XII.

Das Wiederfinden.

»Wer irgendwelche Mittheilungen über die Familie

Martin Mac Carthy (früheren Pächter der Farm von

Kerwan, Grafschaft Kerry, Kirchspiel Silton) zu machen

im Stande ist, wird dringend gebeten, diese der Firma

Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin, zugehen

zu lassen.«

Diese Anzeige in der Nummer vom 3. April 1884 der Gazette de Dublin

hatte unser junger Held selbst aufgegeben und mit zwei Schillingen für

die Zeile bezahlt. Am nächsten Tage stand derselbe Aufruf auch in den

andern Blättern der Hauptstadt. Findling hätte eine halbe Guinee gar

nicht besser anzuwenden gewußt, denn wie hätte er, das Adoptivkind der

unglücklichen Familie, die ihm so viele Wohlthaten erwiesen hatte,

diese jemals vergessen können? Er hielt es für seine Pflicht, alles zu

versuchen, um sie wiederzufinden, ihr nach Kräften zu helfen, und er

freute sich schon im voraus von ganzem Herzen darauf, der Familie an

Lebensglück zurückerstatten zu können, was er an Liebe von ihr empfangen

hatte.

Wie konnte er aber wissen, wo die Leute jetzt ein Obdach gefunden

hatten, ob sie in Irland geblieben waren und jetzt vielleicht ihr

Brod von Tag zu Tag erwerben mußten, ob Murdock, um sich weiteren

Verfolgungen zu entziehen, vielleicht ausgewandert war und ob dessen

Angehörige etwa gar sein Exil in fernem Lande, in Australien oder

Amerika, theilten. Er hatte auch keine Ahnung, ob Pat noch segelte, und

der Gedanke, daß die brave Familie wahrscheinlich jetzt noch unter der

Last des Unglücks seufzte, verursachte ihm recht schweren Kummer.

Obwohl Findlings Aufruf jeden Sonnabend mehrere Wochen hindurch in allen

Dubliner Blättern stand, blieb er doch erfolglos. Wäre Murdock in ein

Gefängniß des Landes eingeliefert worden, so hätte er das jedenfalls

erfahren. So konnte der Knabe nur annehmen, daß Martin Mac Carthy sich

inzwischen mit den Seinigen nach Amerika oder Australien eingeschifft

habe, von wo sie vielleicht nie mehr zurückkehrten, wenn sie da eine

zweite Heimat gefunden hatten.

Die Hypothese einer Auswanderung nach Australien wurde übrigens durch

Nachrichten, die O'Brien von früheren Geschäftsfreunden einzog, bald

bestätigt. Ein von Belfast eingetroffener Brief brachte die erste

Aufklärung. Nach Angabe der Bücher einer Auswanderungsagentur hatten

sich die Mac Carthy's -- drei Männer, zwei Frauen und ein Kind --

vor fast zwei Jahren nach Melbourne eingeschifft. Hier ihre Spuren zu

entdecken, war fast unmöglich, und alle Schritte, die O'Brien in dieser

Richtung that, blieben ohne jeden Erfolg. Findling rechnete nun blos

noch auf den zweiten Sohn Mac Carthy's, vorausgesetzt, daß dieser noch

auf einem Schiffe des Hauses Macuard von Liverpool in Diensten stand. Er

schrieb also an den Chef dieser Firma, erhielt aber die Antwort, daß Pat

vor fünfzehn Monaten aus seiner Stellung bei ihnen geschieden sei und

sie nicht wüßten, auf welchem Schiffe er jetzt segelte.

So blieb nur die einzige Hoffnung, daß Pat bei gelegentlicher Rückkehr

nach Irland von der seine Familie betreffenden Anzeige Kenntniß erhielt,

und an diese, wenn auch schwache Hoffnung wollte Findling sich vorläufig

halten.

O'Brien bemühte sich vergeblich, seinem jungen Abmiether mehr Zuversicht

einzuflößen, und eines Tages, als sie von der gleichen Angelegenheit

sprachen, sagte er:

»Es sollte mich wundern, junger Freund, wenn Du die Familie Mac Carthy

nicht früher oder später wiedersähest.

-- Jetzt, wo alle in Australien... Tausende von Meilen von hier weg

sind, Herr O'Brien?

-- Wie kannst Du nur so sprechen, mein Kind! Australien gehört doch

fast zu unsrer Stadt, es liegt beinahe vor unsrer Hausthür. Entfernungen

giebt es heutigen Tages nicht mehr, die hat der Dampf zunichte gemacht.

Jener Martin und seine Frau werden schon nach der Heimat zurückkehren.

Irländer vergessen ihr Irland niemals, und haben sie da draußen etwas

vor sich gebracht....

-- Könnte ich das wirklich erhoffen, Herr O'Brien? fragte Findling

kopfschüttelnd.

-- Gewiß, wenn sie so tüchtige Arbeiter sind, wie Du sagst.

-- Muth und Einsicht genügen nicht immer, Herr O'Brien. Man muß auch

etwas Glück haben, und das war den Mac Carthy's fast stets versagt

geblieben.

-- Was nicht ist, kann noch werden, mein Sohn! Glaubst Du etwa, daß

ich selbst immer vom Glück begünstigt gewesen wäre?... Nein, ich habe

manche Schwierigkeiten zu überwinden, manche Verluste zu tragen gehabt,

bis ich mich als Herrn meiner Lage fühlte. Bist Du nicht selbst ein

Beispiel dafür? Hast Du Deine Laufbahn nicht als ein Spielball des

Elends begonnen, und jetzt...

-- Ja, Sie haben Recht, Herr O'Brien; ich frage mich auch manchmal, ob

nicht alles nur ein Traum ist.

-- Nein, mein liebes Kind, es ist echte, schöne Wirklichkeit! Daß Du

ganz anders gehandelt hast, als man es von einem zwölfjährigen Kinde

erwarten konnte, ist freilich etwas ganz außergewöhnliches. Doch, die

Vernunft ist nicht immer nach dem Alter zu messen, und von ihr hast Du

Dich von jeher leiten lassen.

-- Von der Vernunft?... Vielleicht. Und doch, wenn ich mir meine

heutige Lage vergegenwärtige, scheint es mir, daß der Zufall daran nicht

wenig Antheil hat.

-- Im Leben giebt es weniger Zufall, als Du glaubst, alles geht mit

logischer Nothwendigkeit eines aus dem andern hervor. Das wirst Du

noch erfahren. Es ist auch selten, daß ein Unglück nicht durch einen

Glücksfall wett gemacht würde.

-- Das glauben Sie, Herr O'Brien?

-- Ja, und um so fester, als es, was Dich betrifft, gar nicht

zweifelhaft sein kann. Das hab' ich mir schon oft gesagt, wenn ich über

Deinen Lebenslauf nachdachte. So bist Du zu der bösen Hard gekommen, das

war ein Unglück....

-- Aber auch ein Glück, weil ich dort die gute Sissy kennen lernte,

deren Liebe zu mir ich nie vergessen kann. Was mag aus meiner armen,

kleinen Leidensgefährtin geworden sein, und ob ich sie wohl jemals

wiedersehe?... Ja, das war damals ein Glück....

-- Und auch das war ein solches, daß die Hard eine so abscheuliche

Megäre war, sonst wärst Du ja in Rindock bis zu der Zeit geblieben, wo

Du in das Armenhaus von Donegal zurück mußtest. Da bist Du entflohen und

in die Hände des Puppenschaustellers gefallen....

-- O, das Ungeheuer! rief Findling.

-- Dennoch betrachte ich es als Glück, daß er das war, denn sonst

irrtest Du vielleicht noch heute, wenn auch nicht versteckt im Kasten,

so doch im Dienste Thornpipe's auf den Landstraßen umher. Von da kamst

Du nach der =Ragged-School= in Galway...

-- Ja, und da lernte ich Grip kennen... Grip, der so gut zu mir war,

dem ich das Leben verdanke, das er mir rettete, während er das seinige

aufs Spiel setzte....

-- Und damit kamst Du zu der launenhaften Schauspielerin. Zugegeben, daß

Du bei ihr ein weit schöneres Leben hattest, zu einem ehrenvollen Ziele

hätte es Dich aber doch nicht geführt, und ich betrachte es als ein

Glück, daß sie, nachdem sie ihr Vergnügen mit Dir gehabt hatte, Dich

eines schönen Tages verließ....

-- Darum zürne ich ihr nicht, Herr O'Brien. Sie hatte mich aufgenommen,

war liebreich gegen mich... und seit jener Zeit... ist mir manches

klar geworden. Ihrem Gedankengang nach wurde ich in Folge dessen von der

Familie Mac Carthy in der Farm von Kerwan aufgenommen....

-- Richtig, mein Sohn. Und auch da...

-- O, Herr O'Brien, Sie werden mich schwerlich überzeugen, daß das

Unglück dieser braven Leute auch ein Glück für mich gewesen wäre.

-- Ja und nein, antwortete O'Brien.

-- Nein, Herr O'Brien, nein! versicherte Findling energisch. Und wenn

ich mir etwas erwerbe, wird mir immer das schmerzliche Gefühl bleiben,

daß der Grund dieses Vermögens nach dem Untergange der Mac Carthy's

gelegt wurde. Wie gern hätt' ich als Kind des Hauses mein Leben auf

jener Farm verbracht! Da hätt' ich mein Pathenkind Jenny aufwachsen

sehen, und ein größeres Glück, als das meiner Adoptivfamilie zu

betrachten, könnt' ich mir gar nicht denken.

-- Ich verstehe Dich, mein Kind. Es ist aber nicht minder richtig, daß

grade dieser Verlauf der Dinge Dir einmal gestatten wird, Dich für das,

was jene an Dir gethan, erkenntlich zu zeigen.

-- Besser wär' es doch, Herr O'Brien, wenn sie nicht nöthig hätten, von

irgend jemand Hilfe anzunehmen.

-- Ich erkenne gern diese Empfindungen an, die Dir alle Ehre

machen. Doch setzen wir unsre Betrachtungen fort. Du kamst nach

Trelingar-castle....

-- O, diese widerwärtigen Leute, der Marquis, die Marquise und ihr Sohn

Ashton!... Welche Kränkungen hab' ich da erdulden müssen!... Das war

die schlimmste Zeit meines Lebens.

-- Und doch ein Glück, daß es so war. Bei guter Behandlung wärst Du

vielleicht in Trelingar-castle geblieben....

-- Nein, Herr O'Brien, im Dienste als Groom?... Nein, gewiß nicht!...

Ich blieb nur da, um auf ein besseres Unterkommen zu warten und bis ich

mir etwas erspart hätte.

-- Nun, bemerkte O'Brien, eine Person muß doch sehr befriedigt davon

sein, daß Du überhaupt in jenes Schloß gekommen warst; ich meine die

Kat.

-- O, die vortreffliche Frau!

-- Und einer, der sehr zufrieden sein muß, daß Du von dort weggegangen

bist, ich meine Bob, denn sonst konntest Du den nicht auf der Landstraße

finden,... nicht ihn retten und mit nach Cork nehmen, wo Ihr beide so

tüchtig gearbeitet, wo Ihr Grip wiedergefunden habt, und heute wärst Du

nicht in Dublin...

-- Und im vertraulichen Gespräch mit dem besten aller Menschen, der uns

so freundlich entgegenkam! antwortete Findling, die Hand des Exkaufmanns

ergreifend.

-- Der Dir auch später, wenn nöthig, mit Rath und That beistehen wird.

-- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, ich danke! Ja, Sie haben recht; Ihre

Erfahrungen können Sie nicht trügen. Im Leben ist alles miteinander

verkettet. Gebe Gott, daß auch ich allen nützlich sein könnte, die ich

liebe und die mich geliebt haben!«

Das Geschäft des Knaben blühte immer weiter, der Zudrang von Käufern

verminderte sich nicht. Der Bazar erhielt vielmehr noch eine neue

Einnahmequelle.

Auf Anrathen O'Brien's legte sich Findling noch den Einzelverkauf von

Specereien zu und zu diesen wird jetzt ja vielerlei gerechnet. Der Laden

wurde bald zu beschränkt, so daß noch der andre Theil des Erdgeschosses

gemiethet werden mußte, und es währte nicht lange, da wollte sich

das ganze Stadtviertel mit derlei Waaren nur im »Kleinen Geldbeutel«

versorgen. Diese Abtheilung fiel Kat zu, und sie entledigte sich ihrer

Aufgabe auch mit rühmlichstem Eifer. Nun gab's freilich vom Morgen

bis zum späten Abend sehr viel zu thun und Findling wäre mit seiner

Buchführung und dem täglichen Cassenabschluß manchmal nicht fertig

geworden, wenn ihm nicht der alte Kaufmann hilfreich beigesprungen wäre.

Jetzt hätte sich unbedingt die Einstellung eines Gehilfen nöthig

gemacht, und doch wollte der jugendliche Principal sich nicht

entschließen, einen ganz Fremden bei sich aufzunehmen. Ja, wenn Grip

dazu zu bewegen gewesen wäre! Doch daran war vorläufig nicht zu denken,

obwohl dieser wie ausersehen schien, auf hohem Sessel hinter dem Pulte

zu sitzen und die Conti für alle Lieferanten in Ordnung zu halten.

Das war doch jedenfalls angenehmer, als sich vor den Dampfkesseln

des »Vulcan« den Magen ausbraten zu lassen. Vergeblich wurde ihm das

vorgestellt. Beim jedesmaligen Aufenthalt in Dublin widmete der erste

Heizer zwar alle freien Stunden dem Bazar seines Freundes und unterzog

sich hier gern jeder Arbeit; doch das dauerte nur eine Woche, dann fuhr

der »Vulcan« wieder ab, und achtundvierzig Stunden später befand sich

Grip schon Hunderte von Meilen weit entfernt von der Smaragdenen Insel.

Seine Abfahrt war allemal ein Schmerz, seine Rückkehr eine Freude, so

als ob ein älterer Bruder fortgegangen und wieder gekommen wäre.

Der ältere Bruder machte nach wie vor seine Einkäufe bei Little Boy and

Co. Immer kam er mit seinem ganzen Vermögen im Gürtel dahin, doch ließ

er sich schließlich bestimmen, sich dieser Last und Sorge zu entledigen.

Findling nahm die Ersparnisse des Freundes, aber nicht etwa für sein

Geschäft, an; er brauchte das nicht, denn er besaß schon eine hübsche

Einzahlung bei der Bank von Irland und ein Chequebuch, womit er alle

vorkommenden Bedürfnisse bequem decken konnte. Grips Capital wurde in

der Sparcasse angelegt, die mit ihrem Capital von fast vier Millionen

mehr als genügend Sicherheit bot. Nun konnte Grip ruhig schlafen und

dazu vermehrten sich seine Ersparnisse noch durch die auflaufenden

Zinsen, die zum Capital geschlagen wurden.

Wenn Grip sich auch weigerte, die Seemannsjacke mit dem eleganten

Comptoirrocke zu vertauschen, so hatte er doch geholfen, die Kundschaft

von Little Boy zu vermehren. Alle seine Kameraden vom »Vulcan« und deren

Familien kauften alles mögliche in dem billigen Bazar, und Grip hatte

diesen überhaupt allen Matrosen im Hafen so warm empfohlen, als wenn er

der Reisende des Hauses »Zum kleinen Geldbeutel« gewesen wäre.

»Du wirst sehen, sagte er eines Tages, daß sich später auch noch die

Rheder selbst bei Dir versorgen werden. Dann mußt Du freilich für lange

Seereisen Vorräthe an Specereien und Conserven halten. Du wirst dann

Großhändler....

-- Großhändler? fragte Bob dazwischen.

-- Ja freilich... mit Läden, Kellern und Speichern; wie die Herren Roe

und Guineß.

-- Oho! stieß Bob hervor.

-- Gewiß, and Co., erwiderte Grip, der für Bob gern diesen Spitznamen

gebrauchte, und denkt daran, was ich Euch sage....

-- Bei jeder Reise, fiel ihm Findling ins Wort.

-- Ja... bei jeder Reise, wiederholte Grip. Du wirst noch ein Vermögen

erwerben, ein sehr großes Vermögen....

-- Warum willst Du dann in das Geschäft nicht als Theilhaber eintreten,

Grip?

-- Ich?... Ich soll meinen Beruf aufgeben?

-- Denkst Du darin etwa vorwärts zu kommen und vielleicht noch

Maschinist zu werden?

-- O nein... das nicht. So ehrgeizig bin ich nicht. Dazu muß man auch

studiert haben und dazu ist's jetzt zu spät. Nein, ich bin ja zufrieden

mit dem, was ich bin!

-- Höre mich an, Grip. Wir brauchen einen Gehilfen, auf den wir

uns unbedingt verlassen können. Warum weigerst Du Dich, als solcher

einzutreten?

-- Ich verstehe nichts von Eurer Buchführung.

-- Die würdest Du in kurzer Zeit erlernen.

-- Dann hab' ich auch den O'Bodkins, da unten in der Lumpenschule, sich

genug damit abmühen sehen. Nein, mein Boy, nein! Auf dem Lande bin ich

so unglücklich gewesen, auf dem Meere bin ich so glücklich. Ich fürchte

mich ordentlich vor dem Lande. Ach, wenn Du erst ein großer Handelsherr

bist und eigne Schiffe hast, dann... dann fahr' ich nur für Dich, das

versprech' ich Dir!

-- Wir wollen ernsthaft sprechen, Grip. Bedenk' einmal, daß Du Dich

später doch einmal recht vereinsamt fühlen könntest. Wenn Dir's nun

einfiele, zu heiraten...

-- Zu hei...raten!... Ich?

-- Ja, Du!

-- Was? Ich, der heimatlose Grip, ich sollte eine Frau haben?... Und

Kinder noch obendrein?

-- Natürlich... so wie alle andern Leute, bemerkte Bob mit dem Tone

eines Mannes von gereiftester Erfahrung.

-- Wie alle andern?

-- Gewiß, Grip, ich selbst sogar...

-- Nun hör' einer den Knirps... was der davon versteht!

-- Er hat aber Recht, erklärte Findling.

-- Und Du, mein Boy, Du denkst wohl auch daran...

-- Das könnte später wohl der Fall sein.

-- Sehr schön! Da ist der eine dreizehn, der andre kaum neun Jahre alt,

und sie sprechen schon vom Heiraten!

-- Von uns ist nicht die Rede, Grip, doch von Dir, der Du bald

fünfundzwanzig Jahre alt bist.

-- Nein, mein Junge, überlege Dir doch! Ich... mich verheiraten!...

Ein Heizer, der während zwei Dritteln seines Lebens schwarz aussieht wie

ein Neger!

-- Aha, rief Bob lachend, Grip fürchtet, seine Kinder könnten auch

kleine Negerbuben werden.

-- Das wäre schon möglich, antwortete Grip. Ich dürfte eigentlich nur

eine Negerin heiraten oder höchstens eine Rothhaut aus dem Innern von

Amerika.

-- Grip, nahm Findling wieder das Wort, Du thust unrecht, zu scherzen.

Wir sprechen ja einzig in Deinem Interesse. Die Zeit wird kommen, wo es

Dich reuen dürfte....

-- Was willst Du denn, mein Boy... Ich weiß ja, Du bist verständig...

es wäre auch so schön, beieinander zu wohnen. Bisher hat mich mein Beruf

aber ernährt; er wird mich auch später ernähren, und ich kann's mir gar

nicht vorstellen, ihn aufgeben zu sollen.

-- Nun, wie Du willst, Grip. Hier wird immer Raum für Dich sein, und

es sollte mich doch sehr wundern, wenn ich Dich nicht eines Tages noch

hinter dem Pulte als Geschäftstheilhaber sitzen sähe.

-- Da müßt ich mich erst stark verändert haben....

-- Das wird schon kommen, Grip. Jeder Mensch verändert sich, und das ist

auch ganz recht, denn es geschieht, um sich zu verbessern...«

Grip gab jedoch keinem Zureden nach. Er liebte einmal seinen Beruf,

stand bei seinen Rhedern gut angeschrieben, der Kapitän des »Vulcan«

schätzte und seine Kameraden liebten ihn. Um Findling aber nicht gar so

sehr zu betrüben, sagte er:

»Wir werden ja sehen... bei meiner Rückkehr!«

Wenn er dann wiederkam, wiederholte er freilich nur, was er bei der

Abreise gesagt hatte:

»Wir werden ja sehen... werden ja sehen!«

Little Boy and Co. mußten also für die schriftlichen Arbeiten einen

Commis anstellen. O'Brien sendete ihnen einen alten Buchhalter, Balfour

mit Namen, zu, für den er gutsagte und der seine Sache aus dem Grunde

verstand. Grip war es aber doch nicht!

Das Jahr verlief vortrefflich, und als genannter Balfour aus den Büchern

die Lage des Geschäftes feststellte, ergab sich -- an Waaren und an

Depositen bei der Bank von Irland -- ein Vermögensstand von tausend

Pfund Sterling.

Zu dieser Zeit -- im Januar 1885 -- trat Findling ins vierzehnte

Lebensjahr und Bob war nun neuneinhalb Jahre alt. Gesund und kräftig,

spürten sie nichts mehr von dem früheren elenden Leben. Es war edles

gaëlisches Blut, das in ihren Adern floß, wie der Shannon, die Lee oder

die Liffey, die durch Irland strömen, um es immer frisch zu beleben.

Der Bazar blühte immer weiter. Findling war offenbar auf dem Wege zu

Glück und Wohlstand. Von gewagten Speculationen hielt er sich fern,

obgleich er nicht der »Mann« dazu war, eine sich bietende günstige

Gelegenheit unbenützt zu lassen.

Immerfort beunruhigte ihn jedoch das Schicksal der Mac Carthy's. Auf

Erkundigungen, die er von Melbourne in Australien einzog, wurde ihm nur

die Antwort zutheil, daß man die Spuren der gesuchten Familie gänzlich

verloren habe, was in dem großen, in seinem Innern kaum bekannten Lande

ja so häufig vorkommt. Mittellos, wie sie waren, hatten Martin und

seine Kinder wahrscheinlich nur auf irgend einer weit entlegenen

Schafzüchterei Arbeit finden können, doch wo?... Wer hätte das zu sagen

vermocht?

Ueber Pat war seit dem Abgange von der Firma Macuard auch nichts bekannt

geworden, und möglicherweise hatte sich dieser zu seinen Eltern nach

Australien begeben.

Neben der Sorge um die Mac Carthy's bekümmerte Findling nur noch die um

Sissy, seine Leidensgenossin bei der Hard. An die letztere selbst, sowie

an den grausamen Thornpipe und an die hochfahrenden Piborne's dachte er

gar nicht mehr.

Höchstens bezüglich der Miß Anna Walston wunderte er sich, sie noch

niemals auf einem Dubliner Theater wieder haben erscheinen zu sehen,

doch war er unschlüssig, ob er, wenn das doch einträte, zu ihr gehen

sollte oder nicht.

»Und Carker?... Ist der endlich gehenkt worden?«

So lautete unverändert Grips Frage nach jeder Heimkehr des »Vulcan«,

sobald er den Laden »Zum kleinen Geldbeutel« betrat. Auf die Antwort,

daß man ihm darüber nichts sagen könne, durchwühlte Grip die alten

Zeitungen, ohne etwas zu finden, was sich »auf den vollendetsten

Galgenstrick der Lumpenschule« bezogen hätte.

»Nun, wir wollen's abwarten. Nur ein wenig Geduld!

-- Warum sollte denn Carker nicht ein ganz braver Bursche geworden sein

können?

-- Er?... rief Grip,... er, der Schlingel?... Nein, dann könnte es

einem leid werden, ehrenhaft zu sein.«

Kat, der die Geschichte der Verwahrlosten von Galway bekannt war,

stimmte mit Grip darin überein, wie überhaupt in allem, bis auf den

einen Punkt, daß Kat den Grip stets drängte, das Seefahren aufzugeben,

was dieser wieder hartnäckig verweigerte. Mit Ende des Jahres war denn

diese Frage auch um keinen Schritt vorwärts gekommen.

Jetzt war der 25. November; es herrschte schon voller Winter. In großen

Flocken fiel der Schnee herab, der leichten Federn gleich auf der Erde

hintrieb. Es war einer jener eisigen Tage, an denen man am liebsten in

der warmen Stube bleibt.

Findling konnte das heute jedoch nicht. Am Morgen hatte er einen Brief

eines seiner Lieferanten in Belfast erhalten. Die Ausgleichung einer

Rechnung drohte dort einen Proceß herbeizuführen, und Processe soll man

in jedem Falle möglichst zu vermeiden suchen. Das war wenigstens die

Ansicht O'Brien's, und dieser drängte den Knaben auch, selbst nach

Belfast zu reisen und jene Angelegenheit so gut wie möglich persönlich

zu erledigen.

Findling mußte ihm Recht geben und beschloß diesem Rathe sofort zu

folgen. Es handelte sich ja nur um eine Eisenbahnfahrt von kaum hundert

Meilen. Wenn er um neun Uhr abreiste, traf er noch denselben

Vormittag in Belfast ein, der Nachmittag mußte genügen, mit seinem

Geschäftsfreunde ins reine zu kommen, und vor Mitternacht hoffte er

wieder zu Hause sein zu können.

Bei einer so knapp bemessenen Zeit kann ein Reisender den Einzelheiten

der Fahrt keine große Aufmerksamkeit schenken. Dazu flog der Zug sehr

schnell dahin, einmal längs der Küste und dann wieder mehr im Innern des

Landes. Von der Grafschaft Dublin aus durcheilte er die Grafschaft Meath

und hielt nur einige Minuten in Drogheda, einem nicht unbedeutenden

Hafen, von dem Findling freilich nichts sah, ebenso wenig wie von dem

eine Meile davon entfernten berühmten Schlachtfelde von Boyne, das den

schließlichen Sturz der Dynastie der Stuart's sah. Weiter rastete der

Zug einmal in der Grafschaft Louth in Dunkalk, einer der ältesten Städte

der Grünen Insel, wo der berühmte Robert Bruce einst gekrönt wurde.

Hierauf gelangte er nach der Provinz Ulster, wo die Grafschaft

Donegal unsern jungen Reisenden an sein früheres Elend erinnerte. Nach

Durchschneidung der Grafschaften Armagh und Down überschritt der Zug

endlich die Grenze von Antrim.

Antrim, das Land des vulkanischen Bodens und der wilden Höhlen, hat

Belfast als Hauptstadt; ihrem Handel und ihrer Flotte von drei Millionen

Tonnengehalt nach ist das die zweite Stadt Irlands, ebenso durch

ihre Einwohnerzahl von fast zweimalhunderttausend Köpfen, durch

ihren intensiven, meist auf Lein gerichteten Feldbau, wie durch ihre

Industrie, die sechzigtausend Arbeiter in hundertsechzig Spinnereien

beschäftigt, und durch ihre wissenschaftlichen Bestrebungen, von deren

Bedeutung das Queen's-College Zeugniß giebt.

Belfast liegt an der engen Ausmündung des Laganflusses, von dem ein

Canal durch die vorgelagerten Sandbänke führt. Leichtbegreiflicherweise

herrschte an einem so gewerbthätigen Punkte, wo die politische Erregung

durch die Berührung, oder besser durch den Zusammenprall persönlicher

Interessen wach gehalten wird, immer hitziger Streit zwischen

Protestanten und Katholiken. Die ersten sind Feinde der Unabhängigkeit,

die die andern erstreben. Die einen mit dem Feldgeschrei »Oranien«,

die andern mit einem gelben Bande als Erkennungszeichen, kommen sie oft

miteinander ins Handgemenge, regelmäßig aber am 7. Juli, dem Jahrestage

der Schlacht von Boyne.

Obwohl heute nicht der 7. Juli war und die Temperatur vier Grad

unter Null betrug, herrschte in der Stadt doch der helle Aufruhr. Die

Parnelliten und die Parteigänger der »Land League« und des Landlordismus

waren in bittern Streit gerathen. Der Sitz der »Gesellschaft zur

Verbreitung der Leincultur«, an den sich die meisten Fabriken der Stadt

anschließen, hatte sogar ganz besonders geschützt werden müssen.

Findling, der ja nicht im entferntesten um politischer Streitfragen

willen hierher gekommen war, begab sich zunächst zu seinem Lieferanten,

den er auch glücklicherweise antraf.

Der Mann war nicht wenig erstaunt, als sich ihm ein so junger Knabe

in seinem Bureau vorstellte, ebenso aber über den Scharfsinn und die

Einsicht, womit dieser seine Interessen vertrat. Bald war alles

zu beiderseitiger Zufriedenheit geordnet. Zwei Stunden hatten dazu

hingereicht und Findling wollte nun in der Nähe des Bahnhofs zum Essen

gehen. Hatte er die heutige Reise schon nicht zu bereuen, da sie ihm

einen Proceß ersparte, so sollte der Besuch von Belfast ihm doch noch

eine andre Ueberraschung bereiten.

Es wurde bereits dunkel und hatte zu schneien aufgehört, nur herrschte

noch eine recht empfindliche Kälte.

Vor einer großen Fabriksanlage der Stadt vorübergehend, wurde Findling

durch einen Haufen von Menschen aufgehalten, der die Straße völlig

sperrte. Es war grade Zahltag in den Fabriken, und eine für die folgende

Woche angekündigte Lohnverkürzung hatte eine große Arbeiterschaar

gewaltig in Erregung versetzt.

Die Leinindustrie wurde in Belfast von Emigranten nach Aufhebung des

Edicts von Nantes eingeführt, deren Nachkommen noch heute in derselben

thätig sind. Die betreffende Fabrik gehörte einer anglicanischen

Gesellschaft, deren Arbeiter aber zum größten Theile Katholiken waren,

und diese gaben ihrem Unwillen nun in lärmendster und rohester Weise

Ausdruck.

Auf das anfängliche Geschrei folgten schwere Drohungen und bald wurden

Thüren und Fenster des Etablissements mit Steinen beworfen. Da trabte

aber auch schon eine Abtheilung Polizisten in die Straße ein, um die

Zusammenrottung zu zerstreuen und die Rädelsführer zu verhaften.

Um den Zug nicht zu versäumen, suchte Findling aus dem Tumulte zu

entkommen; vergeblich. Der Gefahr ausgesetzt, umgeworfen, gesteinigt

oder durch den Angriff der berittenen Constabler zermalmt zu werden,

flüchtete er sich in eine Hausthüröffnung, als gerade fünf oder sechs

Arbeiter, von wuchtigen Schlägen getroffen, in der Nähe niederstürzten.

Neben ihm lag ein junges weibliches Wesen, eines jener armen, blassen

entkräfteten Fabriksmädchen, die, obwohl achtzehn Jahre zählend, doch

kaum zwölf Jahre alt zu sein schien. Zur Erde geworfen, rief sie noch:

»Zu Hilfe!... Zu Hilfe!«

Diese Stimme?... Findling glaubte sie zu kennen; es dämmerte wie eine

alte Erinnerung in ihm auf... er konnte kein Wort hervorbringen...

sein Herz schlug zum Zerspringen...

Als die zum Theil zurückgetriebene Menge die Straße etwas frei ließ,

beugte er sich über das arme Mädchen nieder. Diese war bewußtlos. Er

hob ihren Kopf in die Höhe und wendete das Gesicht dem Lichte einer

Gasflamme zu....

»Sissy!... Sissy!« murmelte er.

In der That war es Sissy, die ihn aber nicht hören konnte.

Ohne sich über seine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, hob er die

Unglückliche, als ob sie ihm angehört hätte, und wie ein Bruder die

Schwester, einfach auf und brachte sie, ohne daß das Mädchen noch wußte,

was mit ihr geschah, nach dem nahen Bahnhof.

Als der Zug abfuhr, lag Sissy in einem Coupé erster Classe bequem

und noch immer halb bewußtlos auf den Polstern und neben ihr kniete

Findling, der sie rief... anredete... sie umarmte....

Nun, er hatte ja wohl ein Recht darauf, Sissy, die Gefährtin seiner

Leiden, zu entführen, und wenn sie bei jemand ein Anrecht auf

Samariterhilfe besaß, dann war es doch bei diesem Knaben, den sie früher

so oft gegen die Mißhandlungen durch die abscheuliche Hard geschützt

hatte.

Der Findling. Zweiter Band. · 第 28 / 34 题