Herz, du weißt nichts von Schäfer und König. Du weißt nur von
Menschenleid und Menschenlust. -- --
Schon nach einer Viertelstunde verlangsamt Jachl seine Schritte. Nicht
lange, und er schleicht nur noch. In der Brust tut ihm etwas furchtbar
weh. Von einer Straße in die andere schiebt er sich ohne Ziel, ohne
klare Gedanken. --
Grelles elektrisches Licht erinnert ihn, daß der Abend längst
hereingebrochen sein muß. Ohne zu wählen betritt er eine Kneipe, einen
Keller, der laut Aufschrift bis früh acht Uhr geöffnet bleibt. An einen
langen Tisch setzt er sich neben halbtrunkene Männer.
»Jauersche und Kartoffelsalat«, hört er eine Stimme rufen.
»Mir auch«, schreit Jachl.
»Und 'ne Weiße.« --
»Mir auch«, wiederholt er.
Er ißt und trinkt, hört zu und trinkt, bis aller Jammer schwindet; nicht
nur schwindet, sondern einer hellen Lustigkeit gewichen ist. Von
Lieschen und ihrem Kinde weiß er bald gar nichts mehr. Was gehen die ihn
an? Da sitzt ja ein dralles Fräulein neben ihm; eins, das kaum siebzehn
ist, mit gekrausten roten Haaren und vielen Ringen auf den Fingern und
einem Mund, der so rot ist, wie Jachl noch nie einen Mund sah. Eine
weiße Bluse ist über ihre Brust gespannt; deutlich erkennt man rosa
Bändchen darunter und ein Hemd, das ganz mit Spitzen besetzt ist. »Wie
kommt solche Feine in'n Keller?« simuliert Jachl. »Und weshalb drängt
sie sich gerade an mich? Darüber muß man staunen! Schade, daß der kleine
Maler nicht mit hier ist, der wüßte sicherlich Bescheid zu geben.« --
Unsicher erinnert sich Jachl, daß er noch gestern in der Heilstätte
gewesen, daß er fest versprochen, alles Gute, was er dort gelernt hat,
weiter einzuhalten: schlechte Luft zu meiden und schlechte Gesellschaft
und Rauch und Hitze und Alkohol und noch viele, viele Dinge, auf die er
sich jetzt gar nicht mehr besinnt. Schon heute nicht mehr besinnt! --
Immer lustiger wird es in dem halbdunklen, von Fuseldunst erfüllten,
überhitzten Raum. Jachl hört Schimpfworte gemeinster Art. Taumelnde
Gestalten verlassen den Keller. Andere, auch taumelnd, fallen die Stufen
herab. Johlend erheben sich Männer, deren Gesichter dunkel gerötet und
schweißtriefend sind. Sekundenlang wundert sich Jachl immer noch, woher
er hier zwischen diesen sitzt. Dann aber hört auch das Wundern auf. --