Langsam reift die Traube, das Korn.

Wenn sich stille der Tag neigt,

Ist ein Gutes und Böses bereitet.

Wenn es Nacht wird,

Hebt der Wanderer leise die schweren Lider;

Sonne aus finsterer Schlucht bricht.

PASSION

Wenn Orpheus silbern die Laute rührt,

Beklagend ein Totes im Abendgarten,

Wer bist du Ruhendes unter hohen Bäumen?

Es rauscht die Klage das herbstliche Rohr,

Der blaue Teich,

Hinsterbend unter grünenden Bäumen

Und folgend dem Schatten der Schwester;

Dunkle Liebe

Eines wilden Geschlechts,

Dem auf goldenen Rädern der Tag davonrauscht.

Stille Nacht.

Unter finsteren Tannen

Mischten zwei Wölfe ihr Blut

In steinerner Umarmung; ein Goldnes

Verlor sich die Wolke über dem Steg,

Geduld und Schweigen der Kindheit.

Wieder begegnet der zarte Leichnam

Am Tritonsteich

Schlummernd in seinem hyazinthenen Haar.

Daß endlich zerbräche das kühle Haupt!

Denn immer folgt, ein blaues Wild,

Ein Äugendes unter dämmernden Bäumen,

Dieser dunkleren Pfaden

Wachend und bewegt von nächtigem Wohllaut,

Sanftem Wahnsinn;

Oder es tönte dunkler Verzückung

Voll das Saitenspiel

Zu den kühlen Füßen der Büßerin

In der steinernen Stadt.

FÖHN

Blinde Klage im Wind, mondene Wintertage,

Kindheit, leise verhallen die Schritte an schwarzer Hecke,

Langes Abendgeläut.

Leise kommt die weiße Nacht gezogen,

Verwandelt in purpurne Träume Schmerz und Plage

Des steinigen Lebens,

Daß nimmer der dornige Stachel ablasse vom verwesenden Leib.

Tief im Schlummer aufseufzt die bange Seele,

Tief der Wind in zerbrochenen Bäumen,

Und es schwankt die Klagegestalt

Der Mutter durch den einsamen Wald

Dieser schweigenden Trauer; Nächte,

Erfüllt von Tränen, feurigen Engeln.

Silbern zerschellt an kahler Mauer ein kindlich Gerippe.

FRÜHLING DER SEELE

Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind,

Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst,

Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne.

Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen

Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit

Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel

In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.

Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,

Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig

Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.

Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel.

Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,

Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht

Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.

Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung

Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;

Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn.

Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.

Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.

Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;

Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert

Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet

Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.

Stille blüht die Myrthe über den weißen Lidern des Toten.

Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag

Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;

Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.

IM DUNKEL

Es schweigt die Seele den blauen Frühling.

Unter feuchtem Abendgezweig

Sank in Schauern die Stirne den Liebenden.

O das grünende Kreuz. In dunklem Gespräch

Erkannten sich Mann und Weib.

An kahler Mauer

Wandelt mit seinen Gestirnen der Einsame.

Über die mondbeglänzten Wege des Walds

Sank die Wildnis

Vergessener Jagden; Blick der Bläue

Aus verfallenen Felsen bricht.

WINTERNACHT

Es ist Schnee gefallen. Nach Mitternacht verläßt du betrunken von

purpurnem Wein den dunklen Bezirk der Menschen, die rote Flamme ihres

Herdes. O die Finsternis!

Schwarzer Frost. Die Erde ist hart, nach Bitterem schmeckt die Luft.

Deine Sterne schließen sich zu bösen Zeichen.

Mit versteinerten Schritten stampfst du am Bahndamm hin, mit runden

Augen, wie ein Soldat, der eine schwarze Schanze stürmt. Avanti!

Bitterer Schnee und Mond!

Ein roter Wolf, den ein Engel würgt. Deine Beine klirren schreitend wie

blaues Eis und ein Lächeln voll Trauer und Hochmut hat dein Antlitz

versteinert und die Stirne erbleicht vor der Wollust des Frostes;

oder sie neigt sich schweigend über den Schlaf eines Wächters, der in

seiner hölzernen Hütte hinsank.

Frost und Rauch. Ein weißes Sternenhemd verbrennt die tragenden

Schultern und Gottes Geier zerfleischen dein metallenes Herz.

O der steinerne Hügel. Stille schmilzt und vergessen der kühle Leib im

silbernen Schnee hin.

Schwarz ist der Schlaf. Das Ohr folgt lange den Pfaden der Sterne im

Eis.

Beim Erwachen klangen die Glocken im Dorf. Aus dem östlichen Tor trat

silbern der rosige Tag.

DRITTER TEIL

TRAUM UND UMNACHTUNG

Am Abend ward zum Greis der Vater; in dunklen Zimmern versteinerte das

Antlitz der Mutter und auf dem Knaben lastete der Fluch des entarteten

Geschlechts. Manchmal erinnerte er sich seiner Kindheit, erfüllt von

Krankheit, Schrecken und Finsternis, verschwiegener Spiele im

Sternengarten, oder daß er die Ratten fütterte im dämmernden Hof. Aus

blauem Spiegel trat die schmale Gestalt der Schwester und er stürzte wie

tot ins Dunkel. Nachts brach sein Mund gleich einer roten Frucht auf und

die Sterne erglänzten über seiner sprachlosen Trauer. Seine Träume

erfüllten das alte Haus der Väter. Am Abend ging er gerne über den

verfallenen Friedhof, oder er besah in dämmernder Totenkammer die

Leichen, die grünen Flecken der Verwesung auf ihren schönen Händen. An

der Pforte des Klosters bat er um ein Stück Brot; der Schatten eines

Rappen sprang aus dem Dunkel und erschreckte ihn. Wenn er in seinem

kühlen Bette lag, überkamen ihn unsägliche Tränen. Aber es war niemand,

der die Hand auf seine Stirne gelegt hätte. Wenn der Herbst kam, ging

er, ein Hellseher, in brauner Au. O, die Stunden wilder Verzückung, die

Abende am grünen Fluß, die Jagden. O, die Seele, die leise das Lied des

vergilbten Rohrs sang; feurige Frömmigkeit. Stille sah er und lang in

die Sternenaugen der Kröte, befühlte mit erschauernden Händen die Kühle

des alten Steins und besprach die ehrwürdige Sage des blauen Quells. O,

die silbernen Fische und die Früchte, die von verkrüppelten Bäumen

fielen. Die Akkorde seiner Schritte erfüllten ihn mit Stolz und

Menschenverachtung. Am Heimweg traf er ein unbewohntes Schloß.

Verfallene Götter standen im Garten, hintrauernd am Abend. Ihm aber

schien: hier lebte ich vergessene Jahre. Ein Orgelchoral erfüllte ihn

mit Gottes Schauern. Aber in dunkler Höhle verbrachte er seine Tage, log

und stahl und verbarg sich, ein flammender Wolf, vor dem weißen Antlitz

der Mutter. O, die Stunde, da er mit steinernem Munde im Sternengarten

hinsank, der Schatten des Mörders über ihn kam. Mit purpurner Stirne

ging er ins Moor und Gottes Zorn züchtigte seine metallenen Schultern;

o, die Birken im Sturm, das dunkle Getier, das seine umnachteten Pfade

mied. Haß verbrannte sein Herz, Wollust, da er im grünenden Sommergarten

dem schweigenden Kind Gewalt tat, in dem strahlenden sein umnachtetes

Antlitz erkannte. Weh, des Abends am Fenster, da aus purpurnen Blumen,

ein gräulich Gerippe, der Tod trat. O, ihr Türme und Glocken; und die

Schatten der Nacht fielen steinern auf ihn.

* * * * *

Niemand liebte ihn. Sein Haupt verbrannte Lüge und Unzucht in dämmernden

Zimmern. Das blaue Rauschen eines Frauengewandes ließ ihn zur Säule

erstarren und in der Tür stand die nächtige Gestalt seiner Mutter. Zu

seinen Häupten erhob sich der Schatten des Bösen. O, ihr Nächte und

Sterne. Am Abend ging er mit dem Krüppel am Berge hin; auf eisigem

Gipfel lag der rosige Glanz der Abendröte und sein Herz läutete leise in

der Dämmerung. Schwer sanken die stürmischen Tannen über sie und der

rote Jäger trat aus dem Wald. Da es Nacht ward, zerbrach kristallen sein

Herz und die Finsternis schlug seine Stirne. Unter kahlen Eichbäumen

erwürgte er mit eisigen Händen eine wilde Katze. Klagend zur Rechten

erschien die weiße Gestalt eines Engels, und es wuchs im Dunkel der

Schatten des Krüppels. Er aber hob einen Stein und warf ihn nach jenem,

daß er heulend floh, und seufzend verging im Schatten des Baums das

sanfte Antlitz des Engels. Lange lag er auf steinigem Acker und sah

staunend das goldene Zelt der Sterne. Von Fledermäusen gejagt, stürzte

er fort ins Dunkel. Atemlos trat er ins verfallene Haus. Im Hof trank

er, ein wildes Tier, von den blauen Wassern des Brunnens, bis ihn fror.

Fiebernd saß er auf der eisigen Stiege, rasend gen Gott, daß er stürbe.

O, das graue Antlitz des Schreckens, da er die runden Augen über einer

Taube zerschnittener Kehle aufhob. Huschend über fremde Stiegen

begegnete er einem Judenmädchen und er griff nach ihrem schwarzen Haar

und er nahm ihren Mund. Feindliches folgte ihm durch finstere Gassen und

sein Ohr zerriß ein eisernes Klirren. An herbstlichen Mauern folgte er,

ein Mesnerknabe, stille dem schweigenden Priester; unter verdorrten

Bäumen atmete er trunken den Scharlach jenes ehrwürdigen Gewands. O, die

verfallene Scheibe der Sonne. Süße Martern verzehrten sein Fleisch. In

einem verödeten Durchhaus erschien ihm starrend von Unrat seine blutende

Gestalt. Tiefer liebte er die erhabenen Werke des Steins; den Turm, der

mit höllischen Fratzen nächtlich den blauen Sternenhimmel stürmt; das

kühle Grab, darin des Menschen feuriges Herz bewahrt ist. Weh, der

unsäglichen Schuld, die jenes kundtut. Aber da er Glühendes sinnend den

herbstlichen Fluß hinabging unter kahlen Bäumen hin, erschien in härenem

Mantel ihm, ein flammender Dämon, die Schwester. Beim Erwachen erloschen

zu ihren Häuptern die Sterne.

* * * * *

O des verfluchten Geschlechts. Wenn in befleckten Zimmern jegliches

Schicksal vollendet ist, tritt mit modernden Schritten der Tod in das

Haus. O, daß draußen Frühling wäre und im blühenden Baum ein lieblicher

Vogel sänge. Aber gräulich verdorrt das spärliche Grün an den Fenstern

der Nächtlichen und es sinnen die blutenden Herzen noch Böses. O, die

dämmernden Frühlingswege des Sinnenden. Gerechter erfreut ihn die

blühende Hecke, die junge Saat des Landmanns und der singende Vogel,

Gottes sanftes Geschöpf; die Abendglocke und die schöne Gemeine der

Menschen. Daß er seines Schicksals vergäße und des dornigen Stachels.

Frei ergrünt der Bach, wo silbern wandelt sein Fuß, und ein sagender

Baum rauscht über dem umnachteten Haupt ihm. Also hebt er mit

schmächtiger Hand die Schlange, und in feurigen Tränen schmolz ihm das

Herz hin. Erhaben ist das Schweigen des Walds, ergrüntes Dunkel und das

moosige Getier, aufflatternd, wenn es Nacht wird. O der Schauer, da

jegliches seine Schuld weiß, dornige Pfade geht. Also fand er im

Dornenbusch die weiße Gestalt des Kindes, blutend nach dem Mantel seines

Bräutigams. Er aber stand vergraben in sein stählernes Haar stumm und

leidend vor ihr. O die strahlenden Engel, die der purpurne Nachtwind

zerstreute. Nachtlang wohnte er in kristallener Höhle und der Aussatz

wuchs silbern auf seiner Stirne. Ein Schatten ging er den Saumpfad hinab

unter herbstlichen Sternen. Schnee fiel, und blaue Finsternis erfüllte

das Haus. Eines Blinden klang die harte Stimme des Vaters und beschwor

das Grauen. Weh der gebeugten Erscheinung der Frauen. Unter erstarrten

Händen verfielen Frucht und Gerät dem entsetzten Geschlecht. Ein Wolf

zerriß das Erstgeborene und die Schwestern flohen in dunkle Gärten zu

knöchernen Greisen. Ein umnachteter Seher sang jener an verfallenen

Mauern und seine Stimme verschlang Gottes Wind. O die Wollust des Todes.

O ihr Kinder eines dunklen Geschlechts. Silbern schimmern die bösen

Blumen des Bluts an jenes Schläfe, der kalte Mond in seinen zerbrochenen

Augen. O, der Nächtlichen; o, der Verfluchten.

* * * * *

Tief ist der Schlummer in dunklen Giften, erfüllt von Sternen und dem

weißen Antlitz der Mutter, dem steinernen. Bitter ist der Tod, die Kost

der Schuldbeladenen; in dem braunen Geäst des Stamms zerfielen grinsend

die irdenen Gesichter. Aber leise sang jener im grünen Schatten des

Holunders, da er aus bösen Träumen erwachte; süßer Gespiele nahte ihm

ein rosiger Engel, daß er, ein sanftes Wild, zur Nacht hinschlummerte;

und er sah das Sternenantlitz der Reinheit. Golden sanken die

Sonnenblumen über den Zaun des Gartens, da es Sommer ward. O, der Fleiß

der Bienen und das grüne Laub des Nußbaums; die vorüberziehenden

Gewitter. Silbern blühte der Mohn auch, trug in grüner Kapsel unsere

nächtigen Sternenträume. O, wie stille war das Haus, als der Vater ins

Dunkel hinging. Purpurn reifte die Frucht am Baum und der Gärtner rührte

die harten Hände; o die härenen Zeichen in strahlender Sonne. Aber

stille trat am Abend der Schatten des Toten in den trauernden Kreis der

Seinen und es klang kristallen sein Schritt über die grünende Wiese vorm

Wald. Schweigende versammelten sich jene am Tisch; Sterbende brachen sie

mit wächsernen Händen das Brot, das blutende. Weh der steinernen Augen

der Schwester, da beim Mahle ihr Wahnsinn auf die nächtige Stirne des

Bruders trat, der Mutter unter leidenden Händen das Brot zu Stein ward.

O der Verwesten, da sie mit silbernen Zungen die Hölle schwiegen. Also

erloschen die Lampen im kühlen Gemach und aus purpurnen Masken sahen

schweigend sich die leidenden Menschen an. Die Nacht lang rauschte ein

Regen und erquickte die Flur. In dorniger Wildnis folgte der Dunkle den

vergilbten Pfaden im Korn, dem Lied der Lerche und der sanften Stille

des grünen Gezweigs, daß er Frieden fände. O, ihr Dörfer und moosigen

Stufen, glühender Anblick. Aber beinern schwanken die Schritte über

schlafende Schlangen am Waldsaum und das Ohr folgt immer dem rasenden

Schrei des Geiers. Steinige Öde fand er am Abend, Geleite eines Toten in

das dunkle Haus des Vaters. Purpurne Wolke umwölkte sein Haupt, daß er

schweigend über sein eigenes Blut und Bildnis herfiel, ein mondenes

Antlitz; steinern ins Leere hinsank, da in zerbrochenem Spiegel, ein

sterbender Jüngling, die Schwester erschien; die Nacht das verfluchte

Geschlecht verschlang.

GESANG DES ABGESCHIEDENEN

IN VENEDIG

Stille in nächtigem Zimmer.

Silbern flackert der Leuchter

Vor dem singenden Odem

Des Einsamen;

Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm

Verdunkelt den steinernen Raum

Und es starrt von der Qual

Des goldenen Tags das Haupt

Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.

Stern und schwärzliche Fahrt

Entschwand am Kanal.

Kind, dein kränkliches Lächeln

Folgte mir leise im Schlaf.

SOMMER

Am Abend schweigt die Klage

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand

Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

SOMMERSNEIGE

Der grüne Sommer ist so leise

Geworden, dein kristallenes Antlitz.

Am Abendweiher starben die Blumen,

Ein erschrockener Amselruf.

Vergebliche Hoffnung des Lebens. Schon rüstet

Zur Reise sich die Schwalbe im Haus

Und die Sonne versinkt am Hügel;

Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

Stille der Dörfer; es tönen rings

Die verlassenen Wälder. Herz,

Neige dich nun liebender

Über die ruhige Schläferin.

Der grüne Sommer ist so leise

Geworden und es läutet der Schritt

Des Fremdlings durch die silberne Nacht.

Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

JAHR

Dunkle Stille der Kindheit. Unter grünenden Eschen

Weidet die Sanftmut bläulichen Blickes; goldene Ruh.

Ein Dunkles entzückt der Duft der Veilchen; schwankende Ähren

Im Abend, Samen und die goldenen Schatten der Schwermut.

Balken behaut der Zimmermann; im dämmernden Grund

Mahlt die Mühle; im Hasellaub wölbt sich ein purpurner Mund,

Männliches rot über schweigende Wasser geneigt.

Leise ist der Herbst, der Geist des Waldes; goldene Wolke

Folgt dem Einsamen, der schwarze Schatten des Enkels.

Neige in steinernem Zimmer; unter alten Zypressen

Sind der Tränen nächtige Bilder zum Quell versammelt;

Goldenes Auge des Anbeginns, dunkle Geduld des Endes.

ABENDLAND

_Else Lasker-Schüler_ in Verehrung

1.

Mond, als träte ein Totes

Aus blauer Höhle,

Und es fallen der Blüten

Viele über den Felsenpfad.

Silbern weint ein Krankes

Am Abendweiher,

Auf schwarzem Kahn

Hinüberstarben Liebende.

Oder es läuten die Schritte

Elis' durch den Hain

Den hyazinthenen

Wieder verhallend unter Eichen.

O des Knaben Gestalt

Geformt aus kristallenen Tränen,

Nächtigen Schatten.

Zackige Blitze erhellen die Schläfe

Die immerkühle,

Wenn am grünenden Hügel

Frühlingsgewitter ertönt.

2.

So leise sind die grünen Wälder

Unsrer Heimat,

Die kristallne Woge

Hinsterbend an verfallner Mauer

Und wir haben im Schlaf geweint;

Wandern mit zögernden Schritten

An der dornigen Hecke hin

Singende im Abendsommer

In heiliger Ruh

Des fern verstrahlenden Weinbergs;

Schatten nun im kühlen Schoß

Der Nacht, trauernde Adler.

So leise schließt ein mondener Strahl

Die purpurnen Male der Schwermut.

3.

Ihr großen Städte

steinern aufgebaut

in der Ebene!

So sprachlos folgt

der Heimatlose

mit dunkler Stirne dem Wind,

kahlen Bäumen am Hügel.

Ihr weithin dämmernden Ströme!

Gewaltig ängstet

schaurige Abendröte

im Sturmgewölk.

Ihr sterbenden Völker!

Bleiche Woge

zerschellend am Strande der Nacht,

fallende Sterne.

GESANG EINER GEFANGENEN AMSEL

Für _Ludwig von Ficker_

Dunkler Odem im grünen Gezweig.

Blaue Blümchen umschweben das Antlitz

Des Einsamen, den goldnen Schritt

Ersterbend unter dem Ölbaum.

Aufflattert mit trunknem Flügel die Nacht.

So leise blutet Demut,

Tau, der langsam tropft vom blühenden Dorn.

Strahlender Arme Erbarmen

Umfängt ein brechendes Herz.

VORHÖLLE

An herbstlichen Mauern, es suchen Schatten dort

Am Hügel das tönende Gold

Weidende Abendwolken

In der Ruh verdorrter Platanen.

Dunklere Tränen odmet diese Zeit,

Verdammnis, da des Träumers Herz

Überfließt von purpurner Abendröte,

Der Schwermut der rauchenden Stadt;

Dem Schreitenden nachweht goldene Kühle,

Dem Fremdling, vom Friedhof,

Als folgte im Schatten ein zarter Leichnam.

Leise läutet der steinerne Bau;

Der Garten der Waisen, das dunkle Spital,

Ein rotes Schiff am Kanal.

Träumend steigen und sinken im Dunkel

Verwesende Menschen

Und aus schwärzlichen Toren

Treten Engel mit kalten Stirnen hervor;

Bläue, die Todesklagen der Mütter.

Es rollt durch ihr langes Haar,

Ein feuriges Rad, der runde Tag

Der Erde Qual ohne Ende.

In kühlen Zimmern ohne Sinn

Modert Gerät, mit knöchernen Händen

Tastet im Blau nach Märchen

Unheilige Kindheit,

Benagt die fette Ratte Tür und Truh,

Ein Herz

Erstarrt in schneeiger Stille.

Nachhallen die purpurnen Flüche

Des Hungers in faulendem Dunkel,

Die schwarzen Schwerter der Lüge,

Als schlüge zusammen ein ehernes Tor.

GESANG DES ABGESCHIEDENEN

An _Karl Borromäus Heinrich_

Voll Harmonien ist der Flug der Vögel. Es haben die grünen Wälder

Am Abend sich zu stilleren Hütten versammelt;

Die kristallenen Weiden des Rehs.

Dunkles besänftigt das Plätschern des Bachs, die feuchten Schatten

Und die Blumen des Sommers, die schön im Winde läuten.

Schon dämmert die Stirne dem sinnenden Menschen.

Und es leuchtet ein Lämpchen, das Gute, in seinem Herzen

Und der Frieden des Mahls; denn geheiligt ist Brot und Wein

Von Gottes Händen, und es schaut aus nächtigen Augen

Stille dich der Bruder an, daß er ruhe von dorniger Wanderschaft.

O das Wohnen in der beseelten Bläue der Nacht.

Liebend auch umfängt das Schweigen im Zimmer die Schatten der Alten,

Die purpurnen Martern, Klage eines großen Geschlechts,

Das fromm nun hingeht im einsamen Enkel.

Denn strahlender immer erwacht aus schwarzen Minuten des Wahnsinns

Der Duldende an versteinerter Schwelle

Und es umfängt ihn gewaltig die kühle Bläue und die leuchtende Neige des

Herbstes,

Das stille Haus und die Sagen des Waldes,

Maß und Gesetz und die mondenen Pfade der Abgeschiedenen.

DAS HERZ

Das wilde Herz ward weiß am Wald;

O dunkle Angst

Des Todes, so das Gold

In grauer Wolke starb.

Novemberabend.

Am kahlen Tor am Schlachthaus stand

Der armen Frauen Schar;

In jeden Korb

Fiel faules Fleisch und Eingeweid;

Verfluchte Kost!

Des Abends blaue Taube

Brachte nicht Versöhnung.

Dunkler Trompetenruf

Durchfuhr der Ulmen

Nasses Goldlaub,

Eine zerfetzte Fahne

Vom Blute rauchend,

Daß in wilder Schwermut

Hinlauscht ein Mann.

O! ihr ehernen Zeiten

Begraben dort im Abendrot.

Aus dunklem Hausflur trat

Die goldne Gestalt

Der Jünglingin

Umgeben von bleichen Monden,

Herbstlicher Hofstaat,

Zerknickten schwarze Tannen

Im Nachtsturm,

Die steile Festung.

O Herz

Hinüberschimmernd in schneeige Kühle.

DER SCHLAF

Verflucht ihr dunklen Gifte,

Weißer Schlaf!

Dieser höchst seltsame Garten

Dämmernder Bäume

Erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern,

Spinnen, Fledermäusen.

Fremdling! Dein verlorner Schatten

Im Abendrot,

Ein finsterer Korsar

Im salzigen Meer der Trübsal.

Aufflattern weiße Vögel am Nachtsaum

Über stürzenden Städten

Von Stahl.

DAS GEWITTER

Ihr wilden Gebirge, der Adler

Erhabene Trauer.

Goldnes Gewölk

Raucht über steinerner Öde.

Geduldige Stille odmen die Föhren,

Die schwarzen Lämmer am Abgrund,

Wo plötzlich die Bläue

Seltsam verstummt,

Das sanfte Summen der Hummeln.

O grüne Blume --

O Schweigen.

Traumhaft erschüttern des Wildbachs

Dunkle Geister das Herz,

Finsternis,

Die über die Schluchten hereinbricht!

Weiße Stimmen

Irrend durch schaurige Vorhöfe,

Zerrissne Terrassen,

Der Väter gewaltiger Groll, die Klage

Der Mütter,

Des Knaben goldener Kriegsschrei

Und Ungebornes

Seufzend aus blinden Augen.

O Schmerz, du flammendes Anschaun

Der großen Seele!

Schon zuckt im schwarzen Gewühl

Der Rosse und Wagen

Ein rosenschauriger Blitz

In die tönende Fichte.

Magnetische Kühle

Umschwebt dies stolze Haupt,

Glühende Schwermut

Eines zürnenden Gottes.

Angst, du giftige Schlange,

Schwarze, stirb im Gestein!

Da stürzen der Tränen

Wilde Ströme herab,

Sturm-Erbarmen,

Hallen in drohenden Donnern

Die schneeigen Gipfel rings.

Feuer

Läutert zerrissene Nacht.

DIE SCHWERMUT

Gewaltig bist du dunkler Mund

Im Innern, aus Herbstgewölk

Geformte Gestalt,

Goldner Abendstille;

Ein grünlich dämmernder Bergstrom

In zerbrochner Föhren

Schattenbezirk;

Ein Dorf,

Das fromm in braunen Bildern abstirbt.

Da springen die schwarzen Pferde

Auf nebliger Weide.

Ihr Soldaten!

Vom Hügel, wo sterbend die Sonne rollt,

Stürzt das lachende Blut --

Unter Eichen

Sprachlos! O grollende Schwermut

Des Heers; ein strahlender Helm

Sank klirrend von purpurner Stirne.

Herbstesnacht so kühle kommt,

Erglänzt mit Sternen

Über zerbrochenem Männergebein

Die stille Mönchin.

DIE HEIMKEHR

Die Kühle dunkler Jahre,

Schmerz und Hoffnung

Bewahrt zyklopisch Gestein,

Menschenleeres Gebirge,

Des Herbstes goldner Odem,

Abendwolke --

Reinheit!

Anschaut aus blauen Augen

Kristallne Kindheit;

Unter dunklen Fichten

Liebe, Hoffnung,

Da von feurigen Lidern

Tau ins starre Gras tropft --

Unaufhaltsam!

O! dort der goldene Steg

Zerbrechend im Schnee

Des Abgrunds!

Blaue Kühle

Odmet das nächtige Tal,

Glaube, Hoffnung!

Gegrüßt du einsamer Friedhof!

DER ABEND

Mit toten Heldengestalten

Erfüllst du Mond

Die schweigenden Wälder,

Sichelmond --

Mit der sanften Umarmung

Der Liebenden,

Den Schatten berühmter Zeiten

Die modernden Felsen rings;

So bläulich erstrahlt es

Gegen die Stadt hin,

Wo kalt und böse

Ein verwesend Geschlecht wohnt,

Der weißen Enkel

Dunkle Zukunft bereitet.

Ihr mondverschlungnen Schatten

Aufseufzend im leeren Kristall

Des Bergsees.

DIE NACHT

Dich sing ich wilde Zerklüftung,

Im Nachtsturm

Aufgetürmtes Gebirge;

Ihr grauen Türme

Überfließend von höllischen Fratzen,

Feurigem Getier,

Rauhen Farnen, Fichten,

Kristallnen Blumen.

Unendliche Qual,

Daß du Gott erjagtest

Sanfter Geist,

Aufseufzend im Wassersturz,

In wogenden Föhren.

Die Dichtungen von Georg Trakl Erste Gesamtausgabe · 第 3 / 4 段