Sein Hauskäppel ist fadenscheinig geworden. Die bunten Blumen darin
sind ausgefädelt und haben die Farbe verloren. Silberne Strähnen
quellen unter dem Käppel hervor.
Jede Bewegung des Alten ist gemessene Ruhe. Wenn er das Fenster öffnet
und den Pfeifenkopf ausklopft, aus dem Tabakskasten dann eine armselige
Mischung von Tabak und Kirsch- und Huflattichblättern in den Kopf
stopft, das alles geschieht mit der gleichen Bedachtsamkeit, mit der
er hinterher zu Zunder und Feuerstein und Stahl greift, Funken schlägt
und langsam zu paffen beginnt. Ist nichts, das ihn zur Eile triebe oder
ein Wellengekräusel verursachte auf dem abgeklärten Spiegel seiner
Seele. Er steht über den Dingen. Und das Leben -- ach das Leben! Er hat
abgerechnet mit ihm.
Das Leben zieht draußen vorbei. Es geht mit Axt und Säge ins Holz.
Fährt an zur Schicht in der Grube. Rollt auf Bauholzwagen straßab.
Wetzt auf den Bergwiesen die Sensen ... Wann begann doch seins?
Der Alte sinnt.
Seine Gedanken spinnen einen langen Weg zurück. Es ist kein sanfter
und weich gepolsterter Wiesenpfad, den sie wandeln. Sie müssen einen
steilen Bergstieg hinab, über Steingebröckel und spitze Klippen und
Schlackenhalden, durch Hohlwege und schwarzen Wald. Tief unten, wo der
Weg beginnt, liegt im Talesgrund ein grünes Paradies voll Lust und
Vogelsang: seine Kinderzeit. Ein Nebel breitet sich darüber. Zu früh
hat er draus fortgemußt. Über kaum erblühte Blumen fiel Reif mitten im
Frühling. Sie sind ungepflückt gestorben. Kein Traum macht sie wieder
lebendig.
Zehn Jahre war er alt. Des Vaters Taglohn reichte nicht für die
Familie. Zwei Taler zehn Mariengroschen in der Woche, -- du lieber
Gott! Und der Himten Herrenkorn war bald verzehrt. Blieb keine Wahl:
die Kinder mußten mit ins Joch.
Bergmannsjungen mußten Bergleute, Hüttenmannsjungen wieder Hüttenleute
werden. Das war ungeschriebenes Gesetz im Harzheimatland. Zu beiden
Berufen bildete das Pochwerk die Vorbereitungsstätte. Wurde aber keiner
im »Pucherig« aufgenommen, der nicht zehn Jahre alt war ...
Es kam auch keiner hinein, der sein Vaterunser nicht konnte und die
zehn Gebote und das Einmaleins. Wer sich in solcherlei Dingen des
Kopfes und des Herzens zur Zufriedenheit des Obersteigers auswies, der
erst war würdig, staatlicher Pochjunge zu werden. Es waren bescheidene
Rühmlein mit dieser Würde verbunden. Die Pochjungen brauchten nur
Sonnabends zur Schule. Zu Fastlahm, dem Dankfest der Bergleute,
durften sie mit Grubenkittel und Schachthut und Hinterleder beim
Kirchgang den Großen vorangehen. Zum Johannistag steckte ihnen die
Mutter Sirupsbranntwein in den Brotbeutel. Sie setzten mit dem ersten
Anfahrtstage ihren Fuß auf die oberste Sprosse der Leiter, die zu
Silber und Blei in den Berg hinabführt. Der Weg bis dahin freilich war
weit. Ruhm und Ehre heischten harten Tribut. Und zuvörderst stand die
Leiter noch im Pochwerk.
Mit dem Morgengrauen begann die Fron. Der Vorbeter im Zechenhaus konnte
die Müdigkeit aus Kinderaugen nicht herausbeten. Wurden während der
Arbeit die Kräfte schlaff oder wollte der Pochjunge Kind sein, wies ihn
der Vogelpols des Steigers, die Klopfpeitsche, ins Joch zurück. Zwölf
Stunden Scharwerken, Schmalzbrot im Brotbeutel, elf Pfennige Taglohn ...
Sie schleppten ihre müden Glieder nach Haus. An Blumenblühen und
Vogelsang und Sonne und allem vorbei, was Kinderherzen erfreut.
Wem harte Faust im Nacken sitzt, dem stirbt die Jugend rasch. Das
Pochwerk zerstampft Stein und Erz und Kinderherzen. Und hinter
Schlackenkarren und Erzhunden wird der Mensch nicht jünger. Was
übrigbleibt an Lebenskraft, nimmt bei dem einen der Schacht, dörrt bei
dem andern der Schmelzofen aus.
Des Alten Weg führte nicht über Sonnenhalden. Nun ist er über den Berg.
Die Sonne freilich ging derweilen jenseits hinab. Just ein Fünklein
warmen Abendscheins kann er noch erhaschen. Im Antlitz des sinkenden
Lichts stößt er den Stecken in die Erde. Ein müder Pilgersmann. Sein
Ränzel ward auf der langen Bergfahrt leer. Er muß den Leibriemen enger
schnallen. Blieb nichts im Sack als ein Stück Gnadenbrot und armselige
Habe: ein Päcklein Tabak, eine Scheibenbüchse, die sein Arm nicht mehr
halten kann, eine Harzzither, darauf die Saiten zersprangen ...
[Illustration]
Aber der Alte hat sich weise in sein Los gefügt. Grübeln und Grämen
bringen verlorene Jugend nicht wieder. Er will beschaulich genießen,
was ihm von Licht und Tag noch übrigbleibt. Er weiß: Wenn die Sonne
fort ist, wird sich hinter ihr das schwarze Schachtloch Ewigkeit
auftun. Dann wird er am Ziel sein. Bis dahin bewahre Gott uns allen ein
fröhliches Herz!
Wenn der Gnadenlöhner solcherlei Gedanken spinnt, ist in seinen Augen
fernes Feierabendleuchten voll Güte und Milde. Und in seinem Blick
ist jener Friede, der mit der Welt und allen Alltagsdingen darin
abgerechnet hat und bereit ist, das Ergebnis dieser Rechnung dem
Herrgott vorzulegen: Das Leben hat mir nichts geschenkt. Ich habe meine
Pflicht getan.
Glückauf, Alter Mann!
[Illustration]
Um die Bergstadt verstreut liegen seltsame Gesteinshalden. Auf den
Wiesen einzelne, die meisten im Walde versteckt. Es sind die letzten
Reste uralter Gruben.
Der Fremdling übersieht sie zumeist. Selten, daß sich einer wundert,
woher so unvermittelt an einer Waldlehne oder einem Wiesenhang ein
ebener Plan entsteht, der aus dem Berg herauszukommen scheint, sich
vorschiebt und wieder jäh in den Hang hinabstürzt. Der Bergmensch aber
weiß, daß er hier auf einem Stücklein Boden steht, das durch die Arbeit
der Väter geheiligt ist. Vor langen Jahren haben sie hier nach Silber
und Blei geschürft. Hoffnungsvolle Namen gaben sie ihren Gruben. Aber
diese erwiesen sich nicht allezeit als Goldene Rose oder Schatzkammer,
waren nicht immer Silberlilie und Treuer Friederich; blinkten auch
nicht auf die Dauer wie eine Engelskrone oder der Morgenstern. Und die
Gnade Gottes und Gottes Segen waren ihnen nicht allen beschieden. Nicht
überall lohnte die Ausbeute. Die Zubuße war größer denn der Gewinn.
Dann versuchten die Alten ihr Glück an anderer Stelle. Das Gebirge
reichte weit. Erz wuchs in jedem Berg. Sie gruben in den Oberschichten
des Gesteins. Sie stiegen viele Lachter tief in die Erde hinab. -- Alle
diese Gruben sind vergessen. In den Chroniken des Harzheimatlandes
heißen sie in ihrer Gesamtheit: Der Alte Mann.
Der Alte Mann waren aber auch die ersten Bergknappen, die die Hoffnung
auf blinkenden Segen in die Harzberge lockte. Sie brachten ein regsames
Getriebe in den stillen Wald Hercynia. Der Schwarze Tod entriß ihnen
Schlägel und Eisen. Krieg und Not verschüttete die Gruben.
Die nachfolgenden Geschlechter gingen mit frischem Hoffen ans Werk.
Sie gruben, wurden fündig, teuften ab und begruben wieder. Manche
leuchtende Silberader schlug man an. Viele blanke Taler wurden geprägt,
von denen Seine Hochfürstliche Gnaden, der Herzog von Braunschweig
und Lüneburg, den Zehnten in sein Säckel taten. Dann traf man beim
Weiterbauen auf taubes Gestein. Oder Wasser und Widerwärtigkeiten
geboten Feierabend. Die Gewerkschaft nahm ihr Gezäh und wanderte
weiter. Die alten Gruben blieben vergessen liegen. So liegen sie heute
noch. Stollen und Schächte stürzten ein. Das wertlose Gestein aber,
das aus ihnen zu Tage gefördert wurde, lagert an der alten Stätte wie
ehedem.
Jahrhunderte sind seither über die Halden hinweggegangen. Moos und
Gras haben sie zugedeckt. Wälder wuchsen darauf. Wälder wurden gefällt
und wuchsen wieder. Und von den Menschen, die einst diese »Hallen«
aufstürzten, blieb im Harzheimatland nichts als ihre Sprache, die
hart ist wie Fäustelschlag. Und eins noch hinterließen sie: den Mut
eines zähen Tiefenbezwingertums. Ihre Nachfahren sind ein furchtloses
Bergmannsgeschlecht geblieben, das stolz ist auf einen Beruf, der
geliebt und verstanden sein will und von dem sie singen:
Gott hat uns einst die Gnad’ gegeben,
Daß wir vom edlen Bergwerk leben ...
Wenn ich auf verfallener Halle stehe, beginnt alte Zeit zu erzählen.
Dort muß der Stollen gewesen sein. Eine verwaschene Runse am Hang, die
unvermittelt abbricht. Die Schachtstangen, die ihn einst stützten,
sind morsch zusammengeknickt und vergangen. Das Erdreich stürzte
nach. Das Loch im Berg tat sich zu. Das Stollenwässerchen suchte
sich einen Weg und blieb als Bergquell zurück. Über die Runse wuchs
Moos. Fichtennadeln stäubten hernieder. Rippenfarn und Weidenröschen
siedelten sich an. Wind wehte Tannzapfensamen herbei. Lustig sproß
ein Fichtenhorst empor und überdeckte das bloßliegende Gestein.
Die schartige Wunde am Berg verheilte zur Narbe. Und auch über die
Steinhalden wuchs der Wald. Moos und Tannennadeln wieder polsterten
das Gerümpel aus. Fichten krallten ihre Wurzeln tief hinein. Wo am
Steilhang der Halle ein Regensturz das neue Erdreich wegwusch oder ein
Hirsch seine Fährte durch die Oberschicht drückte, schimmern graue
und weiße Steine her. Das Berg, heißt es der Bergmann. Kalkspat,
Schieferspat, sagt der Gelehrte. Die Bergkinder aber suchen an solchen
Stellen nach einem Glänzlein Kupferkies oder Zinkblende und sind
glücklich, »Goldsteine« gefunden zu haben.
Um die Halden schleicht der Fuchs. Über Pfifferlingen und Reizkern
wölben sich Fichten. Junge, in denen das Rotkehlchen singt, alte, in
deren Zweiggewirr Eichhörnel hupfen. Die Arbeit des Alten Mannes hat
ein Waldidyll übersponnen.
Manchmal streicht in dunklen Nächten der Bergmönch hier vorbei. Sein
silbernes Geleucht blitzt durch das Holz. Am St. Barbaratage aber
läutet heimlich dort ein Schachtglöcklein. Wer Märchenohren hat, der
hört es ...
So oft ich an solcher Stätte weile, muß ich still sein. Mir ist, als
täte sich der Berg auf. Weit hinten im schwarzen Loch des Stollens
sehe ich Grubenlichter flackern. Hämmer sausen auf Handbohrer hinab.
Eisen klingt auf Eisen den harten Takt der Arbeit vor Ort. Spitzhacken
knirschen sich in das Gestein. Polternd gehen felsige Wände nieder.
An den Seiten des Stollens sickert Wasser herab, perlt in klingenden
Silbertropfen von der Decke und kommt als Bächlein zu Tage. Auf der
Stollensohle bilden Bretter einen ebenen Weg. Schiebkarren rollen
darauf aus der Tiefe hervor. Urväter begrüßen mich mit geisterhaftem
Glückauf. Auf Schachthut und Hinterleder und Grubenkittel klebt
feuchter Schmutz. Sie schieben den schweren Karren auf die Halde
hinaus. Bollernd stürzt das Gestein den Hang hinab ...
Glückauf, Alter Mann!
Deine Hände sind voll Schwielen. Der Berg hat dich bleich gemacht.
Deine Augen blicken ernst. Harte Arbeit grub harte Falten in dein
Gesicht. Bergmannsarbeit ist immer Last gewesen. Dem Knappen von heute
hat die Neuzeit hilfreiche Handhaben gegeben. Ihr jedoch waret auf euch
selbst gestellt. Ihr wußtet nichts von Bohrmaschinen und Preßluft.
Jedes Loch in Felsenwand mußte die Eisenkraft eurer Hände und Arme
ertrotzen. Euch trug keine Fahrkunst hinab in Schachtes Tiefen. Für
euch gabs nur den Sprossenweg der Leiter, die Fahrt, auf denen eure
müden Beine aufwärts und abwärts stiegen viele Lachter. Euer Beutelchen
Schwarzpulver war schwach. Es sorgte dafür, daß der Arbeit genug
übrigblieb. Dynamit und Donarit schaffen euren Nachfahren reinere
Tafel. Und was ihr fördertet, nahm euch keine leicht dahingleitende
Feldbahn ab. Euch blieb nichts, als das Sielen über die Schulter zu
schlagen und den Karren in die Hand zu nehmen oder die Faust um den
Griff des Göpels zu spannen, der ächzend den Erzeimer emporwand.
Kein Förderseil, bewegt durch die Kraft einer Maschine und gebändigt
durch einen Hebeldruck, glitt hinab in die Tiefe. Unten glühte kein
elektrischer Faden. Kein Karbidlicht warf grellen Schein auf marmorne
Erzadern. Zu eurer Arbeit leuchtete nichts als das schwelende Flämmchen
eurer Unschlittlampe. Das armselige Geleucht ist ein Bild eures Lebens
gewesen.
Nun seid ihr lange eingefahren zur letzten Schicht. Ob ihr den
Bergmannstod starbt tief unter der Erd’ und man euch im weißen
Sarg nach Hause trug, ob eure bergsüchtige Lunge auf dem Strohsack
verröchelte, -- wer weiß, wo ihr euren Feierabend fandet. Über eure
Schächte ging die Zeit. Erde deckt Mühsal und Last. Erde deckt alles
Hoffen auf Goldene Rose und Silberlilie.
Aber die Gnade Gottes mag mit euch sein. Und der Morgenstern möge euch
leuchten wie ein gleißender Anbruch im Schacht.
Reicht mir die Schwielenfaust:
Glückauf, Alter Mann!
Mein Gruß ist Hochachtung und Ehrfurcht.
[Illustration]