in seinem Winkel. Olaus redet ihn an: „Steh nicht da und mach die
Trantonnen schmutzig!” ruft er. Da er diesmal ein Witzbold ist,
kichern alle Leute. Oliver hört diesen auf den Sohn gemünzten Zuruf,
diese tiefe Respektlosigkeit, und hinkt ein paar Sätze näher, wie um
einzugreifen. Er hat jetzt seinen heimtückischen Blick und scheint
gewisse Gefühle gegen Olaus zu hegen.
Aber Olaus wird durch den Sieg aufgestachelt und fährt fort: „Du stehst
da mitten in meinem Logis, das weißt du wohl nicht? Jawohl, in dem
Winkel liegen der Olaus vom Wiesenrain und ich bei Nacht unter einem
Presenning, einem Teertuch. Wenn du heut abend hierherkommst, dann will
ich dir auch ein Obdach geben!”
Noch mehr Respektlosigkeit also!
Um seine Gleichgültigkeit zu zeigen, legt Frank die Hände auf den
Rücken und geht langsam vom Bollwerk fort. Er redet nicht, ohne zu
belehren, und er belehrt nicht auf einem Bollwerk.
Olaus läßt ihn nicht los, er lacht hinter ihm drein und sagt: „Ja, du
kannst glauben, ich hab' Achtung vor dir!” Jetzt erblickt er Oliver,
Franks Vater, und nun treibt er diesen an, er ruft ihm zu, dort gehe
sein Sohn, Petras und des Mondes Sohn. Oliver hört es, er bleibt stehen
und schaut zu Boden. Übrigens anerkennt Olaus Petra, lobt Petra, sagt,
er habe sie schon als ganz kleines Mädchen gekannt, „hübsch war sie
die ganze Zeit,” sagt er, „viel zu gut, um ins Unglück zu geraten.
Dann hat sie den Oliver geheiratet und dann wurde sie sozusagen Witwe
in alle Ewigkeit mit ihm. Ach, du lieber Gott, Oliver, dich sollte man
gar nicht in den Mund nehmen! Ein solcher armer Tropf, du tust mir
leid, und du bist ja zu nichts anderem gut, als wie ein Frauenzimmer
dazusitzen und eine Nadel einzufädeln. Petra dagegen --”
Doch da sieht Olaus den Doktor aufs Bollwerk zukommen, und in seiner
Trunkenheit zieht er sofort den Doktor in sein Gewäsch hinein, er
verschont niemand: „Petra war nicht wie die Frau Doktor, die keine
Kinder haben wollte, nein, bekam sie solche nicht daheim, dann ging
sie in die Stadt und bekam sie dort. So sollte es sein, es war ihr
einerlei, was im Betsaal gesagt wurde. Es sollte vielleicht so sein,
daß die Weibsleute keine Kinder bekämen? Das wär' beim Satan! Sie
sollten es wie die Frau Doktor machen und sie sich wegweinen und
wegjammern! Wein mir hier, wein mir dort, und versenk sie auf den
Meeresgrund, sie war nichts Besseres wert! -- War es so, Doktor,” rief
er in seinem Übermut, „daß du damals mit einem Lappen ihre Tränen auf
dem Boden auftrocknen mußtest? Ja, jetzt drehst du um und willst nichts
mehr hören. Aber ich will dir noch eins sagen, eh du gehst, die Frauen,
die nicht Leben und Blut hergeben, die sollten sich selbst in die Erde
hineingraben, das sollten sie --”
„Nimm die Laufplanke weg!” ruft der Kapitän.
Olaus hebt die Laufplanke unnötig hoch auf, tritt mit ihr ein paar
Schritte zurück und läßt sie dann fallen. Das Bollwerk erzittert. Dann
fährt das Schiff ab.
O, aber an diesem Tag hatte Olaus vom Wiesenrain zum letztenmal da
auf dem Bollwerk lose Reden geführt und seine Kräfte gezeigt; er
verstummte in der darauffolgenden Nacht. Heibergs Trantonnen stürzten
auf das Teertuch herunter, unter dem er lag, und zerschmetterten ihm
den Brustkasten. Es nahm ein trauriges Ende mit diesem Olaus, und er
hatte eigentlich auch nichts Besseres erwarten können. Vieles konnte
gegen ihn vorgebracht werden, aber vielleicht war auch er vom Schicksal
geschädigt worden, ein Gaul zerschmettert mitten im Gezähmtwerden. --
Die Leute an Bord der Brigg hatten wohl das Gepolter in der Nacht
gehört, aber dann wurde alles wieder still, und sie schliefen weiter.
Als es bei Tagesgrauen hell wurde, fand man Olaus. Etwas flacher
als sonst lag er da, und um Nase und Mund zeigten sich Blutspuren,
aber er lag nicht mit weit offenem Munde da, seine Zähne waren fest
zusammengebissen. Im übrigen sah er träg und schlafend aus, mausetot
natürlich, aber keine Spur von Spott und Zorn im Gesicht; er sah aus,
als wolle er sagen: „Weckt mich nicht, ehe wir angekommen sind!”
Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der
Stadt. Merkwürdigerweise war Oliver in der Nacht kurze Zeit draußen
gewesen und hatte da ganz harmlos den Lärm von den Trantonnen gehört,
aber geglaubt, das habe nichts auf sich. Oliver sagte, er habe einem
guten Kameraden ein solches Ende nicht gewünscht, so einem in Grund
und Boden guten Menschen, sagte er. Es war eigentlich fast beweglich,
Oliver, einen so armen Kerl, der nicht einmal eine Nadel einfädeln
konnte, so gute Worte sagen zu hören, aber Oliver hatte wohl selbst
eine gute, interessante Erfahrung darüber gemacht, was ein wirkliches
Unglück ist, und diese legte ihm nun die Worte in den Mund ...
Dann stand man wieder vor den Fragen über Leben, Schicksal und
Gott, und manche sprachen sich talentvoll darüber aus. Da konnte
man doch einmal sehen, was für ein unsicheres, sprödes Seil das
Leben ist, und wir tanzen darauf! Olaus schwieg jetzt, aber andere
schwatzten. Im übrigen war Olaus vom Wiesenrain doch eine zu geringe
Persönlichkeit, als daß sein Tod die Menschen zu dauerndem Nachdenken
hätte bringen können, man wurde es müde, immerfort in einen Gewehrlauf
hineinzustarren, und man tanzte aufs neue. O, diese Tanzmadam, sie
kehrte immer wieder in der Stadt ein, um Eitelkeit und Sünde am
Leben zu erhalten. Es war, als werde sie von einer inneren Berufung
getrieben. Manchmal konnt' es ihr schlecht gehen, aber sie hielt aus,
was tut man nicht für die Kunst auf den Brettern? Als vor einiger
Zeit die _Fia_ unterging, und es still in der Stadt wurde, bekam sie
keine Schüler, und sie reiste damals recht mager ab, aber als sie nun
wiederkehrte, bekam sie die doppelte Zahl Anmeldungen. So sind die
Menschen, irdisch und unverändert. Und so sind die Menschen, sie tanzen
ebensowohl, ob der Tod in der Nacht wirklich zu ihnen kommt oder an
ihnen vorbeigeht -- für diesmal.
Manche Ungeduldige wollen in die Vorsehung eingreifen und reformieren;
sie planen eine von der jetzigen höchst verschiedene Welt, sie stellen
Programme auf, sie schaffen alle Schlechtigkeit ab. Dies tun sie nicht
aus Übermut, sie verdrehen nicht den Hals und krähen den Himmel
an, nein, sie beten und katzbuckeln sich vorwärts; sie wenden die
Notenblätter um und flüstern zärtlich dabei. Aber es wird nicht nach
den Noten der Menschen gespielt.
Wer hätte es ehrlicher verdient gehabt, in seinem Programm recht
zu bekommen, als der alte Postmeister, aber wer wurde am meisten
betrogen? Allerdings setzte ihn ein gewisser Postraub instand, für den
Rest seines Lebens ein Idiot zu sein, aber als Idiot konnte er den
damit verbundenen Segen nicht fassen. Oder wie, war er auch fernerhin
zufrieden, wenn auch auf einer neuen Grundlage, fühlte er, sah er
vielleicht tiefer als andere? Es war, als sei er in einer neuen Welt,
sei gleichsam eins mit dem Wind und den Sternen, als ein Teil von
allem, mit dem er auf der Strömung dahintrieb? Nahrung? Ja, Nahrung
nahm er auch zu sich, aber wie gleichgültig war es ihm, woraus sie
zubereitet war und ob er sie bekam! Ein Schatten, ein Schemen in
Kleidern, ein Abgestorbener, das einzige war noch, daß er das Licht sah
und mit den Augen blinzelte, er atmete ein und aus, wenn er erkältet
war, nieste er. Aber leisten konnte er nichts mehr. War er deshalb das
unglücklichste Geschöpf in der Stadt? Er redete nicht davon, er hätte
zuviel sagen können. Die Leute, die ihn gesehen hatten, fanden ihn
jetzt ruhig und gefaßt, er sah aufrichtig und natürlich aus, als ob er
sagen wollte: „Hier sitz' ich und bin wegen nichts und wieder nichts
Idiot, ich hab' meine Gründe dafür, ich hab' mich darein gefunden.”
Und die Dinge gehen ihren Lauf. Vielleicht hatte der Postmeister recht,
der meinte, das Leben werde hinter der sichtbaren Welt von einem großen
gerechten Gehirn geleitet. Es gab verschiedene in der Stadt, die
wahrhaftig allmählich zu diesem Glauben hinneigten. Wie hätte es sich
erklären lassen, daß alles eigentlich wieder ganz gut ging. Nun war
zum Beispiel die Werft wieder in Gang gesetzt worden. Es gab auch noch
andere freudige Ereignisse, aber daß die Werft ihre Tätigkeit wieder
aufnahm, das war einfach ein großes Glück für die Stadt. Kaspar hatte
wieder Arbeit, alle Arbeiter hatten ihren Verdienst wieder. Henriksen
selbst ist zwar wohl nicht gerade auf einen Schlag ein reicher Mann,
aber es ist ihm reiche Hilfe zuteil geworden. Es zeigte sich, daß
der Doppelkonsul wirklich noch einmal wohltun konnte, wenn er sich in
seinen Sessel setzte und die Leitung des Geschäfts übernahm.
Es geht also, alles miteinander geht, und vieles geht sogar gut. Was
am allerbesten geht, wissen wir nicht; hinaufsteigen und herabsinken
gehört wohl zum Ganzen, alles gehört zum Ganzen. Ein Licht brennt still
im Leuchter, die Tür wird aufgemacht, und das Licht geht aus. Wessen
Schuld ist es? Schuld, wieso?
„Laßt uns geduldig sein wie die Bäume im Walde!” sagt der Schmied
Carlsen. Er beurteilt es nun auf seine Weise, er ist begabt, deshalb
sagt er nicht viel, aber er gibt sich Mühe, Gott für jeden neuen Tag
dankbar zu sein. Es ist, als hätte er in der letzten Zeit nicht einmal
mehr das richtige Verständnis für sein altes Handwerk und die täglichen
Dinge. Da stehen sie nun in der Schmiede und sprechen miteinander vom
Tode des Olaus vom Wiesenrain und von vielem andern. Dann erzählt der
Schmied Carlsen von einer Zeit, wo er keine Kohlen bekommen konnte.
Er sagt, seine seien zu Ende gewesen und er habe einige Tage mit der
Arbeit aussetzen müssen. „In der ganzen Stadt hat es keine Kohlen
gegeben, kein Mensch hatte Kohlen. Es dauerte indes nicht viele Tage,
da kamen Gott sei Dank wieder Kohlen an, aber es hätte gewiß viel
länger gedauert, wenn sie nur bei mir allein gefehlt hätten.”
„Warum denn?” fragt Oliver.
„Viel länger,” antwortet der Schmied leise. „Denn ich hätt' es nicht
besser verdient. Um der andern willen ist mir geholfen worden.”
Da stand er wohl mit einer Art weisen Erkenntnis, war freundlich und
demütig, ein wenig dumm vielleicht auch, wie so vieles, was Weisheit
ist.
„Und wie geht es?” fragt Abel.
„Es geht gut.”
„Dein Schmiedknecht dort tut wohl seine Arbeit?” fragt er scherzend,
indem er auf den Maschinenhammer deutet. -- „Ja, Gott segne dich und
den Hammer!” sagt Schmied Carlsen. „So, es geht also gut!” sagt er.
Dann tritt er ans Fenster und schaut forschend unter die Bank. Abel
fragt, ob er etwas suche, und will ihm helfen. Nein, nein, sagt
er, er suche nichts, nein, nein. Dann findet er es, und er hat es
gewiß die ganze Zeit über gesehen, tut aber, als sei es etwas ganz
Unbedeutendes, das er einmal weggeworfen hat; es ist eine kleine Kiste
mit verschiedenen Säckchen darin, mit verschiedenen kleinen Säcken.
„Was ist das?” fragt Abel.
Ja, was ist's? Es liegt nur im Wege.
„Soll ich es auf der Esse verbrennen?”
Der Meister überhört die Frage und sagt: „Nur ein paar kleine Säcke;
jeder von ihnen hatte einen, es sind Sachen, die sie sich geschnitzt
haben. Jawohl, eine Weile haben sie gar soviel geschnitzelt, meist
wurden es natürlich nur Klötzchen, aber die einen waren Boote, und die
andern waren Ochsen, und einige waren Menschen aus kleinen Klötzen. Wir
haben sie aufgehoben, sie waren ihnen gar so wichtig, und jeder hatte
sein Säckchen. Daß die auch noch daliegen, es ist unglaublich! Ich will
sie mit hinaufnehmen und sie natürlich in den Ofen werfen.”
Abel bietet sich an, sie hinaufzutragen, aber der Meister geht selbst
mit seinen kostbaren Säcken nach oben.
Dann arbeitet Abel weiter. Ein Mann tritt herein und will ein paar
neue Wagenräder beschlagen haben; einem Prahmführer ist seine eiserne
Kette entzwei gegangen, sie könne doch wohl sofort zusammengeschweißt
werden. Abel schweißt eifrig. Er sagt zu seinem Vater: „Wenn du Zeit
hast, könntest du die Beschläge hier ein wenig putzen.” Das ist ihr Ton
untereinander, freundliche Zwiesprache wie früher, kein Befehlston. Und
der Vater bekommt sicherlich nicht den Eindruck, als treibe er sich nur
müßig in der Schmiede herum, sondern er ist da und dort notwendig und
erwidert: „Ich werde mir die Zeit dazu nehmen.”
Dann feilt Oliver die Beschläge blank, und es sind Henkel und
Eckbeschläge für eine Truhe. Sie kommt aufs Land hinaus, wo die Leute
noch solide Schmiedearbeit für ihre verschlossenen Truhen und Kisten
verlangen.
Und der Tag vergeht in der Schmiede, vergeht unter Arbeit und
Zwiesprache zwischen Vater und Sohn. Am Vormittag hat die Blaumeise auf
dem Weg zum Kaufmann in die Schmiede hineingesehen, da haben sie sich
zu dritt unterhalten. Da die Blaumeise ein helles Kleid trägt, steht
Abel von dem Kohlenhaufen auf und ladet sie zum Sitzen ein; nachher
behauptet er, sie habe einen Schmutzfleck auf der Stirn und drückt
einen rußigen Finger gerade auf die Stelle. Da muß der Vater ja den
Taschenspiegel herausziehen.
Sie sind vergnügt zusammen, keines ist dem andern im Wege, als die
Blaumeise wieder fortgeht, wird sie vermißt.
Am Abend will Oliver auf den Fischfang hinaus, es hat leicht zu regnen
angefangen, es ist also günstiges Wetter zum Fischen. Abel trifft mit
dem Vater im voraus Abrede und kauft ihm den erhofften Fang ab. „Wenn
du zurück bist, hänge ein nettes Fischbündel an die Küchentür von
Stadtingenieurs. Was willst du dafür?”
„Nichts will ich dafür,” erwidert der Vater.
„Oho, du möchtest wohl lieber anklopfen und eine tüchtige Bezahlung vom
Stadtingenieur selbst verlangen,” scherzt Abel. „Aber davon will ich
nichts wissen,” sagt er. „Hier sind zwei Kronen, mehr gibt's nicht!”
Oliver rudert hinaus und bleibt nicht lange fort, nach zwei Stunden
klärt sich das Wetter auf, und er kommt zurück. Er zieht die Fische
hübsch auf Schnüre und hinkt in die Stadt damit. Abel weiß vielleicht
recht gut, wohin er damit geht. Er geht an Stadtingenieurs vorbei und
geradeswegs nach dem großen steinernen Haus mit den Säulen davor; Blut
ist dicker als Wasser, er geht zu seinem Sohn, dem Schulvorsteher, und
bleibt da vor der Küchentür stehen. Hier macht er seinen Schuh mit
Speichel sauber, er wird für einen Augenblick unwahrscheinlich neu und
blank, und der Stelzfuß braucht nicht geputzt zu werden. Dann klopft
Oliver.
Das Dienstmädchen ist in der Küche, und Franks Frau, Konstanze von der
Werft, recht wohlbeleibt, weil sie guter Hoffnung ist, kommt heraus.
Oliver hat Takt und gute Manieren, er nimmt den Hut ab und reicht nun
seine Fische hin. Das Mädchen nimmt ihm das Bündel ab. Frau Konstanze
ist nicht hochmütig, sie dankt ihm persönlich für das Geschenk, sie
kennt ihren Schwiegervater, aber sie bietet ihm keinen Stuhl an. „Ach,
wenn wir diese Fische zum Mittag gehabt hätten!” sagt sie, um etwas
zu sagen. Oliver spielt sich ordentlich auf, genau wie wenn er selbst
von vornehmen Leute herstammte, und antwortet: „Soweit es in meiner
geringen Macht steht, werde ich das nächstemal früher kommen.” -- Nein,
entgegnet Frau Konstanze, er solle keine Fische mehr bringen, das wolle
sie nicht, da er doch lahm sei, und alles andere noch dazu. -- Oliver
pfeift auf diese Redensarten, pfeift natürlich nur ganz gemäßigt,
bewegt aber unaufhörlich die Hände, wie um anzudeuten, daß er nicht
lahm sei, o, er werde schon kommen --
„Du hörst ja, daß ich es nicht will,” sagt Frau Konstanze, „und ich
bin gewiß, daß es mein Mann auch nicht will,” sagt sie. Aber Oliver
versteht nichts und macht noch weiter. Da bleibt der jungen Frau nichts
anderes übrig, als das Mädchen irgend etwas Gleichgültiges zu fragen,
und als sie Antwort darauf bekommen hat, dreht sie sich um und geht
hinein. Oliver versucht sich indessen mit dem Mädchen zu unterhalten,
die Schwiegertochter ging vielleicht hinein, um etwas für ihn zu holen,
ein Stück Kuchen, eine kleine Erinnerung, es wäre ihm unangenehm
gewesen, zu verschwinden, während sie fort ist. Aber selbst das Mädchen
ist wortkarg. Er erkennt sie wieder, es ist das Mädchen vom Tanzsaal,
die mit der vollen Brust, er hat ihr damals Zuckerwaren gegeben.
Natürlich spielt er jetzt nicht auf jenen lustigen Abend an, nein, hier
im Hause ist Oliver ein anständiger Mann, er sagt, das sei einmal eine
schöne Küche, eine sehr hübsche Küche. -- O ja, erwidert das Mädchen.
-- „Ist der Schulvorsteher daheim?” fragt Oliver. -- Jawohl, der sei
daheim. -- „Was tut er, studiert wohl?” -- Das wisse sie nicht, sagt
das Mädchen und macht an ihrer eigenen Arbeit weiter. Oliver wartet
noch eine Weile, aber die junge Frau kommt nicht wieder heraus. Da sagt
er gute Nacht und geht.
Nichts ist im Wege, nichts unangenehm und verkehrt, Oliver fühlt sich
nur ein wenig erleichtert, daß er das Fischbündel losgeworden ist. Er
grübelt jetzt nicht. Wenn jemand daherkäme und ihm den Tod anböte, so
würde er ihn nicht annehmen, o, weit entfernt, das Leben ist nicht gar
zu schlimm, meint Oliver. Nicht alle Menschen haben es so gut wie er:
ein Dach über dem Kopfe, das tägliche Brot, ein Zweikronenstück in der
Tasche, Frau und Kinder, und was für Kinder! Er ist der unvergängliche
Menschenstoff.
Da hinkt er heimwärts. Er ist etwas marode, etwas unvollkommen, aber
was ist vollkommen? Er ist, sozusagen, ein Bild des Lebens in der
Stadt, es ist in ihm verkörpert, es kriecht, aber es ist darum doch
ebenso emsig. Es fängt am Morgen an und dauert bis zum Abend, dann
legen sich die Menschen schlafen. Und einige legen sich unter eine
geteerte Plane.
Kleines und Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann
aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter.
Knut Hamsun
Hunger
Roman. 18. Auflage
_Münchener Neueste Nachrichten_: Statt prunkhafter Ornamente gibt
Hamsun nur das jeweils Unerläßliche: in eherner Notwendigkeit aber
zugleich den Geist des Irregulär-Schicksalhaften, in dunkler Wahrheit
leuchtkräftige Schönheit. Die Holdheit einer Fabelliebe wärmt und
weckt Mitlust, ihre Schauer und Schauder reißen mit hinab in tiefes,
ungefaßtes Erdenleid. Die Unmittelbarkeit dieses grellsten Erlebens
ist nicht Lügen zu strafen: hier spricht eigenstes Erdulden sich aus
... Dieses Realismus grasse Unerbittlichkeit, nahezu schon bis in
Ironisierung ihrer selbst erhoben, ist unwiderstehlich. Ein altes Haus
erwächst in gespenstisch klare Wirklichkeit, eine Mansarde atmet,
je nach Dichters Geheiß, Leben oder Tod, und ein Mädchen eröffnet,
wunderlich liebevoll, die lange Reihe hamsunscher Frauen, deren
zauberischer Süße heute, in allem europäischen Dichten, einzig die
Herbheit hamsunscher Männer ebenbürtig ist.
Pan
Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren. 21. Auflage
_Der Zwinger, Dresden_: ... Nein, alle fachkundige „Erotik”, alle
Nervenzerfaserung und die geschickteste Momentphotographie der Welt
konnten keinen „Pan” zustande bringen, diesen Hymnus der Liebe und
des Waldes. „Pan” war ein germanischer Mythos, eine heidnische
Natursage voll ewiger Gottmenschlichkeit, aber so, daß sie den
modernen Nerven erreichbar war, daß sie den Großstädter an der
Wurzel packte. Was des Germanen Gottesgeschenk und vielleicht seine
besonderste Menschenleistung ist, die tiefe Beseelung der Natur:
dieser Norweger hatte sie mit einem Male wieder ans Licht gehoben,
die alte Wunderblume, aber so rein, so künstlerisch vollendet, daß
sie allmenschlich wurde, daß alle Völker, die gegensätzlichsten,
und die ganze gegensätzliche Menschheit Europas dieses Entzücken
von einem Buche unmittelbar genießen konnten. Große, ungebrochene
Naturmenschlichkeit, urphantastische Menschennatur in ihrer ganzen mehr
als nur wahren, aber allerwahrhaftigsten Unwahrscheinlichkeit -- das
ist Hamsun.
Albert Langen, Verlag in München
Knut Hamsun
Victoria
Die Geschichte einer Liebe. 15. Auflage
_Die Zeit, Wien_: Hamsun hat in der Gefühlsstimmung auch diesmal
Saiten gerührt, die nur er so kennt, und mit Griffen, die nur er
so meistert. Er weiß mit fast unmerklichen Mitteln jene Situation
beklemmender Qual zu geben, in der die Lippen lächeln und die Herzen
verbluten; das Schmerzdurchbebte und Verzweiflungszerrissene, ohne daß
leidenschaftliche Worte sich entladen. Die Gefühle vibrieren wie die
schwebenden Rhythmen der Gedichte in Prosa seines „Pan”.
_Volksrecht_: „Victoria” ist nicht nur die _Geschichte_ einer
Liebe, sie ist ein modernes Hohelied der Liebe, eine ergreifende
Verherrlichung ihrer Allgewalt ... So einfach diese Fabel des Romans,
so konventionell sie fast erscheint, mit welcher _Glut_ hat Hamsun
sie erzählt. Welche tiefe Leidenschaft, aber auch welche ruhige,
große Resignation spricht aus derselben. Wir kennen wenige Bücher der
modernen Literatur, ja der Literatur überhaupt, die einen tiefern und
nachhaltigeren Eindruck auf uns gemacht haben.
Kinder ihrer Zeit
Roman. 11. Auflage
_Das literarische Echo, Berlin_: Das Buch lebt vom Unausgesprochenen.
Es ist ganz mit Silberstift geschrieben, eine Zeichnung aus feinstem
Strich. Stimmungen, aus drei Worten quellend. Charaktere, in einem
Dialogfetzen aufglänzend. Ereignisse, aus ihren Schatten ablesbar. Also
ein echter Hamsun. Der Kritik entrückt wie alles, was uns unmittelbar
ans Herz greift. Denn es gibt nur zweierlei: man liebt Hamsun, oder man
wirft ihn böse in die Ecke. Von beiden Sorten Lesern gibt es viele, von
den erzürnten sicherlich mehr. Man begreift es nicht. Kann irgendein
Mensch und Menschlicher zum Beispiel ohne tiefste Erschütterung
lesen, wie hier der kleine Willatz auf Freundschaft ausgeht und mit
Kätnerjungen erste Erfahrungen sammelt? Oder wie er Mariane, des
Holmengraa Tochter lieben lernt? Zwei winzige Liebesszenen zwischen
Sechzehnjährigen. Aber so herrlich, so heilig, daß das Buch in der Hand
zittert; man hat Scheu, weiterzulesen. Man möchte die Augen schließen,
da das Allerheiligste des Herzens enthüllt wird. Hamsun ist der Geist
der Liebe.
Albert Langen, Verlag in München
Knut Hamsun
Die Stadt Segelfoß
Roman. 8. Auflage
_Weserzeitung, Bremen_: Unter die wenigen Heutigen, die uns mehr geben
als Unterhaltung und „Literatur”, müssen wir Knut Hamsun rechnen ...
weil er ein wahrer Dichter und Künder ist.. Er schreibt _Geschichte
unserer Zeit_. Aber nicht als predigender Reformator, sondern als
Beobachter, halb spöttisch, halb mitleidig, geruhsam und doch voll
kämpfenden Temperaments. Das kleine ärmliche Segelfoß wächst sich zu
einem _Jahrmarkt der Menschheit_ aus ... Dieses Innermenschliche und
Gemeingültige schildert uns ein Dichter voll sensitiven Empfindens,
voll heißer Liebe zu diesem merkwürdigen Geschlecht unserer Tage, voll
stärkster Naturhaftigkeit. Schildert es uns in einer Sprache voll
innerlicher Schönheit und Abgeklärtheit. So entzündet er auch in uns
die Kräfte, die ihn zwangen zum schöpferischen Gestalten, und bringt
uns zu jenem Mitleben und Mitempfinden, das wir von Keller, Raabe,
Storm und ganz wenigen Großen her kennen. Lest Knut Hamsun! Gepriesen
sei er in unseren Tagen.
Segen der Erde
Roman. 23. Auflage
_Die Hilfe, Berlin_: Ein Epos ist hier geschaffen, das an Homer gemahnt
und dem man doch wieder unrecht täte, wenn man es mit ihm vergliche, so
selbständig, ohne Vorbild und Anlehnung, steht es da. Wahrhaftigkeit,
Einfachheit, Schönheit -- Besseres kann man von einem Buche nicht sagen.
_Frankfurter Zeitung_: Eine Urgeschichte von Urmenschen in einer
Siedlung auf nordischem Ödland. Aus unserer Zeit -- denn immer wartet
ein Stück Wildnis auf die wilden Menschen, um sie zu Menschen zu
machen -- aber auch aus alter Zeit, seit dem Verluste des Paradieses,
seit den Urvätern mit ihren Herden und Streitigkeiten, auf denen
eines strengen Gottvaters ernstes Auge ruht heute wie je. Das ist
der große Wurf des neuen Hamsunschen Romanes „Segen der Erde”, vom
Einzelnen aufs Allgemeine beschränkt, vom Allgemeinen ins Besondere
erweitert ... Nicht nur der skandinavische Norden, Europa hat keinen
menschlich-urweltlicheren Schöpfergeist als diesen Ödlandbauern,
Fischer und Jäger und Wandersmann: Knut Hamsun.
Albert Langen, Verlag in München
Knut Hamsun
Gesammelte Werke
Neue Ausgabe in zwölf Bänden,
besorgt und herausgegeben von _J. Sandmeier_
Band 1: Romane (Hunger. Mysterien)
Band 2: Romane (Redakteur Lynge. Neue Erde)
Band 3: Romane (Pan. Victoria. Schwärmer)
Band 4: Romane (Benoni. Rosa)
Band 5: Romane (Unter Herbststernen. Gedämpftes Saitenspiel.
Die letzte Freude)