Die Vorigen. Der Postmeister (in Hast mit einem aufgebrochenen
Brief in der Hand.)
Postmeister. Unglaubliche Sache, Herrschaften! Der Beamte, den wir für
einen Revisor hielten, war gar kein Revisor!
Alle. Wie, kein Revisor?
Postmeister. Absolut kein Revisor! Ich erfuhr's durch einen Brief.
Polizeimeister. Was soll das heißen? Durch was für einen Brief?
Postmeister. Durch einen eigenhändigen Brief von ihm. Man bringt mir
einen Brief auf die Post, ich schaue die Adresse an, lese »Poststraße«,
und war starr vor Schreck. Na, denke ich, bei mir hat er richtig
Unregelmäßigkeiten in der Postverwaltung entdeckt und berichtet darüber
der Behörde. Nehm ihn und brech ihn auf.
Polizeimeister. Wie kommen Sie dazu?!
Postmeister. Ich weiß selbst nicht wie, eine übernatürliche Gewalt zwang
mich dazu. Ich hatte schon den Kurier kommen lassen, der ihn per
Estafette befördern sollte -- aber da überkam mich eine so heftige
Neugierde, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich darf nicht, ich darf
nicht, ich weiß, ich darf nicht -- aber es zieht, zieht immer stärker.
In einem Ohre flüstert es: »mach ihn nicht auf, du fällst rein«, aber
ins andere Ohr raunt mir ein Satan: »brich auf, brich auf, brich auf«,
und wie ich das Siegel berühre -- Feuer, und wie ich's erbrochen hatte
-- Eis -- kaltes Eis. Mir zitterten die Hände und alles drehte sich
rundherum.
Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, den Brief einer so
hochbevollmächtigten Persönlichkeit zu erbrechen?!
Postmeister. Das ist ja gerade der Spaß, daß er weder
hochbevollmächtigt, noch auch eine Persönlichkeit ist!
Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer Meinung sein?
Postmeister. Nicht dies, nicht das, weiß der Teufel, was.
Polizeimeister (zornig). Wie, nicht dies, nicht das? Wie können Sie sich
unterstehen, von ihm zu sagen »nicht dies, nicht das, und weiß der
Teufel, was?« Ich lasse Sie verhaften!
Postmeister. Wer, Sie?
Polizeimeister. Ja, ich!
Postmeister. Hände weg!
Polizeimeister. Wissen Sie denn überhaupt, daß er meine Tochter heiraten
wird, daß ich selbst zu den Großen zählen werde, und daß ich Sie ins
hinterste Sibirien verschicken kann?!
Postmeister. I, Antón Antónowitsch, Sibirien! Sibirien ist weit! Ich
werde Ihnen lieber gleich den Brief vorlesen. Herrschaften, soll ich
vorlesen?
Alle. Lesen Sie, lesen Sie!
Postmeister (liest). »Lieber Trapítschkin! In Eile will ich dir davon
Mitteilung machen, was für Wunderdinge mir hier passiert sind. Auf der
Reise hatte mich ein Hauptmann so vollständig ausgebeutelt, daß der
Gastwirt schon nahe daran war, mich ins Loch stecken zu lassen, als
plötzlich, dank meiner Petersburger Physiognomie und meinem Petersburger
Kostüm, mich das ganze Städtchen für einen Generalgouverneur zu halten
begann. Kurz, jetzt wohne ich beim Polizeimeister, schlemme und schneide
abwechselnd bald seiner Frau und bald seiner Tochter auf Mord die Cour;
ich schwanke bloß, an welche von beiden ich mich zuerst heranmachen soll
-- wahrscheinlich aber an die Mama, da sie aussieht, als ob sie zu jeder
Gefälligkeit bereit sei. Weißt du noch, wie wir beide in der Klemme
saßen und uns unser Mittagbrot zusammenmausten, und mich einmal ein
Konditor am Kragen erwischte _à conto_ einiger Pasteten, die wir zu
Lasten der Schatulle des Königs von Britannien verspeist hatten? Jetzt
hat sich das Blättchen vollständig gewendet! Alle pumpen mir so viel,
wie ich nur haben will. Unglaubliche Exemplare, du würdest bersten vor
Lachen! Du schreibst ja so kleine Feuilletons; verewige sie denn durch
deine Feder. Da ist zuerst gleich der Polizeimeister: borniert wie ein
grauer Wallach ...«
Polizeimeister. Das ist nicht möglich! Das kann nicht dastehn!
Postmeister (zeigt ihm die Stelle). Bitte, lesen Sie doch selbst.
Polizeimeister (liest). ... »wie ein grauer Wallach.« Unmöglich, das
haben Sie selbst geschrieben!
Postmeister. Wie käme ich denn dazu?
Hospitalverwalter. Lesen!
Schulinspektor. Lesen!
Postmeister (liest weiter). »... der Polizeimeister: borniert wie ein
grauer Wallach ...«
Polizeimeister. Hol ihn der Satan! Muß das noch einmal wiederholen! Als
ob's nicht so wie so schon dastünde!
Postmeister (liest weiter). Hm .. hm .. hm ».. grauer Wallach ... Der
Postmeister ist gleichfalls ein netter Kunde ...« (Hält im Lesen inne).
Nun, hier drückt er sich auch über mich wenig respektvoll aus.
Polizeimeister. Nein, lesen Sie weiter!
Postmeister. Aber wozu denn? ...
Polizeimeister. Nein, zum Henker, wenn schon lesen, dann auch alles
lesen! Lesen Sie alles vor!
Hospitalverwalter. Geben Sie, ich werde lesen. (Setzt die Brille auf
und liest.) »Der Postmeister gleicht auf ein Haar unserm
Departements-Hausknecht Michéjeff, auch ein Gauner und säuft Schnaps.«
Postmeister (zu den Zuschauern). Ein niederträchtiger Lümmel, der nichts
weiter als eine Tracht Prügel verdient!
Hospitalverwalter (liest weiter). »Der Hospitalverw... w.. w..«
(Stotternd).
Koróbkin. Warum bleiben Sie denn stecken?
Hospitalverwalter. Unleserliche Schrift .. man sieht auch zur Genüge,
daß das ein Flegel ist.
Koróbkin. Lassen Sie mich lesen! Ich glaube, ich habe bessere Augen!
(will den Brief nehmen).
Hospitalverwalter (hält den Brief fest). Nein, diese Stelle kann man ja
überschlagen, weiterhin wird es leserlicher.
Koróbkin. Geben Sie nur her, ich weiß schon Bescheid.
Hospitalverwalter. Aber was denn -- lesen kann ich auch -- weiterhin ist
alles ganz deutlich.
Postmeister. Nein, alles vorlesen! Vorher ist auch alles vorgelesen
worden!
Alle. Abgeben, Artémij Filíppowitsch, Brief abgeben! (Zu Koróbkin.)
Lesen Sie vor!
Hospitalverwalter. Gleich, gleich. (Er gibt Koróbkin den Brief.)
Erlauben Sie ... (deckt die Stelle mit dem Finger zu) ... da ... bitte
von hier ab. (Alle umdrängen Koróbkin.)
Postmeister. Vorlesen! vorlesen! zum Kuckuck! alles vorlesen!
Koróbkin (liest). »Der Hospitalverwalter Semljaníka ist ein komplettes
Schwein mit einer Nachtmütze.«
Hospitalverwalter (zu den Zuschauern). Sehr geistreich! Schwein mit
einer Nachtmütze! Welches Schwein trägt Nachtmützen?
Koróbkin (liest weiter). »Der Schulinspektor ist durch und durch mit
Knoblauch verpestet.«
Schulinspektor (zu den Zuschauern). Bei Gott, ich habe nie Knoblauch in
den Mund genommen!
Kreisrichter (beiseite). Gott sei Dank, mich läßt er ungeschoren!