Damals gab es in Flandern zwei Parteien, die einander gegenüberstanden, und
die nichts unversucht ließen, um sich gegenseitig nach Kräften zu schaden.
Die meisten Edlen und Machthaber hatten bei allen Gelegenheiten zur
französischen Regierung gestanden und bekamen deshalb den Namen
»Leliaerts«, weil sie der französischen Lilie anhingen. Weshalb sie die
Feinde des Vaterlands so begünstigten, wird sich aus dem Folgenden leicht
entnehmen lassen.
Seit einigen Jahren waren durch die kostbaren Ritterspiele, die
inländischen Kriege und die weiten Kreuzfahrten die meisten Edelleute
verarmt. Hierdurch sahen sie sich gezwungen, ihre Stadt- und
Herrschaftsrechte an die Einwohner gegen große Summen zu verkaufen und
ihnen Freiheiten und Vorrechte zu verleihen.
Die Städte verarmten wohl anfangs dadurch; doch bald trug die erkaufte
Freiheit die schönsten Früchte. Das niedere Volk, das vordem mit Leib und
Eigen den Edlen zugehörte, begriff nun, daß es den Schweiß seines
Angesichts nicht mehr für ungerechte Herren vergoß. Es erwählte sich
Bürgermeister und Ratsherren und bildete eine Regierung, um welche die
Herren des Landes sich nicht im mindesten zu kümmern hatten. Die Gilden
wirkten vereint für die allgemeine Wohlfahrt und setzten Obmänner ein,
welche der Sachwaltung vorstanden. Die liebenswürdigste Gastfreiheit lockte
Fremde aus allen Weltgegenden nach Flandern, und der Handel entfaltete ein
Leben und eine Betriebsamkeit, wie sie unter den Lehensherren unmöglich
gewesen waren. Der Gewerbefleiß blühte, das Volk wurde reich und war stolz
auf die so lang verkannte Würde, es erhob sich mehr als einmal mit den
Waffen in der Hand gegen die früheren Herren. Die Edlen sahen ihre Rechte
und Güter dadurch schwer bedroht und suchten durch List und Gewalt die
wachsende Macht der Gemeinden zu behindern; doch das war ihnen nie
geglückt. Denn der Reichtum der Städte erlaubte selbigen, ein Heer
aufzubieten, die bestehenden Freiheiten zu verteidigen und sie
ungeschmälert zu bewahren. In Frankreich war das anders. Philipp hatte in
seiner Geldnot wohl zuweilen den dritten Stand oder die Bürger
zusammengerufen; aber dieses verlieh dem Volke nur zeitweilig einiges
Ansehen, das unmittelbar darauf durch die Lehensherren wieder vernichtet
wurde.
Die zurückgebliebenen Edlen, die in Flandern nicht mehr viel zu sagen
hatten und nun mit allen anderen gleiche Eigentumsrechte besaßen,
betrauerten gar sehr ihre verlorene Macht. Um sie wieder zu erhalten,
hätten sie die blühenden Gemeinden zerstören müssen. Da es in Frankreich
noch keine Freiheit gab und die Herrschaft der Lehensherren dort noch
ausschließlich und gewaltherrlich war, so hofften sie, Philipp der Schöne
würde die Verhältnisse in Flandern umstoßen und ihnen die einstigen Rechte
wieder verleihen. Deshalb also begünstigten sie Frankreich gegen Flandern,
und das trug ihnen den Schimpfnamen Leliaerts[16] ein. Deren gab es zu
Brügge, das damals nächst Venedig die reichste Handelsstadt der Welt war,
sehr viele. Sogar die Bürgermeister und andere Verwaltungsbeamte, die ihre
Stellung französischem Einfluß verdankten, waren Leliaerts.
[16] Leliaert = Lilienverehrer. Vgl. das Wappen des französischen
Herrscherhauses.
Die Gefangennahme des Grafen und der ihm treu gebliebenen Edelleute wurde
von ihnen mit Freude begrüßt; denn nun war Flandern Philipp dem Schönen
ausgeliefert und dieser konnte daraufhin alle Gesetze und Vorrechte
umstoßen.
Der Wortbruch des französischen Hofes erfüllte das Volk mit größter
Bestürzung. Das Mitleid steigerte noch die Liebe, mit der es jeder Zeit
seinem Grafen ergeben war, und diese Treulosigkeit löste Empörung aus. Aber
die zahlreichen französischen Truppen, die allenthalben lagen, und die
Uneinigkeit unter den Bürgern brach vorerst den patriotischen
Klauwaarts[17] den Mut. So blieb Philipp der Schöne ruhig im Besitz von
Gwijdes Erbteil. Als die traurige Mär nach Flandern kam, begab sich Maria,
die Schwester Adolfs van Nieuwland, mit zahlreicher Dienerschaft nach
Wijnendaal, um ihren verwundeten Bruder in einer Tragbahre in sein
Vaterhaus nach Brügge zu überführen. Die junge Machteld folgte angesichts
der schmerzlichen Trennung von all ihren Blutsverwandten der neuen Freundin
und verließ Schloß Wijnendaal, das französische Besatzung erhalten hatte.
[17] Zu dieser Zeit wurden die französisch gesinnten Vlaemen
Leliaerts genannt, wogegen die Freunde des Grafen und der
Unabhängigkeit des Landes unter dem Namen Klauwaarts bekannt
waren; dies bezog sich auf die Klauen, womit der Löwe von
Flandern die Lilien zu bedrohen schien. (Voisin, Notice sur la
bataille de Courtrai.)
Das Haus der Familie Nieuwland lag an der spanischen Straße zu Brügge. Zwei
runde Türme ragten zu beiden Seiten des Giebels mit ihren Wetterhähnen über
das Dach und beherrschten alle umliegenden Gebäude. Zwei Pfeiler aus
Quadersteinen in griechischem Stil stützten den Torbogen, den der Schild
und Wahlspruch derer van Nieuwland zierte: »Pulchrum pro patria mori!« Zu
beiden Seiten des Schildes schwebte ein Engel mit Palmenzweigen in der
Hand. In einem Gemach, welches fern genug von dem dauernden Lärm der Straße
lag, ruhte der kranke Adolf auf einem kostbaren Bett. Er war so bleich und
durch den Schmerz der Wunde so abgezehrt, daß man ihn kaum wiedererkennen
konnte. Zu Häupten des Bettes stand auf einem Tischchen ein kleiner Krug
und ein silberner Becher. An der Wand hing der Harnisch, der unter
Saint-Pols Waffe geborsten war und dadurch Adolfs Wunde verschuldet hatte;
daneben eine Harfe mit zerrissenen Saiten. Rings um ihn war es totenstill.
Da die Fenster halb geschlossen waren, wurde das Gemach nur schwach
erleuchtet.
Schweigend saß in einer Ecke Machteld, mit niedergeschlagenen Augen. Der
Falke auf der Lehne ihres Stuhles schien an dem Gram der Gebieterin
teilzunehmen: den Kopf unter dem Flügel ruhte er regungslos. Einst war das
Mägdelein in ihrer munteren Fröhlichkeit gegen jeden Schmerz gefeit
gewesen; nun war sie ganz umgewandelt. Die Gefangenschaft aller, die ihr
teuer waren, hatte ihr junges Herz tief erschüttert. Jetzt schien ihr alles
schwarz und düster: der Himmel war für sie nicht mehr blau, die Felder
nicht mehr grün, -- durch ihre Träume zogen sich nicht mehr Gold- und
Silberfäden. Nur Kummer und stille Verzweiflung fanden den Weg zu ihrem
Herzen; nichts konnte sie über den schmerzlichen Gedanken an die
Gefangenschaft ihres Vaters trösten.
Nach einiger Zeit erhob sie sich aus ihrer Regungslosigkeit und nahm ihren
Falken auf die Hand. Weinend blickte sie auf den Vogel, und während sie hie
und da eine Träne auf ihren bleichen Wangen trocknete, flüsterte sie leise:
»Du treuer Vogel, traure nicht so bang, mein Vater wird bald wiederkehren.
Die böse Königin von Navarra soll ihm kein Leid antun: ich hab so heiß für
ihn zum heiligen Michael gebetet, und Gott ist immer gerecht. Darum traure
fürder nicht, du lieber Falke.«
Das Mägdelein weinte heiße Tränen. Schienen auch ihre Worte voller Trost
und Hoffnung -- in ihrem Herzen wohnte tiefer Gram. Und weiter sprach sie:
»Du armer Falke, nicht wirst du nun mehr in den Gefilden unseres
väterlichen Schlosses jagen; Franzosen hausen in unserem schönen
Wijnendaal. Meinen unglücklichen Vater haben sie in einen Kerker geworfen,
in schwere Ketten geschlossen. In dunklem Gefängnis schmachtet er so
einsam, und wer weiß, ob ihn nicht die grausame Johanna noch umbringt! Ach
du mein lieber Vogel, dann werden auch wir vor Angst vergehen. -- Der
Gedanke, der furchtbare Gedanke allein raubt mir alle Kraft. Ach! setze
dich doch nieder, meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen.«
Das trostlose Kind sank ermattet in den Sessel, doch ihr Antlitz ward nicht
bleicher; waren doch schon längst die Rosen auf ihren Wangen gewelkt, die
Augenlider durch ewiges Weinen gerötet. Der Huldreiz ihrer Züge war
geschwunden und ihr Auge ohne Feuer und Leben.
Lange blieb sie so in Traurigkeit versunken; der Reihe nach grübelte sie
über all das nach, was ihre Verzweiflung nur noch steigern mußte. Die
traurigen Gedanken weckten die schauerlichsten Vorstellungen. Sie sah ihren
unglücklichen Vater gefesselt in einem feuchten Kerker, hörte seine Ketten
rasseln, hörte den Widerhall seiner wehen Seufzer an dieser grausen Stätte.
Auch der Gedanke, daß man in Frankreich so häufig die Menschen vergiftete,
quälte sie beständig, und die gräßlichsten Bilder tauchten vor ihren Augen
auf. Solcherart wurde das Mägdelein unaufhörlich gefoltert und lebte in
tödlicher Pein.
Ein unterdrückter Seufzer tönte vom Bette her. Schnell wischte Machteld die
Tränen von ihren Wangen und eilte in banger Sorge zu dem Kranken. Sie goß
den Trank in die silberne Schale, stützte mit der rechten Hand ein wenig
Adolfs Haupt und brachte die Schale an seinen Mund.
Weit öffnete der Ritter die Augen und heftete sie voller Staunen auf das
junge Mägdelein. Dankbarkeit sprach aus seinen matten Blicken, und ein
unbeschreibliches Lächeln verklärte seine bleichen Züge.
Seit seiner Verwundung hatte der Kranke noch nicht wieder verständlich
gesprochen; es schien sogar, als ob er die Worte, die man leise zu ihm
sprach, nicht vernahm. Doch als Machteld ihn in den ersten Tagen seiner
Krankheit freundlich ermunterte: »Werde doch gesund, armer Adolf, mein
teurer Bruder; ich will für dich beten, denn dein Tod würde mich noch
unglücklicher machen,« -- und mancherlei, was sie ganz arglos an seinem
Bette sprach, hatte Adolf gar wohl vernommen und verstanden, wenn es ihm
auch an Kraft gebrach, zu sprechen.
In der vergangenen Nacht hatte sich Adolfs Zustand wirklich gebessert. Nach
langem Kampf hatte ihm die Natur heilsamen Schlaf geschenkt, und daraus war
er mit neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer, der sich bei seinem Erwachen
seiner Brust entrang, war kräftiger, als es ihm seine Wunde bisher
gestattet hatte.
Als nun Machteld den Becher von seinem Munde nahm, faßte sie gewaltiges
Staunen; denn mit schwacher, doch klarer Stimme sprach er:
»O edle Jungfrau! Mein lieber Schutzengel! Ich danke dem gütigen Gott für
den Trost, den er mir durch Euch beschert hat. Bin ich der Sorge wert, edle
Maid, daß Eure durchlauchtige Hand mein Haupt so freundlich stützt? Seid
gesegnet für Eure Mühen um einen armen Rittersmann.«
Das Mägdelein sah ihn verwundert an; als sie aber merkte, wie sehr er an
Lebenskraft gewonnen hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und
lieh ihrer Freude jubelnden Ausdruck.
»O, Ihr werdet wieder genesen, Herr Adolf!« rief sie. »Nun mag ich nicht
mehr trauern; jetzt werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich
tröstet.«
Als erinnerte sie sich dann aber an etwas Vergessenes, hemmte sie jäh ihre
heftige Bewegung; ihr Gesicht wurde ernst, und kniend warf sie sich vor
einem Kreuz am Kopfende des Bettes nieder. Sie faltete ihre Hände und
richtete ein langes Dankgebet an den Herrn, der ihren Freund und Bruder
Adolf hatte genesen lassen. Dann erhob sie sich, blickte noch einmal den
Ritter an und sprach fröhlich:
»Haltet Euch recht still, Herr Adolf, und rühret Euch nicht, so hat es
Meister Rogaert geheißen.«
»Was habt Ihr nicht alles für mich getan, durchlauchtigste Tochter meines
Herrn,« sprach Adolf. »Beständig vernahm ich Eure Gebete, so manches Mal
hat Eure tröstende Stimme mein Herz gestärkt! Ja, im Schlummer schien es
mir, daß ein Engel Gottes den Tod von meinem Bett abwehrte. Ein Engel, der
mein Haupt stützte, meinen brennenden Durst mitleidig stillte und mir
unaufhörlich versicherte, daß ich nicht sterben würde. Möge Gott mir bald
meine Gesundheit wieder geben, auf daß ich mein Blut für die Euren
vergießen kann.«
»Herr van Nieuwland,« entgegnete das Mägdelein, »Ihr habt Euer Leben für
meinen Vater gewagt; Ihr liebt ihn so treu wie ich; ziemte es mir da nicht,
Euch meine Dankbarkeit zu beweisen und für Euch wie für meinen Bruder zu
sorgen? Der Engel, den Ihr sahet, war der heilige Michael, den ich bat, daß
er Euch seine Hilfe leihe. -- Nun will ich geschwind Eure gute Schwester
Maria rufen; sie soll sich mit mir über Eure Besserung freuen.«
Sie verließ den Ritter und kam einige Augenblicke danach mit Maria ins
Gemach zurück. Ihre Freude über die Fortschritte in Adolfs Befinden sprach
aus ihren Zügen und ihrer ganzen Haltung. Ihre Bewegungen wurden rascher
und bestimmter; die Tränen waren versiegt, und der treue Vogel hörte wieder
heitere Worte. Sobald sie mit Maria in das Gemach zurückgekehrt war, hatte
sie den Falken vom Stuhl auf ihre Hand genommen und war mit ihm an Adolfs
Bett getreten.
»Mein teurer Bruder,« rief Maria und küßte ihn auf die bleiche Wange, »du
wirst gesund; nun werden die trüben Träume von mir weichen. O, wie bin ich
froh! Wie oft habe ich an deinem Bette in bittrem Herzeleid geweint, wie
oft glaubte ich, daß du sterben würdest, doch nun schwindet aller Gram.
Willst du trinken, Bruder?«
»Nein, gute Maria,« antwortete Adolf. »Nie habe ich in meiner Krankheit
Durst gelitten: hat mich doch die edelmütige Machteld gar fürsorglich
gelabt! Sobald ich nur zum heiligen Kreuz[18] wandern kann, soll mein Gebet
den Segen Gottes auf sie niederflehen, auf daß ihr nie ein Unglück
widerfahren möge.«
[18] Ein Dorf in geringer Entfernung von der Stadt Brügge. Es war
dort eine berühmte Kapelle zum heiligen Kreuze.
Inzwischen erzählte Machteld eifrig flüsternd ihrem Falken von der
erfreulichen Besserung. Als der Vogel seine Gebieterin so fröhlich sah,
schüttelte er sein Gefieder, als rüstete er sich zur Jagd.
»Treuer Vogel,« sagte das Mägdelein, indem es des Falken Kopf Adolf
zuwandte, »sieh, nun wird Herr van Nieuwland gesund, den wir so lange in
tiefem Schweigen daliegen sahen. Nun können wir zusammen sprechen und
werden nicht mehr so im Dunkeln sitzen. Unsere Furcht entschwand, und so
wird auch aller Kummer entweichen, denn nun wirst du wohl inne, daß Gott
gütig und gerecht ist. Ja, mein schöner Falke, so endet wohl auch dereinst
die bittere Gefangenschaft von ...«
Hier merkte Machteld, daß sie fast etwas gesagt hätte, was der kranke
Ritter nicht wissen sollte. Aber brach sie auch kurz ab, das Wort
»Gefangenschaft« erklang befremdend in Adolfs Ohr. Auch die Tränen, die er
bei seinem Erwachen auf des Mägdeleins Wangen bemerkt hatte, erfüllten ihn
nun mit banger Ahnung.
»Was sagt Ihr, Machteld?« rief er, »von wessen Gefangenschaft sprecht Ihr?
Ihr weint! Himmel, was ist Euch widerfahren?«
Machteld durfte nicht antworten; aber Maria lenkte geschickt ein und
flüsterte ihm ins Ohr:
»Sie meint die Gefangenschaft ihrer Tante Philippa; sprich nicht mehr
darüber; denn sie weint unaufhörlich. Da es dir nun besser geht, kann ich
bald Wichtiges mit dir besprechen, wenn Meister Rogaert es erlaubt; aber
sie darf uns nicht hören, auch will ich erst Meister Rogaert erwarten. Nun
bleib' ruhig, lieber Bruder, ich will Machteld in ein anderes Zimmer
führen.«
Der Ritter ließ sein Haupt in die Kissen sinken und stellte sich, als ob er
ruhe. Alsbald wandte sich Maria zu Machteld und sprach:
»Kommt, laßt uns gehen; denn Adolf möchte ein wenig schlafen. Aus
Dankbarkeit gegen Euch spricht er zu viel.«
Das Mädchen folgte willig ihrer Freundin. Bald darauf trat der Wundarzt
Rogaert ein, und Maria führte ihn zu ihrem Bruder.
»Nun, Herr Adolf,« rief Rogaert und ergriff seine Hand, »ich sehe, es geht
gut. Nur keine Furcht, wir sind nun über den Berg. Ich brauche Eure Wunde
jetzt nicht zu verbinden. Trinkt nur reichlich von diesem Wasser und haltet
Euch so ruhig wie möglich. In weniger als einem Monat werden wir eine
Wanderung zusammen machen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Rückfälle
eintreten. Da aber Euer Geist nicht so krank ist wie Euer Körper, so
gestatte ich, daß Fräulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis berichtet;
aber bitte, Herr Adolf, erschreckt nur nicht und bleibt immer hübsch
ruhig.«
Maria hatte schon zwei Stühle herangeschoben und setzte sich mit Meister
Rogaert beim Kopfende des Bettes nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie
voll gespannter Neugierde. Man konnte in seinen Zügen lesen, wie sehr es
ihm schon jetzt nahe ging.
»Laß mich erst ganz ausreden,« begann Maria, »unterbrich mich nicht und sei
vernünftig, lieber Bruder. -- Am Abend deines Mißgeschicks rief unser Graf
seine getreuen Lehnsleute zusammen und teilte ihnen mit, daß er nach
Frankreich reisen wolle, um dem König Philipp dem Schönen zu Füßen zu
fallen, und Gwijde von Flandern zog also mit den Edlen nach Compiègne; aber
dort wurden sie allesamt gefangen genommen, und nun wird unser Land von den
Franzosen beherrscht. Flandern untersteht Raoul von Nesle ...«
Dieser knappe Bericht ergriff den Ritter nicht so heftig, als man hätte
erwarten sollen. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken
versunken.
»Ist das nicht traurig?« fragte Maria.
»O großer Gott!« seufzte Adolf, »welche holde Seligkeit hast du Gwijde
zugedacht, da er so viele Demütigungen hienieden erdulden muß! -- Aber sage
mir, Maria, ist auch der Löwe von Flandern gefangen?«
»Ja, lieber Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges in Berry gefangen
und Herr Wilhelm in Rouen. Von all den Edlen, die mit ihm beim Grafen
waren, ist nur einer diesem traurigen Schicksal entgangen -- der listige
Dietrich.«
»Nun begreife ich auch die abgebrochenen Worte und die Tränen der
unglücklichen Machteld. -- Ohne Vater, ohne Verwandte muß die Tochter des
Grafen von Flandern bei Fremden Zuflucht suchen!«
Hell funkelten seine Augen, sein Gesicht strahlte vor Begeisterung, und er
fuhr fort:
»Das teure Kind meines Fürsten und Gebieters ist mein Schutzengel gewesen!
Wohl ist sie jetzt verlassen, unglücklich, allen Verfolgungen ausgesetzt;
aber eingedenk der Wohltaten des Löwen werde ich über sie wachen wie über
ein Heiligtum. O, welch schöne, welch erhabene Aufgabe ward mir zuteil! Wie
ist mir nun das Leben wert, da ich es ganz der Dankbarkeit weihen kann.«
Nach kurzem, tiefem Nachdenken ward plötzlich sein Gesicht finster; flehend
blickte er den Arzt an und sprach:
»O Gott! wie quälend wird nun meine Wunde, wie unerträglich das
Krankenlager! Rogaert, werter Freund, o macht mich doch rasch gesund --
Gott wird's Euch vergelten, damit ich etwas für sie tun kann, die mich so
liebreich in meiner Krankheit gepflegt hat. Spart kein Geld, braucht die
köstlichsten Kräuter, die edelsten Arzneien, damit ich aus dem Bett komme,
denn hier werde ich fürder keine Ruhe mehr haben!«
»Aber, Herr van Nieuwland,« antwortete Rogaert, »die Heilung Eurer Wunde
läßt sich nicht beschleunigen, die Natur muß immer Zeit haben, die
Wundflächen wieder zu vereinigen. Geduld und Ruhe werden Euch mehr helfen
als alle Wundersteine. Aber wir wollten Euch noch mehr sagen. Wißt, daß die
Franzosen überall die Herren spielen und mit jedem Tag hochmütiger werden.
Bisher haben wir die junge Machteld noch ihren Augen entzogen, aber wir
fürchten, sie könnte doch einmal entdeckt werden, und dann kann es
geschehen, daß auch sie an Johanna von Navarra ausgeliefert wird.«
»Heiliger Himmel!« rief Adolf aus, »Ihr habt recht, Meister Rogaert, man
würde sie nicht schonen! Aber was tun? Welch Elend, so da zu liegen,
während sie meine Hilfe braucht!«
»Ich weiß einen Platz,« erwiderte Rogaert, »wo Machteld in Sicherheit sein
würde.«
»O, Ihr rettet mich aus der Verzweiflung, sagt rasch, wo das ist!«
»Meint Ihr nicht, Adolf, daß sie im Jülicher Lande bei ihrem Ohm Wilhelm in
aller Ruhe bleiben könnte?«
Bei dieser Frage erschrak der Ritter sichtlich. Sollte er Machteld in
fremde Lande ziehen lassen? Sollte er sich selbst in die Unmöglichkeit
setzen, ihr zu helfen, sie zu verteidigen? Dazu konnte er sich nicht
entschließen, da er sich doch schon innerlich vorgenommen hatte, Machteld
persönlich ihrem Vater zurückzugeben und sie vor jeder Kränkung zu
bewahren.
Er bot all seine Seelenkräfte auf, um einen anderen Weg zu finden, ohne daß
sie so weit von ihm fort mußte. Als er ihn gefunden glaubte, verklärte die
Freude sein Gesicht, und er entgegnete:
»Wahrlich, Meister Rogaert, dieser Ort scheint mir recht günstig; aber Ihr
sagt selbst, daß die französischen Banden über ganz Flandern verstreut
sind; deshalb wäre solche Reise für ein Edelfräulein wohl zu gefährlich.
Mit einem Geleit stände es noch ärger. Und sollte ich Jungfrau Machteld
allein mit einigen Dienern ziehen lassen? Nein! ich muß über sie wie über
mein Seelenheil wachen, denn Robrecht van Bethune wird von mir einst seine
Tochter zurückfordern.«
»Aber, Herr Adolf, erlaubt mir zu erwidern, daß Ihr die Jungfrau noch mehr
bloßstellt, wenn Ihr sie in Flandern haltet; denn wer soll sie beschirmen?
Ihr nicht, -- dazu seid Ihr nicht imstande. -- Die Herren der Stadt werden
es auch nicht tun, sie sind ja Frankreich ergeben. Was würde aus dem armen
Edelfräulein werden, wenn die Franzosen es entdeckten?«
»Ich habe ihren Beschirmer bereits gefunden,« antwortete Adolf, -- »Maria,
schick' bitte einen Knecht zu dem Zunftmeister der Wollenweber, er möchte
mich besuchen. Meister Rogaert, ich beabsichtige, unsere junge Edeldame
unter den Schutz der Gemeinde zu stellen. -- Findet Ihr den Einfall nicht
gut?«
»O ja, er ist nicht übel, aber es wird Euch nicht glücken; denn das Volk
ist aufgebracht gegen alles, was sich adlig nennt; man darf ihm damit nicht
kommen. -- Und eigentlich haben sie nicht so unrecht, Herr Adolf, denn die
meisten der Edelleute halten zu den Feinden und wollen die Rechte der
Gemeinden vernichten.«
»Das kann mich von meinem Vorhaben nicht abbringen, Meister Rogaert. Mein
Vater hat der Stadt Brügge viele Vorrechte verschafft, und der Zunftmeister
der Weber und seine Kameraden haben das nicht vergessen. Sollte es mir aber
dennoch mißglücken, so werden wir überlegen, wie wir die Jungfrau nach
Jülich bringen.«
Etwa eine halbe Stunde nach dieser Unterredung trat Meister De Coninck,
Obmann der Wollweber, in Adolfs Zimmer.
Ein langes Koller von braunwollenem Tuche, ohne Zierat oder Borten, also
gänzlich verschieden von der stolzen Kleidung der Edlen, wallte bis auf
seine Füße herab. Man sah, daß der Vorsteher der Weber absichtlich allen
Putz mied, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Hochmut mit Hochmut
zu beantworten; denn dieses wollene Wams umhüllte den mächtigsten Mann von
Flandern. Auf dem Haupte trug er eine flache Mütze, unter der seine Haare
einen halben Fuß lang über die Ohren fielen. Ein Gürtel hielt die weiten
Falten seines Kollers über den Hüften zusammen, und der Griff eines
Kreuzmessers blinkte an seiner Seite. Da er ein Auge verloren hatte, war
sein Antlitz nicht sehr einnehmend. Ungewöhnliche Blässe, vorstehende
Backenknochen und die gefurchte Stirn verliehen seinem Gesicht einen
sinnenden Ausdruck. Gewöhnlich fiel nichts Besonderes an ihm auf; wenn
aber etwas seine Aufmerksamkeit erregte, ward sein Blick durchdringend und
lebhaft; dann leuchtete sein kluger, männlicher Geist aus dem einzigen
Auge, das ihm noch geblieben war, und seine Haltung wurde trotzig und
stolz. Beim Eintreten betrachtete er wie ein mißtrauischer Fuchs die
Menschen im Zimmer und zumal Meister Rogaert; denn er merkte gleich, daß
dieser listiger war als die anderen.
»Meister De Coninck,« sprach Adolf, »wollet bitte näher treten. Ich habe
eine Bitte, die Ihr mir nicht abschlagen werdet; denn meine ganze Hoffnung
ruht auf Euch. Aber erst müßt Ihr mir geloben, das Geheimnis, welches ich
Euch anvertrauen will, niemandem zu entdecken.«
»Die Rechtfertigkeit und die Freundlichkeit des Herrn van Nieuwland sind
den Wollwebern noch unvergessen,« antwortete De Coninck, »deshalb mögen
Euer Edeln auf mich als einen dankbaren Diener rechnen. Sollte allerdings
Eure Bitte den Rechten des Volkes und der Gemeinde widersprechen, so würde
ich Euch raten, das Geheimnis für Euch zu behalten und nichts von mir zu
verlangen.«
»Seit wann,« rief Adolf etwas unwillig, »seit wann, Meister, haben die
Herren van Nieuwland Eure Rechte verkürzt? Ihr beleidigt mich.«
»Vergebt mir, Herr, wenn Euch meine Worte verletzt haben,« entgegnete De
Coninck; »es ist so schwer, die Guten von den Bösen zu unterscheiden, daß
man klüglich allen mißtraut. Gestattet mir eine Frage, um allen Zweifel in
mir zu zerstreuen: Ist Euer Edeln ein Leliaert?«
»Ein Leliaert?« fuhr Adolf entrüstet auf, »nein, Meister De Coninck, in mir
pocht ein Herz, das allen Franzosen feind ist; meine Bitte an Euch sollte
gerade gegen sie gerichtet sein.«
»O Herr, dann sprecht frei heraus, ich stehe zu Euren Diensten.«
»Schön. Also Ihr wißt, daß unser Graf Gwijde mit all' seinen Edlen gefangen
ist; noch aber ist jemand in Flandern verblieben, die, aller Hilfe, alles
Beistands bar, des Mitleids der Vlaemen um ihres Unglücks und ihrer edlen
Abkunft willen wert ist.«
»Ihr sprecht von Jungfrau Machteld, der Tochter des Herrn van Bethune,«
fiel De Coninck ein.
»Woher wißt Ihr das?« fragte Adolf erstaunt.
»O, ich weiß noch mehr. So heimlich habt Ihr Machteld nicht in Eure Wohnung
bringen können, daß De Coninck es nicht gewußt hätte, und sie würde sie
auch nicht ohne mein Wissen verlassen haben. Aber seid nur ruhig; ich kann
Euer Edeln versichern, daß nur wenige Personen in Brügge außer mir um
dieses Geheimnis wissen.«
»Meister, Ihr seid ein wunderlicher Mann; doch Euer Edelmut bürgt mir
dafür, daß Ihr die junge Tochter des Löwen von Flandern gegen die Gewalt
der Franzosen beschützen werdet, falls es nötig wäre.«
De Coninck entstammte wohl dem Volke, aber er war einer jener seltenen
Geister, die durch Verstand und Einsicht die geborenen Beherrscher ihrer
Mitmenschen sind. Kaum hatten die Jahre seine Gabe zur Reife gebracht, da
rüttelte er seine Brüder aus ihrem trägen Schlummer, überzeugte sie von der
Macht der Einigkeit und erhob sich mit ihnen wider die Zwingherren. Die
wollten freilich das Erwachen ihrer einstigen Sklaven gewaltsam hindern,
doch vergeblich: De Conincks Beredsamkeit hatte den Geist seiner Brüder so
hoch gestimmt, daß sie kein Joch mehr tragen mochten. Wurden sie dennoch
bisweilen mit bewaffneter Hand unterdrückt, so beugten alle demütig den
Nacken, und De Coninck tat, als ob ihm Sprache und Verstand fehle; aber
sein rastloser Geist ruhte nicht: Kaum hatte er den Mut seiner Brüder in
der Stille wieder gestählt, so standen sie vereint gegen die Bedrücker auf,
und die Gemeinde erlangte wieder ihre Freiheit. Alle politischen Pläne der
Edelleute zerstoben vor De Conincks Geist, und durch ihn sahen sie all ihre
Rechte auf das Volk schwinden, ohne es hindern zu können. Entschieden hat
De Coninck mit am meisten das Verhältnis der Edlen zum Volke umgestaltet;
all sein Planen galt lediglich der Erhebung eines Volkes, das so lange in
der niederen Knechtschaft der Lehensherren geschmachtet hatte.
Als Adolf van Nieuwland die junge Machteld seinem Schutz anvertraute, da
lächelte er befriedigt, denn das war ja ein Triumph des Volkes, welches er
vertrat. Er berechnete die Vorteile, die ihm bei der Ausführung des großen
Befreiungsplanes aus der Gegenwart des durchlauchtigsten Edelfräuleins
erwachsen konnten.
»Herr van Nieuwland,« antwortete er, »Eure Bitte ehrt mich sehr. Alles soll
zum Schutz eines so edlen Sprosses geschehen.« Und um die Bedeutung des
Volkes noch mehr zu unterstreichen, fügte er hinzu:
»Aber sie könnte von hier entführt werden, noch ehe ich ihr zu Hilfe kommen
kann.«
Das erzürnte Adolf sehr, denn er schloß daraus, daß der Obmann nicht so
recht bei der Sache war. Deshalb erwiderte er:
»Wenn Ihr uns nicht tatkräftig helfen könnt, Meister, so ratet mir bitte,
was man am besten zum Schutze der Tochter unseres Landesherrn tun könnte.«
»Die Weberzunft ist stark genug, um das Edelfräulein vor allem Unheil zu
bewahren,« antwortete De Coninck listig; »ich kann Euch versichern, sie
würde hier in Brügge ebenso sicher wie in Deutschland wohnen können, wenn
ich sie beraten dürfte.«
»Aber wer hindert Euch daran?« fragte Adolf.
»O Herr, ein geringer Bürger kann nicht so ohne weiteres über seine
Landesherrin verfügen; sollte es ihr aber belieben, künftig meinem Rate zu
folgen, so könnte ich für sie einstehen.«
»Ich verstehe Euch nicht recht, Meister. Was verlangt Ihr denn von der
Jungfrau? Ihr wollt sie doch nicht anderswohin bringen?«
»O nein; -- aber sie dürfte sich nicht ohne mein Wissen auf die Straße
begeben, sich auch nicht weigern, auszugehen, wenn ich es für nötig halte.
Übrigens soll es Euch freistehen, mir diese Vollmacht zu entziehen, sobald
Ihr an meiner Aufrichtigkeit zweifelt.«
Da De Coninck in Flandern für einen der verständigsten Männer galt, so nahm
Adolf an, daß sein Verlangen von Vorsicht diktiert war, und gestand ihm
deshalb alles zu, unter der Bedingung, daß er persönlich für die Jungfrau
einstehe. Der Obmann machte alsdann darauf aufmerksam, daß er die edle
Machteld nicht kannte, und deshalb wurde sie von Maria herbeigeholt.
De Coninck verbeugte sich tief und demütig vor ihr; das Mägdelein aber
betrachtete ihn erstaunt, denn es wußte nicht, wer er war. Da hörte man
plötzlich Lärm auf dem Gang, als ob zwei Menschen sich stritten.
»So wartet doch!« rief einer von ihnen, »ich will gehen und fragen, ob Ihr
eintreten dürft.«
»Was?« rief eine andere noch gewaltigere Stimme, »Ihr wollt die Fleischer
fernhalten, während die Weber zugelassen werden? Rasch, macht Platz, oder
Ihr werdet es bereuen!«
Die Tür ging auf, und ein junger kräftig gebauter Mann mit stolzen Zügen
trat ins Zimmer. Er trug ein Koller wie De Coninck, nur war es
geschmackvoller verziert. Ein großes Kreuzmesser steckte in seinem Gürtel.
Als er in das Zimmer trat, warf er sein langes blondes Haar zurück und
blieb verblüfft an der Tür stehen. Er hatte geglaubt, den Obmann der Weber
mit einigen seiner Genossen zu finden. Als er jetzt aber diese herrliche
Jungfrau und vor ihr De Coninck in demütiger Haltung erblickte, wußte er
nicht, was er denken sollte. Doch ließ er sich weder hierdurch, noch durch
Meister Rogaerts forschende Blicke außer Fassung bringen. Er entblößte
sein Haupt, verbeugte sich hastig vor allen anwesenden Personen und ging
stracks auf De Coninck zu. Dem klopfte er freundschaftlich auf die Schulter
und meinte:
»Meister Peter, ich suche Euch schon seit zwei Stunden in der ganzen Stadt,
aber ich konnte Euch nirgends finden. Ihr wißt ja noch nicht, was vorgeht,
was ich Euch für Nachrichten bringe.«
»Nun, was gibt es denn, Meister Breydel?« fragte De Coninck ungeduldig.
»Starrt mich doch nicht so mit Eurem grauen Auge an,« rief Jan Breydel,
»denn Ihr wißt wohl, daß ich mich vor Eurem Katzenblick nicht fürchte. Doch
einerlei -- wisset denn, König Philipp der Schöne und die verfluchte
Johanna von Navarra kommen morgen nach Brügge. -- Und die sauberen Herren
vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischer, und ich weiß nicht
wie viele noch zum Herrichten von Triumphbogen, Wagen und Schafotten
verlangt.«
»Und was besagt denn das so Außerordentliches, daß Ihr so lauft?«
»Wie, Meister! -- was das besagt? Mehr, als Ihr denkt; denn nicht ein
einziger Fleischer mag helfen, und dreihundert Weber warten auf Euch vor
dem Pand[19]. Was mich betrifft, so sollen sie nur warten, bis ich mich für
die rühre. Die Goedendags[20] stehen bereit, die Messer sind geschliffen.
Ihr wißt wohl, was das bei meiner Zunft besagen will.«
[19] Die Zünfte hatten besondere Gebäude, wo sie sich
versammelten und ihr Festgerät, wie Standarten usw., bewahrten.
Dies nannte man »Pand«.
[20] Sprich: Gutentags. -- Die Vlaemen hatten eine fürchterliche
Waffe, die sie mit großer Behendigkeit zu gebrauchen wußten. Es
waren lange Speere, mit einer eisernen Spitze versehen. Sie
hatten sie aus Scherz »Goedendags« genannt, was so viel
bedeutete, als daß sie den Feind damit tüchtig begrüßen konnten.
Die Anwesenden lauschten neugierig den ungezwungenen Worten des Fleischers.
Seine Stimme war angenehm und wohlklingend, ohne die Weichheit einer
Frauenstimme. De Coninck bedachte, daß Breydels Vorhaben heikel war und
antwortete daher:
»Meister Jan, ich komme mit; wir werden unter uns die nötigen Maßnahmen
treffen. Erst aber erkennet in dieser edlen Jungfrau die Tochter von
unserem Herrn Robrecht van Bethune!«
Breydel warf sich bestürzt vor Machteld auf die Knie, blickte zu ihr auf
und rief:
»O meine durchlauchtigste Gebieterin! vergebt mir die unbesonnenen Worte,
die ich ahnungslos vor Euch sprach. Die edle Tochter des Löwen von
Flandern, unseres Herrn, möge es einem geringen Bürger nachsehen.«
»Steht auf, Meister,« antwortete Machteld freundlich. »Eure Worte haben
mich nicht verletzt; denn Liebe zum Vaterland und Haß gegen unsere Feinde
gaben sie Euch ein. Ich danke Euch für Eure Treue.«
»Gnädige Gräfin,« sprach Breydel, und stand auf, »Euer Edeln können nicht
glauben, wie sehr ich die Snakkers[21] und Leliaerts hasse! O, könnte ich
das Leid rächen, das dem Hause von Flandern angetan wurde, -- o, könnt'
ich's doch! Aber der Obmann der Wollenweber kommt mir immer dazwischen.
Vielleicht hat er recht, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben; aber ich
kann kaum an mich halten. Morgen kommt die falsche Königin von Navarra nach
Brügge: Gott wende meinen Sinn, sonst sieht sie ihr verhaßtes Frankreich
nicht wieder.«
[21] Wenn die Brügger kamen, um ihre Steuern zu bezahlen, wurden
sie von den französischen Beamten barsch angefahren. Sie nannten
die Scheltworte: »de Snakkers«. Die Brücke, an der das Zollhaus
stand, heißt noch heute die »Snaggaartsbrücke«.
»Meister,« sprach Machteld, »wollt Ihr mir etwas versprechen?«
»Ich Euch etwas versprechen, edle Dame? Wie gütig sprecht Ihr doch zu Eurem
unwürdigen Diener! Ein Gedanke von Euch soll mir ein heiliges Gebot sein,
durchlauchtige Jungfrau!«
»Gut; ich wünsche, daß Ihr während der Anwesenheit Eurer neuen Fürsten die
Ruhe nicht stört.«
»Es soll geschehen,« sagte Breydel betrübt, »ich hätte lieber gehört, daß
Ihr meinen Arm und mein Messer braucht. Aber was nicht ist, kann noch
werden!«
Dann beugte er nochmals ein Knie vor der jungen Machteld und fuhr fort:
»Ich bitte, ich beschwöre Euch, edle Tochter des Löwen, vergeßt Euren
Diener Breydel nicht, falls Ihr jemals mutiger Männer bedürfet. Die
Fleischerzunft wird ihre Goedendags und ihre Messer Euch zu Diensten
geschliffen halten.«
Das Mädchen erschrak nicht wenig über dies blutige Anerbieten; aber der
junge Mann gefiel ihr sehr.
»Meister,« entgegnete sie, »ich werde meinen Herrn und Vater, wenn ihn mir
Gott zurückgibt, von Eurer Treue in Kenntnis setzen; ich kann Euch nur
meiner Dankbarkeit versichern.«
Bei diesen Worten stand der Obmann der Fleischer auf und zog De Coninck am
Arm mit sich fort. Nachdem beide das Zimmer und das Nieuwlandsche Haus
verlassen hatten, plauderten die Zurückbleibenden noch lange über den
unerwarteten Besuch.
Als die beiden auf der Straße waren, begann De Coninck:
»Meister Jan, Ihr wißt, der Löwe von Flandern war immer ein Freund des
Volkes; deshalb ist es unsre Pflicht, seine Tochter wie ein Heiligtum zu
hüten.«
»Still,« sprach Breydel, »der erste Franzose, der sie unfreundlich ansieht,
soll mit meinem Kreuzmesser Bekanntschaft machen. Aber, Meister Peter, wäre
es nicht besser, wenn wir die Tore schlössen und Johanna nicht in die Stadt
ließen? Alle Fleischer stehen bereit; die Goedendags stehen hinter der Tür,
und auf den ersten Ruf sind die Leliaerts ...«
»Hütet Euch wohl, Gewalttätigkeiten zu begehen,« unterbrach De Coninck.
»Es ist überall Sitte, seinen Landesherrn prunkvoll zu empfangen -- das
kann also die Gemeinde nicht entehren. Es ist besser, die Kräfte für
wichtige Unternehmungen aufzusparen. Das Vaterland wimmelt von
französischen Kriegsknechten, und wahrscheinlich würden wir gegen sie den
kürzeren ziehen.«
»Aber, Meister, das dauert schon zu lange. Wir wollen lieber den Knoten mit
einem guten Messer durchschneiden, statt ihn so langsam zu lösen. Ihr
versteht --!«
»O ja, aber der Plan ist schlecht. Das beste Messer ist die Vorsicht,
Breydel. Es schneidet zwar langsam, aber es wird nie stumpf und bricht auch
nicht. -- Wozu wollt Ihr denn die Tore schließen? Nichts ist damit
gewonnen. Ich will Euch einmal etwas sagen: Laßt das Unwetter sich ruhig
verziehen, laßt die Kriegsknechte mählich nach Frankreich zurückkehren,
gebt den Französlingen und Leliaerts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit
nachläßt.«
»Nein,« warf Breydel ein, »unmöglich. -- Schon werden sie herrisch,
beginnen zu drohen; sie berauben die Bauern ihrer Freiheit und behandeln
uns Bürger wie Sklaven.«
»Desto besser, Meister Jan, desto besser!«
»Desto besser! was soll das heißen? Geht, Meister! Habt Ihr den Mantel
gedreht, wollt Ihr uns mit Eurer Fuchsesschläue verraten? -- Fast scheint
es mir, als wenn Ihr mit der Zeit etwas nach Lilien röchet!«
»Nein, nein, mein Freund Jan! Bedenkt nur wie ich, daß die Befreiung um so
schneller naht, je mehr die Erbitterung steigt. Würden sie ihr Tun
beschönigen, mit scheinbarer Gerechtigkeit herrschen, dann würde das Volk
im Joch entschlummern und das Gebäu unserer Freiheit sänke für immer dahin.
Seht, die Tyrannei der Herrscher brütet die Freiheit des Volkes wie eine
Henne aus. Sollten sie aber wagen, die Vorrechte unserer Stadt anzutasten,
so wäre ich der erste, der Euch zum Widerstand ermunterte -- aber auch dann
noch nicht zur offenen Gewalt. Es gibt andere Waffen, die sicherer
arbeiten.«
»Meister,« gestand Jan Breydel zu, »ich verstehe jetzt, Ihr habt immer
recht, als ständen Eure Worte auf Pergament. Aber es fällt mir sehr schwer,
die kecken Franzosen so lange zu ertragen; lieber noch wäre ich sarazenisch
als welsch[22]. Doch Ihr sagt ganz richtig: je mehr ein Frosch sich
aufbläst, desto eher platzt er. Ich muß zugeben: im Verstand sind uns die
Weber über.«
[22] In dieser Zeit bezeichnete man das französische Volk mit dem
Namen »Walen«. Diese Bezeichnung ist aus dem französischen Wort
»Gaulois« gebildet worden. Anscheinend haben die Walen ihren
Namen auf diese Weise erhalten. Jakob von Maerlant, ein Dichter
des 13. Jahrhunderts, nennt die französischen Dichter »welsche,
falsche Poeten«.
»Gut, Meister Breydel, und in Mut und Kühnheit die Fleischer. Gehen beide
Tugenden, Vorsicht und Mut, bei uns stets Hand in Hand, dann wird es den
Franzosen an Zeit fehlen, uns in Ketten zu schlagen.«
Der Obmann der Fleischer lachte laut und zufrieden über die Schmeichelei.
»Ja,« meinte er, »in meiner Zunft gibt's tapfere Leute, Meister Peter. Und
die Welschen sollen das merken, wenn der bittere Apfel reif ist. Aber da
fällt mir ein: wie wollt Ihr die Tochter des Löwen, unseres Herrn, den
Augen der Königin entziehen?«
»Ich werde sie ihr im Sonnenlicht zeigen.«
»Wie, Meister? Jungfrau Machteld Johanna von Navarra zeigen? Mir scheint,
Ihr redet irre! Seid Ihr auf den Kopf gefallen?«
»Keineswegs! Morgen, beim Einzug der fremden Herrschaften, sollen alle
Weber unter Waffen sein; Ihr werdet an der Spitze der Fleischer stehen. Was
können die Welschen dann ausrichten? Nichts natürlich. Schön. Dann stelle
ich Jungfrau Machteld in die vorderste Reihe, damit Johanna von Navarra sie
bestimmt bemerkt. So erfahre ich auch zugleich, was die Königin im Sinne
hat, und was wir für Machteld zu befürchten haben.«
»Recht so, Meister Peter! Ihr habt zu viel Verstand für einen sterblichen
Menschen! Ich werde die Tochter des Löwen bewachen und habe nur den einen
Wunsch, daß ein Franzose sie beleidigt, denn es juckt mir gewaltig in den
Fäusten. Aber heute muß ich noch nach Lijseele gehen und Hornvieh kaufen,
so lange werdet Ihr über die junge Gräfin wachen.«
»Nun seid nur ruhig, Freund Jan, und laßt Euer Blut nicht zu arg kochen.
So, da sind wir ja am Weber-Pand.«
Wie Breydel gesagt hatte, standen dort unzählige Weber vor der Tür. Alle
hatten sie Wämser und Mützen genau wie ihr Obmann. Hie und da hatte wohl
ein junger Gesell längeres Haar und mehr Verzierungen am Rocke, aber
schlimm war das nicht, denn allzu viel Eitelkeit war bei der Zunft nicht
gestattet.
Jan Breydel sprach noch leise ein paar Worte mit De Coninck und verließ ihn
dann ganz befriedigt.
Beim Nähern ihres Obmannes löste sich die Schar der Weber; sie entblößten
ehrerbietig das Haupt und folgten ihm in die Herberge.