Ueber die Naturgeschichte der menschenähnlichen Affen.
Werden alte Ueberlieferungen an der Hand der strengeren Untersuchungen
unserer Zeit geprüft, so erbleichen sie gewöhnlich genug zu blossen
Träumen. Es ist indess eigenthümlich, wie oft ein solcher Traum sich als
ein halbwacher herausstellt, der etwas real ihm zu Grunde Liegendes
voraussagt. Ovid deutete die Entdeckungen der Geologen vorher an; die
Atlantis war ein Erzeugniss der Einbildungskraft, aber Columbus
entdeckte dann die westliche Welt; und obschon die seltsamen Formen der
Centauren und Satyrn nur im Bereiche der Kunst existiren, so kennt man
doch jetzt nicht bloss im Allgemeinen, sondern ganz sicher und notorisch
Geschöpfe, die dem Menschen in ihrem wesentlichen Bau noch näher stehen
als jene, und doch durchaus so thierisch sind, wie die Bock- und
Pferdehälfte jener mythischen Zusammensetzungen.
Ich habe keine Notiz über einen der menschenähnlichen Affen von früherem
Datum gefunden, als die in =Pigafetta's= »Beschreibung des Königreichs
Congo«[1] enthaltene, welche Beschreibung nach den Bemerkungen eines
Portugiesischen Matrosen, =Eduardo Lopez=, angefertigt und 1598
veröffentlicht wurde. Das zehnte Kapitel dieses Werkes trägt den Titel:
»De Animalibus quae in hac provincia reperiuntur« und enthält eine kurze
Stelle des Inhalts, dass es »im Lande Songan, an den Ufern des Zaire,
eine grosse Menge Affen giebt, welche durch das Nachahmen menschlicher
Gesten den Vornehmen grosses Ergötzen gewähren.« Da man dies fast auf
jede Art Affen beziehen könnte, würde ich wenig auf die Stelle gegeben
haben, hätten es nicht die Brüder =De Bry=, deren Stiche das Werk
illustriren, für passend erachtet, in ihrem elften »Argumentum« zwei
dieser »Simiae magnatum deliciae« abzubilden. Der die Affen enthaltende
Theil dieser Tafel ist in dem Holzschnitt, Fig. 1, getreu copirt worden;
man wird bemerken, dass die Affen schwanzlos, langarmig und grossohrig,
und ungefähr von der Grösse des Chimpanze sind. Es könnte nun sein, dass
diese Affen ebenso Gebilde der Einbildungskraft der genialen Brüder
seien, wie der geflügelte, zweibeinige, krokodilköpfige Drache, der
dieselbe Tafel schmückt; andererseits könnten aber die Künstler ihre
Zeichnungen nach irgend einer im Wesentlichen treuen Beschreibung eines
Gorilla oder Chimpanze angefertigt haben. Wenn nun auch in beiden Fällen
diese Figuren einer kurzen Erwähnung werth waren, so datiren doch die
ältesten glaubwürdigen und bestimmten Berichte über irgend ein Thier
dieser Art aus dem 17. Jahrhundert. Sie rühren von einem Engländer her.
[Illustration: Fig. 1. Simiae magnatum deliciae. -- De Bry, 1598.]
Die erste Ausgabe jenes äusserst unterhaltenden alten Buches,
»=Purchas=' Wanderschaft« (Purchas his Pilgrimage), erschien 1613, und
hier finden sich viele Hinweise auf die Angaben eines Mannes, den
Purchas bezeichnet als »Andreas Battell (mein naher Nachbar, zu Leigh in
Essex wohnhaft), welcher unter Manuel Silvera Perera, Gouverneur unter
dem Könige von Spanien, in seiner Stadt St. Paul diente und mit ihm weit
in das Land Angola hineingieng«; und weiter »mein Freund Andreas
Battell, welcher viele Jahre im Königreiche Congo lebte«, und welcher
»nach irgend einem Streite zwischen den Portugiesen (unter denen er
Sergeant einer Abtheilung war) und ihm selbst acht oder neun Monate in
den Wäldern lebte«. Von diesem wettergebräunten alten Soldaten hörte
Purchas mit Staunen »von einer Art grosser Affen, wenn man sie so nennen
kann, von der Grösse eines Mannes, aber zweimal so dick in der Gestalt
ihrer Gliedmaassen, mit verhältnissmässiger Kraft, über den ganzen
Körper behaart, im Uebrigen durchaus wie Männer und Weiber in ihrer
ganzen körperlichen Gestalt.[2] Sie leben von solchen wilden Früchten,
wie sie die Bäume und Wälder darbieten und wohnen zur Nachtzeit auf den
Bäumen«.
Dieser Auszug ist indess weniger ausführlich und klar in seinen Angaben
als eine Stelle im dritten Kapitel des zweiten Theils eines andern
Werkes -- »Purchas' Wanderungen« (Purchas his Pilgrimes), 1625
erschienen, von demselben Verfasser --, welches oft schon, aber kaum
jemals völlig richtig citirt worden ist. Das Kapitel führt den Titel:
»Die wunderbaren Abenteuer des Andreas Battell aus Leigh in Essex, von
den Portugiesen als Gefangener nach Angola geschickt, welcher dort und
in den angrenzenden Gegenden nahezu achtzehn Jahre lebte.« Der sechste
Abschnitt dieses Kapitels ist überschrieben: »Von den Provinzen Bongo,
Calongo, Mayombe, Manikesocke, Motimbas: von den Affenungeheuern Pongo,
ihrer Jagd: Götzendienereien; und verschiedene andere Beobachtungen.«
»Diese Provinz (Calongo) gränzt nach Osten an Bongo und nach Norden an
Mayombe, welches der Küste entlang neunzehn (franz.) Meilen von Longo
entfernt ist.
Diese Provinz Mayombe ist ganz Wald und Hain, so überwachsen, dass man
zwanzig Tage im Schatten ohne Sonne oder Hitze reisen kann. Hier giebt
es keine Art Getreide oder Korn, so dass die Leute nur von Pisang und
Wurzeln verschiedener sehr guter Art und von Nüssen leben; auch giebt es
weder irgend eine Art zahmen Viehs noch Hühner.
Sie haben aber grosse Mengen von Elephantenfleisch, welches sie hoch
schätzen, und viele Arten wilder Thiere; und grosse Mengen von Fischen.
Hier ist eine grosse sandige Bucht, zwei Meilen nördlich vom Cap
Negro,[3] welche der Hafen von Mayombe ist. Die Portugiesen laden
zuweilen Farbholz in dieser Bucht. Hier ist ein grosser Fluss, Banna
genannt; im Winter hat er keine Barre, weil die Winde eine hohe See
verursachen. Wenn aber die Sonne ihre südliche Declination hat, dann
kann ein Boot einfahren; denn dann ist er des Regens wegen glatt. Dieser
Fluss ist sehr gross und hat viele Inseln, und Leute, die auf diesen
leben. Die Bäume sind so bedeckt mit Pavianen, Meerkatzen und grossen
Affen, dass sich wohl Jedermann fürchtet, in den Wäldern allein zu
reisen. Hier giebt es auch zwei Arten von Ungeheuern, die in den Wäldern
gemein und sehr gefährlich sind.
Das grössere der beiden Ungeheuer wird in ihrer Sprache Pongo genannt,
das kleinere heisst Engeco. Dieser Pongo ist in der ganzen Gestalt wie
ein Mensch, nur dass er der Grösse nach mehr einem Riesen als einem
Manne ähnlich ist; denn er ist sehr gross, hat eines Menschen Antlitz,
hohläugig, mit langen Haaren in den Augenbrauen. Sein Gesicht und seine
Ohren sind ohne Haare, ebenso seine Hände. Sein Körper ist voller Haare,
aber nicht sehr dicht; das Haar ist von schwarzbrauner Farbe.
Er ist vom Menschen nur in seinen Beinen verschieden, denn er hat keine
Waden. Er geht immer auf seinen Beinen und hält die Hände im Genick
übereinandergeschlagen, wenn er auf der Erde geht. Sie schlafen auf den
Bäumen und bauen sich Schutzdächer gegen den Regen. Sie nähren sich von
Früchten, die sie in den Wäldern finden, und von Nüssen; denn sie essen
keine Art von Fleisch. Sie können nicht sprechen und haben nicht mehr
Verstand als ein Thier. Wenn die Leute im Lande in den Wäldern arbeiten,
so zünden sie Feuer an, wo sie in der Nacht schlafen; und wenn sie
Morgens fortgegangen sind, kommen die Pongos und setzen sich um das
Feuer, bis es ausgegangen ist; denn sie verstehen nicht, Holz
zusammenzulegen. Es gehen ihrer immer viele zusammen und tödten viele
Neger, die in den Wäldern arbeiten. Oftmals fallen sie über die
Elephanten her, die zum Fressen dahin kommen, wo sie sind, und schlagen
sie so mit ihren geballten Fäusten und Holzstücken, dass jene brüllend
ausreissen. Diese Pongos werden niemals lebendig gefangen, weil sie so
stark sind, dass zehn Männer nicht einen halten können; sie fangen aber
viele von ihren Jungen mit vergifteten Pfeilen.
Der junge Pongo hängt am Bauche seiner Mutter mit seinen Händen fest um
sie herumgeschlagen, so dass die Eingebornen, wenn sie eins von den
Weibchen tödten, das Junge fangen, welches fest an seiner Mutter hängt.
Wenn einer unter ihnen stirbt, so bedecken sie den Todten mit grossen
Haufen von Zweigen und Holz, wie es gewöhnlich im Walde gefunden
wird.«[4]
Es scheint nicht schwer zu sein, die Gegend genau zu bestimmen, von
welcher Battell spricht. Longo ist ohne Zweifel der Name des auf unsern
Karten gewöhnlich Loango geschriebenen Platzes. Mayombe liegt noch
ungefähr neunzehn Lieues nördlich von Loango, der Küste entlang; und
Cilongo oder Kilonga, Manikesocke und Motimbas werden noch von den
Geographen verzeichnet. Das Cap Negro Battell's aber kann nicht das
heutige Cap Negro in 16° südlicher Breite sein, da Loango selbst unter
4° südlicher Breite liegt. Andererseits entspricht der »grosse Fluss
genannt Banna« sehr gut dem »Camma« und »Fernand Vas« der neueren
Geographen, die an diesem Theile der Afrikanischen Küste ein grosses
Delta bilden.
Dies »Camma«-Land nun liegt ungefähr anderthalb Grad südlich vom
Aequator, während wenige Meilen nördlich von der Linie der Gaboon und
einen Grad oder ungefähr so nördlich von diesem der Money River liegt --
beide neueren Naturforschern sehr wohl als Oertlichkeiten bekannt, wo
die grössten menschenähnlichen Affen gefunden worden sind. Uebrigens
wird noch heutzutage das Wort Engeco oder N'schego von den Eingebornen
dieser Gegenden zur Bezeichnung des kleineren der zwei grossen Affen,
die dort leben, gebraucht. Es kann daher kaum ein vernünftiger Zweifel
darüber aufkommen, dass Andreas Battell das berichtet, was er aus eigner
Anschauung kannte, oder jedenfalls wenigstens was er aus unmittelbaren
Berichten der Eingebornen des westlichen Afrika erfahren hatte. Der
»Engeco« indess ist jenes »andere Ungeheuer«, dessen Natur Battell »zu
schildern vergass«, während der Name »Pongo« -- der für das Thier
gebraucht wurde, dessen Charaktere und Gewohnheiten so umständlich und
sorgfältig beschrieben werden -- ausgestorben zu sein scheint,
wenigstens in seiner ursprünglichen Form und Bedeutung. Es giebt in der
That Beweise dafür, dass er nicht bloss in Battell's Zeit, sondern noch
bis zu einem viel neueren Datum herab in einem Sinne gebraucht wurde,
der gänzlich von dem verschieden war, in dem Battell ihn anwendet.
Es enthält z. B. das zweite Kapitel von Purchas' Werke, das ich vorhin
citirt habe, »Eine Beschreibung und geschichtliche Erklärung des Goldnen
Königreichs Guinea etc. etc., aus dem Holländischen übersetzt und mit
dem Lateinischen verglichen,« worin es heisst (S. 986):
»Der Fluss Gaboon liegt ungefähr fünfzehn Meilen nördlich von Rio de
Angra und acht Meilen nördlich vom Cap de Lope Gonsalvez (Cap Lopez) und
ist gerade unter der Linie, ungefähr fünfzehn Meilen von St. Thomas, und
ist ein grosses Land, gut und leicht zu kennen. An der Mündung des
Flusses liegt drei oder vier Faden tief eine Sandbank, auf welcher eine
starke Brandung herrscht wegen der aus dem Flusse in das Meer
ausgehenden Strömung. Dieser Fluss ist an seiner Mündung wenigstens vier
Meilen breit; aber in der Nähe der Pongo genannten Insel ist er nicht
über zwei Meilen breit ... Auf beiden Seiten des Flusses stehen viele
Bäume ... Die Pongo genannte Insel, die einen ungeheuer hohen Berg hat.«
Die französischen Flottenoffiziere, deren Briefe der ausgezeichneten
Abhandlung des verstorbenen Isidore Geoffroy Saint Hilaire über den
Gorilla[5] beigegeben sind, geben die Breite des Gaboon in ähnlicher
Weise an, ebenso die Bäume, welche seine Ufer bis zum Wasserspiegel
herab bekleiden, ebenso die starke von ihm in das Meer ausgehende
Strömung. Sie beschreiben zwei Inseln in seiner Mündung, -- eine
niedrige, genannt Perroquet; die andere ist hoch mit drei conischen
Bergen, Coniquet genannt; und einer von ihnen, M. Franquet, führt
ausdrücklich an, dass früher der Häuptling von Coniquet _Meni-Pongo_
genannt worden wäre, was so viel heisst als Herr von Pongo, und dass die
_N'Pongues_ (wie er in Uebereinstimmung mit Dr. Savage versichert, dass
sich die Eingebornen nennen) die Mündung des Gaboon selbst _N'Pongo_
nennen.
Im Verkehr mit Wilden ist es so leicht, ihre Anwendungen von Worten auf
Dinge misszuverstehen, dass man zunächst zu vermuthen geneigt ist,
Battell habe den Namen der Gegend, wo sein »grösseres Ungeheuer« noch
reichlich vorkömmt, mit dem Namen des Thieres selbst verwechselt. In
Bezug auf andere Gegenstände (mit Einschluss des Namens für das
»kleinere Ungeheuer«) hat er aber so völlig Recht, dass man den alten
Reisenden nur ungern im Irrthum vermuthet; und auf der andern Seite
werden wir sehen, dass hundert Jahre später ein anderer Reisender den
Namen »Boggoe« erwähnt als von den Einwohnern eines ganz andern Theils
von Afrika -- Sierra Leone -- auf einen grossen Affen bezogen.
Ich muss indessen diese Frage den Philologen und Reisenden zur
Entscheidung überlassen; auch würde ich mich kaum so lange dabei
aufgehalten haben, wäre es nicht wegen der merkwürdigen Rolle, welche
dies Wort »_Pongo_« in der spätern Geschichte der menschenähnlichen
Affen gespielt hat.
Die nächste Generation nach Battell sah den ersten menschenähnlichen
Affen, der je nach Europa gebracht wurde, oder wenigstens, dessen Besuch
einen Geschichtschreiber fand. Im dritten Buch der »Observationes
medicae« des =Tulpius=, 1641 erschienen, ist das 56. Kapitel (oder der
56. Abschnitt) dem von ihm sogenannten _Satyrus indicus_ gewidmet, »von
den Indiern Orang-outang genannt, von den Afrikanern Quoias Morrou«. Er
giebt, augenscheinlich nach dem Leben, eine sehr gute Abbildung des
Exemplars dieses Thieres, nostra memoria ex Angola delatum, ein Geschenk
für den Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien. Tulpius sagt, es sei so
gross wie ein Kind von drei Jahren, und so dick wie ein sechsjähriges;
und dass sein Rücken mit schwarzem Haar bedeckt war. Es ist offenbar ein
junger Chimpanze.
[Illustration: Fig. 2. Der Orang des Tulpius, 1641.]
Unterdessen wurde die Existenz anderer Asiatischer menschenähnlicher
Affen bekannt, anfangs jedoch in sehr mythischer Weise. So giebt Bontius
(1658) eine durchaus fabelhafte und lächerliche Beschreibung und
Abbildung eines Thieres, das er »Orang-outang« nennt; und obgleich er
sagt »vidi Ego cujus effigiem hic exhibeo«, so ist doch die erwähnte
Abbildung (vergleiche Fig. 6 nach Hoppius' Copie) nichts als eine sehr
behaarte Frau von im Allgemeinen anständigem Ansehen, in ihren
Proportionen und Füssen völlig menschlich. Der besonnene englische
Anatom =Tyson= war berechtigt, von dieser Beschreibung des Bontius zu
sagen: »Ich gestehe, ich traue der ganzen Darstellung nicht.«
Dem letztgenannten Schriftsteller und seinem Mitarbeiter Cowper
verdanken wir den ersten Bericht über einen menschenähnlichen Affen, der
irgend welche Ansprüche auf wissenschaftliche Genauigkeit und
Vollständigkeit machen kann. Die Abhandlung mit dem Titel »Orang-outang
sive Homo sylvestris; or the Anatomy of a Pygmie compared with that of a
Monkey, an Ape and a Man«, von der Royal Society im Jahre 1699
herausgegeben, ist in der That ein Werk von merkwürdigem Verdienst und
hat in gewissen Beziehungen spätern Untersuchern als Vorbild gedient.
Tyson erzählt uns: »Dieser Pygmie wurde von Angola in Afrika gebracht,
war aber erst ein grosses Stück weiter hinauf im Lande gefangen worden«;
sein Haar »war kohlschwarz von Farbe und schlicht«, und »wenn er wie ein
Vierfüssler auf allen Vieren ging, so war es ungeschickt; er setzte
nicht die Handfläche platt auf den Boden, sondern ging auf den Knöcheln,
wie ich es ihn habe thun sehen, wenn er schwach und nicht kräftig genug
war, den Körper zu tragen«. -- »Von der Höhe des Kopfes bis zur Ferse
des Fusses maass er in einer geraden Linie sechs und zwanzig Zoll.«
[Illustration: Fig. 3. Fig. 4. Der »Pygmie« nach Tyson's Figuren 1 und 2
verkleinert, 1699.]
Diese Charaktere würden selbst ohne Tyson's gute Figuren (Fig. 3 und 4)
zu dem Beweise genügt haben, dass sein »Pygmie« ein junger Chimpanze
war. Da sich mir indessen höchst unerwartet die Gelegenheit dargeboten
hat, das Skelet des nämlichen Exemplars zu untersuchen, das Tyson
anatomirt hatte, so bin ich im Stande, ein ganz unabhängiges Zeugniss
dafür abzulegen, dass er ein wirklicher, wenngleich noch sehr junger
_Troglodytes niger_[6] war. Obgleich Tyson die Aehnlichkeiten zwischen
seinem Pygmie und dem Menschen völlig anerkannte, so übersah er doch
keineswegs die Verschiedenheiten zwischen den beiden, und er schliesst
seine Abhandlung damit, dass er zuerst die Punkte zusammenstellt, in
denen »der Orang-outang oder Pygmie dem Menschen ähnlicher ist, als
Affen und Meerkatzen«, und zwar in sieben und vierzig besondern
Abschnitten, und dann in vier und dreissig gleicherweise kurzen
Paragraphen die Beziehungen, »in denen der Orang-outang oder Pygmie vom
Menschen abweicht und mehr dem Affen- und Meerkatzengeschlecht gleicht«.
Nach einer sorgfältigen Uebersicht der zu seiner Zeit über den
Gegenstand vorhandenen Literatur kömmt unser Verfasser zu dem Schlusse,
dass sein »Pygmie« weder mit den Orangs des Tulpius und Bontius
identisch ist, noch mit dem Quoias Morrou des Dapper (oder vielmehr des
Tulpius), dem Barris des D'Arcos, noch mit dem Pongo Battell's, dass es
vielmehr eine Affenart ist, die wahrscheinlich mit den Pygmäen der Alten
identisch ist; und obgleich er, sagt Tyson, »einem Menschen in vielen
seiner Theile so sehr ähnlich ist, mehr als irgend ein Affe oder irgend
ein anderes Thier in der Welt, das ich kenne, so betrachte ich ihn doch
durchaus nicht als das Product einer Kreuzung, -- es ist ein Thier sui
generis und eine besondere Species von Affen.«
Der Name »Chimpanze«, unter dem einer der Afrikanischen Affen jetzt so
wohl bekannt ist, scheint in der ersten Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein; aber die einzige wichtige
Erweiterung unserer Kenntniss der menschenähnlichen Affen Afrika's aus
jener Zeit ist in der Neuen Reise nach Guinea von William Smith
enthalten, die das Datum 1744 trägt.
[Illustration: Fig. 5. Facsimile der Figur des »Mandrill« von William
Smith, 1744.]
Bei der Beschreibung der Thiere von Sierra Leone, p. 51, sagt der
Verfasser:
»Ich will zunächst eine eigenthümliche Art von Thieren beschreiben,
welches die Weissen hier zu Lande Mandrill[7] nennen; warum sie es so
nennen, weiss ich aber nicht, noch hörte ich je den Namen zuvor; auch
können die, die es so nennen, mir es nicht angeben, es müsste denn wegen
der grossen Aehnlichkeit mit einem menschlichen Geschöpf sein, da es
durchaus keinem Affen gleicht. Erwachsen ist sein Körper im Umfang so
dick wie der eines mittelgrossen Mannes, -- seine Beine viel kürzer,
seine Füsse aber grösser, Arme und Hände im Verhältniss. Der Kopf ist
ungeheuer gross und das Gesicht breit und platt, ohne irgend welche
Haare ausser an den Augenbrauen; die Nase ist sehr klein, der Mund
breit, die Lippen dünn. Das von einer weissen Haut bedeckte Gesicht ist
ungeheuer hässlich, ganz über und über faltig wie bei alten Leuten; die
Zähne sind breit und gelb; die Hände haben ebensowenig Haare wie das
Gesicht, aber dieselbe weisse Haut, während der ganze übrige Körper mit
langem schwarzem Haar, wie ein Bär, bedeckt ist. Sie gehen niemals auf
allen Vieren, wie Affen; wenn sie geärgert oder geneckt werden, schreien
sie ganz wie Kinder ...«
»Als ich in Sherbro war, machte mir ein gewisser Mr. Cummerbus, den ich
hernach noch zu erwähnen Veranlassung haben werde, mit einem dieser
merkwürdigen Thiere ein Geschenk; die Eingebornen nennen sie Boggoe: es
war ein junges, sechs Monate altes Weibchen, aber schon damals grösser
als ein Pavian. Ich übergab es der Sorge eines der Sklaven, welcher
wusste, wie es zu füttern und zu pflegen war, da es ein sehr zartes
Thier war; sobald ich aber das Verdeck verliess, fingen die Matrosen an,
es zu necken -- die einen sahen seine Thränen gern und hörten es gern
weinen; andere hassten seine Schmutznase; als einer, der es schlug, vom
Neger, der es besorgte, angefahren wurde, sagte er dem Sklaven, er habe
seine Landsmännin sehr gern und fragte ihn, ob er sie nicht gern zur
Frau nehmen möchte? Darauf antwortete der Sklave sehr schlagfertig:
»Nein, das ist nicht meine Frau; das ist eine weisse Frau, das ist eine
passende Frau für Dich.« Ich glaube, dieser unglückliche Witz des
Negers beschleunigte seinen Tod, denn am nächsten Morgen fand man es
todt unter der Winde.«
William Smith's »Mandrill« oder »Boggoe« war ohne Zweifel ein Chimpanze,
wie seine Beschreibung und Abbildung bezeugen.
Linné kannte aus eigner Beobachtung nichts von den menschenähnlichen
Affen, weder Afrika's noch Asiens; indessen kann man annehmen, dass eine
Dissertation seines Schülers =Hoppius= in den »Amoenitates Academicae«
(VI. >Anthropomorpha<) seine Ansichten über diese Thiere enthalte.
[Illustration: Fig. 6. Die Anthropomorpha Linné's.]
Die Dissertation wird durch eine Tafel erläutert, von welcher der
beistehende Holzschnitt, Fig. 6, eine verkleinerte Copie ist. Die
Figuren sind (von links nach rechts) bezeichnet als: 1. _Troglodyta
Bontii_; 2. _Lucifer Aldrovandi_; 3. _Satyrus Tulpii_; 4. _Pygmaeus
Edwardi_. Das erste ist eine schlechte Copie von Bontius' imaginärem
»Orang-outang«, an dessen Existenz indess Linné vollständig geglaubt zu
haben scheint; wenigstens wird er in der Originalausgabe des »Systema
naturae« als eine zweite Species Homo angeführt, »H. nocturnus«.
_Lucifer Aldrovandi_ ist eine Copie einer Figur in Aldrovandi »De
Quadrupedibus digitatis viviparis«, Lib. 2, p. 249 (1645) bezeichnet:
»Cercopithecus formae rarae _Barbilius_ vocatus et originem a china
ducebat.« Hoppius ist der Ansicht, dass dies möglicherweise einer jener
katzenschwänzigen Menschen sei, von denen Nicolaus Köping versichert,
dass sie eine Bootsmannschaft, den »gubernator navis« und alle
miteinander auffrässen! Im »Systema naturae« nennt ihn Linné in einer
Anmerkung Homo caudatus und scheint geneigt zu sein, ihn als dritte
Species Mensch zu betrachten. Der _Satyrus Tulpii_ ist nach Temminck
eine Copie der Figur eines Chimpanze, die Scotin 1738 publicirte, die
ich nicht gesehen habe. Es ist der _Satyrus indicus_ des »Systema
naturae« und wird von Linné für eine möglicherweise vom _Satyrus
sylvestris_ verschiedene Art gehalten. Das letzte, der _Pygmaeus
Edwardi_ ist nach der Abbildung eines jungen »Waldmenschen« oder
wirklichen Orang-Utan copirt, die in Edwards' »Gleanings of Natural
History« (1758) gegeben ist.
Buffon war glücklicher als sein grosser Nebenbuhler. Er hatte nicht
bloss die seltene Gelegenheit, einen jungen Chimpanze lebendig
beobachten zu können, sondern er gelangte auch in den Besitz eines
erwachsenen Asiatischen menschenähnlichen Affen -- des ersten und
letzten erwachsenen Exemplars irgend eines dieser Thiere, die für viele
Jahre nach Europa gebracht wurden. Unter der werthvollen Unterstützung
Daubenton's gab Buffon eine ausgezeichnete Beschreibung dieses
Geschöpfes, das er nach seinen eigentümlichen Körperverhältnissen den
langarmigen Affen oder Gibbon nannte. Es ist der heutige _Hylobates
lar_.
Als daher Buffon im Jahre 1766 den vierzehnten Band seines grossen
Werkes schrieb, kannte er aus persönlicher Anschauung das Junge von
einer Art Afrikanischer menschenähnlicher Affen und das Erwachsene einer
Asiatischen Art, während er den Orang-Utan und den Smith'schen Mandrill
aus Beschreibungen kannte. Ausserdem hatte der Abbé Prevost einen
grossen Theil von Purchas' Wanderungen in seiner »Histoire générale des
Voyages« ins Französische übersetzt (1748), und hier fand Buffon eine
Uebersetzung von Andreas Battell's Beschreibung des Pongo und des
Engeco. Alle diese Angaben versucht Buffon in dem »Les Orang-outangs ou
le Pongo et le Jocko« überschriebenen Kapitel mit einander in
Uebereinstimmung zu bringen. Dieser Ueberschrift ist die folgende
Anmerkung beigefügt:
»Orang-outang, nom de cet animal aux Indes orientales: Pongo, nom
de cet animal à Lowando Province de Congo.«
»Jocko, Enjocko, nom de cet animal à Congo que nous avons adopté.
_En_ est l'article que nous avons retranché.«
Andreas Battell's »Engeco« wurde auf diese Weise in »Jocko« verwandelt
und in dieser letzteren Form über alle Welt verbreitet, in Folge der
ausgedehnten Popularität von Buffon's Werken. Der Abbé Prevost und
Buffon thaten aber noch mehr als Battell's nüchternen Bericht durch
»Weglassen eines Artikels« zu entstellen. So gab Buffon Battell's
Angabe, dass die Pongos »nicht sprechen können und nicht mehr Verstand
haben als ein Thier« in der Art wieder, »qu'il ne peut parler,
_quoiqu'il ait plus d'entendement que les autres animaux_«; ferner steht
die Versicherung Purchas', »bei einer Unterredung mit ihm sagte er mir,
dass einer dieser Pongos einen Negerknaben nahm, der einen Monat unter
ihnen lebte,« in der französischen Uebersetzung so, »un pongo lui enleva
un petit negre qui passa un _an_ entier dans la société de ces animaux.«
Nach Mittheilung der Beschreibung des grossen Pongo bemerkt Buffon mit
Recht, dass alle »Jockos« und »Orangs«, die bis dahin nach Europa
gebracht wären, jung gewesen seien; und er stellt die Vermuthung auf,
dass sie im erwachsenen Zustande so gross wie der Pongo oder der »grosse
Orang« sein möchten, so dass er vorläufig die Jockos, Orangs und Pongos
als alle zu einer Art gehörig betrachtet. Und vielleicht war dies gerade
soviel als der Zustand der Kenntniss zu jener Zeit erlaubte. Wie es aber
kam, dass Buffon die Aehnlichkeit des Smith'schen Mandrill mit seinem
eigenen Jocko übersah und den ersteren mit einem so gänzlich
verschiedenen Geschöpf verwechselte, wie der Pavian mit blauem Gesicht
ist, ist nicht leicht einzusehen.
Zwanzig Jahre später änderte Buffon seine Ansicht[8] und äusserte die
Meinung, dass die Orangs eine Gattung mit zwei Arten bildeten, -- eine
grössere, der Pongo Battell's, und eine kleinere, der Jocko; dass die
kleinere (Jocko) der ostindische Orang sei; und dass die jungen Thiere
von Afrika, die er selbst und Tulpius beobachtet hätten, nur junge
Pongos wären.
In der Zwischenzeit gab der holländische Naturforscher Vosmaer eine sehr
gute Beschreibung und Abbildung eines jungen, lebendig nach Holland
gebrachten Orangs (1778), und sein Landsmann, der berühmte Anatom =Peter
Camper=, veröffentlichte (1779) eine Abhandlung über den Orang-Utan von
ähnlichem Werthe wie die Tyson's über den Chimpanze. Er anatomirte
mehrere Weibchen und ein Männchen, welche alle er nach der
Beschaffenheit ihrer Skelete und ihrer Bezahnung mit Recht für junge
Thiere hielt. Nach Analogie vom Menschen aus urtheilend, schliesst er
indessen, dass sie im erwachsenen Zustande vier Fuss Höhe nicht
überschritten haben könnten. Uebrigens ist er sich völlig klar über die
specifische Verschiedenheit des wahren ostindischen Orang.
»Der Orang«, sagt er, »weicht nicht bloss vom Pigmy des Tyson und vom
Orang des Tulpius durch seine besondere Farbe und seine langen Zehen,
sondern auch durch seine ganze äussere Form ab. Seine Arme, seine Hände
und seine Füsse sind länger, während die Daumen im Gegentheil viel
kürzer und die grossen Zehen im Verhältniss viel kleiner sind«[9]. Und
ferner: »Der wahre Orang, das ist der asiatische von Borneo, ist also
nicht der Pithecus oder der ungeschwänzte, von den Griechen und
vornehmlich von Galen beschriebene Affe. Er ist weder der Pongo, noch
der Jocko, noch der Orang des Tulpius, noch der Pigmy des Tyson, sondern
ist _ein Thier einer besonderen Art_, wie ich aus dem Sprachorgane und
dem Knochenbau auf das Klarste nachweisen werde«[10].
Wenige Jahre später publicirte Radermacher, welcher eine hohe Stellung
in der Regierung der holländischen Besitzungen in Indien einnahm und ein
thätiges Mitglied der Batavischen Gesellschaft der Künste und
Wissenschaften war, im zweiten Bande der Verhandlungen dieser
Gesellschaft[11] eine Beschreibung der Insel Borneo, die zwischen 1779
und 1781 geschrieben ist und unter vielen anderen interessanten Dingen
auch einige Bemerkungen über den Orang enthält. Er meint, die kleinere
Art des Orang-Utan, nämlich die von Vosmaer und Edwards, werde nur auf
Borneo und vorzüglich um Banjermassing, Mampauwa und Landak gefunden.
Von dieser Art hatte er während seines Aufenthaltes in Indien einige
fünfzig gesehen; keiner aber war länger als höchstens 2½ Fuss.
Radermacher fährt fort: die grössere, oft für Chimäre gehaltene Art
würde vielleicht noch lange dafür gehalten worden sein ohne die
Anstrengungen des Residenten in Rembang, Mr. Palm, welcher auf der
Rückreise von Landak nach Pontiana einen schoss und ihn, zur
Uebersendung nach Europa, in Spiritus aufbewahrt nach Batavia schickte.
Palm's Brief, der die Beschreibung des Fanges enthält, lautet so: »Eurer
Excellenz sende ich hierbei einen Orang, von dem ich diesen Morgen
ungefähr um die achte Stunde hörte; es übertrifft dies alle Erwartung,
da ich schon vor langer Zeit den Eingebornen für einen Orang-Utan von
vier oder fünf Fuss Höhe hundert Ducaten geboten hatte. Lange Zeit
versuchten wir das Mögliche, um das schreckliche Thier lebendig in dem
dichten Walde, ungefähr halbwegs nach Landak, zu fangen. Wir vergassen
selbst zu essen, so ängstlich waren wir, ihn nicht entwischen zu lassen;
wir mussten uns aber in Acht nehmen, dass er sich nicht rächte, da er
fortwährend schwere Stücken Holz und grüne Zweige nach uns warf. Dies
Spiel dauerte bis Nachmittag 4 Uhr, wo wir uns entschlossen, ihn zu
schiessen. Dies glückte mir auch sehr gut, und besser, als ich je vorher
von einem Boote aus geschossen hatte. Die Kugel drang gerade in die
Seite des Brustkastens ein, so dass er nicht sehr beschädigt wurde. Wir
brachten ihn noch lebendig auf das Vordertheil des Schiffes und banden
ihn fest; am andern Morgen starb er an seinen Wunden. Nach unserer
Ankunft kam ganz Pontiana an Bord, um ihn zu sehen.« Palm giebt seine
Grösse vom Kopfe bis zur Ferse zu 49 Zoll an.
Ein äusserst intelligenter deutscher Beamte, Baron von Wurmb, der zu
jener Zeit eine Stellung im holländisch-ostindischen Dienste hatte und
Secretair der Batavischen Gesellschaft war, untersuchte dies Thier, und
seine sorgfältige Beschreibung desselben erschien unter dem Titel:
»Beschrijving van der Groote Borneosche Orang-outang of de Oost-Indische
Pongo« in demselben Bande der Abhandlungen der Batavischen Gesellschaft.
Nachdem von Wurmb seine Beschreibung aufgesetzt hatte, giebt er in
einem, Batavia Febr. 18, 1781[12] datirten Briefe noch an, dass das
Exemplar in Weingeist verwahrt nach Europa gesandt worden sei, um in die
Sammlung der Prinzen von Oranien aufgenommen zu werden;
»unglücklicherweise«, erzählt er weiter, »hören wir, dass das Schiff
Schiffbruch gelitten hat«. Von Wurmb starb im Laufe des Jahres 1781, der
Brief, in dem diese Stelle vorkommt, war der letzte, den er schrieb; in
seinen nachgelassenen, im vierten Theile der Verhandlungen der
Batavischen Gesellschaft publicirten Arbeiten findet sich eine kurze
Beschreibung eines weiblichen Pongo von vier Fuss Höhe mit Maassangaben.
Erreichte nun eines dieser Originalexemplare, nach denen von Wurmb's
Beschreibung entworfen wurde, jemals Europa? Es wird gewöhnlich
angenommen, dass sie herübergekommen sind; aber ich bezweifle die
Thatsache. Denn in der gesammelten Ausgabe von Camper's Werken ist der
Abhandlung »De l'Orang-outang«, Tom. I, pag. 64-66, von Camper selbst
eine sich auf die Arbeiten von Wurmb's beziehende Anmerkung beigefügt,
in der es heisst: »Bis jetzt ist diese Affenart in Europa noch nie
bekannt geworden. Radermacher hat die Güte gehabt, mir den Schädel eines
dieser Thiere zu schicken, welches drei und fünfzig Zoll oder vier Fuss
fünf Zoll in der Länge maass. Ich habe an Soemmerring in Mainz ein paar
Skizzen geschickt, welche indessen mehr darauf berechnet sind, eine Idee
von der Form als von der wirklichen Grösse der Theile zu geben.«
[Illustration: Fig. 7. Der von Radermacher an Camper gesandte
Pongo-Schädel, nach Camper's Originalskizzen in der Lucae'schen Copie.]
Diese Skizzen sind von Fischer und von Lucae reproducirt worden und
tragen das Datum 1783; Soemmerring erhielt sie im Jahre 1784. Wäre eines
der von Wurmb'schen Exemplare nach Holland gekommen, so würde es gewiss
um diese Zeit Camper nicht mehr unbekannt geblieben sein, der nun aber
fortfährt: »Es scheint, dass seitdem noch einige mehr von diesen
Ungeheuern gefangen worden sind; denn ein ganzes, sehr schlecht
aufgestelltes Skelet, das an das Museum des Prinzen von Oranien
geschickt war und welches ich erst am 27. Juni 1784 sah, war höher als
vier Fuss. Ich habe dies Skelet noch einmal am 19. December 1785
untersucht, nachdem es von dem geistvollen Onymus vorzüglich zurecht
gemacht worden war.«
Es scheint daher evident zu sein, dass dieses Skelet, welches
zweifelsohne das ist, was immer unter dem Namen von Wurmb's Pongo ging,
nicht von dem Thiere herrührt, welches er beschrieben hat, obschon es
ihm ohne Frage in allen wesentlichen Punkten ähnlich war.
Camper fährt dann fort, einige der wichtigsten Züge dieses Skelets zu
erwähnen, verspricht es gelegentlich im Detail zu beschreiben, und ist
augenscheinlich im Zweifel über die Beziehung dieses grossen »Pongo« zu
seinem »kleinen Orang«.
Die versprochenen weiteren Untersuchungen wurden niemals ausgeführt, und
so kam es, dass der Pongo von Wurmb's seinen Platz neben dem Chimpanze,
Gibbon und Orang erhielt als eine vierte und colossale Art
menschenähnlicher Affen. Es konnte auch den damals bekannten Chimpanzes
oder Orangs nichts weniger ähnlich sein als der Pongo; denn alle zur
Beobachtung gekommenen Exemplare vom Chimpanze und Orang waren von
kleiner Statur, von eigenthümlich menschlichem Ansehen, sanft und
gelehrig; während Wurmb's Pongo ein Ungeheuer von beinahe doppelter
Grösse, von grosser Stärke und Wildheit und sehr thierischem Ausdruck
war; seine grosse vorstehende, mit starken Zähnen bewaffnete Schnauze
war ferner noch durch das Auswachsen der Wangen in fleischige Lappen
entstellt.
Gelegentlich wurde dann, in Uebereinstimmung mit den üblichen
marodirenden Gewohnheiten der Revolutionsarmee, das Pongo-Skelet von
Holland fort nach Frankreich geschafft, und 1798 gaben Geoffroy St.
Hilaire und Cuvier Bemerkungen über dasselbe mit der ausdrücklichen
Absicht, seine völlige Verschiedenheit vom Orang und seine
Verwandtschaft mit den Pavianen zu beweisen.
Selbst in Cuvier's »Tableau Elémentaire« und in der ersten Ausgabe
seines grossen Werkes, des »Règne animal«, wird der Pongo als eine
Species Pavian aufgeführt. Es scheint indessen, dass Cuvier schon
zeitig, im Jahre 1818, veranlasst wurde, seine Ansicht zu ändern und der
Meinung beizutreten, die mehrere Jahre früher Blumenbach[13] und nach
ihm Tilesius ausgesprochen hatte, dass der Pongo von Borneo einfach ein
erwachsener Orang sei. Im Jahre 1824 wies Rudolphi aus dem Zustande der
Bezahnung ausführlicher und vollständiger, als es von seinen Vorgängern
geschehen war, nach, dass die bis zu jener Zeit beschriebenen Orangs
sämmtlich junge Thiere wären und dass der Schädel und die Zähne des
Erwachsenen wahrscheinlich so sein würden, wie sie der Wurmb'sche Pongo
darböte. In der zweiten Ausgabe des »Règne animal« (1829) zieht Cuvier
aus »den Verhältnissen aller Theile« und »den Anordnungen der Löcher und
Nähte des Schädels« den Schluss, dass der Pongo der erwachsene
Orang-Utan sei, »wenigstens eine sehr nahe verwandte Art«, und dieser
Schluss wurde dann später ausser allen Zweifel gestellt durch die
Abhandlung Professor Owen's, in den »Zoological Transactions« für 1835,
und von Temminck in seinen »Monographies de Mammologie«. Temminck's
Abhandlung ist ausgezeichnet durch die Vollständigkeit des beigebrachten
Nachweises über die Modificationen, denen die Form des Orang nach Alter
und Geschlecht unterliegt. Tiedemann veröffentlichte zuerst einen
Bericht über das Gehirn des jungen Orang, während Sandifort, Müller und
Schlegel die Muskeln und Eingeweide des erwachsenen beschrieben und den
ersten detaillirten und glaubwürdigen Bericht über die Lebensart des
grossen indischen Affen im Naturzustande gaben; da dann noch von spätern
Beobachtern wichtige Zusätze gegeben worden sind, so sind wir in diesem
Augenblicke besser mit dem erwachsenen Zustand des Orang-Utan bekannt,
als mit dem irgend eines der andern grösseren menschenähnlichen Affen.
Er ist sicher der Pongo von Wurmb's[14]; und er ist ebenso gewiss nicht
der Pongo Battell's, da wir jetzt sehen, dass der Orang-Utan gänzlich
auf die grossen asiatischen Inseln Borneo und Sumatra beschränkt ist.
Und während die aufeinander folgenden Entdeckungen so die Geschichte des
Orang aufklärten, wurde noch nachgewiesen, dass die einzigen andern
menschenähnlichen Affen in der östlichen Welt die verschiedenen Arten
von Gibbon seien -- Affen von kleinerer Statur, und daher die
Aufmerksamkeit weniger fesselnd als die Orangs, obgleich sie eine viel
weitere Verbreitung haben und deshalb der Beobachtung viel zugänglicher
sind.
Obgleich der geographische Bezirk, der von dem »Pongo« und »Engeco«
Battell's bewohnt wird, Europa so viel näher ist, als der, in dem der
Orang und Gibbon sich findet, so hat doch unsere Bekanntschaft mit den
afrikanischen Affen langsamer zugenommen; und in der That ist die
wahrheitsgetreue Erzählung des alten englischen Abenteurers erst in den
letzten paar Jahren völlig verständlich gemacht worden. Erst 1835 wurde
das Skelet des erwachsenen Chimpanze bekannt durch die Publication von
Professor Owen's oben erwähnter ausgezeichneter Abhandlung »On the
osteology of the Chimpanzee and Orang« in den Abhandlungen der
Zoologischen Gesellschaft, -- eine Abhandlung, welche durch die
Genauigkeit der Beschreibung, die Sorgfalt in der Vergleichung und die
Vortrefflichkeit der Abbildungen epochemachend war in der Geschichte
unserer Kenntniss des knöchernen Baues nicht bloss des Chimpanzes,
sondern aller menschenähnlichen Affen.
Durch die hier mitgetheilten detaillirten Untersuchungen wurde erwiesen,
dass der alte Chimpanze in Bezug auf Grösse und Ansehen von den Tyson,
Buffon und Traill bekannten jungen Formen so weit abweicht, wie der
alte Orang vom jungen Orang; und die spätern äusserst wichtigen
Untersuchungen der Herren Savage und Wyman, eines amerikanischen
Missionars und eines Anatomen, haben nicht bloss diesen Schluss
bestätigt, sondern viele neue Einzelheiten beigebracht[15].
Eine der interessantesten unter den vielen werthvollen Entdeckungen, die
Dr. Thomas Savage gemacht hat, ist die Thatsache, dass heutigen Tages
die Eingebornen des Gaboonlandes den Chimpanze mit einem Namen
bezeichnen -- »Enché-eko« -- der offenbar identisch ist mit dem »Engeko«
Battell's, eine Entdeckung, die von allen späteren Forschern bestätigt
worden ist. War hierdurch aber bewiesen, dass Battell's »kleineres
Ungeheuer« wirklich existirte, so lag natürlich die Vermuthung sehr
nahe, dass sein »grösseres Ungeheuer«, der »Pongo«, früher oder später
auch entdeckt werden würde. Und in der That hatte ein neuerer Reisender,
Bowdich, unter den Eingebornen starke Beweise für die Existenz eines
zweiten grossen Affen gefunden, der »Ingena« genannt wird, »fünf Fuss
hoch und vier über die Schultern breit« ist, ein rohes Haus baut,
ausserhalb dessen er schläft.
Dr. Savage war 1847 so glücklich, einen weiteren und äusserst wichtigen
Beitrag zu unserer Kenntniss der menschenähnlichen Affen liefern zu
können; denn als er wider Erwarten am Gaboonfluss zurückgehalten wurde,
sah er im Hause des dort residirenden Missionars, Mr. Wilson, »einen
Schädel, der von den Eingebornen als der eines affenähnlichen Thieres
bezeichnet wurde, das durch seine Grösse, Bösartigkeit und Gewohnheiten
merkwürdig wäre«. Durch die Umrisse des Schädels und die Berichte
mehrerer intelligenter Eingebornen »wurde ich zu dem Glauben
veranlasst«, sagt Dr. Savage, »dass er einer neuen Art von Orang
angehöre«, wobei er den Ausdruck Orang in seinem älteren allgemeineren
Sinne brauchte. »Ich drückte diese Meinung gegen Mr. Wilson aus mit dem
Wunsche weiterer Untersuchung und mit der Bitte, wenn möglich die Frage
durch Inspection eines lebendigen oder todten Exemplars zu entscheiden.«
Das Resultat der vereinten Bemühungen der Herren Savage und Wilson war
nicht bloss ein sehr vollständiger Bericht über die Lebensweise des
neuen Geschöpfes, sondern sie leisteten der Wissenschaft noch einen
wichtigeren Dienst dadurch, dass sie den bereits erwähnten
ausgezeichneten amerikanischen Anatomen, Professor Wyman, in den Stand
setzten, nach einem reichen Material die unterscheidenden osteologischen
Charaktere der neuen Form zu beschreiben. Das Thier wurde von den
Eingebornen des Gaboon »Engé-ena« genannt, ein offenbar mit dem »Ingena«
Bowdich's identischer Name. Dr. Savage kam zu der Ueberzeugung, dass
dieser letztentdeckte aller grossen Affen der lange gesuchte »Pongo«
Battell's sei.
Die Richtigkeit der Folgerung ist in der That ausser allem Zweifel; denn
es stimmt der »Engé-ena« mit Battell's »grösserem Ungeheuer« nicht bloss
in den hohlen Augen, der grösseren Statur, der schwärzlichen oder grauen
Färbung überein, sondern der einzige andere menschenähnliche Affe, der
jene Breiten bewohnt, der Chimpanze, ist sofort durch seine geringere
Grösse mit dem »kleineren Ungeheuer« zu identificiren, und selbst die
Möglichkeit, dass er der »Pongo« sei, wird ausgeschlossen durch die
Thatsache, dass er schwarz und nicht schwarzgrau ist, wobei kaum auf den
wichtigen bereits erwähnten Umstand aufmerksam gemacht zu werden
braucht, dass er noch jetzt den Namen »Engeko« oder »Enché-eko« führt,
unter dem ihn Battell kannte.
Bei dem Aufsuchen eines specifischen Namens für den »Engé-ena« vermied
Dr. Savage wohlweislich den vielfach missbrauchten Namen »Pongo«; da er
vielmehr in dem alten Periplus des Hanno das Wort »Gorilla« fand als
Bezeichnung für ein gewisses behaartes wildes Volk, welches der
carthagische Reisende auf einer Insel an der afrikanischen Küste
entdeckt hatte, gab er seinem neuen Affen den specifischen Namen
»Gorilla«, woher denn seine bekannte Benennung rührt. Vorsichtiger
indessen als einige seiner Nachfolger identificirt Dr. Savage seinen
Affen keineswegs mit Hanno's »Wilden«. Er sagt nur, dass die letzteren
wahrscheinlich »eine der Arten Orang seien«; und ich stimme mit Brullé
überein, dass kein Grund vorhanden ist, den heutigen »Gorilla« mit dem
des carthagischen Admirals zu identificiren.
Seit dem Erscheinen der Abhandlung von Savage und Wyman ist das Skelet
des Gorilla von Professor Owen und dem verstorbenen Professor Duvernoy
vom Jardin des Plantes untersucht worden; der Letztere hat ferner eine
werthvolle Beschreibung des Muskelsystems und vieler anderen Weichtheile
geliefert. Auch haben afrikanische Missionare und Reisende den
ursprünglich von der Lebensweise dieses grossen menschenähnlichen Affen
gegebenen Bericht bestätigt und erweitert, eines Affen, der das
eigenthümliche Geschick hatte, zuerst der Welt im Allgemeinen bekannt
und zuletzt wissenschaftlich untersucht zu werden.
Zwei und ein halbes Jahrhundert sind verflossen, seitdem Battell seine
Geschichten vom »grösseren und kleineren Ungeheuer« dem Purchas
erzählte, und beinahe so viel Zeit hat es bedurft, um zu dem klaren
Resultate zu kommen, dass es vier bestimmte Arten menschenähnlicher
Affen gebe -- in Ost-Asien die Gibbons und Orangs, in West-Afrika den
Chimpanze und den Gorilla.
* * * * *
Die menschenähnlichen Affen, deren Entdeckungsgeschichte im
Vorstehenden erzählt wurde, haben gewisse Merkmale der Structur und
Verbreitungseigenthümlichkeiten gemeinsam. So haben sie alle dieselbe
Zahl von Zähnen wie der Mensch -- sie besitzen vier Schneidezähne, zwei
Eckzähne, vier falsche und sechs wahre Backzähne in jeder Kinnlade,
oder 32 Zähne in allem, im erwachsenen Zustande. Sie gehören zu den
Affen, die man Catarrhini nennt -- das heisst, ihre Nasenlöcher haben
eine schmale Scheidewand und sehen nach abwärts; ausserdem sind ihre
Arme stets länger als ihre Beine, zuweilen ist der Unterschied grösser,
zuweilen kleiner; ordnet man die vier Affen nach der Länge ihrer Arme im
Verhältniss zu der der Beine, so erhalten wir folgende Reihe: Orang
(1 4/9-1), Gibbon (1 1/4-1), Gorilla (1 1/5-1), Chimpanze (1 1/16-1). Bei
allen enden die Vordergliedmaassen in Hände, die mit längeren oder
kürzeren Daumen versehen sind; auch die grosse Zehe der Füsse, die stets
kleiner als beim Menschen ist, ist weit beweglicher als bei diesem und
kann wie ein Daumen dem übrigen Fusse gegenübergestellt werden. Keiner
dieser Affen hat einen Schwanz und keiner besitzt die den niedrigeren
Affen eigenen Backentaschen. Endlich sind sie alle Bewohner der alten
Welt.
Die Gibbons sind die kleinsten, schlankesten und mit den längsten
Gliedmaassen versehenen menschenähnlichen Affen: ihre Arme sind länger
im Verhältniss zu ihrem Körper als die irgend eines anderen
menschenähnlichen Affen, so dass sie den Boden erreichen, selbst wenn
sie aufrecht stehen. Ihre Hände sind länger als die Füsse, und sie sind
die einzigen Anthropoiden, welche Schwielen haben wie die niedrigeren
Affen. Sie sind verschieden gefärbt. Die Orangs haben Arme, welche bei
aufrechter Stellung des Thieres bis zu den Knöcheln reichen; ihre Daumen
und grossen Zehen sind sehr kurz, ihre Füsse länger als die Hände. Der
Körper ist von rothbraunem Haar bedeckt und die Seiten des Gesichts sind
bei erwachsenen Männchen in zwei halbmondförmige biegsame Auswüchse, wie
fettige Geschwülste, verlängert. Die Chimpanzes haben Arme, welche bis
unter die Knie reichen; sie haben grosse Daumen und grosse Zehen, ihre
Hände sind länger als ihre Füsse, und ihr Haar ist schwarz, während die
Haut des Gesichts bleich ist. Der Gorilla endlich hat Arme, welche bis
zur Mitte des Beins reichen, grosse Daumen und grosse Zehen, Füsse
länger als die Hände, ein schwarzes Gesicht und dunkelgraues Haar.
Für meinen mir vorgesteckten Zweck ist es unnöthig, in irgend weitere
Details in Betreff der unterscheidenden Charaktere der Gattungen und
Arten einzugehen, in welche diese menschenähnlichen Affen von
Naturforschern getheilt worden sind. Es mag die Bemerkung genügen, dass
die Orangs und Gibbons die besondere Genera _Simia_ und _Hylobates_
bilden; während die Chimpanzes und Gorillas von Einigen einfach als
besondere Arten einer Gattung, _Troglodytes_ betrachtet werden, von
Andern als besondere Gattungen, wobei der Name _Troglodytes_ für den
Chimpanze, _Gorilla_ für den Engé-ena oder Pongo angewandt wird.
* * * * *
Eine genaue Kenntniss der Gewohnheiten und Lebensweise der
menschenähnlichen Affen zu erhalten, ist selbst noch schwieriger
gewesen, als eine richtige Darstellung ihres Körperbaues.
Nur einmal in jeder Generation wird man einen Wallace finden, der
körperlich, geistig und gemüthlich geeignet ist, ohne Schaden durch die
tropischen Wildnisse Amerikas und Asiens zu wandern, prachtvolle
Sammlungen auf seinen Wanderungen zu machen und bei alledem
noch scharfsinnig die sich aus seinen Sammlungen ergebenden
Schlussfolgerungen zu ziehen. Dem gewöhnlichen Erforscher oder Sammler
bieten die dichten Wälder des aequatorialen Asiens und Afrikas, welche
die Lieblingsaufenthaltsorte des Orang, Chimpanze und Gorilla bilden,
Schwierigkeiten von nicht gewöhnlicher Grösse dar; und ein Mann, welcher
sein Leben wagt selbst bei einem kurzen Besuch an den Fieberküsten
dieser Gegenden, ist wohl zu entschuldigen, wenn er vor den Gefahren des
Innern zurückschreckt, wenn er sich damit begnügt, den Fleiss der besser
acclimatisirten Eingebornen zu reizen, und die mehr oder weniger
mythischen Berichte und Ueberlieferungen zu sammeln und neben einander
zu stellen, mit denen jene ihn nur zu gern versehen.
Auf eine solche Weise entstanden die meisten der früheren Beschreibungen
der Lebensweise der menschenähnlichen Affen; und selbst jetzt noch muss
ein guter Theil von dem, was darüber cursirt, als nicht sicher begründet
zugegeben werden. Die besten Nachrichten, die wir besitzen, sind die
fast gänzlich auf europäischen Zeugnissen beruhenden über die Gibbons;
die nächst besten Zeugnisse betreffen die Orangs, während unsere
Kenntniss von den Gewohnheiten des Chimpanze und Gorilla weitere Beweise
von unterrichteten europäischen Augenzeugen dringend bedürfen.
Wenn wir daher versuchen, uns von dem einen Begriff zu machen, was wir
über diese Thiere zu glauben berechtigt sind, so wird es zweckmässig
sein, mit den bestgekannten menschenähnlichen Affen, den Gibbons und
Orangs, zu beginnen und die vollständig zuverlässigen Nachrichten über
diese als eine Art Criterium für die Wahrheit oder Falschheit der über
die andern verbreiteten Erzählungen zu benutzen.
Von den =Gibbons= findet sich ein halbes Dutzend Arten zerstreut über
die asiatischen Inseln, Java, Sumatra, Borneo, und über Malacca, Siam,
Arracan und einen nicht scharf bestimmten Theil von Hindostan auf dem
asiatischen Festlande. Die grössten erreichen eine Höhe von einigen
Zollen über drei Fuss von dem Scheitel zur Ferse, so dass sie kleiner
als die andern menschenähnlichen Affen sind, während die Schlankheit
ihres Körpers ihre ganze Körpermasse, selbst im Verhältnisse zu dieser
geringeren Grösse, noch viel unbedeutender erscheinen lässt.
Dr. Salomon Müller, ein ausgezeichneter holländischer Naturforscher,
welcher viele Jahre lang im ostindischen Archipel lebte und auf dessen
persönliche Erfahrungen ich mich häufig zu beziehen Veranlassung haben
werde, giebt an, dass die Gibbons ächte Bergbewohner sind, dass sie die
Abhänge und Kämme der Berge lieben, obschon sie selten über die Grenze
der Feigbäume hinaufgehen. Den ganzen Tag lang treiben sie sich in den
Wipfeln der hohen Bäume umher; und obgleich sie gegen Abend in kleinen
Trupps auf das offene Land herabsteigen, so schiessen sie doch die
Bergabhänge hinauf und verschwinden in den dunkleren Thälern, sobald sie
einen Menschen wittern.
[Illustration: Fig. 8. Ein Gibbon (H. pileatus) nach Wolf.]
Alle Beobachter bezeugen den fabelhaften Umfang der Stimme dieser
Thiere. Dem Schriftsteller zufolge, den ich eben angeführt habe, ist bei
einem derselben, dem Siamang, »die Stimme voll und durchdringend, den
Lauten g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek ha ha ha ha
haa[=a][=a][=a] entsprechend und kann sehr gut aus einer Entfernung von
einer halben (französ.) Meile gehört werden.« Während der Schrei
ausgestossen wird, wird der grosse häutige Sack unter der Kehle, der mit
dem Stimmorgane communicirt, der sogenannte Kehlsack, stark ausgedehnt
und sinkt wieder zusammen, wenn das Thier zu schreien aufhört.
Mr. Duvaucel versichert gleicherweise, dass der Schrei des Siamang
meilenweit gehört werden kann, dass er die Wälder wiederhallen macht. So
beschreibt Mr. Martin[16] den Schrei des _Hylobates agilis_ (des Ungko)
als »überwältigend und taubmachend« in einem Zimmer, und »durch seine
Stärke« wohl berechnet, durch die ungeheuren Wälder zu dröhnen. Mr.
Waterhouse, ein ebenso vorzüglicher Musiker als Zoolog, sagt: »des
Gibbons Stimme ist bestimmt viel kräftiger als die irgend eines Sängers,
den ich je gehört habe.« Und doch muss man sich erinnern, dass das Thier
nicht halb so hoch und viel weniger massig im Verhältniss ist, als ein
Mensch.
Wir haben sichere Zeugnisse, dass verschiedene Arten vom Gibbon sehr
leicht die aufrechte Stellung annehmen. Mr. George Bennett[17], ein ganz
vorzüglicher Beobachter, sagt bei der Beschreibung der Gewohnheiten
eines männlichen Siamang (_H. syndactylus_), der einige Zeit in seinem
Besitz war: »Auf einer ebenen Fläche geht er unverändert in aufrechter
Stellung; dann hängen die Arme entweder herab und gestatten ihm, sich
mit den Knöcheln zu unterstützen, oder, und dies ist das Gewöhnlichere,
er hält die Arme in einer fast aufrechten Stellung erhoben mit
herabhängenden Händen, bereit ein Seil zu ergreifen, um bei dem
Herannahen einer Gefahr oder dem Andrängen von Fremden hinaufzuklettern.
In aufrechter Stellung geht er ziemlich geschwind, aber mit einem
wackligen Gange und stürzt leicht hin, wenn er, verfolgt, keine
Gelegenheit hat, durch Klettern zu entfliehen ... Wenn er aufrecht geht,
dreht er das Bein und den Fuss nach aussen, was seinen Gang wacklig
macht und ihn krummbeinig scheinen lässt.«
Dr. Burrough giebt von einem andern Gibbon, dem Horlack oder Hooluk an:
»Sie gehen aufrecht und wenn sie auf ebene Erde oder auf offenes Feld
gebracht werden, balanciren sie sich sehr gut dadurch, dass sie ihre
Hände über den Kopf erheben und den Arm im Ellbogen und Handgelenk
leicht biegen, und laufen dann ziemlich schnell, von einer Seite zur
andern wankend: werden sie zu grösserer Eile getrieben, dann lassen sie
ihre Hände auf den Boden fallen und unterstützen sich damit, mehr
springend als laufend, aber immer den Körper nahezu aufrecht haltend.«
Etwas verschiedene Angaben macht indessen Dr. Winslow Lewis[18]:
»Ihre einzige Art zu gehen war auf ihren hinteren oder unteren
Gliedmaassen, wobei die anderen nach oben gehoben wurden, um das
Gleichgewicht zu erhalten, wie Seiltänzer auf Jahrmärkten durch lange
Stangen sich unterstützen. Beim Gehen setzten sie aber nicht einen Fuss
vor den andern, sondern brauchten beide gleichzeitig wie beim Springen.«
Auch Dr. Salomon Müller giebt an, dass die Gibbons sich auf der Erde in
kurzen Reihen wackelnder Sprünge fortbewegen, die nur von den
Hinterbeinen ausgeführt werden und wobei der Körper vollständig aufrecht
erhalten wird.
Mr. Martin aber, der auch aus directer Erfahrung spricht, sagt von den
Gibbons im Allgemeinen (a. a. O. S. 418):
»Obgleich die Gibbons ganz besonders für Leben auf den Bäumen geeignet
sind und in den Zweigen eine staunenerregende Lebendigkeit entfalten,
so sind sie doch nicht so ungeschickt oder verloren, wenn sie auf ebener
Erde sind, als man glauben möchte. Sie gehen aufrecht, mit einem
wackligen oder unsichern Gang, aber mit schnellem Schritt. Müssen sie
das Gleichgewicht des Körpers herstellen, so berühren sie den Boden erst
mit den Knöcheln der einen, dann mit denen der andern Seite, ober sie
heben die Arme zum Balanciren. Wie beim Chimpanze wird die ganze schmale
lange Sohle des Fusses auf einmal auf den Boden gesetzt und auf einmal
abgehoben ohne irgend welche Elasticität des Schrittes.«
Nach dieser Masse übereinstimmender und unabhängiger Zeugnisse kann man
vernünftigerweise nicht zweifeln, dass die Gibbons gewöhnlich und
natürlich die aufrechte Stellung annehmen.
Ebener Boden ist aber nicht der Ort, wo diese Thiere ihre höchst
merkwürdigen und eigenthümlichen bewegenden Kräfte und jene fabelhafte
Lebendigkeit entfalten können, welche uns fast versuchen könnte, sie
eher unter fliegende als unter gewöhnliche kletternde Säugethiere zu
versetzen.
Mr. Martin hat eine so ausgezeichnete und malerische Beschreibung der
Bewegungen eines _Hylobates agilis_, der im Jahre 1840 im zoologischen
Garten lebte, gegeben (a. a. O. S. 430), dass ich dieselbe ausführlich
mittheilen will:
»Es ist fast unmöglich, in Worten eine Idee von der Schnelligkeit und
der Grazie seiner Bewegungen zu geben: sie können fast luftig genannt
werden, da er bei dem Fortbewegen die Zweige, auf denen er seine
Evolutionen ausführt, nur zu berühren scheint. Bei diesen
Kunstleistungen sind seine Arme und Hände die einzigen Bewegungsorgane;
hängt der Körper wie an einem Seil befestigt an einer Hand (ich will
sagen, der rechten), so schwingt er sich durch eine energische Bewegung
nach einem entfernten Zweig, den er mit der linken Hand fasst; das
Festhalten ist aber kürzer als augenblicklich: der Anstoss für den
nächsten Schwung ist gegeben; der jetzt erzielte Zweig wird wieder mit
der rechten Hand gefasst und augenblicklich wieder losgelassen und so
fort in abwechselnder Folge. Auf diese Weise werden Zwischenräume von
zwölf bis achtzehn Fuss mit der grössten Leichtigkeit und ohne
Unterbrechung durchflogen, und zwar stundenlang ohne die geringsten
Zeichen einer Ermüdung; und es ist klar, dass, wenn ihm mehr Platz
eingeräumt werden könnte, Entfernungen von weit über achtzehn Fuss
ebenso leicht überwunden würden, so dass Duvaucels Behauptung, dass er
gesehen habe, wie sich diese Thiere von einem Zweig auf einen andern,
vierzig Fuss davon entfernten, geschwungen hätten, so wunderbar es
klingt, wohl Glauben verdient. Ergreift er in seinen Bewegungen einen
Zweig, so wirft er sich zuweilen nur mit der Kraft eines einzigen Armes
vollständig rings um ihn herum, macht dabei einen solchen Umschwung,
dass er das Auge völlig täuscht, und setzt dann seine Bewegungen mit
unverminderter Schnelligkeit fort. Es ist ganz eigenthümlich zu sehen,
wie plötzlich dieser Gibbon anhalten kann, während doch die
Geschwindigkeit und die Entfernung seiner schwingenden Sprünge einen
solchen Stoss verursacht, dass ein allmäliges Abnehmen der Bewegungen
nothwendig zu sein scheint. Mitten in seinem Fluge wird ein Zweig
ergriffen, der Körper gehoben und nun sieht man ihn wie durch Zauber
ruhig auf ihm sitzen und ihn mit den Füssen festhalten. Ebenso plötzlich
wirft er sich wieder in Thätigkeit.«
»Folgende Thatsachen werden einen Begriff von seiner Geschicklichkeit
und Schnelligkeit geben. Ein lebender Vogel wurde in seiner Behausung
losgelassen; er beobachtete dessen Flug, schwang sich an einen
entfernten Zweig, fing unterwegs den Vogel mit der einen Hand und
ergriff den Zweig mit der andern; sein Ziel, sowohl der Vogel als der
Zweig, war so sicher erreicht, als ob nur ein einziger Gegenstand seine
Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Hinzufügen will ich, dass er sofort dem
Vogel den Kopf abbiss, die Federn ausrupfte und ihn dann hinwarf, ohne
einen Versuch zu machen, ihn zu essen.«
»Bei einer andern Gelegenheit schwang sich dies Thier von einer Stange
über einem Gang, der mindestens zwölf Fuss breit war, gegen ein Fenster,
welches, wie man dachte, augenblicklich müsste zerbrochen werden; aber
dem war nicht so: zu Aller Verwunderung erfasste es das schmale
Holzgerüst zwischen den Scheiben mit der Hand, gab sich im Moment den
geeigneten Stoss und sprang zurück zu dem Käfig, den es verlassen hatte
-- eine Leistung, die nicht bloss grosser Kraft, sondern besonders
grosser Präcision bedurfte.«
* * * * *
Die Gibbons scheinen von Natur sehr sanft zu sein; es giebt aber sichere
Beweise dafür, dass sie gereizt gefährlich beissen können, -- ein
weiblicher _Hylobates agilis_ hatte einen Mann so gefährlich mit seinen
langen Eckzähnen verletzt, dass er starb. Da er noch Andere bedeutend
verletzt hatte, wurden Vorsichts halber diese fürchterlichen Zähne
abgefeilt; wurde ihm aber gedroht, fiel er doch noch über seinen Wärter
her. Die Gibbons fressen Insecten, scheinen aber im Allgemeinen
thierische Nahrung zu vermeiden. Mr. Bennett hat indessen gesehen, wie
ein Siamang eine lebendige Eidechse ergriff und gierig verzehrte. Sie
trinken gewöhnlich so, dass sie ihre Finger in die Flüssigkeit
eintauchen und diese dann ablecken. Es wird angegeben, dass sie sitzend
schlafen.
Duvaucel versichert gesehen zu haben, dass Weibchen ihre Jungen an das
Wasser trugen und ihnen dort das Gesicht wuschen trotz Widerstand und
Geschrei. In Gefangenschaft sind sie sanft und zuthulich, voller Laune
und empfindlich, wie verzogene Kinder, und doch nicht ohne ein gewisses
Bewusstsein oder eine Art Gewissen, wie eine von Mr. Bennett (a. a. O.
S. 156) erzählte Anecdote zeigen wird. Es möchte fast scheinen, als
hätte sein Gibbon eine eigenthümliche Neigung gehabt, die Sachen in
seiner Cajüte in Unordnung zu bringen. Unter diesen Gegenständen
fesselte ein Stückchen Seife ganz besonders seine Aufmerksamkeit, und
ein- oder zweimal schon ist er wegen Entfernens derselben gescholten
worden. »Eines Morgens schrieb ich,« sagt Mr. Bennett, »der Affe war in
der Cajüte, und als ich die Augen erhebend nach ihm hinsah, bemerkte
ich, wie der kleine Kerl wieder die Seife nahm. Ich beobachtete ihn,
ohne dass er merkte, dass ich es that: gelegentlich warf er einen
verstohlenen Blick nach der Stelle hin, wo ich sass. Ich that, als ob
ich schriebe, und da er mich emsig beschäftigt sah, nahm er die Seife
und entfernte sich, sie in seiner Pfote haltend. Als er die halbe Länge
der Cajüte gegangen war, sprach ich ruhig, ohne ihn zu erschrecken. In
dem Augenblick, wo er merkte, dass ich ihn sähe, ging er zurück und
legte die Seife fast auf dieselbe Stelle, von der er sie genommen hatte.
In dieser Handlungsweise lag doch gewiss mehr als blosser Instinct: er
offenbarte entschieden das Bewusstsein, sowohl bei der ersten als bei
den letzten Handlungen unrecht gethan zu haben -- und was ist Vernunft,
wenn dies nicht ein Zeichen von ihr ist?«
[Illustration: Fig. 9. Ein erwachsener männlicher Orang-Utan, nach
Müller u. Schlegel.]
* * * * *
Der ausführlichste Bericht über die Naturgeschichte des =Orang-Utan= ist
der von Dr. Salomon Müller und Dr. Schlegel in den »Verhandelingen over
de Natuurlijke Geschiedenis der Nederlandsche overzeesche Bezittingen
(1839-45)«, und was ich über den Gegenstand zu sagen habe, werde ich
fast ausschliesslich auf ihre Angaben basiren, hier und da interessante
Züge aus den Schriften von Brooke, Wallace und Anderen hinzufügend.
Es scheint, als ob der Orang-Utan nur selten höher würde als vier Fuss,
der Körper ist aber sehr dick, er misst zwei Drittel der Höhe im
Umfang[19].
Der Orang-Utan findet sich nur auf Sumatra und Borneo und ist auf keiner
dieser Inseln gemein; auf beiden trifft man ihn immer nur auf niedrigen
flachen Ebenen, niemals in Bergen. Er liebt die dichtesten und
schattigsten Wälder, die sich von der Küste landeinwärts erstrecken, und
wird daher nur in der östlichen Hälfte von Sumatra angetroffen, wo sich
allein solche Wälder finden, obgleich er gelegentlich auch auf die
westliche Seite hinübergeräth.
Dagegen ist er allgemein über Borneo verbreitet, mit Ausnahme der Berge
oder wo die Bevölkerung dicht ist. Hat ein Jäger Glück, so kann er an
günstigen Stellen drei oder vier an einem Tage sehen.
Mit Ausnahme der Paarungszeit leben die alten Männchen gewöhnlich
allein. Die alten Weibchen und jungen Männchen dagegen sieht man oft zu
zweien oder dreien; die ersteren haben gewöhnlich Junge bei sich,
obgleich sich die trächtigen Weibchen gewöhnlich von den anderen trennen
und auch noch nach der Geburt ihrer Jungen allein bleiben. Die jungen
Orangs scheinen ungewöhnlich lange unter der Protection ihrer Mütter zu
bleiben, wahrscheinlich in Folge ihres langsamen Wachsthums. Beim
Klettern trägt die Mutter das Junge stets an ihrem Busen, wobei sich das
Junge am Haare der Mutter festhält[20]. In welchem Alter der Orang-Utan
fortpflanzungsfähig wird und wie lange die Weibchen die Jungen tragen,
ist unbekannt; es ist indess wahrscheinlich, dass sie nicht vor dem
zehnten bis fünfzehnten Lebensjahre erwachsen werden. Ein Weibchen, das
fünf Jahre lang in Batavia gelebt hatte, war noch nicht ein Drittel so
gross als die wilden Weibchen. Es ist wahrscheinlich, dass sie nach
Erreichung ihres erwachsenen Alters noch fortwachsen, wenn auch langsam,
und dass sie vierzig bis fünfzig Jahre alt werden. Die Dyaks erzählen
von alten Orangs, die nicht bloss alle Zähne verloren hatten, sondern
denen selbst das Klettern so beschwerlich wurde, dass sie von gefallenem
Obste und saftigen Kräutern lebten.
Der Orang ist langsam und zeigt durchaus nicht jene wunderbare
Behendigkeit, die so charakteristisch für die Gibbons ist. Hunger allein
scheint ihn zu Bewegungen zu veranlassen, und ist dieser gestillt, so
verfällt er wieder in Ruhe. Wenn das Thier sitzt, so beugt es den Rücken
und senkt den Kopf so, dass es gerade nach unten auf den Boden sieht;
manchmal hält es sich mit den Händen an höheren Zweigen fest, manchmal
lässt es dieselben phlegmatisch an den Seiten herabhängen -- und in
solchen Stellungen bleibt der Orang stundenlang auf demselben Fleck,
fast ohne jede Bewegung und nur dann und wann einen Ton seiner tiefen
brummenden Stimme von sich gebend. Bei Tage klettert er gewöhnlich von
einem Baumwipfel zum andern und steigt nur des Nachts auf die Erde
herunter; schreckt ihn dann Gefahr, so sucht er im Unterholze Schutz.
Wird er nicht gejagt, so bleibt er lange an demselben Orte und bleibt
sogar viele Tage auf demselben Baume, wobei ihm ein fester Platz unter
den Zweigen als Bett dient. Nur selten verbringt der Orang die Nacht auf
dem Gipfel eines hohen Baumes, wahrscheinlich weil es dort zu kalt und
windig für ihn ist; sobald die Nacht anbricht, steigt er vielmehr aus
der Höhe herab und sucht sich ein passendes Bett im niedrigern und
dunklern Theile oder im blattreichen Gipfel eines kleinen Baumes, unter
denen er Nibong Palmen, Pandanen oder einer jener parasitischen
Orchideen den Vorzug giebt, welche den Urwäldern von Borneo ein so
charakteristisches, auffallendes Ansehen geben. Wo immer er aber zu
schlafen sich entschliesst, da macht er sich eine Art Nest: kleine
Zweige und Blätter werden um den auserwählten Ort zusammengezogen und
kreuzweise über einander gebogen, und um das Bett weich zu machen,
werden dann grosse Blätter von Farnen, Orchideen, _Pandanus
fascicularis_, _Nipa fruticans_ etc. darüber gelegt. Die Nester, welche
Müller sah, und viele waren ganz frisch, waren in einer Höhe von zehn
bis fünf und zwanzig Fuss über der Erde angebracht und hatten im Mittel
einen Umfang von zwei oder drei Fuss. Einige waren viele Zoll dick mit
Pandanusblättern bepackt; andere waren nur durch die zusammengebogenen
Zweige merkwürdig, die in einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt verbunden
eine regelmässige Fläche bildeten. »Die rohe _Hütte_,« sagt Sir James
Brooke, »welche sie nach der gewöhnlichen Angabe auf Bäumen bauen,
könnte man zutreffender einen Sitz oder ein Nest nennen, denn sie hat
kein Dach noch irgend eine Bedeckung. Die Leichtigkeit, mit der sie
dieses Nest bauen, ist merkwürdig; ich hatte die Gelegenheit, ein
verwundetes Weibchen die Zweige in einer Minute zusammenweben und sich
setzen zu sehen.«
Nach den Angaben der Dyaks verlässt der Orang selten sein Bett, bevor
die Sonne über den Horizont herauf ist und die Nebel zerstreut hat. Er
steht ungefähr um neun Uhr auf und geht ungefähr um fünf Uhr wieder zu
Bett, manchmal indess erst spät in der Dämmerung. Er liegt zuweilen auf
dem Rücken, oder der Veränderung halber dreht er sich auf die eine oder
die andere Seite, wobei er die Beine an den Körper heranzieht und den
Kopf mit der Hand stützt. Ist die Nacht kalt und windig oder regnerisch,
so bedeckt er den Körper gewöhnlich mit einem Haufen von Pandanus-,
Nipa- oder Farnblättern, wie die, aus denen das Bett gemacht ist, und
trägt besondere Sorge, seinen Kopf in solche einzuhüllen. Wahrscheinlich
hat diese Gewohnheit, sich zuzudecken, zu der Fabel veranlasst, dass der
Orang Hütten auf Bäume baue.
Obgleich der Orang den Tag über auf den Zweigen grosser Bäume sich
aufhält, so sieht man ihn doch selten auf einem dicken Aste kauern, wie
es andere Affen und besonders die Gibbons thun. Im Gegentheil beschränkt
sich der Orang auf die dünneren blätterigen Zweige, so dass man ihn im
wirklichen Wipfel des Baumes sieht, eine Lebensweise, welche in enger
Beziehung zur Bildung seiner Hintergliedmaassen und besonders seines
Gesässes steht. Dies hat nämlich keine Schwielen, wie es viele niedere
Affen und selbst die Gibbons haben; auch sind die Knochen des Beckens,
die man Ischia oder Sitzbeine nennt und welche das feste Gerüst der
Fläche bilden, auf welcher der Körper in der sitzenden Stellung ruht,
nicht verbreitert wie bei den Affen, die Schwielen besitzen, sondern
sind denen des Menschen ähnlicher.
Der Orang klettert so langsam und vorsichtig[21], dass er dabei mehr
einem Menschen als einem Affen ähnelt; er ist sehr besorgt um seine
Füsse, so dass eine Verletzung derselben ihn bei weitem mehr zu
afficiren scheint, als andere Affen. Ungleich den Gibbons, deren
Vordergliedmaassen den grössten Theil der Arbeit besorgen, wenn sie sich
von Zweig zu Zweig schwingen, macht der Orang niemals auch nur den
kleinsten Sprung. Beim Klettern bewegt er abwechselnd eine Hand und
einen Fuss, oder zieht, nachdem er sich mit den Händen ordentlich fest
gehalten hat, beide Füsse zusammen nach. Beim Uebergang von einem Baume
zum andern sucht er sich stets eine Stelle aus, wo beider Zweige dicht
zusammenkommen oder in einander reichen. Selbst wenn er dicht verfolgt
wird, ist seine Umsicht staunenerregend; er schüttelt die Zweige, um zu
sehen, ob sie ihn tragen, und indem er dann einen überhängenden Zweig
niederbeugt, dadurch, dass er mit seinem Gewicht allmälig auf ihn
drückt, bildet er sich eine Brücke von dem Baume, den er verlassen will,
zum nächsten[22].
Auf ebener Erde geht der Orang immer mühsam und wackelnd auf allen
Vieren. Beim Anlauf rennt er geschwinder als ein Mensch, wird aber bald
überholt. Die sehr langen Arme, die beim Rennen nur wenig gebogen sind,
heben den Körper des Orang merkwürdig, so dass er fast die Stellung
eines ganz alten Mannes, der vom Alter gebeugt ist und sich mit Hülfe
eines Stockes forthilft, annimmt. Beim Gehen ist der Körper gewöhnlich
gerade nach vorwärts gerichtet, ungleich den anderen Affen, die mehr
oder weniger schräg laufen, mit Ausnahme indessen der Gibbons, die in
dieser wie so mancher andern Beziehung merkwürdig von ihren Genossen
abweichen.
Der Orang kann seine Füsse nicht platt auf den Boden setzen, sondern
stützt sich auf deren äussere Kante, wobei die Ferse mehr auf dem Boden
ruht, während die gekrümmten Zehen zum Theil mit der obern Seite ihrer
ersten Knöchel den Boden berühren und die zwei äussersten Zehen jeden
Fusses dies gänzlich mit dieser Fläche thun. Die Hände werden in der
entgegengesetzten Weise gehalten, so dass ihre inneren Ränder als
Hauptstützpunkte dienen. Die Finger sind dabei so gebogen, dass ihre
obersten Gelenke, besonders die der beiden innersten Finger, mit ihrer
obern Seite auf dem Boden ruhen, während die Spitze des freien und
geraden Daumens als weiterer Stützpunkt dient.
Der Orang steht niemals auf seinen Hinterbeinen, und alle Abbildungen,
die ihn so darstellen, sind ebenso falsch wie die Behauptung, dass er
sich mit Stöcken vertheidige und Aehnliches.
Die langen Arme sind von besonderem Nutzen nicht bloss beim Klettern,
sondern auch um Nahrung von Zweigen zu pflücken, denen das Thier nicht
sein Körpergewicht anvertrauen kann. Feigen, Blüthen und junge Blätter
verschiedener Art machen die Hauptnahrung des Orangs aus; es wurden aber
auch zwei oder drei Fuss lange Streifen vom Bambus im Magen eines
Männchens gefunden. Man weiss nicht, dass sie lebendige Thiere
verzehrten.
Obgleich der Orang bald gezähmt wird, wenn er jung gefangen ist, und in
der That menschliche Gesellschaft vorzuziehen scheint, so ist er doch im
Naturzustand ein sehr wildes und scheues Thier, obgleich scheinbar träge
und melancholisch. Die Dyaks versichern, dass wenn alte Männchen mit
Pfeilen nur verwundet sind, sie gelegentlich die Bäume verlassen und
wüthend auf ihre Feinde losgehen, deren einzige Rettung in
augenblicklicher Flucht liegt, da sie sicher sind getödtet zu werden,
wenn sie sich einholen lassen[23].
Wenngleich aber der Orang unendliche Kraft besitzt, so ist es doch
selten, dass er sich zu vertheidigen versucht, besonders wenn er mit
Schusswaffen angegriffen wird. Bei solchen Gelegenheiten versucht er
sich zu verbergen oder den äussersten Gipfelzweigen der Bäume entlang zu
entfliehen, wobei er die Zweige abbricht und herunterwirft. Ist er
verwundet, so zieht er sich auf den erreichbar höchsten Punkt eines
Baumes zurück und stösst ein eigenthümliches Geschrei aus, das zuerst
aus hohen Tönen besteht, sich aber allmälich zu einem leisen Brummen
vertieft, nicht unähnlich dem eines Panthers. Während er die hohen Töne
ausstösst, stösst er die Lippen trichterförmig vor, beim Hervorbringen
der tiefen Töne hält er dagegen den Mund weit offen, und gleichzeitig
wird auch der grosse Kehlsack ausgedehnt.
Nach den Erzählungen der Dyaks ist das einzige Thier, mit dessen Stärke
der Orang die seinige misst, das Krokodil, das ihn gelegentlich bei
seinen Besuchen am Ufer angreift. Sie sagen aber, dass der Orang seinem
Feinde mehr als gleich sei, und ihn zu Tode schlägt oder ihm durch
Auseinanderziehen der Kinnladen die Kehle aufreisst!
Viel von dem, was hier mitgetheilt worden ist, hat Dr. Müller
wahrscheinlich aus den Erzählungen seiner Dyak-Jäger geschöpft. Ein
grosses Männchen indessen von vier Fuss Höhe lebte unter seiner Aufsicht
einen Monat lang in Gefangenschaft und erhielt eine sehr schlechte
Censur.
»Er war ein sehr wildes Thier,« sagt Müller, »von fabelhafter Stärke und
falsch und schlecht im höchsten Grade. Näherte sich irgend Jemand, so
erhob er sich langsam mit einem tiefen Brummen, fixirte die Augen in der
Richtung, in der er seinen Angriff zu machen gedachte, steckte die Hand
langsam zwischen die Stangen seines Käfigs und machte dann, indem er
seinen langen Arm ausstreckte, einen plötzlichen Griff -- gewöhnlich
nach dem Gesicht.« Er versuchte niemals zu beissen (obgleich die Orangs
sich untereinander beissen), seine grossen Angriffs- und
Vertheidigungswaffen sind seine Hände.
Seine Intelligenz war sehr gross; und Müller bemerkt, obgleich die
geistigen Fähigkeiten des Orang zu hoch geschätzt worden seien, so würde
doch Cuvier, wenn er dies Exemplar gesehen hätte, seine Intelligenz
nicht bloss für wenig höher als die des Hundes betrachtet haben.
Sein Gehör war äusserst scharf, der Gesichtssinn dagegen schien weniger
vollkommen zu sein. Die Unterlippe war das Hauptgefühlsorgan und spielte
beim Trinken eine grosse Rolle; zuerst wurde sie wie ein Trog
vorgestreckt, um entweder den herabfallenden Regen aufzufangen oder den
Inhalt der mit Wasser gefüllten halben Cocosnussschale aufzunehmen,
womit der Orang versehen wurde und welchen er beim Trinken in den so
gebildeten Trog ausgoss.
Der Orang-Utan der Malayen geht unter den Dyaks in Borneo unter dem
Namen »_Mias_«, und sie unterscheiden mehrere Arten, als _Mias Pappan_
oder _Zimo_, _Mias Kassu_ und _Mias Rambi_. Ob dies aber verschiedene
Species oder blosse Rassen sind, und wie weit irgend einer derselben mit
dem sumatranischen Orang identisch sei, wie Wallace von dem Mias Pappan
glaubt, sind bis jetzt noch unentschiedene Probleme; auch ist die
Variabilität dieser grossen Affen so gross, dass die Entscheidung dieser
Frage ein äusserst schwieriger Gegenstand ist. Von der »Mias Pappan«
genannten Form bemerkt Mr. Wallace[24]: »Er ist bekannt durch seine
bedeutende Grösse und die seitliche Ausdehnung des Gesichts in fettige
Vorsprünge oder Leisten über den Schläfenmuskeln, die fälschlich als
Schwielen bezeichnet worden sind, während sie völlig weich, glatt und
biegsam sind. Fünf Exemplare dieser Form, die ich gemessen habe,
schwankten nur von 4 Fuss 1 Zoll bis 4 Fuss 2 Zoll in Höhe von der Ferse
bis zur Scheitelspitze, der Umfang des Körpers von 3 Fuss bis zu 3 Fuss
7½, Zoll, und die Länge der ausgestreckten Arme von 7 Fuss 2 Zoll bis
zu 7 Fuss 6 Zoll, die Breite des Gesichts von 10 bis zu 13¼ Zoll.
Die Farbe und Länge des Haars variirte bei verschiedenen Individuen und
an verschiedenen Theilen desselben Individuums; einige hatten einen
rudimentären Nagel an der grossen Zehe, andere durchaus keinen; im
Uebrigen boten sie aber keine äusseren Verschiedenheiten dar, auf die
man selbst Varietäten einer Art hätte gründen können.«
»Untersucht man indessen die Schädel dieser Individuen, so findet man
merkwürdige Verschiedenheiten der Form, Verhältnisse und Grösse, und
nicht zwei sind einander völlig gleich. Die Neigung des Profils, das
Vorspringen der Schnauze, zusammen mit der Grösse der Schädelkapsel
bieten ebenso entschiedene Differenzen dar, wie die ausgeprägtesten
Formen der kaukasischen und afrikanischen Schädel bei der Menschenart.
Die Augenhöhlen variiren in Höhe und Breite, die Schädelleiste ist
entweder einfach oder doppelt, entweder viel oder wenig entwickelt und
die Oeffnung des Jochbogens schwankt beträchtlich in ihrer Grösse.
Dieses Schwanken in den Verhältnissen der Schädel setzt uns in den
Stand, die so ausgeprägte Verschiedenheit der Schädel mit einem
Muskelkamm und mit zweien, die für die Existenz zweier grossen Arten von
Orang als beweisend angesehen werden, genügend zu erklären. Die äussere
Oberfläche des Schädels nämlich variirt beträchtlich in Grösse, ebenso
wie die Jochbeinöffnung und die Schläfenmuskel es thun; sie stehen aber
in keiner notwendigen Beziehung zu einander, ein kleiner Muskel findet
sich oft bei einer grossen Schädeloberfläche und umgekehrt. Diejenigen
Schädel nun, welche die grössten und stärksten Kinnladen und die
weitesten Jochbogen besitzen, haben so grosse Muskeln, dass sie auf dem
Scheitel zusammenstossen und die knöcherne Leiste absetzen, die sie von
einander trennt und welche bei denen am höchsten ist, die die kleinste
Schädeloberfläche haben. Bei denen, welche mit einer grossen Oberfläche
schwache Kinnladen und kleine Jochbogen besitzen, reichen die Muskeln
von beiden Seiten nicht bis zur Schädelhöhe, zwischen beiden bleibt ein
Raum von 1 bis 2 Zoll, und hier werden ihrem Rande entlang kleine
Muskelleisten gebildet. Man findet auch zwischenliegende Formen, bei
denen die Leisten sich nur am hintern Theile des Schädels treffen. Die
Form und Grösse dieser Leisten sind daher unabhängig vom Alter, sind
vielmehr zuweilen bei jüngeren Thieren stärker entwickelt. Professor
Temminck bestätigt, dass die Reihe von Schädeln im Leydner Museum
dasselbe Resultat ergiebt.«
Mr. Wallace konnte indessen zwei erwachsene männliche Orangs (Mias Kassu
der Dyaks) untersuchen, die so verschieden von all den übrigen waren,
dass er sie für specifisch verschieden hält; sie waren beziehentlich 3
Fuss 8½ Zoll und 3 Fuss 9½ Zoll hoch und hatten keine Spur der
Backenauswüchse, glichen aber im Uebrigen den grösseren Formen. Der
Schädel hat keinen knöchernen Kamm, sondern zwei knöcherne Leisten,
1¾ bis 2 Zoll von einander entfernt, wie beim _Simia morio_ Professor
Owen's. Die Zähne sind aber ungeheuer, denen der andern Art
gleichkommend, oder sie noch übertreffend. Die Weibchen dieser beiden
Formen haben nach Mr. Wallace keine Auswüchse und gleichen den kleineren
Männchen, sind aber um 1½ bis 3 Zoll kleiner; ihre Eckzähne sind im
Verhältniss klein, abgestutzt und an der Basis verbreitert, wie bei dem
sogenannten Simia morio, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Schädel
eines Weibchens derselben Art ist, wie die kleineren Männchen. Beide,
Männchen und Weibchen dieser kleineren Art sind nach Mr. Wallace durch
die verhältnissmässig bedeutende Grösse der mittleren Schneidezähne des
Oberkiefers zu unterscheiden.
So viel ich weiss, hat Niemand die Richtigkeit der oben angeführten
Angaben über die Lebensweise der beiden asiatischen menschenähnlichen
Affen bestritten; und wenn sie wahr sind, so muss als evident zugegeben
werden, dass ein solcher Affe
1. sich auf ebener Erde leicht in der aufrechten oder halbaufrechten
Stellung fortbewegen kann, ohne sich direct auf die Arme zu stützen;
2. dass er eine sehr laute Stimme haben kann, so laut, dass sie leicht
eine bis zwei Meilen weit gehört werden kann;
3. dass er gereizt sehr bösartig und heftig werden kann, was vorzüglich
für erwachsene Männchen gilt;