»Halloh -- halloh -- --«
Der Ohm weint, weint wie ein kleines Kind. Er hört gar nicht auf zu
schluchzen. Den Stock haben nur die Nachbarn bei der Hand. »Der
verfluchte Bengel!« hört sich Jachl nennen. »Brandstifter!« ruft eine
andere Stimme. »Unglückswurm -- von Gott Verlassener!«
Jachl rührt sich nicht; er weiß nicht, was das ist: »Brandstifter« und
»von Gott Verlassener«. Dicht zum Ohm hat er sich gestellt; vermutlich
-- er ahnt es dunkel -- wird der es nicht erlauben, daß die andern zu
toll losschlagen. Püffe und Stöße hageln aber doch reichlich auf ihn
nieder. --
Endlich steht der Sünder schluchzend allein neben den Mauerresten im
Rauch. Jachls Tränen gelten nicht so sehr den Püffen, als der
verworrenen Ahnung des Unheils, das er angerichtet hat. Alles, was der
Ohm und er besessen und lieb gehabt haben, sieht er verdorben. Das
meiste ist verbrannt. --
Abend ist's geworden. Beide merken es kaum. Ohne sich erst noch nach
einem anderen Asyl umzusehen, wenden sie sich dem verfallenen Ställchen
zu, das ihre einzige Schnucke beherbergt. Platz genug werden sie finden,
um sich auszustrecken. Jachl fegt mit einem dicken Strauchbesen die
Schlafstelle sauber, bevor er ein paar alte Tücher, die Nachbarsleute
herbeischleppten, auf den Boden wirft. Wenige Minuten nur und beide
schlafen. Sie besitzen nichts, auch nicht Nerven, die sie ruhe- und
schlaflos machen könnten.
Durch die kleine Luke fällt ein Mondstreifen. Friedlich schnarchen Ohm
und Jachl. Sie scheinen zu lächeln: der Kleine vielleicht, weil er weiß,
daß er einen Beschützer hat, und der Alte, weil er fühlt, daß er auf
Erden noch jemandem nötig ist. --
Erst der nächste Morgen zeigt ihnen deutlich, was sie verloren haben.
Wie in die Trümmer eines Palastes schauen sie auf ihre vernichtete
Hütte.
Ohne langes Besinnen fängt Jachl an mit einem Beil zwischen dem Schutt
zu rühren. Zu heiß ist er noch für seine Hände. Jeden Scherben, den er
aus der glühenden Asche holt, begrüßt er glückselig. Behutsam legt er
ein Stück auf das andere. Einen ganzen Berg schichtet er rasch auf; wie
ein Schatzgräber jubelt er bei jedem Fund.
Im Dorf wundern sie sich sehr über soviel Schlechtigkeit. _Sie_ wissen
ja nichts von der Seele eines Kindes; auf so Kostbares verstehen sie
sich nicht. Höchstens meint der eine oder der andere entschuldigend: »Er
is ja noch zu klein«, oder: »Er weiß doch nicht, was er angerichtet
hat«, oder: »Gott sei Dank, daß er nicht meiner is.«
Mittags, als der Ohm von der Arbeit heimkehrt, gräbt Jachl immer noch so
eifrig, wie wenn er sich die schönste Burg baue. Trotz allen Bemühens
bleiben die beiden aber von jetzt ab Stallbewohner. Zum Wiederaufbauen
der kleinen Hütte langt des Alten Beutel nicht. So voll wird seine Kasse
auch niemals werden. Der Ohm ist schon zufrieden, etwas Ähnliches wie
eine Stube an den Stall geklebt zu haben. Eine Kochgelegenheit töpfert
er auch zurecht.
Um den Jachl haben alle ein paar Tage einen weiten Bogen gemacht. Rasch
ist der Bogen kleiner geworden. Seine Freunde wissen eine Weile nicht,
ob sie ihn nun als Helden, Indianer oder Bösewicht behandeln sollen.
Jedenfalls rufen sie den Stallbewohner nur noch neckend »Scheper«. Und
weil sie wissen, daß dieser Schäfer nichts zu hüten hat, brüllen sie
höhnend:
»Scheper, Scheper, dudeldei,
Lät de Schap in unse Wei (Weide).«
Jachl hat aber nicht lange Zeit, sich über ihr Gebrüll zu ärgern. Er
wird in die Schule geschickt. Ein anderes Leben beginnt. --
* * * * *
Solche große Stube, wie die Klasse ist, hat Jachl noch nie betreten. Er
berichtet dem Ohm, daß da alle stillsitzen müssen, und daß er nun
»Joachim« heiße, ganz großartig: »Joachim«. Zuerst habe er, der doch der
»Jachl« ist, gar nicht gewußt, daß er gerufen sei. Aber gefallen tue es
ihm, und wehe dem, der ihn von jetzt ab anders nenne; bloß der Ohm, der
darf, weil er doch schon so _alt_ ist, weiter »Jachl« rufen.
Joachim malt in stiller Begeisterung Buchstaben. Niemand kümmert sich um
seine Schularbeiten, wie sich niemand um seine Spiele bekümmert hat. Er
buchstabiert eifrig; nicht, weil er fleißig zu sein für nötig hält,
sondern weil er neugierig ist, »was kommt«. Bevor er ein halbes Jahr zur
Schule geht, kennt er sein Lesebuch auswendig, jedes Gedicht und jede
Geschichte. Immer hat er an dem Ohm einen geduldigen Zuhörer.
»Verstehste auch, Ohm?« fragt er fortwährend. Jachl hat das nicht
unbegründete Empfinden, daß das Nicken des Alten mehr der Gewohnheit,
als dem Verständnis entspringe. Furchtbar laut muß er sprechen; der Ohm
ist im Laufe der Jahre recht taub geworden. Sehen kann er auch schlecht.
Daß man einen Arzt fragen könnte, fällt beiden nicht ein. Fürs »doktern«
war der Alte nie. Auch nicht fürs Nachdenken. --
»Ohm, wo bleib' ich, wenn du tot bist?« fragt ihn der Junge.
»Ich leb' schon noch, Jachl.«
»Aber, wenn du sterbst?«
Ein bißchen Angst irrt manchmal durch Jachls Kopf; nur ein schwaches
Ahnen, daß es Kinder besser haben könnten als er. Vielleicht nicht
besser, nur anders. --
Wenn Freiheit wirklich immer eine köstliche Gabe wäre, so müßte Jachl zu
den Großgrundbesitzern gezählt werden. Sicher ist, daß er sich solchen
Besitzes nicht bewußt ist, und daß er zu jung ist, um nicht oft durch
ihn gefährdet zu werden. --
Kein Auge ist da, für das sein Anzug zu schlecht oder zu dünn ist. Vor
drei Jahren erbte Jachl seinen jetzigen von des Schulzen Sohn. Damals
schlotterte er ihm um die hageren Glieder. Nun strecken sich schon lange
seine Arme weit aus den kurzen Ärmeln hervor. Entgegen dem Brauch, daß
zuerst die kurzen Hosen an die Reihe kommen und später die langen,
hält's der Jachl umgekehrt. Nur noch bis knapp über die Knie lassen sich
die Hosen, deren Farbe längst unergründlich geworden ist, ziehen. --
Jachl kennt kein Kranksein. Einmal hat er Zahnschmerzen gehabt. Der Ohm
erbot sich sofort zum Ausziehen. Ohne lange Vorbereitung -- trotz
unsicheren Erkennens -- riß der Alte wirklich den richtigen Missetäter
heraus. Jachl brüllte eine Minute auf, aber er zweifelte nicht, daß das
Ausziehen eines Zahnes immer so, nur so erledigt werden könne. --
Nach einer Keilerei auf der Dorfstraße kommt eines Tages der Achtjährige
mit der Frage auf den Alten zugesprungen:
»Du, Ohm, wo is'n eijentlich mein Vater?«
»Weiß Gott, wo sich der in die Welt rumtreiben tut!«
»Un meine Mutta?«
»Weiß ich auch nich -- >unbekannt verzogen<!«
Die Hütte, in der die Beiden wohnen, hat allmählich einen sonderbaren
Wandschmuck bekommen. Zu Beginn der Osterferien bringt Jachl immer ein
großes, bedrucktes Blatt heim, auf dem von Rosen bekränzt die Worte zu
lesen sind:
»Weil du von jeder bösen Sache
Dich ferne hieltst und sittsam bliebst
Und aufmerksam in jedem Fache
Dir möglichst alle Mühe gibst,
So nehme hier zum Angedenken
Dies Ehrenblatt als Zeichen an,
Daß du in allen Gegenständen
Nach Möglichkeit genug getan,
Und trag' es heim als Augenweide
Zu deiner Eltern Trost und Freude.«
Behutsam klebt Jachl seine Ehrenblätter an die Wand, eines und noch
eines und wieder eines dazu. Längst kennt er die roten Tintenstriche,
mit denen der Herr Lehrer durch das: »Zu deiner Eltern Trost und Freude«
fährt, und die gleichmäßigen Buchstaben, die dafür seines Ohmes Trost
und Freude verkünden. Ihm erscheint der schöne Vers deshalb nicht
weniger schön. Nur -- Trost? Der Ohm hat gar keinen Trost nötig, und von
zuviel Freude ist ihm beim Anschauen des Ehrenblattes auch nichts
anzumerken.
Gar soviel Wissenschaften werden vom Herrn Lehrer nicht gefordert. Nur
die nötigsten Fächer beschweren die Köpfe seiner Bauernjungen. Wieviel
Jachl trotz guten Aufpassens nicht begreift, kommt in der Schule nie ans
Tageslicht. Da ist in der Religionsstunde oft von sittlicher Kraft die
Rede. Kraft zum Puffen und Stoßen, die ist den Jungen in der Schule
nichts Unbekanntes, aber sittliche Kraft ist nur mangelhaft in ihren
dicken Schädel zu bringen. Ohne Stocken hat Jachl in der Christenlehre
die Worte aufgesagt: »Der Gottlosen Rotte beraubt mich, aber ich
vergesse deines Gesetzes nicht.« Zwar weiß er nicht, wann der Gottlosen
Rotte ihn beraubt hat, aber alles, was der Herr Lehrer aus der Bibel
verkündet, das soll wohl stimmen. Also bemüht sich der Schuljunge auch
an diese Beraubung zu glauben.
* * * * *
Je länger ich meinen Jachl kenne, je mehr neige ich der Vorstellung zu,
man sollte ihn eigentlich zu den Glückskindern zählen. Immer nimmt er
die Dinge, wie sie sind. Dahin haben ihn nicht Überwindung oder
mühseliges Überlegen gebracht, sondern angeborene Veranlagung.
Vielleicht ist's ein glücklicher Instinkt mit dem er gesegnet wurde;
Rebellion steht nicht in seiner Lebensliste, und doch kann man ihn nicht
temperamentlos nennen.
Wüßte ich nur, wer sein Vater gewesen! Ich wollte mich gern dem Jachl
zulieb tief in alle Vererbungsmöglichkeiten versenken. -- Von seiner
Mutter konnte ich auch nicht viel erforschen. Ich habe wohl ihr Kleid
gesehen, aber nicht ihr Herz kennen gelernt.
* * * * *
Der Dreizehnjährige ist eigentlich schon der »Ernährer« der Familie.
Winzig genug ist zwar ihr Verbrauch, trotzdem darf er sich vor keiner
Arbeit scheuen, wenn sie immer satt werden wollen. Geld verdienen
erscheint Jachl das Allererste, gleichgültig wie alt einer ist.
Die Schule erlaubt ihm nur Nebenbeschäftigungen. Ställe kann er bei den
Bauern scheuern, Kühe melken, Schweine füttern. Jachl findet all diese
Arbeiten wundervoll. Er kommt sich sehr wichtig vor. Die braunfleckige
Kuh kennt ihn sicherlich, und jedes Schwein grunzt gerade ihn besonders
liebevoll an. Der Ohm hat in den wenigen Augenblicken, die Jachl beim
Essen neben ihm verbringt, immer nur zu nicken, wenn der Junge von all
seinen wunderschönen Erlebnissen berichtet.
Was ist der Jachl doch für ein Seltsamer! Gar keine Anzeichen von
»Verwahrlosung« sind an ihm. Wie ein Heidebusch kommt er mir vor, dem
kein Wetter leicht Schaden antut. Er kennt es nicht anders, daß allerlei
Ungemach über ihn dahingeht. »Was soll man dabei tun? Das ist doch
so.« --
Die Heide mit allem, was auf ihr blüht und grünt und atmet, erfüllt
beständig seine Gedanken. Zum Stehlen oder Betrügen läßt sie ihn gar
nicht frei. Im Winter, im Sommer, immer ist viel Lebendiges auf ihr und
gerade das Lebendige lockt Jachl. Er kennt in der Nähe jede krüpplige
Fichte, jeden Heideweg, jeden schwarzen Machangelbusch, jeden
Schnuckenstall und jeden Scheper. Vor den jungen Maibäumen steht er und
betrachtet sie, als könne er sie wachsen sehen. Kein Naturgeschichtsbuch
ist in seinem Besitz, aber er hat so gut aufgepaßt, wenn der Ohm und die
Schäfer und die Knechte erzählen, daß er schon jetzt richtig mit Tier
und Pflanzen umzugehen versteht.
Jachl rechnet seit Monaten die Tage nach, die noch vergehen müssen, bis
ihm -- ihm ganz allein -- die Schnucken oder die Gänse oder die Kühe
anvertraut werden. Er schwankt, welche Herde ihm die liebste sein würde.
In Gedanken lebt er sich abwechselnd mit Schnucken, Gänsen und Kühen
ein. Jede Art erfordert andern Verstand. Das weiß Jachl.
Über einen Beruf sich den Kopf zu zerbrechen, bleibt ihm erspart. Vor
eine Wahl wird _er_ nicht gestellt. Was sollte er wohl anders werden als
Schäfer? Wär's nur schon Ostern! Bis dahin hat der Jachl noch viel
Sorgen, aber nachher -- dann -- ja dann hört doch sicher alle Mühsal
auf! Einem in der Heide umherwandernden Hütejungen kann doch wohl nichts
mehr fehlen!?
[Abbildung]
Noch gehen dem Jachl aber in buntem, wirrem Durcheinander tausend Dinge
durch den Kopf: Ein nicht vorhandener Einsegnungsanzug, dann der
Konfirmationsspruch: »Auch wenn mein Vater und meine Mutter mich
verlassen, nimmt der Herr mich auf«, dazu die Ermahnungen, die der
Pfarrer an diesen Satz knüpft, ferner die Sorge, ob der Bauer auch
keinen andern zum Hütejungen aussuchen wird, und die Frage, wann das
Luftschiff, von dem der Urlauber Schulze gesprochen, wirklich und
wahrhaftig im Sommer hier über Lüttersloh fliegen werde?
Augenblicklich steht Jachl tief nachdenklich vor des Ohms Sonntagshose.
Der Alte kann sie entbehren; er hat sie ihm geschenkt. Wenn die
schlechtesten Stellen herausgeschnitten würden? Sie könnte fein werden.
Schneider Kiekebusch gibt sich aber bei _der_ Arbeit gewiß keine Mühe.
Jachl dreht die Hose hin und her. Ob er selbst sie zu ändern probiert?
Zuerst fängt er an, sie mit Wasser und Seife zu reiben. Vor Eifer wird
er feuerrot. Während der Schulstunden hängt er sie zum Trocknen auf eine
Stange, die draußen vor dem Stall in die Erde gerammt ist.
An diesem Tage ist das Aufpassen in der Klasse sehr schwer. Wie wird er
sein Kleinod wiedersehen? Unverändert speckig und fleckig oder schön
rein? Im Galopp läuft er nach Schulschluß die Treppen herunter. Einige
Minuten später zeigt er dem Ohm triumphierend seinen Schatz. _Er_
findet die Hose fast so schön wie eine nagelneue. --
Abends spät quält sich Jachl sie enger zu machen. Das kann doch nicht so
schwer sein. Zwei Nähnadeln sind aber bereits zerbrochen und noch ist
nichts erreicht. Was tun? Mädchen verstehen so etwas besser. Welches
sollte er bitten? Einem zu kleinen möchte er seine »schöne« Hose nun
doch nicht anvertrauen, und an eine große wagt er sich nicht recht
heran. -- Es muß aber wohl sein. Lieschen fällt ihm ein. Er hat sie
jahrelang kaum gesprochen. Mit Mädchen hat ein Junge doch nichts zu
reden. Gerade jetzt lernt sie nähen; zufällig erfuhr er es. Gräßliche
Furcht hat er vorm Ausgelachtwerden. Wer weiß, wie Mädchen sind! Aber er
faßt Mut. Es geht nicht anders. Marsch los! Am besten ist's, er versucht
sofort sein Heil.
Leise schleicht er sich unters Fenster, um zu hören, ob die Maschine
noch klappert. Ja, Lieschen näht. Sie scheint allein in der Stube zu
sein. Jachl klopft ans Fenster.
»Was is?« ruft eine junge Stimme.
»Komm mal ans Fenster.«
Lieschen erhebt sich flink. Obgleich sie zwei Jahre älter als der Junge
ist, überragt er sie bedeutend. Ginge jemand vorüber, er würde ein
Stelldichein vermuten.
Stotternd bringt Jachl sein Anliegen vor. Noch nie hat er mit Mädchen
wirklich zwanzig Worte gesprochen. Die Hose hält er Lieschen dicht vor
die Augen, um recht genau erklären zu können, wo und wieviel sie
abgenäht werden muß. Bereitwillig verspricht sie ihre Hilfe. »Wenn ich
sie nur nicht verderbe,« setzt sie unsicher hinzu. Am nächsten Abend
soll Jachl sein Eigentum wieder in Empfang nehmen. Klapp! Das Fenster
ist zugeflogen. Erleichtert und beglückt springt er nach Hause. --
So nah hat Jachl Mädchen noch nie gesehen. Was sie bloß für Augen haben!
Sie leuchten ja toller wie 'ne Stallatern'! --
Jachl, der keine Nacht bisher schlaflos verbrachte, wirft sich unruhig
hin und her. »Wird sie sie verderben? Was für feine Hände hat Lieschen,
und wie waren ihre Haare? Wahrhaftig, schwarz wie Kohle.«
In Jachls Kopf hat sich Lieschen hineingeschlichen! Ganz breit macht sie
sich und treibt ihm alles andere aus der Brust. --
Am nächsten Morgen erhebt es ihn nicht so wie sonst, daß seine
Anwesenheit im Stall für jede Kuh eine Freude ist. Er denkt nur an seine
Hose und an den Abend. --
Gegen 9 Uhr klopft er an das Nachbarfenster. Strahlend hält ihm Lieschen
ihr Werk hin, dabei fragt sie ihn besorgt: »Wo is denn dein Rock? Und
hast du einen Hut zur Einsegnung?«
Ja, Rock und Hut und Stiefel! Jachl erzählt, daß ihm der Bauer einen
Rock versprochen hat. Noch sehr gut soll er sein, bloß zu groß. Und
einen Hut darf er sich neu kaufen, richtig ganz neu. Aber Stiefel? Von
der Großmutter stehen noch zwei Paar da; gar nicht schlecht sind sie.
Wenn Lieschen sie mal ansehen wollte?
Sie will. Gleich begleitet sie ihren neuen Freund in seine Kammer. Der
Ohm schnarcht. Jachl probiert die Stiefel. Je, schon jetzt sind seine
Füße größer, als die der Großmutter waren! Wenn er aber tüchtig _zieht_,
bekommt er doch vielleicht die Stiefel an. Das Auftreten ist zuerst sehr
schwer, aber nach ein paar Minuten tut's schon weniger weh. Und Stiefel
»an« werden wohl nie ein Vergnügen sein.
Lieschen entscheidet: Jachl kann die Stiefel ruhig tragen. Niemand werde
sie wieder erkennen.
Zum Hutkauf will sie auch mitgehen, und den Rock wollen sie, wie die
Hose, gemeinsam herrichten. --
»Na, denn bis morgen, Jachl!«
In den nächsten Tagen lernt Jachl zum ersten Mal in seinem Leben
Kranksein kennen. Er mag nicht essen, nicht schlafen, ein furchtbares
Brennen in der Brust hat er und ganz lautes Herzklopfen. Seine Beine
zittern manchmal, und alles tanzt ihm vor den Augen. Wenn er mit
Lieschen etwas bespricht, ist die Krankheit am schlimmsten.
Von dem Ohm hat Jachl die Abneigung gegen die »Dokters« geerbt. Er
versucht also allein mit seinem Leiden fertig zu werden. Furchtbar
schwer ist's: Schweine zu füttern, Kühe zu melken, Ställe zu scheuern,
Konfirmationsunterricht zu nehmen, Schularbeiten zu machen,
Garderobennöte zu durchleiden und dabei noch eine Krankheit loswerden zu
wollen!
Jachl kocht sich Tee; denselben Tee, welchen auch die Kuh bekommt, wenn
sie zuviel brüllt. Ein bißchen hilft er, aber hat Jachl denn überhaupt
Zeit krank zu sein? --
Während er neben Lieschen in die nächste kleine Stadt trabt, zittert er
wohl noch, aber sie reden doch vergnügt von allem möglichen. Auf dem
Heimweg wird er fast gesund. Seinen steifen Hut trägt er gut verpackt
unterm Arm. Er hat ihn vor einem langen, breiten Spiegel aufprobiert,
der nicht ein bißchen zerbrochen gewesen ist. Zum ersten Mal sieht Jachl
sich selber. »Der hellhaarige, lachende, große Mensch -- bin ich der?
Wahrhaftig?«
Eine Sekunde durchfährt ihn unbändige Freude.
»Wonach siehst du denn noch immer?« fragt Lieschen, »ein Hübscher bist
du, daß du's weißt.«