8. Szene

Chlestakóff. Polizeimeister und Dóbtschinski.

(Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten

einander mehrere Minuten mit weit aufgerissenen Augen).

Polizeimeister (rafft sich etwas zusammen und grüßt militärisch).

Gehorsamster Diener!

Chlestakóff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!

Polizeimeister. Verzeihen Sie!

Chlestakóff. Keine Ursache ...

Polizeimeister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser

Stadt dafür Sorge zu tragen, daß die Herren Reisenden und

Standespersonen keine Plackereien ...

Chlestakóff (anfangs stotternd, allmählich in sicherem Tone). Was soll

man aber machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ...

ich erwarte Geld von zu Hause. (Bóbtschinski schielt durch die Tür.) Er

treibt's ja noch schlimmer: schickt mir Rindfleisch, so zäh, wie'n

Knüppel; und die Suppe -- der Teufel weiß, was er da rein gemanscht

hatte, ich mußte sie zum Fenster hinausgießen. Er hungert mich förmlich

aus ... Und ein unglaublicher Tee, riecht nach Hering, aber nicht nach

Tee. Und da sollte ich ... das fehlte gerade noch!

Polizeimeister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine

Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte --

Kaufleute aus Cholmogór bringen es, nüchterne und brave Leute. Ich

begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran

fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu

machen, in meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.

Chlestakóff. Nein, das will ich nicht! Ich weiß wohl, was Sie mit dem

andern Quartier meinen: das Gefängnis. Wie können Sie es wagen? ... Ich,

ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...

Polizeimeister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er

hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles

hinterbracht!

Chlestakóff (noch kühner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe

anrücken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister!

(Schlägt mit der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie

denn?

Polizeimeister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie

sich. Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmündigen Kinder ...

machen Sie mich nicht unglücklich!

Chlestakóff. Nein, ich tu's dennoch nicht! Das wäre ja noch schöner! Was

geht das mich an? Weil Sie Weib und unmündige Kinder haben, soll ich ins

Gefängnis? Vorzüglich! (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür und

zieht ihn erschrocken zurück.) Nein, danke verbindlichst, ich will

nicht!

Polizeimeister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie

Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfüllung. Urteilen Sie selbst, das

Diensteinkommen langt kaum für Tee und Zucker. Gelegentliche kleine

Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten für den Hausstand,

oder ein paar Anzüge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit

Hausierhandel befaßte, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so

ist das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine

Feinde ersonnen, niederträchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten

möchte.

Chlestakóff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ...

(Überlegend.) Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie da von

Bösewichtern und einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser

Unteroffizierswitwe ist eine Sache für sich -- mich aber werden Sie

nicht auspeitschen dürfen, so hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer

den Herrn! ... Zahlen werde ich, aber augenblicklich habe ich kein Geld.

Darum sitze ich ja hier fest, weil ich keinen Kopeken habe.

Polizeimeister (beiseite). Wie schlau eingefädelt! Welch feines

Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe

nicht mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht's nicht,

dann komme was will, probiert aber muß es werden. (Laut.) Sollten Sie

aber Geld oder sonst etwas nötig haben, dann stehe ich augenblicklich zu

Diensten. Es ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.

Chlestakóff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort

den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.

Polizeimeister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte

bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.

Chlestakóff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen

postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie

sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders

aus.

Polizeimeister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird's wohl

glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!

Chlestakóff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum

Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte,

setzen Sie sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich

bitte recht sehr!

Polizeimeister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.

Chlestakóff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie sich!

Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres

Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um

mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und

Dóbtschinski setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und

horcht.)

Polizeimeister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß

man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun

wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung

meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch

Dóbtschinski, Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich

zu überzeugen, ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich

bin total anders als sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar

nicht kümmern; ich dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht,

schon aus christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute

Aufnahme findet -- und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese

willkommene Bekanntschaft.

Chlestakóff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig

lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen

sollte.

Polizeimeister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit

bezahlen! (Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen

gedenken?

Chlestakóff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein Familiengut.

Polizeimeister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht

einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst

anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege bereitet

das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an

Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne

Zerstreuung. Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!

Chlestakóff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß

ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich

ein, daß man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins

Knopfloch zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer

Kanzlei herumzuschlagen.

Polizeimeister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt?

Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange

zu verweilen?

Chlestakóff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist

eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber

kurz und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich

nicht leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern

verkommen! Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet

nach Licht.

Polizeimeister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge

nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so

schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger plattdrücken

könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen! (Laut.)

Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch anstellen? Da

lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts kein Auge

zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei Schonung,

ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu ernten. (Blickt

im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?

Chlestakóff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch nie

erlebt habe: beißen wie die Hunde.

Polizeimeister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig

unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es

überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in

diesem Zimmer ist!

Chlestakóff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit, keine

Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen

poetischen Gedanken zu Papier bringen -- unmöglich: Nacht, schwarze

Nacht.

Polizeimeister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte vorzutragen

... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.

Chlestakóff. Was ist's denn?

Polizeimeister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!

Chlestakóff. Na, heraus damit, was ist's?

Polizeimeister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem Hause

ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein,

ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir

nicht, ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.

Chlestakóff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit größtem

Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher

als in dieser Schankbude.

Polizeimeister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine Frau

freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte, aber

herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen. Seien

Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist;

nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem

Herzen.

Chlestakóff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen

Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst

sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als

Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 23 / 240 题