Das Fest zwischen Ostern und Pfingsten

Wenn zwischen Ostern und Pfingsten die Lerchen das erste Grün aus dem

fahlen Lederhosengelb der Bergwiesen hervorgetrillert haben, putzt

der Kuhhirt sein Koppels. Und die Bergstadtleute feiern einen hohen

Festtag. Der steht nicht im Kalender. Er wird auch nicht von der

Kanzel herab verkündet. Und in der Mitternacht vorher rührt sich im

Glockenhaus kein Glockenstrang, ihn gebührend einzuläuten.

Und doch hätte er beides verdient.

Denn dieser Sonntag, an dem nach langer Wintersnot die Kühe zum ersten

Male wieder auf die Bergweide gehen, ist wie eine Bannlöse. Unten

im Land ist mit Vogelsang und Apfelbaumblühen längst der Frühling

eingezogen. Er will auch hinauf ins Harzheimatland. Aber der Winter

hat alle Täler verklüftet und treibt ihn mit Schneeschauern zurück.

Graue Wochen lang geht ein Kämpfen hin und her. Die Schneewehen an den

Hängen wollen nicht kleiner werden. Auf den Straßen kleben schmutzige

Eisschollen. Regen und Schnee platschen durcheinander. Durch die Wälder

rauscht der Sturm. Das Flöten der Drossel, die den Frühling rufen will,

wird von seinem Rasen übertönt. Die Bäche tosen. Die Luft ist erfüllt

mit aufgeregtem Gebrause. Es ist nicht Winter, es ist nicht Frühjahr.

Das ist der Bergstadtleute böseste Zeit. Niemand sehnt sich mehr nach

dem Frühling als sie. Keiner begrüßt ihn dankbarer.

Wenn aber die Kühe wieder auf die Weide treiben, ist ihnen das wie die

frohe Botschaft: Der Lenz ist da, nun muß sich alles wenden. Oft genug

freilich prasselts mit Hagelschauern hinein in diese Frühlingshoffnung.

Aber der Bann ist gebrochen.

Ein Aufatmen geht durch die Menschen. Es ist ein Freuen in ihnen, das

niemand kennt und keiner mit Namen nennen kann. Doch jeder fühlt es.

Und diese Freude leuchtet in jungen und alten Augen, guckt aus allen

Fenstern und wartet in allen Gassen, daß das Horn des Kuhhirten zum

ersten Male tutet.

Keine Frühlingsschalmei kann schöner klingen!

Dann tun sich die Stalltüren auf. Ketten fallen klirrend nieder. Die

Kühe werden losgebunden. Ihr Fell ist blank gestriegelt. Bunte Bänder

flattern an den Hörnern als festfroher Schmuck.

Manchem Mütterlein, das nur ein paar kümmerliche Morgen Pachtwiese

ernten kann, rutscht mit dem Ruf des Hirtenhorns eine Sorge vom Herzen.

Der Heuboden hat ein arges Loch bekommen. Dem Bergmenschen ist sein

Vieh nicht Inventar. Er lebt mit seinen Tieren und sieht ihre Not nicht

nur mit den Augen. Er fühlt sie im Herzen mit. Und so begrüßt er das

erste Frühlingsgrün an den Hängen wie eine Gottesgabe, die die Berge

ihm darreichen für seine Tiere. Froh und kümmernisbefreit läßt er sie

nun hinaus: Kumm, Resel, Orschel, Herschel, Liesel, -- kumm!

Die Braunen treten zaudernd über die Schwelle. Sie können noch nicht

daran glauben, daß sie die Kette nicht mehr an der Krippe festhält. Und

das Taglicht blendet nach dem langen Stalldämmer. Wieder ein zaghafter

Schritt. Nun stehen sie draußen und gucken und wundern sich.

Dann geht ihnen ein Erinnern auf an die goldene Freiheit in den Bergen.

In übermütigen Sprüngen und Kapriolen hopsen sie davon. Sie schlagen

aus in wilder Freude, als wollten sie die Winterfesseln weit von sich

schleudern. Die Temperamentvollsten geben ihr Freiheitsbehagen mit

den Hörnern kund. Es ist ein Raufen und Stoßen bald hier, bald dort.

Bis der Hirtenhund Ordnung schafft oder die Peitsche eines Jungen

über die Kämpfenden hinknallt. Klitsch--klatsch--paatsch! -- Das

Peitschenknallen gehört zu diesem Festtag wie die Herde selbst. Das

wäre kein Bergjunge, der sich nicht wochenlang im Peitschenschlagen

geübt und der nicht den Ehrgeiz hätte, die beste, schlankste »Schwippe«

zu haben für diesen Tag, auf den sich alle freuen.

Manche Bicktanne wandelt sich zum Peitschenstiel. Die Kaufleute können

nicht genug Klappschnüre schaffen, und der Sattler muß die Riemen

bündelweis schneiden. Wenn dann der große Tag da ist, wird die Schwippe

geschmückt mit der Schwester schönstem Haarband, -- und ein Knallen

geht los auf allen Gassen. Klitsch--klatsch--paatsch! hallen die Berge

wider. Klitsch--klatsch--paatsch! kommt’s im Echo von den Hauswänden.

Der kleinste Knirps ist mit heiligstem Eifer dabei. Selbst die Alten

können es nicht verwinden, noch einmal die alte Kunst zu üben. Und es

wird erst ruhig im Städtchen, wenn die Herde heimwärts zieht und die

Stalltüren sich wieder schlossen.

Unfug, sagst du? -- Nein, auch das Peitschenknallen ist eine Äußerung

der Frühlingsfreude. Wie soll ich’s nennen?

Wenn du’s als Bergjunge nicht gefühlt hast, du wirst’s als Nörgler

nicht erjagen.

[Illustration]

Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers · 第 13 / 33 题