schlimmsten Fall war er nicht am schlimmsten dran. Oliver fand aufs
neue Mut und Widerstandskraft. Damals, als der Doppelkonsul getroffen
wurde, sank ein großer Mann zusammen und gab alles auf. Der erfahrene
Postmeister bekam eines Nachts einen Druck auf seine ungeprüften
Menschengedanken und verblieb von diesem Augenblick an dumm und stumm.
Der alte rechtschaffene Schmied Carlsen konnte keine Bosheit ertragen,
er konnte es nicht ertragen, daß man ihn im Verdacht hatte, einen Sohn
zu haben, der mit japanischen Tätowierungen auf dem Körper umherging,
er wurde zu einem Kinde, weinte, verzog krampfhaft die Lippen, dankte
Gott für Gutes und Böses und wartete auf den Tod. Oliver war von einer
zäheren Art, weniger fein und empfindlich, sorgloser und deshalb als
Mensch aus dem richtigen Stoff gemacht, er ertrug das Leben. Wer war
tiefer hinuntergetaucht worden, als er? Aber wieder ein kleiner Erfolg,
eine geglückte Dieberei, ein wohlgelungener Schurkenstreich machte ihn
aufs neue zu einem zufriedenen Manne. Oliver war in der Welt draußen
gewesen, er hatte Palmen gesehen, aber was hatte er davon?
Die Tage kommen und gehen. Er hatte Frieden daheim, die Gassenjungen
schrien ihm nicht mehr nach, aber Olaus vom Wiesenrain war hinter ihm
her, so oft er nur konnte. Oliver hätte jetzt fast glücklich sein
können, aber Olaus gönnte ihm das nicht, in Gegenwart anderer Leute
fragte er Oliver nach einem gewissen ärztlichen Zeugnis. Oliver ging
heim, verbrannte das Zeugnis und fluchte darüber. Er wich seinem
Plagegeist so viel wie möglich aus, und glücklicherweise hatte er
ein Päckchen Tabak in der Tasche, als er das nächste Mal mit ihm
zusammentraf. Die Rollen waren vollständig vertauscht, jetzt war Oliver
der überlegene.
„Du tust mir leid,” sagte Olaus.
„Wie schmeckt dir der Tabak?” fragte Oliver. „Er ist wohl nicht gut?”
Olaus war lauter Unbarmherzigkeit und fragte: „Ist das alles wahr, was
von dir erzählt wird?”
Danach konnte Oliver wohl fürchten, er habe sein Päckchen Tabak umsonst
weggegeben, aber trotzdem ließ er ein paar Worte darüber fallen, daß es
nicht der letzte sein werde, er verdiene jetzt in Abels Schmiede und
könne einem guten Freund wohl ab und zu ein wenig mit Tabak aushelfen.
Jetzt gesellt sich der Fischer Jörgen zu den beiden, und er hört
den Rest von Olaus' Bosheiten mit an; daß gerade dieser Zuhörer
sich einfand, kränkt Oliver doppelt, er hatte sich ja früher
verschiedentlich vor Jörgen dick getan, außerdem war er jetzt verwandt
mit ihm. Legte Olaus auch nur eine Spur von Zartgefühl und Takt in
seine aufdringlichen Fragen? Das letzte, was er sagte, war: Wozu denn
Oliver eigentlich Kleider trage? Ob es nicht einerlei wäre, wenn er
nackt auf der Straße ginge? Dann wanderte Olaus weiter, frisch und mit
geschwollenem Kamm.
Da stand Oliver, in außergewöhnlicher Wut. Jörgen sagte: „Mach' dir
doch nichts daraus, was Olaus sagt, es ist nicht der Mühe wert.”
Es schien aber doch der Mühe wert zu sein, der Krüppel hatte einen
wütenden Blick und knirschte eine Weile mit den Zähnen. „Ich werd' es
ihm eintränken!” sagte er und nickte dazu.
Doch es hatte keinen Zweck, hier mit dem alten Jörgen zu schwatzen,
Oliver hinkte plötzlich davon und bog in die Hauptstraße der Stadt
ein. Welch ein Glück, es war Samstagabend, und er hatte einen guten
Anzug an, er gab sich nicht selbst auf. Jetzt blieb er vor dem
Schaufenster des Schuhmachers stehen und betrachtete die Damenstiefel;
er winkte den nächsten besten herbei und sagte zu ihm, wie hoch
doch diese Damenstiefel seien, sie gingen weit an den Waden hinauf.
Oliver stand da vor den Stiefeln, schmatzte ihnen zu und redete wie
ein ausschweifender Mensch. Plötzlich wirft ein Junge Oliver einen
vernichtenden Spitznamen an den Kopf, ein Gelächter erhebt sich, Oliver
verstummt. „Ja, Schuhwerk ist nun bald zu teuer für gewöhnliche Leute,”
sagt jemand hinter ihm. Das ist wieder der Fischer Jörgen. Oliver faßt
neuen Mut, er ergeht sich wieder über hohe Stiefelschäfte und schmatzt
dazu, o, aber Jörgens Geschwätz war jetzt nur ein schwacher Abglanz
von dem vorigen; das mochte der Kuckuck verstehen, er mußte indessen
abgekühlt worden sein. In seiner Verzweiflung ruft Oliver laut: „Jetzt
geh' ich in den Tanzsaal!”
Er staffierte sich aus, kaufte Riechwasser und goß es auf sich, so
daß er schon von weitem duftete, kaufte Zuckerwaren, kaufte auch
feingeraspelten Talg, den er auf den Boden des Tanzsaals streuen
wollte. Seht, er wollte über die Stränge schlagen, wollte einen
tüchtigen Sprung mitten in Blitz und Donner hineinmachen, hinein
in Liebesgeschichten und Brautraub -- aus dem Weg da! Gott weiß,
vielleicht war er mutig aus Mutlosigkeit, sein Leben war so jämmerlich,
daß es scherzhaft wurde, er war schweißig und bleich, zieht einen
Taschenspiegel heraus, reibt seine Wangen ab und putzt sich. Dann macht
er die Tür des Saales auf und stapft hinein.
Aller Augen scheinen sich auf ihn zu richten. „Oliver,” sagen sie,
„Oliver, haha!” Er sucht sich eine Bank und setzt sich. Der Tanz geht
weiter. „Nimm deine Krücke weg!” warnt ein junger Seemann, indem er
vorbeiwalzt. -- „Warum schreit denn der Kerl? Zu meiner Zeit hab' ich
nicht auf dem Tanzboden geschrien,” sagt Oliver zu den Nächstsitzenden.
Er bekommt bald eine ordentliche Antwort darauf. „Ja, du bist wohl
ein richtiger Spürhund gewesen, Oliver?” erwidern sie. Er wiegt den
Kopf hin und her und erzählt von Alaskar in Hamburg und von Greenhorn
in Neuyork; mit allen Arten von Rassen und Farben habe er getanzt und
Liebschaften mit ihnen gehabt, er habe Malaiinnen und Chinesinnen,
Indianerinnen und Negerinnen herumgeschwungen, eine Indianerin, die
niedlichste von allen, habe er geküßt --
Oliver ist bleich und schwitzt, es strengt den faulen Mann wohl an,
sich so lustig aufzuspielen. Sie sagen zu ihm, ja, ja, aber nun solle
er nicht mehr an so etwas denken! Und er antwortet, warum denn nicht?
Eine so feurige Natur wie die seinige könne nicht aufhören, könne nie
Schluß machen, sie könnten ja selbst sehen, jetzt sei er hier auf
dem Tanzboden. „Seht her, ihr Jungen, wollt ihr ein paar extra feine
Zuckerwaren schmecken?”
Er sprach sich über den Tanz aus, das sei gar nichts gegen früher; der
Bursche, der dort geschrien habe, könne ja gar nicht Walzer tanzen,
nicht die Fersen müßten tanzen, sondern die Zehen, und man müsse die
Dame aufheben, daß sie sich nicht kaputt schaffen müsse. Dies sei zu
jämmerlich. Er habe gute Lust, hervorzutreten, um ihnen zu zeigen, wie
es gemacht werden müsse.
Da lachten alle, die Oliver zuhörten.
„Hoho!” sagte Oliver, das könnte er gut. „Seht die Waden von der
dort, ei der Tausend, das sind gute Waden zum Exempel, ich müßte
sie nur einmal fassen können. Dann würdet ihr wohl sehen, wie es
geht. Tahitaho! Da geht einmal hin und streut den Talg hier auf den
Tanzboden!” sagte er, indem er die Tüte auslieferte.
„Talg?” sagten sie.
„Ja, Talg. Solchen hatten wir immer bei uns und streuten ihn hin, wenn
der Boden zäh und hart wurde.”
„Ach so,” sagten sie und streuten den Talg auf den Boden.
Oho, nun ging es richtig glatt weg. Der Tanz und die Musik schmolzen
zusammen, das wurde ein flotter Walzer, alle Beine waren in wirbelnder
Bewegung, alle die Beine drehten sich unaufhörlich im Kreise, um und um
ging's. Es war merkwürdig, wie der Talg gut tat.
„Du verstehst deine Sache, Oliver!” sagten sie, und sie hatten
Nachsicht mit ihm, solange es ging, weil er ein Krüppel war.
„O, mir kann niemand etwas vormachen,” versetzte er. Und bei der
kleinen Anerkennung, die ihm zuteil wurde, rief er wieder hoho!
und hatte sich und tat, als könne er nun eine Auferstehungshymne
anstimmen. O, du froher Abend! „Seht nur das Mädchen dort, welche Brust
sie hat, geht hin und sagt ihr, ich wolle mit ihr reden!”
Das Mädchen kam herbei, Oliver bot ihr die Zuckerwaren an, er war
Weltmann bis in die Fingerspitzen und sagte: „Bitte, Fräulein, eine
kleine Erfrischung!” Das Mädchen lachte, nahm ein wenig aus der Tüte
und schwänzelte fort. Eine andere kam, mehrere kamen, Oliver teilte
seine Leckereien aus und redete, blaß und schweißtriefend wie er
war, davon, wie sehr sie ihn lockten und reizten. „Dich?” sagten sie
kreischend und brachen in lautes Gelächter aus. -- „Jawohl, jawohl,”
sagte er, „übermäßig reizt ihr mich!” Was es denn schade, wenn er lahm
sei? Deshalb sei er doch noch ebensogut. Sie hätten nur sehen sollen,
wie sehr sich eine Krankenpflegerin in Italien um ihn bemüht habe und
ihn durchaus habe heiraten wollen. Er habe sich nicht retten können vor
ihren Küssen und Liebkosungen.
Es wird wieder getanzt. Oliver sieht erschöpft aus, aber er stampft
den Takt, daß es nur so dröhnt, und wie wenn das vielleicht nicht
genügend bemerkt würde, übertrieb er und klopfte den Takt auch noch
mit der Krücke. Jetzt aber ärgerte sich der eine und andere von den
jungen Burschen über ihn, nicht nur wegen seines Gepolters, sondern
auch weil er die Tänzerinnen mit seinem leichtfertigen Geschwätz und
seinen Zuckerwaren in Anspruch nahm. Es wurde ihm bedeutet, sich ruhig
zu verhalten und nicht so ausgelassen zu sein, aber das half nichts,
er wurde nur noch leichtfertiger. Jawohl, an diesem Abend sei er bei
einer ordentlichen Lustbarkeit, er sei nun einmal Hahn im Korbe bei den
Mädchen, und wenn man sie fragte, würden sie das gar nicht leugnen,
denn es wüßten es ja alle Leute schon vorher. „Bitte, Fräulein, noch
eine kleine Erfrischung --”
Au -- da purzelte ein Paar auf den Boden. Kreischen und Schreien! Ein
zweites Paar fiel auf das erste, und da gab es ein böses Durcheinander.
Was war denn das für eine Schweinerei, auf der sie ausglitten? Talg!
Woher kam der? Die Kleider mit Talg und Staub böse zugerichtet, liefen
die Tänzer und Tänzerinnen über den Saal hinüber zu Oliver hin und
fluchten ihm ins Gesicht. Der Krüppel erwiderte, er selbst habe
einstens auf Talg getanzt, in dieser Richtung könnten sie ihn nichts
lehren weder rechtsum noch linksum. Sie sagten, er müsse ihnen die
Kleider bezahlen, die sie sich durch ihn verdorben hätten, ja, sie
schimpften ihn Idiot und Schweinehund und anderes mehr. Da wurde Oliver
wahrhaftig wieder etwas würdig und sagte ihnen, wer er war, der Oliver
Andersen, der über ein halbes Menschenalter Konsul Johnsens Lagerhaus
vorgestanden hatte, sie sollten sich schämen und sich besseren Leuten
gegenüber nicht so aufführen --
„Hinaus mit dir!” schrien sie. O weh, was sie ihm alles für Namen gaben
und ihm vorrechneten, welcher Art Rest von einem Menschen er sei, eine
leere Wursthaut, ein Hammel! Und da habe er sich sogar mit Riechwasser
begossen; er sei verfault, da sitze er und rieche wie ein Stall! Hinaus!
Natürlich kam sein Abenteuer in der Leute Mund, und die Weiber am
Brunnen waren empört über ihn, sie konnten nicht begreifen, daß so ein
verkommener Tropf nicht lieber fromm wurde und in die Kirche ging; für
wen sonst war denn die Kirche da! Aber merkwürdig genug, auch diesmal
wurde Oliver daheim nicht zur Rede gestellt, es war, als hätte ihn
Petra vollständig aufgegeben. Allerdings füllte er, als er heimkam,
die Stube mit seiner fürchterlichen Duftware, und Petra wich unleugbar
zuerst ein paar Schritte zurück, aber zu einem Streit kam es nicht. O,
eine höhere Vorsehung hatte abermals eingegriffen: von dem Philologen
Frank, dem Sohne des Hauses, war Nachricht gekommen, er war zum
zeitweiligen Vorsteher der höheren Schule in der Stadt ernannt worden.
In diesem Augenblick kam ja niemand daher und sagte zu Oliver, er sei
ein kinderloser Mann. Seine Kinder waren allerdings nur seine eigene
Erfindung, aber er hatte sie doch; während ihrer ganzen Kindheit und
ihrem Heranwachsen war er etwas für sie gewesen, sie und er kannten
einander, sie nannten ihn unter sich selbst und andern gegenüber Vater,
und jetzt kehrte Frank gelehrt und groß heim in seine Vaterstadt.
Petra und die Großmutter hätten ihn allerdings am liebsten als Pfarrer
gesehen, aber da war nichts zu machen gewesen. Oliver sagte mit Würde:
„So ein Sohn!”
32
Da und dort in der Stadt wird geflaggt, bei Grütze-Olsens, beim
Doppelkonsul, ja, bei allen Konsuln und auch bei Henriksens auf der
Werft. Scheldrup Johnsen und Fräulein Olsen zu Ehren geschah es, sie
waren nach Christiania gereist, hatten sich dort trauen lassen und
wurden heute als Ehepaar zurückerwartet. Das Postschiff ist schon
sichtbar, als noch eine Flagge gehißt wird, nämlich auf Konsul Heibergs
Brigg, die in einem Winkel am Bollwerk Tran ladet.
Schon stehen sehr viele Leute am Bollwerk, und es kommen immer noch
mehr dazu. Von den Konsuln fehlt nur Davidsen, der verschlagene
Kleinhändler, der sich von den Großen immer zurückhält. Der
Hardesvogt und der Doktor waren auch nicht da, aber Frank, der junge
Schulvorsteher, ist anwesend. Er ist neu verheiratet, mit Konstanze
Henriksen von der Werft, aber die junge Frau ist nicht dabei. Frank
ist nicht der kleinste auf dem Bollwerk, er hat die philologische
Überlegenheit über die ganze Stadt, die ganze Küstenstadt, ist ein
großer Mann, bis zur Übertreibung gelehrt in fremden Grammatiken und
Sprachen als Lehrfach. Er steht ziemlich abseits neben einem Berg von
Trantonnen, die an Bord der Brigg sollen; da er den neuen Gehrockanzug
trägt, in dem er getraut worden ist, darf er den Trantonnen ja nicht
zu nahe kommen, andererseits aber müssen sie ihn vor dem Zug auf dem
windigen Bollwerk schützen. Er kann Zug nicht ertragen. Sein Vater
steht am andern Ende des Bollwerks und schmiegt sich nicht an den Sohn
an. Oliver kann sich schon richtig betragen.
Oliver ist wieder in gutem Aufstieg begriffen. Er hat jetzt nicht mehr
eine gute Stellung in einem Lagerhaus, aber er ist den ganzen Tag in
der Schmiede bei Abel, bisweilen feilt er Eisen, und ein seltenes Mal
rudert er auch hinaus und fischt Merlan in der Bucht. „Mein Sohn, der
Schmiedemeister,” sagt er, „mein Sohn, der Schulvorsteher,” sagt er. Er
stützt sich auf die Söhne und genießt ihre Achtbarkeit mit vollen Zügen.
Es hat es jetzt gut und ist zufrieden; wenn ihn das Schicksal nun
in Ruhe läßt, klagt er nicht. Es ist selbstverständlich, daß die
Jungen dem Vater ihres eigenen Schulvorstehers auf der Straße keine
Schimpfworte nachrufen, und ebenso selbstverständlich ist es, daß
Oliver nie wieder auf den Tanzboden geht und dort Skandal macht.
Olaus vom Wiesenrain ist der einzige, der noch zu fürchten ist, und
selbst der scheint die Feindseligkeiten eingestellt zu haben. O
wahrhaftig, es vergeht jetzt ein Tag wie der andere. Oliver ist auch
nicht der Geringste am Bollwerk, es sind viele Geringere da als er.
Alle diese guten Leute da, wer sind sie? Gewöhnlichkeiten, ein Stand,
Kleinstadtgrößen und langweilige Erscheinungen in Stärkwäsche. Oliver
war etwas Besonderes. An dieser Stelle, wo alle fast gleich sind,
mußte er als etwas Besonderes angesehen werden, als etwas für sich.
Ein Opfer der unheilvollen Kräfte des Lebens, jawohl, gekaut, wieder
gekaut und ausgespuckt, an einem Strand hinterlassen, aber mit einem
unausrottbaren Lebenstrieb in sich. Die Zeitung konnte ja jetzt ihr
Programm wieder abdrucken und die Leute auffordern, einen nützlichen
Kurs in Frömmigkeit zu nehmen, das tue man anderen Ortes, die Leute
hätten das nötig und die Zeit fordere dazu auf, kurz gesagt, man solle
mit dem Ende anfangen. Oliver fing nichts mehr an, es war nicht seine
Sache, etwas anzufangen, er stand nun da, wo er hingestellt worden
war, der Menschengedanke zerschmetterte ihn nicht, die Weiber am
Brunnen bekehrten ihn nicht. Natürlich waren Leben, Schicksal und Gott
verflixt himmelhohe Fragen und gewaltig notwendige Fragen, aber sie
wurden von Leuten gelöst, die lesen und schreiben gelernt hatten, was
sollte Oliver dabei? Wenn sich ein Gehirn wie das seinige ans Forschen
machte, würde sich sicher alles vor ihm im Kreise drehen, Oliver könnte
dann nicht in seiner Arbeit fortmachen, sich nicht am Essen und an
Zuckerwaren erfreuen, das nicht leisten, was er leistete. Mögen die
andern darum sorgen, mehr zu sein, als sie sind!
Ja, er ist vergnügt, das sieht man seinem Gesicht an. Ganz keck steht
er auf seinem Bein und seinem Stelzfuß, und er sieht aus, als habe
er mächtige Angehörige im Rücken, falls er sie gebrauchen wollte.
Und die Menschen achten ihn plötzlich wieder: er ist der Vater des
Schulvorstehers, denken die Menschen ...
Dann legt das Postschiff an. Da stehen die beiden Neuvermählten, von
ihrer ganzen Familie umgeben, an der Reling. Am Land und an Bord werden
ruhig Hüte gelüftet. Fräulein Fia scheut sich nicht, mit viel Rot, mit
Purpurrot an ihrem Anzug sehr auffallend zu sein. Nun hat sie sich auch
für Schoßhunde begeistert, sie trägt auf dem Arm ein kleines, lockiges
schneeweißes Kerlchen mit Zottelhaaren über den Augen und einer blauen
Schleife um den Hals. Sie ist vornehm, wie das ihre Art ist, spricht
gedämpft, eine Dame und Komtesse ohne Tadel, hätte sie einen Wunsch, so
wäre es der, gesund und lebenszäh zu sein, noch recht lange ihre Kunst
pflegen und indische Märchen illustrieren zu dürfen. Da sie wohlerzogen
und unschädlich ist, wird ihr das Leben das wohl gewähren.
Ihre Mutter, Frau Johnsen, ist wieder zur Vernunft gekommen und nicht
mehr von Sorgen niedergedrückt. Sie ist noch ebenso gelb im Gesicht
wie früher, aber sie trägt wieder einen großen Hut. Das Gerücht
ging um, der Untergang des Dampfschiffs Fia und der Bankerott sei
nur eine Spiegelfechterei gewesen, es sei Frau Johnsen drei Wochen
lang weisgemacht worden, sie sei arm, und dann sei sie wieder ebenso
reich gewesen wie zuvor. Dick und umfangreich steht sie neben ihrer
Tochter an der Reling, sie ist's, die ursprünglich C. A. Johnsen am
Landungsplatz durch ihre Mitgift zum großen Manne gemacht hat, sie
ist ihren großen Hut ehrlich wert und nimmt sich auch jetzt neben den
Grütze-Olsens gut aus, steht da, wie wenn sie sagen wollte: „Jawohl,
wir sind jetzt verwandt geworden, aber wir verkehren nicht viel
miteinander!” Es war ein schändlicher Streich des Zufalls, daß ihr
Mann den Kopf verloren und die Villa an diese Familie verkauft hatte.
Was sollten diese Leute mit einer Villa? Sie sind nur einmal dort
gewesen, seit sie sie gekauft haben, und sie fuhren nicht mit Wagen
und Pferden hin, sie gingen zu Fuß, er, der Konsul Olsen und seine
Frau. Sie hatten aber wohl an dieser einen Fußtour genug, denn jetzt
in Christiania schenkten sie die Villa den Neuvermählten, das war ihr
Hochzeitsgeschenk. Was sollten also die Leute mit einer Villa, wenn sie
nichts damit anfangen konnten?
Aber da kommt Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der einzige von
der Gesellschaft, der einen hohen Hut trägt. Er trägt ein Plaid
über dem Arm und kommt hastig daher, vielleicht ist er bei der
Abrechnung aufgehalten worden, oder er hat mit der Aufwärterin ein
wenig gescherzt; zum Henker noch einmal, der Doppelkonsul ist ein
großer Mann, und steht über vielem, er hat viele Filialen! Ein
eingestürzter Turm, er? Ein wieder aufgerichteter Turm. Er gleicht
wieder einer Million oder etwas anderem Rundem; in Christiania hat
er das Dannebrogkreuz auf der Brust getragen. Sollte wirklich etwas
daran sein, daß bei dem Untergang der _Fia_ und der Versicherung
Spiegelfechterei mit im Spiele war, und was wäre der Zweck dabei
gewesen? Konsul Johnsen hat jedenfalls jetzt wieder bessere Tage
erlebt, er ruht nicht mehr aus, er hat offenbar wieder etwas zu sagen
und mitzusprechen bei sich selbst und bei andern.
Um Frieden zu finden, hat dieser Mann in einer Stunde des Nachdenkens
den alten Postmeister aufgesucht, später einmal und in einer
viel schlimmeren Klemme ist er durch die Hintertür in derselben
Angelegenheit zum Schmied Carlsen gegangen, danach konnte niemand
behaupten, er sei ein gleichgültiger Mensch, er hat seine Lehre
durchgemacht, aber es half ihm nichts. Und als die Tage vergingen,
kam er ja aus der Patsche heraus und brauchte dann keine Hilfe mehr.
Was sollte er damit? Wenn er an den Postmeister dachte und an dessen
Bescheidenheit, mußte er wieder lächeln. Der Postmeister suchte und
suchte Frieden, er hatte einen kleinen Stern gefunden und wandelte in
dessen Schein seine Straße, es war kein starkes Licht, keine Sonne
und heller Tag, aber man konnte dabei schon ein wenig sehen. Nur
Genügsamkeit! Konsul Johnsen suchte nicht, das war eine zu große Mühe
für ihn, er wollte nur fragen, wo Frieden zu erkaufen wäre.
Jetzt steht er da auf dem Schiff wieder sorglos und obenauf. Hoho! Er
sieht aus, als könne er noch drei oder vier vernichtende Bankerotte
überstehen. Ein verflixter Kerl, der Doppelkonsul, auf irgendeine
Weise muß er seinen draufgängerischen Sohn an die Kandare genommen
und ihm Grenzen gesetzt haben. „Wir” sagt er von dem Geschäft, „meine
Angestellten”, sagt er. Es hat sich dann auch in dem Auftreten der
Leute gegen ihn ein sehr rascher Umschwung vollzogen, sie sehen wieder
zu ihm auf und lassen ihn nicht links liegen; im Grunde genommen ist es
durchaus nicht der Sohn, sondern der Vater, um den sich die Leute ihr
Leben lang gekümmert und den sie gern gehabt haben. Er hat ihre eigenen
Eigenschaften, ist gewöhnlich wie sie, ein gutmütiger Mensch, ohne
Ernst und Standhaftigkeit, aber eine Nummer in einem Dutzend, eine der
großen Standespersonen in der Stadt, rund und reich, er bekommt wohl
bald eine neue _Fia_. --
Konsul Johnsen ist auch der einzige, der laut nach dem Ufer hinüber
grüßt. Das kann er tun, denn er ist der, der er ist. „Siehst du jemand,
der das Gepäck in Empfang nehmen kann?” sagt er zu Scheldrup, und im
selben Augenblick geht er wieder weg. Vielleicht hat er etwas in seiner
Kajüte vergessen, oder er will noch jemand ein letztes Abschiedswort
sagen. Der Teufel mag ihm trauen!
Da kommt schließlich Olaus vom Wiesenrain über das Bollwerk
geschritten, und er kommt breitspurig daher. Ist er heute verschlafen,
oder hat er bis zum letzten Augenblick Karten gespielt? Er faßt nach
dem Landungssteg und wirft ihn aufs Boot hinüber, daß dieses schwankt.
Das Pferd, das die jungen Eheleute für die Villa bekommen sollen, bäumt
sich, Olaus kümmert sich nicht darum, er begrüßt den Matrosen beim
Fallreep mit ein paar kräftigen Worten: „So, faß den Landungssteg an
und steh nicht da und hab' Maulaffen feil!”
Olaus hat während der letzten Tage gebummelt und scheut sich deshalb
durchaus nicht, sich geltend zu machen. Eine Bummelei des Olaus
vom Wiesenrain war ja höchst verschieden von einem gewöhnlichen
Abendmahlsgang mit Wein in der Kirche, er trank so viel, als er
überhaupt trinken konnte. Jetzt kam er betrunken und übermütig ans
Bollwerk, o, ein seliger Narr, aufrecht, eine Tonpfeife rauchend,
vielleicht hungrig, aber stiermäßig stark. Er redete höchst überlegen
mit den Leuten, großspurig, hatte auch eine grobe, schnarrende Stimme.
Was er sagte? Seine Worte waren verständlich genug, sie verirrten
sich weder nach rechts noch nach links. Er tat, wie wenn er Scheldrup
Johnsen an Bord gar nicht sähe, und sprach sich also über ihn aus:
„Na, du sollst also den Scheldrup nach der Villa hinausfahren?” rief
er dem Kutscher zu. „Ein netter Kerl, der! Frag' ihn, wie es mit
der Versicherung der _Fia_ bestellt gewesen sei? Habt ihr's gehört?
Scheldrup, die Spitznase, hatte das Schiff selbst versichert und
steckte das Geld in seine eigene Tasche.”
Alle Leute auf dem Bollwerk hörten zu. Das waren keine Kleinigkeiten,
Olaus übertrieb vielleicht gar nicht, er gab jedenfalls einem sich
immer weiter verbreitenden Gerücht Ausdruck. Was hier über Scheldrup
gesagt wurde, war keineswegs unglaublich, er war ja eigentlich der
gewesen, der die ganze Zeit her über das Schiff verfügt hatte, wozu
der Vater gar nicht die Erfahrung haben konnte -- konnte da nicht
Scheldrup auch einen Termin Versicherung bezahlt haben? Er wäre dazu
imstande gewesen. Das würde zugleich auch erklären, daß Scheldrup
heimkommen, sich auf des Vaters Stuhl im Kontor setzen und Wechsel um
Wechsel an die Gläubiger ausstellen konnte. Schließlich würde es auch
erklären, daß der Vater von seinem Stuhl wieder Besitz ergriff, als die
Sache an den Tag kam. O, vielleicht deshalb war Konsul Johnsen wieder
aufgeflammt und wieder rührig geworden. Er hat seinen modernen Sohn
geprügelt, er hat wieder soviel von der Leitung der Geschäfte an sich
genommen, als er selbst für gut fand. Nichts ist so belebend für den
Menschen wie ein Sieg.
Die Arme voller Blumen, gehen die Neuvermählten an Land, steigen in
den Wagen und fahren grüßend ab, fahren hinein in den Ehestand und
die Flitterwochen. Olaus schweigt einigermaßen. Einer nach dem andern
von der Hochzeitsgesellschaft verläßt das Boot, dabei wird es Olaus
wohl zu langweilig, er geht vom Landungssteg weg und begibt sich nach
der Vorderluke, um nach den Waren zu sehen. Einige Kisten werden an
Land geschafft. Olaus kommt es nicht auf ein paar weitere lümmelhafte
Grobheiten an, er ist wie gewöhnlich, ohne eigentliche Bosheit, aber er
ist mannhaft und ohne jegliches Verantwortlichkeitsgefühl darauf aus,
die Anwesenden mit seiner Freimütigkeit in Erstaunen zu setzen und sie
zum Lachen zu bringen.