Der Vestibül des Theaters. Auf der einen Seite sieht man die
Treppen, die zu den Logen und Gallerien emporführen; in der Mitte
das Entree zu den Fauteuils und den Balkons, auf der anderen
Seite den Ausgang. Man hört entferntes Applaudieren.
Der Autor des Stücks[3] (tritt hinaus). Ich habe mich herausgewunden wie
aus einem Sumpf. Nun ist er endlich da, der Lärm und der Beifall! Das
ganze Theater dröhnt! Das ist der Ruhm. Gott, wie hätte mein Herz vor
sieben, acht Jahren geklopft! Wie hätte es mich emporgehoben! Aber das
liegt weit hinter mir. Damals war ich jung, kühn -- wie ein Jüngling.
Gepriesen sei das Schicksal, das mich vor frühem Ruhm und Bewunderung
bewahrt hat. Aber jetzt ... Die besonnene Kühle des Alters macht jeden
weise. Endlich wird einem klar, daß der Beifall noch nicht viel bedeutet
und daß er alle zu belohnen bereit ist: ob es ein Schauspieler ist, der
die Geheimnisse der Seele und des menschlichen Herzens kennt, ein
Tänzer, dem es gelungen ist, mit den Füßen künstliche Verschlingungen zu
bilden, ein Gaukler -- alle umtost der Beifall. Ob es der grübelnde
Verstand, das empfindende Herz, die tönende Tiefe der Seele, die
kunstvoll bewegten Füße oder die gewandt mit Gläsern spielenden Hände
sind -- auf sie alle plätschert der Beifall herab. Nein, nicht Beifall
wünsche ich mir jetzt: ich wünschte in allen Logen zu sein, auf den
Balkons, im Parkett, auf den Gallerien -- überall möchte ich sein und
aller Meinungen und Eindrücke hören, solange sie noch keusch und frisch
sind und sich noch nicht der Kritik der Kenner und Journalisten
untergeordnet haben, solange jeder noch unter der Wirkung seines eigenen
Urteils steht. Ich muß es wissen: denn ich bin ein Komödienschreiber.
Alle anderen Werke und Kunstformen stehen unter dem Urteil Weniger, und
nur der Komödienschreiber unterliegt dem Gericht Aller; jeder Zuschauer
hat ein Anrecht auf ihn, und jeder Stand ist über ihn Richter. Oh! Wie
ich wünschte, daß mir jeder Einzelne alle Unzulänglichkeiten und Fehler
sagte! Mag er über mich lachen, mag Mißgunst seine Worte leiten,
Parteilichkeit, Empörung, Haß, alles -- wenn nur die wahre Meinung
gesagt wird. Es ist nicht möglich, daß ein Wort ohne Grund gesprochen
wird, und aus allem kann ein Funke der Wahrheit aufblitzen. Wer es wagt,
andern die lächerlichen Seiten der Welt zu zeigen, muß verständnisvoll
die Hinweise auf seine eigenen Schwächen und Lächerlichkeiten hinnehmen.
Ich will es versuchen, ich bleibe hier im Vorraum, während das Publikum
das Theater verläßt. Es ist unmöglich, daß man nicht über das neue Stück
spricht: die Menschen sind lebhafter unter der Wirkung des ersten
Eindrucks und wollen ihre Meinungen austauschen. (Tritt zur Seite.)
[Fußnote 3: Es versteht sich von selbst, daß der Autor des Stückes eine
ideale Persönlichkeit ist: er verkörpert die Situation des
Komödiendichters in der Gesellschaft, -- des Komikers, der sich die
Verspottung der Mißbräuche in den verschiedenen Ämtern und Ständen zur
Aufgabe gemacht hat.]
Es erscheinen einige gutgekleidete Herrn (der eine spricht zum andern).
Gehen wir lieber gleich, es wird nur noch ein unbedeutendes Vaudeville
gespielt. (Beide entfernen sich.)
(Zwei Elegants von stattlichem Äußeren kommen die Treppe herab.)
Der erste Elegant. Es wäre gut, wenn die Polizei meinen Wagen nicht zu
weit zurückgetrieben hätte. -- Weißt du nicht, wie diese junge
Schauspielerin heißt?
Der andere Elegant. Nein. Aber sie ist nicht übel.
Der erste Elegant. Sicher, nicht übel. Aber es fehlt ihr etwas ... Ich
empfehle dir übrigens ein neues Restaurant, gestern hat man uns frische
grüne Erbsen serviert. (Küßt sich die Fingerspitzen.) Entzückend! (Beide
entfernen sich.)
Ein Offizier (läuft herein, ein anderer hält ihn am Arm fest).
Der andere Offizier. Bleiben wir doch.
Der erste Offizier. Nein, Brüderchen, zum Vaudeville wird mich nichts
verlocken. Ah, wir kennen diese Stücke, die als Nachspeise serviert
werden. Lakaien statt Schauspieler, und die Weiber -- ein Ungetüm über
das andere! (Sie entfernen sich.)
Ein Weltmann (stutzerhaft gekleidet, kommt die Treppe herunter). Ein
Spitzbube, dieser Schneider. Er hat mir die Beinkleider so eng gemacht,
daß ich die ganze Zeit vor Unbequemlichkeit kaum sitzen konnte. Dafür
gedenke ich ihn noch etwas hinzuziehen und ihm die nächsten zwei
Jährchen nichts zu bezahlen. (Er entfernt sich.)
Ein anderer Weltmann (etwas beleibter, er spricht lebhaft zum andern).
Niemals, niemals, glaube es mir, wird er sich mit dir zum Spielen
hinsetzen. Weniger als hundertfünfzig Rubel den Robber spielt er nicht.
Ich weiß es genau, weil mein Schwager Pafnutiew jeden Tag mit ihm
spielt.
Der Autor des Stückes (für sich). Und noch immer kein Wort über die
Komödie!
Ein Beamter (in mittleren Jahren, kommt mit ausgestreckten Händen
heraus). Das ist ja einfach -- weiß der Teufel, was! ... So ein! ... So
ein! ... Das ist doch unerhört! (Er entfernt sich.)
Ein Herr (der sich um die Literatur nur wenig kümmert, wendet sich zu
einem andern). Das ist doch eine Übersetzung, nicht wahr?
Der andere. Aber ich bitte Sie, eine Übersetzung! Das Stück spielt doch
in Rußland, es sind unsere Sitten, sogar unsere Titel.
Der Herr (den die Literatur wenig kümmert). Ich erinnere mich an etwas
Französisches ... wenn es auch nicht ganz in dieser Art war. (Beide
entfernen sich.)
Der eine von zwei Zuschauern (die sich auch hinausbegeben). Jetzt kann
man noch nichts wissen. Warte ab, was die Zeitungen sagen, dann wirst du
es erfahren.
Zwei Pekeschen (die eine zu der andern). Nun, und Sie? Ich möchte Ihre
Meinung über die Komödie hören.
Die andere Pekesche (macht mit den Lippen eine bedeutsame Bewegung).
Gewiß, natürlich, man kann nicht sagen, daß es daran ... fehlte ... sie
ist in ihrer Art ... Natürlich, wer behauptet denn, daß es wiederum
nicht ... und wo ist denn sozusagen ... übrigens aber ... (Drückt wie
zur Bekräftigung die Lippen zusammen.) Ja, ja. (Gehen ab.)
Der Autor (für sich). Nun, diese haben bisher noch nicht viel gesagt.
Übrigens, es wird noch viel herumgestritten werden: Vorne sehe ich
heftig gestikulierende Leute.
Zwei Offiziere.
Der eine. Ich habe noch nie so gelacht.
Der andere. Ich meine: eine ausgezeichnete Komödie.
Der eine. Nun, nun, wir wollen doch abwarten, was die Zeitungen sagen
werden: erst muß sie dem Urteil der Kritik unterzogen werden ... Schau,
schau! (Stößt ihn am Arm.)
Der andere. Was?
Der eine (zeigt mit dem Finger auf einen von zwei die Treppe
herunterkommenden Herren). Ein Literat!
Der andere (eilig). Wer?
Der eine. Dieser da! St! Wir wollen hören, was sie sagen werden.
Der andere. Und wer ist der andere neben ihm?
Der eine. Ich weiß nicht, ein unbekannter Herr. (Beide Offiziere treten
zur Seite, um den Herunterkommenden Platz zu machen.)
Der unbekannte Herr. Ich kann über die literarischen Qualitäten nicht
urteilen: aber mir scheint, sie enthält geistreiche Bemerkungen. Witzig,
witzig!
Der Literat. Aber ich bitte Sie, was ist hier Geistreiches? Was für ein
gewöhnliches Volk hier vorgeführt wird! Und was für ein Ton! Die Späße
sind flach; einfach schmierig!
Der unbekannte Herr. Aha, das ist eine andere Sache. Ich sage eben: in
bezug auf die literarischen Qualitäten habe ich kein Urteil; ich habe
nur bemerkt, daß das Stück komisch ist und unterhält.
Der Literat. Aber es ist auch nicht komisch. Ich bitte Sie, was ist hier
komisch, und worin liegt der Genuß? Das Sujet: unmöglich! Alles Unsinn;
kein Auftakt, keine Handlung, keine Struktur.
Der unbekannte Herr. Nun ja, dagegen sage ich ja gar nichts. In
literarischer Beziehung ist es schon so; in literarischer Beziehung ist
sie nicht komisch, aber vom Standpunkt eines sozusagen Außenstehenden
hat sie ...
Der Literat. Ja, was hat sie? Ich bitte Sie, sie hat auch das nicht! Was
für eine Konversation! Wer spricht so in der besseren Gesellschaft? Nun
sagen Sie doch selbst, sprechen wir so miteinander?
Der unbekannte Herr. Das ist allerdings wahr. Das haben Sie sehr fein
bemerkt. Darüber habe ich eben auch selbst nachgedacht: in der
Konversation ist keine Vornehmheit. Es scheint, daß alle Personen ihre
niedrige Natur nicht verbergen können -- das ist wahr.
Der Literat. Nun -- und Sie loben noch!
Der unbekannte Herr. Wer lobt? Ich lobe doch nicht! Ich sehe es jetzt
selbst ein, daß das ganze Stück Unsinn ist. Aber mit einemmal kann man
das doch nicht einsehen, in literarischer Beziehung habe ich kein
Urteil. (Beide entfernen sich.)
Ein anderer Literat (kommt mit zwei Zuschauern, mit denen er unter
heftigen Gestikulationen spricht). Glauben Sie mir, ich kenne die Sache
schon. Ein abscheuliches Stück! Ein schmutziges, ein schmutziges Stück!
Kein einziger wirklicher Mensch, lauter Karikaturen! In der Natur gibt
es so etwas nicht, glauben Sie mir, ich weiß das besser: ich bin selbst
Schriftsteller. Man behauptet, es enthält Frische, Beobachtung ... aber
das ist ja alles Unsinn! Das sind alles Freunde, Freunde, die es loben
-- alles Freunde! Ich habe schon gehört, man hat ihn neben die Von
Wisins gestellt, und das Stück ist einfach nicht wert, eine Komödie zu
heißen. Eine Farce, nichts als eine Farce, und keine gelungene Farce.
Der schlechteste, leerste Schwank von Kotzebue ist im Vergleich mit ihr
-- ein Montblanc gegen einen Pulkowoberg. Ich werde Ihnen das alles
beweisen, mathematisch beweisen -- wie, daß zweimalzwei gleich vier ist.
Die Freunde und Kameraden haben ihn so über alle Maßen gelobt, daß er
wohl nun selbst glaubt, daß ihm nicht mehr viel zum Shakespeare fehlt.
Bei uns übertreiben ja die Freunde immer. Zum Beispiel auch Puschkin!
Warum spricht jetzt ganz Rußland von ihm? -- Alles nur die Freunde: sie
haben geschrien und geschrien, und nach ihnen hat auch ganz Rußland zu
schreien begonnen. (Entfernt sich mit den Zuschauern.)
Die beiden Offiziere (treten hervor und nehmen ihre vorigen Plätze ein).
Der erste. Das ist richtig, vollständig richtig: nichts als eine Farce;
ich habe es schon früher gesagt, eine dumme Farce, die nur durch die
Freunde gehalten wird. Ich muß gestehen, manches war geradezu ekelhaft
anzuschauen.
Der andere. Aber du sagtest doch, daß du nie so gelacht hättest!
Der erste. Ah, das ist wieder eine andere Sache. Du verstehst mich
nicht, man muß dir das auseinandersetzen. Was ist denn das für ein
Stück? Erstens keine Exposition, auch keine Handlung, absolut keine
Kombinationen; lauter Unmöglichkeiten -- und dazu lauter Karikaturen ...
Zwei andere im Hintergrunde.
Der eine (zum andern). Wer kritisiert da? Scheinbar einer von den
Unseren.
Der andere (schaut dem Sprechenden von der Seite ins Gesicht und macht
eine Handbewegung).
Der erste. Was? Ist er dumm?
Der andere. Nein, das nicht. Verstand hat er schon -- doch erst nach dem
Erscheinen der Zeitschrift, allein verspätet sie sich -- ist so nichts
in seinem Kopfe. Aber gehen wir doch. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Kunstliebhaber.)
Der erste. Ich gehöre durchaus nicht zu denen, die immer nur zu Worten
greifen, wie schmutzig, ekelhaft, schlechter Ton und ähnliches. Das ist
doch eine fast bewiesene Sache, daß solche Worte meist aus dem Munde
solcher kommen, deren Ton selbst zweifelhaft ist; sie sprechen vom Salon
und werden nur im Vorzimmer empfangen. Aber von denen ist ja nicht die
Rede. Ich spreche davon, daß das Stück keine Exposition hat.
Der andere. Ja, wenn man die Exposition in dem Sinne nimmt, wie sie
gewöhnlich genommen wird, d. h. im Sinne einer Liebesintrige, so ist sie
wirklich nicht vorhanden. Aber es scheint mir, daß es Zeit ist, mit der
ewigen Berufung auf diese Exposition aufzuhören. Man muß nur scharf um
sich blicken. Alles hat sich in der Welt längst geändert. Jetzt wird ein
Drama durch das Bestreben der Helden exponiert, sich eine vorteilhafte
Stellung zu erobern, zu glänzen, einen andern um jeden Preis in den
Schatten zu stellen, Rache für eine Mißachtung, für eine Verhöhnung zu
nehmen. Elektrisiert ein Amt, ein Kapital, eine vorteilhafte Heirat
nicht mehr als die Liebe?
Der erste. Das ist ja alles sehr gut; aber auch unter diesem
Gesichtspunkt finde ich keine Exposition in dem Stücke.
Der andere. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob es in diesem Stück eine
Exposition gibt oder nicht. Ich will nur sagen, daß man jetzt nur auf
Einzelheiten achtet und die allgemeine Exposition überhaupt nicht sieht.
Die Menschen sind einfach an diese unvermeidlichen Liebespaare gewöhnt,
ohne deren Heirat kein Stück schließen kann. Gewiß ist auch das eine
Exposition: aber was für eine! Ein Knoten im Zipfel eines Taschentuchs.
Nein, eine Komödie muß sich selbst knüpfen -- und zwar mit ihrer ganzen
Masse, zu einem großen allgemeinen Knoten. Diese Exposition muß alle
Personen umfassen, nicht nur eine oder zwei; muß berühren, was alle
handelnden Personen mehr oder weniger tief ergreift. Hier ist jeder der
Held: der Fluß, der Gang des Stückes bewirkt eine Erschütterung der
ganzen Maschinerie. Kein einziges Rad darf stehen bleiben, als wäre es
verrostet oder gehörte nicht zur Sache.
Der erste. Aber es kann doch nicht jeder der Held sein. Einer oder zwei
müssen doch die andern leiten.
Der andere. Doch nicht leiten, sondern hervorragen. Auch in der Maschine
bewegen sich bestimmte Räder bemerkbarer und stärker. Und man kann sie
höchstens die Haupträder nennen; aber gelenkt wird das Stück durch eine
Idee, durch einen Gedanken: ohne sie gibt es keine Einheit. Und
exponieren kann alles: selbst das Entsetzen, die Angst der Erwartung,
das ferne Gewitter des herannahenden Gesetzes ...
Der erste. Aber das heißt schon, der Komödie eine allgemeine Bedeutung
zu geben.
Der andere. Ja ist denn das nicht ihre wahre und wirkliche Bedeutung?
Schon von Beginn an war die Komödie eine öffentliche Angelegenheit des
Volkes. Zumindest stellte sie sich so bei ihrem Vater Aristophanes dar.
Später wurde sie in den Engpaß privater Beziehungen gedrängt, das Auf
und Ab der Liebe wurde hineingetragen, immer dieselbe unvermeidliche
Exposition. Und wie schwach ist sie deshalb selbst bei den besten
Komödiendichtern! Wie nichtig sind diese Theaterliebhaber mit ihrer
papierenen Liebe!
Ein dritter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du
hast unrecht. Die Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefühl Ingredienz
einer Komödie sein.
Der andere. Ich sage ja auch gar nicht, daß sie es nicht sein kann. Aber
die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefühle, nur dann einen erhebenden
Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man
einmal begonnen, sie darzustellen, muß man alles andere aufopfern;
alles, was eben den Charakter der Komödie ausmacht, verblaßt dann, und
die Bedeutung der Komödie als Angelegenheit der Gesellschaft
verschwindet.
Der dritte. Also muß der Gegenstand der Komödie unbedingt etwas
Niedriges sein? Die Komödie ist also immer ein untergeordnetes Genre?
Der andere. Für den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu
begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative
nicht der gleichen Absicht dienen? Können die Komödie und die Tragödie
nicht den gleichen hohen Gedanken ausdrücken? Die seelischen
Schwingungen eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die gröbsten wie
die feinsten, -- zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften
Mannes? Verraten denn nicht die Anhäufung von Niedrigkeiten, von
Verletzungen der Gesetze und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz,
Pflicht und Gerechtigkeit von uns fordert? In den Händen eines
geschickten Arztes heilen das heiße wie das kalte Wasser mit gleichem
Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand des Talents kann alles ein
Mittel des Schönen werden, wenn es nur durch die hohe Absicht, dem
Schönen zu dienen, geleitet wird.
Ein vierter (tritt hinzu). Was kann dem Schönen dienen und worüber
streitet ihr?
Der erste. Der Streit entstand bei uns über die Komödie. Wir sprechen
allgemein von der Komödie, über die neue Komödie hat noch keiner ein
Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?
Der vierte. Ich möchte folgendes bemerken: man spürt das Talent,
Beobachtung des Lebens, viel Lächerliches, Richtiges, der Natur
Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stück fehlt etwas. Man sieht
weder eine Intrige noch eine Auflösung. Es ist doch merkwürdig, daß alle
unsere Komödiendichter nicht ohne die Regierung auskommen können. Ohne
sie schließt bei ihnen keine Komödie.
Der dritte. Das ist wahr. Aber übrigens, es ist andererseits sehr
natürlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja
fast alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger
mit der Regierung verknüpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich
das in den Schöpfungen unserer Dichter spiegelt.
Der vierte. Richtig. Mag diese Beziehung auch spürbar sein, so ist es
doch lächerlich, daß ein Stück keinesfalls ohne die Regierung auskommen
kann. Sie muß unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in
den Tragödien der Alten.
Der andere. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkürliches bei
unseren Komödiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches
Merkmal unserer Komödie. Unsere Seele enthält irgendeinen geheimen
Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott
gebe, daß die Regierung immer und überall von ihrer Bestimmung, die
Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hören bekommt. Und daß
wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, daß das Verbrechen
vom Schicksal ereilt wird.
Der fünfte. Guten Abend, meine Herren. Ich höre nur immer das eine Wort
»Regierung«. Die Komödie hat Lärm und Streit entfesselt ...
Der zweite. Wollen wir diesen Zank und Lärm nicht lieber bei mir
austragen, als in diesem Theatervorraum. (Sie entfernen sich.)
(Einige würdige und anständig gekleidete Herren erscheinen einer
nach dem andern.)
Erster Herr. So, so, ich sehe: es ist wahr, es gibt so etwas bei uns,
aber es kommt auch anderswo vor, und noch Schlimmeres; aber zu welchem
Zwecke, wozu so etwas darstellen? -- Das ist die Frage. Warum diese
Vorstellungen? Was für einen Nutzen bringen sie? -- Erklären Sie mir
das! Was nützt es mir, zu wissen, daß es da und dort Schelme gibt? Ich
... ich verstehe einfach die Notwendigkeit solcher Vorführungen nicht.
(Er entfernt sich.)
Zweiter Herr. Nein, das ist doch keine Verhöhnung der Laster, das ist
doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. -- Das ist die Sache. Das
heißt, die Regierung selbst in ein schlechtes Licht stellen, denn
schlechte Beamte und Übergriffe, die in allen Ständen vorkommen,
bloßstellen, bedeutet die Regierung selbst kompromittieren. Man sollte
solche Vorstellungen nicht erlauben. (Er entfernt sich.)
(Herr A. und Herr B. treten ein, Männer von nicht geringem Rang.)
Herr A. Ich spreche nicht davon; im Gegenteil, Mißbräuche muß man uns
zeigen; das ist notwendig, daß wir unsere Vergehen sehen; und ich teile
nicht im geringsten die Meinung vieler allzu stark erregter Patrioten;
aber mich dünkt, daß hier zu viel Trauriges vorkommt ...
Herr B. Ich wünschte sehr, daß Sie die Meinung eines sehr bescheiden
angezogenen Herrn gehört hätten, der neben mir im Sessel saß ... Ach, da
ist er ja selbst.
Herr A. Wer?
Herr B. Eben dieser sehr bescheiden angezogene Herr. (Wendet sich zu
ihm.) Wir haben unser Gespräch nicht beendet, dessen Anfang mir sehr
interessant war.
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Auch ich muß gestehen, daß ich sehr
froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu können. Ich habe soeben
allerlei Diskussionen gehört, zum Beispiel: daß das alles nicht wahr
sei, daß es eine Verhöhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und
daß das alles gar nicht vorgeführt werden dürfe. Das zwang mich, das
ganze Stück noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu überschauen.
Und ich muß gestehen, daß mir der Gehalt der Komödie noch bedeutender
erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am stärksten und tiefsten
die Heuchelei, die wohlanständige Maske, unter der Niedrigkeit und
Schurkerei erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem Äußeren eines
ehrbaren Mannes verbirgt. Ich muß gestehen, ich empfand Freude, als ich
sah, wie lächerlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen,
und wie ungeheuer lächerlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese
von ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die
behaupten, daß man so etwas nicht auf der Bühne vorführen sollte! Ich
vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr
gemacht hatte: »Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, daß bei uns
solche Übergriffe vorkommen?«
Herr A. Ich muß gestehen, entschuldigen Sie, daß mir selbst auch diese
Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles
sieht?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Was das Volk sagen wird? (Geht zur
Seite, zwei Männer in Armjaks gehen vorüber.)
Der blaue Armjak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie
erblaßten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Das wird das Volk sagen! Haben Sie
gehört?
Herr A. Was?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Es wird sagen: »Frech waren die
Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann!« Haben
Sie gehört, wie sicher der Instinkt und das Gefühl des Menschen sind?
Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von Theorien und
Gedanken verschleiert ist, die aus Büchern herausgezupft sind; sondern
alles aus der menschlichen Natur schöpft? Ist es denn nicht ganz
offensichtlich, daß nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben an
die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Aufführungen! Es soll die
Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen,
daß die Übergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von
denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenüber
keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, daß sie edel
denkt, daß sie mit wachem Auge alle gleich behütet, daß sie früher oder
später die Verräter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der
Menschheit herausfinden wird, daß die, die kein reines Gewissen haben,
vor ihr erblassen werden. Ja, es muß diese Vorstellungen sehen; glauben
Sie mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und
Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getröstet, mit einem festen
Glauben an das stets wache höhere Gesetz aus dieser Vorstellung
hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: »Das Volk wird
eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen.« Das heißt, man
glaubt, daß das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten
kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fuß
auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins
Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hält unser Volk
wirklich für dümmer als einen Klotz -- für so dumm, daß es nicht
imstande ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei
gefüllt ist. Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, daß auf der Bühne
kein einziger ehrlicher Mensch vorgeführt wurde. Der Mensch ist so
eitel: zeige ihm unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute,
und er wird stolz aus dem Theater gehen. Nein, es ist gut, daß nur
Ausnahmefälle und lasterhafte Menschen dargestellt sind, die so in die
Augen fallen, daß man nicht ihr Mitbürger zu sein wünscht, daß man sich
zu gestehen schämt, daß es so etwas überhaupt gibt.
Herr A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau
solche?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen darauf
folgendes zu antworten: ich weiß nicht, warum ich jedesmal traurig
werde, wenn ich eine solche Frage höre. Ich kann offen mit Ihnen
sprechen, in Ihren Zügen sehe ich etwas, das mich zur Aufrichtigkeit
auffordert. Der Mensch stellt zu allererst diese Frage: »Gibt es denn
wirklich solche Menschen?« Aber hat man je gehört, daß einer diese Frage
gestellt hätte: »Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?«
Niemals, niemals! Noch eins -- ich will ja offen mit Ihnen reden. -- Ich
habe ein gutes Herz und viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie
wüßten, wieviel seelische Anstrengungen und Erschütterungen es mich
gekostet hat, um nicht in viele Laster zu verfallen, in die man
unwillkürlich gerät, wenn man mit den Menschen zusammenlebt! Und wie
kann ich jetzt sagen, daß in mir selbst, in diesem Augenblick, sich
nicht die gleichen Neigungen regen, über die alle vor zehn Minuten
gelacht haben, über die ich selbst gelacht habe?
Herr A. (nach kurzem Schweigen). Ich muß gestehen, Ihre Worte zwingen
mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir vorstelle,
wie stolz uns unsere europäische Erziehung gemacht hat, wie sie uns
überhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmütig und mit welcher
Verachtung wir auf jene sehen, die diesen äußeren Schliff nicht
empfangen haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und
von dem Schlechten immer in dritter Person spricht -- ich muß gestehen,
dann wird mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine
Unbescheidenheit -- Sie sind übrigens selbst schuld daran -- darf ich
wissen, mit wem ich das Vergnügen zu sprechen habe?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Ich bin nicht mehr und nicht
weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren
Träger in der Komödie vorgeführt werden; und ich bin erst vorgestern aus
meinem Städtchen hier angekommen.
Herr B. Das hätte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach alledem
nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu leben?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Peinlich? Darauf möchte ich Ihnen
folgendes antworten: ich gestehe, daß ich oft die Geduld verloren habe.
In unserem Städtchen gehören nicht alle Beamten zu dem ehrlichen
Dutzend, oft muß man die Wände hinaufklettern, um eine gute Tat
durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber
jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fühle ich eine Frische und zugleich
neue Kraft, um meine Tätigkeit fortzusetzen. Mich tröstet schon der
Gedanke, daß die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar
gefördert wird. Daß sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom
Lachen getroffen wird; daß es eine Feder gibt, die es nicht unterläßt,
unsere niedrigen Taten bloßzustellen, wenn dies auch unserem nationalen
Stolze nicht schmeichelt, und daß es bei uns eine gute Regierung gibt,
die es gestattet, dies all denen vor Augen zu führen, für die es
bestimmt ist; und schon das allein gibt mir den Mut, meinen
nutzbringenden Dienst fortzusetzen.
Herr A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich bekleide
ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft edeldenkende und
ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in der Sie ein
weites Feld für Ihre Tätigkeit finden werden, die Ihnen unvergleichlich
mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren Stelle stehen
werden.
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem
Herzen und ganzer Seele für Ihr Anerbieten zu danken. Und erlauben Sie
mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fühle, daß ich in meiner Stellung
nützlich sein kann, wäre es dann anständig von mir, sie zu verlassen?
Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest überzeugt bin, daß
nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein Schreckensregiment
beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung gedacht haben, so
gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie alle andern dem
Dichter des Stückes applaudiert, aber ich habe ihn nicht hervorgerufen.
Was für eine Belohnung käme ihm zu? Wem das Stück gefällt, der mag es
loben, aber er -- er hat nur seine Pflicht erfüllt. Wir sind wahrhaftig
so weit gekommen, daß einer sich nicht nur um einer Heldentat willen,
sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht
schadet, für einen Gott weiß wie edlen Menschen hält, und ernsthaft
beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafür belohnt.
»Aber ich bitte,« schreit er, »ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher
Mensch, ich habe kaum eine Niederträchtigkeit begangen, -- warum gibt
man mir kein Amt, keine Orden?« Ich dagegen denke so: wer nicht ohne
Aufmunterung anständig sein kann -- an dessen Anstand glaube ich nicht;
sein Krämeranstand ist keinen Heller wert!
Herr A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nähere Bekanntschaft nicht
versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst, daß
sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre
Adresse.
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Hier ist meine Adresse. Aber seien
Sie überzeugt, ich werde nicht zulassen, daß Sie von ihr Gebrauch
machen, und schon morgen früh werde ich selbst bei Ihnen vorsprechen.
Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der großen Welt erzogen und kann
nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese großmütige
Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe,
daß jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich
eilig.)
Herr A. (dreht die Visitkarte in den Händen herum). Ich blicke auf diese
Karte und den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie
sich dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflüchtigt hat!
Gott behüte dich, mein Rußland, das wir noch so wenig kennen! In der
fernsten Provinz, in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle
verborgen und sicher ist sie nicht die einzige. Sie sind wie die Körner
einer Goldader, versprengt in den finstern Tiefen deines Granits. Es
liegt ein Gefühl tiefen Trostes in einer solchen Erscheinung, und es
wurde hell in meiner Seele nach der Begegnung mit diesem Beamten, wie es
in seiner eignen Seele hell wurde nach der Aufführung dieser Komödie.
Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen, daß Sie mir diese Begegnung verschafft
haben. (Entfernt sich.)
Herr W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen?
Ich glaube, er ist Minister, nicht wahr?
Herr P. (kommt von der anderen Seite). Hör doch Bruder, was ist das
eigentlich für eine Geschichte? ...
Herr B. Was?
Herr P. Wie kann man so etwas aufführen?!
Herr B. Warum denn nicht?
Herr P. Aber ich bitte, urteile doch selbst. Was ist denn das
eigentlich? Nichts als Laster und Laster; was für ein Beispiel sollen
sich die Zuschauer daran nehmen?
Herr B. Ja, wird denn das Laster verherrlicht? Es wird doch dem Spott
preisgegeben.
Herr P. Na Bruder, was du auch sagen magst: die Achtung ... aber dadurch
geht doch die Achtung vor Amt und Beamten verloren.
Herr B. Nicht vor Amt und Beamten geht die Achtung verloren, sondern vor
denen, die ihre Pflichten schlecht erfüllen.
Herr W. Gestatten Sie mir jedoch, zu bemerken: das alles ist immerhin
eine Beleidigung, die mehr oder weniger alle trifft.
Herr P. Sehr richtig. Das wollte ich ihm schon selbst sagen. Das ist
eine Beleidigung, die alle trifft. Jetzt führt man uns zum Beispiel
einen Titularrat vor, und nächstens ... äh ... wird man uns noch am Ende
... äh ... einen wirklichen Staatsrat vorführen.
Herr B. Nun und was wäre dabei? Die Persönlichkeit darf nicht angetastet
werden; aber wenn ich mir eine Figur erdenke und sie mit den Lastern
versehe, die unter uns Menschen vorkommen, und wenn ich ihr einen Rang
gebe, der mir geeignet erscheint, wenn es auch der eines wirklichen
Staatsrats ist, und wenn ich sage, daß dieser wirkliche Staatsrat nicht
so ist, wie er sein sollte: was ist dabei? Kommen denn solche Patrone
unter wirklichen Staatsräten nicht vor?
Herr P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein
solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ...
Nein, du gehst schon zu weit.
Herr W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht auch
das Gute, das, was der Nacheiferung würdig ist?
Herr B. Warum? Eine merkwürdige Frage: Warum? So kann man oftmals
»Warum« fragen. Warum führte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem
liederlichen Leben zu entreißen, ohne viele Worte und Moralpredigten in
ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens
in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?
Herr W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heißt doch
gewissermaßen Krankheiten der Gesellschaft entblößen, die man verhüllen,
und nicht noch aufzeigen sollte!
Herr P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns
muß man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.
Herr B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen hätte, würde ich
sagen, daß nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie
diktiert habe. Nach Ihrer Meinung muß man die gesellschaftlichen
Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhüllen, nur äußerlich heilen,
sie sollen nur vorläufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die
Krankheit fortwüten -- das macht nichts. Es macht nichts, daß sie
ausbricht und sich in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung
mehr fähig sind. Das macht nichts. Sie wollen nicht wissen, daß wir ohne
ein tiefes herzliches Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer
Sünden, ohne sie in unsern eigenen Augen zu übertreiben, nicht die Kraft
haben, uns über sie zu erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit
unserer Seele über die Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie
wollen es nicht wissen! Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend
durch das Leben wandeln, soll er nie erschüttert werden, nie aus
tiefster Seele weinen, soll er seine Seele so einschläfern, daß nichts
mehr ihn aufrütteln kann! Nein ... verzeihen Sie mir! Wer so spricht,
dessen Lippen werden von kaltem Egoismus bewegt und nicht von heiliger,
reiner Liebe zur Menschheit. (Er entfernt sich.)
Herr P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? -- Nun wie gefällt
er dir? Was er nicht alles erzählt hat! Wie?
Herr W. (schweigt).
Herr P. (fortfahrend). Er mag reden was er will -- aber das sind doch
immerhin unsere Wunden.
Herr W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen »Wunden« hat! Jetzt
wird er sie jedem vorsetzen, der ihm über den Weg läuft!
Herr P. Ich könnte vielleicht auch eine ganze Menge darüber sagen: aber
was würde das beweisen? ... Ah da ist ja Fürst N. Höre Fürst, lauf nicht
davon.
Fürst N. Was gibts?
Herr P. Nun, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Na, wie ist das
Stück?
Fürst N. Recht komisch.
Herr P. Sag doch bitte: wie kann man das nur aufführen! Wie ist das blos
möglich?
Fürst N. Warum soll man es nicht aufführen?
Herr P. Urteile doch selbst, das geht doch nicht: Plötzlich steht ein
Schurke auf der Bühne -- das sind doch unsere Wunden!
Fürst N. Was für Wunden?
Herr P. Das sind doch unsere Wunden! Sozusagen unsere gesellschaftlichen
Wunden.
Fürst N. (ärgerlich). Ich schenke sie dir! Mögen es meinetwegen deine
Wunden sein, aber nicht meine! Warum schiebst du sie mir zu? Ich muß
nach Hause. (Entfernt sich.)
Herr P. (fortfahrend). Und weiter: was für Unsinn hat er hier
zusammengeredet? Er sagte, ein wirklicher Staatsrat kann ein Schelm
sein. Wenn es noch ein Titularrat wäre ... das wäre noch möglich ...
Herr W. Aber wollen wir doch gehen. Genug von dem Gerede; ich denke,
alle Vorübergehenden haben schon erfahren, daß Sie ein wirklicher
Staatsrat sind. (Beiseite.) Es gibt Menschen, die die Kunst besitzen,
alles in den Schmutz zu ziehen. Wenn sie deinen eigenen Gedanken
wiederholen, wissen sie ihn so banal zu machen, daß man rot wird. Wenn
du eine Dummheit gesagt hast, die vielleicht noch durchschlüpfen könnte,
so findet sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in Umlauf
bringt und sie noch dümmer macht, als sie ist. Es ist wirklich ärgerlich
-- wie wenn man in den Dreck gestoßen wird! (Sie entfernen sich.)
(Ein Militär und ein Zivilist treten zusammen auf.)
Der Zivilist. So seid ihr Herren vom Militär! Ihr sagt: »Das muß man auf
die Bühne bringen«, ihr seid bereit, euch über einen Zivilbeamten lustig
zu machen; aber greift man irgendwie das Militär an, sagt man nur, daß
in dem und dem Regiment einige Offiziere -- von lasterhaften Neigungen
ganz zu schweigen -- sich zum Beispiel schlecht benehmen, schlechte
Manieren haben -- so seid ihr gleich bereit, mit einer Klage zum
Reichsrat zu laufen.
Der Militär. Nein hören Sie: für wen halten Sie mich? Gewiß, es gibt
auch unter uns solche Don Quijotes, aber glauben Sie mir, es gibt auch
viele wahrhaft vernünftige Männer, die froh sein würden, wenn man die,
die ihren Beruf schänden, dem allgemeinen Spott ausliefern würde. Ja, wo
ist denn hier eine Beleidigung? Geben Sie uns nur mehr davon! Wir sind
bereit, jeden Tag zuzuschauen.
Der Zivilist. So sind die Menschen, immer schreien sie: »Gib uns, gib
uns«. Aber wenn du es tust, sind sie empört. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Pekeschen.)
Die erste Pekesche. Man nehme zum Beispiel die Franzosen; aber bei ihnen
ist das alles sehr nett. Erinnerst du dich unter anderem des gestrigen
Vaudeville: sie entkleidet sich, legt sich ins Bett, nimmt die
Salatschüssel vom Tisch und stellt sie unter das Bett. Das ist natürlich
indezent, aber allerliebst. Das alles kann man sich ansehen, das
verletzt nicht ... Meine Frau und meine Kinder gehen jeden Tag ins
Theater. Aber hier -- was ist das nun? Irgend ein Lump, ein Bauer, den
ich nicht in mein Vorzimmer hineingelassen hätte, macht sichs mit seinen
Stiefeln bequem, gähnt und stochert sich in den Zähnen -- wirklich, was
soll das bedeuten? Wie sieht das aus?
Die zweite Pekesche. Bei den Franzosen ist das eine andere Sache! Dort
machts die _societé, mon cher_! Bei uns ist so etwas unmöglich. Bei uns
sind die Autoren ohne jede Bildung: zum größten Teil sind es alles
Zöglinge eines Seminars. Sie neigen zum Wein, zur Ausschweifung. Auch zu
meinem Lakei kam immer so ein Autor: wo soll der also eine Vorstellung
von der guten Gesellschaft hernehmen? (Sie entfernen sich.)
Eine Weltdame (in Begleitung zweier Herren, der eine trägt einen Frack
und der andere eine Uniform): Was für Menschen, was für Personen hier
vorgeführt werden! Nicht einer, der einigermaßen anziehend ist ... Warum
schreibt man bei uns nicht so, wie die Franzosen schreiben, zum Beispiel
Dumas und ähnliche. Ich verlange keine Muster von Tugend; zeigt mir eine
Frau, die irrt, die ihren Mann betrügt, die sich zum Beispiel einer
lasterhaften und verbotenen Liebe hingibt -- aber stellt es mir so
hinreißend dar, daß ich mit ihr mitfühle, daß ich sie lieb gewinne ...
Hier dagegen ist eine Person immer ekelhafter als die andere.
Der Herr in Uniform. Ja, so trivial, so trivial.
Die Weltdame. Sagen Sie: warum ist bei uns in Rußland alles noch so
trivial?
Der Herr im Frack. Mein Herz, du wirst mir nachher erzählen, warum alles
so trivial ist. Man ruft unsern Wagen auf. (Sie entfernen sich.)
(Drei Herren treten auf.)
Der erste. Warum soll man denn nicht ein wenig lachen? Man darf doch
noch lachen: aber ist das ein Gegenstand für den Spott -- Mißbräuche und
Laster! Was gibt es da zu spotten?
Der zweite. Über was soll man denn sonst lachen? Etwa über die Tugenden,
über die Vorzüge eines Menschen?
Der erste. Nein; das ist doch kein Gegenstand für eine Komödie, mein
Lieber! Das soll sozusagen auch die Regierung treffen. Gibt es denn
keine anderen Gegenstände, worüber man schreiben kann?
Der zweite. Was wären das für andere Gegenstände?
Der erste. Nun, gibt es denn so wenig komische gesellschaftliche
Ereignisse? Nehmen wir zum Beispiel an: ich will zu einem Gartenfest auf
die Apothekerinsel fahren, und der Kutscher würde mich plötzlich auf der
Wyborgskaja oder bei dem Smolnikloster absetzen. Gibt es denn nicht
genug solcher komischer Situationen?
Der zweite. Das heißt: Sie wollen der Komödie jede ernste Bedeutung
nehmen. Aber warum solche absolute Gesetze aufstellen? Komödien in der
Art, wie Sie es wünschen, gibt es ja in Unzahl. Warum soll es nicht zwei
oder drei wie die eben gespielte geben dürfen? Wenn Ihnen solche
Komödien gefallen, wie die, von denen Sie soeben sprachen, so brauchen
Sie nur ins Theater zu gehen: dort können Sie täglich ein Stück sehen,
wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der andere ihn am Bein
hervorzieht.
Der dritte. Nein, nein, bitte, so ist es denn doch nicht. Alles hat
seine Grenzen, es gibt Dinge, über die man sozusagen nicht spotten darf,
die schon gewissermaßen etwas Heiliges sind.
Der zweite (für sich mit einem bitteren Lächeln): So ists immer auf der
Welt. Lacht man über das wahrhaft Edele, über das, was das große
Heiligtum unserer Seele ausmacht, so wird keiner dafür eintreten; lacht
man aber über das Laster, über das Gemeine und Niedrige -- dann schreien
alle: »Er verspottet unsere Heiligtümer!«
Der erste. Na, nun sehen Sie's; wie ich merke, sind Sie jetzt überzeugt:
Sie sagen kein Wort. Glauben Sie mir, man muß überzeugt sein: das ist
das Wahre. Ich selbst bin ein unparteiischer Mensch und ich will nicht
sagen, daß ... aber das ist einfach keine Angelegenheit für einen Autor,
kein Gegenstand für eine Komödie. (Sie entfernen sich.)
Der zweite (für sich). Ich gestehe, ich möchte um keinen Preis an Stelle
des Autors sein. Allen soll man's recht machen! Wählt man ein
unbedeutendes gesellschaftliches Ereignis, so schreien alle: »Er
schreibt Unsinn! Das hat doch keinen tiefen moralischen Zweck;« wählt
man aber einen Gegenstand, der irgendeinen sittlichen Kern enthält, so
sagen sie: »Das ist nicht seine Sache, er soll spaßige Sachen
schreiben!« (Er entfernt sich.)
(Eine junge Weltdame in Begleitung ihres Mannes.)
Der Mann. Unser Wagen kann nicht weit sein, wir können gleich fahren.
Herr N. (tritt zu der Dame heran). Was sehe ich! Sie sind hergekommen,
um sich ein russisches Stück anzusehen!
Die junge Dame. Was ist dabei? Habe ich denn gar keinen Patriotismus?
Herr N. Nun, wenn es so wäre: so werden Sie mit Ihrem Patriotismus doch
nicht allzusehr auf ihre Kosten gekommen sein. Sie schimpfen doch wohl
auf das Stück?
Die junge Dame. Gar nicht. Ich finde, daß vieles darin ungemein richtig
ist: ich habe von Herzen gelacht.
Herr N. Warum haben Sie denn gelacht? Vielleicht weil Sie gern über
alles Russische lachen?
Die junge Dame. Nein, nur darum, weil es einfach komisch war. Weil hier
jene Niedertracht, jene Gemeinheit öffentlich entlarvt wurde, die immer
die gleiche Gemeinheit und Niedertracht bleibt, welches Gewand sie auch
anlegen mag, und ob sie sich in einer Kreisstadt oder hier, mitten unter
uns abspielt: deshalb habe ich gelacht.
Herr N. Mir sagte eben eine sehr gescheite Dame, daß sie auch gelacht
hat, aber bei alledem hat das Stück auf sie einen sehr traurigen
Eindruck gemacht.
Die junge Dame. Ich mag nicht wissen, was Ihre gescheite Dame empfunden
hat, aber ich habe keine so empfindlichen Nerven, und ich lache immer
gern über das, was in seinem Kern komisch ist. Ich weiß, daß es unter
uns auch Leute gibt, die im Herzen über die schiefe Nase eines Menschen
lachen können, aber den Mut nicht aufbringen, über die häßliche Seele
eines Menschen zu lachen.
(In der Entfernung erscheint noch eine junge Dame mit ihrem
Mann.)
Herr N. Ah da kommt Ihre Freundin. Ich möchte ihre Meinung über die
Komödie hören. (Die Damen reichen sich die Hände.)
Die erste Dame. Ich sah von weitem, wie du lachtest.
Die zweite Dame. Ja, wer hat denn nicht gelacht? Alle haben doch
gelacht.
Herr N. Und hatten Sie denn gar kein trauriges Gefühl dabei?
Die zweite Dame. Ich gestehe, mir war wirklich traurig zu Mut. Ich weiß,
daß das alles sehr wahr ist; ich habe viel Ähnliches gesehen, und es hat
mich immer traurig gestimmt.
Herr N. Also hat Ihnen die Komödie nicht gefallen?
Die zweite Dame. Aber erlauben Sie, wer sagt denn das? Ich habe Ihnen
doch schon gesagt, daß ich von ganzem Herzen gelacht habe und sogar mehr
als alle andern; ich glaube sogar, daß man mich für eine Wahnsinnige
gehalten hat ... Aber ich wurde deshalb traurig, weil ich den Wunsch
hatte, wenigstens auf einem guten Gesicht ausruhen zu können. Diese
Masse, diese Überfülle des Gemeinen ...
Herr N. Sprechen Sie! Sprechen Sie!
Die zweite Dame. Hören Sie: empfehlen Sie dem Autor, daß er wenigstens
_einen_ anständigen Menschen hineinbringt. Sagen Sie ihm, daß man ihn
darum bittet, daß es wirklich gut wäre.
Der Mann der ersten Dame. Gerade dies sollten Sie ihm nicht empfehlen!
Die Damen wollen unbedingt einen Ritter sehen, der bei jeder Gelegenheit
von Edelmut spricht, und sei es auch in den banalsten Phrasen.
Die zweite Dame. Durchaus nicht. Wie wenig Sie uns kennen! Gerade Ihnen
ist dies eigentümlich! Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von
Hochherzigkeit und Edelmut. Ich habe einmal das Urteil eines von den
Euren gehört: ein Dickwanst schrie so, daß er, wie ich glaube, die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte -- das alles sei Verleumdung,
solche Gemeinheiten und Schurkereien kämen bei uns nie vor. Und wer
sagte das? -- Der allerniedrigste und gemeinste Mensch, der stets bereit
war, seine Seele, sein Gewissen und alles, was Sie wollen, zu verkaufen.
Ich will ihn nur nicht beim Namen nennen.
Herr N. Aber sagen Sie es doch: Wer war es?
Die zweite Dame. Warum wollen Sie es wissen? Er war es ja nicht allein;
ich hörte, wie man um uns herum unaufhörlich schrie: »Das ist eine
widerwärtige Verhöhnung Rußlands, eine Verhöhnung der Regierung! Wie
kann man nur so etwas zulassen? Was wird das Volk dazu sagen?« Und
_warum_ haben sie so geschrieen? Etwa, weil sie wirklich so dachten und
fühlten? -- Oh nein, verzeihen Sie. Nur darum, um Lärm zu machen, damit
man das Stück verbietet, oder vielleicht, weil sie etwas in ihm gefunden
hatten, das sie an sich selbst erinnerte. So sind Ihre wahren Ritter,
und -- nicht die Theaterhelden!
Der Mann der ersten Dame. O bei Ihnen regt sich schon etwas wie eine
kleine Empörung!
Die zweite Dame. Empörung -- jawohl Empörung. Ja, ich bin empört, sehr
empört. Man kann doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht, wie die
Gemeinheit unter allen möglichen Masken auftritt.
Der Mann der ersten Dame. Nun ja: Sie möchten, daß sofort irgendein
Ritter hervortritt, über einen Abgrund springt und sich das Genick
bricht ...
Die zweite Dame. O nein, verzeihen Sie.
Der Mann der ersten Dame. Natürlich: was verlangt denn eine Frau? -- Sie
verlangt unbedingt, daß sich im Leben irgendein Roman abspielt.
Die zweite Dame. Nein, nein, nein! Ich könnte es zweihundertmal
wiederholen: nein! Das ist eine ganz alte, banale Vorstellung, die Sie
uns immer wieder aufdrängen wollen. Die Frau hat mehr wahrhaften
Edelmut, als der Mann, die Frau ist nicht imstande, sie ist unfähig,
alle jene Niedrigkeiten und Schurkereien zu begehen, die ihr Männer euch
leistet. Die Frau kann nicht heucheln, wo ihr heuchelt, sie kann nicht
durch die Finger sehen, wo ihr es tut, wo es sich um solche Gemeinheiten
handelt! Sie ist anständig genug, um dies alles auszusprechen, ohne sich
erst überall umzuschauen, ob es den Leuten auch gefällt -- denn das muß
ausgesprochen werden. Was gemein ist -- ist gemein, da hilft kein
Vertuschen und kein Beschönigen. Es bleibt eine Gemeinheit, eine
Gemeinheit, eine Gemeinheit!
Der Mann der ersten Dame. Ich glaube, jetzt sind Sie wahrhaftig allen
Ernstes böse.
Die zweite Dame. Weil ich offen bin und es nicht ertragen kann, wenn man
die Unwahrheit spricht.
Der Mann der ersten Dame. Nun, nun, seien Sie nicht böse und geben Sie
mir Ihr Händchen. Ich scherzte ja nur.
Die zweite Dame. Hier haben Sie meine Hand -- ich bin ja gar nicht böse.
(Sie wendet sich an Herrn N.) Hören Sie: bitte raten Sie doch dem Autor,
daß er einen edlen und ehrlichen Menschen in die Komödie hineinbringt.
Herr N. Ja aber wie soll man das machen? Wie, wenn er nun einen
ehrlichen Menschen hineinbrächte und dieser ehrliche Mensch ein
Theaterheld würde?
Die zweite Dame. O nein, wenn er wirklich stark und tief empfindet, so
wird sein Held kein Theaterritter werden.
Herr N. Aber ich glaube, das ist nicht so leicht zu machen.
Die zweite Dame. Sagen Sie doch einfach, daß Ihr Autor keine starken und
tiefen Seelenregungen hat.
Herr N. Aber warum nur?
Die zweite Dame. Nun, wer unaufhörlich und immerfort lacht, der kann
doch keine allzu hohen Gefühle haben: unmöglich kann ihm bekannt sein,
was nur ein zartes Herz empfindet.
Herr N. Das ist ausgezeichnet! Also nach Ihnen kann der Verfasser kein
edler Mensch sein?
Die zweite Dame. Sehen Sie! Sie legen es gleich ganz anders aus. Ich
habe doch kein Wort davon gesagt, daß ein Komödiendichter nicht edel
sein und keinen strengen Begriff von der Ehre im vollen Sinn dieses
Wortes haben kann. Ich sage nur, daß er nicht imstande ist ... eine von
Herzen kommende Träne zu vergießen und etwas aus ganzer Kraft, aus
tiefster Seele zu lieben.
Der Mann der zweiten Dame. Aber wie kannst du das nur so positiv
behaupten?
Die zweite Dame. Ich kann es, weil ich es weiß. Alle Menschen, die immer
nur lachten, oder Spötter waren, besaßen eine große Eigenliebe und waren
fast alle Egoisten; vornehme und edle Egoisten natürlich -- aber immer
doch Egoisten.
Herr N. Also Sie geben unbedingt jener Art von Werken den Vorzug, in
denen nur die hohen Regungen der Menschen vorkommen.
Die zweite Dame. Aber natürlich! Ich werde sie immer höher stellen, und
ich muß gestehen, ich habe mehr inneres Vertrauen zu einem solchen
Autor.
Der Mann der ersten Dame (wendet sich an Herrn N.). Nun, du siehst doch,
es kommt auf das gleiche hinaus -- so ist der Geschmack der Frauen. In
ihren Augen steht die banalste Tragödie höher als die allerbeste
Komödie. Schon allein, weil es eine Tragödie ist ...
Die zweite Dame. Schweigen Sie, sonst werde ich wieder böse. (Wendet
sich an Herrn N.) Nun sagen Sie, habe ich denn nicht die Wahrheit
gesagt: ein Komödienschreiber muß doch unbedingt eine kalte Seele haben?
Der Mann der zweiten Dame. Oder eine glühende, denn ein reizbares
Temperament fordert doch auch zum Spott und zur Satire heraus.
Die zweite Dame. Oder eine leicht erregbare Seele. Aber was bedeutet
das? -- Das bedeutet, daß der Anlaß zu diesen Werken immer nur Galle,
Verbitterung, Empörung ist, wenn auch eine in jeder Hinsicht gerechte
Empörung. Aber es fehlt das, was erkennen läßt, daß das Werk aus einer
hohen Liebe zur Menschheit ... kurz aus Liebe geboren ward. Nicht wahr?
Herr N. Sehr richtig.
Die zweite Dame. Und nun sagen Sie: hat der Autor der Komödie
Ähnlichkeit mit diesem Porträt?
Herr N. Wie soll ich Ihnen sagen? Ich kenne ihn nicht so gut, um über
seine Seele urteilen zu können. Aber wenn ich überlege, was ich alles
von ihm gehört habe, so muß er entweder ein Egoist oder ein sehr
reizbarer Mensch sein.
Die zweite Dame. Nun sehen Sie, ich wußte es doch ganz genau.
Die erste Dame. Ich weiß nicht warum -- aber ich möchte nicht, daß er
ein Egoist wäre.
Der Mann der ersten Dame. Ah, da kommt unser Lakai, unser Wagen ist also
vorgefahren. Leben Sie wohl. (Drückt der zweiten Dame die Hand.) Sie
kommen doch zu uns, nicht wahr? Wir wollen doch bei uns zu Hause Tee
trinken?
Die erste Dame (im Weggehen). Gern.
Die zweite Dame. Unbedingt.
Der Mann der zweiten Dame. Ich glaube, unser Wagen ist auch vorgefahren.
(Folgen ihnen.)
(Zwei Zuschauer treten herein.)
Der erste. Erklären Sie mir nur das eine: wenn man jeden Akt, jede
Person, jeden Charakter einzeln betrachtet, warum sieht man dann, daß
alles wahr, alles lebendig und der Natur entnommen ist, und doch
erscheint es im ganzen als etwas Ungeheuerliches, Übertriebenes, als
eine Karikatur, so daß man sich nach Verlassen des Theaters
unwillkürlich fragt: existieren denn wirklich solche Menschen? Und dabei
sind es doch nicht eigentlich Verbrecher!
Der zweite. Nicht im geringsten -- es sind durchaus keine Verbrecher!
Sie sind einfach das, was das Sprichwort so ausdrückt: Kein böser Sinn,
ein Schelm schlechthin.
Der erste. Und dann noch eins: diese ungeheure Anhäufung, dieses Übermaß
-- ist das nicht schon ein Fehler einer Komödie? Sagen Sie mir, wo gibt
es eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Menschen besteht, wo --
wenn nicht die Hälfte -- so doch mindestens nicht ein kleiner Bruchteil
anständige Menschen sind. Wenn eine Komödie ein Bild, ein Spiegel
unseres sozialen Lebens sein soll, so muß dieses sich in voller
Deutlichkeit spiegeln.
Der zweite. Erstens ist meiner Meinung nach diese Komödie kein Bild,
sondern eher noch eine Frontispice. Sie sehen, Szene und Schauplatz sind
imaginär. Sonst hätte der Autor wohl keine Fehler und keine
offensichtlichen Anachronismen begangen und nicht manche Personen solche
Worte sagen lassen, die weder ihrem Charakter noch der Stellung, die sie
einnehmen, entsprechen. Nur die erste Gereiztheit hat das für eine
persönliche Anspielung nehmen können, worin auch nicht einmal ein
Schatten von Persönlichem liegt und was mehr oder weniger allen Menschen
eigen ist. Das ist vielmehr ein großer Sammelpunkt: von überall her, aus
allen Winkeln Rußlands sind hier alle Abnormitäten, alle Mißbräuche und
Verirrungen zusammengeströmt, um einer Idee zu dienen und dem Zuschauer
eine lebhafte edle Abscheu vor vielem Häßlichen und Niedrigen
einzuflößen. Der Eindruck wird aber immer größer, weil keine der
dargestellten Personen alles Menschliche verloren hat: überall klingt
dies Menschliche hindurch. Dadurch wird die seelische Erschütterung noch
tiefer, und wenn der Zuschauer lacht, wendet er sich unwillkürlich um,
wie wenn er fühlte, daß ihm das ganz nahe ist, worüber er lachte, und
daß er jeden Augenblick darüber wachen muß, daß es nicht in seine eigene
Seele hinüberfließe. Am amüsantesten mußte wohl folgender Vorwurf für
den Autor sein, wie ich glaube. »Warum sind seine Personen und Helden
nicht sympathisch?« während er doch alles getan hat, um sie recht
abstoßend zu machen. Und wenn auch nur _ein_ anständiger Mensch in die
Komödie hineingebracht worden wäre, mit der ganzen Anziehungskraft, die
von einem solchen ausgeht, so hätten sich alle, bis auf den Letzten, auf
die Seite des anständigen Menschen gestellt und die ganz und gar
vergessen, vor denen sie jetzt so erschrocken sind. Diese Gestalten
würden uns vielleicht nach der Vorstellung nicht so verfolgen, wie wenn
sie lebendig wären; der Zuschauer nähme kein schmerzliches Gefühl aus
dem Stück mit und würde sich nicht fragen: »Existieren denn wirklich
solche Menschen?«
Der erste. Gewiß. Aber das wird man doch nicht gleich begreifen.
Der zweite. Sehr natürlich. Der innere Sinn der Sache wird immer erst
nachher verstanden. Und je lebhafter, je deutlicher die Gestalten sind,
in denen er sich verkörpert und auf die er sich verteilt, um so mehr
bleibt die allgemeine Aufmerksamkeit an diesen Gestalten haften. Nur
wenn man sie zusammenaddiert, erhält man die Summe und den Sinn einer
solchen Schöpfung. Aber solche Zeichen schnell zergliedern und addieren,
sie sogleich auf den ersten Blick lesen -- das kann nicht jeder; und bis
dahin wird man immer nur Zeichen sehen. Und ich sage es Ihnen im Voraus,
Sie werden es noch erleben: vor allem wird jedes Kreisstädtchen in
Rußland in Empörung geraten und behaupten, daß das eine böse Satire,
eine platte und gemeine Erdichtung ist, die sich offen gegen dies
Städtchen richtet. (Sie entfernen sich.)
Ein Beamter. Das ist nichts wie eine platte gemeine Erdichtung! Das ist
eine Satire! Ein Pasquill!
Ein anderer Beamter. Jetzt ist also gar nichts mehr übriggeblieben. Man
braucht keine Gesetze, man braucht auch dem Staate nicht zu dienen.
Diese Uniform, die ich trage, -- muß ich also fortwerfen: sie ist jetzt
nicht mehr als ein Lappen.
(Zwei junge Menschen laufen herein.)
Der eine. Jetzt sind alle zornig. Ich habe schon so viel reden hören,
daß ich schon, wenn ich einen bloß ansehe, erraten kann, was er über das
Stück denkt.
Der andere. Nun, und was denkt dieser da?
Der erste. Der grade in die Ärmel seines Mantels fährt?
Der andere. Ja.
Der erste. Der denkt folgendes: »Für so eine Komödie solltest du mir
nach Nertschinsk! ...« Aber ich glaube, die Galerie kommt schon
herunter. Das Vaudeville scheint schon aus zu sein. Gleich wird der
Strom der kleinen Leute hereinbrechen. Wir wollen gehen. (Beide
entfernen sich.)
(Der Lärm wird stärker; man hört und sieht die Menschen alle
Treppen herunterlaufen. Es kommen: Bauernröcke, Pelzjacken,
Hauben, lange deutsche Kaufmanns-Kaftans, Dreimaster und
Federbüsche, Mäntel aller Arten: Friesmäntel, Militäruniformen,
abgetragene und stutzerhafte mit Biberkragen. Die Menge stößt den
Herrn, der in die Ärmel des Mantels fährt, weg; der Herr tritt
zur Seite und fährt dort fort, den Mantel anzuziehen. In der
Menge werden Herren und Beamte aller Art sichtbar. Lakaien in
Livree bahnen den gnädigen Frauen den Weg.)
Man hört eine kreischende Frauenstimme: Herrgott, man erdrückt mich ja
ganz von allen Seiten.
Ein geschmeidiger junger Beamter (läuft an den Herrn heran, der den
Mantel anzieht). Erlauben Exzellenz, daß ich Ihnen den Mantel halte.
Der Herr im Mantel. Ah, guten Tag! Du hier? Du bist wohl hergekommen, um
das Stück zu sehen?
Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz, es ist sehr gut und mit viel Witz
beobachtet!
Der Herr im Mantel. Ach Unsinn! Da gibts gar nichts Witziges!
Der junge Beamte. Sehr richtig, Exzellenz! Absolut nichts!
Der Herr im Mantel. Für solche Sachen verdient man, ausgepeitscht und
nicht noch gelobt zu werden.
Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz.
Der Herr im Mantel. Daß man die jungen Leute nur ins Theater läßt! Die
werden dort viel Nützliches lernen! Auch du: jetzt wirst du wohl in die
Kanzlei kommen und gleich mit Grobheiten beginnen?
Der junge Beamte. Wie könnte ich nur, Exzellenz! ... Gestatten Sie, daß
ich Ihnen den Weg freimache. (Zu der Menge, während er ein paar Leute
fortstößt.) He, ihr da, macht Platz! Ein General kommt! (Tritt mit
übertriebener Höflichkeit an zwei stutzerhaft gekleidete Herren heran.)
Meine Herren, tuen Sie mir den Gefallen, lassen Sie den General durch!
(Die gutgekleideten Herren treten zur Seite und geben den Weg frei.)
Der erste. Weißt du, was das für ein General ist? Es muß wohl eine
bekannte Größe sein?
Der zweite. Ich weiß nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.
Ein redseliger Beamter (mischt sich von hinten in das Gespräch). Ein
ganz einfacher Staatsrat vierter Klasse. So ein Glück! Nach
fünfzehnjährigem Dienst hat er schon den Wladimir-, den Anna- und
Stanislaworden, dreitausend Rubel Gehalt, und außerdem zweitausend
Zuschuß und dazu noch Zulagen vom Rat, von der Kommission und vom
Departement.
Die gutgekleideten Herren (einer zum andern). Gehen wir. (Sie entfernen
sich.)
Der redselige Herr. Das sind wohl verwöhnte Muttersöhnchen. Dienen
wahrscheinlich im auswärtigen Amt. Ich habe die Komödien nicht gern;
meinem Geschmack entspricht mehr die Tragödie. (Geht ab.)
Eine Stimme aus der Menge. Wieviel Volk hier zusammengeströmt ist!
Ein Offizier (drängt sich mit einer Dame am Arm durch die Menge). He,
ihr Langbärte da, drängt doch nicht so. Siehst du denn nicht -- das ist
eine Dame!
Ein Kaufmann (mit einer Dame am Arm). Wir haben doch auch eine Dame bei
uns, Väterchen.
Eine Stimme aus der Menge. Jetzt hat sie sich umgesehen, siehst du,
siehst du? Sie ist jetzt häßlicher geworden -- aber vor drei Jahren ...
Verschiedene Stimmen. Hörst du, dreißig Kopeken habe ich von ihm
zurückbekommen. -- Ein schurkisches, schlechtes Stück! -- Ein amüsantes
Stück. -- Was drängst du dich mir bis an die Gurgel ran?
Eine Stimme vom äußersten Ende. Das ist alles Unsinn! Wo hätte sich so
ein Ereignis abspielen können? So etwas könnte höchstens noch auf der
Tschukotzki-Insel geschehen.
Eine Stimme vom anderen Ende. Nun, ganz so eine Sache ist unserer Stadt
passiert. Ich glaubte schon, der Autor habe -- wenn er nicht selbst dort
gewesen ist -- doch zum mindesten davon gehört.
Die Stimme des Kaufmanns. Es ist -- sehen Sie wohl -- sozusagen mehr von
der moralischen Seite gesehen. Gewiß, es gibt sozusagen sehr
verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, daß
auch ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von
wegen der Moral -- so kommt das auch bei den Adligen vor.
Die Stimme eines Mäzens. Wahrscheinlich ist er eine Kanaille, ein Schuft
-- dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er weiß alles!
Die Stimme eines brummigen, aber offenbar erfahrenen Beamten. Was weiß
er denn? Den Teufel weiß er! Und schwindeln tut er, schwindeln: alles,
was er da geschrieben hat -- alles ist gelogen! Man nimmt auch die
Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf ankommt ...
Die Stimme eines andern Beamten aus der Menge. Ach was sagen Sie:
»Lächerlich, ganz lächerlich!« Wissen Sie auch warum das lächerlich ist?
Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nämlich alle seine
Großmütter und Tanten dargestellt. Das ist das Lächerliche daran!
Eine unbekannte Stimme. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!
(Zwei Offiziere, die sich erkennen, begrüßen einander über die
Menschen hinweg.)
Der erste. Michèl, gehst du hin?
Der zweite. Jawohl.
Der erste. Nun, ich bin auch dort.
Ein Beamter von bedeutendem Äußern. Ich würde alles verbieten. Nichts
braucht man zu drucken. Genieße die Errungenschaften der Bildung, lies
-- aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bücher -- wir brauchen keine
mehr!
Eine Stimme aus dem Volke. Nun wenn er ein Schurke ist -- so ist er eben
ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht über dich lachen.
Ein hübscher und wohlbeleibter Herr (spricht hitzig zu einem
unansehnlichen kleinen Herrn). Die Sittlichkeit leidet darunter, die
Sittlichkeit leidet darunter -- das ist das Wesentliche.
Ein kleiner, unansehnlicher Herr von boshaftem Charakter. Aber die
Sittlichkeit ist doch etwas Relatives.
Der schöne und beleibte Herr. Was verstehen Sie unter dem Wort
»relativ«?
Der unansehnliche kleine Herr von boshaftem Charakter. Das, daß jeder
die Sittlichkeit mit seinem eigenen Maßstabe mißt. Der eine nennt es
sittlich, wenn man den Hut vor ihm auf der Straße lüftet. Der andere
nennt das Sittlichkeit, daß man durch die Finger sieht, wenn er stiehlt;
der dritte nennt die Dienste sittlich, die man seiner Geliebten erweist.
Wie sagt doch jeder von uns gewöhnlich zu seinen Untergebenen? -- Er
erklärt von oben herab: »Mein Herr, geben Sie sich Mühe, Ihre Pflicht
gegen Gott, Kaiser und Vaterland zu erfüllen,« worauf das aber zu
beziehen ist -- das kannst du dir selbst zurechtlegen. Allerdings ist
das nur noch in der Provinz üblich, in der Residenz passiert so etwas
nicht mehr, nicht wahr? Wenn sich hier jemand in drei Jahren zwei Häuser
anschafft -- wie hängt das zusammen? Doch nur mit der Ehrlichkeit; nicht
wahr?
Der hübsche beleibte Herr (beiseite). Der ist bös wie der Teufel und hat
eine Zunge wie eine Schlange!
Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stößt einen ihm gänzlich
unbekannten Herrn am Arm und spricht zu ihm, indem er auf den hübschen
Herrn hinweist). Vier Häuser in einer Straße; alle nebeneinander, die
sind in sechs Jahren aus der Erde gewachsen! Wie wirkt die Ehrlichkeit
auf die Vegetation, was?
Der Unbekannte (entfernt sich eilig). Verzeihen Sie, ich habe nicht ganz
verstanden ...
Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stößt einen unbekannten
Nachbar am Arm). Wie sich heutzutage die Taubheit in der Stadt
verbreitet hat, was? Das macht alles das ungesunde und feuchte Klima!
Der unbekannte Nachbar. Ja, und die Grippe. Bei mir waren sämtliche
Kinder krank.
Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter. Ja, die Grippe, die
Taubheit und der Ziegenpeter im Halse. (Verliert sich in der Menge.)
(Eine Unterhaltung in einer abseits stehenden Gruppe.)
Der erste. Man behauptet, daß mit dem Autor selbst eine ähnliche
Geschichte passiert ist; er soll schuldenhalber in einem Städtchen im
Gefängnis gesessen haben.
Ein Herr auf der anderen Seite der Gruppe (fällt ihm ins Wort). Nein,
nicht im Gefängnis, sondern auf einem Turm. Vorüberfahrende haben es
gesehen. Man sagt, es sei etwas Außerordentliches gewesen. Denken Sie
sich, ein Dichter auf einem fabelhaft hohen Turm, ringsherum Berge, in
einer entzückenden Lage und von dort herab rezitiert er seine Gedichte.
Nicht wahr, darin offenbart sich doch ein ganz besonderer Zug des
Dichters?
Ein positiv gesinnter Herr. Der Autor muß ein gescheiter Mensch sein.
Ein negativ gesinnter Herr. Aber nicht im geringsten. Ich weiß, er hat
gedient, und man hat ihn fortgejagt: er war nicht einmal imstande, ein
Gesuch abzufassen.
Ein ganz gewöhnlicher Lügner. Ein kecker, ein schlauer Kopf! Man wollte
ihm lange keine Anstellung geben -- und was glauben Sie? Er schrieb ganz
einfach einen Brief an den Minister. Und wie der geschrieben war! -- In
Quintilianischem Stil. Schon allein der Anfang: »Sehr geehrter Herr!«
Und so ging es weiter, weiter und weiter ... so an die acht Seiten
heruntergehauen! Als der Minister das las, sagte er: »nun, ich danke,
ich danke! Ich sehe, du hast viel Feinde. Du sollst Chef der Abteilung
werden.« Und so hat er sich gleich von einem gewöhnlichen Schreiber zum
Abteilungschef aufgeschwungen.
Ein Herr mit gutmütigem Charakter (wendet sich zu einem anderen
kaltblütigen Herrn). Der Teufel weiß, wem man da glauben soll! Im
Gefängnis hat er gesessen und auf den Turm ist er geklettert! Aus dem
Dienst hat man ihn gejagt und eine Anstellung hat er bekommen.
Ein kaltblütiger Herr. Das sind ja alles Improvisationen.
Der gutmütige Herr. Wieso -- Improvisationen?
Der kaltblütige Herr. Ganz einfach ... Zwei Minuten vorher wissen sie ja
selbst nicht, was sie von sich hören werden. Ein Zungenschlag -- und
plötzlich platzen sie, ohne daß sie selbst etwas davon wissen, mit einer
Neuigkeit heraus, sind zufrieden, -- und kehren nach Haus zurück, als ob
sie sich satt gegessen hätten. Am andern Tag aber ist alles vergessen,
was sie selbst sich ausgedacht hatten. Es scheint ihnen, als ob sie es
von andern Leuten gehört hätten, und dann gehen sie los und erzählen es
in der ganzen Stadt herum.
Der gutmütige Herr. Aber das ist gewissenlos: lügen und es selbst nicht
fühlen.
Der kaltblütige Herr. Oh, es gibt auch empfindliche Leute. Es gibt
solche, die fühlen, daß sie lügen, aber sie halten es in der
Unterhaltung für etwas Notwendiges: Wie das Korn auf dem Felde das Auge
entzückt, so eine Lüge die Rede erst schmückt.
Eine gutsituierte Dame. Aber was für ein boshafter Spötter dieser Autor
sein muß! Ich gestehe, daß ich ihm um keinen Preis unter die Augen
kommen möchte: er würde sofort etwas Komisches an mir entdecken.
Ein Mann von Gewicht. Ich weiß nicht, was für ein Mann das ist. Das ist
... das ist ... das ist ... Für diesen Menschen gibt es nichts Heiliges:
heut sagt er: der Rat Soundso ist kein guter Beamter, und morgen wird er
erklären, daß es keinen Gott gibt. Bis dahin ist nur ein Schritt.
Ein zweiter Herr. Verspotten! Aber mit dem Lachen darf man nicht spaßen!
Das heißt doch jede Achtung zerstören -- ja das heißt es!! Danach kann
ja jeder kommen und mir auf der Straße einen Schlag versetzen und sagen:
»Man lacht doch über euch; du bekleidest doch dasselbe Amt, da hast du
eine Ohrfeige!« Jawohl, das bedeutet es.
Ein dritter Herr. Natürlich! Das ist eine ernste Sache. Man sagt: »so
eine Kleinigkeit, so eine Bagatelle: eine Theatervorstellung!« Nein, das
ist gar keine solche Kleinigkeit. Darauf muß man ernstlich achtgeben!
Für solche Sachen kommt man nach Sibirien. Wenn ich die Macht hätte --
würde der Autor nicht zu mucksen wagen! Ich würde ihn an einen solchen
Ort bringen lassen, wo kein Lichtstrahl hineinfällt.
(Es erscheint eine Gruppe von Menschen, von Gott weiß welcher
Art, übrigens aber von vornehmem Äußeren und gutgekleidet.)
Der erste. Bleiben wir lieber hier stehen, bis die Menge sich verlaufen
hat. Nein, was soll das wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen,
als ob das Gott weiß was wäre! So eine Kleinigkeit, irgendein
bedeutungsloses Theaterstück -- und so einen Alarm zu schlagen!
Schreien, den Autor hervorrufen -- was soll das wirklich!
Der zweite. Immerhin war das Stück amüsant und unterhaltend.
Der erste. Nun ja, amüsant, so wie uns gewöhnlich jede Bagatelle
amüsiert. Aber warum dieser Lärm, diese Diskussionen? Man streitet
darüber wie über eine wichtige Sache, man applaudiert ... was soll das
bedeuten! Schön, ich verstehe, wenn es sich noch um eine Sängerin oder
Tänzerin handelte -- das verstände ich noch: da bewundert man doch
wenigstens die Kunst, die Geschmeidigkeit, die Geschicklichkeit, das
natürliche Talent. Aber hier? Man schreit: »ein Literat, ein Literat,
ein Schriftsteller«! Ja, was ist denn ein Schriftsteller? Weil ihm
manchmal ein witziges Wort einfällt, oder weil er die Natur abschreibt
... Ist denn das so schwer? Was ist denn das für eine Kunst? Das sind
doch alles Fabeln und weiter nichts!
Der zweite. Aber natürlich -- eine höchst mittelmäßige Sache.
Der erste. Denken Sie selbst: Ein Tänzer zum Beispiel: Das ist doch
immerhin Kunst, was er leistet, das kann ihm doch keiner nachmachen.
Wenn ich es zum Beispiel wollte: ja bei mir würden sich einfach die Füße
nicht von der Stelle bewegen. Ich sollte mal versuchen, einen Entrechat
zu machen: ich würde keinen einzigen fertig bringen. Aber schreiben kann
man, auch ohne es gelernt zu haben. Ich weiß nicht, wer der Autor ist,
aber man hat mir erzählt, daß er ein absolut ungebildeter Mensch ist,
der nichts weiß -- den man irgendwo hinausgeworfen hat.
Der zweite. Aber erlauben Sie mal, etwas muß er doch wissen: ohne dies
kann man doch nicht schreiben.
Der erste. Aber ich bitte Sie, was kann er denn wissen? Sie wissen ja
selbst, was ein Literat ist. Der leerste Mensch! Das ist doch
weltbekannt -- zu nichts zu gebrauchen. Man hat schon versucht, sie
irgendwie zu verwenden -- aber man hat es aufgegeben. Nun sagen Sie
selbst: was schreiben sie denn? Das sind doch alles Torheiten und
Fabeln. Wenn ich wollte, könnte ich sofort so etwas schreiben, und
ebenso Sie und er, jeder kann so etwas schreiben.
Der zweite. Nun ja ... gewiß -- warum sollte man so etwas nicht
schreiben können. Wenn man nur ein Funken Verstand im Kopf hat, so kann
man es schon.
Der erste. Man braucht auch keinen Verstand dazu. Wozu denn Verstand?
Das sind doch alles Fabeln. Ja, wenn es noch zum Beispiel eine
schwierige Wissenschaft wäre, irgendeine Sache die man nicht kennt --
aber was ist denn das? Das weiß doch jeder Bauer. Das kann man jeden Tag
auf der Straße sehen. Man braucht sich nur ans Fenster zu setzen und
sich alles zu notieren, was passiert -- das ist das ganze Kunststück.
Der dritte. Das ist wahr. Wahrhaftig, wenn man nur bedenkt, mit was für
Unsinn man seine Zeit vergeudet!
Der erste. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts.
Lauter Fabeln und Torheiten! Man müßte es einfach verbieten, ihnen Tinte
und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strömt heraus -- wollen
wir gehen! Lärm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist
doch ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich,
einige Zurückgebliebene laufen vorüber.)
Der gutmütige Beamte. Nun immerhin, er hätte doch wirklich wenigstens
einen anständigen Menschen auftreten lassen können. Aber nichts als
Schurken und Gauner!
Ein Mann aus dem Volke. Hörst du, erwarte mich an der Straßenkreuzung!
Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.
Ein vornehmer Herr (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie
bin ich so spät aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)
Ein Beamter der sich verspätet hat. Nichts als unnütz verlorene Zeit!
Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibül
leert sich.)
Der Autor des Stücks (tritt hervor). Ich habe mehr gehört, als ich
vermutete. Was für eine bunte Menge von Ansichten. Wie glücklich ist
doch der Komödiendichter, der einer Nation entstammt, wo die
Gesellschaft noch keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch
nicht von einer Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken
aller mit derselben Form und demselben Maß umschließt; wo jeder Mensch
seine eigene Meinung hat, wo jeder selbst der Schöpfer seines Charakters
ist. Welche Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie
leuchtete doch aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in
dem edlen Streben des Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in
die Provinz verschlagenen Beamten, in der zarten Schönheit einer
großmütigen Frauenseele, dem ästhetischen Gefühl der Kenner und in dem
schlichten sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den
unfreundlichen Urteilen noch so vieles enthalten, was der
Komödiendichter wissen muß! Ja, ich bin befriedigt. Aber warum wird mir
so traurig ums Herz ...? Seltsam: es schmerzt mich, daß keiner die
redliche Person bemerkt hat, die in meinem Stück auftritt. Und doch gibt
es eine ehrliche, edle Persönlichkeit, die während des ganzen Stückes
mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war -- das _Lachen_. Es war
hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, trotz der gemeinen
Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig, weil es sich
hervorzutreten entschloß, obschon es dem Komödiendichter einen
schlechten Ruf einbrachte -- den Ruf eines kalten Egoisten, und sogar
die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei ihm zu
zweifeln. Für dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der
Komödiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum muß ich sein
Fürsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine größere Bedeutung und ist
tiefer, als alle glauben -- nicht das Lachen, das ein flüchtiger Reiz,
das die Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das
leichte Lachen, das der müßigen Zerstreuung und Unterhaltung dient --
sondern jenes Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strömt
-- das aus ihr hervorströmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig
sprudelnder Quell befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und
hell hervortreten läßt, was sonst flüchtig vorübergeglitten wäre, und
ohne dessen durchdringende Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des
Lebens den Menschen nicht so mit Schrecken erfüllen würde. Das
Verächtliche und Nichtige, an dem er täglich gleichgültig vorbeigeht,
würde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe bizarren Gewalt vor ihm
emporwachsen und er würde nicht in den Ruf ausbrechen: »Gibt es denn
wirklich solche Menschen?« während es, wie er selbst weiß, noch viel
schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht, die da behaupten, daß
das Lachen uns empört. Nur das Finstere empört uns, das Lachen aber ist
leuchtend und hell. Vieles würde den Menschen empören, wenn es ihm in
seiner ganzen Nacktheit gezeigt würde, aber von der Macht des Lachens
erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und Versöhnung. Und wer an
einem boshaften Menschen Rache nehmen will, söhnt sich schon beinahe mit
ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die gemeinen Regungen seiner Seele
verlacht werden. Die sind ungerecht, die da behaupten, das Lachen wirke
nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und daß der Spitzbube der
erste ist, der über einen andern Spitzbuben lacht. Der Enkel des
Schurken wird darüber lachen, aber über seinen schurkischen Zeitgenossen
wird kein Spitzbube lachen können. Er merkt, daß sich der Eindruck
seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprägt hat, daß eine
einzige gemeine Bewegung von ihm genügt, um ihm diesen Eindruck als
ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott fürchtet sich sogar
der, der sich vor nichts auf der Welt mehr fürchtet. Nein, nur dem ist
jenes gütige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber
man hört sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; »was lächerlich
ist, ist gemein«, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt
wird, nur das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel
Menschen gehen täglich an uns vorüber, für die es überhaupt nichts Hohes
in der Welt gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist für sie
Torheit und Fabelei. Die Werke Shakespeares sind Fabeln für sie, die
heiligsten Regungen der Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht
verletzte kleinliche Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht
weil meine unreifen schwachen Schöpfungen soeben als Fabeln bezeichnet
wurden -- nein, ich sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, daß ich
Vorwürfe verdient habe; aber meine Seele konnte es nicht gleichgültig
ertragen, daß die vollendetsten Schöpfungen als Torheiten und Fabeln
bezeichnet wurden, daß alle Leuchten und Sterne dieser Welt nur für
Verfasser von Torheiten und Fabeln gehalten wurden. Das Herz tat mir
weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote Menschen es hier, mitten im
treibenden Leben gibt, die uns durch die starre Kälte ihrer Seelen
erschrecken, durch die unfruchtbare Wüstenei ihrer Herzen; das Herz tat
mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen Gesichtern auch
nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer von tiefer
Liebe erfüllten Seele himmlische Tränen entlockt hätte. Und ihre Zunge
zögerte keinen Augenblick, ihr ewiges »Fabeln«, »Fabeln« auszusprechen.
Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Städte und Völker sind vom
Angesicht der Erde getilgt und verschwunden, wie Rauch ist alles
verflogen, was einstmals war -- aber die Fabeln leben noch und
wiederholen sich bis heute, und andächtig lauschen ihnen weise
Herrscher, tiefsinnige Fürsten, der herrliche Greis und der von edlem
Streben erfüllte Jüngling. Fabeln ...! Es ächzen die Balkone und die
Brüstungen des Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz
in ein einziges Gefühl, in einen Augenblick verwandelt, alles
verschmilzt zu einem einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brüder
in einer seelischen Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm
wird zu einer hehren Dankhymne für den, der schon seit fünfhundert
Jahren nicht mehr auf der Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen
im Grabe? Gibt seine Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet
hat? Fabeln ...! Dort, in die Reihen der erschütterten Menge tritt ein
vom Unglück und der schier unerträglichen Last des Lebens Gebeugter;
schon will er in seiner Verzweiflung Hand an sich legen -- da plötzlich
entströmen erfrischende Tränen seinen Augen, er geht hinaus, versöhnt
mit dem Leben, und bittet den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur
damit er leben und wieder Tränen vergießen kann über solche Fabeln.
Fabeln ...! Die Welt würde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben
verflachen, Schlamm und Schimmel würden die Seele überziehen. Fabeln
...! Oh! heilig seien die Namen derer, die solchen Fabeln andächtig
gelauscht haben, heilig noch ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der
wunderbare Finger der Vorsehung schwebte ewig über dem Haupt ihrer
Schöpfer. Selbst in den Zeiten des Unglücks und der Verfolgungen traten
die Vornehmsten und Besten im Staate, als die ersten, schützend auf ihre
Seite, und ein gekrönter Monarch beschattete sie mit seinem königlichen
Schild von der Höhe seines unerreichbaren Thrones.
Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht möge die Seele der Tadel
verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mängel
hin. Selbst das darf sie nicht betrüben, daß man ihr große Regungen und
die heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem
Strudel: ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle
zermahlt die Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich
harten Körnern bleiben unerschütterlich die ewigen Wahrheiten bestehen.
Was einst als hohl und leer angesehen wurde, kann später mit ernster
Bedeutung ausgerüstet erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelächters
entdeckt man vielleicht plötzlich glühende Funken einer ewigen,
machtvollen Liebe. Und wer will es wissen -- vielleicht kommt einmal die
Zeit, wo alle Menschen anerkennen, daß kraft der gleichen Gesetze, nach
denen der Stolze und Starke im Unglück klein und schwach erscheint,
während das Elend den Schwachen zu einem Riesen emporwachsen läßt -- daß
kraft der gleichen Gesetze der, der häufig weint und bittre, von Herzen
kommende Tränen vergießt, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der
Welt ...!