Hinter dem Dorfe Saint-Kruis, einige Pfeilschüsse von Brügge, lag ein
kleines Gehölz, der Elsterbusch, unter dessen schattigen Bäumen die
Einwohner der volkreichen Stadt sich gewöhnlich des Sonntags ergingen. Die
Bäume standen nicht sehr dicht, und weicher Rasen deckte die Erde wie mit
einem grünen Teppich. Um zwei Uhr nachts war Breydel bereits auf der
festgesetzten Stelle. Es war undurchdringlich finster; der Mond hatte sich
hinter schweren Wolken verborgen. Leise säuselnd hauchte der Wind wie ein
Seufzer durch das Laub, und das eintönige Rauschen der Blätter mehrte noch
die Schrecken dieser furchtbaren Nacht. Auf den ersten Blick konnte man im
Elsterbusch nichts wahrnehmen; nur bei genauerem Zusehen hätte man die
vielen Menschen wie dunkle Schatten auf dem Boden ausgestreckt bemerkt. Bei
jeder Gestalt blinkte ein flimmernder Stern, als wäre der Rasen in ein
Himmelsgewölbe verwandelt. Es war, als hätte man mit vollen Händen tausende
leuchtender Punkte darüber hingestreut. Diese Sterne waren Beile, auf deren
glattem Stahl sich das wenige Licht der Nacht spiegelte. Mehr als
zweitausend Fleischer lagen reihenweise, alle in der gleichen Haltung auf
der Erde; ihre Herzen pochten, ihr Blut strömte rasch, denn die
langersehnte Stunde, die Stunde der Rache und der Erlösung war nahe. Größte
Stille herrschte unter den Leuten, und etwas Geheimes, Schaudererregendes
hing wie ein Zauberschleier über dem schweigenden Heer.
Breydel lag tiefer in dem Busch; einer seiner Genossen, den er ob seiner
Unverzagtheit ganz besonders liebte, hatte sich neben ihn auf den Boden
hingestreckt. Mit unterdrückter Stimme plauderten sie:
»Die Franzosen sind auf dies seltsame Erwachen nicht gefaßt,« sagte
Breydel, »sie schlafen gut, denn sie haben ein verstocktes Gewissen, diese
Bösewichte. Ich bin auf ihre Gesichter neugierig, wenn sie zugleich meine
Waffe und den Tod vor sich sehen.«
»O, mein Beil schneidet wie Gift; ich habe es geschliffen, bis ich mir die
Haare vom Arm damit scheren konnte, und ich hoffe, daß es diese Nacht
stumpf wird. Sonst schleife ich es nie wieder!«
»Es ging ja auch zu weit, Martin. Die Franzosen behandeln uns wie eine
Herde dummer Ochsen und denken, wir sollen vor ihrer Tyrannei weichen;
aber, weiß Gott, sie kennen uns nicht und täuschen sich, wenn sie uns nach
den verfluchten Leliaerts beurteilen.«
»Ja, diese Bastarde rufen: Heil Frankreich! Sie schmeicheln den Fremden,
aber auch sie sollen etwas erleben! Als ich mein Beil so sorglich schliff,
habe ich auch an sie gedacht.«
»Nein, Martin, das Blut Eurer Landsleute dürft Ihr nicht vergießen. De
Coninck hat es verboten.«
»Und Jan van Gistel, dieser feige Verräter: soll er etwa am Leben bleiben?«
»Jan van Gistel soll sterben! Er muß für den Tod von De Conincks altem
Freunde Rechenschaft abgeben. Aber er soll auch der einzige sein.«
»So sollen die anderen Abtrünnigen unbestraft bleiben? Seht, Meister, solch
Gedanke tut mir weh, das kann ich nicht übers Herz bringen.«
»Ihre Strafe wird groß genug sein -- Schmach und Verachtung wird ihnen
zuteil; wir werden sie höhnen und schmähen. Sagt doch, Martin, macht Euch
nicht der Gedanke beben, daß Euch jeder ins Gesicht speien, Euch sagen
dürfte: Ihr seid ein Abtrünniger, ein Feigling, ein Landesverräter? Das
soll ihnen widerfahren.«
»Wirklich, Meister, bei Euren Worten geht mir ein kalter Schauer über den
Leib! Welch furchtbare Strafe, tausendmal härter fürwahr als der Tod.
Welche Hölle für sie, wenn sie ein vlaemisches Herz besäßen!«
Sie schwiegen einige Augenblicke, da sie von ferne etwas wie
Menschenschritte hörten, doch das Geräusch entschwand bald; alsdann fuhr
Breydel fort:
»Die schändlichen Franzosen haben meine alte Mutter ermordet. Ich habe mich
davon überzeugt: ein feindlicher Degen hat das Herz durchbohrt, das mich so
innig liebte. Sie empfanden kein Mitleid mit ihr, weil sie einen
unbeugsamen Vlaemen geboren hatte; aber nun werde auch ich kein Mitleid mit
ihnen haben und zugleich mein Blut und das Vaterland rächen.«
»Geben wir auch Gnade, Meister? Machen wir auch Gefangene?«
»Unglück über mich, wenn ich jemand gefangen nehme oder ihm das Leben
schenke! Geben sie etwa Gnade? Nein, sie schöpfen Mut aus dem Morden,
zerstampfen die Leichen unserer Brüder unter den Hufen ihrer Rosse. Und
glaubt Ihr, Martin: nun, da der blutige Schatten meiner lieben Mutter mir
stets vor Augen schwebt, könnte ich einen Franzosen sehen, ohne in Raserei
zu kommen? O, mit den Händen würde ich sie zerfetzen, mit den Zähnen
zerfleischen, wenn mein Beil durch die vielen Schlachtopfer stumpf würde.
Aber das kann nicht sein, meine Waffe war mir schon seit langem ein treuer
Begleiter.«
»Hört, Meister, das Geräusch auf dem Wege von Damm nimmt zu! Wartet ein
wenig!«
Er legte sich mit dem Ohr zur Erde nieder, richtete sich dann auf und
sprach:
»Meister, die Weber sind nicht mehr weit, nur mehr vier Bogenschüsse.«
»So kommt denn, stehen wir auf! Geht still die Rotten entlang und heißt sie
liegen bleiben. Ich gehe De Coninck entgegen, damit er weiß, nach welcher
Seite er seine Leute aufstellen kann.«
Einige Augenblicke später kamen viertausend Weber von verschiedenen Seiten
in das Gehölz und legten sich, wie ihnen befohlen war, schweigend auf den
Boden nieder. Die Stille wurde durch ihre Ankunft kaum gestört, und bald
war kein Laut mehr zu vernehmen. Nur einige Leute konnte man von einer
Schar zur anderen gehen sehen; sie überbrachten den Anführern den Befehl,
sich zur Ostseite des Busches zu begeben. Als sie dort zahlreich
versammelt waren, scharten sie sich um De Coninck, um seine Befehle in
Empfang zu nehmen. Der hub an:
»Brüder, heute muß die Sonne unsere Freiheit oder unseren Tod bestrahlen;
kämpft zaglos, wie es euch die Liebe zum Vaterland lehrt; bedenket wohl,
daß ihr für die Stadt, da die Gebeine eurer Väter ruhen, für die Stadt, da
eure Wiege stand, streiten müßt. Gebt niemand Gnade; tötet alle Franzosen,
die euch in die Hände fallen, laßt auch nicht einen Strunk dieses fremden
Unkrautes übrig. Wir oder sie müssen sterben! Ist jemand unter euch, der
noch Mitleid für die Leute empfindet, die unsere Brüder erbarmungslos
erhängt oder erschlagen haben, für diese Verräter, die unseren Grafen
gefangengenommen, sein Kind vergiftet haben?«
Ein Gemurmel glitt unter dem Laubdach der Bäume dahin, so düster und
rachegierig, daß dieser Ton allein schon das Herz mit Bangen erfüllen
konnte.
»Sie sollen des Todes sterben!« gaben die Anführer zur Antwort.
»Wohlan,« fuhr De Coninck fort, »noch heute werden wir frei sein; aber wir
werden noch größeren Mutes bedürfen, um unsere Freiheit zu bewahren; denn
ohne Zweifel wird der französische König mit einem neuen Heere nach
Flandern kommen.«
»Um so besser,« fiel ihm Breydel ins Wort, »dann werden noch mehr Kinder um
ihre Väter weinen müssen, wie ich meine arme Mutter beweine. Gott habe sie
selig!«
Breydel hatte De Coninck unterbrochen. Der fürchtete, die Zeit, um ihnen
die nötigen Anweisungen zu geben, könnte zu kurz werden, und fuhr fort:
»Hört zu, was ihr zu tun habt: sobald die Glocke von Saint-Kruis drei
schlägt, laßt eure Leute aufstehen, sich gliedern und auf die Stadt
zurücken. Ich werde mich mit einigen Gesellen an die Stadtmauern begeben;
und wird gleich danach das Tor durch die Klauwaerts geöffnet, die ich in
der Stadt gelassen habe, so ziehet schweigend in die Stadt ein und nehmt
folgende Richtung: Meister Breydel mit den Fleischern wird das Speitor
besetzen und sich dann mit seinen Leuten in alle Straßen nächst der
Snaggaartsbrücke verteilen. Meister Lindens, Ihr nehmt das Kathelinentor
und schickt Eure Leute in alle Straßen bei der Frauenkirche. Die Zunft der
Gerber und Schuster soll das Genter Tor bis an den Stein und die Burg
besetzen; die anderen Zünfte unter dem Obmann der Maurer sollen das Dammtor
nehmen und sich im Umkreis der Saint-Donatuskirche ausbreiten; ich mit
meinen zweitausend Leuten werde mich zum Boverietor begeben, und meine
Gesellen werden das ganze Viertel von dort bis ans Eselstor und den großen
Markt einkreisen. Habt ihr solcherart die Wachen der Tore überfallen, so
bleibt möglichst still in den Straßen stehen; denn wir wollen die Franzosen
erst wecken, wenn alles bereit ist. Merket wohl! Sobald ihr den
vaterländischen Ruf hört: Flandern der Löwe! ruft ihn alle mit; der soll
als Zeichen dienen, und ihr könnt euch dadurch in der Finsternis
wiedererkennen. Stürmt dann die Türen der Häuser ein, wo die Franzosen
untergebracht sind, und macht alles nieder.«
»Meister,« meinte einer der Anführer, »wir werden doch aber die Franzosen
nicht von unseren Mitbürgern unterscheiden können, denn meist werden wir
sie zu Bett und entkleidet antreffen.«
»Da gibt es ein leichtes Mittel, jeden Mißgriff zu vermeiden. Hört, was ihr
zu tun habt. Könnt ihr auf den ersten Blick nicht sehen, ob ihr auf einen
Franzosen oder Vlaemen trefft, dann heißt ihm: Schild en vriend! zu sagen.
Wer diese Worte nicht aussprechen kann, hat eine französische Zunge, und
den macht nieder.«
Eben schlug es drei Uhr auf dem Turme zu Saint-Kruis.
»Noch etwas!« sagte De Coninck hastig. »Ich habe das Haus des Herrn von
Montenay unter meinen Schutz gestellt; es darf also von euch weder zerstört
noch angegriffen werden; niemand soll einen Fuß über die Schwelle dieses
edelen Feindes setzen. Nun rasch zu euren Leuten! Teilt ihnen meine Befehle
mit und tut, wie befohlen. Macht rasch! Und bitte, kein Geräusch!«
Die Anführer begaben sich zu ihren Abteilungen und führten sie nacheinander
zum Wegesrand. De Coninck stellte eine große Schar Weber längst des Weges
bis auf Bogenschußweite von der Stadt auf. Er allein schlich dem Wall noch
näher und suchte die Finsternis zu durchdringen. Das brennende Ende einer
Lunte, das er in seiner Hand verborgen hielt, schimmerte rotglühend durch
seine Finger. Er sah einen Kopf sich über die Stadtmauer erheben: es war
der Weber, den er am Abend zuvor besucht hatte. Nun nahm er flink ein
Bündel Flachs, das er unter dem Wams verborgen hatte, legte es auf den
Boden und blies die Lunte stark an. Alsbald lohte eine lichte Flamme vom
Felde auf, und das Haupt des Webers verschwand hinter der Stadtmauer. Das
Zeichen war noch keine vier Minuten gegeben worden, als die Schildwache,
die oben auf dem Wall stand, mit einem Schmerzensschrei zu Boden stürzte
und über die Mauer geworfen wurde. Dann hörte man hinter dem Tore Waffen
rasseln und das Stöhnen von Sterbenden; und gleich darauf folgte
Totenstille.
Mit der größten Vorsicht zogen alle Zünfte in Brügge ein. Jeder Anführer
begab sich mit seinen Leuten nach dem Stadtviertel, das ihm De Coninck
angewiesen hatte. Eine Viertelstunde später waren die Wachen an allen Toren
erschlagen, und jede Zunft befand sich auf ihrem Platz. Vor jedem Hause, da
Franzosen untergebracht waren, standen acht Klauwaerts bereit, sich mit
Hammer und Beil den Eingang zu schaffen. Keine einzige Straße war
unbesetzt, die ganze Stadt war in den Händen der Klauwaerts, die nur des
Zeichens zum Angriff harrten. De Coninck stand mitten auf dem
Freitagsmarkt; nach kurzem Bedenken sprach er laut den Fluch über die
Franzosen:
»Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaed al dood!«[30]
[30] Flandern der Löwe! Was welsch (französisch) ist, ist falsch!
Schlagt alle tot!
Dieser Ruf, das Todesurteil für die Fremden, wurde von fünftausend Kehlen
wiederholt. Man kann sich leicht das furchtbare Geheul, die schauerliche
Verwirrung, das entsetzliche Mordgeschrei vorstellen. Im gleichen
Augenblick wurden alle Türen eingestoßen und zertrümmert. Die Klauwaerts
stürmten voll Rachedurst zu den Schlafkammern der Franzosen und ermordeten
alles, was die Worte >Schild en vriend< nicht aussprechen konnte. Weil in
einigen Häusern mehr Franzosen untergebracht waren, als man in so kurzer
Zeit erschlagen konnte, hatten viele Zeit, sich anzukleiden und zu den
Waffen zu greifen. Das geschah zumal in dem Stadtviertel, wo Châtillon mit
seinen zahlreichen Wachen wohnte. Ungeachtet der Wut Breydels und seiner
Leute hatten sich ungefähr sechshundert Franzosen solcherart
zusammengerottet. Viele waren, wenngleich verwundet, dem Gemetzel entkommen
und begaben sich aus den anderen Straßen zur Snaggaartsbrücke. So stieg die
Zahl der Flüchtigen schließlich auf ungefähr tausend Mann, die ihr Leben so
teuer als möglich verkaufen wollten. In dichten Scharen standen sie vor den
Häusern und verteidigten sich verzweifelt gegen die Fleischer. Viele hatten
Armbrüste und schossen gar manchen Klauwaert nieder. Aber das steigerte nur
die Raserei der anderen, die ihre Genossen fallen sahen. Man hörte
Châtillons Stimme, der die Seinen zum Widerstand anfeuerte, und ward auch
Herrn von Montenays ansichtig, dessen Riesenschwert in der Finsternis wie
ein Blitzstrahl leuchtete.
Breydel raste wie ein Wahnsinniger und hieb rechts und links auf die
Franzosen ein. Er stand schon einige Fuß über der Erde, soviel Feinde hatte
er vor sich niedergeworfen. Ströme von Blut flossen unter den Leichen, und
der Ruf: »Flandern der Löwe! Schlagt alles tot!« mischte sich schauerlich
mit dem Ächzen der Sterbenden.
Unter den Franzosen befand sich auch Herr van Gistel. Da er wußte, daß sein
Tod unvermeidlich war, wenn die Vlaemen den Sieg behielten, so rief er
beständig: »Hoch Frankreich! Hoch Frankreich!« Er hoffte die Söldner
dadurch anzufeuern. Aber Jan Breydel erkannte seine Stimme.
»Leute!« rief er in voller Wut, »ich muß die Seele dieses Abtrünnigen
haben! Vorwärts! Das hat lange genug gedauert, wer mich liebt, der folge
mir nach!«
Mit diesen Worten warf er sich mit seinem Beil mitten unter die Franzosen
und hieb alles um sich her sofort nieder. Als seine Genossen das sahen,
stürzten sie sich mit solcher Wut auf den Feind, daß sie ihn gegen eine
Mauer drängten und an fünfhundert Leute töteten. In diesem entscheidenden
Augenblick, in dieser furchtbaren Todesstunde, gedachte Montenay der Worte
und des Gelübdes De Conincks; er hoffte, den Landvogt noch retten zu
können, und rief:
»Ich bin Montenay, man gebe mir den Weg frei!«
Die Klauwaerts ließen ihn ehrerbietig durch und hemmten ihn nicht.
»Hierher, hierher! Folgt mir, Genossen!« rief er dem verbliebenen Häuflein
Franzosen zu; denn er glaubte, sie so zu retten. Aber die Vlaemen hieben so
schrecklich auf sie ein, die Zahl der Flüchtenden schmolz so zusammen, daß
mit Châtillon nicht mehr als dreißig Leute in das Haus des Herrn von
Mortenay gelangen konnten; die übrigen lagen alle in ihrem Blut am Boden.
Breydel stellte seine Leute vor der Tür des Stadtvogts auf und verbot
ihnen, das Haus zu betreten. Er kreiste die Wohnung ein, damit niemand
entfliehen sollte, und hielt selbst vor dem Eingang Wache.
Während dieses Gefechts war De Coninck in der Steinstraße bei der
St. Salvatorskirche noch damit beschäftigt, die letzten Franzosen
aufzuspüren. Das gleiche taten auch die anderen Zünfte in den ihnen
angewiesenen Straßenvierteln. Man warf die Leichen der Getöteten aus den
Häusern, bis die Straßen ganz damit bedeckt waren und man in der Finsternis
nur mit Mühe mehr hindurchdringen konnte. Viele Söldner der Besatzung
hatten sich verkleidet und glaubten so, durch das eine oder andere Tor
entfliehen zu können. Aber das glückte ihnen nicht, da man ihnen befahl,
die Worte >Schild en vriend< auszusprechen. Kaum hörte man nur den Klang
ihrer Stimme, da saß ihnen schon das Beil im Nacken, und stöhnend stürzten
sie zur Erde. Aus allen Vierteln der Stadt ertönte der Ruf: »Vlaenderen den
Leeuw! Wat walsch is, valsch is -- slaed al dood!« Hie und da floh noch ein
Franzose vor einem Klauwaert; aber er fiel bald einem anderen in die Hände
und starb wenige Schritte weiter.
Dies Gemetzel dauerte, bis sich die Sonne bereits über den Horizont
erhoben. Fünftausend Fremde wurden in dieser Nacht den Geistern der
ermordeten Vlaemen geopfert. Das ist ein blutiges Blatt in den Chroniken
Flanderns; die schreckliche Zahl steht genau darin aufgezeichnet.
Vor der Wohnung des Herrn von Montenay gab es ein seltsam schreckliches
Schauspiel. Tausend Fleischer lagerten auf dem Boden, die Beile in der
Hand, die Augen drohend und voll Rachsucht auf die Tür gerichtet. Ihre
bloßen Arme, ihre Wämser waren von Blut gerötet, und zwischen ihnen lagen
viele Leichen. Aber darauf schienen sie nicht zu achten. Einige Gesellen
der anderen Zünfte schritten hie und da über die am Boden liegenden
Fleischer und suchten die Leichen der erschlagenen Vlaemen, um sie zu
bestatten. Wohl sah man den Fleischern die heftige Wut an, doch kein
einziges Schimpfwort kam über ihre Lippen. Montenays Wohnung war ihnen dem
gegebenen Wort gemäß heilig. Sie wollten De Conincks Gelübde nicht brechen;
auch hatten sie zu viel Achtung vor dem Stadtvogt, und sie gaben sich
deshalb damit zufrieden, das Quartier zu besetzen und zu bewachen.
Herr von Châtillon und Jan van Gistel, der Leliaert, waren in Montenays
Haus geflüchtet. Furchtbarste Angst hatte sie gepackt, denn sie sahen den
sicheren Tod vor Augen; Châtillon war ein mutiger Ritter und erwartete
kaltblütig sein Schicksal. Jan van Gistel dagegen war bleich und bebte.
Trotzdem er sich Gewalt antat, konnte er seine Angst nicht verhehlen und
erregte das Mitleid der anderen Franzosen, selbst bei Châtillon, der doch
in derselben Gefahr schwebte. Die Herren waren in einem Saal des oberen
Stockwerks nach der Straße zu. Von Zeit zu Zeit gingen sie zum Fenster und
blickten schaudernd auf die Fleischer, die vor den Türen lagerten wie ein
Haufen Wölfe, die auf ihre Beute lauern. Als auch van Gistel zum Fenster
trat, hatte Breydel ihn bemerkt und mit dem Beil bedroht. Eine jähe
Bewegung entstand unter den Fleischern. Alle hatten ihre Waffen zu dem
Verräter, den sie töten wollten, erhoben. Wie bebte des Leliaerts Herz, als
ihm diese tausend Beile sein Todesurteil entgegenblitzten! Er wandte sich
zu den anderen Rittern und sprach gar kläglich:
»Wir müssen sterben, meine Herren, es gibt keine Gnade für uns; denn sie
dürsten nach unserem Blute wie rasende Tiger. Sie werden nicht fortgehen;
ach Gott, was sollen wir tun?«
»Durch dieses Pack umzukommen,« entgegnete Châtillon, »ist nicht ehrenvoll.
Ich wünschte, ich wäre wie ein Ritter mit dem Degen in der Faust gefallen;
aber nun läßt sich das nicht ändern!«
Châtillons Kaltblütigkeit entmutigte van Gistel noch mehr.
»Es läßt sich nicht ändern!« wiederholte er, »ach Gott, welch schrecklicher
Augenblick, wie werden sie uns martern! Herr von Montenay, ich bitte Euch
um Gottes willen, Ihr vermögt doch so viel über sie, fragt doch, ob sie uns
für großes Lösegeld das Leben schenken wollen.«
»Ich werde sie fragen,« antwortete Montenay, »aber laßt Euch nicht sehen,
sonst holen sie Euch aus dem Hause!«
Er öffnete das Fenster und rief:
»Meister Breydel! Herr van Gistel läßt Euch fragen, ob Ihr ihm gegen ein
großes Lösegeld freies Geleit gewähren würdet. Verlangt alles, was Ihr
wollt, bestimmet selbst die Summe. Verweigert es nicht, ich bitte Euch.«
»Leute!« rief Breydel seinen Genossen bitter lachend zu, »sie bieten uns
Geld! Sie glauben, die Rache eines Volkes könnte mit Geld gesühnt werden;
sollen wir das annehmen?«
»Wir müssen den Leliaert haben,« heulten die Fleischer, »sterben muß er,
der Verräter, der Bastardvlaeme!«
Dieses Geschrei gellte fürchterlich in Gistels Ohren. Es kam ihm vor, als
ob die Beile ihm schon den Todesstreich versetzten. Montenay wartete, bis
sich das ungestüme Rachegeschrei gelegt hatte, und rief dann von neuem:
»Ihr habt mir gesagt, daß meine Wohnung eine Freistatt sei. Warum brecht
Ihr nun das gegebene Wort?«
»Wir werden Eure Wohnung achten,« antwortete Breydel. »Aber ich gebe Euch
mein Wort: weder Châtillon noch Gistel sollen die Stadt lebend verlassen;
ihr Blut soll das Blut unserer Brüder sühnen, und wir werden nicht von hier
weichen, bis unsere Beile ihnen den letzten Nackenstreich versetzt haben.«
»Und darf ich frei die Stadt verlassen?«
»Ihr, Herr von Montenay, Ihr mögt mit Euren Dienern gehen, wohin Ihr wollt.
Kein Haar auf Eurem Haupt soll gekrümmt werden; aber täuscht uns nicht,
denn wir kennen die Leute, die wir suchen, nur zu wohl.«
»Nun denn, so sage ich Euch, daß ich binnen einer Stunde nach Kortrijk
abreisen werde.«
»Gott nehme Euch in seinen Schutz!«
»Ihr habt also mit wehrlosen Rittern keinerlei Mitleid?«
»Sie haben auch mit unseren Brüdern kein Mitleid gehabt, wir müssen ihr
Blut haben. Der Galgen, den sie errichteten, steht noch da.«
Montenay schloß das Fenster wieder und sprach zu den Rittern:
»Meine Herren, ich beklage euch tief: sie verlangen euren Tod. Ihr schwebt
in großer Gefahr! Aber ich hoffe dennoch, daß ich Euer Edeln noch mit
Gottes Hilfe werde retten können. Denn hier führt eine Hintertür nach dem
Hofe, durch die ihr vielleicht euren blutdürstigen Feinden entrinnen könnt.
Verkleidet euch und steigt zu Pferde. Dann werde ich mit meinen Dienern zur
Tür hinausgehen, und während ich so die Aufmerksamkeit der Fleischer auf
mich ziehe, müßt ihr schleunigst durch die Hintertür nach den Wällen
fliehen. Am Schmiedetor ist die Mauer abgebrochen, und es kann euch nicht
schwer fallen, ins freie Feld zu gelangen; denn eure Pferde wird man nicht
aufhalten können.«
Châtillon und van Gistel warfen sich voller Freude auf dieses letzte
Mittel. Der Landvogt legte die Kleider seines Kaplans an, van Gistel die
eines einfachen Dieners; dreißig andere Franzosen, die noch übriggeblieben
waren, zogen die Pferde aus den Ställen und trafen die nötigen
Vorbereitungen, um mit ihrem Feldherrn zu entfliehen.
Als sie alle aufgesessen waren, trat Herr von Montenay mit seinen Dienern
auf die Straße, wo die Fleischer lagen. Diese argwöhnten nicht im
geringsten, daß man auf einer anderen Seite hinauskommen könne; sie standen
auf und betrachteten alle, die den Stadtvogt begleiteten, ganz genau. Aber
plötzlich erhob sich in einer anderen Straße der Ruf: »Vlanderen den Leuw!
Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood!« und man hörte den Hufschlag der
davonjagenden Rosse an der Straßenecke. Hals über Kopf liefen alle
Fleischer mit wildem Geheul zu der Stelle, von wo der Lärm herübertönte;
aber es war zu spät. Châtillon und van Gistel waren entflohen; von den
dreißig Mann, die sie begleiteten, waren zwanzig niedergemacht worden; denn
überall stießen sie auf Feinde, die über sie herfielen; doch das Glück
fügte es, daß die beiden Ritter entkamen. Sie flohen hinter Saint-Klara
vorbei zum Stadtwall und gelangten ans Schmiedetor; hier sprangen sie mit
ihren Trabern in den Graben und schwammen mit großer Gefahr hindurch,
wobei Châtillons Troßknecht samt seinem Pferde ertrank.
Die Fleischer hatten die fliehenden Franzosen bis zum Tor hinein verfolgt.
Als sie ihre beiden Erzfeinde in der Ferne zwischen den Bäumen verschwinden
sahen, packte sie rasende Wut, und sie begannen förmlich zu toben; denn nun
war es ihnen, als sei die Rache dennoch unvollständig geblieben. Nachdem
sie einige Zeit wie versteinert auf die Stelle gestiert hatten wo Châtillon
verschwunden war, verließen sie den Wall und wandten sich mißvergnügt zum
Freitagsmarkt. Plötzlich weckte ein anderes Geräusch ihre Aufmerksamkeit.
Inmitten der Stadt erhob sich ein Stimmengewirr, ein öfters unterbrochenes,
langanhaltendes Geschrei, als ob ein Fürst frohen Einzug hielte. Den
Fleischern war dies Freudengeschrei unverständlich; sie waren noch zu weit
davon entfernt. Allmählich kam die jauchzende Menge näher, und bald wurde
der Siegesruf verständlich:
»Heil dem blauen Löwen! Heil unserem Obmann! Flandern ist frei! Heil!
Heil!«
Die unübersehbare Menge aller Einwohner von Brügge fegte wie eine
Gewitterwolke durch die Straßen. Das Jauchzen der Vlaemen, die ihre
Freiheit erkämpft hatten, hallte wider die Mauern der Häuser und dröhnte
wie rollender Donner über der Stadt. Frauen und Kinder liefen zwischen den
bewaffneten Zunftgenossen einher, und frohes Händeklatschen mischte sich in
den immer wiederkehrenden Ruf:
»Heil, heil dem blauen Löwen!«
Mitten aus diesen Scharen ragte eine weiße Standarte empor, darauf ein
springender Löwe in blauer Seide gestickt war. Es war das große Banner der
Stadt Brügge, das so lange den Lilien hatte weichen müssen. Jetzt hatte man
es wieder aus seinem Versteck hervorgeholt, jetzt prangte es über den
Leichen der erschlagenen Feinde, und die Wiederkehr dieses Wappens ward von
Tausenden mit frohem Zuruf begrüßt.
Ein Mann von kleinem Wuchs trug das bejubelte Sinnbild und preßte es mit
den über der Brust verschränkten Armen an sein Herz, als wollte er es mit
der innigsten Liebe umfangen. Tränen liefen in Strömen über seine Wangen,
Tränen der Liebe zum Vaterland und des Glückes; denn eine unaussprechliche
Seligkeit verklärte seine Züge. Er, der selbst bei dem größten Unglück nie
geweint hatte, vergoß jetzt Tränen, da er den Löwen seiner Vaterstadt
wieder auf dem Altar der Freiheit aufstellte.
Die Augen der unabsehbaren Menge waren beständig auf ihn gerichtet, und der
Ruf: »Heil De Coninck! Heil dem Löwen!« erscholl immer kraftvoller. Als der
Obmann der Weber mit der Standarte dem Freitagsmarkt nahte, wurden auch
schon die Fleischer von toller Freude ergriffen. Auch sie stimmten in den
jauchzenden Siegesruf ein und drückten einander mit feuriger Liebe die
Hände. Wahrlich, Vaterlandsliebe erweckt im Menschen edle Gefühle. Wie von
Sinnen stürzte Breydel vorwärts, erreichte die Standarte und streckte mit
sichtlicher Ungeduld beide Hände nach dem Löwen aus. De Coninck reichte ihm
das Banner und sprach:
»Hier, mein Freund, nun haben wir es zurückerobert, das Sinnbild der
Freiheit unserer Väter.«
Breydel antwortete nichts, sein Herz war zu voll. Zitternd vor Rührung
umschlang er die Standarte und umarmte so den blauen Löwen. Er barg sein
Haupt in den Falten der Seide und weinte regungslos einige Augenblicke.
Dann ließ er die Fahne los und warf sich in höchster Erregung an De
Conincks Brust.
Während die beiden Vorsteher einander feurig in die Arme schlossen, rief
das Volk unaufhörlich weiter, und fort und fort erscholl das laute Jauchzen
der Tausende. Der Freitagsmarkt war nicht groß genug für alle Bürger,
obgleich sie sich bis zum Ersticken drängten. Die Steinstraße war noch bis
an die St. Salvatorskirche voller Menschen, ebenso wimmelte die Schmiede-
und Boveriestraße bis weit hinauf von Kindern und Frauen.
Der Obmann der Weber wandte sich zur Mitte des Marktes und nahte sich dem
dort ragenden Galgen. Die Leichen der gehenkten Vlaemen waren abgenommen
und bereits begraben worden; aber die acht Schlingen hatte man absichtlich
als ein Erinnerungszeichen an die Zwingherrschaft noch daran gelassen. Die
Standarte mit dem Brügger Löwen wurde neben dem Galgen aufgepflanzt und
alsdann mit neuem Freudengeschrei begrüßt. Nachdem De Coninck noch einmal
seine Augen zu dem wiedererrungenen Wappen erhoben hatte, sank er in die
Knie, senkte das Haupt und betete mit gefalteten Händen. -- Läßt man einen
Stein in ruhiges Wasser fallen, so breitet sich die Bewegung in zitternden
Kreisen mählich über die ganze Wasserfläche. Solcherart ging auch De
Conincks Gedanke auf die Bürger über, obgleich die meisten ihn nicht sahen.
Erst knieten die schweigend nieder, welche ihm zunächst standen; sie
teilten die Bewegung den anderen mit, und so senkten sich der Reihe nach
alle Häupter. Die Stimmen verstummten erst in der Mitte des Kreises und
wurden dann immer leiser, bis zuletzt die größte Stille unter der Menge
eingetreten war. Achttausend Menschen knieten auf dem noch blutigen Boden;
achttausend Häupter beugten sich vor Gott, der die Menschen für die
Freiheit erschaffen hat; sie hofften, daß der Herr huldvoll auf sie
herabblickte, die Chöre der seligen Geister einstimmten in ihre innigen
Dankgebete. Nach kurzer Zeit erhob sich De Coninck wieder vom Boden, und da
noch immer die frühere Stille herrschte, sprach er mit lauter Stimme, so
daß viele ihn verstehen konnten:
»Brüder, heute hat die Sonne ein helleres Licht für uns; denn die Luft in
unserer Stadt ist wieder rein; der Atem der Fremden vergiftet sie nicht
mehr. Die stolzen Franzosen glaubten, wir würden ihre Sklaven sein und
bleiben; aber jetzt haben sie die Lehre, daß unser Löwe wohl schlafen,
aber nicht sterben kann, mit dem Verlust ihres Lebens bezahlt. Wir haben
das Erbe unserer Väter wiedererrungen, die Fußstapfen der Fremden mit Blut
verwischt. Aber noch sind nicht all unsere Feinde tot; Frankreich wird uns
noch mehr bewaffnete Söldner senden, denn Blut verlangt Blut. Doch das hat
nichts zu sagen, jetzt sind wir unüberwindlich. Trotzdem dürft ihr nach dem
errungenen Siege nicht rasten! Erhaltet eure Herzen stark und kühl, laßt
das edle Feuer, das jetzo in eurer Brust glüht, nicht erlöschen. Nun gehe
ein jeglicher heim und freue sich mit seinem Hausgesinde über die
glückliche Befreiung. Jauchzet! Trinket den Wein der Freude, denn dies ist
der schönste Tag eures Lebens. Die Bürger, die keinen Wein haben, mögen
nach der Halle gehen, dort soll jedem ein Maß verabfolgt werden.«
Das Geschrei, welches mählich wieder anwuchs, hinderte De Coninck, in
seiner Rede fortzufahren; er winkte den umstehenden Anführern und ging mit
ihnen an die Ecke der Steinstraße. Die Scharen öffneten sich ehrfurchtsvoll
vor ihm, und überall begrüßte ihn der frohe Zuruf der Bürger. Alles drängte
jetzt zu der Standarte, die neben dem Galgen aufgepflanzt war. Alle
betrachteten in höchster Freude den blauen Löwen, blickten auf ihr
Stadtwappen wie auf das Angesicht eines Freundes, der nach langen Reisen
aus fremden Landen unter seine Brüder zurückgekehrt ist. Sie reckten die
Hände so fröhlich empor, daß sie ein kühler, gleichgültiger Beobachter für
sinnlos gehalten hätte.
Bald kamen auch Gesellen, die sich bereits Wein geholt hatten, mit ihren
Kannen auf den Markt und verbreiteten die frohe Nachricht, daß in der Halle
ein Maß für jeden verschenkt würde. Eine Stunde später hatte jeder seinen
Trinkbecher in der Hand, und so endete dieser frohe Tag ohne Unordnung und
Streit; nur ein Gefühl herrschte: ein Gefühl, wie es die Seele des
Gefangenen packt, wenn er die Sonne wieder über seinem Haupte strahlen
sieht und sich bewußt wird, daß fortan nur noch die weite Welt sein Kerker
ist.