Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.
Schewakin (zu Dunjaschka). Bitte schön, Kindchen, putz mich mal ab!
Weißt du, auf der Straße ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir
doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schön, mein Kind.
Sieh doch mal nach: Kriecht mir da nicht 'ne Spinne über den Rock? Sind
auch die Rockschöße hübsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier
scheint noch was zu sitzen. (Streicht mit der Hand über den Ärmel und
beobachtet Anutschkin und Iwan Pawlowitsch.) Es ist nämlich englischer
Stoff. Und wie er sich trägt! Im Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien
lag, -- ich war damals allerdings noch Kadett -- hab' ich mir die
Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar Pawel Petrowitsch wurde ich
Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie neu. 1814 machte ich die
Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal, daß er anfängt, sich an
den Nähten abzuscheuern, und 1815 nahm ich meinen Abschied; da brauchte
ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich ihn schon zehn Jahre, und
er ist noch immer fast wie neu ... So ist's gut, Herzchen, danke schön,
meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kußhand zu, geht an den Spiegel und
fährt sich mit der Hand durch die Haare.)
Anutschkin. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ...
Sizilien zu erwähnen. Ist das eigentlich ein schönes Land ... dieses
Sizilien?
Schewakin. Äh, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreißig Tage
lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach
entzückend. Solche Berge, -- zwischendurch mal ein Granatenbaum, und
überall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Röschen, einfach zum
Küssen!
Anutschkin. Und wie steht es mit der Bildung?
Schewakin. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns
etwa nur die Gräfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man
durch die Straßen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist.
Natürlich Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnüre; -- und
herum alle die schwarzäugigen Schönen, ... dort hat ja jedes Haus einen
Balkon und platte Dächer, platt wie dieser Fußboden ... Da sieht man
denn mal so rauf, und oben sitzt dann solch ein Röschen. Natürlich will
man sich doch auch nichts vergeben .... (Macht eine liebenswürdige
Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch sie macht bloß so ....
(Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverständlich alle brillant
gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand
Damen-Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.
Anutschkin. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten dürfte ...
Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?
Schewakin. Natürlich spricht alles Französisch.
Anutschkin. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Französisch?
Schewakin. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht
glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreißig Tage vor
Sizilien gelegen, und während dieser ganzen Zeit habe ich nicht ein
einziges Wort Russisch von ihnen gehört.
Anutschkin. Nicht ein Wort?
Schewakin. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den Adligen
und den übrigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, -- nein, nehmen
Sie den gewöhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf seinen
Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir ein
Stück Brot! -- Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie
nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf französisch: _Dateci del pane_
oder _Portate vino_ -- dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick läuft
er hin und bringt, was Sie wünschen.
Iwan Pawlowitsch. Ein merkwürdiges Land muß doch dieses Sizilien sein,
wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem
Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein
breitschultriger Kerl, der den Acker pflügt, oder nicht?
Schewakin. Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob sie
auch pflügen oder nicht, das hab' ich gar nicht beobachtet. Aber was das
Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, daß
sie ihn nicht nur alle schnupfen, sondern daß sie ihn auch in die Backen
stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser
ringsherum, und dabei überall Gondeln. Und darinnen selbstverständlich
solch eine kleine Italienerin, so ein Röschen, und angezogen, ...
pikfein! So ein Lätzchen und Tüchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten
auch zwei englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine
Gesellschaft, ganz wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bißchen
merkwürdig, wir verstanden uns nämlich nicht; aber als wir uns erst
ordentlich kennen gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So
zeigen Sie zum Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder
weiß sofort -- das bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an
den Mund und macht mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann
einfach: Ich will eine Pfeife rauchen. Überhaupt kann ich Ihnen sagen:
eine ganz leichte Sprache. Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits
nach zwei oder drei Tagen.
Iwan Pawlowitsch. Wie ich sehe ein höchst interessantes Leben in fremden
Ländern. Es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft eines Mannes
zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit wem ich
die Ehre habe?
Schewakin. Schewakin, Leutnant zur See a. D. Erlauben Sie, mich auch
meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schätzbare Vergnügen habe ...
Eierkuchen. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ... Eierkuchen!
Schewakin (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas
gegessen. Sehen Sie, ich weiß, ich habe noch einen großen Weg vor mir,
und es ist heute sehr kalt; da habe ich ein Stückchen Brot mit Hering zu
mir genommen.
Eierkuchen. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben;
Eierkuchen -- das ist mein Familienname.
Schewakin (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie,
ich höre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie hätten
Eierkuchen gegessen.
Eierkuchen. Ja, was soll man machen! -- Ich wollte schon den General um
die Erlaubnis bitten, mich Eier_kuchler_ nennen zu dürfen. Aber meine
Verwandten waren dagegen, sie meinten, das hätte wieder zu viel
Ähnlichkeit mit »Ei Verfluchter« ...
Schewakin. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B.
unser ganzes drittes Geschwader: sämtliche Offiziere und Matrosen hatten
so merkwürdige Familiennamen .... Herr von Spülicht, Herr von Süffel,
Leutnant von Schweißlappen, und ein Kadett, übrigens sonst ein famoser
Kerl, hieß ganz einfach: Loch, so daß man den Kapitän manchmal rufen
hörte: Komm doch mal her, Löchlein. Auch die anderen machten sich oft
über ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Löchlein du! (Es
schellt. Thekla läuft durch das Zimmer und öffnet.)
Eierkuchen. Eh, guten Tag, Mütterchen!
Schewakin. Guten Tag, wie geht's, meine Seele?
Anutschkin. Guten Tag, Mütterchen Thekla Iwanowna.
Thekla (kommt atemlos gelaufen). Danke schön, danke schön, meine lieben
Herren. Gut, gut.
(Sie öffnet die Tür, im Vorzimmer hört man Stimmen: »Zu Hause?«
»Jawohl!« Dann hört man ein paar unverständliche Worte, worauf
Thekla ärgerlich ausruft: »Du bist mir aber auch einer!« ...)