Chlestakóff. Polizeimeister und Dóbtschinski.
(Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten
einander mehrere Minuten mit weit aufgerissenen Augen).
Polizeimeister (rafft sich etwas zusammen und grüßt militärisch).
Gehorsamster Diener!
Chlestakóff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!
Polizeimeister. Verzeihen Sie!
Chlestakóff. Keine Ursache ...
Polizeimeister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser
Stadt dafür Sorge zu tragen, daß die Herren Reisenden und
Standespersonen keine Plackereien ...
Chlestakóff (anfangs stotternd, allmählich in sicherem Tone). Was soll
man aber machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ...
ich erwarte Geld von zu Hause. (Bóbtschinski schielt durch die Tür.) Er
treibt's ja noch schlimmer: schickt mir Rindfleisch, so zäh, wie'n
Knüppel; und die Suppe -- der Teufel weiß, was er da rein gemanscht
hatte, ich mußte sie zum Fenster hinausgießen. Er hungert mich förmlich
aus ... Und ein unglaublicher Tee, riecht nach Hering, aber nicht nach
Tee. Und da sollte ich ... das fehlte gerade noch!
Polizeimeister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine
Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte --
Kaufleute aus Cholmogór bringen es, nüchterne und brave Leute. Ich
begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran
fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu
machen, in meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.
Chlestakóff. Nein, das will ich nicht! Ich weiß wohl, was Sie mit dem
andern Quartier meinen: das Gefängnis. Wie können Sie es wagen? ... Ich,
ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...
Polizeimeister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er
hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles
hinterbracht!
Chlestakóff (noch kühner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe
anrücken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister!
(Schlägt mit der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie
denn?
Polizeimeister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie
sich. Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmündigen Kinder ...
machen Sie mich nicht unglücklich!
Chlestakóff. Nein, ich tu's dennoch nicht! Das wäre ja noch schöner! Was
geht das mich an? Weil Sie Weib und unmündige Kinder haben, soll ich ins
Gefängnis? Vorzüglich! (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür und
zieht ihn erschrocken zurück.) Nein, danke verbindlichst, ich will
nicht!
Polizeimeister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie
Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfüllung. Urteilen Sie selbst, das
Diensteinkommen langt kaum für Tee und Zucker. Gelegentliche kleine
Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten für den Hausstand,
oder ein paar Anzüge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit
Hausierhandel befaßte, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so
ist das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine
Feinde ersonnen, niederträchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten
möchte.
Chlestakóff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ...
(Überlegend.) Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie da von
Bösewichtern und einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser
Unteroffizierswitwe ist eine Sache für sich -- mich aber werden Sie
nicht auspeitschen dürfen, so hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer
den Herrn! ... Zahlen werde ich, aber augenblicklich habe ich kein Geld.
Darum sitze ich ja hier fest, weil ich keinen Kopeken habe.
Polizeimeister (beiseite). Wie schlau eingefädelt! Welch feines
Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe
nicht mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht's nicht,
dann komme was will, probiert aber muß es werden. (Laut.) Sollten Sie
aber Geld oder sonst etwas nötig haben, dann stehe ich augenblicklich zu
Diensten. Es ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.
Chlestakóff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort
den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.
Polizeimeister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte
bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.
Chlestakóff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen
postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie
sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders
aus.
Polizeimeister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird's wohl
glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!
Chlestakóff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum
Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte,
setzen Sie sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich
bitte recht sehr!
Polizeimeister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.
Chlestakóff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie sich!
Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres
Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um
mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und
Dóbtschinski setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und
horcht.)
Polizeimeister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß
man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun
wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung
meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch
Dóbtschinski, Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich
zu überzeugen, ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich
bin total anders als sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar
nicht kümmern; ich dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht,
schon aus christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute
Aufnahme findet -- und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese
willkommene Bekanntschaft.
Chlestakóff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig
lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen
sollte.
Polizeimeister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit
bezahlen! (Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen
gedenken?
Chlestakóff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein Familiengut.
Polizeimeister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht
einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst
anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege bereitet
das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an
Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne
Zerstreuung. Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!
Chlestakóff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß
ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich
ein, daß man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins
Knopfloch zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer
Kanzlei herumzuschlagen.
Polizeimeister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt?
Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange
zu verweilen?
Chlestakóff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist
eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber
kurz und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich
nicht leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern
verkommen! Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet
nach Licht.
Polizeimeister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge
nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so
schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger plattdrücken
könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen! (Laut.)
Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch anstellen? Da
lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts kein Auge
zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei Schonung,
ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu ernten. (Blickt
im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?
Chlestakóff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch nie
erlebt habe: beißen wie die Hunde.
Polizeimeister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig
unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es
überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in
diesem Zimmer ist!
Chlestakóff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit, keine
Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen
poetischen Gedanken zu Papier bringen -- unmöglich: Nacht, schwarze
Nacht.
Polizeimeister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte vorzutragen
... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.
Chlestakóff. Was ist's denn?
Polizeimeister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!
Chlestakóff. Na, heraus damit, was ist's?
Polizeimeister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem Hause
ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein,
ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir
nicht, ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.
Chlestakóff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit größtem
Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher
als in dieser Schankbude.
Polizeimeister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine Frau
freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte, aber
herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen. Seien
Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist;
nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem
Herzen.
Chlestakóff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen
Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst
sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als
Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.