Bei Erwägung dieser Verhältnisse wird man sich der Ueberzeugung nicht

entziehen können, dass die specifische Energie der einzelnen Nerven

nicht sowohl in der Besonderheit des inneren Baues ihrer Fasern als

solcher beruht, sondern dass es wesentlich auf die besondere Art der

Endeinrichtung ankommt, mit welcher der Nerv, sei es durch Continuität,

sei es durch Contact, in Verbindung steht. Nur darin beruht die

besondere Fähigkeit der einzelnen Sinnesnerven. Betrachtet man einen

Querschnitt des Opticus ausserhalb des Auges, so bietet er keine

solchen Besonderheiten anderen Nerven gegenüber dar, dass sie erklären

könnten, warum gerade dieser Nerv für Licht mehr leitungsfähig ist, als

die anderen Nerven; erwägt man dagegen die besonderen Verhältnisse,

unter welchen sich seine letzten Enden verbreiten, so wird die

ungewöhnlich grosse Empfindlichkeit der Retina gegen das Licht

vollständig begreiflich. -- Aehnlich verhält es sich mit den übrigen

Sinnesnerven. --

Die bisherige Erörterung bezog sich wesentlich auf Empfindungs-und

Sinnesnerven, bei denen es sich darum handelte, ihre peripherischen

Enden durch besondere Anordnung oder Ausstattung für die Aufnahme der

Sinneseindrücke zu befähigen. Anders verhält es sich mit derjenigen

Klasse von Nerven, welche von den Centralorganen aus die Anregung zu

besonderen Thätigkeiten der Peripherie zuleiten sollen. Ich will sie

kurzweg als =Arbeitsnerven= bezeichnen. Dahin gehören vor Allen die

Muskel- und Drüsennerven. Auch sie erlangen ihre eigentliche Bedeutung

erst durch ihre Verbindung mit besonderen Apparaten, aber sie

unterscheiden sich dadurch von den Empfindungsnerven, dass diese

Apparate nicht mehr Bestandtheile der Nerven, sondern selbständige

Einrichtungen sind, welche nur der Anregung der Nerven bedürfen, um in

Thätigkeit zu gerathen. Auch hier haben erst die letzten Jahre

Aufklärung gebracht.

Zuerst zeigte =Doyère= bei Wirbellosen einen nahen Zusammenhang der

motorischen Nerven mit den Muskeln. Er fand, dass eine feine Nervenfaser

an das Primitivbündel selbst herantritt und hier mit einer

eigenthümlichen Anschwellung, dem =Nervenhügel=, endigt (S. 81). Später

hat W. =Kühne= diese Verhältnisse in grosser Ausdehnung bei den

Wirbelthieren und dem Menschen verfolgt. Es hat sich ergeben, dass eine

einzelne markhaltige Nervenfaser bis zu dem einzelnen Primitivbündel

(Muskelfaser) herantritt, das Sarkolemm desselben durchbohrt, marklos

wird und sich schnell zu einer, mit Kernen reichlich versehenen

Endplatte (=elektrische Platte=) ausbreitet, welche sich unmittelbar auf

die muskulöse Substanz auflegt. An organischen Muskelfasern hat

=Frankenhäuser= unmittelbare Verbindungen der Nervenenden mit den

Kernkörperchen bemerkt.

In ähnlicher Weise haben sich Verbindungen der Nervenenden mit

Drüsenzellen ergeben. =Pflüger= hat an der Speicheldrüse gesehen, wie

die Nerven die Tunica propria durchbrechen und sich mit den Drüsenzellen

selbst, ja sogar mit den Kernen derselben verbinden, -- eine Art der

Vereinigung, die er später auch von der Leber beschrieben hat. Aller

Wahrscheinlichkeit nach werden sich diese Erfahrungen schnell vermehren,

und damit für das Studium der Innervationsvorgänge ein ganz neues Gebiet

der Erfahrungen sich erschliessen. Zahlreiche zerstreute Beobachtungen

der früheren Zeit deuten darauf hin, und schon jetzt haben sie jede

Möglichkeit, das sogenannte Continuitätsgesetz wieder aufzurichten, von

vorn herein beseitigt (S. 80). --

[Illustration: =Fig=. 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser bei _t_,

wo sich eine Einschnürung findet; _b_', _b_'' Aeste. _a_ eine andere

Faser, welche die vorige kreuzt. Vergröss. 300.]

Bevor wir jedoch die Betrachtung über die Nerven-Endigungen

abschliessen, müssen wir noch eine kurze Zeit bei der Untersuchung

verweilen, wie sich die Nerven verhalten, bevor sie in diese

Endausbreitungen übergehen. Hier kommen noch zwei Punkte in Betracht:

nehmlich ihre =Verästelung= und ihre =plexusartige Ausbreitung=. Es sind

dies Punkte, auf welche die neueren Untersucher hauptsächlich durch

=Rudolf Wagner= geleitet worden sind. Die Untersuchungen, welche dieser

Forscher über die Verbreitung der Nerven im elektrischen Organ der

Fische anstellte, gaben den wesentlichen Anstoss zu der Begründung der

Lehre von der Verästelung der Nervenfasern. Bis dahin hatte man die

Nervenfasern als zusammenhängende, einfache Röhren betrachtet, welche

vom Centrum bis ans Ende einfach neben einander fortliefen. Gegenwärtig

weiss man, dass sich die Nerven wie Gefässe verbreiten. Indem sich eine

Nervenfaser direkt, gewöhnlich dichotomisch theilt, ihre Aeste sich

wieder theilen und so fort, so entsteht zuweilen eine überaus reiche

Verästelung. Die Bedeutung derselben ist natürlich höchst verschieden,

je nachdem der Nerv sensitiv oder motorisch ist, je nachdem er also

entweder von einer grösseren Fläche her die Eindrücke sammelt, oder auf

eine grössere Fläche hin die motorische Erregung ausstrahlt. Ein

wahrhaft miraculöses Beispiel haben wir in der neueren Zeit kennen

gelernt in dem Nerven des durch die interessanten Experimente du

=Bois-Reymond='s so berühmt gewordenen elektrischen Welses

(Malapterurus). Hier hat =Bilharz= gezeigt, dass der Nerv, welcher das

elektrische Organ versorgt, ursprünglich nur eine einzige mikroskopische

Primitivfaser ist, welche sich immer wieder und wieder theilt und sich

schliesslich in eine enorm grosse Masse feinster Aeste auflöst, welche

sich an das elektrische Organ verbreiten. In diesem Falle muss also die

Wirkung mit einem Male von einem Punkte aus sich über die ganze

Ausbreitung der elektrischen Platten äussern.

Beim Menschen fehlen uns für diese Frage noch bestimmte Anhaltspunkte,

weil die colossalen Entfernungen, über welche die einzelnen Nerven sich

verbreiten, es fast unmöglich machen, einzelne bestimmte Primitivfasern

vom Centrum bis in die letzte Peripherie zu verfolgen. Aber es ist gar

nicht unwahrscheinlich, dass auch beim Menschen in einzelnen Organen

analoge Einrichtungen existiren, wenn auch vielleicht nicht so

frappante. Vergleicht man die Grösse der Nervenstämme an gewissen

Punkten mit der Summe von Wirkungen, die in einem Organe, z. B. in einer

Drüse stattfinden, so kann es kaum zweifelhaft erscheinen, dass analoge

Einrichtungen auch hier vorhanden sind.

Diese Art der Verbreitung hat insofern ein besonderes Interesse, als

viele räumlich getrennte Theile dadurch unter einander verbunden werden.

Das elektrische Organ der Fische besteht aus einer Menge von Platten,

aber nicht jede Platte wird auf einem nur für sie bestimmten Wege vom

Centrum aus innervirt. Der Wels setzt nicht diese oder jene Platte in

Bewegung, sondern er muss das Ganze in Bewegung setzen; ja er ist ausser

Stande, die Wirkung zu zerlegen. Er kann die Wirkung stärker oder

schwächer einrichten, aber er muss jedesmal das Ganze in Anspruch

nehmen. Denken wir uns dem entsprechend gewisse Muskeleinrichtungen, so

haben wir auch da keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass jedes

Element des Muskels besondere, ungetheilt vom Centrum ausgehende und

somit unabhängige Nervenfasern empfange. Im Gegentheil findet in der

Regel eine besondere Zerlegung der Nerven-Wirkung in den Muskeln nur in

sehr beschränktem Maasse statt, wie wir ja aus eigener Erfahrung an uns

selbst wissen, und wenn, wie wir sehen, auch die einzelnen Muskelfasern

in unmittelbarer Verbindung mit einzelnen Nervenfasern stehen, welche in

sie eingehen, so sind dies doch nicht Fasern, welche als einfache,

ungetheilte Bahnen vom Centrum ausgehen, sondern eben nur Endäste

einfacherer Stämme. Vom neuristischen Standpunkte aus schliesst man,

dass =der Wille= oder =die Seele= oder =das Gehirn= im Stande sei, durch

besondere Fasern auf jeden einzelnen Theil zu wirken; in der That ist

dies aber gar nicht der Fall, sondern es bleibt den Centren meist nur

ein einziger Weg zu einer Summe gleichartiger Elementar-Apparate.

[Illustration: =Fig=. 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom

Kinde, nach einem Präparate von Hrn. =Billroth=. _n_, _n_, _n_ Nerven,

welche sich zu einem Netze verbinden, in dessen Knotenpunkten

kernreiche, ganglioforme Anschwellungen liegen. _v_, _v_ Gefässe,

dazwischen Kerne des Bindegewebes. Vergr. 180.]

Was nun die =Nervenplexus= anbetrifft, so kennen wir gegenwärtig beim

Menschen die ausgedehntesten Einrichtungen der Art in der Submucosa des

Darmes, wo zuerst durch =Meissner=, dann durch =Billroth= und =Manz= die

Verhältnisse genauer erörtert worden sind. Die Submucosa des Darms ist

darnach, wie schon =Willis= sagte, eine Tunica nervea. Wenn man den

eintretenden Nerven nachgeht, so sieht man, dass sie, nachdem sie sich

getheilt haben, zuletzt in wirkliche Netze übergehen, welche bei

Neugebornen an gewissen Stellen sehr grosse kernreiche Knotenpunkte

haben, von denen aus sie in Geflechte ausstrahlen, so dass dadurch eine

so grosse Aehnlichkeit mit dem Capillarnetz entsteht, dass einzelne

Beobachter beide verwechselt haben.

Wie weit sich solche Einrichtungen im Körper überhaupt erstrecken, ist

noch nicht ergründet, denn auch hier handelt es sich um fast ganz neue

Thatsachen, welche erst in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der

Untersucher mehr in Anspruch nahmen. Wahrscheinlich wird sich die Zahl

solcher Nervenhäute erheblich vergrössern lassen. =His= hat gezeigt,

dass die Gefässnerven sich zum Theil in grossen plexiformen Auflösungen

an den Gefässhäuten verbreiten, und L. =Auerbach= hat in der Muscularis

des Darmes ein eben so ausgedehntes, als in seinen einzelnen

Einrichtungen merkwürdiges Geflecht, den von ihm sogenannten =Plexus

myentericus= nachgewiesen. Um jedoch etwaigen Missverständnissen

vorzubeugen, muss ich sogleich hinzusetzen, dass manche dieser

plexusartigen Ausbreitungen keineswegs einfach sind. Am Darm tragen die

erwähnten grösseren Knotenpunkte den Habitus von Ganglien an sich, so

dass gewissermaassen neue Sammelpunkte des Nervenapparates mit der

Möglichkeit einer Verstärkung oder Hemmung der Wirkungen eintreten. Für

die Function ist diese Einrichtung offenbar von grosser Bedeutung, denn

wir würden uns am Darm die peristaltische Bewegung nicht wohl erklären

können, wenn nicht eine Einrichtung existirte, welche von Netz zu Netz,

von Theil zu Theil Reize übertrüge, die nur an einem Punkte dem Darme

zugekommen sind. Die bis vor Kurzem bekannten Verhältnisse der

Nervenverbreitung genügten nicht, um den Modus der peristaltischen

Bewegung einigermaassen zu erklären, während sich hier die bequemsten

Anhaltspunkte der Deutung bieten. --

So viel im Wesentlichen über die allgemeinen Formen, welche man bis

jetzt für die peripherischen Endigungen der Nerven kennt. Im Ganzen

entsprechen diese Erfahrungen wenig dem, was man sich früher gedacht

hat, und was noch jetzt die Neuropathologen annehmen. Die Vorstellung

eines Neuropathologen von reinem Wasser geht bekanntlich dahin, dass

ein Nervencentrum im Stande sei, vermittelst der Nervenfasern auf jeden

kleinsten Theil seines Territoriums eine besondere Wirkung auszuüben.

Soll an einem kleinen Punkte des Körpers Krebsmasse oder Eiter entstehen

oder eine einfache Ernährungsstörung erfolgen, so bedarf der

Neuropatholog einer Einrichtung, vermöge welcher das Centralorgan im

Stande ist, der Peripherie innerhalb ihrer kleinsten Bezirke seine

Einwirkung =gesondert= zukommen zu lassen, irgend eines Weges, auf

welchem die Boten gehen können, welche nun einmal die Ordre jedem

einzelnen der entferntesten Punkte des Organismus zu überbringen

bestimmt sind. Die wirkliche Erfahrung lehrt nichts der Art. Gerade an

den Stellen, wo wir eine so ausserordentlich vervielfältigte Einrichtung

der Endapparate kennen, wie ich sie bei den Sinnesorganen schilderte,

haben die Nerven keine Beziehung auf die Ernährung und insbesondere

keine nachweisbare Einwirkung auf elementare Theile. Fast an allen

anderen Orten werden entweder ganze Flächen oder Organ-Abschnitte in

einer gleichmässigen Weise innervirt, oder es werden von diesen Flächen

oder Organ-Abschnitten aus Sammel-Erregungen zu den Centren geführt. An

vielen Theilen, von denen wir allerdings nachweisen können, dass ein

Nerven-Einfluss auf sie stattfindet, z. B. an den kleinen Gefässen,

wissen wir bis jetzt noch nicht einmal, wie weit einzelne Abschnitte

derselben besondere Nervenfasern enthalten. So schlecht sind die

anatomischen Grundlagen der neuropathologischen Doctrin.

Vierzehntes Capitel.

Rückenmark und Gehirn.

Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte

Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare

und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze: Nerven-

oder Axencylinderfortsätze, Ganglien- und Reiserfortsätze.

Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare

(polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden und Kernröhren. Innere

Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der Untersuchung.

Die Nerven des elektrischen Organs der Fische. Das Gross- und

Kleinhirn des Menschen.

Das Rückenmark. Weisse und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse

Gruppen. Weisse Stränge und Commissuren.

Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns: Körner- und

Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des Gehirns.

Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern desselben.

Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe). Ependyma

ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue oder gelatinöse

Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea) der Häute

des Gehirns und Rückenmarks.

Nachdem wir die peripherischen Einrichtungen des Nervenapparates

besprochen haben, so erübrigt uns, um die Uebersicht der

Nerveneinrichtungen zu vervollständigen, noch die wichtige Reihe der

=centralen Theile=, oder im engeren Sinne der =Ganglien-Apparate=. Wie

ich schon früher hervorhob, so finden wir diese überwiegend in

denjenigen Theilen der Centralorgane, wo graue Substanz lagert. Nur ist

das bloss graue Aussehen nicht entscheidend für die gangliöse

Beschaffenheit eines Theiles; insbesondere darf man nicht glauben, dass

etwa die Ganglienzellen es seien, welche die graue Farbe wesentlich

bedingen. An manchen Stellen befindet sich graue Masse, ohne dass

Ganglienzellen vorhanden sind. So enthält die äusserste Schicht der

Grosshirnrinde keine deutlichen Ganglienzellen mehr, obwohl sie grau

aussieht; hier findet sich eine durchscheinende Bindesubstanz, welche

mit vielen feineren Gefässen durchsetzt ist und je nach der Füllung

derselben bald mehr grauroth, bald mehr weissgrau erscheint.

Andererseits kommt es häufig vor, dass, wo Ganglienzellen liegen, die

Substanz gerade nicht grau aussieht, sondern eine positive Farbe hat,

die zwischen bräunlichgelb und schwarzbraun schwankt. So haben wir an

dem Gehirne kleinere Abschnitte, welche schon seit langer Zeit unter dem

Namen der Substantia nigra, fusca, ferruginea bekannt sind; hier haftet

die schwarze oder braune Farbe, die wir mit blossem Auge wahrnehmen, an

den Ganglienzellen als den eigentlich gefärbten Punkten.

[Illustration: =Fig=. 97. Elemente aus dem Ganglion Gasseri. _a_

Ganglienzelle mit kernreicher (bindegewebiger und epithelialer) Scheide,

die sich um den abgehenden Nervenfortsatz erstreckt; im Innern der

grosse, klare Kern mit Kernkörperchen und um ihn Pigmentanhäufung. _b_

Isolirte Ganglienzelle mit dem an sie herantretenden blassen Fortsatz.

_c_ Feinere Nervenfaser mit blassem Axencylinder. Vergr. 300.]

Diese Färbung stellt sich erst im Laufe der Jahre ein. Je älter ein

Individuum wird, um so lebhafter werden die Farben; jedoch scheinen

unter Umständen auch pathologische Prozesse den Eintritt und die Stärke

derselben zu beschleunigen. So ist es an den Ganglien des Sympathicus

eine auffallende Erscheinung, dass gewisse Krankheitsprozesse, z. B. der

typhöse, einen wirksamen Einfluss auf die frühe Pigmentirung zu üben

scheinen. Da aber das Pigment etwas relativ Fremdartiges in der inneren

Zusammensetzung der Zelle darstellt, insofern als es, soviel wir wissen,

nicht der eigentlichen Function dienstbar ist, sondern als träge Masse

hinzutritt, so dürfte es in der That wohl möglich sein, dass man diese

Zustände als eine Art von vorzeitigem Altern (Senium praecox) der

Ganglienzellen zu betrachten hat. An diesen Zellen unterscheidet man

(Fig. 97, _a_) ausser dem sehr deutlichen, grossen Kerne mit seinem

grossen, glänzenden Kernkörperchen den eigentlichen Zellkörper, welcher

aus einer feinkörnigen Grundsubstanz (Protoplasma) besteht und das an

einer gewissen Stelle, gewöhnlich excentrisch neben dem Kern, zuweilen

rings um denselben gelagerte Pigment umschliesst. Unter Umständen nimmt

das letztere an Masse so sehr zu, dass ein grosser Theil der Zelle damit

ausgefüllt wird. Je reicher diese Ablagerung wird, um so dunkler

erscheint die ganze Stelle schon für das blosse Auge.

Früher hat man sich die Ganglienzellen in der Regel als einfach runde,

kugelige Gebilde (Ganglienkugeln) gedacht. Allein man hat sich mehr und

mehr überzeugt, dass diese Form eine künstliche, erst durch das

Abreissen der Fortsätze bei der Präparation entstandene ist, dass

vielmehr von jeder Ganglienzelle nach gewissen Richtungen Fortsätze

ausgehen, welche sich endlich mit Nerven oder mit anderen Ganglienzellen

in Verbindung setzen oder in eigenthümlicher Weise verästeln. Viele

Ganglienzellen besitzen gleichzeitig mehrere Fortsätze, von denen jedoch

nur einer mit einer wirklichen Nervenfaser direkt in Verbindung steht:

der =Nerve=- =oder Axencylinder=-=Fortsatz=. Hier und da scheint durch

=Ganglienfortsätze= eine direkte Verbindung zwischen zwei Ganglienzellen

hergestellt zu werden. Verhältnissmässig häufig, namentlich in den

Centralorganen, sind Fortsätze mit mehrfacher und zuletzt sehr feiner

Verästelung, die ich =Reiserfortsätze= nennen will.

Die Nervenfaser-Fortsätze sind bei ihrem Ursprunge aus den

Ganglienzellen blass, und auch da, wo sich endlich ihr Uebergang in

gewöhnliche, dunkelconturirte Nervenfasern verfolgen lässt, sieht man

sie erst in einer gewissen Entfernung von der Ganglienzelle dicker

werden, indem sie sich allmählich mit einer Markscheide versehen. Dieser

Umstand, welchen man früher nicht gekannt hat, erklärt es, dass man so

lange Zeit über das wahre Verhältniss im Unklaren geblieben ist. Die

unmittelbaren Fortsätze der Ganglienzellen, namentlich im Gehirn und

Rückenmark, sind daher nicht Nerven im gewöhnlichen Sinne des Wortes,

sondern blasse und oft so feine Fasern, dass sie kaum noch eine

Aehnlichkeit mit den früher geschilderten marklosen Fasern haben,

sondern wie blasse Axencylinder erscheinen (Fig. 97, _a_, _b_).

Lange hat man erwartet, wesentliche Verschiedenheiten unter den

Ganglienzellen, je nach den groben Abschnitten des Nerven-Apparates,

also namentlich Verschiedenheiten zwischen den Zellen des Sympathicus

und denen des Hirns und Rückenmarks zu finden. Allein auch in diesem

Punkte hat sich das Gegentheil als richtig ergeben, namentlich seitdem

=Jacubowitsch= die Thatsache kennen gelehrt hat, dass zweistrahlige

Zellen, welche den gewöhnlichen Zellen der sympathischen Ganglien

vollkommen analog sind, auch in der Mitte des Rückenmarks und mancher

Theile, welche wir schon dem Gehirne zurechnen, vorkommen[125]. Dass der

Sympathicus mit einem grossen Theile seiner Fasern im Rückenmarke

wurzelt, weiss man schon lange; wenn nun auch, wie ich mich überzeugt

habe, zweistrahlige Elemente im Rückenmarke und andererseits

vielstrahlige Elemente in sympathischen Ganglien, z. B. im G. coeliacum,

vorkommen, so kann man sagen, dass auch in histologischer Beziehung das

Rückenmark nicht einen einfachen und nothwendigen Gegensatz zu dem

Grenzstrange darstellt.

[125] Ich habe übrigens solche Zellen schon vor langer Zeit aus dem

menschlichen Rückenmark beschrieben (Archiv 1847. I. 459 Anm.).

Will man die Formen der Ganglienzellen genauer kennen lernen, so

geschieht dies am leichtesten an dem Rückenmark, welches überhaupt für

die Zusammenordnung eines wirklichen Centralorgans im engsten Sinne des

Wortes den klarsten Ausdruck darstellt. In der grauen Substanz (den

Hörnern) desselben finden sich überall und zwar fast auf jedem

Querschnitte verschiedenartige Ganglienzellen. =Jacubowitsch= hat drei

verschiedene Formen davon unterschieden: die eine nannte er motorisch,

die andere sensitiv, die dritte sympathisch. Ich werde auf ihre

Anordnung bei weiterer Besprechung des Rückenmarkes zurückkommen; hier

will ich zunächst nur ihre Formen im Allgemeinen besprechen.

Nachdem es feststeht, dass es Ganglienzellen ohne Fortsätze (apolare)

überhaupt nicht gibt, ist die Frage über die Zahl der Fortsätze sehr

viel discutirt worden. Man beschrieb zunächst hauptsächlich uni- und

bipolare (besser =monoklone= und =diklone=) Zellen. Allein auch die

sogenannten unipolaren (Fig. 97) werden, je genauer man untersucht,

immer seltener. Die meisten Zellen besitzen mindestens zwei Fortsätze,

sehr viele sind multipolar oder genauer vielästig (=polyklon=).

[Illustration: =Fig=. 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen: _A_, _B_,

_C_ aus dem Rückenmarke, nach Präparaten des Hrn. =Gerlach=, _D_ aus der

Gehirnrinde. _A_ Grosse, vielstrahlige (multipolare, polyklone) Zellen

aus den Vorderhörnern (Bewegungszellen). _B_ Kleinere Zellen mit drei

grösseren Fortsätzen aus den Hinterhörnern (Empfindungszellen). _C_

Zweistrahlige (bipolare, diklone), mehr rundliche Zelle aus der Nähe der

hinteren Commissur (sympathische Zelle). Vergr. 300.]

Eine multipolare Zelle besitzt einen grossen Kern mit Kernkörperchen,

einen körnigen Inhalt (Protoplasma) und, wenn sie besonders gross und

alt ist, einen Pigmentfleck; sie entsendet nach verschiedenen Richtungen

hin Ausläufer oder Fortsätze. Mindestens einer dieser Ausläufer, der

sich durch seine festere Beschaffenheit auszeichnet, geht, wie zuerst

=Deiters= gezeigt hat, in eine Nervenfaser über. Dieses ist der schon

vorher (S. 302) erwähnte Axencylinder-Fortsatz. Die übrigen Ausläufer,

nicht sehr glücklich als =Protoplasmafortsätze= bezeichnet, theilen sich

nach kürzerem oder längerem Verlaufe in zahlreiche, kleine Reiserchen,

welche die graue Substanz durchziehen. Was aus ihnen weiterhin wird, ist

noch unbekannt; nur glaubt =Deiters= gefunden zu haben, dass gewisse

feine Aestchen, welche unter rechten Winkeln von diesen Fortsätzen

ausgehen, gleichfalls mit Nervenfasern zusammenhängen. Jedenfalls

beginnt schon hier das physiologisch wichtige Verhältniss, welches ich

vorher besprach (S. 296, 299), dass von einzelnen Punkten des

Nervensystems aus ganze Massen von Fäden oder Fasern ausgehen, ein

Verhältniss, welches darauf hindeutet, dass bei der Thätigkeit (Reizung)

der Nerven zwar von Anfang an je nach Umständen diese oder jene Bahn

benutzt werden kann, dass aber innerhalb gewisser Bahnen die Wirkung auf

die ganze Verästelung sich relativ gleichmässig fortsetzen kann.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 28 / 54 段