Die braune Einsamkeit

Sieben Monde beißt sich der Hochharzwinter da oben fest. In dreien

führen Regen, Nebel und Wind die Herrschaft. Was überbleibt vom Lauf

des Jahres, ist nicht immer Sonnenschein und Wärme.

So ist das Gesicht des Moores ernst geworden. In Not und Bedrängnis hat

es das Freuen verlernt. Wenn es lächeln will, wird nicht mehr daraus

wie ein müdes, verschüchtertes Augenblinzeln. Die lichte Unendlichkeit

des Himmels über ihm ist Schwermut. Seine Bläue stirbt in schwarzen

Wasserlöchern. Zwischen Fichten und Sümpfen hockt die Einsamkeit.

Hier oben ist ihr Antlitz ein anderes als in den Quellengründen des

Bergwaldes. Stille wird zur Melancholie, Schweigen zum Schauern.

Dieses Grauen der Öde scheucht die Menschen zurück. Das Moor hat

wenig Freunde. Der Weidmann pirscht dem Rotwild nach. Auf heimlichen

Wechseln schleicht der Wilderer durch Bruch und Dickicht. Wenn die

Heidelbeeren blau werden, ist die Gimpelbrut flügge. Dann kommt mit

den Beerengängern der Vogelsteller herauf. Manchmal verliert sich ein

Waldläufer nach hier, dem es auf geraden Wanderpfaden zu langweilig

ist. Aussichtspunktmenschen und Modewanderer holen sich nasse Füße

und bleiben fort. Gott sei Dank. Ihnen geht der Zauber dieser Urwelt

nicht auf. Die melancholische Großartigkeit der Öde ist nichts für

Salonseelchen.

Es ist kein ausgelassener Farbenjauchzer im Moor. Jeder Ton der braunen

Einsamkeit wirkt herb wie der Geruch, der rings aus Torfmoospolstern

dampft. Selbst wenn die Heide blüht, ist’s nur wie verzagtes

Leuchtenwollen, Fröhlichseinwollen, das sich nicht durchringt zu

befreiender Herzhaftigkeit. Die Seidenköpfe des Wollgrases nicken im

Winde: spar die Müh, spar die Müh! Und auch wenn der Herbst Birkengold

und Quitschenkarmin über das Moor flackern läßt und im Heidelbeerkraut

ein Gesprühe von Gelb und Rot und Lichtgrün entzündet, zur erlösenden

Freude wirds nicht: Das Moor kann nicht lächeln.

Still wie die Farben ist das Leben im Moor. Es ist, als ob auf allen

Vogelstimmen die Schwermut der Öde lastet. Da ist kein Jubeln und

lustiges Geschwatze. Sie würden die Harmonie der Einsamkeit stören.

Der Herrgott läßt nichts aus dem Rahmen fallen. Zur Blütenpracht

des Apfelbaums paßt Stieglitzengeflister. Hier oben ist kein Platz

für Flitter und Firlefanz. Der Zippe Lied ist auf Moll gestimmt.

Melancholisch flötet der Dompfaff. Und wenn der Baumpieper singt, ist’s

immer die gleiche verhaltene Weise. Unvermittelt bricht sie ab. Der

Sänger wagt es nicht, sein Herz auszujubeln. Etwas Unerlöstes ist über

allem im Moor, Leidvolles, Entsagendes. Aber alles gehört ins Bild

hinein.

[Illustration]

Das Krüglein Freude, das ihm beschieden ward, ist nur bescheiden. Und

was der Herrgott ihm an Schönheit mitgab, ist still und unaufdringlich.

Es muß sie einer suchen. Wenn aber ein rechter Waldläufer kommt, der

Auge und Ohr auftut und sein Herz mit hinausnimmt und ein Feinschmecker

ist im Naturgenießen, der wird in der Armseligkeit des Moores viel von

diesem heimlichen Reichtum finden. Ihm wird das Rosenglockengeläut

der Moosbeere zum Erlebnis. Zwergbirke und Brockenmyrte sind ihm

Entdeckungen, zu denen er sich entzückt niederbeugt. Im Moorwasser

wandelt sich Himmelsblau zu einem Braunviolett voll feiner Farbigkeit.

Alles ist von eigener Art und eigenem Klang. Das große Schweigen wird

der Offenbarungen voll. Des Herrgotts verschwiegenste Wunder sind die

köstlichsten.

[Illustration]

Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers · 第 24 / 33 题