Eine gewisse Aehnlichkeit mit diesen Gebilden zeigen die in der letzten

Zeit so viel discutirten =Tastkörper=. Wenn man die Haut und namentlich

den empfindenden Theil derselben mikroskopisch untersucht, so

unterscheidet man, wie dies von =Meissner= und =Rud=. =Wagner= zuerst

gefunden ist, zweierlei Arten von Papillen oder Wärzchen, mehr schmale

und mehr breite, zwischen denen freilich Uebergänge vorkommen (Fig. 92).

In den schmalen findet man constant eine einfache, zuweilen eine

verästelte Gefässschlinge, aber keinen Nerven. Es ist diese Beobachtung

insofern wichtig, als wir durch sie zur Kenntniss eines neuen

nervenlosen Theiles gekommen sind. In der anderen Art von Papillen

findet man dagegen sehr häufig gar keine Gefässe, sondern Nerven und

jene eigenthümlichen Bildungen, welche man als Tastkörper bezeichnet

hat.

[Illustration: =Fig=. 92. Nerven- und Gefässpapillen von der Haut der

Fingerspitze, nach Ablösung der Oberhaut und des Rete Malpighii. _A_

Nervenpapille mit dem Tastkörper, zu dem zwei Primitivfasern _n_ treten:

im Grunde der Papille feine elastische Netze _e_, von denen feine Fasern

ausstrahlen, zwischen und an denen Bindegewebskörperchen zu sehen sind.

_B_, _C_, _D_ Gefässpapillen, bei _C_ einfache, bei _B_ und _D_

verästelte Gefässschlingen, daneben feine elastische Fasern und

Bindegewebskörperchen; _p_ der horizontal fortlaufende Papillarkörper,

bei _c_ feine sternförmige Elemente der eigentlichen Cutis. Vergr. 300.]

Der Tastkörper erscheint als ein von der übrigen Substanz der Papille

ziemlich deutlich abgesetztes, länglich ovales Gebilde, das =Wagner=,

freilich etwas kühn, mit einem Tannenzapfen verglichen hat. Es sind

meistens nach oben und unten abgerundete Knoten, an denen man nicht,

wie an den Pacini'schen Körpern, eine längliche Streifung sieht, sondern

vielmehr eine Querstreifung mit querliegenden Kernen. Zu jedem solchen

Körper tritt nun ein Nerv und von jedem kehrt ein Nerv zurück, oder

richtiger, man sieht gewöhnlich an jeden Körper zwei Nervenfäden treten,

meistentheils ziemlich nahe an einander, die sich bequem bis an die

Seite oder die Basis des Körpers verfolgen lassen. Von da ab ist der

Verlauf sehr zweifelhaft, und in einzelnen Fällen variiren die Zustände

so sehr, dass es noch nicht gelungen ist, mit Bestimmtheit das

gesetzmässige Verhalten der Nerven zu diesen Körpern zu ermitteln. In

manchen Fällen sieht man nehmlich ganz deutlich den Nerven hinaufgehen

und auch wohl sich um den Körper herumlegen. Zuweilen scheint es, als ob

wirklich der Tastkörper in einer Nervenschlinge liege und auf diese

Weise die Möglichkeit einer intensiveren Einwirkung äusserer Anstösse

auf den Nerven gegeben sei. Andere Male sieht es wieder aus, als ob der

Nerv viel früher schon aufhörte und sich in den Körper selbst einsenkte.

Einige haben angenommen, wie =Meissner=, dass der Körper selbst dem

Nerven angehöre, welcher an seinem Ende anschwölle. Dies halte ich nicht

für richtig; nur das scheint mir zweifelhaft zu sein, ob der Nerv im

Innern des Körpers endigt oder im Umfange desselben eine Schlinge

bildet.

Neuere Untersuchungen von P. =Langerhans= haben jedoch gelehrt, dass die

Nervenpapillen ausser den zu den Tastkörpern gehenden markhaltigen

Fasern noch ein sehr reiches Geflecht markloser Fasern enthalten, welche

von Strecke zu Strecke kernhaltige, ganglienartige Anschwellungen

besitzen. Von diesen gehen feine Fortsätze aus, welche über die Grenze

der Papillen hinaus in das Rete Malpighii eindringen und zwischen den

Zellen desselben birnförmige Anschwellungen bilden, von welchen wiederum

feine Fortsätze ausgehen. Letztere dringen bis zwischen die oberen Lager

der Rete-Zellen und endigen hier mit feinen, knopfartigen

Anschwellungen. Dieses marklose Geflecht findet sich übrigens auch an

Stellen der Haut, wo keine Papillen und Tastkörper vorkommen.

Abgesehen von der anatomischen und physiologischen Frage, hat das

Beispiel der Hautpapillen einen grossen Werth für die Deutung

pathologischer Erscheinungen, weil wir hier in an sich ganz ähnlichen

Theilen zwei vollkommene Gegensätze finden: =einerseits nervenlose und

gefässreiche, andererseits gefässlose, nur mit Nerven versehene

Papillen=. Die besonderen Beziehungen, welche die Lager des Rete und der

Epidermis zu den beiden Arten von Papillen haben, scheinen, abgesehen

von den marklosen Fasern, keine wesentlichen Verschiedenheiten

darzubieten. Die Zellen der Oberhaut ernähren sich über den einen, wie

über den anderen, und sie scheinen über den einen so wenig innervirt zu

werden, wie über den anderen.

Dies sind Thatsachen, welche auf eine gewisse Unabhängigkeit der

einzelnen Theile hindeuten und welche bestimmte Gesichtspunkte liefern,

dass grosse, selbst nervenreiche Theile ohne Gefässe bestehen, sich

erhalten und functioniren können, und dass andererseits Theile, die

verhältnissmässig viele Gefässe enthalten, absolut der Nerven entbehren

können, ohne in Unordnung ihrer Ernährungszustände zu gerathen. Freilich

ist dies an keinem Orte augenfälliger, als an der Haut und gerade

deshalb scheint mir die Verschiedenheit der einzelnen Hautwärzchen

untereinander theoretisch so wichtig zu sein, dass ich die

Aufmerksamkeit dafür besonders in Anspruch nehmen zu müssen glaube.

Denkt man sich an einer Hautpapille die Gefässe, Nerven und Tastkörper

hinweg, so bleibt nur noch eine geringe Masse von Gewebe übrig, aber

auch innerhalb dieses geringen Restes gibt es noch wieder zellige

Elemente mit Intercellularsubstanz (Bindegewebe). Die Sache ist demnach

so, dass unmittelbar an die (epidermoidalen) Zellen des Rete Malpighii

Bindegewebe mit Bindegewebskörperchen (Fig. 17) stösst, welche sich nach

der Injection sehr deutlich von den Gefässen unterscheiden (Fig. 92).

Besonders günstig für eine Untersuchung ist der Fall, wenn durch irgend

eine Erkrankung, z. B. den Pockenprocess, eine leichte Schwellung der

ganzen Haut stattgefunden hat und die Elemente ein wenig grösser sind,

als normal. In gewöhnlichen Papillen ist es etwas schwieriger, die

Bindegewebselemente wahrzunehmen, doch sieht man sie bei genauerer

Betrachtung überall, auch neben den Tastkörpern.

Demnach findet sich auch in den feinsten Ausläufern der Haut gegen die

Oberfläche hin nicht eine amorphe Masse, welche in einem constanten

Ernährungs-Verhältnisse zu Gefässen und Nerven steht; vielmehr erscheint

als einheitliche Einrichtung, als eigentlich constituirende Grundmasse

der verschiedenen (Gefäss- und Nerven-) Papillen immer nur die

Bindegewebssubstanz. Erst dadurch gewinnen die einzelnen Papillen eine

verschiedene Bedeutung, dass zu dieser Grundmasse in dem einen Falle

Gefässe, in dem anderen Nerven hinzukommen.

Wir wissen allerdings wenig über die besonderen Beziehungen, welche die

gefässhaltigen Papillen zu den Functionen der Haut haben, indessen lässt

sich kaum bezweifeln, dass, wenn man erst mehr im Stande sein wird, die

verschiedenen Hautthätigkeiten zu sondern, auch den Gefässpapillen eine

grössere Wichtigkeit zugesprochen werden wird. So viel können wir aber

jetzt schon sagen, dass es falsch ist, sich zu denken, dass in einem

jeden anatomischen Theile der Haut eine besondere Nervenverbreitung

existire. Gleichwie physiologische Versuche zeigen, dass relativ grosse

Empfindungskreise in der Haut vorhanden sind, so lehrt auch die feinere

histologische Untersuchung, dass die Zahl der zur Oberfläche

aufsteigenden Nerven eine relativ spärliche ist. Die Gefässe sind

zahlreicher, als die ankommenden Nerven. Will man also die Haut in

bestimmte Territorien eintheilen, so versteht es sich von selbst, dass

die Nerven-Territorien grösser ausfallen müssen, als die

Gefäss-Territorien. Aber auch jedes durch eine einzige Capillarschlinge

bezeichnete Gefäss-Territorium (Papille) zerfällt wieder in eine Reihe

von kleineren (Zellen-) Territorien, welche freilich alle an dem Ufer

des einen Capillargefässes liegen, aber in sich begrenzt sind, indem

jedes durch ein besonderes zelliges Element beherrscht wird[122].

[122] Archiv 1852. IV. 389.

Auf diese Weise kann man es sich sehr wohl erklären, wie innerhalb einer

Papille einzelne (Zellen-) Territorien erkranken können. Gesetzt z. B.,

ein solches Territorium schwillt an, vergrössert sich und wächst mehr

und mehr hervor, so kann eine baumförmige Verästelung entstehen (spitzes

Condylom, Fig. 93), ohne dass die ganze Papille in gleicher Weise

afficirt wäre. Das Gefäss wächst erst späterhin nach und schiebt sich in

die schon grösser gewordenen Aeste hinein. Nicht das Gefäss ist es,

welches durch seine Entwickelung die Theile hinausschiebt, sondern die

erste Entwickelung geht immer vom Bindegewebe des Grundstockes aus. Es

hat daher das Studium der Hautzustände ein besonderes Interesse für die

Kritik der allgemein-pathologischen Doctrinen. Was zunächst den

neuropathologischen Standpunkt betrifft, so ist es ganz unbegreiflich,

wie ein Nerv, der inmitten einer ganzen Gruppe von nervenlosen Theilen

liegt, es machen soll, um innerhalb dieser Gruppe eine einzelne Papille,

zu welcher er gar nicht hinkommt, zu einer pathologischen Thätigkeit zu

vermögen, an welcher die übrigen Papillen desselben Nerven-Territoriums

keinen Theil nehmen. Eben so schwierig ist die Deutung dieses

Verhältnisses vom Standpunkte eines Humoralpathologen da, wo es sich um

Erkrankungen von gefässlosen Papillen handelt. Selbst wo innerhalb einer

Gefäss-Papille die verschiedenen Zellen-Territorien in verschiedene

Zustände gerathen, würde diese Verschiedenheit der Zustände nicht wohl

begreiflich sein, wenn man den ganzen Ernährungsvorgang einer Papille

als einen einheitlichen und als direct abhängig von dem Generalzustande

des Gefässes ansehen wollte, welches sie versorgt.

[Illustration: =Fig=. 93. Der Grundstock eines spitzen Condyloms vom

Penis mit stark knospenden und verästelten Papillen, nach völliger

Ablösung der Epidermis und des Rete Malpighii. Vergr. 11.]

Aehnliche Betrachtungen kann man freilich an allen Punkten des Körpers

anstellen, indess bietet die Haut doch ein besonders günstiges Beispiel

dafür, wie verkehrt es war, wenn man alle Gefässe unter einen

particularen Nerveneinfluss stellte. Bleiben wir bei der Haut stehen, so

beschränkt sich die Einwirkung, welche ein Nerv auszuüben im Stande ist,

darauf, dass die zuführende Arterie, welche eine ganze Reihe von

Papillen zusammen versorgt (Fig. 53), in einen Zustand der Verengerung

oder Erweiterung versetzt wird, und dass dem entsprechend eine

verminderte oder vermehrte Zufuhr zu einem grösseren Bezirke, einer

Gruppe von Papillen stattfindet.

W. =Krause= hat in der letzten Zeit an verschiedenen Schleimhäuten, wie

an der Conjunctiva bulbi, in der Mundschleimhaut unter der Zunge und am

weichen Gaumen, an den Papillen der Zunge, sowie an gewissen

Uebergangsstellen von der äusseren Haut zur Schleimhaut, namentlich an

den Lippen und der Eichel, =Endkolben= an den Nerven gefunden, welche

sich den Tastkörperchen oder eigentlich noch mehr den Vater'schen

Körperchen anschliessen. Es dringt nehmlich die schliesslich marklos

gewordene Nervenfaser, zuweilen unter eigenthümlichen Windungen und

Knäuelbildung, in eine sehr feinkörnige, von einer Bindegewebshülle

umgebene Anschwellung ein. --

Betrachten wir nun andere Beispiele der Nerven-Endigungen, so zeigt sich

nirgends eine Wahrscheinlichkeit für eigentliche Schlingenbildung.

Ueberall, wo man sichere Kenntnisse gewinnt, ergibt sich, dass die

Nerven entweder übergehen in einen grossen Plexus, in eine netzförmige

Ausbreitung, oder dass sie direct endigen in besonderen Apparaten. Bei

der Mehrzahl der letzteren verlieren sich die Nerven zuletzt in

eigenthümliche, besonders gestaltete Ausläufer oder Fortsätze, welche

theils neben den anderen Gewebselementen zerstreut liegen, theils zu

besonderen Massen zusammengefügt sind. Eine solche Art der Endigung

findet sich an allen =höheren Sinnesorganen=. Indess bietet die

Untersuchung hier so grosse Schwierigkeiten, dass noch an keinem

einzigen Punkte eine allgemein angenommene Auffassung gesichert ist. So

viele Untersuchungen man auch über Retina und Cochlea, über Nasen- und

Mundschleimhaut in den letzten Jahren gemacht hat, so sind doch die

letzten Fragen über das histologische Detail, namentlich über den

Zusammenhang der Nerven mit den Endapparaten, noch nicht ganz erledigt.

Fast überall bleiben zwei Möglichkeiten für die Endigung der Nerven:

entweder sie laufen gegen die Oberfläche hin in eigenthümliche, von den

gewöhnlichen Nervenfasern abweichende Gebilde aus, welche aber doch den

Nerven als solchen angehören, also selbst nervös sind, oder sie

verbinden sich an ihrem Ende mit Elementen eines anderen Gewebstypus,

z. B. mit Epithelialzellen.

Die ersten Untersuchungen der =Nasen- und Mundschleimhaut= schienen mehr

für das letztere Verhältniss zu sprechen. Man fand hier gewisse Stellen,

welche sich durch die Beschaffenheit ihres Epithels wesentlich von der

übrigen Schleimhaut unterscheiden: an der Nasenschleimhaut die

sogenannte Regio olfactoria, an der Zunge die Papillae fungiformes

(wenigstens beim Frosch). Während das Epithel an der gewöhnlichen

Schleimhaut meist dicker und aus mehrfachen, über einander geschobenen

Reihen an der Oberfläche flimmernder Cylinderzellen zusammengesetzt ist,

bildet es an den genannten Orten eine einfache Lage von bald mehr, bald

weniger gefärbten, nicht flimmernden Zellen. Letztere gehen nach unten

(innen) in längere Fortsätze über, welche in das Bindegewebe eindringen.

Als zuerst =Eckhardt= und dann =Ecker= an der Nasenschleimhaut diese

Beobachtung machten, glaubten sie annehmen zu dürfen, dass diese

Fortsätze sich mit den in dem Bindegewebe eingeschlossenen Nervenfasern

unmittelbar verbänden. Allein mehr und mehr ist man von dieser Ansicht

zurückgekommen, und es ist namentlich das Verdienst von =Max Schultze=,

dargethan zu haben, dass die Nervenenden sich neben und zwischen jenen

eigenthümlichen Epithelialzellen finden. Die Nervenfasern theilen sich

an ihrem Ende in zahlreiche, kleine Fädchen, welche über das Bindegewebe

hinaus zwischen die Epithelialzellen eintreten und sich hier zu

besonderen zellenartigen, mit Kernen versehenen, jedoch sehr feinen

Gebilden ausweiten, aus denen zuweilen noch wieder feinere Endfädchen

über die freie Oberfläche hervorstehen. Damit ist die Frage nach der

Bedeutung jener eigenthümlichen Epithelialzellen und ihrer Verbindungen

nach innen hin noch immer nicht gelöst, aber so viel doch

sichergestellt, dass die Geruchs- und Geschmacksobjecte =unmittelbar=

mit den letzten Endgebilden der Nerven (=Riech=- =und Geschmackszellen=)

in Berührung kommen.

Ganz ähnliche Verhältnisse fand =Max Schultze= im inneren =Ohr=,

namentlich in dem Vorhofe und den Ampullen, wo die letzten

Nervenendigungen durch das Epithel hindurchtreten und in frei

hervorstehende, steife Haare (=Hörhaare=) auslaufen. Die seit =Corti= so

vielfach untersuchte Endigungsweise des Hörnerven in der Schnecke ist

dagegen immer noch nicht ganz aufgeklärt. Hier findet sich ein überaus

zusammengesetzter, sehr zarter Apparat, an welchem eine Reihe von Fasern

mit gestielten Zellen etwa so in Verbindung steht, wie die Tasten eines

Fortepiano's mit den Saiten desselben. Was hier nervös ist, was nicht,

ist sehr schwer zu scheiden. Erst in der letzten Zeit hat A. =Böttcher=

einen Zusammenhang der Endfasern des Nervus cochleae mit inneren und

äusseren =Hörzellen= beschrieben, welche an der Seite der Bogenfasern im

Canalis cochleae gelegen sind.

Ungleich besser, obwohl immer noch nicht ganz vollständig, sind wir über

die empfindenden Theile des =Auges= unterrichtet, und ich will daher,

bei der grossen praktischen Bedeutung dieser, durch die Ophthalmoskopie

der direkten Untersuchung bei Lebzeiten zugänglich gemachten Theile,

etwas specieller darauf eingehen.

[Illustration: =Fig=. 94. _A_ Verticalschnitt durch die ganze Dicke der

Retina, nach Härtung in Chromsäure, _l_ Membrana limitans (anterior) mit

den aufsteigenden Stützfasern. _f_ Faserschicht des Opticus. _g_

Ganglienschicht. _n_ graue feinkörnige Schicht mit durchtretenden

Radiärfasern. _k_ Innere (vordere) Körnerschicht. _i_ Intermediäre oder

Zwischenkörnerschicht. _k_' Aeussere (hintere) Körnerschicht. _s_

Stäbchenschicht mit Zapfen. Vergr. 300. _B_, _C_ (nach H. Müller)

Isolirte Radiärfasern.]

Alsbald nach seinem Eintritte in das Innere des Bulbus breitet sich der

Opticus von der sogenannten Papille her nach allen Seiten so aus, dass

seine völlig marklosen Fasern an der vorderen, dem Glaskörper

zugewendeten Seite der Retina verlaufen (Fig. 94, _f_). Nach hinten

schliesst sich daran eine verschieden dicke Lage, welche den Haupttheil

der Retina ausmacht, aber in keiner Weise aus einer einfachen

Ausstrahlung des Opticus hervorgeht. Diese Lage, welche man sehr

uneigentlich eine Haut (Netzhaut) nennt, zeigt zu äusserst, der

Pigmentzellenschicht der Aderhaut (Chorioides) unmittelbar anliegend,

ein eigenthümliches Stratum, über welchem ein sonderbares Geschick

geschwebt hat, indem man dasselbe längere Zeit an die vordere Seite der

Retina verlegte; es ist dies die berühmte =Stäbchenschicht= (Fig. 94,

_s_). Diese Schicht, welche zu den verletzbarsten Theilen des Auges

gehört und deshalb den früheren Untersuchern vielfach entgangen war,

besteht, wenn man sie von der Seite her betrachtet, aus einer sehr

grossen Menge dicht gedrängter, radiär gestellter Stäbchen, zwischen

denen in gewissen Abständen breitere zapfenförmige Körper erscheinen.

Betrachtet man die Retina von der hinteren Oberfläche her, d. h. von der

Seite der Chorioides aus, so sieht man in regelmässigen Abständen die

Zapfen, umgeben von den Enden der Stäbchen, welche als feine Punkte

erscheinen.

Was nun zwischen der Stäbchenschicht und der eigentlichen Ausbreitung

des Sehnerven liegt, das ist wieder ein sehr zusammengesetztes Ding, an

welchem man eine Reihe regelmässig auf einander folgender Schichten

unterscheiden kann. Zunächst vor der Stäbchenschicht und von derselben

durch ein zartes Häutchen (Membrana limitans posterior s. externa

M. =Schultze=) getrennt, folgt eine verhältnissmässig dicke Lage, welche

fast ganz aus groben, runden Körnern zusammengesetzt erscheint: die

sogenannte äussere Körnerschicht (Fig. 94, _k_'). Dann kommt eine

verschieden starke, jedoch im Ganzen dünnere Lage von mehr amorphem

Aussehen: die Zwischenkörnerschicht (Fig. 94, _i_). Dann kommen wieder

gröbere Körner (die innere Körnerschicht), welche, wie die Körner der

äusseren Lage, Kerne besitzen (Fig. 94, _k_). Darauf folgt nochmals eine

feinkörnige oder vielmehr feinstreifige Lage von mehr grauem Aussehen

(Fig. 94, _n_) und dann erst die ziemlich dicke Lage der Opticusfasern,

welche ihrerseits nach vorne von einer Membran begrenzt wird, der

Membrana limitans anterior s. interna (Fig. 94, _l_), welche dem

Glaskörper dicht anliegt. Innerhalb der grauen Schicht sieht man, zum

Theil noch in die Faserschicht des Opticus eingesenkt, eine Reihe von

grösseren Zellen, die sich als Ganglienzellen ausweisen (Fig. 94, _g_).

Sie hängen mit den Opticusfasern unmittelbar zusammen.

Diese ausserordentlich zusammengesetzte Beschaffenheit einer auf den

ersten Blick so einfachen, so zarten Membran macht es leicht erklärlich,

dass es lange gedauert hat, ehe das Verhältniss ihrer einzelnen Theile

auch nur annähernd ermittelt wurde. Einer der ersten Schritte, der in

der Erkenntniss dieses Verhältnisses gemacht wurde, war die Entdeckung

von =Heinrich Müller=, dass man von der Limitans interna aus bis tief in

die Körnerschichten hinein eine Reihe von feinen parallelen Faserzügen

verfolgen kann, =radiäre Fasern=, auch Müller'sche Fasern[123] genannt,

welche an gewissen Stellen Kerne tragen (Fig. 94, _B_, _C_). Die

Radiärfasern sind im Wesentlichen senkrecht auf den Verlauf der

Opticusfasern gestellt, aber das Verhältniss beider zu einander ist

schwer zu ergründen. Die grösste Schwierigkeit bestand darin, zu

ermitteln, ob die radiäre Faser, sei es durch direkte Umbiegung, sei es

durch seitliche Anastomose, in Opticus-oder Ganglienfasern übergehe,

also selbst nervös sei, oder ob es sich nur um eine dichte

Aneinanderlegung handle, so dass die Nerven nur in einem innigen

Nachbarverhältnisse zu den Radiärfasern stehen. Auch den Tastkörper

konnte man ja als eine körperliche Anschwellung des Nerven selbst oder

als ein besonderes Gebilde ansehen, an welches der Nerv nur heran- oder

hereintritt. Diese Frage ist lange streitig gewesen. Bald ist die

Wahrscheinlichkeit etwas grösser geworden, dass es sich um direkte

Verbindungen, bald dass es sich nur um Aneinanderlagerung handle. Zuerst

verständigte man sich über die gröberen Faserzüge, welche von der

Membrana limitans anterior mit breiter, fast dreieckiger Basis anheben

(Fig. 94, _l_) und in regelmässigen Abständen durch die Retina nach

hinten verlaufen; sie sind sicher bindegewebiger Natur und bilden ein

=interstitielles Gewebe=, welches dem Ganzen eine Art von Halt oder

Stütze bietet (=Stützfasern=). Ich habe zuerst durch die pathologische

Beobachtung den Unterschied dieses Zwischengewebes von dem nervösen

Antheil dargelegt[124]. =Max Schultze= hat sodann gezeigt, dass die

vorderen Enden der Zapfen und Stäbchen mit den äusseren Körnern

(Zapfen-und Stäbchenkörnern) zusammenhängen und diese wiederum in feine

Fasern übergehen, welche die Zwischenkörnerschicht durchsetzen. An der

Grenze der inneren Körnerschicht angelangt, bildet jede Faser eine

kleine dreieckige Anschwellung, aus welcher nach =Hasse= je drei Fädchen

ausgehen, die in die äussere Körnerschicht eintreten. Hier wird

vermuthet, dass sie mit den Körnern selbst zusammenhängen, und dass

andererseits diese wieder mit Fortsätzen der Ganglienzellen in direkter

Verbindung stehen. Indess ist es noch nicht gelungen, diese überaus

zarten und verwickelten Verhältnisse ganz zu entwirren. Noch weniger ist

es klar, in welcher Ausdehnung das interstitielle Gewebe dieser

Schichten mit eigenen zelligen Elementen ausgestattet ist; nur das

scheint festzustehen, dass auch die gröberen Radiärfasern dem

Bindegewebe angehören.

[123] Neuerlich nennt =Kölliker= nur diejenigen Fasern, welche mit den

nervösen Theilen zusammenhängen, Müller'sche.

[124] Archiv 1856. X. 177. Taf. II. Fig. 4-5.

Trotz dieser Mängel kann schon jetzt nicht mehr bezweifelt werden, dass

für die Licht-Empfindung der ganze Apparat wesentlich ist, und dass der

Opticus an sich mit allen seinen Fasern und Ganglienzellen existiren

könnte, ohne irgendwie die Fähigkeit zu haben, Lichteindrücke zu

empfangen; diese erlangt er erst durch seine Verbindung mit der

Stäbchenschicht und den Körnerlagen. Gerade die Papilla optici, d. h.

die Stelle des Augen-Hintergrundes, wo bloss Opticusfasern liegen und

nicht ein solcher Apparat, ist zugleich die einzige, welche nicht sieht

(blinder Fleck). Damit das Licht also überhaupt in die Lage komme, auf

den Sehnerven einwirken zu können, bedarf es der Berührung mit jenem

Endapparat, und, nachdem M. =Schultze= gefunden hat, dass die letzten

Ausläufer der Nerven in Form feinster Fäserchen die Limitans externa

durchbohren und sich den Stäbchen und Zapfen äusserlich anlegen, so ist

es auch physikalisch nicht zweifelhaft, dass der Nerv nicht selbst die

Vibrationen der Lichtwellen empfängt, sondern dass die Schwingungen der

Zapfen und Stäbchen auf die Enden des Sehnerven einwirken und in

denselben die eigenthümliche Licht-Erregung erzeugen.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 27 / 54 段