Unter dem ersten Baum sinken sie förmlich atemlos zusammen. War das
schrecklich! Sie fühlen sich wie befreit. Von Sterben und Tod und Leiche
wagen sie gar nicht zu reden. Nie wieder wollen sie eine Leiche sehen --
nie -- nie wieder. -- -- --
Jachl holt einen vergessenen Apfel aus der Hosentasche. Lieschen fängt
eifrig an ihr Frühstück zu verzehren. Schmausend sitzen sie
nebeneinander; enger als sonst sind sie zusammengerückt.
Sonne und Helle und Vögel erheben ihre Stimmen.
Nur solange sie ihn sahen, war der Tod für Lieschen und Jachl auf Erden.
Rasch trennt das frohe Leben die Kinder von ihrem großen Erlebnis. --
Zuerst fängt Jachl von etwas anderm an. Seine Gedanken sind schon wieder
beim heut früh unterbrochenen Tauschhandel. Aber die kurze Zwischenzeit
hat seine Forderungen sonderbar beeinflußt: am liebsten schenkte er
Lieschen jetzt die schöne Muschel. Zwar schämt er sich dieser Dummheit
(wie sollte er sich solche Weichheit erklären können?), dennoch legt er
ihr sein Kleinod wortlos in den Schoß. Und merkwürdig, das kleine
Lieschen, das beim Tauschen immer gern ein bißchen betrügt, hat längst
freiwillig alle gelben Zigarrenbänder aus ihrer Tasche hervorgezogen,
die Jachl zum Fuhrmannspielen so oft vergeblich erbettelt hat. --
Von der Gewalt des Todes haben die Kinder nichts begriffen. Vielleicht
haben sie ihn vorübergehend, wie eine dunkle Macht geahnt, vor der ihnen
in der Erinnerung grauen wird. Aber sie werden sich nicht oft
erinnern. --
Drüben -- fern -- in der stillen Stube -- beim Kerzenschein -- dort, wo
die stille Frau gelegen -- dort, ja dort war der Tod. Hier ist ganz
etwas anderes, hier ist Bewegung, ist Leben. Nicht nur die Füßchen sind
vor dem Tode davongerannt, rasch auch entfloh ihm die Kinderseele. --
Lieschen und Jachl sind aufgestanden. Am Graben entlang schlendern sie
weiter; die Kleine voran und Jachl, wie immer, etliche Schritte
hinterher. Vor des Jungen Hütte wird heute haltgemacht. Schnell holt er
seinen Hund und spannt ihn vor das kleine Wägelchen, mit dem er öfter
Gras heimholt. Jetzt soll Lieschen es gut haben! Ein Sprung, und die
Kleine thront in der Karosse. Der halbwelke Kranz ist ihr auf die
Schulter geflogen, das dunkellockige Köpfchen ist ganz von Blumen
umgeben. Stolz schwenkt Jachl seine Peitsche mit den rasch angeknüpften
gelben Bändern durch die Luft. Wie ein richtiger Fuhrmann schreitet er
neben seinem Gespann dahin. »Hü -- hü -- Karo zieh an.« Lieschen lacht.
Jachl streichelt den Hund. Von Staub umhüllt, von Sonne überstrahlt
entschwinden beide Kinder dem Blick. --
* * * * *
Nur wenige Tage später und Jachl windet Kränze für eigenen Bedarf.
Mutter Bohn ist gestorben. Der Junge wagt nicht wie sonst laut
aufzutreten. Zwar lag Mutter Bohn wochenlang zu Bett, aber das war doch
ganz, ganz anders. Jachl besorgte nach ihrer Anweisung die Wirtschaft.
Jeden Augenblick rief sie seinen Namen. Zuletzt -- Jachl glaubte, sie
schlafe -- sagte sie immer dieselben Worte: »Wo wart di dat noch gahn,
wo wart die dat noch gahn.« Dann kamen der Herr Pastor und der Doktor.
Jachl schlich aus der Stube. Er wußte gar nicht, wohin. Lieschen war in
der Schule. Niemand dachte an ihn. Weit fort wollte er nicht laufen.
Mutter Bohn würde ihn gewiß bald rufen. Aber sie rief ihn nicht. Da fing
er an zu weinen, ohne zu wissen weshalb. --
Eingeschüchtert trat er ins Haus zurück, ans Bett der Großmutter.
Alle Nachbarn haben sich entfernt. Nur zwei dünne Lichte brennen in der
engen Stube. Auf seinem großen, morschen Korbstuhl sitzt der Ohm. Er
ruft den Kleinen zu sich heran und streichelt ihm mit der hagern,
faltigen Hand über die hellen Haare. Jachl wagt kein Wort zu sprechen.
Vielleicht hat er wieder ein bißchen Angst vor der Leiche. Nahe preßt er
sich an den Alten, ein Verlassener an den andern. --
Ein Brief nach Berlin, der Herr Schulmeister hat ihn geschrieben,
welcher Trude den Tod ihrer Mutter melden soll, kommt mit dem Vermerk
zurück: »Unbekannt verzogen!«
Welch Glück für Mutter Bohn, daß sie dies »Unbekannt verzogen« nicht
mehr miterlebt. Für sie diente Trude immer auf ihrer ersten Stelle. Die
Harmlose hatte sehr unklare Vorstellungen von Berlin und seinen
Gefahren. Von einem »Palais de danse« hörte sie nie, und wenn sie von
ihm gehört hätte, dann stellte sie sich gewiß keine Autos vor und keine
Füße, die in seidenen Strümpfen und feinen weißen Schuhen vom Trittbrett
springen. Nein, es wäre unmöglich gewesen, daß sich Mutter Bohn ein Bild
solchen Glanzes hätte machen können. Das Beste ihres Lebens war
vielleicht ihre Ahnungslosigkeit bezüglich des Abgrundes, in dem ihre
Trude längst untergegangen. Aber dieses Beste konnte sie ja nicht
dankbar empfinden. Und niemand sonst liebt die Trude genug, um an ihrem:
»Unbekannt verzogen« zu leiden.
* * * * *
Jachl, der noch nicht zur Schule geht, drückt sich beständig um den Ohm
herum. Er folgt ihm überall hin wie ein Hündchen; ob's schneit oder ob
die Sonne scheint, das macht den beiden keinen Unterschied.
In seiner arbeitsfreien Zeit spielt der Junge mit allem, was er in des
Alten Nähe entdeckt. Und er findet beständig Neues und Schönes. Da
stehen z. B. in der Stube, wie Soldaten aufmarschiert, viele
Tabakspfeifen, ganz lange und ganz kurze. Schmauchen zu können wie der
Ohm, das wäre fein. Jachl wird es auch lernen! Er muß es nur mal
versuchen.
Vom Herde holt er Streichhölzer. Alles will er genau nachmachen.
Wahrhaftig! Die Pfeife brennt und das -- das ist ja richtiger Rauch und
Dampf.
Stolz und strahlend geht der Jachl auf und ab in der engen Stube. Je
mehr Qualm, desto stolzer wird er. Die Augen brennen ihm; er muß sie
fest schließen. Er kann nicht sehen, daß nicht nur aus der Pfeife,
sondern auch aus des Ohm Bett Qualm kommt. Ein Fünkchen nur ist aufs
Stroh geflogen. Jachl zwinkert ein bißchen mit den Augen: Ist da nicht
eine große, große Flamme?