IX.

Eine Speculation Bobs.

Einen Monat später schoben auf der Straße, die südwestlich von Cork und

durch die östlichen Gebiete der Grafschaft nach Youghal führt, ein Knabe

von elf und ein kleiner von acht Jahren einen leichten Karren, der von

einem Hunde gezogen wurde.

Die beiden Kinder waren Findling und Bob. Der Hund war Birk.

Das Zureden Grips hatte gefruchtet. Ehe er mit dem ersten Heizer des

»Vulcan« zusammentraf, träumte Findling nur davon, Cork zu verlassen und

sein Glück in Dublin zu versuchen. Nach dem Zusammentreffen machte er

seinen Traum zur Wahrheit. Gewiß hatte er über diesen wichtigen Schritt

reiflich nachgedacht, denn er gab dabei ja das Gewisse für das Ungewisse

hin. In Cork konnte er jedoch voraussichtlich niemals weiter vorwärts

kommen, in Dublin dagegen eröffnete sich seiner Thätigkeit ein viel

weiteres Feld. Auch Bob, den er deshalb befragte, erklärte sich bereit,

sofort aufzubrechen, und einem Rathschlag Bobs durfte er schon einiges

Gewicht beilegen.

Unser junger Held mußte infolge dessen seine Einlagen bei dem

Buchhändler zurückziehen, der ihm einige Einwürfe wegen seiner

Zukunftspläne machte. Er erzielte damit aber nichts bei dem so

frühreifen Kinde, das ja nicht gewöhnt war, Chimären nachzujagen,

was sonst vielfach in Paddys Natur liegt. Findling war nun einmal

entschlossen, höher hinauf zu streben, und eine Ahnung sagte ihm, daß

das nur gelingen werde, wenn er Cork mit Dublin vertauschte.

Ueber den einzuschlagenden Weg und die Art des Fortkommens war sich

Findling bald im klaren.

Den kürzesten Weg bietet allerdings die Bahnlinie nach Limerick und

von da durch die Provinz Leinster nach Dublin, und die schnellste

Beförderung fand man, wenn man in Cork in einen Eisenbahnzug ein- und

nach dessen Ankunft in der Hauptstadt Irlands wieder ausstieg. Das hätte

aber das Opfer einer Guinee für jeden gekostet, und Findling pflegte auf

seine Guineen zu halten. Wer gesunde Beine und genug Zeit hat,

braucht sich den Kopf ja nicht zu zerbrechen und sich in einem Waggon

durchrütteln zu lassen. Jetzt war die schönste Jahreszeit, und die Wege

der Grafschaft sind vom Mai bis zum September in recht gutem Zustande.

Da lag doch der Vortheil auf der Hand, lieber unterwegs noch etwas zu

verdienen, als so viel Geld für eine schnelle Beförderung auszugeben.

So wollte der junge Händler also, von Dorf zu Dorf, von Flecken

zu Flecken ziehend, das in Cork begonnene Geschäft ununterbrochen

fortsetzen, wollte Journale, Broschüren, Papiere u. dgl. verkaufen,

kurz, Handel treiben bis Dublin.

Dazu brauchte er höchstens noch einen Karren, um seine Hausierwaaren

unterzubringen, und darüber eine Wachstuchdecke, um sie gegen Staub und

Nässe zu schützen. Vor den Karren sollte Birk gespannt werden, der sich

gewiß nicht weigerte, ihn zu ziehen, und die beiden Kinder wollten dem

Hunde durch nachschieben helfen. Als Weg sollte der längs der Küste

gewählt werden, weil dieser über mehrere, nicht unwichtige Städte,

Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit

stark besuchte Badeorte hinführt. Kostete das auch zwei, vielleicht gar

drei Monate Zeit, so brauchten sie sich darum nicht zu kümmern, wenn

unterwegs nur immer etwas verdient wurde.

Am 18. April, einen Monat nach der Begegnung mit Grip in Queenstown,

befanden sich also Findling, Bob und Birk, der letztere ziehend, die

andern beiden schiebend, auf der Landstraße von Cork nach Youghal, wo

sie nach wenig anstrengendem Marsche am Nachmittage ankamen.

Zu klagen hatten sie keine Ursache, jedenfalls fiel es Birk gar

nicht ein zu murren. Dieser wurde übrigens nicht zu stark in Anspruch

genommen, und wo der Weg anstieg, halfen die Knaben durch schieben mit

besten Kräften nach. Der zweirädrige Karren war sehr leicht. Findling

hatte ihn durch Gelegenheitskauf von einem Kaufmann in Cork erworben.

Der Waarenvorrath bestand in Zeitungen, politischen Broschüren --

einige freilich in Gedankengang und Stil gleich schwerfällig -- in

Schreibpapier, Bleistiften, Federn und andern ähnlichen Sachen, ferner

in Tabakspacketen, deren Bestand durch Einkauf in den besten Läden mit

dem bunten Schilde des Bergschotten erneuert werden sollte, und endlich

in verschiedenen Artikeln und Kleinigkeiten. Alles das wog nicht schwer

und ließ sich voraussichtlich leicht und mit hübschem Profit absetzen.

Die Leute auf dem Lande interessierten sich überall für die beiden

Knaben, von denen der eine so ernst war, wie ein ergrauter Kaufmann, und

der andre ein so gewinnendes Lächeln zeigte, daß es gar niemand einfiel,

mit ihm zu feilschen.

Der Karren kam in Youghal an, einem großen Flecken mit sechstausend

Einwohnern und einem in der Ausmündung des Blackwater gelegnen Hafen

für Küstenfahrzeuge. Hier ist das Land, wo die »heilige Kartoffel« in

höchsten Ehren steht. Der Irländer könnte es wohl nie vergessen, daß

Sir Walter Raleigh in der Umgebung von Youghal mit der Kartoffel, dem

eigentlichen Brode Irlands, die ersten Anbauversuche unternahm.

Findling verbrachte den Rest des Tages in Youghal, gönnte sich aber

keine Rast, ehe er nicht sein Waarenlager, das auf dem Wege nach

Dungarvan jedenfalls schnell gelichtet wurde, vollständig ergänzt hatte.

Ein nahrhaftes Essen am Tisch eines Gasthauses, ein Bett für beide und

ein Lager für Birk fanden sie für mäßigen Preis. Am folgenden Morgen

zogen sie dann nach dem nächsten Dörfchen weiter und hielten auch vor

den Farmen an, deren sie auf jede Meile zweien bis dreien begegneten.

Meist blieben sie auch über Nacht auf einer solchen Farm, da es nicht

rathsam erschien, noch im Dunkeln auf der Landstraße zu sein, wenn

Birk auch da war, seinen Herrn und dessen zweirädrigen Kramladen zu

vertheidigen.

Wie empfand Findling da die Veränderung gegen jene Zeit, wo er auf

den Landstraßen von Connaught so schwer hatte leiden müssen! Welcher

Unterschied zwischen seinem Karren und dem des rohen Thornpipe, jenem

finstern Kasten, worin er immer dem Ersticken nahe war! Diese

Dinge ähnelten sich so wenig, wie Birk dem zottigen Köter des

Puppenschaustellers. Jetzt brauchte er nicht mehr durch Drehen des

Mechanismus die königliche Familie und den Hof von England Walzer tanzen

zu lassen.... Er lebte nicht mehr von Almosen, sondern von seinem

täglichen, ehrlichen Verdienst. Das flößte ihm auch Vertrauen für die

Zukunft ein, die Hoffnung, in Dublin ebensoviel und wohl noch mehr

Erfolg zu haben, als das halbe Jahr in Cork.

Von Cork aus mußte eine Brücke überschritten werden, um zur Landstraße

nach Dungarvan zu gelangen.

»Da ist eine Brücke, rief Bob; von solcher Länge hab' ich noch keine

gesehen.

-- Ich auch nicht,« antwortete Findling.

Die Brücke über die Bai des Blackwater, ohne die man einen starken

Tagesmarsch mehr gehabt hätte, ist in der That zweihundertsiebzig Toisen

(circa 527 Meter) lang.

Der Karren rollte auf ihrem Plankenbelag hin, über den ein frischer

Westwind strich.

»Das ist fast, als wäre man auf einem Schiffe! bemerkte Bob.

-- Jawohl, Bob, wie auf einem Schiffe mit Rückenwind. Fühlst Du, wie er

uns vorwärts treibt?«

Jenseits der Brücke gelangte man nun in die Grafschaft Waterford, die

ihrerseits wieder an die Grafschaft Kilkenny in der Provinz Leinster

grenzt.

Findling und Bob ermüdeten sich nicht allzusehr. Sie wanderten ohne

besondre Eile weiter. Es kam ihnen ja vor allem darauf an, die in

Youghal eingekauften Waaren mit Nutzen abzusetzen, ehe sie Dungarvan

erreichten, wo alle Vorräthe erneuert werden sollten. Fünfundzwanzig bis

dreißig Meilen, die Abweichungen vom geraden Wege eingerechnet, hätten

einen Spaziergang von wenigen Tagen erfordert. Lagen hier auch nahe

der Küste nur wenige Dörfer, so trafen sie doch auf weit mehr einzelne

Gehöfte, und das bot ihnen Aussichten auf reichlichen Absatz, die

sie nicht unbeachtet lassen durften. Eine Eisenbahn gab es auf dem

Küstengürtel nicht und die Bauern konnten sich nur schwierig mit den

gewöhnlichsten kleinen Bedürfnissen versorgen. Findling wollte sich

diesen Vortheil also jedenfalls nicht entgehen lassen.

Der Erfolg gab ihm Recht. Jeden Abend, ehe sie sich zur Ruhe begaben,

zählte Bob die seit dem Morgen vereinnahmten Schillinge und Pence, und

Findling trug die Summe in sein »Cassabuch« auf der Seite der Einnahmen

gegenüber der der Ausgaben für persönliche Bedürfnisse, Essen, Trinken,

Nachtlager u. s. w. gewissenhaft ein. Nichts machte Bob mehr Vergnügen,

als die Geldstücke hübsch in Ordnung aufzuzählen, und Findling nichts

mehr, als sein Guthaben zusammenzurechnen, während Birk zufrieden bei

ihnen lag, bis sie fertig waren und dann alle die Ruhe suchten.

Am 3. Mai gelangte der Karren nach dem Flecken Dungarvan. Er war leer --

nicht der Flecken, sondern der Karren -- und mußte von Grund auf frisch

gefüllt werden, was in dem sechstausend Einwohner zählenden Orte keine

großen Schwierigkeiten machte. Dungarvan hat einen Hafen für flächer

gehende Schiffe, an der Bai gleichen Namens, deren Ufer durch einen

fünfhundert Toisen (975 Meter) langen Damm mit Durchlaß für die Schiffe,

verbunden sind. Wie bei Youghal kann man also auch hier über die Bai

hinweg gelangen, statt diese umkreisen zu müssen.

Zwei Tage verweilte Findling in Dungarvan. Er hatte hier den trefflichen

Einfall, von den Küstenfahrern sehr billig verschiedene Wollenwaaren

zu kaufen, die ihm seiner Meinung nach im Lande draußen gern abgenommen

würden. Birks Last wurde dadurch auch nicht wesentlich vergrößert.

Die nutzbringende Reise ging immer langsam weiter, und wenn sie nicht

von erwähnenswerthen Ereignissen unterbrochen wurde, so blieb sie zum

Glück doch auch frei von Unfällen. Die Witterung blieb unverändert

günstig. Auf der Landstraße kein Abenteuer. Wer hätte den Kindern auch

ein Leid anthun sollen? An den Küsten Südirlands begegnet man überhaupt

wenigeren zu Rohheiten und Gewaltthätigkeiten geneigten Leuten. Die

Gegend ist auch nicht so arm, wie viele andre Grafschaften, z. B.

die von Connaught und von Ulster. Das Meer liefert hier reiche Beute.

Fischfang und Küstenfahrt ernähren den Schiffer und den Matrosen

hinreichend, und der Landmann fühlt noch deren Nachbarschaft.

Unter solchen günstigen Verhältnissen gelangte der Karren über das

siebzehn Meilen von Dungarvan entfernte Trenmore und erreichte vierzehn

Tage später das von hier wieder ebenso weite Waterford an der Grenze von

Munster. Nun sollte Findling endlich die Provinz verlassen, wo ihm ein

so wechselvolles Schicksal beschieden gewesen war, das seinen Aufenthalt

in Limerick, auf der Farm von Kerwan, im Schlosse Trelingar, die

Reise nach den Seen von Killarney und endlich den Anfang seiner

Handelsthätigkeit in Cork umschloß. Alle traurigen Tage hatte er jetzt

schon vergessen. Er erinnerte sich nur seines Verweilens im Schoße der

Familie Mac Carthy, und die Tage dort vermißte er allein, wie man den

Verlust der Freuden des häuslichen Herdes schmerzlich empfindet.

»Sagt' ich Dir nicht, Bob, begann er da, daß wir in Waterford ausruhen

wollten?

-- Ich glaube, antwortete Bob. Müde bin ich aber gar nicht, und wenn Du

weiter gehen willst...

-- Nein, nein; wir wollen einige Tage hier bleiben....

-- Und gar nichts thun?...

-- O, etwas zu thun giebt es immer, Bob.«

Man »thut« ja doch auch etwas, wenn man, wie hier, eine hübsche Stadt

von fünfundzwanzigtausend Einwohnern besucht, die am Ufer des mit einer

Brücke von neununddreißig Bogen überspannten Suir liegt. Waterford

ist überdies ein ziemlich lebhafter Hafenplatz, was unsern jungen

Handelsmann stets interessierte -- der bedeutendste des östlichen

Munster und mit regelmäßiger Schiffsverbindung mit Liverpool, Bristol

und Dublin.

Nach Auffindung eines passenden Gasthofs, in dem der Karren eingestellt

wurde, begaben sich beide Knaben nach den Quais, wo sie einige Stunden

umherspazierten. Bei dem Anblick der ein- und auslaufenden Schiffe

konnte ihnen ja keine Langeweile ankommen.

»Ei, rief Bob, wenn wir jetzt zufällig Grip wieder träfen!

-- Nein, Bob, das ist nicht möglich. Der »Vulcan« geht in Waterford

nicht vor Anker und meiner Berechnung nach muß er jetzt weit fort... an

der Küste Amerikas sein.

-- Da draußen, fragte Bob, der nach dem entfernten Horizonte hinwies.

-- Ja... nur noch weiter; ich glaube aber, er wird in Dublin zurück

sein, wenn wir daselbst eintreffen.

-- Wie freue ich mich, Grip wiederzusehen! rief der kleine Knabe. Ob er

dann wohl immer noch so schwarz aussieht?

-- Höchst wahrscheinlich.

-- Ach, deshalb kann man ihn doch lieb haben!

-- Gewiß, Bob; er hat mich, als ich recht unglücklich war, auch so

herzlich geliebt....

-- Ja, so wie Du mich!« antwortete das Kind, dessen Augen dankbar

erglänzten.

Hätte Findling mehr Eile gehabt, Dublin zu erreichen, so hätte er

sich hier auf einem Passagierdampfer, der zwischen Waterford und der

Hauptstadt verkehrt, einschiffen können. Der Fahrpreis ist ein sehr

niedriger. Da der Waarenkarren ausverkauft war, wäre dieser an

Bord geschafft worden, die beiden Knaben hätten dafür, so wie für

Verdeckplätze für sich (und den Hund) nur einige Schillinge zu zahlen

gehabt und wären binnen zwölf Stunden an ihr Reiseziel gekommen.

Außerdem wäre es ein herrliches Vergnügen gewesen, auf einem großen

Dampfer über den St. Georgscanal auf dem schönen irischen Meere fast

stets angesichts der Küste dahinzugleiten.

Das war gewiß verlockend. Findling blieb jedoch besonnen wie immer und

es erschien ihm gar nicht angezeigt, vor der Rückkehr Grips in Dublin

einzutreffen. Grip kannte die Stadt, er würde die beiden Kinder durch

das Häusermeer lootsen, das ihrer regen Phantasie noch weit ausgedehnter

erschien, so daß sie sich nicht darin verirrten. Warum hätten sie auch

die so einträgliche Landreise unterbrechen sollen? Die Empfindung für

das Richtige, die Findling von jeher auszeichnete, überwog auch den Reiz

einer so verlockenden Seefahrt. Nachdem er Bob nicht ohne Mühe zu einer

verständigeren Auffassung der Verhältnisse bekehrt hatte, wurde

denn beschlossen, die Reise auf dem Küstenlande von Leinster in der

bisherigen Weise fortzusetzen.

Drei Tage später sehen wir die beiden also in der Grafschaft Wexford

wieder, wo Birk den aufs neue assortierten Karren unverdrossen weiter

zog. Ein Maulesel, selbst ein Pferd hätte keine besseren Dienste leisten

können. Ging es zu sehr bergaufwärts, dann spannte sich freilich Bob mit

an die Deichsel und Findling schob, sich mit der Schulter anstemmend,

von rückwärts, so gut er konnte.

Im Hintergrunde der Bai von Waterford verläßt die Landstraße die

vielfach von Buchten und kleinen Fjorden eingeschnittene Küste, und

damit verloren sie den Theil des Meeres aus den Augen, wo das Cap

Carnsore, die äußerste Spitze des Grünen Erin, am weitesten in den St.

Georgscanal vorspringt.

Zu beklagen brauchten sie sich deshalb nicht. Statt durch einen wilden,

öden Landstrich zu verlaufen, berührt die Straße Dörfer und Weiler und

verbindet sie viele Pachtgüter miteinander, wo die verschiedenen Waaren

des Wanderladens zu hohen Preisen an den Mann zu bringen waren. In

Wexford langte Findling auch erst am 27. Mai an, obgleich die Luftlinie

zwischen hier und Waterford nur etwa dreißig Meilen mißt. Freilich war

der Karren genöthigt gewesen, nach rechts und links vielfach vom geraden

Wege abzuweichen.

Wexford ist ein Städtchen von zwölf- bis dreizehntausend Seelen.

Es liegt am Flusse Sancy, nahe der Mündung desselben, und macht den

Eindruck, als wäre eine kleine englische Stadt mitten in eine irische

Grafschaft versetzt worden. Das kommt daher, daß Wexford der erste

Waffenplatz war, den die Engländer hierzulande inne hatten, und der

Ort hat dann, zur Stadt aufgewachsen, seine ursprüngliche Physiognomie

beibehalten. Findling erstaunte nicht wenig, hier so viele Ruinen,

verfallene Wälle und zerstörte Vertheidigungswerke zu sehen. Er kannte

aber die Geschichte dieser Gegend zur Zeit Georgs III. nicht, wo hier,

während der erbitterten Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken,

schreckliche Metzeleien auf beiden Seiten, Feuersbrünste und

Verwüstungen zur Tagesordnung gehörten. Vielleicht war es besser, daß er

hiervon nichts wußte, denn es sind entsetzliche Erinnerungen, die auf so

vielen Seiten der irischen Geschichte mit Blut geschrieben stehen. Das

konnte er noch zeitig genug kennen lernen, wenn er dazu Muße hatte.

Von Wexford aus mußte sich der wohlausgestattete Wagen wieder von der

Küste entfernen, die er erst fünfzehn Meilen weiter hin, in der Nähe

des Hafens von Arklow, wieder treffen sollte. Das war, und zwar aus zwei

Gründen, nicht zu bedauern.

Erstens beherbergt dieser Theil der Grafschaft eine dichtere Bevölkerung

und hat auch viel mehr Dörfer und Einzelgüter, wohl infolge der

Bahnlinie, die Wexford über Arklow und Wicklow mit Dublin in Verbindung

setzt.

Zweitens ist das Land hier ausnehmend schön. Der Weg verläuft durch

üppige Wälder mit mächtigen Buchen und Eichen, darunter die im

gaëlischen Lande so bemerkenswerthe schwarze Eiseneiche. Die Landschaft

war von der Slaney, der Ovoca und deren Nebenflüssen ebenso reich

bewässert, wie sie zur Zeit der religiösen Zwistigkeiten mit Blut

begossen wurde. Und gerade dieser Theil des irischen Bodens, der an

Schwefel und Kupfer so reich ist, auf den so viele Wasseradern von

den nahen Bergen herabrieseln, die sogar etwas Gold führen -- dieser

besonders begünstigte Theil mußte zum Schauplatz der wildesten Kämpfe

werden. Die Spuren davon erkennt man noch heute in Ennscarthy, in Ferns

und in andern Orten bis nach Arklow hin, wo die Söldner des Königs Georg

von dreißigtausend Rebellen -- so nannte man die, die ihr Vaterland und

ihren Glauben vertheidigten -- aufs Haupt geschlagen wurden.

Zu einem Aufenthalt im Hafen von Arklow glaubte Findling seinem Personal

-- wenn man Birk als Person zählt -- einen Rasttag aufnöthigen zu

müssen.

Arklow mit fünftausend Einwohnern ist ein Fischerort mit regem Leben.

Den Hafen schließen breite Sandbänke vom hohen Meere ab. Am Fuße mit

grünen See-Eichen bedeckter Felsen werden hier viele Austern gefangen,

die an Ort und Stelle natürlich billig zu haben sind.

»Ich glaube sicherlich, daß Du noch keine Austern gegessen hast? fragte

Findling den Gourmand Bob.

-- Niemals.

-- Möchtest Du sie denn probieren?

-- Ei, herzlich gern.«

Bob wollte so etwas immer gern. Hier kam er aber damit nicht weiter, als

bis zu einem Versuche.

»Nein, da ist mir Hummer lieber! erklärte er.

-- Du bist nur noch zu jung zum Austern essen, Bob.«

Und Bob erwiderte, er sehne sich gar sehr nach dem Alter, wo er diese

Mollusken richtiger zu schätzen verstehen werde.

Am Vormittag des 19. Juni legten beide die Wegstrecke nach Wicklow

zurück, dem Hauptorte der gleichnamigen Grafschaft, die an die von

Dublin anstößt.

Von hier aus kamen sie durch die schönste und merkwürdigste Gegend von

ganz Irland, die von Touristen fast ebenso viel besucht wird, wie

das Seengebiet von Killarney, und die dem Blicke die entzückendste

Abwechslung bietet. Da und dort streben Berge empor, die mit denen von

Donegal und Kerry wetteifern können, schimmern herrliche Seen, wie die

von Bray und von Dan, deren klares Wasser die Alterthümer an ihren Ufern

wiederspiegelt. Ferner dehnt sich hier, längs des Ovocabettes, das Thal

von Glendalough aus mit seinen epheuumrankten Thürmen, seinen alten

Kapellen am Rande eines mit glitzernden Moränen besetzten Sees, und das

Heilige Thal mit den sieben Kirchen von Saint-Kevin, wo die Wallfahrer

aus dem ganzen Erin zusammenströmen.

Das Handelsgeschäft der Knaben entwickelte sich inzwischen mehr und

mehr. Ueberall wurden die jungen Hausierer willkommen geheißen. Freilich

zogen sie hier durch eine der wohlhabendsten Landschaften Irlands, wo

sich schon die Nähe der großen Hauptstadt bemerkbar machte. Von Arklow

aus verbindet die Landstraße nämlich eine Anzahl Seebadeorte, die zur

Zeit bereits von der Dubliner Gentry besucht waren. Diese ganze elegante

Welt hatte wohlgefüllte Taschen. In diesen Bädern sah man mehr Guineen,

als Schillinge in den Ortschaften von Sligo oder Donegal. Es bedurfte

nur des Talents für den jungen Händler, um davon etwas in seine Tasche

herüberzulocken. Das gelang ihm auch nach und nach, und Findling hatte

die beste Aussicht, mit verdoppeltem Vermögen in Dublin anzukommen.

Da hatte Bob einen recht guten Gedanken, der seinem großen Bruder

bisher nicht gekommen war, einen Gedanken, dessen Ausführung ihm hundert

Procent Nutzen abwerfen mußte, allein durch die vielen Kinder reicher

Leute, die sich gewöhnlich auf dem Strande von Wicklow tummelten.

Bob war nämlich -- er hatte das schon häufig bewiesen -- sehr

geschickt im Ausnehmen von Vogelnestern, und solche giebt es auf den

Chausseebäumen Irlands in großer Menge.

Bisher hatte Bob seine Kunstfertigkeit im Klettern noch gar nicht

ausgebeutet. Nur ein- oder zweimal verkaufte er um geringen Preis einige

Vögel, die er dem Neste auf einer hohen Buche entnommen oder in einer

sehr einfachen Falle gefangen hatte. Ehe sie Wicklow verließen, fiel es

ihm aber ein, daraus einen Erwerb zu machen, und daher bat er Findling,

einen Bauer anzuschaffen, der eine größere Anzahl Sperlinge, Meisen,

Finken, Stieglitze und andre kleine Vögel aufnehmen konnte.

»Und wozu? fragte Findling. Willst Du etwa Vögel züchten?

-- Keineswegs.

-- Was soll also damit geschehen?

-- Ich will sie wieder fliegen lassen.

-- Weshalb sollen sie dann erst in einen Käfig gesteckt werden?«

Wenn Findling das zuerst nicht begriff, so verstand er es doch, als Bob

sich etwas weiter erklärt hatte.

Dieser beabsichtigte nämlich, den Thierchen gegen Entgelt die Freiheit

zu geben. Mit den zwitschernden Vögeln im Käfig wollte er unter die

nicht weniger zwitschernde Schaar von Kindern am Strande der Seebäder

treten, die gewiß gern bereit waren, den oder jenen der Gefangenen Bobs

für einige Pence loszukaufen; ist's doch so reizend, einen Vogel lustig

davonfliegen zu sehen, wenn man für ihn das Lösegeld bezahlt hat.

Bob zweifelte gar nicht an dem Erfolge seiner Speculation und auch

Findling erkannte die praktische Idee des Kleinen an. Ein Versuch

kostete ja so gut wie nichts. So wurde also ein Käfig gekauft, und

Bob war von Wicklow kaum eine Meile weit weg, da hatte er diesen schon

voller Vögel, die unruhig darin umherflatterten.

In den zahlreichen Badeorten, die jetzt viele Gäste hatten, ließ sich

das Nebengeschäft sehr gut an. Während Findling seine Waaren vertrieb,

erweckte Bob mit dem Käfig in der Hand das Mitleid der jungen Gentlemen

und der jungen Misses für seine hübschen Gefangenen. Unter lautem Jubel

der Kinder flogen die freigekauften Vögel davon; der Käfig wurde

bald leer und die Tasche des findigen Knaben bald voll von den dafür

vereinnahmten Pence.

Jetzt freute er sich desto mehr über seinen einträglichen Gedanken

und berechnete jeden Abend diesen besondern Gewinn, ehe derselbe der

Gesammteinnahme zugeschlagen wurde.

Beide Knaben befanden sich, immer längs der Küste nach Dublin

hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa

fünfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fuße eines zu der Gruppe der

Wicklow-Mounts gehörigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fuß

hohen Lugnaquilla überragt wird.

Dank dieser bezaubernden Lage übertrifft es hierin sogar Brighton an

der englischen Küste. So urtheilt wenigstens Fräulein de Bovet, die bei

ihrer Beschreibung der Schönheiten der Grünen Insel einen sehr feinen,

künstlerischen Geschmack erkennen läßt.

Ganz Bray besteht nur aus schönen Hôtels, blendend weißen Villen und

zierlichen Landhäusern und zählt im Sommer mit den Badegästen gegen

sechstausend Bewohner. Die Straße bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung

von hübschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch

durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten

unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schäumend in die

enge, nach Süden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai

von Killiney fluthet. Wie überall auf der Smaragdenen Insel finden

sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten

Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothürme, die im

13. Jahrhundert zur Küstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den

Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei günstiger

Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres

erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieser Aussicht nicht, einmal

weil er kein Fernrohr besaß, und dann, weil er Bray unerwartet schnell

verlassen mußte.

Auf dem sandigen, von den Wellen weithin überspülten Strande tummeln

sich sehr viele Kinder, ebenso wie längs der »Parade«, d. i. des Molos

von Bray. Hier treffen die kleinen pausbäckigen und rothwangigen Reichen

zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben,

die die Ferienzeit genießen, und Mädchen, die sich unter der Aufsicht

ihrer Mütter und Erzieherinnen belustigen. Man wäre jedoch nicht in

Irland, wenn -- selbst hier in Bray -- nicht das darbende Elend durch

eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wäre, die den Tang am

Ufer durchwühlten.

Die ersten drei Tage waren -- was den Handel der Knaben betraf -- recht

ergiebig, so daß der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand

auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergnügen versprachen, aus

billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vögeln Bobs

wurde ebenfalls hübsches Geld verdient. Von früh vier Uhr beschäftigte

sich dieser mit dem Fange, der seinen Käfig meist schnell füllte. Am

Nachmittage drängte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu

entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht

aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf,

den »Vulcan« dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip,

von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren.

Findling gedachte also am folgenden Tage aufzubrechen, als ein

Zwischenfall eintrat, der seine Abreise unerwarteter Weise noch

beschleunigte.

Es war am 13. Juli. Gegen acht Uhr des Morgens kam Bob mit dem

frischbevölkerten Käfig nach dem Hafen, wo er für den letzten Tag noch

eine reiche Ernte zu machen hoffte.

Noch befand sich niemand am Strande oder auf der »Parade«.

Als Bob gerade am Anfang des Molos vorüberkam, begegnete er drei

Knaben von zwölf bis fünfzehn Jahren, übermüthigen Bürschchen in feiner

Kleidung, mit dem Matrosenhut tief im Nacken und scharlachrothen,

goldknöpfigen Jacken, die mit dem vorschriftsmäßigen Anker verziert

waren.

Bob wollte womöglich seinen Vorrath gleich bei dieser Gelegenheit

abzusetzen suchen, da er ihn bis zur eigentlichen Badestunde wieder

erneuern zu können hoffte. Die etwas höhnisch aussehenden und deshalb

wenig Vertrauen erweckenden jungen Gentlemen veranlaßten ihn jedoch,

davon abzustehen. Er fürchtete sammt seinen Vögeln einen übeln Empfang.

Das Dreiblatt schien weit mehr aufgelegt, ihn und seinen Handel zu

verspotten, darum ging er an den Knaben stumm vorüber.

Das paßte aber den Bürschchen nicht, deren ältester -- schon ein kleiner

Herr mit recht boshaften Augen -- Bob den Weg vertrat und ihn barsch

fragte, wohin er gehe.

»Ich will eben wieder nach Hause gehen, antwortete Bob höflich.

-- Und der Käfig da?...

-- Der gehört mir.

-- Die Vögel darin aber?...

-- Die hab' ich heute früh gefangen.

-- Aha, das ist der Junge, der sich immer am Strande umhertreibt! rief

da einer der drei Gentlemen. Den hab' ich schon gesehen... ich erkenne

ihn wieder.... Für zwei bis drei Pence läßt er allemal einen der Vögel

fliegen....

-- Jetzt aber, fiel ihm der größere ins Wort, sollen alle ihre Freiheit

umsonst haben... alle!«

Damit entriß er Bob den Käfig, öffnete ihn, und die ganze gefiederte

Gesellschaft flog davon.

Für Bob war das ein fühlbarer Verlust, und er rief bestürzt:

»Meine Vögel!... Meine Vögel!«

Die frechen Knaben antworteten darauf nur durch ein höhnisches

Gelächter.

Erfreut durch ihre garstige Handlung, wollten sie sich schon nach dem

Molo begeben, als sie hinter sich eine Stimme vernahmen.

»Das war ein schlechter Streich, den Ihr ausgeführt habt!«

Findling war mit Birk eben auf dem Platze erschienen. Er sah, was sich

zugetragen hatte, und rief mit lauter Stimme:

»Ja... das war ein Unrecht, eine Schlechtigkeit von Euch!«

Und als er den größeren Burschen stärker ins Auge gefaßt hatte, setzte

er hinzu:

»Uebrigens ist eine solche Bosheit von dem Grafen Ashton nicht zu

verwundern!«

Hier stand in der That der Erbe des Marquis vor ihm. Die hochvornehme

Familie hatte sich von Trelingar-castle aus nach diesem Seebade begeben

und bewohnte seit dem Tage vorher eine der schönsten Villen des Ortes.

»Ah, das ist der Schlingel von Groom! versetzte mit verächtlichem Tone

der Graf Ashton.

-- Gewiß!... Ich bins.

-- Und, irre ich nicht, ist da auch der Köter, der meinen Wachtelhund

todtgebissen hat?... Er ist also davon gekommen?... Ich glaubte ihm

das Lebenslicht ausgeblasen zu haben....

-- Es scheint nicht so, bemerkte Findling, der sich durch das

hochmüthige Auftreten seines frühern Herrn nicht irre machen ließ.

-- Nun, da ich Dich erwische, arger Schlingel, will ich gleich

heimzahlen, was ich Dir schulde, rief der Graf Ashton, mit geschwungenem

Stocke auf ihn eindringend.

-- Oder Sie... Sie werden vielmehr den Preis für Bobs Vögel zahlen,

Herr Piborne.

-- Nein... erst Du... dann ich!«

Damit schlug er schon mit seinem Stöckchen auf Findling los.

Dieser, obwohl jünger als sein Gegner, war ihm doch an Körperkraft

gleich und an Muth überlegen. Mit einem Satze sprang er auf den Grafen

Ashton zu, entriß ihm den Stock und versetzte ihm ein paar schallende

Ohrfeigen.

Der Nachkomme der Piborne's wollte Gleiches mit Gleichem vergelten...

er kam jedoch gar nicht dazu. Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde

und Findling hielt ihn hier mit den Knien fest.

Seine beiden Kameraden wollten ihm zu Hilfe kommen. Da richtete sich

jedoch Birk auf und zeigte ihnen knurrend die Zähne. Er würde den

Bürschchen wohl übel mitgespielt haben, wenn ihn sein Herr, der wieder

aufgestanden war, nicht gehalten hätte.

Dann wandte sich dieser an Bob.

»Komm her!« rief er ihm zu.

Ohne sich weiter um den Grafen Ashton und die beiden andern zu

bekümmern, die sich wohl hüteten, mit Birk in Streit zu kommen, kehrten

Findling und Bob nach ihrem Gasthofe zurück.

Nach einem für die Eigenliebe des jungen Piborne so unerquicklichen

Auftritte schien es das beste, Bray schleunigst zu verlassen. Es mußte

immerhin eine unangenehme Geschichte werden, wenn der Geschlagene,

obwohl er der Angreifer war, Klage erhob. Bei richtiger Beurtheilung der

menschlichen Natur hätte sich Findling freilich sagen müssen, daß der

thörichte und eitle junge Mann sich hüten würde, ein Abenteuer, um

dessenwillen er erröthen mußte, unter die Leute zu bringen. Da er dessen

aber nicht ganz sicher war, beglich er seine Rechnung, spannte Birk vor

den jetzt leeren Karren, und bald nach acht Uhr hatten Bob und er Bray

schon verlassen.

Sehr spät am Abend desselben Tages kamen unsre jungen Reisenden in

Dublin an, nachdem sie binnen drei Monaten von Cork aus eine Strecke von

fast zweihundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatten.

Der Findling. Zweiter Band. · 第 25 / 34 题