Ein erster Heizer.
So vollendete sich das Jahr 1882, das in den Activen und Passiven
Findlings mit so vielen glücklichen und unglücklichen Conten, mit der
Vertreibung und dem Verschwinden der Familie Mac Carthy, von der er
nie wieder etwas gehört hatte, mit den drei auf Trelingar-castle
zugebrachten Monaten, seinem Zusammentreffen mit Bob, der Niederlassung
in Cork und mit dem Gedeihen seines kleinen Handels, verzeichnet stand.
Während der ersten Monate des neuen Jahres erlahmte der Verkehr zwar
noch nicht, er schien aber seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Da
Findling einsah, daß er unter solchen Umständen nicht weiter
vorwärts kommen könne, trug er sich stets mit dem Gedanken, nun
eine einträglichere Operation -- nicht in Cork, sondern in einer
bedeutenderen Stadt Irlands zu wagen. Immer lag ihm dafür Dublin im
Sinn, und er hoffte, es werde sich schon eine Gelegenheit bieten, sein
Vorhaben auszuführen.
Januar, Februar und März verstrichen. Die beiden Knaben sparten, wo sie
konnten, jeden Penny. Ihr kleines Vermögen nahm einmal auch plötzlich
mehr zu, als ihnen ein besonders »Geschäft« mit recht gutem Nutzen
zufiel. Es handelte sich dabei um eine politische Flugschrift bezüglich
der Wahl Parnell's, zu deren Vertrieb in den Straßen von Cork und von
Queenstown Findling das ausschließliche Recht erhielt. Wer die Broschüre
kaufen wollte, mußte sich also an ihn, allein an ihn wenden, und
Birk trug einen hübschen Posten davon auf dem Rücken. Die Sache hatte
überraschenden Erfolg, und beim Abschluß der Rechnung zu Anfang des
April befanden sich in der Cassa dreißig Pfund, achtzehn Schillinge und
sechs Pence. So reich waren die Knaben noch niemals gewesen.
Jetzt entstanden lange Verhandlungen über die Frage der Ermiethung eines
kleinen Ladens in der Nähe des Bahnhofs. Es wäre ja so hübsch gewesen,
ein eignes Heim zu haben. Gerade Bob, dem schon nichts mehr unerreichbar
schien, drängte mehr und mehr dazu. Da wäre nun ein Zeitungs- und
Bücherladen entstanden mit einem Chef von elf und einem Gehilfen von
acht Jahren -- Ladeninhabern, die nun schon hätten Steuern entrichten
müssen. Voraussichtlich hätten die Kinder, die bereits das öffentliche
Interesse erregt hatten, auch gute Geschäfte gemacht. Findling dachte
jedoch auch noch an das und jenes andre und erwog es nach allen
Richtungen. Vor allem beschäftigte ihn der Gedanke der Uebersiedlung
nach Dublin, wohin es ihn wie eine Ahnung zog. Dennoch zögerte er und
fügte sich Bobs Einwürfen, als sich etwas ereignete, was für seine
Zukunft sofort entscheidend werden sollte.
Es war am Sonntag den 8. April. Findling und Bob hatten sich
vorgenommen, den Tag in Queenstown zuzubringen. Vorzüglich bestimmte
sie dazu das Verlangen, einmal in einer wirklichen Matrosenschänke zu
frühstücken und zu speisen.
»Da giebts wohl Fische? fragte Bob.
-- Ja, antwortete Findling, sogar Hummern, und wenn nicht diese, dann
wenigstens Krabben, wenn Du diese magst....
-- Ich?... Natürlich!«
Die Knaben legten die besten, sorgsam gereinigten Kleider an, zogen
blank gewichste Stiefeln an die Füße und brachen frühzeitig mit dem
glattgebürsteten Birk zu ihrem Ausfluge auf.
Heut' war prächtiges Wetter, glänzend strahlte die Frühlingssonne herab
und über dem Wasser wehte eine leichte, laue Brise. Die Fahrt auf der
Lee in einem Fährboot machte ihnen schon das größte Vergnügen. Hier
befanden sich nämlich Musiker an Bord, Straßenvirtuosen, deren Vorträge
Bob geradezu entzückten. Der Tag begann also in angenehmster Weise, und
es war nur zu wünschen, daß er ebenso endigte.
Kaum auf dem Quai von Queenstown angelangt, entdeckte Findling eine
Schänke mit der Firma zum »=Old Seaman=«, die ihm ganz passend erschien,
um darin einzukehren.
Vor der Thür stand ein Kübel, in dem ein halb Dutzend Krustenthiere
ihre Beine und Scheeren durcheinander bewegten, bis sie in den Kochtopf
wanderten, wenn ein Gast den dafür verlangten Preis anlegen wollte.
Von einem Tische neben dem Fenster aus konnte man die an den Pfählen im
Wasser befestigten Schiffe übersehen.
Findling und Bob wollten eben in die vielversprechende Schänke
eintreten, als ihre Aufmerksamkeit durch ein großes Dampfschiff
abgelenkt wurde, das am Abend vorher in Queenstown angelaufen war und
noch seine Sonntagstoilette machte.
Es war der »Vulcan«, ein Dampfer, von acht- bis neunhundert Tonnen, der
von Amerika kam und am nächsten Tage nach Dublin weiter gehen sollte.
Das hatte wenigstens ein Matrose in gelber Wachstuchjacke Findling auf
dessen Fragen mitgetheilt.
Beide betrachteten noch das eine halbe Kabellänge vom Quai vertäute
Fahrzeug, als sich ein großer Bursch mit geschwärztem Gesicht und
noch schwärzeren Händen Findling näherte, ihn ansah und den Mund weit
aufsperrend rief:
»Du... Du!... Bist Du es wirklich?«
Findling wurde ganz bestürzt, und Bob war es nicht minder. Der junge,
fremde Mann duzte ihn? Und noch dazu ein Neger?... Kein Zweifel, hier
mußte ein Irrthum vorliegen.
Der vermeintliche Neger ließ sich durch die Zurückhaltung des Knaben
jedoch nicht abschrecken.
»Ich bin's ja!... Kennst Du mich denn nicht?... Ich bin's... Die
=Ragged-School=... Grip!...
-- Grip!« wiederholte Findling ganz außer sich.
In der That war das Grip, und nun fielen sich beide in die Arme und
küßten sich mit solcher Innigkeit, daß Findling selbst dabei so schwarz
wie ein Kohlenträger wurde.
Das war eine Freude des Wiedersehns! Der alte Aufseher der Lumpenschule
war jetzt ein großer, kräftiger junger Mann von zwanzig Jahren, der
durch nichts mehr an die Leidenszeit in Galway erinnerte, oder höchstens
nur dadurch, daß sein Gesicht noch den gleichen gutmüthigen Ausdruck
zeigte.
»Grip... Grip... Du bist es... Du! rief Findling immer und immer
wieder.
-- Ja, ich bin's... und ich hatte Dich auch niemals vergessen, mein
Junge!
-- Und Du bist jetzt Matrose?...
-- Nein, Heizer an Bord des »Vulcan«!«
Die Eigenschaft als Heizer machte auf Bob, der dabei ans Kochen dachte,
einen sehr tiefen Eindruck.
»Was machen Sie denn da am Feuer? fragte er. Wohl Suppe?...
-- Nein, Kleiner, erwiderte Grip lachend, ich koche gar nichts, ich
heize nur den Dampfkessel, der unsre Maschine in Bewegung setzt und die
dann das Schiff vorwärts treibt.«
Findling stellte seinem alten Beschützer aus der =Ragged-School= nun
seinen Bob vor.
»Eine Art Bruder, sagte er, den ich auf der Landstraße gefunden habe...
und der Dich gut genug kennt, denn ich habe ihm unsre Geschichte oft
erzählt. Ach, mein guter Grip, wie viel mußt Du mir erst zu erzählen
haben, wo wir nun seit sechs langen Jahren getrennt gewesen sind!
-- Und Du doch wohl auch? entgegnete der Heizer.
-- Nun, komm, komm, frühstücke mit uns... dort in jener Schänke, in die
wir eben gehen wollten....
-- O nein, erwiderte Grip, im Gegentheil, Ihr werdet mit mir
frühstücken. Zunächst kommt jedoch einmal mit an Bord....
-- An Bord des »Vulcan«?...
-- Natürlich.«
Wie, beide sollten auf das Schiff gehen? -- Findling und Bob wagten
kaum, Grip zu glauben. Das war ja für sie dasselbe, als hätte man ihnen
vorgeschlagen, ins Paradies einzutreten.
»Ja, aber unser Hund?...
-- Welcher Hund?...
-- Birk.
-- Das Thier, das hier um mich herumstolziert?... Ist das Euer Hund?
-- Unser Freund, Grip... ein Freund, fast in der Art wie Du!«
Wer weiß, ob Grip sich durch diesen Vergleich besonders geschmeichelt
fühlte, jedenfalls streichelte er das Thier, das so warm gelobt worden
war.
»Doch der Kapitän?... warf Bob noch ein, dem dieser Gedanke eine starke
Zurückhaltung auferlegte.
-- Der Kapitän ist am Lande, und der Oberbootsmann wird Euch wie große
Herren empfangen!«
Daran zweifelte Bob, wenn er in Gesellschaft Grips kam, weit weniger.
Ein erster Heizer... das hat doch etwas zu bedeuten!
»Uebrigens, fuhr Grip fort, muß ich noch ein bischen Toilette machen und
mich vom Kopf bis zu den Füßen waschen, da mein Dienst zu Ende ist.
-- Du hast also den ganzen Tag frei, Grip?
-- Den ganzen Tag.
-- Das war doch ein herrlicher Gedanke, Bob, heute nach Queenstown zu
fahren!
-- Ja, ich glaub's Dir, sagte Bob.
-- Und Du, nahm Grip lachend wieder das Wort, Du mußt Dich auch etwas
abseifen, ich habe Dich ja ganz schwarz gemacht, Findling. Du heißt doch
noch immer so?
-- Jawohl, Grip.
-- Das ist mir lieb.
-- Grip... ich möchte Dich noch einmal umarmen!
-- Geniere Dich nicht, mein Junge, wir stecken nachher doch die Nase in
den Kübel!
-- Nun, und ich? ließ sich Bob vernehmen.
-- Du auch!«
Der junge Mann küßte auch den Kleinen, der davon ebenso negerähnlich wie
Grip selbst wurde.
Was schadete das? Sie konnten sich ja an Bord des »Vulcan« und in der
kleinen Cabine, worin der Heizer schlief, Gesicht und Hände wieder
reinigen. -- An Bord und in einer Cabine!... Bob konnte noch gar nicht
daran glauben!
Einen Augenblick danach bestiegen alle drei -- Birk nicht zu
vergessen -- das kleine Boot des Dampfers, das Grip mittelst Riemens
vorwärts trieb -- zur größten Freude Bobs, sich so herrlich geschaukelt
zu sehen -- und binnen zwei Minuten legten sie am »Vulcan« an.
Der Hochbootsmann machte Grip ein einladendes Zeichen mit der Hand und
der Heizer ließ seine Gäste durch die Luke des Feuerraums hinabsteigen,
während Birk auf dem Verdeck umhertrottete.
Hier wurde ein Faß neben dem Lager Grips mit warmem Wasser gefüllt, so
daß sie ihre natürliche Farbe wieder erlangen konnten. Während er sich
dann umkleidete, erzählte Grip seine Geschichte.
Beim Brande der =Ragged-School= ziemlich ernstlich verwundet, hatte
er gegen sechs Wochen im Krankenhause gelegen, das er zum Glück
wieder völlig hergestellt verließ, nur daß es ihm an allen Mitteln zum
Unterhalt gebrach. Die Stadt ging eben daran, die Lumpenschule wieder
herzustellen, denn man konnte deren Insassen doch nicht auf der Straße
liegen lassen. In Erinnerung an die in jenem abscheulichen Obdach
zugebrachten Jahre, empfand Grip aber nicht das geringste Verlangen,
dahin zurückzukehren. Auch ferner mit O'Bodkins und der alten Kriß
zu leben, so boshafte Schlingel wie Carker und dessen Kameraden zu
überwachen, das erschien ihm keineswegs verlockend. Nun war ja auch
Findling nicht mehr dort. Grip wußte zwar, daß diesen eine schöne Dame
mitgenommen habe, doch wohin... das konnte er nicht erfahren; und
als er das Krankenhaus verlassen hatte, da blieben seine Erkundigungen
danach leider ohne jeden Erfolg.
Grip verließ also Galway und durchstreifte auf gut Glück das Land. Zur
Erntezeit fand er zuweilen auf einer Farm Beschäftigung, doch keine
feste Anstellung, was ihn natürlich beunruhigte. So wanderte er von Ort
zu Ort, manchmal bittre Noth leidend, im ganzen aber doch glücklicher
als früher in der Lumpenschule.
Ein Jahr später war Grip nach Dublin gekommen, er wollte auf die See
gehen. Der Beruf als Seemann schien ihm sichrer als irgend ein andrer.
Mit achtzehn Jahren ist es aber zu spät, Schiffsjunge, ja sogar
Leichtmatrose zu werden. Da er sich also nicht als Matrose einschiffen
konnte, schon weil ihm die dazu nöthigen Kenntnisse fehlten, so begnügte
er sich, als Kohlenschaufler einzutreten, und als solcher war er an
Bord des »Vulcan« aufgenommen worden. Da unten in der Tiefe in einer
von schwarzem Rauch geschwängerten Luft zu verweilen und noch dazu
bei erstickender Hitze, das erscheint zwar nicht als das Ideal des
Wohllebens hienieden. Grip war jedoch entschlossen und arbeitsam. Sauber
und eifrig von Natur, gewöhnte er sich schnell an die Disciplin an Bord.
Niemals zog er sich einen Vorwurf zu. So erwarb er sich die Achtung des
Kapitäns und der Officiere, die sich für den armen Teufel ohne Familie
interessierten.
Der »Vulcan« fuhr zwischen Dublin und New-York oder andern Häfen der
Ostküste von Amerika. In zwei Jahren war Grip vielmals über den Ocean
gekommen, immer damit betraut, die Bunker richtig zu füllen und das
Heizmaterial vor die Feueröffnung zu schaffen. Da erwachte in ihm der
Ehrgeiz. Er hielt darum an, unter dem Befehl des Maschinisten als Heizer
verwendet zu werden. Man stellte ihn probeweise als solchen an und
er befriedigte bald seine Vorgesetzten. So wurde er nach einiger Zeit
erster Heizer, und als solchen fand Findling seinen alten Genossen von
der Lumpenschule auf dem Quai von Queenstown wieder.
Der brave junge Mann, der keine Ausschreitungen liebte und dem
unsinniges Zechen zuwider war, während das bei Matrosen der
Handelsmarine, wenn die Leute ans Land kommen, so oft zu finden ist,
hatte seinen Lohn stets zum größten Theil zurückgelegt. Er besaß also
ein kleines Vermögen, das er mit Vergnügen wachsen sah -- einige sechzig
Pfund, an deren Verwendung er noch niemals gedacht hatte. Von seinem
Gelde Interessen zu beziehen, das konnte ihm ja gar nicht in den Sinn
kommen; war es ja schon wunderbar genug, daß Grip überhaupt vorräthige
Geldmittel sein eigen nannte.
Das war die Geschichte, die Grip lustig erzählte und nach der auch
Findling die seinige zum Besten gab. Diese war freilich bewegter, und
Grip wollte kaum seinen Ohren trauen, als er von dem künstlerischen
Erfolge der Miß Anna Walston hörte, von der glücklichen, schönen Zeit
in der Farm von Kerwan, von dem Unglück, das die ehrenwerthe Familie
betroffen hatte. Es schmerzte ihn mit, daß Findling von seinen
Pflegeeltern gar nichts weiter hatte in Erfahrung bringen können,
er staunte aufrichtig über den Reichthum und die Pracht von
Trelingar-castle und empörte sich über die Hochmüthigkeit des Grafen
Ashton, die Findling veranlaßt hatte, seiner Existenz daselbst ein Ende
zu machen.
Auch Bob mußte einiges aus seiner Lebensgeschichte erzählen. Sie war
freilich mehr als einfach, denn in der That hatte er gar keine. Sein
Leben begann ja eigentlich erst mit dem Tage, wo ihn Findling auf der
Straße gefunden oder vielmehr aus der Dripsey wieder aufgefischt hatte,
als er sich den Tod geben wollte.
Birks Geschichte fiel natürlich mit der seines Herrn zusammen und
brauchte nicht weiter geschildert zu werden.
»Na, nun ist es an der Zeit, frühstücken zu gehen, sagte der erste
Heizer des »Vulcan«.
-- Doch nicht, bevor wir uns das Schiff angesehen haben? erwiderte
Findling lebhaft.
-- Und bevor wir einmal auf die Masten geklettert sind? setzte Bob
hinzu.
-- Wie es Euch beliebt, meine Boys!« erwiderte Grip.
Nun ging's durch die Luken im Verdeck hinunter in den Schiffsraum,
was für unsern Handelsmann das allergrößte Vergnügen war. Hier lagen
Baumwollenballen, Zuckerfässer, Säcke mit Kaffee, und Kisten, die
allerlei überseeische Naturerzeugnisse enthielten, deren Duft Findling
begierig einsog. Diese Schätze waren nun also aus weiter Ferne für
Rechnung der Rheder des »Vulcan« eingekauft, um auf den Märkten des
Vereinigten Königreichs wieder veräußert zu werden. O, wenn Findling
jemals in die Lage kam....
Grip unterbrach den schönen Traum mit der Einladung, wieder nach dem
Deck hinaufzugehen, um die im Hintertheil des Schiffes gelegenen Cabinen
des Kapitäns und der Officiere zu besuchen, während Bob außen auf den
Wanten umherkletterte und wirklich bis auf die Stenge des Fockmastes
gelangte. Im ganzen Leben war er noch nicht so entzückt, aber auch
so gewandt im Klettern gewesen. Vielleicht steckte das Zeug zu einem
Schiffsjungen in dem Knaben.
Gegen elf Uhr saßen Grip, Findling und Bob vor einem Tische in der
Schänke zum »=Old Seaman=«, Birk natürlich dahinter, der mit der
Schnauze bis zur Höhe des Tischtuchs reichte, und es ist wohl kein
Wunder, daß jetzt alle tüchtigen Appetit verspürten.
Dafür gab es auch eine vortreffliche Mahlzeit, deren Kosten Grip
auf sich nahm. Nämlich Eier mit brauner Butter, kalten Schinken mit
gelblichem zitternden Gelée darüber, ferner Chesterkäse und zu dem allen
vorzüglich schäumendes Ale! Außerdem wurde Hummer aufgetischt, nicht die
gewöhnlichen Krabben des Armen, nein, wirklicher Hummer mit weißrothem
Fleisch in der hochrothen Schale, der Hummer der reichen Leute, ein
Leckerbissen, den Bob als das weitaus beste bezeichnete, womit man sich
den »Magen füllen« könnte.
Natürlich wurde auch während des Essens geplaudert. Wenn es in feinem
Kreise nicht vorkommt, mit vollem Munde zu sprechen, so hatte unsre
kleine Gesellschaft doch die Entschuldigung, daß sie keine Zeit
verlieren durfte.
Dabei tauschten nun Grip und Findling alte Erinnerungen aus von der Zeit
her, wo sie in der erbärmlichen =Ragged-School= gelebt hatten... sie
erwähnten den Vorfall mit der armen Möve, die als Geschenk erhaltene
wollene Jacke... die schlechten Streiche Carker's u. s. w.
»Was ist denn aus dem Thunichtgut geworden? fragte Grip.
-- Ich weiß es nicht und habe mich nicht darum gekümmert, antwortete
Findling. Das schlimmste für mich wär's jedenfalls gewesen, wenn ich
wieder mit ihm zusammengetroffen wäre.
-- Beruhige Dich, Du wirst ihm nicht wieder begegnen, versicherte Grip;
da Du aber Zeitungen verkaufst, mein Boy, so rathe ich Dir, sie auch
zuweilen zu lesen.
-- Das thu ich wohl auch.
-- Dann wirst Du sehr bald erfahren, daß jener Bösewicht Carker kürzlich
an einem Hanffieber gestorben ist.
-- Gehenkt?... Ach, Grip...
-- Jawohl, gehenkt! Es war ja nicht anders zu erwarten!«
Hierauf kamen die Einzelheiten von der Feuersbrunst zur Sprache. Grip
war es ja, der den Knaben mit eigner Lebensgefahr gerettet hatte, und
jetzt hatte dieser zum ersten Male Gelegenheit, ihm zu danken.
»Ich habe, seit wir getrennt waren, immer und immer an Dich gedacht!
sagte er.
-- Das freut mich herzlich, mein Boy!
-- Nur ich, ich habe nicht an Grip gedacht, rief Bob mit dem Ausdrucke
lebhaften Bedauerns.
-- Weil Du mich nur dem Namen nach gekannt hast, Bob, antwortete Grip.
Jetzt kennst Du mich...
-- Und ich werde auch immer von Dir sprechen, wenn wir beide mit
einander plaudern, wir beide, Birk!«
Birk antwortete zustimmend mit Bellen, was ihm ein mit Speck belegtes
Stück Brod einbrachte, das er auf einmal verschlang. Trotz der
Versicherung Bobs schien er dem Hummer dagegen keinen Geschmack
abgewinnen zu können.
Grip wurde nun über seine Reisen nach Amerika gefragt. Er erzählte von
den großen Städten Amerikas, von ihrer Industrie, ihrem Handel, und
Findling hörte so aufmerksam zu, daß er darüber sogar das Essen ganz
vergaß.
»Uebrigens, bemerkte Grip, giebt es auch sehr große Städte in England,
und wenn Du jemals nach London, Liverpool oder Glasgow kommst...
-- Ja, Grip, das weiß ich. Ich hab' es in den Journalen gelesen, große
Handelsstädte, sie liegen nur gar so weit von hier....
-- O nein, nicht so weit....
-- Für Seeleute, die dahin fahren, ja, doch für alle andern...
-- Nun, aber zum Beispiel Dublin? rief Grip. Das ist nur dreihundert
Meilen von hier entfernt. Ein Bahnzug erreicht es in einem Tage, ohne
daß man über See zu gehen braucht....
-- Ach ja, Dublin!« murmelte Findling.
Das entsprach so genau seinem lebhaften Wunsche, daß er nachdenklich
wurde.
»Sieh, fuhr Grip fort, das ist eine sehr schöne Stadt mit sehr lebhaftem
Geschäftsverkehr. Dort legen die Schiffe nicht nur vorübergehend an, wie
hier in Cork. Dort nehmen sie Fracht ein und kehren mit solcher dahin
zurück....«
Findling lauschte voller Spannung... seine Gedanken trugen ihn mit sich
fort.
»Du solltest Dich in Dublin versuchen, sagte Grip. Ich bin überzeugt,
da würden sich die Verhältnisse für Dich besser gestalten als hier; und
wenn Du etwa Geld brauchst...
-- Wir haben etwas erübrigt, Bob und ich, unterbrach ihn Findling.
-- Das will ich meinen, fiel Bob ein, der einen Schilling sechs Pence
aus der Tasche zog.
-- Ich auch, erklärte Grip, und ich weiß nicht, was ich damit beginnen
soll.
-- Warum legst Du das Geld nicht an... irgendwo... in einer Bank?
-- Dazu hab' ich kein Vertrauen....
-- Ja, dann verlierst Du aber die Zinsen, die es Dir einbringen würde,
Grip....
-- Das ist besser, als alles zu verlieren, was man besitzt. Wenn ich
keins zu andern Leuten habe, zu Dir würde ich es haben, mein Boy, und
wenn Du nach Dublin kämst, nach dem Heimathafen des »Vulcan«, da würden
wir uns auch oft sehen können. Ich wiederhole Dir, wenn Du, um einen
Handel anzufangen, etwas Geld brauchst, so wär' ich gern erbötig, es Dir
zu geben....«
Der wackre Bursche war schon daran, das zu thun. Er fühlte sich ja
überglücklich, seinen Findling wieder getroffen zu haben, und ihm schien
es, als wären sie durch Bande verknüpft, die kein Zufall lösen könnte.
»Komm' nach Dublin, wiederholte Grip. Soll ich Dir sagen, was ich denke?
-- Sprich, lieber Grip.
-- Nun, siehst Du, mir schwebt immer der Gedanke vor... daß Du... dort
Dein Glück machen müssest....
-- Mir wohl auch... ich habe immer denselben Gedanken gehabt,
antwortete Findling einfach. Seine Augen leuchteten aber in hellerem
Glanze auf.
-- Ja, ja, fuhr Grip fort, ich sehe Dich dort eines Tages schon
reich... sehr reich. In Cork freilich wirst Du nicht so viel verdienen.
Ueberlege Dir meine Worte, denn man soll niemals ohne Ueberlegung
handeln.
-- Ganz recht, Grip.
-- Jetzt aber, wo es nichts mehr zu essen giebt... seufzte Bob
aufstehend.
-- Du willst sagen, Junge, fiel ihm Grip ins Wort, daß Du wohl auch
keinen Hunger mehr hast....
-- Ja, vielleicht... ich weiß nicht. Das ist das erste Mal, daß mir das
vorkommt....
-- So wollen wir also ein wenig spazieren gehen,« schlug Findling vor.
So verlief der Nachmittag, wobei die Freunde vielerlei Pläne
schmiedeten, während sie auf den Quais und durch die Straßen Queenstowns
lustwandelten.
Als dann die Trennungsstunde gekommen war und Grip die Knaben nach dem
Landungsplatze des Fährbootes begleitet hatte, begann er:
»Wir werden uns wiedersehen. Man kann sich nicht gefunden haben, um
einander nie wieder zu begegnen.
-- Gewiß, Grip... in Cork... sobald der »Vulcan« hier wieder
anlegt...
-- Warum nicht in Dublin, wo er meist einige Wochen liegen bleibt?...
Ja, in Dublin, und wenn Du Dich entschließen kannst...
-- Leb wohl, leb wohl, Grip!
-- Auf Wiedersehen, mein Boy!«
Sie umarmten sich herzlich und mit tiefer Erregung, die keiner von
beiden zu verheimlichen sich bemühte.
Bob und Birk nahmen ebenfalls mit Abschied, und als das Fährboot
abgestoßen war, da folgte ihm Grip noch lange mit den Augen, während
jenes den Fluß empor dampfte.