XVIII.

Nun waren zwei Jahre vergangen, seit der Fremdling den Fuß auf den

vaterländischen Boden gesetzt und gerufen hatte: »Beugt euer Haupt, ihr

Vlaemen! Ihr Abkömmlinge des Nordens, gehorcht den Söhnen des Südens oder

sterbt.«

Aber damals wußten sie nicht, daß es in Brügge einen Mann voll Geist und

Heldenmut gab, einen Mann, der unter all seinen Zunftgenossen

hervorleuchtete, zu dem Gott wie zu Moses gesprochen hatte: »Gehe hin und

erlöse Deine Brüder aus den Banden Pharaos!«

Sobald die verheerenden Scharen der Franzosen den Boden des Vaterlands

betreten hatten und die Sonne vom aufgewirbelten Staub verfinstert wurde,

ertönte eine geheime Stimme in De Conincks Seele, eine Stimme, die da

sprach: Gib acht, jene suchen Sklaven! Bei diesem Gedanken erzitterte der

edle Bürger in schmerzvoller Entrüstung.

»Sklaven, wir Sklaven?« war sein Seufzer. »O Herr, unser Gott, laß das

nicht zu! Das Blut unserer freien Väter ist vor Deinen Altären

dahingeströmt, im sandigen Arabien sind sie mit Deinem Namen auf den Lippen

erschlagen worden; o gib es nicht zu, daß ihre Söhne von Fremdlingen in

Ketten geschlagen werden, damit die Tempel, die wir Dir errichtet haben,

nicht von Sklaven erfüllt werden.«

De Coninck hatte dieses Gebet in seiner Sprache gesprochen, aber das Herz

der Menschen liegt offen vor ihrem Schöpfer. Er fand in dem Vlaemen noch

all den Edelmut, den Geist, daraus seine Seele erschaffen war, und

erleuchtete ihn mit einem göttlichen Strahl. Jählings von geheimer Kraft

beseelt, fühlte sich der zwiefach stark und rief voll Begeisterung:

»Ja, Herr, ich habe Deine starke Hand auf meiner Stirn gefühlt; ja, ich

werde mein Vaterland schützen! Ich werde die Gräber meiner Väter, Deiner

Diener, nicht zertreten lassen! Gesegnet seist Du, o Gott, der mich berufen

hat!«

Seit diesem Augenblick hatte De Coninck nur ein Sinnen, nur einen Wunsch in

seinem Herzen bewahrt; aus dem großen Worte >Vaterland< entstanden all

seine Gefühle, all seine Handlungen; Vorteil, Verwandtschaft, Ruhe, alles

wurde geopfert, um allein der Liebe zu dem Lande des Löwen in seinem großen

Herzen Raum zu geben. Wo gab es auch je einen edleren Sterblichen als

diesen Vlaemen, der viele hundertmal sein Leben und seine Freiheit für

Flanderns Freiheit wagte! Welchem Sterblichen ward jemals höherer Geist

zuteil? Er allein vereitelte trotz aller Bastarde und Leliaerts, die

Flandern verkaufen wollten, jegliche Unternehmung des Königs von

Frankreich; er allein bewahrte sogar in Ketten ein Löwenherz und bereitete

die Befreiung langsam vor.

Die Franzosen wußten es wohl: sie kannten den, der jeden Augenblick die

Räder ihres Siegeswagens zerschellte. Sie hätten den lästigen Gegner wohl

gern aus dem Wege geräumt, aber er besaß auch die List der Schlange. Er

hatte sich in seinen Brüdern eine Brustwehr errichtet; das wußten die

Fremdlinge und wagten nicht, ihn anzugreifen; denn alsdann würde er blutig

gerächt worden sein. Während die Franzosen ganz Flandern unter das Joch der

Tyrannei gebeugt hatten, lebte De Coninck im vollen Genuß seiner Freiheit

unter seinen Mitbürgern und beherrschte sogar seine Gebieter; sie

fürchteten ihn mehr, als er sie.

Jetzt hatten siebentausend Franzosen die zweijährige Unterdrückung mit dem

Leben gebüßt; kein einziger Fremdling atmete mehr in dem befreiten Brügge;

das Volk jubelte über seine Erlösung; die Stadt hallte wider von fröhlichen

Liedern, die von den Minnesängern für dieses Fest gedichtet wurden, und die

weiße Flagge mit dem blauen Löwen flatterte aufs neue vom Wachtturm. Dies

Symbol, das in früheren Zeiten gleichermaßen auf den Mauern Jerusalems

geprangt hatte und Zeuge so glorreicher Taten gewesen war, erfüllte die

Herzen der Brügger mit Stolz; von diesem Tage an wurde eine Unterjochung

Flanderns unmöglich: die Bürger erinnerten sich, wie viel Blut ihre Väter

für die Freiheit vergossen hatten. Bisweilen stürzten Tränen aus ihren

Augen, Tränen, die das Herz erleichtern, wenn es zu feurig ist und von

edler Leidenschaft erglüht.

Vielleicht wird man annehmen, daß De Coninck das Werk nun für vollendet

gehalten, sich damit beschäftigt hätte, seine zerstörte Wohnung

wiederherzustellen. Doch nein, er dachte weder an sein Haus, noch an den

Reichtum, der ihm geraubt war; das Wohlergehen und die Ruhe seiner Brüder

war seine erste Sorge. Er wußte wohl, daß von Freiheit zur Unordnung nur

ein Schritt ist; drum erwählte er noch am gleichen Tage von jeder Zunft

einen Altmeister und legte mit Zustimmung des Volkes die Regierung in ihre

Hände. Er wurde nicht zum Vorsitzenden dieses Rates ernannt, keine

Geschäfte wurden ihm übertragen, aber er übernahm sie alle. Niemand durfte

etwas ohne sein Wissen tun, sein Rat war Befehl in allen Dingen, und ohne

jemals etwas zu gebieten, war sein Gedanke doch die einzige Richtschnur für

das Gemeinwohl, -- so groß ist die Herrschaft des Geistes.

Das französische Heer war zwar vernichtet, aber man konnte sicher sein, daß

Philipp der Schöne neue, noch zahlreichere Truppen nach Flandern schicken

würde, um die ihm widerfahrene Schmach zu rächen. Die meisten dachten wenig

an diese furchtbare Gewißheit, es genügte ihnen, jetzt frei und froh zu

sein; aber De Coninck teilte nicht die allgemeine Freude. Er hatte die

Gegenwart bereits vergessen. Denn er sorgte schon dafür, künftigem Unheil

vorzubeugen. -- Es war ihm nicht unbekannt, daß mit der Gefahr auch die

Begeisterung und der Mut des Volkes dahingeht, und deshalb wandte er alle

Mühe auf, um in der Stadt die Erinnerung an den Krieg dauernd lebendig zu

erhalten. Jedem Gesellen wurde ein Goedendag oder eine andere Waffe

gegeben, eine neue Einteilung der Zünfte vorgenommen und der Befehl

erteilt, sich jederzeit zum Kampf bereitzuhalten. Die Maurerzunft begann,

die Festungswerke wiederherzustellen, und in den Werkstätten der Schmiede

war es verboten, anderes als Waffen für die Gemeinde herzustellen. Die

Zölle wurden neu eingerichtet und die städtischen Abgaben wieder erhoben.

Durch diese weisen Maßnahmen lenkte De Coninck alle Gedanken, alle

Bestrebungen auf ein Ziel und bewahrte auf diese Weise seine Vaterstadt vor

dem mannigfachen Unheil, das eine große Umwälzung, so edel sie auch sei,

allzeit nach sich zieht. Man hätte glauben sollen, die neue Regierung

Brügges hätte schon längst bestanden.

Unmittelbar nach der Befreiung, während das Volk noch in allen Straßen den

Wein der Freude trank, hatte De Coninck einen Boten in das Lager zu Damm

gesandt, um die übrigen Zunftleute gleichwie die Frauen und Kinder in die

Stadt zu rufen. Mit ihnen war auch Machteld gekommen, und man hatte ihr

eine prachtvolle Wohnung im Prinzenhof angeboten. Sie hatte jedoch das Haus

van Nieuwland erwählt, den Ort, da sie so manche trübe Stunde verlebt

hatte, den Ort, daran alle ihre Tränen geknüpft waren. Hier fand sie an

Adolfs guter Schwester eine zärtliche Freundin wieder, in deren Herz sie

die Liebe und die Bangigkeit ihres beklemmten Herzens gießen konnte.

Zum vierten Male erhob sich die Sonne mit strahlender Glut über dem freien

Brügge. Machteld saß allein in dem Gemach, das sie früher in dem Haus

Adolfs van Nieuwland bewohnt hatte. Der treue Vogel, ihr geliebter Falke,

war nicht mehr bei ihr, er war tot. In den ernsten Zügen der Jungfrau

zeigten sich die bleichen, untrüglichen Kennzeichen ihrer Krankheit. Ihre

Augen waren trübe, ihre Wangen eingefallen; alles verriet, daß bitteres Weh

an ihrem Herzen nagte.

Just eben trat ihre Freundin Maria in das Gemach. Das Lächeln, welches

jetzt über die Züge der Jungfrau glitt, war dem ähnlich, das sich zuweilen,

selbst nach einem schmerzlichen Tode, auf dem Antlitz mancher Gestorbenen

hält; es drückte, mehr als die heftigste Klage, ihren Schmerz und Kummer

aus. Sie sah die Schwester Adolfs mit einem Blick an, der zu ihr sagte: O,

gib mir Trost und Linderung! Maria nahte dem bekümmerten Mägdelein und

drückte ihm voll zärtlichen Mitleids die Hand. Sie verlieh ihrer Stimme den

sanften Laut, der so wohltuend auf das Herz der Unglücklichen wirkt, und

sprach:

»Ihr vergießt im stillen Tränen, teure Machteld, Euer Herz vergeht vor Leid

und Kummer, und nichts, nichts erleichtert Euer bitteres Los! O, wie seid

Ihr doch unglücklich!«

»Unglücklich, sagt Ihr, liebste Freundin? O ja, es ist etwas in meinem

Innern, das mir das Herz zusammenpreßt und quält. Wißt Ihr, welch

schreckliche Bilder mir stets vor Augen schweben? Begreift Ihr, warum ich

immerdar weinen muß? Ich habe meinen Vater durch Gift sterben sehen, habe

die Stimme eines Sterbenden vernommen, eine Stimme, die da sagte: Leb'

wohl, mein Kind, das ich so zärtlich liebte.«

»Ich bitte Euch, teure Machteld,« fiel Maria ihr ins Wort, »verbannt diese

gräßlichen Gedanken. Ihr macht mich beben! Euer Vater lebt; Ihr versündigt

Euch schwer durch diese Verzweiflung! Vergebt mir diese harten Worte.«

Machteld ergriff die Hand Marias und drückte sie sanft, als wollte sie

ihrer Freundin zu verstehen geben, daß ihre Worte dennoch für sie tröstlich

gewesen wären. Trotzdem hing sie weiter ihren traurigen Betrachtungen nach,

als wenn es ihr Freude machte. Die Klagen vergrämter Herzen sind auch

Tränen, die den Schmerz erleichtern. Sie fuhr fort:

»Ich habe noch mehr gesehen, Maria: ich sah den Scharfrichter, von der

grausamen Johanna von Navarra entsandt, sein Beil über dem Haupt Eures

Bruders erheben!«

»O Gott,« rief Maria, »welch furchtbarer Gedanke!«

Sie bebte, und Tränen erzitterten in ihren Augen.

»Und auch seine Stimme habe ich vernommen, eine Stimme, die sagte: Lebe

wohl! Lebe wohl!«

Von diesem schrecklichen Worte betroffen, warf sich Maria in Machtelds

Arme; ihre Tränen flossen auf die klopfende Brust ihrer unglücklichen

Freundin, und man hörte sie nur noch still schluchzen. Nachdem sie einander

solcherart einige Zeit stumm und voll bitteren Schmerzes umschlungen

gehalten hatten, fragte Machteld:

»Versteht Ihr nun meinen Schmerz? Begreift Ihr nun, weshalb ich langsam

hinsieche?«

»O ja,« antwortete Maria verzweifelt, »ja, ich verstehe, ich fühle Eure

Leiden. O mein armer Bruder! Aber warum, teuerste Machteld, sollten wir uns

so sehr durch trügerische Gedankengebilde peinigen lassen? Nichts kann

diesem schmerzlichen Vorgefühl, das uns quält, auch nur einige Gewißheit

geben; ich bin überzeugt, daß unserem Herrn Robrecht, Eurem Vater, nichts

Schlimmes widerfahren, daß mein Bruder bereits auf dem Wege ist, ins

Vaterland zurückzukehren.«

»Und Ihr habt geweint, Maria? Weint man, wenn einem die Rückkehr des

Bruders entgegenlacht?«

»Ihr quält Euch selbst, liebe Jungfrau! O, der Schmerz muß tiefe Wunden in

Eurem Herzen geschlagen haben, daß Ihr diesen schwarzen Bildern so

hartnäckig nachhängt. Glaubt mir, Euer Vater lebt, und vielleicht steht

seine Befreiung nahe bevor. Denkt nur, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr

erst seine Stimme hört, die zu Euch sagen wird: Meine Ketten sind

zerbrochen! Wenn er einen zärtlichen Kuß auf Eure Stirn drücken und seine

liebevolle Umarmung Eure Wangen wieder röten wird. Ihr werdet wieder in dem

herrlichen Schloß Wijnendael wohnen: Herr van Bethune wird den Thron seiner

Väter besteigen, und dann sollt Ihr durch Eure Liebe eine Stütze seines

Alters werden! Dann werdet Ihr nicht mehr Eurer gegenwärtigen Schmerzen

gedenken, es sei denn, um Euch an dem zu erfreuen, was Ihr aus Liebe zu

Eurem durchlauchtigen Vater gelitten habt. Sagt mir nun, meine teuerste

Machteld, wollt Ihr denn jeglichen Hoffnungsstrahl von Eurer Seele

abwehren, können diese frohen Aussichten Euch keinen Trost verleihen?«

Während dieser Worte war eine merkliche Veränderung in Machteld vor sich

gegangen. Sanfte Freude hatte ihr Auge geheitert, und ein liebliches

Lächeln schwebte um ihre Lippen.

»O Maria,« schluchzte sie, während sie ihren rechten Arm um den Hals ihrer

tröstenden Freundin schlang, »wüßtet Ihr, welche Erquickung ich empfinde,

welch unerwartetes Glück Ihr wie einen Balsam über mich ausgegossen habt!

So möge der Engel des Herrn Euch in Eurer letzten Stunde trösten. Welch

süße Worte gab Euch die Freundschaft ein, meine Schwester!«

»Eure Schwester,« wiederholte Maria, »dieser Name kommt Eurer Dienerin

nicht zu, durchlauchtige Jungfrau. Ich bin hinlänglich belohnt, wenn ich

diesen tiefen Gram von Euch gescheucht habe.«

»Nehmt diesen Namen an, meine liebe Maria. Ich liebe Euch so zärtlich. Und

ward Euer edler Bruder nicht mit mir erzogen? Ward er mir nicht von meinem

Vater zum Bruder gegeben? Ja, wir sind von der gleichen Familie. O, ich

bete ganze Nächte, daß die heiligen Engel Adolf auf seiner gefährlichen

Reise bewahren mögen! Er kann mich noch trösten, noch erheitern! Aber

horch! sollte mein Gebet erhört sein? Ja, ja, da ist er, mein lieber

Bruder!«

Sie reckte den Arm und wies regungslos mit dem Finger nach der Straße. Sie

stand da gleich einer Statue und schien einem fernen Geräusch zu lauschen.

Maria erschrak; sie glaubte, Machtelds Sinne hätten sich verwirrt. Gerade

als sie sprechen wollte, hörte sie den Hufschlag eines Rosses in der Straße

widerhallen und begriff jetzt den Sinn von Machtelds Worten. Dieselbe

Hoffnung durchdrang auch sie, und sie fühlte die ungestümen Schläge ihres

Herzens sich verdoppeln. Einige Augenblicke hatten sie miteinander

solcherart sprachlos dagestanden, dann verstummte plötzlich das Geräusch,

das sie gehört hatten, und schon glaubten beide, sie hätten sich in ihrer

frohen Hoffnung getäuscht, als die Tür des Gemachs ungestüm aufgerissen

wurde.

»Da ist er! Da ist er!« rief Machteld. »Gott sei Dank, meine Augen sehen

ihn wieder!«

Sie lief dem Ritter hastig entgegen, und auch Adolf eilte herbei; doch er

fuhr plötzlich bebend zurück. Statt der lieblichen Jungfrau, der er zu

begegnen glaubte, sah er eine abgehärmte Gestalt vor sich mit eingefallenen

Wangen und tiefliegenden Augen. Während er bedachte, ob dieser Schatten

Machteld sei oder nicht, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Körper;

alles Blut drang ihm von den Wangen zum Herzen, und sein Gesicht war

bleicher denn das weiße Gewand seiner Freundin. Seine Arme sanken nieder,

und die Augen starrten auf die abgezehrten Wangen Machtelds. So stand er

bewegungslos, als ob ihn der Blitz getroffen hätte. Plötzlich senkte er die

Augen zu Boden, und eine Flut bitterster Tränen strömte über seine Wangen.

Er sprach kein einziges Wort, selbst keine Klage, kein Seufzer kam über

seine Lippen. Vielleicht hätte er noch lange in stiller Verzweiflung

geweint, denn sein Herz war zu sehr von Trauer ergriffen, um es durch Worte

entlasten zu können; aber seine Schwester Maria, die sich aus Achtung vor

Machteld bis dahin zurückgehalten hatte, flog ihm um den Hals und weckte

ihn durch Küsse, mit denen sie unter zärtlichen Worten die Wange ihres

geliebten Bruders bedeckte. Die Jungfrau betrachtete die Äußerung

schwesterlicher Liebe mit inniger Rührung, sie zitterte und wurde von

tiefster Niedergeschlagenheit ergriffen. Adolfs Erbleichen und der Schreck,

den er so deutlich verriet, hatten ihr gekündet: Du bist entstellt, deine

abgezehrten Wangen beängstigen, deine erloschenen Augen flößen Furcht und

Schrecken ein; sogar der Mann, den du deinen Bruder nennst, erbebte bei

deinem Anblick. Von düsterer Verzweiflung durchschüttert, fühlte sie die

bebenden Knie versagen. Mühsam schleppte sie sich bis zu einem Lehnstuhl

und ließ sich kraftlos und matt in ihn hineinsinken. Sie barg das Gesicht

in den Händen und blieb in dieser Stellung sitzen. Nach einigen

Augenblicken hörte sie in dem Gemach keinen Laut mehr, größte Stille

herrschte um sie her, und sie vermeinte, daß man sie grausam verlassen

habe.

Aber bald fühlte sie eine Hand die ihre drücken; sie hörte sich mit

zärtlich-flehentlicher Liebe anrufen: »Machteld! Machteld! O meine

unglückliche Schwester!«

Dann öffnete sie die Augen und sah Adolf weinend vor sich stehen. Tränen

rollten über seine Wangen, und aus seinen Blicken sprach heiße Zuneigung,

tiefes Mitleid.

»Ich bin verändert, nicht wahr, Adolf,« seufzte sie. »Ihr fürchtet Euch vor

mir; Ihr werdet mich nicht mehr so gern wie früher haben.«

Der Ritter verfärbte sich bei diesen Worten und betrachtete das Mädchen mit

seltsamem Blick. Er faßte sich jedoch schnell und sprach:

»Machteld, habt Ihr an meiner Zuneigung zweifeln können? O, das ist nicht

recht von Euch! Wirklich, Ihr seid allerdings verändert! Welche Krankheit,

welcher Kummer hat Euch so gequält, meine arme Schwester, daß alle Farbe

aus Euren Wangen gewichen ist? Ich habe geweint und war erschreckt. Ja,

aber es war aus Mitleid, aus Teilnahme an Eurem Schicksal. Immer, immer

will ich Euer Freund und Bruder sein, Machteld. Ich will Euch trösten durch

eine frohe Nachricht, durch gute Neuigkeiten Euch heilen!«

Die Jungfrau war allmählich heiterer geworden. Die Stimme Adolfs übte einen

wunderbaren Einfluß auf sie aus, und froh und lebhaft antwortete sie: »Eine

gute Nachricht, sagt Ihr, Adolf? Gute Nachricht von meinem Vater? O,

sprecht, sprecht, mein Freund!«

Dabei zog sie zwei Stühle zu ihrem Sessel und bot sie Maria und ihrem

Bruder an. Adolf reichte Machteld die eine Hand, die andere seiner teuren

Schwester. So saß er inmitten der beiden nun weniger bekümmerten Mägdelein

wie ein tröstender Engel, auf dessen Worte man lauscht wie auf ein frommes

Lied.

»Freut Euch, Machteld, dankt Gott für seine Güte. Euer Vater ist zwar

betrübt, doch ganz gesund nach Bourges zurückgekehrt; niemand denn der alte

Kastellan und Dietrich der Fuchs wissen um seine kurze Abwesenheit. Er

genießt noch Freiheit in seinem Gefängnis; die Feinde, die ihn bewachen

müssen, sind seine besten Freunde geworden.«

»Aber wenn die böse Johanna Frankreichs Schmach an ihm rächen wollte, wer

würde ihn dann vor ihren Henkersknechten schützen? Ihr seid nicht mehr bei

ihm, edler Freund.«

»Seht, Machteld, die Wachen, denen die Feste zu Bourges anvertraut ist,

sind alle alte Krieger, die ob schwerer Wunden zu weiten Kriegsfahrten

nicht mehr tauglich sind. Die meisten unter ihnen haben die Heldentaten des

Löwen von Flandern zu Benevent mit erlebt. Ihr könnt Euch nicht vorstellen,

welche Liebe, welche Bewunderung ein echter Krieger vor dem Manne fühlt,

dessen Name die Feinde Frankreichs so oft erzittern machte. Wenn Herr van

Bethune ohne Erlaubnis des Kastellans, ihres Befehlshabers, entfliehen

wollte, würden sie ihn ohne Zweifel zurückhalten; aber ich versichere

Euch, -- denn ich kenne den Edelmut dieser Krieger, die unter dem Harnisch

ergraut sind, -- daß sie alle ihr Blut für ihn dahingeben würden, wenn man

auf dem von ihnen so verehrten Haupte nur ein Härlein krümmen wollte.

Fürchtet nichts, das Leben Eures Vaters ist in Sicherheit, und wäre ihm

Euer neues Unglück nicht so nahe gegangen, er würde seine Haft geduldig

ertragen.«

»O, wie gut sind Eure Nachrichten, mein Freund, wie hold erklingen Eure

Worte meinem erleichterten Herzen! Ich fühle mich bei Eurem Lächeln wieder

aufleben; fahrt fort, damit ich Eurer Stimme noch weiter lauschen kann.«

»Noch süßere Hoffnungen gab mir der Löwe für Euch mit auf den Weg,

Machteld. Vielleicht steht die Befreiung Eures Vaters nahe bevor;

vielleicht werdet Ihr in kurzem mit ihm und all Euren Blutsverwandten

wieder in dem schönen Wijnendaal sein.«

»Was sagt Ihr, Freund? Eure Liebe gibt Euch diese Worte ein, umschmeichelt

mich doch nicht mit einem unmöglichen Glück.«

»Seid doch nicht so ungläubig, Machteld. Hört, worauf diese frohe Hoffnung

gegründet ist: Ihr wißt, daß sich Karl von Valois, der edelste Franzose,

der wackerste Ritter, nach Italien zurückgezogen hat. Auch am römischen

Hofe hat er nicht vergessen, daß er die schuldlose Ursache für die

Gefangennahme Eurer Verwandten war. Der Gedanke peinigt ihn, wie ein

Verräter seinen Freund und Waffengefährten, den Löwen von Flandern, den

Händen seiner Feinde selbst überliefert zu haben. So bemüht er sich denn,

auf jede nur mögliche Weise seine Befreiung zu bewirken. Schon sind die

Gesandten des Papstes Bonifacius vor König Philipp dem Schönen erschienen

und haben von ihm dringend die Freilassung Eures Vaters und all Eurer

Verwandten gefordert. Der Heilige Vater spart keine Mühe, um Flandern seine

gesetzmäßigen Fürsten zurückzugeben. Der französische Hof ist zum Frieden

geneigt. Wir wollen uns an diese tröstende Hoffnung klammern, treue

Freundin.«

»Gewiß, Adolf, wir wollen so trostvolle Gedanken nähren! Aber wir

schmeicheln uns nur mit trügender Hoffnung. Wird der König von Frankreich

den Untergang seiner Söldner nicht rächen? Wird Châtillon, unser

erbitterter Feind, seine grausame Nichte Johanna nicht aufstacheln? Bedenkt

doch, Adolf, was für Folterqualen diese blutdürstige Frau ersinnen kann, um

sich an uns für die Tapferkeit der Vlaemen zu rächen.«

»Quält Euch doch nicht selbst, meine liebe Machteld. Eure Furcht ist ja

unbegründet. Vielleicht wird auch Philipp der Schöne durch die schreckliche

Vernichtung seiner Söldner inne werden, daß die Vlaemen sich niemals der

Franzosenherrschaft fügen. Sein eigner Vorteil wird ihn zwingen, unsere

Landesherren in Freiheit zu setzen, sonst verliert er das schönste Lehen

seiner Krone. Ihr seht, edle Jungfrau, daß alles sich günstig gestaltet.«

»Ja, ja, Adolf, in Eurer Gegenwart weicht all mein Kummer. Ihr sprecht so

tröstlich, daß mein Herz gar freudig davon erklingt.«

Solcherart sprachen sie noch lange über ihre Befürchtungen und Hoffnungen,

und als Adolf Machteld alles dargelegt und ihr Herz mit Trost gelabt hatte,

richtete er in brüderlicher Liebe auch das Wort an seine Schwester. So

entspann sich ein ruhiges Geplauder, das sie recht froh und heiter stimmte.

Machteld vergaß alles erlittene Weh; sie atmete freier, kräftiger, und ihre

Wangen färbten sich mit einer leichten Röte.

Plötzlich ließ sich brausender Lärm in den Straßen vernehmen. Tausende von

Stimmen erklangen, und laute Freudenrufe der Menge schollen durcheinander.

Nur in den Pausen ließen sich einzelne Rufe verstehen. »Vlaenderen den

Leeuw! Heil, Heil unserem Grafen!« schrie das begeisterte Volk mit frohem

Händeklatschen. Adolf war mit den Frauen zum Fenster getreten. Sie sahen

die wogende Menge, Kopf an Kopf, nach dem Markt eilen. Auch Frauen und

Kinder befanden sich in dem Menschenstrom. In einer anderen Straße

vernahmen sie den Hufschlag zahlreicher Rosse. Aus allem konnten sie

schließen, daß ein Reiterheer in Brügge seinen Einzug hielt. Während sie

die mögliche Ursache dieser Volksbewegung besprachen, teilte ein Diener

mit, daß ein Bote um die Erlaubnis bäte, vor ihnen erscheinen zu dürfen.

Sobald sie erteilt war, trat der Bote in das Zimmer. Es war ein junger

Edelknabe, ein liebliches Kind, dessen Züge Unschuld und Treue kündeten.

Seine Kleidung war aus schwarzer und blauer Seide und gar zierlich

geschmückt. Er nahte bis auf wenig Schritt den Frauen, entblößte

ehrerbietig das Haupt und verbeugte sich tief, ohne aber zu sprechen.

»Welch gute Nachricht bringst Du uns, mein lieber Knabe?« fragte Machteld

freundlich.

Jetzt hob der Edelknabe das Haupt und antwortete mit zarter Kinderstimme:

»An die durchlauchtigste Tochter des Löwen, unseres Grafen! Ich bringe eine

Botschaft von meinem Herrn und Meister Gwijde, der in diesem Augenblick mit

fünfhundert Reitern in die Stadt eingerückt ist. Er läßt seine schöne

Nichte Machteld van Bethune grüßen und wird ihr in nur wenigen Stunden

seine innige Zuneigung selbst bezeigen. Dies meine Botschaft, die Euch

hiermit kund getan sei, edle Jungfrau.«

Dann trat er gesenkten Hauptes zur Tür zurück und entfernte sich. Gemäß dem

Versprechen, das der junge Gwijde von Flandern im Gehölz bei den Ruinen von

Nieuwenhove De Coninck gegeben hatte, war er mit der vereinbarten Hilfe von

Namur eingetroffen. Unterwegs hatte er das Schloß Wijnendaal erstürmt und

die französische Besatzung niedergemacht. Ebenso hatte er die Burg

Sijsseele bis auf den Grund zerstört, weil ihr Kastellan ein geschworener

Leliaert war und den Franzosen in seinen Mauern Zuflucht gewährt hatte. Der

siegreiche Einzug Gwijdes riß die Bürger zu höchster Freude hin. In allen

Straßen jauchzte und jubelte die Menge:

»Heil unserem Grafen! Vlaenderen den Leeuw!«

Sobald der junge Feldherr mit seinen Reitern auf dem Freitagsmarkt

anlangte, überreichten ihm die Altmeister die Schlüssel, und so wurde ihm,

als zeitlichem Grafen von Flandern, bis zur Befreiung Robrechts van

Bethune, seines Bruders, gehuldigt. Nun schien den Brüggern ihre Freiheit

vollkommen; denn jetzt hatten sie einen Fürsten, der sie in den Krieg

führen konnte. Die Reiter wurden bei den vornehmsten Bürgern

untergebracht. Ja, der Eifer und die Dienstfertigkeit war so groß, daß man

sich förmlich schlug, um den Zaum eines Pferdes zu erhaschen; jeder wollte

einen der Leute des Grafen bei sich haben. Man kann sich vorstellen, wie

gastfrei und freundlich diese Hilfstruppen empfangen wurden.

Als Gwijde die durch De Coninck eingerichtete Regierung bestätigt hatte,

ging er unverzüglich zu dem Nieuwlandschen Hause, umarmte seine kranke

Nichte immer und immer wieder und erzählte ihr, wie er die Franzosen aus

dem geliebten Wijnendaal vertrieben habe. Ein köstliches Mahl harrte ihrer,

das Maria anläßlich der glücklichen Rückkunft ihres Bruders hatte bereiten

lassen. Sie tranken den Freudentrunk auf die Befreiung der gefangenen

Vlaemen und weihten auch dem schmerzlichen Andenken der vergifteten

Philippa eine Träne.

Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien · 第 23 / 31 题