine Vollendung fällt ins
Jahr 1879. Die Länge beträgt 15 km, erreicht also die des St.
Gotthardtunnels.
Am 6. Lichtloch vorüber, verlässt der Pfad bald das Thalgehäng und
führt nach =Oberreinsberg= hinauf, dessen Schloss mit Kirche schon
lange sichtbar ist. Nun hinab an das =Zollhaus=, ein romantisch
gelegenes Gartenrestaurant unfern des Einflusses der Bobritzsch
in die Mulde (von hier nach Nossen im schönen Thalzug Über die
Steier- und die Beiermühle 6 km. Nossen s. unten.). Der Rückweg
führt uns zunächst nach =Bieberstein=, schöner Schlosspark mit
Ruine der alten Burg Bieberstein. Ueber Burkersdorf und Teichhäuser
gelangen wir wieder hinab ins Muldengebiet und zum =Kurprinzen=,
einem der beliebtesten Ausflugsorte der Freiberger. Im Huthaus
Schenke. Schöne Gartenanlagen vom Oberberghauptmann Frhrn. von
Herder herrührend. Die =Altväterwasserleitung=, die einst einen
Bergwerkscanal über das Muldenthal leitete, liegt etwas abseit
des Weges nach Freiberg. Die ganze Anlage erinnert an römische
Aquaducte und in einiger Entfernung giebt sie ein imposantes, bei
uns seltenes Ruinenbild.