VII.

Die Leliaerts hatten ungewöhnliche Anstalten zum Schmucke der Stadt

getroffen; sie hofften sich dadurch die Gunst des neuen Fürsten zu

erringen. Alle Zunftgesellen hatten an der Errichtung der Triumphbögen

mitgearbeitet; mit Geld war nicht gespart worden; die reichsten Stoffe

waren aus den Läden hervorgesucht und an den Giebeln der Häuser aufgehängt

worden; auch viele junge Bäume hatte man abgehauen und in den Straßen

aufgestellt. Am andern Morgen um zehn Uhr war alles fertig.

In der Mitte des großen Marktes hatte die Zunft der Zimmerleute ein

prachtvolles, mit blauem Sammet überzogenes Schaugerüst errichtet. Darauf

standen Sessel mit goldenen Borden und gestickten Kissen und daneben zwei

Standbilder, der Friede und die Macht, die Kronen aus Lorbeer- und

Ölzweigen über die Häupter Philipps des Schönen und Johannas von Navarra

halten sollten. Leichte Behänge schmückten den Thron, und der Markt war

rings mit reichen Teppichen belegt. Am Eingang der Steinstraße ragten vier

marmorne Fußsäulen; auf jeder stand ein Posaunenbläser in Engelskleidung,

mit langen Flügeln und purpurnem Gewand. Gegenüber der großen Fleischhalle

in der Frauenstraße war ein prächtiger Triumphbogen mit gotischen Pfeilern

errichtet worden. Ob der Wölbung hing das Wappen von Frankreich auf

purpurnem Grunde, weiter unten an Pfeilern die Schilde von Flandern und

Brügge. Überall an den Leisten waren Sinnbilder angebracht, um dem fremden

Gebieter zu schmeicheln. Hier kroch Flanderns schwarzer Löwe vor einer

Lilie, dort waren die Sterne des Himmels mit Lilien vermengt, kurz lauter

plattes Zeug, das die Bastardvlaemen erdacht hatten.

Wäre Jan Breydel nicht durch den Obmann der Weber zurückgehalten worden, so

hätten die unwürdigen Darstellungen das Volk nicht lange erbittert; so aber

verhehlte er seinen Ärger und beschaute alles mit finsterer Ruhe. De

Coninck hatte ihm begreiflich gemacht, daß der rechte Augenblick noch nicht

gekommen war.

Die Kathelinenstraße war ihrer ganzen Länge nach mit schneeweißer Leinwand

und langen Laubkränzen behangen. Willkommensprüche schmückten die Häuser

der Leliaerts. Auf kleinen viereckigen Ständern brannte allerlei Rauchwerk

in prächtig getriebenen Vasen und junge Mägdelein streuten Blumen auf die

Straßen. -- Das Kathelinentor, durch das die Fürsten in die Stadt einziehen

mußten, war von außen mit kostbarem Scharlach behangen. Sinnbilder

schmeichelten den Fremden und entehrten den Löwen, das siegreiche Zeichen

früherer Geschlechter. Acht Trompeter standen neben dem Tor auf dem Wall,

um den Willkomm zu blasen und die Fürsten anzukündigen. Auf dem großen

Markte standen die Zünfte mit ihren Goedendags in Reihe und Glied längs der

Häuser. De Coninck lehnte sich mit dem rechten Flügel der Weber an den

Eiermarkt; Breydel mit der Fleischerzunft stand zur Steinstraße hin; die

anderen Zünfte verteilten sich in kleineren Gruppen auf der anderen Seite.

Die Leliaerts und vornehmsten Edlen der Stadt hatten sich unter der Halle

auf einem prächtigen Gerüst versammelt.

Gegen elf Uhr kündeten die Trompeter auf den Wällen die Ankunft der

Herrschaften an, und endlich betrat der königliche Zug durch das

Kathelinentor die Stadt. Voraus ritten vier Herolde auf schönen weißen

Pferden; an ihren Trompeten hingen die Banner Philipps des Schönen, ihres

Gebieters, mit goldenen Lilien auf blauem Felde. Sie bliesen einen schönen

Marsch und entzückten die Zuhörer durch den Zusammenklang der Töne.

Zwanzig Schritt dahinter ritt König Philipp der Schöne hoch zu Roß einher.

Keiner von allen Rittern, die ihn begleiteten, konnte ihn an Schönheit

übertreffen; schönes schwarzes Haar fiel in leichten Locken auf seine

Schultern nieder und spielte schmeichelnd um seine zarten Wangen, auf die

ein Weib hätte stolz sein können. Die gebräunte Farbe seines weichen

Gesichts verlieh ihm einen männlichen Ausdruck; sein Lächeln war sanft und

seine ganze Erscheinung sehr einnehmend. Die hohe, schöne Gestalt und die

edle Haltung machten ihn zum vollkommensten Ritter seiner Zeit. Deshalb

wurde er denn auch in ganz Europa le Bel >der Schöne< genannt. -- Seine

Kleidung war reich mit Gold und Silber gestickt und doch nicht überladen.

Überhaupt empfand man, daß feinster Geschmack, nicht Eitelkeit den

Ausschlag gab. Der versilberte Helm auf seinem Haupte war mit einem großen

Federbusch geschmückt, der bis auf den Rücken seines Pferdes herabhing.

Neben ihm ritt seine Gemahlin, die stolze Johanna von Navarra. Sie saß auf

einem falben Zelter und war ganz mit Gold und Edelsteinen beladen. Ein

langes Reitkleid von Goldstoff, das eine silberne Schnur auf der Brust

zusammenfaßte, fiel in schweren Falten bis auf die Erde und schillerte

lebhaft in tausendfältigem Glanz. Perlen, Knöpfe und Eicheln aus den

kostbarsten Stoffen hingen im Übermaß an ihr und ihrem Zelter. Man konnte

in den Zügen der hochmütigen, eitlen Fürstin lesen, daß dieser siegreiche

Einzug ihrem stolzen Herzen schmeichelte. Sie blickte mit hochfahrender

Aufgeblasenheit auf das überwundene Volk, das in den Fenstern, auf den

Brunnen, ja sogar auf den Dächern stand, um den Zug sehen zu können.

An der andern Seite des Königs ritt sein Sohn Ludwig Hutin. Der junge Fürst

war trotz seiner hohen Stellung demütig und gutartig; Wohlwollen für seine

neuen Untertanen strahlte von seinem Gesicht, und die Bürger sahen ihn

stets freundlich lächeln. Er besaß die guten Eigenschaften seines Vaters,

nichts von den häßlichen Wesenszügen seiner Mutter.

Dicht hinter dem König kamen einige Schildknappen, Pagen und Hofdamen, dann

folgte ein langer Zug prächtig gekleideter Ritter, darunter die Herren

Enguerrand von Marigny, Châtillon, Saint-Pol, de Nesle, de Nogaret und

andere. Die königliche Standarte und eine Menge kleiner Fahnen flatterten

lustig über den edlen Rittern.

Schließlich kam noch ein Trupp Leibwachen, wohl dreihundert Mann, alle zu

Pferde, von Kopf bis zu Füßen in Eisen. Lange Speere ragten wohl zwanzig

Fuß über die Schar empor; sie hatten Helme, Harnische, Waffenröcke, Schilde

und eiserne Handschuhe, auch die schweren Pferde waren mit Eisenplatten

bedeckt.

Die vielen Bürger, deren Scharen überall standen, betrachteten den Zug in

feierlichem Schweigen. Kein einziger Willkommengruß ertönte aus ihren

Reihen, keinerlei Freude tat sich kund. Durch diesen kalten Empfang fühlte

sich Johanna von Navarra schwer gekränkt, und ihre Erbitterung stieg, als

sie bemerkte, daß viele Augen ohne jede Ehrerbietung auf ihr ruhten, und

daß manch verächtliches Lächeln ihr den Haß der Vlaemen gegen sie bezeigte.

Sobald der Zug zum Markt kam, setzten die beiden Engel auf den Marmorsäulen

ihre Posaunen an und bliesen ihren Willkomm, daß es über den ganzen Platz

schallte. Dann stimmten die Herren vom Magistrat mit einigen anderen

Leliaerts den Ruf an: »Hoch Frankreich! Es lebe der König! Es lebe die

Königin!«

Die stolze Johanna kochte innerlich vor Wut, als sie auch nicht einen

Einzigen aus dem Volk oder den Zünften rufen hörte. Alle Bürger standen

regungslos da, nicht das kleinste Zeichen von Ehrerbietung oder Freude ward

laut[23]. Die zornige Königin verbiß vorerst ihren Grimm, und nur ihr

Gesicht verriet ihre Mißstimmung.

[23] Als Philipp seinen Einzug in Brügge hielt, verwunderte er

sich darüber, daß ihn die Einwohner ohne jedes Zeichen von Freude

empfingen. (Brügger Jahrbücher.)

Etwas abseits vom Throne befand sich eine Schar Edeldamen auf auserlesenen

Zeltern. Um die Königin Johanna mit geziemender Pracht zu empfangen, hatten

sie sich so reich mit Juwelen und kostbarem Schmuck behangen, daß das Auge

den Glanz kaum ertragen konnte. Machteld, die schöne junge Tochter des

Löwen von Flandern, war ganz vorn und fiel der Königin zuerst in die Augen.

Ein langer spitzer Hut von gelber Seide und rotsammeten Bändern saß leicht

auf ihrem Kopf; darunter fiel ein Tuch von feinstem Linnen über Wangen,

Hals und Schultern bis zur Mitte des Rückens hernieder. An einem goldenen

Knopf, oben auf dem Hut, hing ein durchsichtiger, mit tausend goldenen und

silbernen Punkten durchwirkter Schleier; ihr Obergewand war vorn offen und

ließ einen Latz von blauem Sammet mit silbernen Schnüren hervorschauen; es

reichte nur bis an die Knie und war von dem kostbarsten Goldstoff.

Darunter kam ein grünes Atlasgewand hervor, das lang, in reichen Falten bis

zur Erde niederhing. Lieblich schimmerte dies reiche Gewand, denn bei jeder

Bewegung änderte es die Farbe: bald schien es im Sonnenlichte wie feinstes

Gold in gelbem Glanze zu erstrahlen, bald wieder ward es grün, bald blau.

Auf der Brust der jungen Edeldame an einer kostbaren Perlenschnur, blinkte

eine Platte von geschlagenem Gold, die den schwarzen Löwen von Flandern,

kunstvoll in Achat geschnitten, umfaßte. Ein goldener Schuppengürtel mit

seidenen und silbernen Fransen zeigte einen Verschluß aus zwei Rubinen. Das

Geschirr des Zelters, der die liebliche Jungfrau trug, war auch über und

über mit goldenen und silbernen Plättchen und beweglichen Eicheln verziert.

Ebenso kostbar und prächtig waren auch die anderen Frauen gekleidet.

Die Königin von Navarra kam mit dem ganzen Zuge langsam angeritten und

richtete den Blick mit unwilliger Neugierde auf diese Frauen, die so im

Sonnenlicht glänzten. Als sie sich ihnen auf eine bestimmte Entfernung

genähert hatte, ritten ihr die Edeldamen mit vielem Anstand entgegen und

bewillkommneten ihre neue Fürstin mit manch höflichem Gruße. Nur Machteld

schwieg und betrachtete Johanna ernst; es war ihr nicht möglich, die Frau

zu ehren, die ihren Vater hatte in den Kerker werfen lassen. Ihr Grimm war

deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen; Johanna bemerkte es. Hochmütig blickte

sie auf Machteld, um sie einzuschüchtern; aber sie täuschte sich, denn die

Jungfrau senkte ihre Augenlider nicht und sah die grimmige Königin stolz

an. Diese war schon durch die ungewohnte Pracht der Edeldamen erregt, nun

konnte sie nicht länger an sich halten, wandte mit sichtlichem Ärger ihren

Zelter um und rief, mit dem Kopf auf die Damen weisend:

»Seht, meine Herren, ich glaubte allein Königin in Frankreich zu sein; aber

fast dünkt mich, die Vlaemen, die in unseren Gefängnissen liegen, sind

allesamt Prinzen, da ich ihre Frauen hier gekleidet sehe wie Königinnen und

Prinzessinnen.«

Sie hatte das so laut gerufen, daß alle umstehenden Ritter, ja, selbst

einige Bürger es verstanden. Mit schlecht verhehltem Mißvergnügen fragte

sie den Ritter, der ihr folgte:

»Herr von Châtillon, was ist das nur für eine trotzige Jungfrau hier vor

mir mit dem Löwen von Flandern auf der Brust? Was bedeutet das?«

Châtillon ritt heran und antwortete:

»Es ist die Tochter des Herrn van Bethune, sie heißt Machteld.«

Dabei legte er seinen Finger auf den Mund, um der Königin Verstellung und

Schweigen anzuraten. Sie verstand und gab ihre Zustimmung durch ein Lächeln

zu erkennen, ein Lächeln voll grausamer Falschheit und häßlicher Rachsucht.

Wer in diesem Augenblick den Vorsteher der Weber beobachtete, der konnte

sehen, wie starr sein einziges Auge auf die Königin gerichtet war; kein

Fältchen war auf ihrer Stirn erschienen und verschwunden, das De Coninck

nicht bemerkt hätte. In ihren wechselnden Zügen hatte er ihren Zorn, ihre

Absichten und Pläne gelesen. Schon wußte er, daß Châtillon der Vollstrecker

ihrer Befehle sein sollte, und sann sofort auf Mittel, der List und Gewalt

dieser Feindin zu begegnen.

Bald darauf stieg das Fürstenpaar ab und nahm auf dem Schaugerüst Platz.

Die Edelknaben und Hofdamen stellten sich in zwei Reihen auf die Stufen,

die edlen Ritter scharten sich hoch zu Roß um das Gerüst. Als alle die

bestimmten Plätze eingenommen hatten, traten die Herren vom Magistrat mit

den Jungfrauen als den Vertreterinnen der Stadt Brügge vor und überreichten

auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlüssel der Stadt. Gleichzeitig

stießen die Engel wieder in ihre Posaunen, und die Leliaerts riefen

abermals: »Es lebe der König! Es lebe die Königin!«

Totenstille herrschte unter den Bürgern; sie schienen sich absichtlich so

ruhig zu verhalten, um ihre Unzufriedenheit um so deutlicher zu zeigen,

und erreichten auch vollkommen ihren Zweck; denn Johanna bedachte schon in

ihrem beleidigten Herzen, wie sie am besten diese unehrerbietigen

Untertanen bestrafen und ducken könnte.

König Philipp der Schöne empfing in seiner Sanftmut den Magistrat mit

größtem Wohlwollen und gelobte, für die Wohlfahrt Flanderns nach

Möglichkeit zu sorgen. Dieses Versprechen war aufrichtig gemeint. Er war ja

ein edelmütiger Fürst und ehrenhafter Ritter und hätte vielleicht in

Frankreich wie in Flandern seine Untertanen glücklich gemacht, wenn nicht

zwei Ursachen die Ausführung seiner guten Vorsätze verhindert haben würden.

Die erste und schlimmste war die Herrschaft seiner stolzen Frau Johanna.

Hatte Philipp der Schöne etwas Gutes im Sinn, so lenkte sie ihn wie ein

böser Geist zum Schlechten und zwang ihn, all ihre verderblichen Pläne

gutzuheißen. Dazu kam die Verschwendung, die ihn zu allen Mitteln, guten

wie schlechten, greifen ließ, um das vergeudete Geld zu ersetzen. Wohl

meinte er es jetzt aufrichtig gut mit Flandern, aber was nützte das, da

doch Johanna darüber schon anders beschlossen hatte?

Nachdem die Schlüssel überreicht waren, lieh der König noch einige Zeit der

Ansprache des Magistrats ein gnädiges Ohr und verließ dann den Thron. Alles

stieg zu Pferde, und langsam ritt der Zug durch die übrigen Straßen der

Stadt, bis zum Prinzenhof, wo sie einkehrten, um hier mit den vornehmsten

Herren und Leliaerts das Mittagmahl einzunehmen.

Derweile kehrten die Zunftgenossen heim, und das Fest nahm sein Ende.

Abends, als die Gäste längst fort waren, saß die Königin Johanna allein mit

ihrer Kammerfrau in ihrem Schlafgemach. Schon hatte sie einen großen Teil

der lästigen Prachtgewänder abgelegt und war noch damit beschäftigt, sich

ihrer Schmuckstücke zu entledigen. Ihre Hast und der unzufriedene Ausdruck

ihrer Züge verrieten die größte Ungeduld. Die Kammerfrau mußte heftige

Worte hören und alles, was sie tat, trug ihr scharfen Tadel ein. Halsband

und Ohrgehänge flogen wie wertloses Zeug umher.

Dann schritt sie in weißem Nachtgewand, tief in Gedanken im Zimmer auf und

ab. Sie hatte nicht die mindeste Lust zu schlafen, und ihre flammenden

Augen irrten wild umher. Die Kammerjungfer näherte sich der Fürstin mit

liebenswürdiger Ehrerbietung und fragte:

»Beliebt es Eurer Majestät noch länger zu wachen, und soll ich einen

größern Leuchter mit mehr Wachslichtern herbeiholen?«

Ungestüm erwiderte die Königin:

»Es ist hell genug. Quält mich nicht mit Euren lästigen Fragen und laßt

mich allein. Wartet im Vorsaal auf meinen Oheim de Châtillon -- er soll

gleich kommen! Geht!«

Während die Kammerjungfer dem groben Befehl Folge leistete, setzte sich

Johanna an einen Tisch und ließ den Kopf auf die Hand niedersinken. In

dieser Stellung verharrte sie einige Augenblicke: sie gedachte, wie man

ihrer gespottet hatte. Dann stand sie auf, schritt hastig mit heftigen

Gebärden im Zimmer auf und ab. Endlich sprach sie mit gedämpfter Stimme:

»Wie! Ein kleines erbärmliches Volk sollte mich, die Königin der Franzosen,

verhöhnen dürfen? Ein trotziges Mädchen wagt es, meinen Blick zu erwidern?

Das ist Hohn!« Tränen des Zornes rollten über ihre glutroten Wangen.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück und lachte tückisch wie ein böser Geist.

Dann fuhr sie fort:

»Wartet nur, ihr aufgeblasenen Vlaemen, ihr kennt Johanna von Navarra noch

schlecht; ihr wißt nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann.

Ruht und schlaft nur ohne Bangen in eurer Vermessenheit; ich weiß euch zu

foltern! Tränen sollt ihr vergießen, schmerzhaft sollt ihr meine Hand

fühlen! Ja, ihr sollt meine Macht kennen lernen! Kriechen sollst du und

winseln, vermessenes Volk! Und ich werde euerm Flehen taub sein. Mit Wonne

werde ich eure stolzen Häupter mit Füßen treten. Vergebens sollt ihr weinen

und jammern, Johanna von Navarra ist unerbittlich -- das wißt ihr noch

nicht.«

Jetzt vernahm sie die Schritte der Kammerjungfer im Vorzimmer. Aufgeregt

eilte die Fürstin zum Spiegel und änderte ihre ganze Haltung; sie glättete

ihre Züge, alle Erregung schien geschwunden. In der Kunst der Verstellung,

der größten Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra Meisterin.

Alsbald trat Châtillon in das Zimmer und beugte ein Knie vor der Königin.

»Herr von Châtillon,« sprach sie, und hob ihn mit der Hand empor, »Ihr

scheint auf meine Wünsche nicht viel Wert zu legen. Habe ich Euch nicht vor

zehn Uhr hierher beschieden?«

»Es ist wahr, Madame, aber der König, mein Herr, hielt mich wider meinen

Willen zurück. Seid versichert, durchlauchtigste Nichte, daß ich auf

glühenden Kohlen gestanden habe; ich brannte, Eurem königlichen Befehl

Folge zu leisten.«

»Eure Ergebenheit freut mich; ich beabsichtige auch, Euch heute für Eure

treuen Dienste zu belohnen.«

»Gnädige Fürstin, es ist schon eine hohe Gnade für mich, Eurer Majestät

folgen und dienen zu dürfen. Laßt mich Euch überall begleiten. Ein anderer

Untertan mag höheren Ämtern nachjagen; für mich ist Eure huldreiche

Gegenwart das größte Glück; weiter verlange ich nichts.«

Die Königin lächelte und sah mißbilligend auf den Schmeichler; denn sie

durchschaute, wie sehr sein Herz seine Worte Lügen strafte. Dann sagte sie

mit Nachdruck zu ihm: »Und wenn ich Euch das Land Flandern zu Lehen geben

wollte?«

Châtillon, der solches Anerbieten nicht erwartet hatte, bereute sofort

seine Worte; er wußte im ersten Augenblick nicht, was er antworten sollte.

Doch sammelte er sich schnell und sprach:

»Falls Eure Majestät mich gnädigst mit soviel Vertrauen beehren wollte, wie

dürfte ich es da wagen, mich Eurem königlichen Willen eigensinnig zu

widersetzen. In dankbarer Ergebenheit würde ich diese hohe Gunst hinnehmen

und Eure großmütige Hand mit ehrerbietiger Liebe küssen.«

»Hört, Herr von Châtillon,« rief die Königin ungeduldig, »ich beabsichtige

nicht, Eure Höflichkeit auf die Probe zu stellen; deshalb wäre es mir

lieber, wenn Ihr Eure Redensarten ließet und offen reden würdet! Denn Ihr

könnt mir doch nichts sagen, was ich nicht besser wüßte. Was dünkt Euch von

meinem Einzug hier? Hat Brügge nicht die Königin von Navarra über die Maßen

herrlich empfangen?«

»Ich bitte Euch, durchlauchtige Nichte, laßt diese bittern Scherze. Mir ist

der Hohn, der Euch zuteil ward, furchtbar nahe gegangen; ein schlechtes,

verächtliches Volk hat Euch offen getrotzt und Eure Würde mit Füßen

getreten. Doch bekümmert Euch nicht darüber. Es fehlt uns ja nicht an

Mitteln, die vermessenen Untertanen zu bändigen und zu zähmen.«

»Kennt Ihr Eure Nichte, Herr von Châtillon? Das stolze Herz der Königin von

Navarra?«

»Wahrlich, o Fürstin, edelster, preislichster Stolz. Denn wer eine Krone

trägt, ohne ihr Achtung zu verschaffen, verdient sie nicht. Mit Recht

bewundert jedermann Euer königliches Wesen.«

»Wißt Ihr auch, daß kleine Rache mir nicht genügt? Die Strafe der

Beleidiger muß meiner Stellung entsprechen. Ich bin Königin und ein Weib;

das genügt Euch, um zu wissen, wie Ihr Euch zu verhalten habt, wenn ich

Euch zum Landvogt von Flandern mache.«

»Eure Majestät braucht sich deshalb nicht länger Sorgen zu machen; seid

sicher, daß Eure Rache vollkommen befriedigt werden wird. Vielleicht werde

ich Eure Wünsche übertreffen, denn ich habe nicht nur Eure Schmach, nein

auch die Beleidigungen zu rächen, die dies starrköpfige Volk der Krone von

Frankreich täglich antut.«

»Herr von Châtillon, laßt Eure Schritte durch schlaueste Politik leiten;

zieht den Strick nicht mit einem Male um ihren Hals zusammen; raubt ihnen

vielmehr durch langsame Demütigung den Mut. Nehmt ihnen mählich ihr Geld,

das ihren Widerstand spornt, und habt Ihr sie an den Pflug gewöhnt, so

preßt das Joch so fest, daß ich mich siegesfroh an ihrer Erniedrigung

weiden kann. Überhastet nichts; ich habe genügend Geduld, wenn man dadurch

besser zum Ziel kommt. Es wird schneller gehen, wenn man klüglich einen

gewissen De Coninck, den Obmann der Weber, entfernt und stets nur Franzosen

oder gute Freunde zu einflußreichen Ämtern zuläßt.«

Châtillon lauschte aufmerksam dem Rat der Königin und wunderte sich

innerlich über ihre schlaue Politik. Da ihn schon eigene Rachsucht zu

schlimmer Zwingherrschaft trieb, so freute er sich sehr, gleichermaßen

seiner Leidenschaft und den Wünschen seiner Nichte entsprechen zu können.

Er antwortete mit sichtlicher Freude:

»Dankbar empfange ich die Ehre, die mir Eure Majestät erzeigt, und ich

werde nichts versäumen, um als treuer Diener den Rat meiner Fürstin zu

befolgen. Habt Ihr mir sonst noch Befehle zu geben?«

Diese Frage bezog sich auf die junge Machteld. Châtillon wußte wohl, daß

diese Jungfrau den Zorn der Königin erregt hatte, und konnte sich deshalb

wohl denken, daß sie es sühnen mußte. Johanna entgegnete:

»Es scheint ratsam, die Tochter des Herrn van Bethune nach Frankreich zu

überführen, denn auch sie hat sich die vlaemische Starrköpfigkeit zu eigen

gemacht. Es wäre mir lieb, sie am Hofe zu haben. Doch genug davon -- Ihr

versteht meine Absichten. Morgen verlasse ich dies verwünschte Land, denn

ich habe schon zu lange den Hohn ertragen. Raoul von Nesle folgt uns, Ihr

bleibt als Statthalter in Flandern mit der Vollmacht, das Land nach Eurem

Willen zu regieren.«

»Oder vielmehr gemäß dem Willen meiner königlichen Nichte,« fiel von

Châtillon ihr schmeichelnd ins Wort.

»Ganz recht,« fuhr Johanna fort, »Eure Bereitwilligkeit freut mich.

Zwölfhundert Reiter sollen Euch zur Seite bleiben und Euren Befehlen

Nachdruck verschaffen. Nun möge Euer Edlen mich die nötige Ruhe genießen

lassen. Ich wünsche Euch gute Nacht, mein trefflicher Oheim!«

»Ein guter Engel bewahre Eure Majestät,« sprach Châtillon, indem er sich

verneigte und das Gemach der argen Frau verließ.

Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien · 第 11 / 31 题