Schneider Kiekebusch muß zur Umwandlung des Rockes doch hinzugezogen
werden. Er ist nicht zu umgehen. Lieschen allein wagt sich nicht heran.
Jachl bittet erst auch gar nicht lange, denn: »sicher ist sicher«. Hat
er doch beim Anpassen der »schönen« Hose mit Schrecken bemerkt, daß
Lieschen ein wenig zu viel abgenäht hat, und daß der Hose Straffheit
durchaus nicht angenehm ist. -- Großartig paßt aber dann am
Einsegnungstage nach Lieschens Urteil der ganze Anzug. Niemand weiß ja,
wie sehr Jachl die Schuhe drücken, wie knapp er sich in die »schöne«
Hose gepreßt hat, und daß die schwarzen Handschuhe (sie stammen auch
noch von der Großmutter) schon die Krümmung eines Fingers zur Qual
machen.
In der sicheren Voraussetzung, vom nächsten Tage ab »ein gemachter Mann«
zu sein, überwindet Jachl alles Ungemach. --
Einige Minuten lang hat er gehofft, der liebe Gott, von dessen Güte er
besonders viel in den letzten Wochen hörte, werde ihn vielleicht gerade
an diesem Tage mit Vater oder Mutter überraschen. Es war aber nichts
damit. --
Heute sind alle in Lüttersloh wie die Stadtherren angezogen. Jachl kommt
sich auch furchtbar nobel vor.
Seine Gedanken sind aber nicht soviel, wie es vorgeschrieben ist, beim
lieben Gott. Während des sehr feierlichen Augenblickes des Niederkniens,
fällt ihm ein -- ach, es ist schändlich, -- daß ihm ein Regenschirm
fehle, und daß gerade ein Schirm in der Hand einen gut angezogenen
Burschen immer erst »komplett« mache. --
Am Nachmittag dieses Tages fühlt Jachl wieder sehr die Krankheit. Das
kommt daher, weil er von Lieschen Abschied nehmen muß, die sich nach der
Stadt vermietete.
* * * * *
In den Wochen ihrer Freundschaft hat Jachl möglichst oft die Nähe seiner
einzigen Freundin gesucht. Einmal -- es ist zum Lachen -- als er sich
derb gestoßen hatte, und Lieschen ihre Hand vorsichtig auf die
blaugewordene Stelle legte, hat Jachl sich versprochen und »Mutter« zu
ihr gesagt. Beide haben tüchtig gelacht! Mutter! Nie hat der Junge
diesen Namen vorher so zärtlich über die Lippen gebracht. --
Also nach Lüneburg will Lieschen, dorthin, wo die Mädchen statt der
Kappen Hüte über die dicken Haarflechten stülpen. In Jachls Vorstellung
ist Lüneburg erschreckend groß: groß etwa wie Newyork oder London für
erfahrene Reisende. So weit in die Welt wird _er_ wohl nie kommen! Was
sollte _er_ auch in Lüneburg? Schäfer werden sie dort mehr haben als sie
brauchen, und Jachls Sinnen und Trachten geht ja nur nach dem
Schäferstand. --
Bis zur nächsten Bahnstation hilft er Lieschens Korb tragen. Jeder von
ihnen hat einen der festen Seitengriffe gefaßt. Im Vergleich zu seinem
eigenen Hab und Gut erscheint Jachl Lieschens Besitz an Kleidern und
Wäsche riesengroß. Er weiß nicht, wie froh ihre Eltern sind, daß nun
wieder eines aus der großen Kinderschar flügge wird und in die Fremde
ziehen kann. --
Durch hohen Wacholder schreiten sie in erster Tagesfrühe. Vieles möchte
Jachl noch sagen. In Lüneburg, in solch großer, großer Stadt, haben sie
gewiß alle einen Schatz. Da stehen ja auch womöglich Soldaten! Diese
Vorstellung macht Jachls Krankheit wieder viel schlimmer. Noch
einsilbiger als sonst marschiert er weiter. Lieschen verspricht zu
schreiben und Jachl zu antworten. Beim Gehen fangen sie zu singen an.
Durch den feinsilbrigen Nebel, der sie umzieht, tönt es weniger schön
als laut:
Wenn die Hoffnung nicht wär',
So lebt' ich nicht mehr;
Denn die Hoffnung allein
Kann lindern die Pein.
Und wie ging es denn hin,
Und wie ging es denn her --
Und wie ging es denn her -- --
Wenn die Hoffnung nicht wär'?!
Im Winter muß man
Große Kälte ausstahn; --
Und im Sommer da ist's
Eine grausige Hitz! -- --
Und wie ging es denn hin,
Und wie ging es denn her --
Und wie ging es denn her -- --
Wenn die Hoffnung nicht wär'?!
Zehn-, zwanzigmal wiederholen sie mechanisch die gleiche Weise:
Und wie ging es denn hin,
Und wie ging es denn her --
Und wie ging es denn her -- --
Wenn die Hoffnung nicht wär'?! -- --
Lieschen ist in Gedanken schon weit fort. Jeder Schritt bringt sie ja
dem neuen Leben näher.
»Schade, daß der Jachl Trübsal bläst,« denkt sie. »Was hat er nur, warum
starrt er mich heute immer so an? Er weiß doch, wie ich aussehe.«
Ja, weiß er es denn wirklich? Weiß er, daß er neben einem blitzsauberen
Mädchen dahingeht? Ich glaube es nicht. In Lüttersloh haben sie alle
rote Backen, lange Zöpfe und lachende Augen. Nur, daß Lieschens ein
wenig anders sind als die der meisten, das fühlt er unklar. Aber, wenn
sie auch nicht anders wären, der Jachl hätte sich doch mit all seiner
unverbrauchten Zärtlichkeit an sie geklammert. Jemand, der für _ihn_
Zeit hat! Jemand, den sein Wohl und Wehe mitberührt! Muß dieser Jemand
nicht sein ganzes Herz in Aufruhr versetzen? --
Nur zu rasch taucht der kleine Bahnhof aus dem Nebel auf. Sie kommen
eine Stunde zu früh. Solche Reisenden wie diese kommen immer wenigstens
eine Stunde zu früh. --
Gemächlich dampft die Lokalbahn heran.
»Na, denn mach's gut,« ruft Lieschen beim Händeschütteln.
Jachl schiebt geschickt den Korb in die *IV.* Klasse, und Lieschen springt
nach. Ehe er es noch recht begreift, steht er allein auf dem Steig. --
[Abbildung]
Jungen weinen bekanntlich nicht. Wenn Jungen weinen, ist es eine
Blamage. Auf der ganzen Welt gilt das. Jachl holt nur sein buntes
Taschentuch hervor, schneuzt sich laut und fährt bei der Gelegenheit
über die Augen. Einmal und noch mehrmals. Dann stopft er das Tuch
langsam wieder in die Tasche, dreht sich um und trabt den Weg zurück
nach Lüttersloh. --
* * * * *
Viel Zeit zum Grämen bleibt ihm nicht. Auch er muß tags darauf in seinen
Dienst. Nicht die Kühe, nicht die Gänse, sondern die Heidschnucken
werden seiner Obhut übergeben. --
Der Ohm macht nicht erst viel Aufhebens von Jachls Amtsantritt. »Einer
nach dem andern wird unbrauchbar, dann kommt der Nächste an die Reih';
heut ist Jachl dran -- wird auch nicht ewig dran bleiben« --
Wie es Brauch ist, zieht der Schäfer mit hinein in den geräumigen Stall.
Nur ein Gitter trennt Hirt und Herde. Auf verlassener Steppe liegt der
Stall; denn die Schnucken brauchen weite Flächen. Nicht rasch wächst das
abgegraste Heidekraut nach. --
Nie hat Jachl zu den beredsamen Leuten gehört. »Maulfaul« schelten ihn
seine Freunde. Wer es nicht besser versteht, der kann ihn wohl so
nennen. Seine Gedanken sind aber um so fleißiger. Jetzt ist es wohl ein
Glück, daß er nicht von vielen Worten ist, sonst liefe er spornstreichs
zurück nach Lüttersloh. --
Viele der Gebräuche und der Vorschriften, die sein neuer Stand
erfordert, sind ihm nichts Unbekanntes. Aus einem Ställchen ist er in
einen Stall gezogen; das ist _sein_ Wohnungswechsel. Den fünfjährigen
Jachl lockte bereits jede glockenklingende Schnuckenherde.
Leidenschaftlich hängt er an Tieren, und von jeher beneidete er die
Hütejungen. Sehnsüchtig folgte ihnen sein Blick. --
Der ihm nun anvertraute Stall erscheint ihm besonders wertvoll. Uralte
Eichen und hohe Fichten umrahmen ihn. Man sieht, wenn man flüchtig
hinschaut, kaum mehr als ein struppiges, schwärzliches Dach, dessen
Ränder fast den Boden berühren. Der Platz vor diesem niederen Dach ist
kahl genagt und ganz zertreten. --
Erprobte alte Schäfer sind ein »rarer« Artikel. Schlechte richten leicht
großen Schaden an. Manchmal können Geld und gute Worte keinen guten
Schäfer verschaffen. Leichter ist ein Professor ersetzt als ein
Schnuckenschäfer.
Jachl fühlt sich geradezu für dieses Amt geschaffen. Kein anderer Stand
dünkt ihm so herrlich. Ein reeller Schäfer muß wohl ebensolche Gedanken
haben, wie sie in seinem Kopf rumoren. Und solche Liebe für alles, was
kreucht und fleucht. Und so wenig Neugier auf alles das, was sonst in
der Welt vorgeht. --
Viele, viele tausend kleine, blaugraue Heideschafe sind in Jachls Stall
im Laufe der Jahre eingepfercht gewesen. Ordentlich andächtig stimmt den
Jungen diese Vorstellung. Wenn er die doch bloß alle gesehen hätte!
Wenige Schritte entfernt von Jachls Schnuckenstall ist ein Kreuz
errichtet. Unzählige Male hat er die Mär gehört, wie einst ein alter
Schäfer an eine Birke gelehnt, stehend eingeschlafen ist. Das Nicken des
Schlummernden habe der Bock als Herausforderung zum Kampf betrachtet und
sich so rasend auf den Schäfer gestürzt, daß der Unglückliche mit
zerschmettertem Schädel zu Boden sank. Jachl wirft immer einen scheuen
Blick auf das Kreuz, wenn er daran vorüber muß. --
Seine Einführung in den Dienst unterbricht er ziemlich respektlos sehr
oft mit den Worten: »Weiß schon -- weiß schon.« An ihm soll es nicht
liegen, wenn Krankheit in der Herde ausbricht, oder wenn ihr sonst ein
Mißgeschick begegnet. Ihm wird nicht, wie er es nennt, »die Puste«
ausgehen, muß er auch stundenlang hinter den Heidschnucken herlaufen. Er
weiß, daß sie sich am liebsten Tag und Nacht, Winter und Sommer in
unsteter Hast draußen bewegen. Vor naßkalter Nachtluft will er sie gewiß
bewahren. Jedes Tier wird er wie seinen Augapfel hüten.
[Abbildung]
»Weiß schon -- weiß schon! Sogar im Winter rennen sie, die Köpfe
gebeugt, gleitend und trippelnd durch den Schnee. Keine Furcht ist
vonnöten! Jachl paßt auf, Jachl, der Schäfer.« --
Während der ersten Wochen ist er fast nur mit Zählen beschäftigt. Kaum
hat er eine Schar richtig durchgezählt, so läuft sie plötzlich wirr
durcheinander, und die Mühe des Zählens beginnt von neuem. Schnucken zu
zählen ist nichts Leichtes. Allmählich lernt er's. Immer besser gelingt
ihm die Übersicht. Verlaufene Tiere fängt er bald geschickt wieder ein.
Nach einigen Wochen schon darf er sich auch einmal ein wenig Ruhe gönnen
ohne Angst, daß die Schnucken jede Minute etwas Furchtbares anstellen
könnten. Sein Dienstherr läßt nicht mit sich spaßen. --
Zum ersten Mal, seitdem er Schäfer geworden ist, dehnt Jachl in der
Mittagssonne faul die Glieder. Er versucht, ob er jodeln kann. Komische
Töne werden hörbar. »Na, denn nicht,« denkt er.
Nein, ein Jodelkünstler ist mein Jachl nicht. Schadet nicht, es gibt
vielerlei Schäferkünste. --
Heute sieht er über die weite Landschaft, die in sonnigem Licht ruht. In
der Geschäftigkeit seines Kinderlebens hat er Kohl und Rüben genau
kennen gelernt, aber von Schönheit und Glanz ist nie etwas bis in seine
Seele gedrungen. Stets hastete er von der Arbeit zur Schule und von der
Schule zur Arbeit. --
Heute ist es ja hier wie in der Kirche. Und solch Gotteshaus steht Jachl
nun immer offen! Seltsame Empfindungen erwachen in seiner Brust. Bis
hierher dringen nicht die derben Redensarten, die im Dorf üblich und
selbstverständlich sind. Hier ist er nicht mehr _nur_ ein Bauernjunge.
Hier ist -- trotz Arbeit und Mühe -- immer sowas wie Ostern oder
Weihnachten.
Vielleicht fühlt Jachl, während geheimnisvoller Mittagszauber ihn
umleuchtet, zum ersten Mal, daß auch er ein Mensch ist. Geburtstag hat
er und weiß es selbst nicht. -- --
* * * * *
Täglich liebt er die kleinen Heideschnucken zärtlicher. Ohne sie wäre er
ja nie hierhergekommen. -- --
»Jachl!«
Dröhnend schallt es über die Heide: »Jaachl --« Hans Detel, der
Landbriefträger, ruft's.
Jachl springt auf. Nicht fest wie sonst steht er auf den Beinen. Ein
Brief aus Lüneburg! Hastig greift er nach dem ersten Schreiben, das im
Leben an ihn gelangt. --
So fliegen einem also die Finger, wenn man einen Brief erhält! Er
bekommt ihn so schwer auf, als erbräche er einen eisernen Kasten.
Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Da endlich:
»Lieber Jachl!
Wie geht es Dir? Mir geht es sehr gut. Ich bin Stubenmädchen im Hotel,
wo Fremde kommen, die sich unsere Heide ansehen wollen, wenn sie blüht.
Wir haben sie doch immer gesehen, das lohnt ja gar nicht. Lüneburg ist
sehr groß, es soll aber viel, viel größere Städte geben. Ich möchte gern
dahin. Schreibe mir bald einen Schreibebrief. Bist Du gesund? Ich denke
alle Abende an Dich.