Die Waldschenke

Möchtest Du nicht mit mir schnell hinüber über das Gatter und hinunter

ins Häusel?

Oder möchtest Du Dich nicht auch hier niederlegen am Rande des Holzes

und zwischen Fingerhüten und Ehrenpreis träumen, Stunden verträumen,

Tage, Wochen?

Alles in diesem Waldwiesenwinkel ist freundliches Winken: Hier ists gut

sein!

Welche Zauberdinge sinds, die so eindringlich locken?

Ein Flecklein Lichtgrün im Tannenduster, Vogelstimmen im Wald, zwischen

Blumen ein Plauderbach, -- und weltferne Stille. Mitten in allem ein

rotes Dach, unter Bäumen ein paar Holzbänke, eine Laube im Gärtchen ...

Wer könnte vorüberwandern!

Ist kaum ein halbes hundert Jahre her, da war dies Tal erfüllt vom Lärm

der Arbeit. Der Bach plantschte über Wasserräder. Pochstempel stampften

einen harten Daktylus in die Waldstille: _Paff_ -- paffpaff, _paff_ --

paffpaff. Unter ihrem Schlag barst Erzgestein zu Kies und Staub. Aus

allen Hütten kam Poltern und Rumoren. Das Echo polterte mit. Pochjungen

hantierten an Waschherden und eilten geschäftig auf und ab. Blutjunge

Knaben, die das Leben hier allzufrüh in ein eisernes Joch spannte.

Blaukittelige Fuhrleute schrien. Angetan mit weißem Kittel und hohen

lehmfarbenen Gamaschen stolzierten Königlich Privilegierte Fuhrherren

einher, ihre zahlreichen Fuhrwerke musternd. Knarrend fuhren Erzhielen

talaus, talein.

[Illustration]

Nun ist das geschäftige Bild verschwunden. Die Pochwerke sind fort.

Es blieb kein Stein auf dem andern. Fichten grünen über ihrer Stätte.

In den Schlammlöchern wachsen Schilf und Schachtelhalm. Natur nimmt

langsam das Ihrige zurück. Der Stampftakt der Stempel ist verstummt.

Das Zechenhäusel, -- die Waldschenke, -- ist der letzte Zeuge jener

Zeit. In dem Stüblein, wo sich heuer der Gast erquickt, hielten vor

Zeiten die Pochjungen ihre Betstunde vor der Schicht. Sie sangen ein

frommes Lied. Der alte Vorbeter las ein Gebet. Die Arbeit begann mit

Gottes Segen.

Kinder im Joch --, Gottes Segen?

Wenn ich am Gatter liege und träume, ziehen in langer Wallfahrt bleiche

Knaben durch das Tal. Eine stumme Anklage gegen eine grausame Zeit.

Die Stille im Wald ist wie das Ausruhen vieler

Bergmenschengeschlechter, denen harte Arbeit an diesem Ort Blut und

Jugend nahm.

[Illustration]

Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers · 第 15 / 33 题